Nell Sweeney und die Spur des Todes

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1. KAPITEL

 

Februar 1868

Boston

 

Es war ein Wunder oder eine Tragödie – je nachdem, wie man die Sache betrachtete.

Als die Nachricht eintraf, befand Nell sich mit den Hewitts im Musikzimmer, wo Martin seinen Eltern ein geistliches Lied vorsang. Viola Hewitt begleitete ihn auf dem Steinway. Am Kamin saß August Hewitt in seinem Ohrensessel, die Brille auf der Nasenspitze, seinen Putnam’s Monthly aufgeschlagen vor sich. Nichts Schöneres gab es für ihn, als den Sonntagnachmittag im Schoße der Familie zuzubringen.

Ahnenporträts hingen an den holzgetäfelten Wänden, sechs Generationen Hewitts, die es im Seehandel zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Den Ehrenplatz über dem Kamin nahm Mr Hewitts Vater ein, der das Familienunternehmen vorausschauend um eine Tuchfabrik erweitert hatte. Und August Hewitt selbst – von seiner Gattin in einem monumentalen Porträt verewigt – war es vergönnt gewesen, das Vermögen der Familie noch beträchtlich zu mehren, als er zu einem Zeitpunkt, da niemand ahnen konnte, dass es kurz darauf zu einem Krieg zwischen den Staaten kommen würde, mit der Unionsarmee einen Vertrag über die Lieferung von Uniformen abgeschlossen hatte.

Die kleine Grace, in ihrem apfelgrünen Lieblingskleid mit Trägerschürze, hatte es sich, kaum dass Nurse Parrish eingenickt war, auf Nells Schoß gemütlich gemacht, wo sie dann auch prompt eingeschlafen war. Ihre Haarschleife kitzelte Nell am Kinn, doch es störte sie nicht. Gracies schläfriger Atem, ihre beruhigende Wärme, der liebliche, reine Kindergeruch, all das erfüllte Nell mit einem friedlichen Wohlgefühl.

Durch die mit Samtportieren drapierten Fenster beiderseits des Kamins sah Nell den Schneeflocken zu, wie sie aus einem bleiernen Himmel herabschwebten, ihr Buch – Miss Ravenel’s Conversion from Secession to Loyalty, der große Bürgerkriegsroman von Mr DeForest – lag vergessen neben ihr. Sie liebte es, wenn der Schnee sich wie eine weiß schimmernde Decke über die Stadt legte, so makellos und unberührt, als wolle er die Straßen von allem Schmutz und Unrat reinigen, der sich im Lauf der Jahre angesammelt hatte.

Bei ihrer Ankunft vor drei Jahren war Boston ein Schock für sie gewesen: so groß, so laut, ein geschäftiger Bienenstock, in dem sie sich nicht nur verloren, sondern geradezu unsichtbar fühlte. Wie sehr sie sich am Anfang nach der ländlichen Vertrautheit von Cape Cod zurückgesehnt hatte! Doch mit der Zeit hatte die Stadt ihre bedrohliche Fremdheit verloren und war ihr zu einem Zuhause geworden – ihrem Zuhause. Und so, wie sie sich in Boston eingelebt hatte, hatte sie sich auch bei den Hewitts eingelebt. Gracie war, wenn schon nicht ihr leibliches, so doch das Kind ihres Herzens, und Viola Hewitt gegenüber empfand sie eine tiefe Verbundenheit.

Dennoch kam es selten vor, dass Nell die Sonntagnachmittage im Kreis der Familie verbrachte, gab Viola ihr doch fast jedes Wochenende frei. An den Samstagen ging sie in die öffentliche Bibliothek oder in eines der städtischen Museen, am liebsten in das Naturkundemuseum. Sie kannte auch einige andere Gouvernanten aus der Colonnade Row, da ihre kleinen Schützlinge gemeinsam im Park spielten. Gelegentlich traf man sich samstags zum Lunch oder zum Tee, aber da Nell wenig mit diesen Frauen gemein hatte, wollten sich daraus keine echten Freundschaften entwickeln.

Sonntags stand sie bereits im Morgengrauen auf, um zur Frühmesse zu gehen, danach betreute sie Gracie, während die Hewitts und Nurse Parrish ihrerseits den Gottesdienst besuchten, und den Rest des Tages hatte sie wieder frei. Bei schönem Wetter machte sie einen langen Spaziergang – selbst im Winter, sofern die Sonne schien – oder setzte sich mit einem Buch in den Public Garden. Wenn das Wetter eher ungemütlich war, so wie heute, las oder zeichnete sie auf ihrem Zimmer. Dort wäre sie auch jetzt gewesen, hätte Viola nicht ausdrücklich auf ihrer Anwesenheit bestanden.

„Bei Ihnen benimmt Gracie sich besser als bei Nurse Parrish“, hatte sie gemeint. „Und Sie wissen ja, wie Mr Hewitt ist, wenn sie anfängt zu quengeln. Sie braucht nur einen Mucks zu machen, und schon schickt er sie nach oben. Aber ich möchte sie heute Nachmittag so gern bei mir haben. Und bei dem Wetter sind Sie doch sowieso im Haus. Bitte sagen Sie, dass Sie uns Gesellschaft leisten werden.“

Da sie Viola, die ihr so lieb geworden war wie eine Mutter, kaum etwas abschlagen konnte, hatte Nell eingewilligt. Als Gracie von Nurse Parrishs auf ihren Schoß gekrabbelt war, hatte Mr Hewitt die Kleine zwar kurz mit einem grimmigen Blick bedacht, schenkte ihr aber weiter keine Aufmerksamkeit – ebenso wenig wie ihrer Gouvernante.

Nell überlegte, wann sie und Mr Hewitt sich zuletzt im selben Zimmer aufgehalten hatten. Dass ihre Wege sich nur selten kreuzten, lag vor allem an seiner Abneigung gegen Kinder im Allgemeinen und gegen Gracie im Besonderen. Auf seine Veranlassung hin nahm das Mädchen alle Mahlzeiten – außer zu Ostern und an Weihnachten – mit Nell im Kinderzimmer ein. Wenn sie sich einmal zufällig im Haus begegneten, nickten sie einander kurz zu und gingen jeder ihrer Wege.

„Es ist … anders„, sagte Mr Hewitt, als Martin sein Lied zu Ende gesungen hatte. „Gar nicht schlecht, nur die Stelle mit Gottes unerschöpflicher Gnade, die er allen Menschenkindern zuteilwerden lässt, solltest du vielleicht noch einmal überarbeiten.“

Martin nickte so ernst und bedächtig, dass wohl jeder, der es nicht besser wusste, dies als Geste tiefen Respekts gedeutet hätte. Auf den ersten Blick wirkte Martin sehr jung, doch seine Augen ließen eine Reife erkennen, die seinen einundzwanzig Jahren weit voraus war.

Leise schloss seine Mutter das Klavier und vermied es, ihren Mann oder ihren jüngsten Sohn anzusehen.

In der nachfolgenden Stille wurde zweimal vernehmlich an die Haustür geklopft. Nell hörte den Butler gemessenen Schritts die marmorne Weite der Eingangshalle durchqueren, dann das leise Quietschen der Türangeln und gedämpfte Männerstimmen.

Da sein Sohn noch immer nichts erwiderte, fuhr Mr Hewitt fort: „Ich will damit nur sagen, dass ‚alle Menschenkinder‘ so verstanden werden könnte, dass beispielsweise auch Juden und Chinesen gemeint seien, womit du dem Unitarismus bedenklich nahekämst.“

Wieder verging eine Weile, während der Martin seinen Vater in der ihm eigenen ernsten, eindringlichen Manier musterte. „Danke, Sir. Ich werde darüber nachdenken“, sagte er schließlich und ließ seinen Blick kaum merklich zu Nell schweifen.

Leises Klopfen lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit zur Tür des Musikzimmers. Hodges brachte eine Visitenkarte auf dem silbernen Tablett. „Für Sie, Sir.“

Mr Hewitt winkte den betagten Butler herein und nahm die Karte an sich. „Leo Thorpe. Meintest du nicht eben, dass wir die Thorpes schon lange nicht mehr gesehen hätten, meine Liebe? Bringen Sie ihn herein, Hodges.“

So wie August Hewitt aus durchscheinend weißem Alabaster gemeißelt schien, wirkte sein alter Freund Leo Thorpe wie aus einem großen Klumpen rotem Ton geformt. Von rosigem Antlitz und stämmiger Statur, mit schneeweißem, stets gut geöltem Haar, pflegte er gewöhnlich mit einem herzhaften „Wie geht’s uns, alter Junge?“ zu grüßen. Heute jedoch zeigte er sich etwas zurückhaltender.

„Ah“, sagte er und blieb zögernd an der Tür stehen, sichtlich verunsichert, fast die ganze Familie versammelt zu sehen. „Ich wusste nicht, dass …“

„Ich wollte sowieso gerade gehen.“ Martin gab ihm kurz die Hand, als er das Zimmer verließ. „Schön, Sie zu sehen, Sir.“

Die schlafende Kinderfrau tat Mr Thorpe mit einem flüchtigen Blick ab und richtete sein Augenmerk auf Nell. Wäre sie aufgestanden, würde sie Gracie geweckt haben, und so vertiefte sie sich einfach wieder in ihr Buch und tat, als bemerke sie nicht, was um sie her geschah. Mr Thorpe zögerte kurz, ehe er sich abwandte. Die Gouvernante mit ihrem schlafenden Schützling wurde zu einem unauffälligen Teil des Hintergrunds.

„Leo“, Viola Hewitt lächelte, „wir wunderten uns eben erst, wie lange es schon her ist, dass wir Sie und Eugenia zuletzt zu Besuch hatten.“

„Hmm? Oh, ja. Ja, allerdings.“

„Warum kommen Sie beide nicht am Samstag zum Dinner?“

„Ja. Ja, doch.“ Mr Thorpe wirkte zerstreut. „Ich, ähm … Das klingt hervorragend.“

„Alles in Ordnung, Thorpe?“, erkundigte sich Mr Hewitt. „Ich will nicht hoffen, dass die Gicht Sie wieder plagt. Hier, setzen Sie sich.“

Viola bot ihrem Gast Tee an – „Oder vielleicht etwas Stärkeres?“ –, doch er schüttelte den Kopf.

„Ich wünschte, ich wäre nur zum Plaudern gekommen, aber … Es geht um … nun ja, um Ihren Sohn.“ Thorpe fuhr über die Krempe seines Zylinders, der, mit seinen Handschuhen darin, auf seinem Knie ruhte. „Eigentlich hatte ich gehofft, unter vier Augen mit Ihnen reden zu können, Hewitt.“

Violas Lächeln war duldsam und zeugte von leidiger Erfahrung. „Sie können offen sprechen, Leo. Was hat Harry denn diesmal wieder angestellt?“ Als August Hewitts Anwalt und langjährigem Vertrauten war es Leo Thorpe wiederholt zugekommen, Harrys wüsteste Ausschweifungen unter den Teppich zu kehren. Seit letztem Jahr war Mr Thorpe zudem gewählter Vertreter des Bostoner Stadtrats und erfreute sich nun noch größeren Einflusses in allen gesellschaftlichen Belangen.

„Hoffentlich nicht schon wieder Scherereien wegen einer Frau“, meinte ihr Gatte.

„Es geht nicht um Harry.“ Mr Thorpe rieb sich verlegen den Nacken und ließ seine Gastgeberin wissen, dass er nun doch einen kleinen Whiskey zu schätzen wüsste.

Sie läutete danach. „Wollen Sie damit sagen, dass unser Martin …“

„Unsinn.“ Ihr Mann tat diese Möglichkeit mit einer knappen Geste ab.

„Nein, das könnte ich mir auch nicht vorstellen“, pflichtete der Stadtrat bei.

„Wir haben aber nur zwei Söhne, Thorpe“, klärte Mr Hewitt ihn auf. Seine Frau tastete nach der schlichten Türkiskette, die halb verborgen unter der hellen Spitze ihres Kragens lag. Ihre Lippen wurden schmal, ihre Miene ausdruckslos.

Thorpe blickte Hilfe suchend zur Tür, als hoffte er, dass die Getränke endlich kämen.

„Aber wer, wenn nicht Martin oder Harry …?“, beharrte Mr Hewitt.

„Gestern Abend wurde ein Mann verhaftet – in der Purchase Street in Fort Hill, vor einem Laden namens Flynn’s. Es ist ein … nun, eine Art Logierhaus für Matrosen. Unter anderem.“ Sein Blick huschte kurz zu Viola. „Er hat seinen Namen als William Toussaint angegeben, weshalb …“

„Toussaint?“ Viola horchte auf. Ihre französische Aussprache übertraf die Mr Thorpes beträchtlich. Als ihr Mann sie fragend ansah, blickte sie beiseite.

„Ganz recht“, bestätigte Leo Thorpe. „Unter diesem Namen war er im Logierhaus eingetragen, aber heute früh beim Schichtwechsel hat ihn einer der Jungs auf der Wache erkannt – Johnston, ein Veterane.“ Thorpe holte tief Luft und musterte seine Gastgeber mit sichtlichem Unbehagen. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, auch für mich war es ein Schock. Der Mann, der letzte Nacht verhaftet wurde, ist William. Ihr Sohn William.“

Die Hewitts starrten ihn sprachlos an.

„Sieht so aus, als hätte Johnston ihn ’53 schon einmal einkassiert“, erklärte Mr Thorpe, „damals, bei der großen Razzia im North End.“ Wieder ein kurzer Blick zu Viola. „In einem … einem Haus von zweifelhaftem Ruf. Daher kannte er ihn.“

Mr Hewitt räusperte sich. „Nun, das ist … fünfzehn Jahre her. Wie will er sich da an ihn …“

„Er erinnert sich noch ganz genau an die Razzia, weil es mit fast hundert Verhaftungen die größte Aktion war, die jemals durchgeführt wurde. Und an Ihren Sohn erinnert er sich … nun ja, weil er ein Hewitt ist.“

Viola starrte blicklos vor sich hin. Sie sah aus, als sei sie in Trance. „Will war über den Sommer nach Hause gekommen, und wir hatten uns noch nicht auf den Weg ans Cape gemacht. Es war der Tag vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er war mit Robbie ausgegangen, und Ihr Jack war vermutlich auch mit von der Partie“, meinte sie zu Leo. „Aber gegen Mitternacht kam Robbie allein zurück …“

„Ausgeschlossen“, beschied Mr Hewitt. „Es muss sich um eine Verwechslung handeln. William ist tot.“

Dennis, einer der beiden feschen jungen, ganz in Blau livrierten Lakaien, brachte die Getränke und bot allen außer der Gouvernante etwas an. Wäre es Viola aufgefallen, hätte sie etwas gesagt, wie sie es immer tat, wenn Nell von den anderen Angestellten brüskiert wurde, doch diesmal war sie mit ihren Gedanken woanders.

Gouvernanten zogen sich, da sie eher als Familienmitglieder denn als Bedienstete behandelt wurden, leicht den Zorn des übrigen Personals zu. Die meisten Gouvernanten hatten indes einen privilegierten Hintergrund und daher zumindest oberflächlichen Respekt verdient. Nicht so Nell, die aus ebenso einfachen Verhältnissen stammte wie die Bedienten, welche sich ihr ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen fühlten und ihr nicht verziehen, dass sie ihr dennoch zu Diensten sein mussten.

Thorpe nahm seinen Whiskey pur und trank ihn in zwei Schlucken aus. „Captain Baxter, dessen Abteilung für Fort Hill zuständig ist, hat heute Morgen nach mir geschickt – weil ich Ihr Anwalt bin und ein Freund der Familie. Ich war auf der Wache und habe ihn gesehen. August, es ist William.“

„Er lebt“, sagte Viola mit zitternder Stimme. „Ich kann es kaum glauben.“

„Und ich will es nicht glauben“, beharrte ihr Mann. „Wenn er lebt, warum taucht er erst jetzt auf? Warum hat er sich nie bei uns gemeldet? Und warum stand er auf der Liste der Toten von Andersonville? Da hieß es, er sei am 9. August 1864 an der Ruhr gestorben. Warum sollte das da so stehen, wenn es nicht die Wahrheit ist?“

„Das habe ich ihn auch gefragt“, sagte Thorpe. „Und ich wollte noch mehr von ihm wissen, aber er war nicht gerade mitteilsam, um es milde auszudrücken. Verzeihen Sie, wenn ich ausgerechnet jetzt darauf zu sprechen komme, aber waren Sie jemals in Andersonville und haben sein Grab …“

„Robbie hat ein eigenes Grab“, unterbrach ihn Mr Hewitt. „Was William anbelangt …“ Er sah kurz zu seiner Frau. „Es hieß, es habe an dem Tag sehr viele Todesfälle gegeben. Er sei in einem Massengrab beerdigt.“

„Schreckliche Sache“, murmelte Thorpe.

„Ich gehe davon aus, dass Sie diesen Burschen ausdrücklich gefragt haben, ob er wirklich William Hewitt ist.“

„Natürlich, schon aus rechtlichen Gründen. Er hat nicht geantwortet, aber ich wusste auch so, dass er es ist. Er ist doch Arzt, oder?“ Thorpe nahm einen länglichen, in ein Taschentuch gewickelten Gegenstand aus seiner Rocktasche. Als er das Tuch aufschlug, kam ein Messer zum Vorschein. Es hatte einen schmalen perlmutternen Griff mit einem feinen Sprung darin.

Viola rang nach Atem, als sie es sah. Die leicht gebogene Klinge war dunkel befleckt. Nell reckte den Hals, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Thorpe drehte es hin und her. „Scheint mir eine Art Skalpell zu sein.“

„Ein Taschenskalpell“, sagte Nell.

Thorpe drehte sich verdutzt nach ihr um.

Sie tadelte sich, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, doch nun war es ohnehin zu spät, und so fuhr sie fort: „Taschenskalpelle sind schmaler als normale Skalpelle, haben meist gebogene Klingen, so wie dieses, und sie lassen sich zusammenklappen.“ Gracie regte sich in ihren Armen und murmelte verschlafen, beruhigte sich jedoch wieder, als Nell ihr sanft über den Rücken strich.

„Die Klinge sieht aus, als hätte sie schon einiges mitgemacht“, meinte Thorpe, „aber sie ist scharf geschliffen. Und hier steht ‚Tiemann‘ eingeprägt.“

„Das ist der Hersteller“, sagte Viola. „Dieses Skalpell gehörte zu dem chirurgischen Taschenset, das ich Will zu Weihnachten geschenkt habe, als er das letzte Mal … Das war Weihnachten ’63. Er und Robbie hatten zwei Wochen Urlaub, doch Will blieb nur zwei Tage. Am Weihnachtsabend, kurz vor dem Zubettgehen, sprach ich das letzte Mal mit ihm, und am nächsten Morgen war er fort. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Woher haben Sie das Messer?“

„Von dem Polizisten, der Ihren Sohn verhaftet hat. William …“ Thorpe wickelte das Skalpell sorgsam wieder ein, ehe er fortfuhr: „Es tut mir leid, Viola. William hat damit einem Mann die Kehle durchgeschnitten.“

Alles Blut wich ihr aus den Wangen. Ihr Mann lehnte sich zurück, nahm seine Brille ab und massierte sich die Nasenwurzel.

Der Stadtrat genehmigte sich noch einen Whiskey. „Ihr Sohn, oder vielmehr William Toussaint, ist des Mordes angeklagt. Er hat gestern Abend in einer Gasse hinter besagtem Logierhaus einen Matrosen der Handelsmarine getötet. Einen Burschen namens Ernest Tulley.“

„Nein“, sagte Viola sichtlich verstört. „Nein, das glaube ich nicht. Warum sollte er so etwas tun?“

„Das hat er uns nicht verraten, nicht mal nachdem die Jungs … nun ja, sagen wir, sie haben ihn die ganze Nacht verhört, aber er schweigt beharrlich. Vermutlich war er nicht nüchtern. Andere Matrosen haben ausgesagt, dass er dort war, um Opium zu rauchen. Im Flynn’s gibt es ein Hinterzimmer …“

„Opium?“ Viola schüttelte den Kopf. „Will würde doch nie …“ Ihre sonst so angenehm tiefe Stimme klang schrill. „Um Gottes willen, er ist Arzt! August, sag du es ihm.“ Sie hieb mit den Fäusten auf die Lehnen ihres Rollstuhls. „Sag es ihm! Will würde niemals …“

„Viola …“ Ihr Mann erhob sich und trat zu ihr.

„Sag es ihm“, bat sie inständig und griff nach seinem Arm. „Bitte, August.“

Bestürzt verfolgte Nell das Geschehen. Niemals, nicht ein einziges Mal in den drei Jahren, die sie nun schon bei den Hewitts war, hatte sie Viola jemals die Fassung verlieren sehen.

„Viola, ich werde mich darum kümmern …“

„Es muss sich um ein schreckliches Missverständnis handeln“, sagte sie zu Thorpe und rang mühsam um Beherrschung. „Ich kenne Will. Er … war schon immer … temperamentvoll, aber er würde niemals jemanden töten. Er ist Arzt, Leo, er rettet Leben, bitte …“

Ihr Mann fasste sie bei den Schultern und schlug einen sanfteren Ton an. „Vertraust du mir, Viola?“

Du weißt, dass er das nicht getan hat, oder?“

„Du musst dich beruhigen, meine Liebe. Wenn man seinen Gefühlen Luft macht, verstärken sie sich nur noch. Ich werde mit Leo in die Bibliothek gehen und die Angelegenheit klären …“

„Nein. Nein! Bleib hier. Ich verhalte mich auch ganz ruhig. Ich …“

„Deine Konstitution würde es nicht verkraften, meine Liebe. Ich werde mich um alles kümmern, aber ich möchte dich bitten, zu niemandem davon zu sprechen – auch nicht zu Martin oder Harry.“

„Ich darf ihnen nicht erzählen, dass ihr Bruder lebt? Und des Mordes beschuldigt wird? Herrgott, August, früher oder später werden sie es sowieso erfahren.“

„Vertrau mir, Viola. Thorpe.“ Mr Hewitt bedeutete seinem Freund, ihm zu folgen, und die beiden Männer verließen das Zimmer.

„August!“, schrie Viola, als sie schon die Treppe am Ende der Halle hinaufgingen. „Was soll das heißen, du wirst dich ‚um alles kümmern‘? Was meinst du damit, August?“

„Mrs Hewitt …“, begann Nell.

„Ich muss nach oben.“ Viola griff sich die klappbaren Gehstöcke, die stets an der Lehne ihres Stuhls hingen. „Wo ist Mrs Bouchard?“

„Es ist Sonntag. Sie hat …“

„Dann helfen Sie mir.“ Energisch stemmte Viola die Stöcke auf den chinesischen Teppich. „Los, beeilen Sie sich!“

„Ma’am …“ Nell hob den Blick zur Decke, wo nun Schritte zu vernehmen waren. Die Bibliothek lag direkt über dem Musikzimmer.

„Sie haben recht. Bis ich oben bin … Sie werden gehen!“

„Ich? Man wird mich niemals …“

„Seien Sie leise und horchen Sie an der Tür.“

„Ich soll lauschen?“

„Und lassen Sie sich nicht erwischen. Seien Sie besonders vor Mrs Mott auf der Hut. Sie schleicht sich so unhörbar heran wie der Tod.“

„Mrs Hewitt, Ihr Mann wird mich auf der Stelle entlassen, wenn er mich erwischt.“ Er hatte Bediente schon aus geringerem Anlass hinausgeworfen.

„Das wird er nicht, wenn ich mich nur genügend aufrege. Sie wissen doch, wie unerträglich es ihm ist, mir Kummer zu bereiten. Bitte, Nell.“ Tränen standen Viola in den Augen. „Ich flehe Sie an. Ich habe solche Angst … Bitte.“ Sie zupfte ein spitzenbesetztes Taschentuch aus ihrem Ärmel, betupfte sich die Augen und streckte die Arme aus. „Ich nehme Gracie. Beeilen Sie sich!“

Gracie maunzte wie ein gereiztes Kätzchen, als Nell aufstand und sie zu Viola trug. „Nein …“, quengelte sie verschlafen, da sie wohl annahm, hinauf ins Kinderzimmer gebracht zu werden, um dort ihren Mittagsschlaf zu beenden. „Ich will Miseeney.“

„Miseeney muss jetzt gehen“, sagte Nell sanft, als sie die Kleine an ihre Adoptivmutter übergab. „Nana bleibt bei dir.“ Es war Violas Idee gewesen, dass Gracie sie „Nana“ nennen sollte, da sich gewiss gar zu viele Augenbrauen gehoben hätten, wenn ein kleines Kind eine Dame in fortgeschrittenem Alter „Mama“ nannte.

So leise wie möglich schlich Nell nach oben. Gedämpfte Stimmen waren zu vernehmen, als sie sich der Bibliothek näherte. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Im Schatten der Wand blieb sie stehen und bekreuzigte sich rasch. Bitte, St. Dismas, bitte, bitte, bitte, lass ihn jetzt nicht die Tür aufmachen und mich hier finden! Auch nach all den Jahren richtete Nell ihre Gebete noch immer an den Schutzheiligen der Diebe, und bislang war es nicht ihr Nachteil gewesen.

„Sie wissen, dass er dafür hängen kann?“, vergewisserte sich Leo Thorpe.

„Wurde er schon vor Gericht gestellt?“, fragte Mr Hewitt.

„Ja, aber er hat sich wenig kooperativ gezeigt. Seinen Anspruch auf rechtlichen Beistand hat er ausgeschlagen und keinen Versuch gemacht, sich selbst zu verteidigen. Das Gericht musste im Sinne des Angeklagten auf unschuldig plädieren. Um Freilassung auf Kaution hat er allerdings ersucht und soll ziemlich außer sich geraten sein, als ihm dies verwehrt wurde. Wie bei Kapitalverbrechen üblich wird er bis zum Prozess in Haft bleiben.“

Hewitt schnaubte verächtlich. „Was bildet sich der arrogante Kerl auch ein, ohne Anwalt auszukommen! Schadet ihm gar nicht.“

„Natürlich besteht die Möglichkeit … Mit Ihrem Rang und Namen ließe sich gewiss hinsichtlich der Kaution …“

„Ich werde ganz gewiss keinen Richter bestechen, nur damit der verdammte Bastard auf freien Fuß kommt und noch jemandem die Kehle durchschneiden kann.“

Es war das erste Mal, dass Nell in diesem Haus einen solchen Ton hörte. Sie war schockiert, hätte sie eine derartige Wortwahl vom stets auf Tugend und Moral bedachten August Hewitt doch niemals erwartet – selbst dann nicht, wenn keine Damen anwesend waren.

„Nun ja … ganz sicher, alter Junge? Immerhin ist er Ihr Sohn. Ich meine, ich kann ja verstehen, dass Sie ihm gerade nicht wohlgesonnen sind, aber wenn …“

„Kommt gar nicht infrage. Zum Teufel mit ihm“, sagte Hewitt aufgebracht. „Wie kann er sich unterstehen, seiner Mutter das anzutun? Drei Jahre zu verschwinden, ohne ein einziges Lebenszeichen, und dann das … Zum Teufel, er hat einen Mord begangen! Wäre er unschuldig, hätte er von Anfang an auf unschuldig plädiert. Und Opium? Nichts als Ärger mit ihm. Traurig, aber wahr: Ich wusste schon immer, dass es ein schlimmes Ende mit ihm nehmen würde.“

„Schlimm, wenn es ihnen schon in die Wiege gelegt wurde. Herzzerreißend.“

„Viola war viel zu nachsichtig, was ihn anbelangt. Verständlich, er ist ihr Erstgeborener, und Frauen können so sentimental sein.“

„Allerdings.“

„Hat er eine Adresse angegeben?“

Mr Thorpe seufzte. „Irgendein Hotel. Er scheint keinen festen Wohnsitz zu haben.“

„Nun, vielleicht nicht gerade hier in Boston, aber …“

„Nein, nirgends. Er hat offenbar ein Nomadenleben geführt.“

„Ein Hewitt als obdachloser Streuner. Wer hätte gedacht, dass ich das noch erleben müsste?“

„Hmm … ja, sieht ganz so aus.“ Thorpe räusperte sich. „Sagen Sie, Hewitt, stimmt es, dass Sie in diesem Kabinett einen hundert Jahre alten Cognac verwahren?“

„Ja, aber wenn Sie glauben, Sie dürften ihn probieren, haben Sie sich geschnitten. Das ist die letzte Flasche aus der Kiste, die mein Großvater 1794 von Hennessys erstem Import nach New York gekauft hat, und ich werde sie bis zur Geburt meines ersten Enkelkindes aufbewahren. Aber da drüben in der Karaffe ist ein netter alter Port – bedienen Sie sich.“

„Das würde ich gern.“

„Zigarre?“

„Famos!“

Es folgte längeres Schweigen, und Nell hielt gebannt den Atem an. Als Mr Hewitt wieder sprach, klang er ruhiger, fast bedächtig. „William hat von Anfang an Probleme gemacht, praktisch seit seiner Geburt. Ich rechne es Viola hoch an, wie souverän sie mit seinen jugendlichen Verfehlungen umgegangen ist, aber diesmal … Diesmal hat er es zu weit getrieben. Und ich werde nicht zulassen, dass sie wieder mit ihm konfrontiert wird. Seit sie in Europa erkrankt ist, steht es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten – und ich meine nicht nur ihre Beine. Sie ermüdet rasch, ist schnell erschöpft. Ich glaube nicht, dass sie die Belastung verkraften würde, William wieder in ihrem Leben zu haben. Zumal angesichts dessen, was aus ihm geworden ist.“

„Verdammt gute Zigarre“, murmelte Thorpe.

„Damit wir uns richtig verstehen, Thorpe: Ich will, dass William der Prozess gemacht wird und er seine gerechte Strafe bekommt – aber unter diesem angenommenen Namen, haben Sie verstanden? Wie war er noch mal? Irgendwas französisches.“

„Toussaint“, erwiderte Thorpe und sprach es noch immer falsch aus. „Aber wird ihn denn niemand erkennen und wissen, wer er ist?“

„Unwahrscheinlich. Gewiss erinnern Sie sich, dass William in England zur Schule gegangen und aufgewachsen ist. Er war nur während des Sommers hier, und den haben wir auf Cape Cod verbracht. Viola konnte ihn auch nie dazu überreden, sie auf Gesellschaften und Bälle zu begleiten, weshalb er in Boston kaum jemanden kennen dürfte. Die meiste Zeit hat er mit Robbie verbracht – und natürlich mit Ihrem Jack. Robbie und er waren unzertrennlich.“

„Allerdings. Oh, da fällt mir ein … Habe ich Ihnen schon erzählt, dass Orville Pratt und ich Jack als Juniorpartner in die Kanzlei nehmen wollen? Wir beabsichtigen, es offiziell zu machen, wenn wir auch Jacks Verlobung mit Cecilia Pratt bekannt geben – wahrscheinlich auf dem Frühlingsball der Pratts.“

„Vortrefflich! Jack ist ein anständiger junger Mann, genau wie Robbie es war – und das, obwohl William stets alles darangesetzt hat, den beiden ein schlechtes Vorbild zu sein. Außer Jack dürfte ihn in Boston keine Menschenseele erkennen. Aber was ist mit der Polizei? Die bereitet mir Sorgen. Wer könnte alles wissen, wer Toussaint wirklich ist?“

„Nun ja, Johnston natürlich, der sich noch von der Razzia vor fünfzehn Jahren her an ihn erinnert. Er hat es vermutlich ein, zwei Kollegen erzählt, unter anderem Captain Baxter, und als Baxter mich informierte, habe ich William sofort in eine Einzelzelle verlegen lassen und sogleich Anweisung gegeben, dass niemand sonst davon erfahren dürfe, ehe ich nicht mit Ihnen gesprochen hätte.“

„Wer Bescheid weiß, muss zum Schweigen gebracht werden. Meines Wissens gibt es bei der Bostoner Polizei niemanden, der nicht für den Preis eines Biers seine Großmutter verkaufen würde.“

Nell hörte Leo Thorpe abgrundtief seufzen.

„Bieten Sie ihnen, was immer es braucht, damit sie vergessen, wer William Toussaint wirklich ist“, sagte Mr Hewitt. „Und einen gewissen Ehrgeiz, ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen, erwarte ich natürlich auch. Wenn er für schuldig befunden und verurteilt wird, könnte ein kleiner Bonus drin sein. Captain Baxter wird schon wissen, was zu tun ist. Und klären Sie die Sache schleunigst – ehe jemand zu reden anfängt.“

„Ich werde mich sofort darum kümmern. Sollte binnen einer Stunde erledigt sein.“

„Mein Name bleibt unerwähnt, Thorpe. Ebenso der Ihre. Weiter als Baxter geht es nicht.“

„Was ist mit der hübschen kleinen Gouvernante? Sie hat doch alles mit angehört.“

„Nell? Sie ist meiner Frau treu ergeben und wird den Mund halten, wenn ich ihr sage, dass es zu Violas Bestem ist – was ja auch stimmt, wenngleich Viola das nicht so sehen würde. Und was William anbelangt, will ich, dass er so rasch wie möglich aus der Arrestzelle auf der Wache verschwindet, damit er neugierigen Blicken entzogen ist.“

„Er wird morgen ins Gefängnis an der Charles Street verlegt und bis zum Prozessbeginn dortbleiben.“

„Gut. Am besten wäre es, wenn er da nicht mehr rauskommt.“ Nun war es an Mr Hewitt, tief zu seufzen. „Zum Teufel mit ihm.“

„Miss Sweeney?“

Nell fuhr herum. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Master Martin.“ Sie hatte ihn gar nicht kommen hören. Er stand an der Treppe und schien gerade nach unten gehen zu wollen. „Ich habe mir die Gemälde Ihrer Mutter angesehen“, sagte sie, als sie an ihm vorbei weiter den Korridor entlangschlenderte. Insgeheim betete sie, dass man sie in der Bibliothek nicht hörte.

„Außerordentlich, nicht wahr?“ Wenn er so lächelte wie jetzt, schien er keinen Tag älter als fünfzehn zu sein. „Ich sage ihr ja immer, sie soll sie unten aufhängen, wo Besucher sie zu Gesicht bekommen, aber das findet sie vulgär.“

Nell ließ den Blick über die Ahnenbildnisse schweifen, die die Wände des langen Gangs schmückten. „Was mich wundert, ist, dass keine von Ihrem Bruder William darunter sind.“

„Ich dachte, Sie wüssten weshalb.“ Martin schob die Hände in die Hosentaschen. „William war das schwarze Schaf der Familie.“

„Ja, so etwas hatte ich vermutet. Niemand redet je von ihm.“

„Vater mag seinen Namen nicht hören – selbst jetzt, wo er nicht mehr bei uns ist, was ich ehrlich gesagt nur schwer verstehen kann. Ich meine, schlimmer als Harry kann er kaum gewesen sein, und Harry schlägt doch immer über die Stränge – entweder er ist betrunken, verspielt sein Vermögen, oder es gibt Ärger mit seinen …“ Unangenehm berührt senkte Martin den Blick.

„Mit seinen reizenden Fabrikarbeiterinnen?“, kam es von Harry, der aus seinem Zimmer am Ende des Gangs aufgetaucht war. Wie immer war er tadellos herausgeputzt, nur im Gesicht zeigten sich noch Anzeichen der gestrigen Ausschweifungen, die Haut wirkte bleich und gedunsen, die Augen waren ein wenig verquollen. „Na los, Martin, sag es schon. Unsere reizende Miseeney ist da ganz wie Mutter – du weißt schon, nicht so leicht zu schockieren.“ Er ließ seinen Blick über Nells Kleid schweifen. „Und sieht sie nicht bezaubernd aus heute Morgen? Haben wir da etwa einen neuen Grauton?“ Er beugte sich näher zu Nell.

„Morgen?“, schnaubte Martin. „Es ist halb drei, Harry. Und ich bezweifle, dass Miss Sweeney deinem Spott etwas abgewinnen kann.“

„Miss Sweeney weiß, dass ich sie nur necken will – nicht wahr, Miss Sweeney? Oder glaubst du, du bist der Einzige, der mit ihr flirten darf? Ziemlich unfair.“

„Ich habe nicht … Wir haben nicht …“ Selbst im schwachen Licht des Korridors sah Nell Martins Ohren schamrot erglühen.

„Wenn er sich Freiheiten herausnimmt“, Harry zwinkerte Nell vertraulich zu, „sagen Sie mir Bescheid.“ Mit gesenkter Stimme fügte er hinzu: „Das will ich mir nämlich nicht entgehen lassen.“

 

Es war das erste Mal, dass sie Mrs Hewitt weinen sah. Und es war kein sanftes, leises Weinen, wie es sich für eine Dame schickte, sondern ein heftiges, heiseres Schluchzen, das Nell bis ins Mark erschütterte. „Es ist meine Schuld“, jammerte Viola in ihr Taschentuch. „Alles ist meine Schuld …“

„Aber nicht doch“, versuchte Nell sie zu beruhigen, ohne Gracie aus den Augen zu lassen, die im angrenzenden Boudoir damit beschäftigt war, Hutschachteln aus dem Schrank zu räumen. Violas Zofe Paola Gabrielli saß seelenruhig neben dem Kind und nähte einen Schleier an einen Hut aus violettem Samt. „Wie sollte das denn möglich sein?“

Viola schüttelte den Kopf. Ihre Tränen tropften auf den Brief, der vor ihr lag – ein Brief, der mit den Worten Lieber Will … begann. „Oh Gott, was für eine schreckliche Mutter ich bin!“

„Sie sind eine wunderbare Mutter.“

„Ach, was wissen Sie schon? Nichts, gar nichts. Und nun … nun wird Will … Sie werden ihn hängen. Und alles ist meine Schuld.“

Ihre Schuld? Hatte sie dem Mann vor dem Logierhaus die Kehle durchgeschnitten? Hatte sie Stadtrat Thorpe aufgetragen, dafür zu sorgen, dass „ihm der Prozess gemacht“ werden solle? Nell hatte eher den Eindruck, dass Viola ein ebenso schuldloses Opfer dieses Verbrechens war wie Ernest Tulley.

Trotz der zahlreichen Tränenflecken steckte sie den Brief in einen Umschlag, auf den sie mit ihrer violetten Tinte Dr. William Hewitt schrieb, jäh innehielt und dann den Brief wieder herausnahm. Sie warf den Umschlag ungeduldig fort und steckte den Brief in einen neuen, den sie an Dr. William Toussaint adressierte und mit ihrem violetten Siegel verschloss.

„Den bringen Sie Will.“

„Was?“, entfuhr es Nell, als ihre Dienstherrin ihr den Brief in die Hand drückte.

„Sie sind die Einzige, die es machen kann, Nell. August wird es nicht tun. Für ihn gehört Will nicht mehr zur Familie. Ihm ist es gleich, ob er hängt – Sie haben es mir ja selbst gesagt. Und kaum auszudenken, wenn ich Martin oder Harry mit in die Sache hineinziehe.“

„Mrs Hewitt, ich …“

„Erledigen Sie es noch heute Nachmittag. Wenn man ihn erst ins Gefängnis an der Charles Street verlegt hat, wird man Sie kaum noch zu ihm lassen. Derzeit befindet er sich auf der Polizeiwache Williams Court. Ich war schon einige Male dort, um den Häftlingen warme Decken und Bibeln zu bringen. Jede Arrestzelle hat einen kleinen Vorraum, Sie werden also ungestört mit ihm reden können.“

„Was, wenn Mr Hewitt mich gehen sieht? Oder Hitchens?“ Der treue Kammerdiener erstattete seinem Herrn über alles Bericht. August Hewitt würde sie auf der Stelle entlassen, wenn er herausfand, dass sie ihn hinterging. Nells größter Albtraum, der sie nicht selten schweißgebadet aus dem Schlaf schrecken ließ, war, dass sie sich eines Tages in ihrem alten Leben wiederfand, ohne Zuhause, ohne Familie … und ohne Gracie. Gracie zu verlieren war ihre größte Sorge. „Wird man sich nicht wundern, wenn ich ausgehe, nachdem ich beschlossen hatte, heute im Haus zu bleiben, da es so stark geschneit hat?“

„Wenn jemand fragt, sagen Sie einfach, Sie wollen den Boston Common im Schnee malen und ein paar Impressionen sammeln.“

Eine glaubhafte Lüge, wie Nell sich widerwillig eingestehen musste. Aber was, wenn sie nicht funktionierte? August Hewitt derart zu hintergehen war etwas anderes, als an der Tür zur Bibliothek zu lauschen. Und nie hatte sie ihn so wütend und so entschlossen erlebt. Wenn er herausfand, was sie getan hatte, würde er keine Gnade kennen. Da konnte auch Viola ihr nicht mehr helfen. Niemand widersetzte sich August Hewitt ungestraft.

Und die Aussicht, allein auf eine Polizeiwache zu gehen, erschien Nell auch nicht gerade verlockend. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Mrs Hewitt.“

Den Grund ihrer Besorgnis missdeutend, meinte Viola: „Nell, glauben Sie mir, Sie haben von Will nichts zu fürchten. Er wäre überhaupt nicht fähig, die Tat zu begehen, deren er beschuldigt wird. Und eher würde er sterben, als dass er eine Opiumpfeife an seine Lippen setzte. Er hält Opium für eine Geißel der Menschheit – das hat er mir selbst gesagt. Seiner Ansicht nach sollte das Gift hierzulande ebenso verboten werden wie in China. Nein, er ist ein guter Mensch. Und er ist Arzt. Niemals würde er … Ihnen etwas zuleide tun, sollte das Ihre Sorge sein, oder …“

„Nein, das ist es nicht. Ich habe nur … ich …“

„Ich muss herausfinden, was tatsächlich geschehen ist. Am liebsten würde ich selbst gehen, denn ich möchte Will so gerne in die Arme schließen. Wie lange habe ich davon geträumt, ihn wiederzusehen! Tatsächlich geträumt – und ich bin schluchzend  aus diesen Träumen aufgewacht …“ Sie seufzte. „Aber ich muss an Will denken. Wenn ich ihn dort besuchen würde, wüsste jeder, wer er ist. Und wenn mein Mann herausfände, dass ich mich ihm widersetzt habe …“ Sie runzelte die Stirn. „Er darf auch nicht herausfinden, dass Sie dort waren. Nennen Sie einen falschen Namen. Tun Sie so, als kämen Sie im Dienste der Wohltätigkeit. Reden Sie allein mit Will, wenn es möglich ist. Sagen Sie ihm, ich würde dafür sorgen, dass er morgen auf Kaution freikommt.“

„Ohne dass Mr Hewitt es herausfindet?“

„Der Gatte einer meiner Bekannten ist Richter, Horace Bacon. Zufälligerweise weiß ich, dass seine Frau über ihre Verhältnisse lebt und Horace beträchtliche Schulden hat. Er wird mir meine Bitte nicht abschlagen, wenn sie von einem gut gefüllten Geldkouvert begleitet ist. Und wenn ich den Umschlag ganz besonders gut fülle, sollte es Ihnen sogar möglich sein, ihn zu überzeugen, das Verfahren zu beschleunigen und meinen Namen aus allen Unterlagen …“

Ich soll ihn überzeugen?“

„Aber natürlich, wer denn sonst? Sie sind die Einzige, die ich darum bitten kann, Nell.“ Viola überlegte kurz. „Um einen Anwalt sollte ich mich auch kümmern.“

„Wird das Gericht keinen Verteidiger bestellen?“

„Nein, wir brauchen unseren eigenen Mann – jemanden, der sehr gut und diskret ist und sich vor allem einverstanden erklärt, Mr Hewitt außen vor zu halten. Das dürfte nicht ganz einfach sein, da mein Mann nahezu jeden Anwalt in Boston kennt.“

„Aber ich kann jetzt nicht fort“, wandte Nell ein. „Wer passt denn auf Gracie auf?“ Die Kleine war sehr aufgeweckt und lebhaft, sodass man ihr viel hinterherrennen musste, wozu Viola außerstande war.

„Nurse Parrish wird bald von ihrem kleinen Nickerchen aufwachen. Und bis dahin kann Paola ein Auge auf sie haben. Bitte, bitte, Nell – ich flehe Sie an. Ich muss herausfinden, was sich gestern Abend zugetragen hat. Eher finde ich keine Ruhe.“ Abermals standen Viola Tränen in den Augen. „Sie sind die Einzige, der ich vertrauen kann, und ich bin sicher, dass Sie es schaffen werden. Sie sind klug und wissen, was Sie tun. Und Sie haben etwas an sich … Die Menschen sprechen auf Sie an. Männer sprechen auf Sie an. Sie werden keine Schwierigkeiten haben, zu Will vorgelassen zu werden.“

Nell presste sich die Hand gegen die Stirn. Ihr schwindelte angesichts ihres Dilemmas, doch hatte sie eine andere Wahl? Wäre Viola Hewitt nicht gewesen, würde sie noch immer in East Falmouth leben, Cyril Greaves zu Diensten sein und die abgelegten Kleider seiner Cousine tragen. Nicht, dass sie ihm deswegen Vorwürfe machte. Keineswegs. Sie hatte Dr. Greaves gemocht, sehr sogar. Er hatte ihr das Leben gerettet, wofür sie ihm immer dankbar sein würde. Aber sie war auch Viola Hewitt dankbar, die ihr eine neue Welt eröffnet und ihr Gracie geschenkt hatte, das einzige Kind, das sie jemals haben würde.

Mit leiser, tränenerstickter Stimme sagte Viola: „Wissen Sie eigentlich, wie glücklich Sie sich schätzen können?“

„Ob ich es weiß? Es ist jeden Morgen mein erster Gedanke und der letzte, bevor ich einschlafe.“

„Nein, das meinte ich nicht. Ich meine … Sie sind so viel freier als ich – freier als alle Frauen meiner Kreise. Wir Damen der Gesellschaft werden in einen Kokon aus Anstand und Etikette gehüllt, damit wir unserer Familie keine Schande bereiten. Und wenn Sie wüssten, auf wievielerlei Art man gegen die Erwartungen verstoßen kann! Eine Gouvernante hingegen … Wissen Sie eigentlich, welch ein Privileg es ist, sich so frei bewegen zu können wie Sie? Das gesellschaftliche Korsett behindert mich mehr als das Leiden, das mich an diesen elenden Stuhl fesselt. Sie hingegen stecken in keinem Kokon, der Ihre Freiheit einschränkt.“ Viola streckte die Hand aus und strich Nell über die Wange. „Sie sind frei – wie ein Schmetterling. Wie sehr ich Sie beneide.“


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2. KAPITEL

 

„Damenbesuch, Toussaint“, meldete der pockennarbige Wärter durch die Gitterstäbe der Arrestzelle.

„Ich kenne keine Damen.“ Die Stimme, die von drinnen antwortete – tief, dunkel, mit englischem Akzent und leicht gelangweilt –, passte so gar nicht hierher. Es war eine Stimme, wie man sie wohl in Opernlogen, im Ballsaal oder auf dem Polofeld hörte, nicht aber in dieser schmutzigen kleinen Zelle.

Nell konnte nicht viel von William Hewitt erkennen. Zum einen, weil sie sich fast in die äußerste Ecke des winzigen Besucherzimmers drängen musste, um darin Platz zu finden, zum anderen, weil nur die Tür der Zelle aus Gitterstäben bestand, die Wände hingegen solide gemauert waren. Lediglich zwei lange, mit hellbraunen Hosen bekleidete Beine, von denen das rechte mit dem Knöchel auf dem Knie des linken ruhte, befanden sich in Nells Blickfeld. Plötzlich tauchte eine Hand aus dem Dunkel auf, strich ein Streichholz an der Sohle des solide gefertigten schwarzen Schuhs an. Die Hand war schlank und feingliedrig – mit schmalen Chirurgenfingern, die ein Skalpell gewiss gut zu führen wussten.

„Sie heißt Miss Chapel“, sagte der Wärter, als er Nells schneenassen Mantel und ihren Schal an einen Wandhaken hängte. „Von der Gesellschaft zur Unterstützung der Straffälligen und Bedürftigen.“

Aus der Zelle drang Tabakrauch. „Es wird vermutlich wenig bringen, wenn ich an dieser Stelle darauf verweise, dass ich weder straffällig noch bedürftig bin.“

„Dann warte mal, bis sie deinen miesen kleinen …“, der Wärter räusperte sich, „… bis sie dich den Geschworenen vorführen. Am Strang sind alle gleich.“

Nell drückte sich die kratzige Wolldecke und die Bibel, die sie bei sich hatte, an die Brust. Es war ihr ein Gräuel, hier zu sein, in diesem finsteren Backsteinbau, umgeben von blau uniformierten Polizisten, die sie anstarrten, als wüssten sie genau, wer sie wirklich war, und dass sie hier überhaupt nichts verloren hatte. Es war ihr auch ein Gräuel gewesen, wie Gracie geweint und die Arme nach ihr ausgestreckt hatte, als sie gegangen war. Und der wahre Gräuel war, diesem Mann gegenübertreten zu müssen, der gestern Abend im Opiumrausch jemandem die Kehle durchgeschnitten hatte.

„Sie können ihm die Sachen gleich geben, Ma’am, aber erst muss ich sie mir angucken.“ Der Wärter streckte die Hand aus. „Erst die Decke, dann die Bibel.“ Er faltete Erstere auseinander und schüttelte sie aus, durchblätterte dann Letztere und gab ihr beides zurück.

„Wenn Sie beten wollen oder so, können Sie sich hier hinsetzen.“ Der Wärter schob eine schlichte Holzbank von der Wand vor die Zellentür. „Am besten, Sie halten ein bisschen Abstand. Wenn er frech wird und durch die Gitterstäbe grabscht oder Streichhölzer nach Ihnen wirft, rufen Sie mich – aber laut, sonst höre ich Sie da draußen nicht.“

Streichhölzer werfen? Mit Schrecken dachte Nell an ihre hinderliche Krinoline und die Zeitungsmeldungen, die davon berichteten, wie Frauen bei lebendigem Leib verbrannt waren, weil ihre Kleider Kerzen- oder Gasflammen gestreift und Feuer gefangen hatten.

„Die Decke nehme ich.“ In die übereinandergeschlagenen Beine kam Bewegung, die Pritsche quietschte. „Die Bibel können Sie behalten.“

Nell holte tief Luft und machte einen Schritt auf die Zelle zu, wahrte aber Abstand, wie der Wärter ihr geraten hatte.

Der Häftling hatte sich erhoben, stand lässig da, rauchte und wartete, dass sie in sein Blickfeld kam. Er war groß, sehr groß, mit gleichgültig blickenden Augen und schwarzem, zerzaustem Haar, das ihm in die Stirn fiel. Das linke Augenlid war blau geschwollen und verschorft. Auf der linken, vom Bartschatten dunklen Wange prangten zwei weitere Blutergüsse, und seine Unterlippe war aufgeplatzt. Sie haben ihn die ganze Nacht verhört.

Selbst unrasiert und unfrisiert, das Gesicht schlimm zugerichtet, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass dieser Mann Viola Hewitts Sohn war. Es war nicht nur das dunkle Haar, die helle Haut oder der hohe Wuchs, sondern seine ganze Haltung, es waren die noblen, markanten Gesichtszüge.

Während er an seiner Zigarette zog und den Rauch langsam ausstieß, ließ er seinen Blick über sie gleiten, doch bei ihm fühlte es sich anders an als bei Harry. Bei Harry mischte sich in die dreiste Unverschämtheit immer noch ein Funken Begierde. Die Augen des Mannes, der sie nun musterte, ließen indes keinerlei verwerfliches Interesse erkennen. Er betrachtete sie so gleichgültig, als wäre sie eine im Schaufenster ausgestellte Schneiderpuppe.

Und so kam sie sich auch manchmal vor, denn Viola Hewitt fand große Freude daran, sie einzukleiden. Ich bin zu alt und gebrechlich für die neueste Mode, sagte sie gern zu Nell. Deshalb müssen Sie sie für mich tragen. Die Kleider, die sie bestellte, entsprachen stets der neuesten Pariser Mode, waren in Schnitt und Farbe aber diskret gehalten: keine Streifen oder Karos, keine Rüschen, Schleifen oder Rosetten, keine gefiederten Hüte. So trug Nell heute ein stahlgraues Kleid mit schmalem Prinzessrock und einen kleinen schwarzen Hut. Ihr einziger Schmuck war eine schlichte Kette mit goldenem Uhrmedaillon, die Viola ihr an ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest geschenkt hatte. Kürzlich erst hatte Viola wieder ihre „dezente Eleganz“ gelobt, doch Nell würde wahrscheinlich nie verstehen, warum reiche Leute derlei Tristesse elegant fanden.

Was William Hewitt anging, so mochte er gestern um diese Zeit noch als elegant durchgegangen sein, aber jetzt … Nicht nur, dass er in Hemdsärmeln war, sein Hemd war mit braunroten Flecken besudelt – ob von seinem Blut oder dem Ernest Tulleys, wollte sie gar nicht wissen. Kragen und Krawatte fehlten, was ihn wenig respektabel erscheinen ließ. Auch hatte Nell noch nie einen Mann seines Standes Zigaretten rauchen sehen, allerdings davon gehört, dass diese Sitte in gewissen Kreisen zunehmend Anklang fand.

Mit ausgestreckter Hand kam er auf sie zu.

Hastig wich sie zurück, ließ dabei die Bibel fallen und stieß die Bank um.

Durch die Gitterstäbe sah er sie an, ohne wirklich zu lächeln, doch in seinen Augen zeigte sich leise Belustigung. Dumme Gans!, schalt Nell sich, denn wer hätte besser als sie gewusst, dass man sich seine Angst nicht anmerken lassen durfte? Manche Männer hatten die raubtierhaften Triebe von Wölfen – wenn sie Schwäche witterten, war man erledigt. Sie musste aus der Übung sein, ja, das war es. Zu viel des guten Lebens unter zivilisierten Menschen.

Er zeigte auf die Decke in ihren Armen. „Ich wollte nur …“

„Natürlich. Ich … Hier.“ Sie schluckte ihre Furcht hinunter und kam gerade nah genug heran, um die Decke zwischen den Stäben durchzureichen. Dabei sah sie, dass seine offenen Manschetten braun verfärbt und steif waren, als starrten sie vor Dreck. Nur dass es kein Dreck war.

Er nahm die Decke und schüttelte sie auseinander, hängte sie sich um die Schultern und hüllte sich darin ein – seltsam, denn dank des Holzofens draußen auf dem Gang war es recht warm hier. „Guten Tag, Miss Chapel.“ Damit wandte er ihr den Rücken zu, und sie war entlassen.

Etwas ratlos hob sie die Bibel auf und meinte: „Ich … also eigentlich sollte ich …“

„Bitte seien Sie versichert, dass Sie nur Ihre Zeit verschwenden, wenn Sie für mich beten.“ Mit einem leichten Humpeln ging er zurück zu der Pritsche, auf der er gesessen hatte. Gegenüber hing eine weitere an der fensterlosen Wand. Die Matratzen waren durchgelegen und klumpig, die Bezüge mit Flecken besudelt, die man besser nicht genauer betrachtete. Kissen gab es keine, auch kein weiteres Mobiliar – nur einen leeren Nachttopf in einer Ecke und in der anderen einen Blechnapf mit Haferbrei, in dem schon etliche Zigarettenkippen steckten.

Er schnippte seine Zigarette in den Brei, ehe er sich schwerfällig hinsetzte und die Decke fest um sich zog. Dann lehnte er sich an die Wand, gähnte und schloss die Augen.

Nell nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Ich bin nicht hier, um für Sie zu beten, Dr. Hewitt.“

Sollte ihm aufgefallen sein, dass sie seinen richtigen Namen benutzt hatte, so ließ er sich nichts anmerken.

„Ihre Mutter schickt mich.“

Er öffnete die Augen, sah sie aber nicht an.

„Es bricht ihr das Herz, dass …“

„Gehen Sie, Miss Chapel“, sagte er und schloss die Augen wieder.

„Eigentlich heiße ich Miss Sweeney.“

„Gehen Sie, Miss …“ Nun wandte er ihr den Kopf zu, und zum ersten Mal nahm sie Interesse in seinem Blick wahr. Natürlich, der irische Name. Erneut musterte er ihr schlichtes, elegantes Kleid, die Handschuhe, den Hut – und sah ihr zum ersten Mal tatsächlich ins Gesicht. „Wer sind Sie?“

„Ich heiße Nell Sweeney und arbeite für Ihre Mutter. Den falschen Namen habe ich angegeben, weil … nun, sie hat mich heimlich hergeschickt. Ihr Vater … will nicht, dass man erfährt, wer Sie wirklich sind.“

Es dauerte einen Moment, ehe die Erkenntnis dämmerte. „Er will William Toussaint in aller Stille verurteilt und gehängt sehen und sich damit ein für alle Mal des Problemkinds entledigen.“ Als Nell nichts erwiderte, lachte er leise, doch sein Blick war düster. „Und Sie arbeiten also für meine Mutter? Als was, Gesellschafterin? Oder sind Sie die neue Krankenschwester? Hat sie Mrs Bouchard endlich rausgeworfen, weil sie ihr als Einzige zu widersprechen wagte?“

„Nein, ich bin zwar auch zur Krankenschwester ausgebildet, aber das ist nicht meine Aufgabe – Mrs Bouchard ist noch da. Und obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass Ihre Mutter mich tatsächlich als ihre Gesellschafterin betrachtet, bin ich eigentlich die Gouvernante. Ihre Eltern haben mich eingestellt, damit ich Nurse Parrish bei der Betreuung des Kindes helfe, das sie adoptiert haben.“

„Adoptiert?“ Er setzte sich auf und starrte sie an. Sein bitteres Lachen endete in einem Hustenanfall. „Haben sie nicht schon genügend Söhne ruiniert?“, stieß er hervor und tastete nach etwas, das auf der Pritsche lag.

„Es ist ein Mädchen – Gracie. Sie ist drei.“

„Die Kleine kann einem leidtun.“ Dr. Hewitt zog eine fertig gerollte Zigarette aus einer kleinen Dose mit der Aufschrift „Bull Durham“ hervor und steckte sie sich zwischen die Lippen. „Ich meine, ich zweifle nicht an Ihren Fähigkeiten als Gouvernante“, setzte er hinzu, als er sie anzündete und sein Gesicht wachsbleich in der Flamme aufschien. Ein feiner Schweißfilm stand ihm auf Stirn und Wangen. „Denn obwohl Sie eben über die Bank gestolpert sind, machen Sie einen recht vernünftigen Eindruck. Aber ich bin der Ansicht, dass man sich ehrlich eingestehen muss, wenn man etwas nicht kann, und es dann sein lassen sollte – und wenn es jemals zwei Menschen gab, die hoffnungslos schlechte Eltern sind, dann wohl Viola und August Hewitt.“

Er wickelte sich wieder in die Decke ein, lehnte sich zurück an die Wand und hustete schwach, während er an seiner Zigarette zog.

„Sind Sie krank?“, fragte Nell.

„Nicht im eigentliche Sinne.“

„Meiner Erfahrung nach sind Ärzte schlecht beraten, wenn sie sich selbst eine Diagnose stellen.“

„Wäre ich noch Arzt, würde ich mir Ihren Rat sicherlich zu Herzen nehmen.“

„Sie praktizieren nicht mehr?“

„Herrgott, schauen Sie mich doch an!“

Irritiert von der Heftigkeit seiner Worte – und dem Fluchen, das ihre Ohren schon eine Weile nicht mehr gewohnt waren –, wandte Nell sich ab und stellte die Bank wieder auf. Sie setzte sich und strich ihre Röcke glatt, um ihre Hände irgendwie zu beschäftigen.

„Wie gesagt, Miss Sweeney: Man sollte sich eingestehen, wenn man etwas nicht kann, und es dann aufgeben. So ist es besser für alle Beteiligten.“

Sie fand es an der Zeit, das Gespräch wieder auf den eigentlichen Anlass ihres Besuchs zu bringen. „Ihre Mutter ist außer sich wegen Ihrer Verhaftung, Dr. Hewitt. Sie hat mich hergeschickt, weil … um herauszufinden, was gestern Abend tatsächlich geschehen ist.“

Gereizt sah er sie an. „Wenn ich den Männern, die mir das hier zugefügt haben“, er deutete auf sein Gesicht, „nichts gesagt habe, warum sollte ich es dann Ihnen sagen?“

„Ihrer Mutter zuliebe?“

Harsches Lachen löste einen weiteren Hustenanfall aus. „Tut mir leid, Miss Sweeney, da müssen Sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen.“

Warum nur hat Mrs Hewitt niemand anderen auftreiben können, der das hier für sie erledigt?, dachte Nell und verlegte sich auf eine andere Taktik. „Sie will Ihnen einen Anwalt besorgen.“

„Selten dämliche Idee.“

„Wie bitte?“

Er gähnte wieder, hielt sich aber diesmal die Hand vor den Mund. Sie sah, dass die Zigarette zwischen seinen Fingern zitterte. „Warum des armen Burschen Zeit verschwenden?“

„Eine sehr nihilistische Einstellung, wenn man bedenkt, dass Ihr Leben auf dem Spiel steht.“

„Nihilistisch?“, wiederholte Dr. Hewitt und betrachtete sie mit belustigter Miene. „Wo zum Teufel schnappt jemand wie Sie solche Worte auf?“

Nell setzte sich kerzengerade auf und straffte die Schultern in gerechter Empörung. „Nicht nur Ärzte können lesen, Dr. Hewitt. Der deutsche Philosoph Heinrich Jacobi …“

„Ich kenne sein Werk – es stand auf dem Lehrplan, als ich in Oxford Philosophie studierte. Was mich wundert, ist, dass Sie ihn gelesen haben.“

„Der Arzt, bei dem ich zur Krankenschwester ausgebildet wurde, hat mich in verschiedenen Disziplinen unterwiesen.“

„Was Sie nicht sagen.“ Ehe Nell noch über seine Worte nachsinnen konnte, fuhr er fort: „Wie heißt der Bursche denn? Hier in der Stadt kenne ich die meisten Ärzte, zumindest dem Namen nach.“

„Er lebt auf Cape Cod, in der Nähe von Falconwood. Sein Name ist Cyril Greaves.“

„Kommen Sie von dort? Aus Waquoit?“

„Aus der Nähe – East Falmouth. Aber ich bin nicht hier, um über mich zu reden, Dr. Hewitt.“

„Und doch finde ich es ausgesprochen spannend, zumal Sie ganz unerwartete Dimensionen offenbaren. Mir war furchtbar langweilig hier drin. War er schon älter, Ihr Dr. Greaves oder …“

„Vierundvierzig, als ich die Stelle bei ihm aufgab.“

„Also nicht so alt. Und wie lange waren Sie bei ihm?“

„Vier Jahre, seit ich achtzehn war.“

„Und davor?“

Nell nahm die Bibel zur Hand und legte sie wie einen Talisman vor sich auf den Schoß. „Ich wüsste nicht …“

„Tun Sie mir den Gefallen. An diesem Ort dürstet einen nach Konversation.“ Nachdenklich zog er an seiner Zigarette. „Ich vermute, dass Sie auch Familie hatten. Eltern? Geschwister? Was hat Ihr Vater so gemacht?“

Die Frage war wohl eher, was er alles nicht gemacht hatte. „Er hat am Hafen gearbeitet … Fische ausnehmen, Schiffe entladen, solche Sachen.“

„Ein Tagelöhner also.“ Die Ärmsten der Armen, die jede sich bietende Arbeit für einen Hungerlohn annahmen.

„So ist es“, erwiderte Nell mit gespieltem Gleichmut.

„Ein hartes Leben, könnte ich mir vorstellen.“

„Sie können es sich vermutlich nicht vorstellen.“ Nell hatte das beunruhigende Gefühl, dass er ihr mit seinen Fragen ein Skalpell ans Hirn setzte, in ihre Gedanken vordrang, ihre Erinnerungen, zu ihrem wahren Selbst gelangte. Ein gefährliches Unterfangen, wenn man bedachte, was dabei zutage treten konnte. Zu viel stand auf dem Spiel, viel zu viel, als dass sie das hätte zulassen dürfen.

Und so sagte sie: „Lassen Sie es uns kurz machen. Ich hatte eine Familie. Es gibt sie nicht mehr. Die genauen Umstände sind für Sie nicht von Belang. Es tut mir leid, dass Sie sich hier langweilen müssen, aber es war Ihre Entscheidung, Ihr wunderbares Leben mit all seinen Privilegien leichtfertig wegzuwerfen, und ich wüsste nicht, warum ich Sie nun auf Kosten meiner Privatsphäre unterhalten sollte.“

Er steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen und gab müden Applaus. „Welch leidenschaftliche Rede, Miss Sweeney. Haben Sie je erwogen, dass die Bühne Ihre wahre Berufung sein könnte?“

Pikiert sah sie beiseite.

„Nein? Nun, das überrascht mich nicht. Eine Schauspielerin muss ihre Seele entblößen – und manchmal nicht nur die.“ Sein Blick schweifte hinab zu den Spitzen ihrer schwarzen Lederstiefeletten, die unter dem Saum ihres grauen Rocks hervorsahen, und glitt dann wieder aufwärts. „Ich wüsste nicht, dass ich je einer zugeknöpfteren Frau als Ihnen begegnet wäre.“

„Müssen Sie immer wieder auf mich zu sprechen kommen?“

„Dabei kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass, würden Sie nur die obersten beiden Knöpfe Ihres Kleides öffnen, es die unglaublichsten Offenbarungen gäbe. Aber das ist das Letzte, das Sie wollen, nicht wahr? Sich offenbaren. Das macht Ihnen Angst.“

„Wie ich eben sagte“, fuhr Nell angestrengt fort, „will Ihre Mutter Ihnen einen Anwalt …“

„Gehen Sie.“ Er setzte sich auf, schnippte seine Zigarette in den Breinapf, wo sie zischend erlosch, und zog die Decke fester um sich. „Gehen Sie, wenn Sie nichts anderes zu sagen haben. Und richten Sie Lady Viola aus, Sie soll sich den Anwalt aus dem Kopf schlagen. Manch einer hat den Strang verdient.“

„Wenn er schuldig ist.“

„Richtig.“ Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen, er wischte ihn mit der Decke fort. „Keineswegs die Methode meiner Wahl. Ich habe einmal sechs Männer zugleich hängen sehen. Es hat ganze zehn Minuten gedauert, bis sie aufgehört haben zu zappeln. Bei einem war das Genick gebrochen, aber auch er zuckte noch. Schreckliche Art, aus dem Leben zu scheiden. Gegen ein Exekutionskommando hätte ich nichts einzuwenden – oder eine Spritze Morphium. Schnell, vergleichsweise schmerzlos …“

„Soll das heißen, dass Sie diesen Mann getötet haben?“

„Wie simpel ausgedrückt, Miss Sweeney. Ich hätte Sie für schlauer gehalten.“

„Ihre Mutter ist von Ihrer Unschuld überzeugt, Dr. Hewitt.“

„Warum nur, um Gottes willen?“

„Weil Sie ihr Sohn sind“, sagte Nell ruhig. „Weil sie Sie liebt. Warum sonst sollte sie mich hergeschickt haben?“

Er lachte bitter. „Weil sie es gewohnt ist, gute Werke zu tun – es hilft ihr über den Kummer hinweg, keine Seele zu haben. Diese Frau ist zu Mutterliebe gar nicht fähig. Sie glauben, meine Eltern zu kennen, Miss Sweeney, aber Sie haben keine Ahnung.“

Nell stand auf und holte Violas Brief aus der bestickten Tasche, die sie an ihrem Gürtel trug. „Sie bat mich, Ihnen dies zu geben“, sagte sie und reichte das Kuvert durch die Gitterstäbe.

„Immer noch die violette Tinte“, stellte Dr. Hewitt fest und betrachtete den Umschlag, rieb mit dem Daumen über das Siegel. „Sie hat schon immer etwas dick aufgetragen.“ Er zerknüllte den Brief und warf ihn in den Nachttopf.

Empört schnappte Nell nach Luft und packte die Gitterstäbe, die sie voneinander trennten. „Ihre Mutter hat geweint, als sie diese Zeilen schrieb.“ Ihre Stimme bebte vor Wut, und um Violas willen war sie selbst den Tränen nah. „Sie hat geschluchzt. Und Sie werfen …“ Sie schüttelte den Kopf, abgestoßen vom Anblick des achtlos zerknüllten Briefs. „Aber was will man von einem Mann erwarten, der seine Familie – seine Mutter – ohne ein Wort des Abschieds an Weihnachten verlässt, der sie noch dazu all die Jahre glauben lässt, er wäre tot. Sie haben keine Seele, Dr. Hewitt, und deswegen tun Sie mir leid, aber noch mehr verabscheue ich Sie, weil Sie einer Frau solchen Kummer bereiten, die Ihnen nichts weiter als die wahre, tief empfundene Liebe einer Mutter entgegenbringt. Vielleicht haben Sie den Strang ja wirklich verdient.“

Langsam erhob er sich von der Pritsche, ließ die Decke zu Boden gleiten und war mit einem raschen Schritt bei ihr. Nell widerstand der Versuchung zurückzuweichen, hielt die Hände um die Gitterstäbe geschlossen und erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine Weile stand er nur da und starrte sie an, mit seinem blutbesudelten Hemd, dem geschundenen Gesicht, mit wildem Blick und wütend gerecktem Kinn. Dann zückte er ein Streichholz, strich es am Gitter an und hielt die zischende Flamme vor ihr Gesicht.

„Sie sollten doch Abstand wahren“, sagte er leise.

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P.B. Ryan ist das Pseudonym von Patricia Ryan. Sie ist USA Today Bestseller Autorin von mehr als zwei Dutzend Krimis und Liebesromanen, unter anderem der nationale Nummer 1 Bestseller Dunkel wie die Spur des Todes. Ihre Werke wurden von den Kritikern hochgelobt und in über 20 Ländern veröffentlicht. Sie hat bereits den RITA Award gewonnen (für Verhängnis des Herzens) und wurde vier weitere Male nominiert. Außerdem erhielt sie drei Romantic Times Awards und wurde mit Mord in der Spinnerei für den Mary Higgins Clark Award nominiert, dem zweiten Teil ihrer berühmten Nell Sweeney Krimi-Reihe.