Mein Wunsch bist du

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1

 

„Sieh dir das an.“ Lilli Tauber hielt ihrer Freundin Miriam einen blauen Zettel vor die Nase.

„Was ist das?“

„Lies einfach.“

Miriam griff nach dem bemalten Papier und drehte es um. Ihre Stirn legte sich in Falten.

„Was hältst du davon?“, wollte Lilli ungeduldig wissen.

„Meinst du, das war seine Idee?“

„Keine Ahnung, aber ich denke schon.“

Lilli nahm den Zettel wieder an sich. Stumm las sie ihn noch einmal. Ihr Sohn Emil hatte ihn vor ein paar Tagen aus dem Kindergarten mit nach Hause gebracht. Es war ein Wunschzettel für seinen Geburtstag. Er hatte ihn seiner Mutter stolz überreicht. Seine Augen hatten hoffnungsvoll geleuchtet. In dem Moment war Lilli überzeugt gewesen, ihm jeglichen Wunsch zu erfüllen. Bis sie gelesen hatte, was auf dem Zettel stand. Eine der Erzieherinnen hatte oben die Worte: Mein 5. Geburtstag, was ich mir wünsche, notiert. Darunter stand nur ein einziges Wort in kindlicher Handschrift: PAPA

„Was hast du jetzt vor?“

„Ich muss mir überlegen, wie ich meinem Sohn schonend beibringe, dass er nie erfahren wird, wer sein Vater ist. Wie erklärt man das einem Fünfjährigen?“

Lilli nippte an ihrer Cola und sah hinaus in den Garten. Emil und Anton, der Sohn von Miriam, spielten im Baumhaus Cowboy und erschossen unsichtbare Eindringlinge. Die beiden trennten vom Alter her zwei Jahre, aber da sich Miriam und Lilli sehr nahestanden, waren sie fast wie Geschwister aufgewachsen.

Die beiden Frauen hatten sich vor elf Jahren zufällig im Fitnessstudio kennengelernt. Die Chemie hatte vom ersten Augenblick an gestimmt. Während der Sport irgendwann wieder in den Hintergrund gerückt war, hatte sich ihre Freundschaft weiter gefestigt. Heute konnte sich Lilli ein Leben ohne ihre Freundin nicht mehr vorstellen. Sie waren wie ein altes Ehepaar, und in guten und schlechten Zeiten füreinander da. Die schlechten hatten sie zum Glück schon eine Weile hinter sich gelassen.

Vielleicht fiel es Lilli deshalb so schwer, über die Zeit damals nachzudenken. Emils Existenz und das Fehlen eines Mannes an ihrer Seite, war für sie so selbstverständlich geworden, dass sie sich keine Gedanken darüber machte, wie sich ihr Sohn fühlte. Sie waren ein Team und ihr Gefühl sagte ihr, sie brauchten niemanden sonst in ihrem Leben. Aber war das Emil gegenüber fair? Das alles waren ihre Worte, nicht seine. Andererseits war er fünf und verstand vieles noch nicht. Sie war seine Mutter, sie wollte ihn schützen und dazu gehörte, dass sie Entscheidungen traf.

„Und wenn du es einfach versuchst?“

„Was?“ Lilli hatte nicht zugehört.

„Na, ihn suchen.“

Miri hatte den Blick ebenfalls den Jungs zugewandt. Jetzt sah sie ihre Freundin an.

„Meinst du das ernst? Kein erhobener Zeigefinger? Kein, ich habe damals schon gezweifelt, ob es eine gute Idee ist?“

„Ja, ich hatte meine Zweifel. Trotzdem habe ich dich immer unterstützt. Niemand von uns konnte in die Zukunft sehen.“

„Nein, du hast recht. Ich will auf deine Meinung auch gar nicht verzichten.“ Sie legte sogar Wert darauf. Und wenn man die Wahrheit hören wollte, musste man nun mal auch mit Gegenwind rechnen. Für jemanden wie Miri, der Mann und Kind förmlich in den Schoß gelegt worden waren, war es nicht leicht gewesen, sich in Lillis Situation hineinzuversetzen. Markus war ihre Jugendliebe. Gemeinsam hatten sie sich ein Reihenhaus gekauft. Irgendwann kam der Wunsch nach einem Kind und Miri wurde schwanger. Nichts davon ähnelte auch nur annähernd Lillis Leben. Sich damit abzufinden, war Lilli nicht leichtgefallen. Ihr Plan geriet deshalb nicht nur einmal ins Wanken. Aber der Wunsch nach dem Muttersein war größer gewesen als alle Zweifel zusammen.

„Aber wie soll das gehen? Ich habe mich für einen anonymen Spender entschieden. Warum sollte ich ihn suchen, wenn er gar nicht gefunden werden will?“

„Vielleicht sieht er es heute anders und freut sich.“

Lilli schlug die Beine übereinander und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. „Nein, darüber will ich nicht nachdenken. Emil ist in der Hinsicht sehr sensibel.“

„Kannst du es ihm verdenken? Er ist ein Junge, er braucht eine Vaterfigur. Deine letzte Beziehung ist ewig her.“

„Genau deshalb, weil ich nicht will, dass er wieder verletzt wird. Er hat Ralf vergöttert und der hat nichts Besseres zu tun, als sich zu verpissen. Nein, die Kerle können mir alle gestohlen bleiben. Und als Aushilfspapa macht sich dein Markus hervorragend.“

„Mag sein, aber denk mal drüber nach. Wir leben im digitalen Zeitalter, und dank der vielen sozialen Netzwerke findet man doch so gut wie jeden.“

Lilli seufzte und stand auf, um den Tisch abzuräumen. Im nächsten Moment begann ihr Sichtfeld zu flimmern. Halt suchend griff sie nach der Stuhllehne.

„Alles klar?“

„Ja, mir war nur schwindelig.“

„Bei der Hitze kein Wunder.“

 

Später am Tag saß sie erschöpft auf der Couch. Emil war am Ende völlig überdreht gewesen. Nur mit Mühe hatte sie ihn dazu bewegen können, sich ins Bett zu legen. Dreimal war er wieder im Wohnzimmer aufgetaucht, bis der Schlaf ihn übermannt hatte.

Lilli dachte an das Gespräch vom Nachmittag. Natürlich war es schön gewesen, Ralf bei sich zu haben, seine Unterstützung zu genießen. Aber sie konnte Emil bei keinem Mann die Garantie geben, dass er diesmal für immer blieb. Sie fand die Vorstellung furchtbar, dass er zu jemandem eine Beziehung aufbaute und dieser dann eines Tages wieder verschwand. Wie könnte sie ihrem Kind so ein Auf und Ab antun, wenn es sie selbst emotional runterzog? Trotzdem ging ihr Emils Wunsch nicht aus dem Kopf.

Damals hatten zwei Möglichkeiten zur Auswahl gestanden. Ein offener Spender willigte ein, seine Daten auf Nachfrage herauszugeben. Ein Spenderkind hatte so die Möglichkeit, sobald es das achtzehnte Lebensjahr vollendet hatte, seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Bei einer anonymen Spende war genau das nicht möglich. Weder Mutter noch Kind hatten ein Recht auf Informationen über den Spender.

Lange hatte sich Lilli darüber Gedanken gemacht. Gab sie ihrem Kind diese Möglichkeit? Aber was geschah, wenn sich der Typ als totaler Versager herausstellte? War es da nicht besser, nie etwas über ihn zu erfahren, als eine große Enttäuschung verkraften zu müssen?

Sie konnte nicht in die Zukunft schauen und nicht wissen, wie Emil einmal darüber denken, und ob er ihr vielleicht Vorwürfe machen würde. Lilli hatte eine Entscheidung treffen müssen, auch wenn sie sich später möglicherweise als falsch herausstellte. Also hatte sie ihrem Instinkt vertraut und sich für den anonymen Spender entschieden. Das Einzige, was sie je über ihn wissen würde, waren seine Hautfarbe, Größe und Gewicht, Augenfarbe, Haarfarbe und sein Beruf. Er war technischer Zeichner. Das klang im ersten Moment nicht sehr aufregend. Im zweiten eigentlich auch nicht, aber solide und bodenständig und setzte einen gewissen IQ voraus.

Ihre Mutter hatte schon damals all ihre Bedenken geäußert. Nach der ersten Freude über ein Enkelkind kam der Schock. Weil es für Lilli die perfekte Lösung gewesen war, ohne Partner ein Kind zu bekommen, hatte sie ihren Eltern ohne Hemmungen erzählt, wie es zu der Schwangerschaft gekommen war. Allerdings hatte sie dabei vergessen, dass eine andere Generation vor ihr stand und ihre Eltern schon ein Leben lang in einem kleinen Dorf auf dem Land wohnten. Dort wusste der eine, was der andere zum Abendbrot gegessen hatte. Dort war es auch wichtig, was die Leute von einem hielten. Und wer wollte schon, dass über die eigene Familie geredet wurde? Lillis Eltern gehörten nicht dazu. Diese Erfahrung musste sie bereits in jungen Jahren machen. Umso erstaunter war sie, als sie ihr das Angebot machten, zu ihnen ziehen zu können.

Das Ehepaar Tauber besaß ein eigenes Haus mit großem Garten. Die Wohnung im oberen Stockwerk war nicht riesig, aber sie bot genügend Platz für Lilli und ihren Sohn Emil. Durch die Unterstützung der Eltern konnte sie auf einen teuren Krippenplatz verzichten, und Emil durfte wesentlich behüteter aufwachsen als in der Stadt. Trotzdem haderte sie lange mit sich. Ging das Für und Wider durch. Wollte sie in erneute Abhängigkeit ihrer Eltern rutschen? Konnte sie es nicht auch allein schaffen? Sie hatte Miri an ihrer Seite. Es wäre zu schaffen gewesen. Doch welche Differenzen auch immer zwischen Lilli und ihren Eltern standen, blieben sie ihre Eltern. Deshalb nahm sie sich fest vor, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ihnen eine Chance zu geben. Eine Chance auf ein vertrauensvolles Miteinander. Eine Chance, als Familie unter einem Dach zu leben.

Wie ihre Eltern wohl reagierten, wenn sie eine Suche nach Emils Vater starten würde?

 

In dieser Nacht schlief Lilli schlecht und wachte mit heftigen Kopfschmerzen auf. Das Gespräch mit Miri ließ sie zusätzlich nicht in Ruhe. Da zurzeit Kindergartenferien waren, blieb Emil bei seiner Oma, während sie einkaufen fuhr. In zwei Tagen war Emils großer Tag, er wurde fünf. Lilli konnte es kaum glauben. Sie hatten vor, mit der Familie zu feiern. Außerdem waren Miri und Markus mit Anton und Alma und Janosch mit Luca eingeladen. Ihre beiden besten Freundinnen mit ihren Familien. Zufälle hatten dazu geführt, dass sich ihre Wege vor einigen Jahren kreuzten. Erst war es der von Miri gewesen und später, wozu private Autoverkäufe doch alles gut waren, der von Alma.

Damals fanden sie es sehr lustig, dass alle drei Jungs zur Welt gebracht hatten. Heute war es ein Segen. Nicht nur, weil sie zu klein gewordene Kleidung weiterreichen konnten. Die drei waren richtig gute Freunde geworden, obwohl oft der eine mehr Flausen im Kopf hatte als der andere.

Lilli konzentrierte sich wieder auf die Einkaufsliste in ihrer Hand und sauste zielstrebig durch die Gänge.

Da der Wetterdienst weiterhin nur Sonnenschein vorhergesagt hatte, begann sie den Garten mit Luftballons, Lampions und Luftschlangen zu dekorieren. Natürlich alles in Rot, Blau, Gelb und Schwarz. Emil stand gerade total auf Capt´n Sharky. Lilli war glücklich, wenn sie ihm eine Freude bereiten konnte, und seine leuchtenden Kinderaugen erwärmten ihr Herz. Wenn sich dann noch seine kleinen Arme kräftig um ihren Hals schlangen, war sie jedes Mal entsetzt, dass es Emil beinahe nicht gegeben hätte.


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2

 

Sie war damals fünfunddreißig, als sie sich eingestehen musste, dass das Leben einem nicht immer das schenkte, was man sich wünschte. Sie hatte schon sehr früh gewusst, dass sie Mutter werden wollte. Und wie viele andere hatte sie eine genaue Vorstellung davon gehabt. Vom perfekten Mann, der perfekten Hochzeit und der perfekten kleinen Familie. Als der Wunsch in ihr keimte, war sie jung, hatte alle Zeit der Welt. Aber die Zeit blieb nicht stehen und wartete darauf, dass sich Träume erfüllten. Sie tickte weiter, unaufhaltsam und manchmal schneller als einem lieb war. Mit fünfunddreißig hatte sie die Suche nach dem perfekten Partner und dem Vater ihrer Kinder aufgegeben. Vielleicht gab es ihn irgendwo dort draußen, aber sie wollte nicht mehr warten. Sonst war ihre Zeit abgelaufen, denn das Verfallsdatum der biologischen Uhr rückte unaufhaltsam näher.

Der Wunsch nach einem Baby wuchs. Es war ein schleichender Prozess. Wie ein Samenkorn, das der Wind herangetragen hatte. Es blieb hängen, keimte langsam und wurde zu einem Baum mit tiefen Wurzeln, der unerschütterlich jedem Widerstand trotzte.

Sie erinnerte sich, wie sie Abend für Abend damit zubrachte, sich zu überlegen, welche Möglichkeiten des Kinderkriegens in Betracht kamen. Denn nur, weil der Partner fehlte, hieß das natürlich noch lange nicht, dass man als Frau seinen Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen lassen konnte.

Ihre Gedanken führten sie damals zur Möglichkeit eines One-Night-Stands. Der Vorteil: Das Kind würde auf natürlichem Weg gezeugt. Nachteil: Ein einziger One-Night-Stand würde sicher nicht reichen. Also hätte sie sich durch einige Betten schlafen müssen, um das Ziel zu erreichen. Am Ende wäre eine Geschlechtskrankheit wahrscheinlicher gewesen, als ein positiver Schwangerschaftstest. Einen schwulen besten Freund, das Allheilmittel in so ziemlich jeder amerikanischen Soap, gab es nicht.

Am Ende blieb nur eine einzige vernünftige Lösung: eine künstliche Befruchtung. Tagelang saß sie am Computer. Googelte sich durch das Internet. Presseberichte, Fachartikel, Erfahrungen von Betroffenen, Forum über Forum.

In einer Fruchtbarkeitsklinik in Dänemark sollte ihr Traum wahr werden. Voller Euphorie und Enthusiasmus ließ sie die Untersuchungen über sich ergehen. Ihr wurde bewusst, wie wenig schwanger zu werden mit Liebe und Spaß, sondern viel mehr mit Biologie, Medizin und einer immensen Portion Glück, zu tun hatte. Der erste Versuch blieb erfolglos. Auch wenn sie damit hatte rechnen müssen, traf es sie tief. Aber diese Erfahrung hielt sie nicht davon ab, ihr Ziel weiter zu verfolgen. Doch das zweite Mal misslang ebenfalls. Erste Zweifel, den richtigen Weg gewählt zu haben, kamen auf. Sie benötigte Bedenkzeit, haderte mit sich, quälte sich mit negativen Gedanken und entschied sich am Ende dennoch für einen dritten Anlauf.

Zum Glück, denn das Ergebnis winkte ihr gerade von seinem Baumhaus aus zu.

 

Der Kindergeburtstag war ein voller Erfolg, und dank zahlreicher Geschenke, hatte Emil seinen eigentlichen Wunsch mit keinem Wort mehr erwähnt. Inzwischen war wieder Kindergarten, Lilli arbeitete, und alles ging seinen gewohnten Gang. Na ja, fast alles. Denn auch wenn Emil den Gedanken an seinen Vater fürs Erste beiseite geschoben hatte, war das Thema noch lange nicht aus der Welt. Es würde wiederkommen, und irgendwann würde ihn kein Spielzeug der Welt mehr ablenken können. Und weil sie wollte, dass ihr Sohn glücklich war, wollte sie später zumindest sagen können: Ich habe es versucht.

Außerdem hatte sich Lilli über eine entscheidende Sache bis vor Kurzem noch gar keine Gedanken gemacht. Was war, wenn ihr etwas zustieß? Ja, sie war jung und ihr blieb auf diesem Planeten noch eine Menge Zeit. Aber was, wenn nicht? Es wäre egoistisch, Emil allein zurückzulassen, obwohl irgendwo auf dieser Welt sein Vater lebte. Ihr blieb also keine Wahl, als mit der Suche zu beginnen.

 

„… und Sie können wirklich keine Ausnahme machen?“

„Frau Tauber, wie ich Ihnen bereits sagte, ist es uns nicht erlaubt. Sie haben damals Ihre Entscheidung getroffen, und wir müssen die Interessen unserer Kunden wahren. Glauben Sie mir, Sie sind nicht die Einzige, die mit diesem Wunsch an uns herantritt. Es tut mir leid.“

Lilli legte auf und starrte an die Wand ihr gegenüber. Wäre auch zu einfach gewesen. Was jetzt? Egal, was geschah, sie glaubte, es war besser, ihre Eltern im Vorfeld über ihren Plan zu informieren.

Die beiden saßen in ihrem kleinen Wintergarten. Entgegen des Wetterberichts waren die vergangenen Tage ziemlich verregnet gewesen, und in den Nächten fielen die Temperaturen auf unter zehn Grad. Für Mitte August gab es durchaus wünschenswerteres Wetter. Aber hier, hinter den großen Glasfenstern, war es mollig warm. Ihre Mutter saß in ihrem Schaukelstuhl und las ein Buch, während sich ihr Vater einem Sudoku-Rätsel widmete. Einen Moment stand Lilli nur still dort und betrachtete ihre Eltern. Beide waren Ende sechzig, Achim Tauber wurde in zwei Jahren siebzig, seine Frau Christa das Jahr darauf. Bisher hatte Lilli die Gegenwart ihrer Eltern als natürlich angesehen, aber in den vergangenen Wochen hatte sie viel über das Leben nachgedacht, und dass man nichts als selbstverständlich hinnehmen sollte. Natürlich waren sie in einem Alter, das heutzutage kein Grund mehr war, um in Panik auszubrechen. Sie konnten noch viele schöne gemeinsame Jahre vor sich haben. Ihnen ging es gut, sie wirkten zufrieden. Lilli hoffte sehr, dass das noch für eine sehr lange Zeit so blieb.

„Darf ich euch kurz sprechen?“

Die beiden sahen auf, und über Christas Gesicht glitt ein Lächeln. Sie legte ihr Buch zur Seite und setzte die Lesebrille ab. „Immer, das weißt du doch. Setz dich, mein Schatz.“

„Ich habe nachgedacht. Über Emil, vielmehr über seinen Vater.“ Lilli sah die beiden dabei nicht an und blieb an einem der Fenster stehen. „Ich will versuchen, ihn ausfindig zu machen.“ Jetzt drehte sie sich doch um.

Nun hatte sie auch die Aufmerksamkeit ihres Vaters. Man sah es den Gesichtern ihrer Eltern an, dass sie damit nicht gerechnet hatten. Sie kannten Lillis bisherige Einstellung zu dem Thema. Nie hatte sie den Eindruck hinterlassen, einmal anders darüber zu denken. „Hier geht es nicht um eine Kurzschlussreaktion, also versucht nicht, es mir wieder auszureden. Ich wollte euch lediglich vorwarnen. Zwei Dinge haben mich dazu bewogen, meine Meinung zu ändern.“ Lilli zog den blauen Wunschzettel von Emil aus der Gesäßtasche und hielt ihn ihrer Mutter hin. Nachdem auch ihr Vater ihn gelesen hatte, setzte sie sich zu ihnen. „Es gibt da noch etwas, das ihr wissen solltet.“ Und dann vertraute sie ihnen ein kleines Geheimnis an, von dem außer Lilli selbst bisher niemand wusste und auch nicht wissen sollte. Einzig ihre Eltern hatten ein Recht, davon zu erfahren.

Am Ende des Gesprächs war Mutter Christa zwar weiterhin nicht überzeugt von dem Vorhaben ihrer Tochter, aber sie würden ihr nicht im Weg stehen. Es war nicht darum gegangen, sich ihren Segen einzuholen. Den brauchte Lilli nicht.

 

„Ich hab hier was gefunden. Es nennt sich Family Tree-DNA.“ Lilli klickte auf die Überschrift und las den erscheinenden Text quer. „Ach, ich weiß nicht.“

„Zeig mal her.“ Miri nahm ihr den Laptop ab und legte ihn sich auf den Schoß.

Alma stand von ihrem Sessel auf und lehnte sich hinter Miri auf die Sofalehne. „Einen Versuch ist es wert“, meinte sie, nachdem ihr Blick ebenfalls über die Internetseite geflogen war.

„Der Meinung bin ich auch. Ehrlich, was hast du zu verlieren?“ Miri sah Lilli entschlossen an.

„Es ist reine Zeitverschwendung. Ihr werdet schon sehen.“

„Ein bisschen mehr Optimismus bitte.“ Miri boxte ihrer pessimistischen Freundin in die Seite.

„Genau, du tust es doch für Emil“, meinte Alma aufmunternd.

„Ihr seid gnadenlos“, gab sich Lilli geschlagen.

Es war Freitagabend. Ihr Abend. Mit DVD, Schokolade und einer dezenten Portion Alkohol. Im Gegensatz zum sportlichen Termin im Fitnessstudio, schafften sie diesen jede zweite Woche ohne größere Schwierigkeiten.

Alma kam hinter dem Sofa vor und setzte sich neben Lilli. Miri, auf der anderen Seite, legte den Laptop zurück auf den Tisch. Im nächsten Moment umarmten die beiden Lilli. Ein Freundinnen-Sandwich sozusagen. Sie schloss die Augen und dankte wem auch immer da oben herzlich für diese Frauen in ihrem Leben.

Bis auf die dunkle Haarfarbe konnten sie optisch unterschiedlicher nicht sein. Auch im Charakter gab es deutliche Differenzen. Vielleicht war es genau diese Mischung, die sie zusammenschweißte.

Miri war etwas größer als Lilli, also gut einen Meter fünfundsiebzig. Sie hatte sehr kurzes Haar und dazu tolle große, blaue Augen. Ihre Figur beschrieb sie selbst als eine typische Birnenform. Was am Hintern zu viel war, hatte sie vorne herum zu wenig. Doch auch wenn in ihren Augen die Proportionen nicht sinnvoll verteilt waren, ihr Herz saß am rechten Fleck. Sie war ein absolut ehrlicher Mensch. Das durfte jeder hören, auch wenn man es manchmal lieber nicht hören wollte. Aus der Ruhe brachte sie zudem so schnell nichts.

Mit der Ruhe hatte Alma dafür so ihre Probleme. Sie war nur knapp einen Meter fünfundfünfzig groß, machte das aber durch ihre Ausstrahlung wieder wett. Ihre Mama war gebürtige Spanierin und hatte ihrer Tochter fantastische schwarze Haare und den bronzefarbenen Teint eines Südländers vererbt. Sie war energiegeladen, und trotzdem auf ihre Weise schüchtern. Eine heiße Kombination. Von ihrer Figur mal ganz zu schweigen, eindeutig keine Birne.

Tja, und Lilli? Sie war wohl von allem ein bisschen. Sie gab es in ruhig und besonnen, genauso wie in temperamentvoll und fluchend. Bei ihr war hinten und vorne ziemlich ähnlich verteilt. Eher eine gerade gewachsene Banane, wenn man beim Obst bleiben wollte. Nur die Hülle war nicht mehr ganz so fest, wie sie es gerne gehabt hätte.

 

Vierzehn Tage später, an ihrem üblichen Freitagabend, gab es nur ein Gesprächsthema.

„Ich wusste, das wird nichts. Warum sollte sich der Typ da registrieren, wenn er doch anonym bleiben will?“

„Du unterstellst ihm, dass er seine Meinung nicht ändern darf. Emil ist fünf. Das ist im Prinzip eine kleine Ewigkeit. Menschen ändern sich.“ Miri sah sie mit durchdringendem Blick an.

Lilli schwenkte den Wein im Glas hin und her und beobachtete, wie das Licht der Deckenlampe darin reflektierte. „Es spielt keine Rolle, welcher Meinung er heute ist. Registriert ist er jedenfalls nicht.“ Resigniert klammerte sie die Arme um ihre angewinkelten Beine. „Dabei wollte ich Emil doch nur seinen einzigen Wunsch erfüllen, bevor …“ Sie stockte abrupt.

„Bevor was?“, fragten Miri und Alma wie aus einem Mund.

„Bevor er alt genug ist, um mir Vorwürfe zu machen.“ Lilli räusperte sich. „Ich brauche noch mehr Wein.“

In der Küche überfiel sie ein Schwindel. Schnell setzte sie sich.

„Geht´s dir gut?“

Sie hatte nicht bemerkt, dass Miri hinter ihr hergekommen war und sah erschrocken auf.

„Keine Ahnung. Vielleicht habe ich mehr Hoffnung in die Sache hineingesetzt, als ich zugeben will. Ich konnte die letzten beiden Wochen an nichts anderes mehr denken. Es verfolgt mich bis in meine Träume.“

„Hast du deswegen so abgenommen?“ Miri sah ihre Freundin kritisch und ein wenig besorgt an.

„Das Ganze schlägt mir eben auf den Magen.“

„Warum ist es dir plötzlich so wichtig? Du hast immer eine andere Meinung dazu vertreten, und jetzt reibst du dich dafür auf. Glaubst du wirklich, dein Sohn könnte dich hassen, wenn du ihm keinen Vater präsentieren kannst?“

Lilli stand auf, um ihr auf Augenhöhe gegenübertreten zu können. „Stellst du meine Entscheidungen infrage?“

„Nein.“

„Klingt aber so. Außerdem warst du diejenige, die eben noch darauf hingewiesen hat, dass Menschen ihre Meinung ändern dürfen.“

„Es spricht nichts dagegen, und ich verstehe, dass Emils Wunsch dich verunsichert. Aber als du mir davon erzählt hast, und das ist noch nicht lange her, warst du nicht begeistert von der Idee, ihn zu suchen.“

„Stimmt, und ich bin es immer noch nicht. Aber es geht nicht um mich. Es geht um Emil. Und weil du meine Freundin bist, solltest du hinter mir stehen, auch wenn ich alle fünf Minuten meine Meinung ändere.“

„Ich stehe hinter dir und das weißt du. Wenn ich deine Freundin bin, darf ich aber auch sagen, was ich denke.“

„Davon konnte ich dich noch nie abhalten.“

„Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“

Der Schwindel kam wieder. „Tut mir leid, ich will nicht streiten.“

„Prima, ich nämlich auch nicht.“

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Juli Summer wurde im Jahr 1981 geboren. Die gelernte Versicherungskauffrau lebt gemeinsam mit ihrem Mann, zwei Töchtern und drei Katzen in einem Dorf in Nordhessen. Lesen ist seit frühester Jugend eine Leidenschaft, da es die Möglichkeit eröffnet, andere Orte und fremde Welten zu besuchen – ja, tausende von Leben zu leben. Vor ein paar Jahren wollte sie ihre eigene Welt erschaffen und begann mit dem Schreiben.