Der Ursprung der Ewigkeit

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Tote und Verletzte nach Feuer im Atelier – Brandstiftung?

 

Von Magnus Garcia

 

In der Nacht zum Donnerstag ereignete sich in der Bleecker Street in Soho, in dem Wohngebäude Ecke Sullivan Street, ein Großbrand. Das Feuer brach gegen neun Uhr am Abend auf der sechsten Etage des siebenstöckigen Hauses aus. 13 Personen kamen ums Leben, weitere wurden teils schwer verletzt und mussten in den umliegenden Krankenhäusern behandelt werden. Das FDNY war mit 70 Kräften vor Ort und konnte ein Übergreifen der Flammen auf benachbarte Gebäude verhindern. Das betroffene Stockwerk brannte in der Folge vollständig aus.

Zunächst war das Feuer aus bisher ungeklärten Gründen im Atelier einer New Yorker Künstlerin während einer Vernissage ausgebrochen. Unbestätigten Informationen zufolge kam es zwischen der Gastgeberin und einer Gruppe Gäste zum Streit. Zeugen berichten im Vorfeld des Brandes von einer angespannten Atmosphäre und Handgreiflichkeiten.

Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen, um dem Verdacht der Brandstiftung nachzugehen. Die Bergung der Leichen wurde am Mittag abgeschlossen. Die Identifizierung der Toten hält an. Ob sich die Künstlerin selbst unter den Opfern befindet, ist bis zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Von den Beteiligten des Streits fehlt bisher ebenfalls jede Spur. Die Polizei bittet weitere Zeugen des Vorfalls um Mithilfe.

 

– Artikelauszug »Daily News«, vom 25. März 1960

 

Kapitel 1

 

Owls Head, Maine

Gegenwart

 

Jemand war im Haus.

Von unten aus der Diele drangen sie hinauf: klopfende Schritte.

Eins, zwei, drei – stopp.

Ein Schuhsohlenpaar wendete schlitternd auf dem Parkettboden. Der Eindringling änderte seine Richtung. Weshalb? Um einen Blick in die großzügigen, aber leeren Räume zu werfen? Kahles Wohnzimmer links, verlassenes Esszimmer rechts, dahinter die Küche mit diesem besonderen Ausblick in den Garten.

Begannen gerade die letzten Minuten ihres Lebens?

Alice erstarrte mitten in der Bewegung. Mit dem Bilderrahmen in ihren Händen sendete sie ihre Sinne aus und prüfte die zerstörte Stille auf eine mögliche Bedrohung. Es ist zu früh, versuchte sie sich zu beruhigen. Doch es half nichts, ihr Körper reagierte auf seine eigene, von ihrem Verstand abgekoppelte Weise. Das Zittern erschwerte den Griff ihrer Hände, in ihr tobte ihr Puls in der Lunge. Es war nicht vernünftig, anzunehmen, dass alles in Ordnung war. Niemand verirrte sich einfach so hier herauf. Es gab keine Nachbarn, nur halb befestigte Pisten, umwegiges Waldgebiet. Und natürlich die Steilküste, die das Grundstück im Osten – zum Meer hin – abrupt unterbrach, als wäre dieses Stück Erde irgendwann einmal vom Rest der Welt abgetrennt und wieder neu zusammengesetzt worden. Wenn es kein neugieriger Nachbar sein konnte, der sich dem neuen Eigentümer vorstellen wollte, wer war es dann?

Er ist es nicht, er kann es nicht sein! Sie ermahnte sich erneut zur Ruhe und setzte den Bilderrahmen in die Wandhalterung zurück. Ihre Hände berührten sich schweißnass, und das lag nicht nur an dem heißen Sommerwetter, da war sie sich sicher. Das Kreischen einer Möwe drang durch das halb geöffnete Fenster neben ihr. Sie ließ sich davon ablenken und sah den aufgewirbelten Staub, der von der Auffahrt an der Fassade aufstieg. Vorsichtig, damit keine knarrende Holzbohle ihre Position verraten konnte, trat sie an das Glas, um durch den Schmutzschleier der vergangenen Jahre ohne Pflege hindurchzusehen.

»Miss Watson?«

Sie zog den Kopf zurück, als müsste sie befürchten, dass der Eindringling direkt hinter ihr stand. Doch die Stimme – fremd und unerwartet jung – war ein ganzes Stockwerk von ihr getrennt. Sie hörte sich selbst aufatmen. Nein, das klang keinesfalls bedrohlich.

»Ma’am, sind Sie da? Ich bringe Ihre Lieferung.«

Einer Ahnung folgend richtete sie den Blick abermals hinaus zur Auffahrt. Und dort, im Schatten des Kirschbaumes, fand sie den Transporter mit der Aufschrift Hannaford Supermarkets. Wie oft hatte sie kontrolliert, dass der Fahrer erst zum Abend kommen würde? Während sie ihren Spaziergang im Wald absolvierte? Er sollte die bereits bezahlte Ware einfach vor die Tür stellen. Das hier war nicht der Plan!

Die Anspannung wich endgültig. Sie durchquerte das Zimmer, diesmal ohne Rücksicht auf das Knarren unter ihren Füßen, und lehnte sich im Verbindungsflur sachte über das Treppengeländer, warf einen Blick in den Eingangsbereich.

»Ja«, rief sie hinunter. »Stellen Sie die Tüten vor die Tür, danke.«

»Alice Watson?«

Das Gesicht unten am Treppenpfosten tauchte schneller auf, als sie sich zurückziehen konnte. Sie verdrehte die Augen: Das war dumm.

»Sind Sie sicher? Dann stehen sie aber direkt in der Sonne, wollen Sie das wirklich?«, sagte er und zeigte mit schwenkender Tüte durch die geöffnete Haustür. Ein grellweißer Lichtwinkel zeichnete sich auf dem Boden ab. Mit der nächsten Bewegung wurde die braune Tüte von ihm auf der untersten Treppenstufe abgestellt. »Wissen Sie was? – Ich bringe Ihnen den Rest noch schnell!«

»Das ist nicht nötig!«

Doch da war er bereits durch die Tür hinausgelaufen. Kurz überlegte sie, ob sie sich einfach zurückziehen sollte und darauf warten, dass er verschwand. Es sprach allerdings auch nichts dagegen, die Treppe hinunterzugehen, sich die Tüte zu schnappen und in die Küche zu gehen. Er hatte sie gesehen und nichts Seltsames daran gefunden. Ein kurzes Gespräch wäre sicher in Ordnung. Das Letzte war so lange her, dass sie sich kaum mehr erinnerte. Es könnten nicht mehr als ein paar Belanglosigkeiten sein, Small Talk, aber die Stille hier im Haus – mit all den  Erinnerungen – drohte sie zu ersticken.

Sie folgte ihrem inneren Drang und setzte ihre Schritte über die Treppenstufen. Jede Einzelne hatte ihren eigenen, vertrauten Klang.

Kaum dass sie die Küche erreicht hatte und sich abermals von den leeren Regalen und Schränken überzeugen konnte, traf der Lieferbote wieder mit ihr zusammen. Er platzierte zwei weitere Tüten auf der Mittelkonsole, dann blickte er sich um. Sah, was auch sie sah: sauber geputzte marmorierte Arbeitsflächen. Dazu der sperrige Unterschrank, der zur Spüle gehörte und sich mit seinem rustikalen, dunklen Holz von den anderen Schränken in weißer Hochglanzoptik abhob, aber perfekt zur Vitrine an der gegenüberliegenden Wand passte. Eine Einrichtung, wie das Haus selbst: eigensinnig, detailreich, besonders.

Wenn sie jetzt die Augen schließen und sich ganz auf ihren Geruchssinn fokussieren würde, könnte sie eine fruchtige Bolognese riechen. Sie waren beide niemals begnadete Köche gewesen, aber dieses Gericht nach seinem Rezept war die lebhafteste Erinnerung an diesen Raum.

»Sagen Sie es nicht meinem Chef, okay?«

Sie ließ die Bolognese aus ihren Gedanken verschwinden. »Wie bitte?«

»Ich wollte nichts klauen, echt nicht«, sagte er und wich ihrem Blick zur Betonung seiner Unschuld aus. »Ich habe geklingelt, aber der Strom ist aus, glaub ich.«

»Schon in Ordnung.«

Allzu schnell erleichtert, als hätte er insgeheim mit einer solchen Reaktion gerechnet, widmete er sich erneut der Inspektion des Raumes.

»Ich wusste gar nicht, dass das Haus verkauft wurde. Sieht so aus, als würden Sie gerade erst einziehen.«

Sie antwortete nicht, was ihn nicht weiter zu stören schien. Er plauderte munter weiter.

»Es stand lange leer. Ich bin übrigens Brady.«

Sie blickte auf die dargebotene Hand. In den Sekunden, die vergingen, ehe Brady, der Botenjunge, begriff, dass seine Geste nicht erwidert wurde, entschied er sich, mit einem verlegenen Lachen zu reagieren.

»Jedenfalls ist es schön, dass es jetzt wieder aufgemöbelt wird. Obwohl …«

Sie schob einen Karton mit dem Fuß zur Seite, um den Durchgang zum Flur freizuräumen. »Obwohl was?«

Er kniff das Gesicht zusammen, schien abzuwägen.

»Nein, das wäre nicht fair …«

»Fair?«

»Ich will Ihnen keine Angst machen.«

Sie hob erneut die Augenbrauen. Er knickte ein.

»Ich weiß nicht, was Ihr Makler Ihnen erzählt hat, aber das Haus hat … eine Geschichte

Sie lehnte sich gegen die Küchenzeile in ihrem Rücken und verschränkte die Arme.

»Ach ja?«

»Hier bei uns passiert nicht viel Aufregendes. Aber daran erinnert sich jeder.«

»Sie machen es aber spannend …«

»John Adams, der Kerl aus den Nachrichten, sagt Ihnen der Name etwas?«

Sie räusperte sich, ehe sie tonlos antwortete:

»Wer kennt den Namen nicht?«

»Der war hier. Kurz bevor sie ihn gefasst haben. In unserem kleinen Küstenkaff, in diesem Häuschen, stand vielleicht sogar genau hier, wo wir gerade stehen. Ist das nicht verrückt?«

Obwohl sie bis eben nicht den Wunsch verspürt hatte, diese Geschichte erzählt zu bekommen, war sie jetzt doch neugierig geworden – auf seinen Blickwinkel. Sie witterte, dass es ihm unter den Nägeln brannte, seine Erzählung fortzusetzen, und dass er nur auf ein Signal von ihr wartete. Also sagte sie: »Was hat er hier gewollt?«

»Da gehen die Meinungen auseinander.«

Sie verstand, was sie von ihm bekommen würde: den üblichen Kleinstadt-Tratsch. Sie verschränkte die Arme und wartete darauf, dass er weitersprach.

»Die einen sagen, dass er sich hier verstecken wollte. Hinter ihm war ja so ziemlich alles her, was eine Polizeimarke trug. Die anderen glauben, dass es etwas mit dem alten Hausbesitzer zu tun hatte. Einige glauben, dass der ein Aussteiger aus Adams Sekte war und dass es um Rache ging. Absolut krank! Wikipedia sagt, dass 600 Leute damals draufgegangen sind. Massenselbstmord.« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Alle hier bekommen immer noch eine Gänsehaut, wenn man nur den Namen erwähnt.«

Sie wollte zu dem zurück, was er nur kurz angerissen hatte. Also sagte sie in unverfänglichem Ton:

»Und der Vorbesitzer dieses Hauses …«

»Er ist hier gestorben.« Brady hob den Arm und deutete mit dem Zeigefinger durch die Fensterscheibe, hinaus in den Garten. Das Grundstück endete abrupt dort, wo sich die Wellen des Atlantiks weiter unten gemächlich an den Strand schoben. »Er soll gestürzt sein. 50 Meter in die Tiefe – das überlebt keiner. Sie sollten da wirklich einen Zaun bauen – ist lebensgefährlich.«

»Aber es war kein Unfall?«

»Das haben sie nie aufgeklärt. Gefunden haben sie ihn auch nicht. Aber es ist wohl kein Zufall, dass dieser Killer zur gleichen Zeit hier war.«

Sie senkte abermals den Blick. »Wohl kaum, ja.«

»Manche vermuten, dass es etwas mit der Frau zu tun hat.«

Sie räusperte sich, bevor sie fragte:

»Welche Frau?«

Sie erntete ein weiteres Lächeln. Er hatte wohl Spaß daran, ihr die Gruselgeschichten seines Heimatstädtchens zu erzählen.

»Also er hat hier nicht allein gewohnt, da gab es noch diese Frau, aber die hat nie jemand zu Gesicht bekommen. Ich meine, hier oben ist es echt abgeschieden.«

»Im Haus wurde also eine Frau versteckt?«

»Sehen Sie, das ist wieder eine dieser Geschichten. Einige sagen, dass sie psychisch nicht ganz in Ordnung war und dass sie hier oben am besten aufgehoben war. Andere behaupten, sie sei entstellt gewesen und dass sie sich deswegen ins Haus zurückgezogen hat.« Er zuckte mit der Schulter. »Was auch immer davon stimmt – sie soll auch ’ne recht gute Malerin gewesen sein. Aber keine Ahnung, ich hab nie ein Bild von ihr gesehen, ist nicht so mein Ding«, schloss er mit einem Lächeln. »Es gibt Leute in der Stadt, die behaupten, dass Adams ihretwegen hier war.«

Sie ließ ihn durch die Küche umherwandern und sagte nichts, als er seine Erkundungstour fortsetzte, indem er durch die offene Flügeltür ins Esszimmer trat. Sie folgte ihm und fand ihn, wie er gerade dabei war, den Wintergarten zu betreten.

»Klingt ein bisschen nach Alfred Hitchcock, was?«, sagte er und sondierte die breite Fensterfront vor ihm. »Meine Mom arbeitet im Souvenirshop. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie sie etwas vom ›Horrorhaus‹ oben am Kliff mit ins Sortiment aufnimmt.«

Sie betrachtete seine Rückenansicht: groß und dünn, an der Grenze zur Schmächtigkeit. Seine Schultern hingen arglos herab, seine ganze Körpersprache deutete vor allem auf eines hin: neugieriges Interesse.

Ja, sie wusste, worauf er hinauswollte.

»Als Touristenattraktion?«

Er lachte zur Bestätigung. »Klar, wieso nicht? Meine Schwester hasst mich dafür.«

»Wieso?«

Er drehte sich um und grinste sie keck an.

»Googeln Sie bei Gelegenheit mal ›Owls Head‹ und ›Schulbus‹.«

Ohne ihre Erlaubnis betrat er den Wintergarten. Sie folgte ihm zwei Schritte später. Fasziniert wanderte sein Blick über die Unordnung, die sie hinterlassen hatte: Im rechten Winkel des Raumes, in der die Sitzecke aus Korbmöbeln untergebracht war, stapelte sich ein Sammelsurium aus Schüsseln, Tellern und halb vollen Gläsern. Die Couch war ein ungemachtes Bett; ein Arrangement aus achtlos zusammengeworfenen Kissen und Decken. Auf einem der Sessel, die zur Korbgarnitur gehörten, stand ein Umzugskarton – genau wie in den restlichen Räumen.

»Hier ist also Ihre Kommandozentrale«, kommentierte er das Durcheinander und richtete seinen Blick hinaus in den Garten: satte Farben, die sich der Junisonne entgegenstreckten, weiter hinten das tiefe Blau des Ozeans. »Wow«, hörte sie ihn staunen, als sie sich hinter ihn stellte und ihre Schulter an den Türrahmen lehnte. »Das nenne ich mal ’ne Aussicht.«

Als er sich sattgesehen hatte, drehte er den Kopf, um in eine bisher noch nicht inspizierte Ecke zu schauen. Sie sah nicht viel von ihm, sein Erstaunen entging ihr aber nicht, als er ihren Arbeitsplatz erblickte.

»Oh, Sie malen ja auch!«, sagte er schneller, als seine Synapsen arbeiteten. Zwei zuvor unabhängige Gedanken verbanden sich zu einem gemeinsamen. Allerdings erst nach der Hälfte seines nächsten Satzes: »Das ist ja … verrückt.«

Sie beobachtete, wie etwas an der Art, wie er sie anschaute, dabei war, sich zu verändern. Ihr waren die verstohlenen Blicke nicht entgangen, die er ihr zugeworfen hatte, wenn er glaubte, sie würde es nicht sehen. Sie hatte sein Sondieren als das entlarvt, was es war: die Frage, ob sie schon zu alt für ihn war. Wie viele Jahre sah er zwischen ihnen? Fünf, eher zehn? Junge Leute neigten dazu, andere Personen älter, als sie eigentlich waren, einzuschätzen. Er konnte freilich nicht ahnen, dass selbst eine weniger schmeichelhafte Deutung nicht der Wahrheit entsprach. Alles, was ihm blieb, war, sich auf das zu verlassen, was er sah: ihr Gesicht, das sie selbst wegen der zirkelrunden Augen, der kurzen Nase und der gleichmäßig fülligen Lippen schon immer als ein wenig puppenhaft empfunden hatte. Ein langer, schlanker Hals, der stets mit der gleichen Kette geschmückt war. Der zierliche Körper, an dem man ausladende Rundungen vergeblich suchte und doch eine harmonierende Symmetrie fand (seinen Augen nach vor allem in der oberen Hälfte). Ihre Arbeitsklamotten: ein ausgewaschenes Top mit weißen und schwarzen Farbklecksen, die sich an den nackten Armen weiter fortsetzten; dazu Jeans, moderne zwei Nummern zu groß. Ein Look ihrem Alter entsprechend. Eine Erscheinung, die zu dem passte, was fremde Augen sahen, die die Wahrheit nicht kannten. Aber jetzt war der Ausdruck der verborgenen Begierde auf seinem Antlitz weitestgehend verschwunden. Er wirkte beunruhigt und unangenehm nervös. Er versuchte, sich seine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, doch das misslang ihm, und ihre stumme Miene mit dem angedeuteten Lächeln half nicht, ihm seine Unruhe zu nehmen. Er drehte sich um und verschwendete keinen Gedanken mehr an die beeindruckende Aussicht oder an seine Neugier. Nein, so nahm sie sachte amüsiert zur Kenntnis, mit einem Mal schien er es sehr eilig zu haben.

»Also, tja … Ich glaub, ich muss dann weiter …«

»Danke fürs Reintragen.«

»Gern geschehen. Einen schönen Tag und viel … nun ja …«

»Nun ja.«

Sie ließ ihn passieren und folgte seinen eiligen Schritten in gemächlichem Tempo. Er war bereits an der Tür, als sie den Esstisch erreichte. Außerhalb ihres Sichtfeldes flog die Haustür ins Schloss.


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Alice atmete tief durch. Sie zog den Zopf über ihre Schulter und ließ ihre Finger durch das Haar gleiten – ein kläglicher Versuch, ihre eigene Unruhe abzuleiten. Sie war wieder allein in diesem großen, leeren Haus.

Nachdem sie alle Einkäufe verstaut hatte, widmete sie sich dem herumstehenden Geschirr, das sich seit Tagen angesammelt hatte. Die Reste von Tee und Kaffee würden ihr einige Mühe bereiten, und es gab keinen Grund, die lästige Arbeit länger aufzuschieben. Als ihre Hände in das kalte Spülwasser tauchten und ihr Blick in den Garten fiel, überkam sie eine bleierne Schwere. Wieso war sie hierher zurückgekommen? Ausgerechnet hier? Es war nicht mehr dasselbe, ohne ihn. Alles in und um das Haus herum erinnerte sie an ihn und daran, wie es einmal gewesen war. Doch es fühlte sich nicht real an. Hier zu stehen, so zu tun, als hätte es die vergangenen 18 Jahre nicht gegeben, war falsch. Für wen zur Hölle spülte sie das Geschirr? Es würde nie wieder von ihr benutzt werden. Was für ein Unsinn! Stan … Es ist alles meine Schuld. Der Porzellanteller rutschte ihr beim Herausheben aus der Hand und zerschellte mit lautem Klirren auf dem Küchenboden. Hunderte Scherben verteilten sich in der Küche. Sie nahm einen Besen und beseitigte das Missgeschick.

Den vierten Kaffee des Tages hatte sie, wie die drei davor, aufgrund des fehlenden Stromes kalt gepresst. Jetzt, am Nachmittag, stand die Sonne tief und die Hitze klebte unbarmherzig unter dem Dach. Sie hatte alle Fenster und auch die Verandatür geöffnet, trotzdem blieb es in den Räumen unerbittlich heiß und schwül. Die Wärme nahm ihr den letzten Funken Motivation, um an dem unvollständigen Bild zu arbeiten, also ließ sie die Leinwand unbeachtet. Sie stellte die Tasse auf den Fenstersims ab. Ohne Vorwarnung kam es über sie, die Erinnerung an die eine unabdingbare Aufgabe, die ihr noch bevorstand und von der Brady, der Botenjunge, sie abgehalten hatte: der Safe, das Testament. Noch einmal deine Schrift lesen, noch einmal deine Stimme dabei hören … Der Gedanke daran raubte ihr für einen Moment die Luft. Sie verließ das Haus – wollte sich bewegen, um der Enge in ihrer Brust zu entkommen. Im Garten empfing sie der Duft von Lavendel und Wildblumen. Sie sog die Geräusche ihrer Umgebung auf, ließ sich vom Ruf eines Kuckucks und dem Konzert eines Froschorchesters vereinnahmen, um den Erinnerungen zu entfliehen, die sich in ihrem Kopf zu entfalten drohten. Daran, was war und was noch kommen würde. Bald ist es vorbei. Es ist eine Erlösung.

Alice öffnete die Augen, schwenkte den Blick durch den Garten, sah das nahe Meer, die verwilderte Wiese, den fremden Mann auf ihrer Einfahrt.

Im Reflex zuckte ihr Arm in die Höhe, ihre Finger griffen nach der Kette an ihrem Hals. Sie war versucht zu blinzeln, in der Hoffnung auf eine optische Täuschung, aber insgeheim wusste sie längst, dass sie sich ihn nicht eingebildet hatte. Während sich ihr Puls langsam abreagierte, arbeiten ihre Augen daran, den ungebetenen Gast zu mustern: Alter und Kleidungsstil sagten ihr, dass sie keinen Kampf zu befürchten hatte. Trotzdem versteiften sich ihre Muskeln, als würde gleich die Hölle losbrechen. Aber er stand weiterhin einfach nur da, die Hände in den Taschen seines beigefarbenen Sakkos vergraben, den Blick auf sie gerichtet, jedoch ohne Hinweis darauf, was in ihm vorging. Ein leichter Wind brachte das zurückgekämmte Grau hinter seiner hohen Stirn strähnchenweise in Unordnung. Ansonsten bewegte sich nichts. Das galt sowohl für ihn als auch für sie.

Rückzug!

Sie hörte auf ihre innere Stimme, machte auf dem Absatz kehrt und lief ins Haus zurück. Die Verandatür schlug wuchtig in ihre Fassung. Das laute Echo ließ sie zusammenzucken. Am Türblatt sank sie ein und kämpfte gegen das unangenehme Prickeln unter ihrer Haut an, als sich die kleinen Härchen darauf aufstellten und sie mit winzigen Nadelstichen traktierten, um auf eine kommende Bedrohung aufmerksam zu machen. Sie dachte über Flucht nach. Aber wohin? Und ihn überwältigen? Nein. Keine Kämpfe mehr!

Wenn Adams ihn geschickt hatte, war jedes Flehen um Gnade oder der Versuch, Zeit zu verhandeln, umsonst. Als ob dieser Teufel sich mit Menschen umgab, die in der Lage waren, so etwas wie Mitgefühl zu empfinden. Alles, was sie tun konnte, war, erhobenen Hauptes ihrem Schicksal entgegenzugehen. Dieses finale Wiedersehen würde sie nicht winselnd absolvieren.

Sie erreichte die Pforte, straffte sich und öffnete die Tür. Was sie dahinter fand, überraschte sie dann doch: Die Auffahrt war leer, und von ihrem Besucher war keine Spur auszumachen. Am Treppenende wartete ein Paket darauf, von ihr entdeckt zu werden.

Sie starrte es an, als sei es ein fremdes Artefakt; etwas, von dem sie nicht wusste, was damit anzufangen war. Zaghaft, wie ein Sprengmeister sich einer Bombe näherte, setzte sie ihre Schritte auf die unterste Stufe hinab. Es handelte sich um einen zugeschnürten, unversehrten Karton, in dem ein Paar Sneakers ausreichend Platz gefunden hätte. Ein nagelneues Paket, keine Marke, kein Adressaufkleber. Sie hob es an und drehte den Quader in ihrer Hand. Auf der Frontseite war mit schwarzem Filzstift eine Ein-Wort-Notiz vermerkt: »INGA«. Sie las noch einmal, prüfte, ob sie sich nicht getäuscht hatte. Aber es gab keinen Zweifel: Irgendwie war es dem Fremden gelungen, sie ausfindig zu machen. Und als wäre das allein nicht schon beunruhigend genug, hatte er Informationen über gewisse Vorgänge in ihrem Leben, von denen niemand etwas wissen sollte.

Ihre Selbstbeherrschung hielt bis zur Schwelle zum Esszimmer. Dort riss sie den Deckel vom Karton und prüfte den Inhalt.

Fotos?

Ihre Finger wühlten sich durch das Sammelsurium aus Fotografien, akkurat in Schutzhüllen verpackt und ohne erkennbare Ordnung. Das Oberste nahm sie heraus und schaute auf die Szene, die es abbildete: ein Flughafen, eine Gruppe Leute, und am unteren Rand verkündete eine eingravierte Bildunterschrift: INGA, Honduras. Das Foto flog zurück in den Karton. Am Esstisch angekommen ließ sie das Paket auf die polierte Oberfläche fallen, sodass der Inhalt in eine neue Unordnung gestürzt wurde. Sie stemmte beide Hände gegen die Tischkante und ließ den Kopf zwischen die Schultern sinken. Es erübrigte sich, die anderen Bilder anzusehen: Sie kannte sie bereits; sie wusste um die Zeiten und die Anlässe, zu denen die Fotos entstanden waren. Nicht zuletzt, weil sie selbst abgebildet war – auf jedem Einzelnen.

Alice zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf sinken. Hatte sie wirklich so naiv sein können? Hatte sie sich niemals gefragt, ob ihr unredliches Dasein tatsächlich unentdeckt blieb? Und war nicht genau das immer ihre Angst gewesen?Entdeckt zu werden? Aufzufliegen? Sie rätselte über die Botschaft. Warum diese Fotos, ausgerechnet jetzt? Ein unangenehmes Kribbeln setzte sich in ihrem Nacken fest. Werde ich verfolgt? Sie rieb die Stelle, die weiterhin Signale des Unwohlseins aussendete. Zum dritten Mal am heutigen Tag hatten sich die kleinen Härchen auf ihrer Haut aufgestellt, erinnerten sie erneut daran, dass es einen wirklichen Schutz vor der Welt da draußen nicht gab.

Es waren fünfundzwanzig Bilder, die als fotografisches Mosaik vor ihr ausgebreitet lagen. Ein Zeitstrahl ihrer eigenen Geschichte. Es war nicht zu leugnen, dass der Mann im beigen Sakko wusste, wo sie zu finden war. INGA, natürlich: die einzige Gelegenheit, bei der sie in die Bredouille geraten war, sich in eine offizielle Liste eintragen zu müssen. Ein Bild in der Mitte zog ihre Aufmerksamkeit an: Ein munter dreinschauendes Trio blinzelte in die Kamera. Ihr letzter gemeinsamer Einsatz – ein Abschied, dem ein Neuanfang gefolgt war. Alter Freund, hätte es doch nur einen Weg gegeben, dir zu erklären, was so unbegreiflich blieb, sinnierte sie, als sie das Konterfei ihres einstigen Weggefährten betrachtete. Sie hatte ihn immer bewundert, für seine Courage und die Selbstlosigkeit, mit der er sich seiner selbst gestellten Aufgabe gewidmet hatte. Sie dachte an die Auszeichnungen und Würdigungen, die ihm in den späteren Jahren zuteilgeworden waren. Etwas, das er nie erwartet, aber sich mehr als verdient hatte. Und an der anderen Seite: Stan. Alice fuhr mit der Fingerspitze über seine Abbildung und gestattete der Traurigkeit, sich zu dem Gefühl der tiefen Dankbarkeit dazuzugesellen. Wie nah doch Freud und Leid beieinanderlagen: dieser ganz besondere Mensch und gleichzeitig der wundeste Punkt in ihrem Herzen. Wie jung er auf dem Foto war, wie hoffnungsvoll er seinen Blick gen Zukunft gerichtet hatte. Wie schrecklich ungerecht sein Ende war …

Sie zupfte das Bild als ein Teil vom Puzzle ihres Lebens vom Tisch, bemerkte erst jetzt, dass auf seinem Rücken ein Stück Papier klebte. Sie wendete das Foto und fand den blauen Klebezettel, der mit einer handschriftlichen Notiz versehen war:

 

»Einst halfen Sie unzähligen Menschen, jetzt möchte ich Ihnen helfen. Ich kenne Ihre Geschichte und auch die von Stanley Houseman. Sie müssen sie erfahren! Ich werde ab zehn Uhr am Abend am Leuchtturm auf Sie warten.

Bitte trauen Sie sich.«

 

Hilfe? Jemand wollte ihr helfen? Helfen wobei?

Was für ein großzügiges Angebot, dachte sie und gab einen zischenden Laut von sich. Sie zog die Haftnotiz vom Foto und hämmerte es mit der flachen Hand auf den Mahagonitisch.

Ich habe Frieden gefunden, verdammt!

Doch eine andere Stimme in ihr kannte die Wahrheit: Du hast Angst.

Sie wusste selbst, wer sie war. Vor allem wusste sie, was sie war. Alice funkelte die Haftnotiz an, als könnte sie ihr eine weitere, noch verborgene Nachricht entlocken. Das, was es erforderte, dieser Einladung nachzukommen, war für sie in ihrem desolaten Zustand nicht aufzufinden. Mut? Wie mutig konnte schon jemand sein, der nur darauf wartete, dass sein Mörder über die Türschwelle trat, um den letzten Streich zu vollführen? Hoffnung? – Sie verschwand gemeinsam mit dem Mann, den sie liebte. Was also blieb noch übrig?

Ihr Fingernagel zeichnete bleibende Kerben in das blaue Papier, sie unterstrich die Handschrift darauf, kreuzte sie durch, kreiste sie ein. Unter dem Druck ihrer zupackenden Faust verschwanden die geschriebenen Worte in einem Papierknoten, avancierten zum Wurfgeschoss und flogen als Ausdruck ihrer Entschlossenheit gegen die Esszimmervitrine.

Ich bin fertig mit Geschichten!

 


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Dee Voight ist Jahrgang 1984, lebt im Städtischen zwischen Elbe und Dom und ist im Hauptberuf Social-Media-Redakteurin. Neben ihrer Tätigkeit als Berufstexterin entwirft sie mit Vorliebe Erzählungen mit dem gewissen übernatürlichen Etwas – Urban Fantasy ist das Metier, in dem sie sich gut aufgehoben fühlt. Auch privat ist sie der Netzkultur seit über zehn Jahren treu und ist regelmäßig auf Twitter, Instagram und ihrem Blog anzutreffen. Zu ihren Vorbildern zählen Stephen King und Ian McEwan.