Mauerblümchen küssen besser

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Teil 1
Kapitel eins

Als Teenager glaubte ich, den Tiefpunkt meines Lebens bereits erreicht zu haben. Die Pubertät hinterließ Spuren: Mein Hintern wuchs in die Breite, mein Haar wurde widerspenstig und seine blonde Farbe wich einem Aschblond, das ich nicht ausstehen konnte. Zu allem Überfluss bekam ich an meinem fünfzehnten Geburtstag eine feste Zahnspange, die mich noch mehr entstellte.

Ich war zwar die Beste in der Klasse, aber das brachte mir nur den Ruf der Streberin ein. Zu den beliebten Mädchen blickte ich auf, als seien sie Göttinnen. Judith Bronner war so eine Göttin. Ihr langes, glänzendes Haar fiel über die Stuhllehne in der ersten Reihe, während ich mich in der hintersten versteckte. Sie trug schon mit dreizehn erdbeerfarbenen Lipgloss und die Mädchen scharten sich in den Pausen um sie, während die Jungs sie aus der Ferne sehnsüchtig beäugten. Sie sah aus wie ein Topmodel und sprach über Dinge, die jeden interessierten. Von meinen Büchern und meinem Meerschweinchen, das sonderbar knurrte, wenn ich ihm den Bauch kraulte, wollte keiner etwas wissen.

In den nächsten zehn Jahren musste ich mich allerdings damit abfinden, dass der Tiefpunkt meiner Pubertät zu einer Tiefgeraden wurde, die sich immer weiter in die Länge zog. Das Übel wurde mir schon mit meinem Namen in die Wiege gelegt. So statuierte ich in meiner Gymnasialzeit folgendes Grundrecht: Jeder sollte einen Namen haben, den sie oder er mögen kann. Man wird unweigerlich mit ihm verbunden, wird mit ihm gerufen, schreibt ihn auf das Deckblatt jeder Klassenarbeit und unterschreibt mit ihm. Jeder Mensch muss mit seinem Namen zufrieden sein, Punkt!

Wenn ich mich bei meiner Mutter beschwerte, sagte sie lediglich, es sei doch „nur ein Name“. Sie als Mara hatte leicht reden. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte ich mit ihr getauscht, zur Not auch mit einer Ursula oder Uta, auch wenn ich Namen mit U schon immer doof fand. Die Geschichte, wie mein Vorname ausgesucht wurde, machte die Sache nicht besser. Hätte meine Mutter ein Idol mit dem Vornamen Gundi gehabt, hätte ich ihre Wahl womöglich nachvollziehen können. Alles, was einen ideellen Hintergrund hatte, berührte mein Herz. Doch schuld an meinem Vornamen waren nur ein Zufall und das Vornamenbuch aus der Bücherei, welches von Mamas kugelrundem Bauch rutschte. Als sie es am nächsten Morgen aufhob, fand sie es bei den Mädchennamen mit G aufgeschlagen. Ihr Blick fiel auf Gundi, denn neben dem G befand sich ein kleiner brauner Fleck, und sie beschloss kurzerhand, mich Gundi zu nennen.

Wenn meine Mutter meinen Erzeuger geheiratet und seinen Namen angenommen hätte, hätte mein verunglückter Vorname eventuell durch den angenehm klingenden Nachnamen Lenz ein wenig an Bedeutung verloren. Gundi Lenz klang nach einer Künstlerin, vielleicht einer Literaturkoryphäe, die ich liebend gern gewesen wäre. Doch nein! Als ich bei Wikipedia nachsah, was ich tat, sobald ich lesen konnte, fand ich schnell heraus, dass mein Nachname mit nichts Schönem assoziiert werden konnte. Er steht für eine Lampe, die nur spärliches Licht spendet. Als Adjektiv verwendet bedeutet er klein und daher schlecht zu benutzen, leicht zerbrechlich oder umständlich in der Handhabung. Manchmal denke ich, dass die Bedeutung meines Nachnamens ironischerweise meinen Charakter recht gut beschreibt.

Dass wir in Stuttgart wohnten, machte alles noch einen Deut schlimmer. Im Schwäbischen steht mein Nachname für eine alte hässliche Frau. Die ich eines Tages bestimmt sein würde, aber noch war es nicht so weit! Mit meinen fünfundzwanzig Jahren wäre ich gern eine junge, selbstbewusste Frau gewesen, die eine große Zukunft vor sich hat. Warum ich immer nach den Sternen greifen müsse, wollte meine Mutter oft wissen. Vielleicht, weil sie es nie getan hatte. Aber das sagte ich ihr natürlich nicht.

Genug um den heißen Brei herumgeredet. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Gundi Funzel. Ja, ihr habt richtig gelesen, so lautet mein verfluchter Name und es tut mir weh, ihn so auf dem Papier lesen zu müssen. Doch was hilft es, man muss zu den Tatsachen stehen. Bis zu einem gewissen Grad machte ich meinen Namen auch dafür verantwortlich, dass ich an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag noch Jungfrau war …

Es war wieder einmal ein Jahr vergangen und wir versammelten uns in der Wohnung meiner Eltern, um zusammen zu feiern. Mein Bruder Timo war aus Frankfurt angereist, wo er bei einer Unternehmensberatung Karriere machte und mit Zahlen jonglierte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ich hatte schon Probleme, die Maschenzahlen bei Strickmustern auf meine Größe umzurechnen.

„Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück …“ Mamas krächzende Stimme schwankte in der Tonhöhe, sie hatte noch nie singen können. Mit einem breiten Lächeln stand sie am Kopfende des Wohnzimmertisches und sah mich liebevoll an. Seit sich mein Vater noch vor meiner Geburt aus dem Staub gemacht hatte, bekam ich von ihr die doppelte Portion Liebe. Ihre graue, mit Mehlflecken übersäte Schürze warf Falten über ihrem flachen Brustkorb.

Mein Stiefvater, der zu meiner Rechten saß und ungeduldig abwechselnd auf die Schwarzwälder Kirschtorte und den Käsekuchen blickte, stimmte in den Gesang ein. Sein sonorer Bass verriet, dass er jahrelang im Kirchenchor gesungen hatte. Seine Stimme war das Einzige, was ich an ihm mochte.

Mein Bruder Timo gab keinen Mucks von sich, sondern drückte auf seinem Handy herum. Er trug sein obligatorisches rotes Poloshirt, das auf jedem Foto von Familienfesten zu sehen war, und für einen Augenblick kam es mir vor, als sei ich wieder ein kleines Kind. Es gab Bilder von jedem meiner Geburtstage, auf denen die Lichter der Kerzen flackerten und meine Augen erwartungsvoll leuchteten. Schon damals trug ich am liebsten Latzhosen. Nun saß ich hier, im Wohnzimmer meiner Eltern, das sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hatte, und war bereit, meine Kerzen auszupusten. Mama hatte die alten Rollläden heruntergelassen und stemmte die Hände in die schmalen Hüften, um den großen Augenblick zu erwarten. An der beigen Wand hinter ihr hing ein Bild von einem Clown, das ich in der fünften Klasse gemalt und mit dem ich einen Preis gewonnen hatte.

Ich sog die Luft, die nach Kraut roch, in meine Lungen ein. Dann blies ich mit all meiner Kraft, schaffte es aber nicht, alle Flammen gleichzeitig zu löschen. Immerhin zierten inzwischen fünfundzwanzig Kerzen den Kuchen. Eine bleierne Beklommenheit schlich sich in meine Brust. Während meine Familie applaudierte und mein Stiefvater Malte die Kirschtorte anschnitt, machten sich meine Gedanken, wie so oft und ohne, dass ich es wollte, auf Wanderschaft zu einem früheren Geburtstag.

Als ich dreizehn geworden war, hatte es am späten Nachmittag unerwartet bei uns geklingelt. Mama schickte mich zur Tür, weil sie gerade Blumenbeete befüllte und bis zu den Ellenbogen in Erde steckte. „Aber schau bitte erst durch das Loch, bevor du die Tür öffnest!“ Mama war so vorsichtig, als wohnten wir in einer kriminellen Großstadt.

Der Blick durch das Guckloch zeigte Annes verzerrtes Gesicht mit den riesenhaften, dunkelbraunen Augen und den buschigen Brauen. Sie wohnte seit drei Monaten mit ihrer Mutter in der Wohnung über uns und war das einzige Mädchen, das meine Nähe zu suchen schien.

„Du bist jetzt ein Teenager!“, rief sie mit ihrer Stimme, die wie das Klingeln winziger Glocken klang. Dabei lächelte sie und entblößte ihre Zähne. Sie waren verfärbt und schief, ihre Mutter hatte kein Geld für eine Zahnspange. „Darfst du heute Abend mit mir in die Disko gehen?“

Mama sagte sofort, ich könne mit, wenn ich versprach, um zweiundzwanzig Uhr eine Textnachricht zu schicken, damit mein Stiefvater mich abholen konnte. Aber sie wollte Malte, der gerade im Fitnessstudio war, vorher fragen. Also vertröstete ich Anne.

Ich hasste es, wenn mein Stiefvater Teil jeder Gleichung wurde. Mama und Malte waren seit zwanzig Jahren verheiratet. Mit einem enormen Kugelbauch gab Mama ihm auf dem Standesamt das Jawort, während ich mit einem weißen Ringkissen danebenstand. Malte roch schon damals nach vergammelten Äpfeln. Er sprach nie viel mit mir, als wisse er nicht, was man zu einem kleinen Mädchen sagen solle. Also waren wir seither wie Luft füreinander.

„Hier, Gundi!“ Mamas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Sie reichte mir ein kleines Päckchen, das in für Grundschulkinder passendes Geschenkpapier eingewickelt war. „Das ist von Malte und mir.“

Malte lud bereits das dritte Stück Kuchen auf seinen Teller.

Das Geschenk war zu klein, um ein Buch zu sein, dabei hatte ich mir das neueste von Paul Auster gewünscht. Vorsichtig begann ich, den Klebefilm mit Rautenmuster zu lösen. Mama war beim Geschenkeeinpacken eine wahre Künstlerin. Es kam eine schwarze Plastikschachtel zum Vorschein, darin lag eine Kette mit einem Anhänger in der Form eines vierblättrigen Klees. Die Blätter waren grün mit buntem Glitzer.

„Wie schön, danke!“, rief ich und hob das Schmuckstück hoch.

„Seit wann trägst du Schmuck?“, wollte Timo wissen und runzelte die Stirn. Dann klaute er die größte Kirsche der Torte aus ihrem Bett aus Schlagsahne.

„Wir dachten, dass du daran vielleicht Gefallen finden könntest.“ Mama klang fast, als wolle sie sich für das Geschenk entschuldigen. Ich wusste sofort, dass Malte es ausgesucht hatte. Er war Gymnasiallehrer und eine seiner Kolleginnen arbeitete nebenberuflich als Schmuckdesignerin. Ich war mir sicher, dass ich dieses Ding niemals umlegen würde.

Mama schaufelte eine Schnitte des Käsekuchens auf meinen Teller, ohne mich zu fragen. Anschließend goss sie eine Runde Kaffee nach und versuchte erfolglos, ein Gespräch in Gang zu bringen. Aber es war, wie meistens, aussichtslos. Timo hatte mehr Interesse an seinem Handy als an einem geistigen Austausch mit seiner Familie, die er schon allzu gut kannte, und Malte hüllte sich in das für ihn typische Schweigen, bei dem er den Blick starr geradeaus richtete. Es sah aus, als würde er mit offenen Augen schlafen. Ich fragte mich, ob er dabei über etwas nachdachte. Mama sagte, er sei ein besonnener, ruhiger Mann. Für mich war er ein Rätsel.

Um die familientypische Stille zu überbrücken, spielten wir im Anschluss an den Geburtstagskaffee Mensch ärgere dich nicht. Timo würfelte eine Sechs nach der anderen und warf mich in jeder zweiten Runde raus. Er gewann, seit ich denken konnte. Wenn er Timo hätte schmeißen können, übersah Malte es mit Absicht. Mich verschonte er nie. Ich sei die Ältere, sagte er erbost, wenn ich mich traute zu protestieren. Ich müsse das wegstecken können.

Nichts konnte ich wegstecken. Ich sah im Fernsehen und in Mamas Klatschzeitschriften all die vermeintlich glücklichen, zusammengestückelten Familien mit Kindern von verschiedenen Partnern und dem obligatorischen eigenen Alibi-Kind, das wenig später auch unter der Trennung der Eltern würde leiden müssen. Ich litt immer noch unter der Tatsache, dass meine leiblichen Eltern es nicht geschafft hatten, zusammen zu bleiben. Nun war ich niemand, der in Selbstmitleid versank, aber ich wusste, dass meine Kindheit von der Familienkonstellation überschattet war. Die wenigen Augenblicke, in denen ich es kurzzeitig vergessen konnte, waren die gemeinsamen Stunden mit Anne. Deren Mutter an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag eine Schreckensnachricht überbrachte.

Wir saßen noch am Kaffeetisch, als es an der Tür klingelte. Ein kindlicher Gedanke ließ mich glauben, es könnte Anne sein, die mit mir ausgehen wollte, wie damals mit dreizehn. Doch sie studierte inzwischen in Berlin, es war unwahrscheinlich, dass sie hier sein würde.

Die Stimme ihrer Mutter war gedämpft und ihr Sprachfluss abgehackt. Ich spähte in den Flur und sah, dass meine Mutter sie hereinbat. Frau Kling war die kleinste Frau, die ich kannte, sie trug gern grün und sah aus wie ein Elf. An jenem Nachmittag glich sie einer in sich zusammengesackten Greisin.

„Das ist ja schrecklich“, hörte ich Mama sagen. „Komm doch rein und trink einen Tee.“ Frau Kling folgte der Einladung und Mama zog die Küchentür zu.

Malte und Timo schalteten den Fernseher ein. Es lief ein scheinbar wichtiges Fußballspiel. Mit einer bangen Vorahnung und weil mich die Übertragung nicht im Geringsten interessierte, begab ich mich in mein vertrautes Jugendzimmer. Am Fenster hingen immer noch dieselben Stoffvorhänge mit bunten Flecken, die ich mit acht Jahren ausgesucht hatte. Die linke Wand war mit meinen Kinderzeichnungen tapeziert und auf dem Regal über dem Bett hockten meine früheren Kuscheltiere und warfen mir sehnsüchtige Blicke zu. Wenn die Zeit stehen bleiben konnte, dann in dieser Wohnung.

Ich legte mich auf mein Jugendbett, sah an die fleckige Decke und verschränkte die Arme unter meinem Kopf. Draußen stimmte ein Vogel ein Lied an. In mir herrschten Stille und eine Dunkelheit, die mich in den letzten Jahren zu oft heimgesucht hatte. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt! Als Kind hätte ich mich für eine alte Frau gehalten. Trotzdem fühlte es sich so an, als habe sich nicht viel in mir verändert. Am liebsten hätte ich meine Latzhose aus Jeansstoff wieder angezogen, um mit Anne in ihrem Garten zu schaukeln. Anne und ich konnten damals stundenlang schaukeln. Mama fragte manchmal vorsichtig, ob wir nicht zu alt dafür seien. Ich verneinte, denn für mich war es mehr als nur ein sinnloses Vor- und Zurückschwingen. Es waren die friedlichsten Augenblicke, die ich mir vorstellen konnte. Irgendwie erinnerte meine liebste Latzhose mich immer daran, auch wenn die jetzige mit Farbflecken gesprenkelt war. Ich liebte es, Wände und Möbel zu bestreichen. Die Kommode in meinem Zimmer, die meiner Oma gehört hatte, war zurzeit grün. Zuvor war sie weiß, gelb und gelb-weiß gepunktet gewesen. Den Pinsel in Farbe zu tränken und mit parallelen Zügen das Holz zu bemalen, brachte mir eine warme innere Ruhe. Malte beschwerte sich jedes Mal, die ganze Wohnung stinke nach Farbe, er würde Kopfschmerzen bekommen.

Wenn mir danach war, trug ich Latzhosen sogar zur Arbeit, auch wenn ich dadurch fragende Blicke erntete. Bunte Turnschuhe, ein weißes T-Shirt und eine Latzhose waren für mich das perfekte Outfit für jeden Tag.

„Schatz!“ Mama klopfte an. „Darf ich hereinkommen?“ Sie schob langsam die Tür auf und richtete ihren traurigen Blick auf mich. Ihre Augen, die ein wenig gerötet waren, sagten oft mehr als Worte. Sie setzte sich neben mich auf die Bettkante, ich setzte mich auf und sie legte ihre Finger um meine Unterarme. Das tat sie immer, wenn sie mit mir reden wollte. Als wolle sie mich festhalten, damit ich bei unserem Wortwechsel nur ihr gehörte. Sie brauchte diese körperliche Nähe, um die geistige aufzubauen.

„Es ist etwas Furchtbares passiert.“ Wir sahen uns an. Mama schluckte. „Anne hatte einen Unfall.“

Sofort stellte ich mir meine ehemals beste Freundin vor, wie sie mit geschlossenen Augen im Krankenwagen lag.

„Wie geht es ihr?“, fragte ich nervös, immer noch in Mamas Umklammerung gefangen.

Meine Mutter senkte den Blick. Eine Träne tropfte lautlos auf mein Bett, weitere folgten. Sie malten ein Punktemuster auf die grüne Tagesdecke.

Anne war am Gymnasium nicht nur meine beste Freundin gewesen, sondern die erste und einzige, die ich in meinem Leben hatte, diejenige, in deren Gegenwart ich ganz ich selbst sein konnte. Sie hatte nie etwas an meinen Latzhosen auszusetzen gehabt.

Ich befreite meine Rechte aus Mamas Griff und fasste ihr ans Kinn, um ihren Kopf sanft anzuheben. Ihre Augen waren mit einem Netz aus roten Adern überzogen und liefen über vor Tränen. Sie begann zu schluchzen, ließ meinen anderen Unterarm los und fiel mir um den Hals. So, wie ich es schon unzählige Male getan hatte, um mich bei ihr auszuheulen. Mamas Brustkorb bebte vor Schmerz und sie hatte Mühe, sich zu sammeln. Ich drückte sie an mich. Erst als sie sich ein bisschen beruhigt hatte, erklang ihre gedämpfte Stimme neben meinem Hals: „Sie ist tot.“


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Kapitel zwei

Wenn jemand geht, kommt die schmerzliche Erinnerung zurück. Ich dachte jede Sekunde an Anne. In der U-Bahn, wenn ich in die Innenstadt zur Arbeit fuhr, während ich mit gesenktem Kopf die Königstraße entlangging, und sogar während ich die Drogeriemarktprodukte der Kunden über den Scanner zog. Normalerweise hatte ich ein Buch in dem Regal unter der Kasse versteckt und zog es hervor, wenn keine Kunden da waren und ich mich unbeobachtet fühlte. Die dicke Dana an der Kasse gegenüber lackierte ständig ihre Fingernägel. Sie blickte nur auf, wenn jemand zahlen wollte, mich beachtete sie ohnehin nicht. Die Menschen sahen durch mich hindurch, als sei ich gar nicht anwesend. Aber das war ich gewohnt. Maltes Abweisung hatte mich abgehärtet.

„Hast du das Foto gesehen, das Lea bei All of Us gepostet hat?“, fragte eine junge Frau mit rauer Stimme. Sie stand mit einer anderen vor dem Regal mit Haarfärbemitteln und sprach sehr laut.

„Nein, noch nicht, aber ich schau nachher gleich mal nach.“

„Sie hat eine neue Frisur, sieht toll aus. Ich finde, sie sieht ein bisschen aus wie Gwyneth Paltrow.“

Wer war Gwyneth Paltrow? Ich vermutete, es müsse sich um eine Schauspielerin handeln. Wir sahen wenig fern. Unsere Fernbedienung war seit Monaten verschollen und jedes Mal, wenn Mama die Glotze abstaubte, murmelte sie, dass wir sie im Grunde genommen gar nicht mehr brauchten. Sie und ich können unsere Liebesfilme auch auf dem Tablet anschauen, Malte korrigierte abends lieber Mathearbeiten oder pflanzte sich mit seinem Laptop auf unser Cord-Sofa. Mama schrieb oft Emails. Sie war fasziniert von der Tatsache, dass ihre Worte binnen Sekunden einen Empfänger erreichen konnten. Unser Familien-Computer stand auf einem hellen Tischchen, das wir auf einem Flohmarkt erstanden hatten, in der hintersten Ecke des Wohnzimmers. Es war noch einer der dicken Computer, kein moderner Flachbildschirm.

„Und Amanda, die macht richtig Karriere!“, rief die Frau mit der Kettensägen-Stimme und warf eine Packung Färbemittel in ihren Einkaufswagen.

Ich wollte weghören, konnte aber nicht. Diese Frauen lebten in einer anderen Welt. In der, die zählte und in die ich nie einen Fuß setzen könnte. Als habe mir jemand Fesseln angelegt, die mich für immer und ewig in der dunklen Wohnung im Süden der Stadt festhielten. Ich liebte meine Mutter über alles und sie war die beste Mama, die ich mir vorstellen konnte, aber es war nicht die Norm, mit fünfundzwanzig noch mit ihr unter einem Dach zu leben. Ich war wie ein Elefant im Zoo, angekettet und mit begrenztem Aktionsradius. Er starrt auf die Menschen, die dort vor dem Gehege stehen, der wirklichen Welt angehören und ihn genauso anstarren. Der Unterschied war nur, dass ich nicht einmal angestarrt wurde. Höchstens, weil jemand den Kopf über meine nicht vorhandene Frisur schüttelte oder meine Stummelbeine bemerkte – sie hatten gestreikt, als der Rest meines Körpers in die Höhe geschossen war, und betonten meinen zu dicken Hintern. Es gab keine Hose, in der mein Hinterteil vorteilhaft aussah. Egal, wie viel Elastan in dem Stoff verarbeitet war, wo die Taschen saßen oder welche formende Unterwäsche ich ausprobierte. Denn ich las die Werbung in Mamas Zeitschriften, die sich unter dem Sofatisch stapelten, weil ich mich auf eine sonderbare Weise für diese andere Welt, in die ich nie hineingefunden hatte, interessierte. Schubweise versuchte ich, meine Optik ein wenig aufzubessern, aber jeder Versuch scheiterte binnen kürzester Zeit. Also holte ich meine Latzhose aus dem Schrank und pfiff auf all das, was ich niemals sein würde: hübsch, beliebt, erfolgreich und glücklich.

„Also hören Sie, ich stehe hier schon seit mindestens zehn Minuten!“ Die alte Dame, die mich aus wässrig blauen Augen anstarrte, stand direkt vor mir und sprach ein so breites Schwäbisch, wie meine Oma es einst getan hatte. In ihrem Blick brannte die Ungeduld.

Mir blieben zunächst wie immer alle Worte im Hals stecken. Ich räusperte mich und setzte mich ein bisschen aufrechter hin. Dana grinste zu mir herüber und zuckte die Schultern, während sie ihre Finger mit den frisch lackierten, knallroten Nägeln von sich spreizte.

„Tut mir leid“, murmelte ich und zog die Inkontinenzeinlagen über den Scanner.

„Werden Sie jetzt auch noch unverschämt?“ Die Dame beugte sich ein wenig nach vorne.

Ich hielt kurz inne, bevor ich nach dem Vollkornmüsli griff. Blickkontakt hatte ich schon als Kind gemieden, aber jetzt schien er unvermeidbar.

„Das werde ich Ihrem Vorgesetzten melden!“ Die Nasenflügel der Frau blähten sich vor Empörung auf, als mir klar wurde, dass sie der Ansicht war, ich habe mich über ihre Blasenschwäche lustig gemacht.

„Das … war wirklich nicht so gemeint.“ Ich senkte den Blick erneut auf den vertrauten Scanner, der rhythmisch piepste, während ich die Feinstrümpfe, den Tee und die Bio-Kekse auf die andere Seite schob. Danas Blick brannte auf meiner Stirn. Freute es sie, dass ich wieder einmal ins Fettnäpfchen getreten war?

Als ich das Bio-Schokoladenpulver eingescannt hatte, ruhte mein Blick zunächst auf dem Warentrennstäbchen. Dahinter lag eine Packung Kondome, mehr nicht.

„Geht es noch langsamer?“ Der hagere junge Mann, der hinter der alten Frau stand, strich sich mit einer Hand durch die Haartolle oberhalb seiner Stirn. Obwohl ich es nicht wollte, starrte ich ihn an. Seine hellen Augen, die mit einer feinen schwarzen Kajal-Linie umrandet waren, huschten unruhig hin und her. Ob seine Freundin im Bett auf ihn wartete?

„Junge Frau, auch wenn ich alt bin, habe ich einen Tagesplan. Dürfte ich jetzt bitte zahlen?“, fragte die alte Dame etwas ruhiger.

„Sie können auch bei mir zahlen!“, rief Dana plötzlich und winkte freundlich lächelnd. Der Mann schnappte seine Kondome vom Band, schüttelte den Kopf und drehte mir den Rücken zu.

„Das macht achtunddreißig Euro und zwanzig Cent.“ Meine eigene Stimme überraschte mich. Sie klang zaghaft, beinahe verängstigt. Meinen dankbaren Blick fing Dana nicht auf, da sie schon mit der nächsten Kundin beschäftigt war.

Die alte Frau holte ihre Geldbörse hervor und kruschtelte umständlich darin herum. Dabei schob sie ihr Kinn nach vorne und senkte den Kopf, als wolle sie in das Fach mit dem Kleingeld hineinschlüpfen. Schließlich leerte sie alle Münzen vor mir aus und ich suchte mir zwanzig Cent heraus.

„Sie sind bestimmt neu hier, nicht wahr?“ Sie musterte mich so eindringlich und wohlwollend, wie es zuletzt die Tante im Kindergarten getan hatte. „Ich wollte Sie vorhin nicht so zurechtweisen“, setzte sie hinzu und versuchte zu lächeln. „Manchmal werde ich etwas ungeduldig. Vielleicht, weil meine Zeit ausgeht.“ Sie zauberte zwei Jutebeutel aus ihrer Handtasche und packte ihre Einkäufe ein. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, alle Worte blieben mir im Hals stecken. Also schluckte ich. Der Kloß war hart und trocken, und es war derselbe Kloß, den ich seit meiner frühen Kindheit mit mir herumtrug. Gedankenversunken sah ich der Frau hinterher, wie sie mit ihren schmalen Schultern und dem krummen Rücken durch die automatische Tür ging, links und rechts beladen, mit ihrem gekräuselten, blau schimmernden Haar. Sie hatte so recht! Unsere Tage waren gezählt. Die Uhr tickte seit der Sekunde, in der wir das Licht der Welt erblickt hatten. Wer wollte da seine Zeit an der Kasse eines Drogeriemarktes vergeuden, nur weil die Kassiererin eine verträumte, langsame Person war?

Noch bevor ich Dana für ihre Hilfe danken konnte, legte der nächste Kunde eine Ladung Windeln und Baby-Feuchttücher auf mein Band. Typ Hausmann, aber sehr attraktiv. Mein Blick war flüchtig, aber darin geübt, innerhalb kürzester Zeit so viele Details wie möglich festzuhalten. Dieser Mann strahlte Ruhe und ein Selbstbewusstsein aus, um das ich ihn beneidete. Sein Dreitagebart war rötlich braun und seine Baskenmütze saß gekonnt schräg auf dem länglichen Kopf. Mit einem vorsichtigen Lächeln zog ich seine Waren über den Scanner. Er zahlte mit EC-Karte, und als ich sie entgegennahm, berührten sich unsere Finger. Wie ein elektrischer Blitz durchfuhr es mich für den Bruchteil eines Augenblicks. War das die Wirkung einer zärtlichen Berührung? Diese war unbeabsichtigt und bedeutungslos, das war mir wohl bewusst, aber mein Körper war in Alarmbereitschaft. Die einzige körperliche Nähe, an die ich mich erinnern konnte, waren die Zeiten, in denen ich im Schoß meiner Mutter saß, um mich von einem Sturz oder einer Enttäuschung zu erholen. Ihre Umarmung war warm und wohltuend, ihre Nähe ein Nest, in dem ich mich wohlfühlte. Malte hatte mich in meinem Leben kaum berührt. Als sei ich eine giftige Kröte, von der man einen Ausschlag bekommt.

„Danke“, rief ich Dana kurz darauf zu, als sie aufstand und in die Mittagspause verschwinden wollte.

„Wofür?“ Der Ausdruck in ihren Augen war verständnislos. „Der Kunde ist König.“

Ich presste die Lippen zusammen. So war das also. Es war kein Gefallen gewesen, sondern reine Pflichterfüllung dem Einkaufenden gegenüber. Wieder musste ich schlucken. Wieso hatte ich nur gedacht, Dana könnte daran interessiert sein, mir zuliebe etwas zu tun?

Der Nachmittag zog sich in die Länge. Ohne Dana räumte ich in den ruhigen Minuten etwa hundert Schachteln Haarfärbemittel, zwanzig verschiedene Zahnpasten und jede Menge Binden, die am Morgen geliefert worden waren, in die frisch abgestaubten Regale ein. Zwischendurch las ich, vor allem, weil der Wachhund Dana mir nicht gegenübersaß. In meinem Buch fanden sich die Liebenden schließlich, nachdem sie alle Hindernisse überwunden hatten, um ein gemeinsames Leben zu beginnen. Zugegeben, es war ein wenig kitschig, aber es tat gut, für dreihundert Seiten in eine Person zu schlüpfen, die mehr Glück im Leben hatte als ich.

Um Punkt zwanzig Uhr schloss ich meine Kasse, steckte das Buch in die Brusttasche meiner Latzhose, verabschiedete mich von Miri, einer drahtigen Angestellten mit knallrotem Haar, und machte mich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Über der Stadt lag ein dumpfer Schleier, es würde bestimmt bald wieder Feinstaubalarm geben. Trotzdem atmete ich tief durch, als täte ich es das erste Mal an diesem Tag. Ein Meer aus Menschen hatte sich über die Königstraße ergossen und ein Straßenmusikant spielte eine sehnsüchtige Melodie auf seiner akustischen Gitarre. Ich zog ein paar Münzen aus meiner Hosentasche und ließ sie in seinen Filzhut fallen. Er nickte nur stumm und ließ seine Finger weiter über das glatte Griffbrett gleiten, so sehr war er in der Melodie versunken. Klassische Musik lag mir auch, sie lief oft im Hintergrund, wenn ich Möbel oder Wände bemalte. Meine Mutter sagte, ich sei verrückt, mein Zimmer jedes Jahr mehrmals umzugestalten. Auch wenn ich ihr versicherte, es mache mir Spaß. An einem kalten Herbstnachmittag im letzten Jahr hatte ich sogar vorgeschlagen, die gesamte Wohnung neu zu streichen. Es war eines jener Wochenenden, die Mama in der Küche verbrachte, um eines von Maltes Lieblingsgerichten zu kochen, während mein Stiefvater im Wachkoma auf der Wohnzimmercouch saß. Alles, was er gern aß, war aufwendig und sehr kompliziert zu kochen.

„Ich habe eine Idee“, sagte ich kaum hörbar und knetete meine feuchten Hände nervös vor meinem Bauch. Malte reagierte erst gar nicht, als habe er nicht gehört, dass ich ins Wohnzimmer gekommen war. Sein dichtes, braunes Haar saß perfekt geschnitten auf seinem Kopf, der im Verhältnis zu seinem Körper viel zu klein war. Mama fragte ihn immer, wo so viel Hirn in ihm Platz hätte, und dann lachte Malte nur verlegen und tätschelte sie am Hinterkopf. So, wie er mich am Tag meiner Abiturfeier tätschelte, nachdem ich mit meinem 1,1‑Durchschnitt eine Sonderbelobigung des Rektors erhalten hatte. „Mach was draus, Gundi“, hatte Malte gesagt und mir die Hand auf die Schulter gelegt, nur ganz kurz, aber mit viel Druck, als wolle er sicherstellen, dass ich seine Worte ernst nahm. Hatte ich sie ernst genommen?

An diesem Tag drehte sich Malte nicht einmal zu mir um. Wenn er mich nicht bemerken wollte, tat er es einfach nicht. Also räusperte ich mich und trat so in seine Nähe, dass er mich auch in seinem komatösen Zustand hätte sehen müssen. Immer noch keine Reaktion. Erst als Mama lächelnd aus der Küche trat, um zu verkünden, dass wir in einer Viertelstunde essen konnten, drehte Malte den Kopf ein wenig zur Seite.

„Ich habe eine Idee, Malte“, wiederholte ich. Immer, wenn ich den Mund aufmachte, taumelten die Worte aus ihm heraus, als haben sie noch nicht laufen gelernt.

Malte wandte seinen Körper in meine Richtung und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei steckte er seine Hände unter die Achseln und sah aus, als habe er sich selbst eine Zwangsjacke angelegt. „Ich höre!“

Wenn Malte sprach, verstummte meine Mutter. Als müssten alle den weisen Worten lauschen, die der Oberlehrer nun von sich geben würde. Wieder kämpfte ich gegen den Kloß in meinem Hals an.

„Neulich habe ich mit Mama gesprochen und vorgeschlagen, ich könnte die Wohnung neu streichen.“ Der Kloß wuchs unweigerlich. Dass Malte zunächst nicht reagierte, machte die Situation nicht einfacher. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als einige ermunternde Worte meiner Mutter, aber sie stand nur da, in ihrer grauen Schürze und den Filzpantoffeln, als habe sie nichts zu melden. Die Uhr an der Wand tickte laut. Bald würde der Kuckuck aus ihr herausspringen.

„Ich bin dagegen“, sagte Malte schließlich und zog seine Zwangsjacke noch ein Stück enger. Mehr sagte er nicht. Ich kämpfe gegen die Tränen an und gegen dieses Gefühl, das an Hass grenzte und mich zu zerfressen drohte. Mit hängenden Schultern verkroch ich mich in mein Zimmer. Als meine Mutter mich zum Abendessen holen wollte, blieb ich stur. Nachdem sie die Küche aufgeräumt hatte, brachte sie mir einen Teller mit Braten und selbstgemachtem Kartoffelbrei aufs Zimmer.

„Er glaubt, dass es im Herbst ungünstig ist“, sagte Mama und legte eine Hand auf meinen Arm. „Man kann nicht gut lüften.“

Sie setzte sich neben mich aufs Bett, während ich mein Abendessen in mich hineinschaufelte, obwohl es wie immer köstlich schmeckte.

„Außerdem glaubt er nicht, dass ihr denselben Geschmack habt“, fuhr sie fort und sah mich mitleidig an.

„Es war nur ein Vorschlag“, sagte ich noch mit vollem Mund, zog meinen Arm zu mir und bereute es, jemals gefragt zu haben.

Kapitel drei

Meine Mutter war so dünn, dass ich mich manchmal fragte, wieso ihr Körper nicht auseinanderfiel wie die Männchen, die Anne und ich als Teenager so gern aus Zweigen in ihrem Garten zusammengebunden hatten. Wir nannten sie die „Zweiglinge“. Wenn wir Lust hatten, nähten wir Kleider aus bunten Stoffresten für sie oder holten uns Wolle aus dem Strickkorb meiner Mutter, um etwas für sie anzufertigen, was bestimmt nicht der neuesten Mode entsprach.

Wenn ich also meine Mutter betrachtete, dann war ich mir sicher, dass der Teil meiner Gene, der für meine Statur verantwortlich war, nicht von ihr stammte. Auch ihre Eltern waren schlank gewesen. Meine Großmutter väterlicherseits wohnte an der Ostsee. Leider ließ der Kontakt zu ihr immer mehr nach, und meine Mutter sagte oft mit Nachdruck, ich könne mich glücklich schätzen, sie überhaupt gekannt zu haben. Sie hielt nicht viel von Oma Linda, obwohl sie nichts dafür konnte, dass ihr Sohn meine Mutter sitzengelassen hatte. Oma Linda bemühte sich, mich kennenzulernen, vielleicht gerade weil ihr Sohn uns im Stich gelassen hatte.

Je älter ich wurde, desto mehr Fragen keimten in mir. Als ich fünfzehn war, sagte meine Mutter klipp und klar, mein Vater sei ein Schwein gewesen, sie könne es nicht mehr länger beschönigen. Sei einfach so abgehauen, weil in sein Leben kein Baby hineinpasste. Und auch keine Ehefrau. Daraus schloss ich, dass Mama ihn gern geheiratet hätte, aber ich stellte keine weiteren Fragen.

Die Vorstellung, dass mein Vater so ein schlechter Mensch war, wurde mit der Zeit immer schmerzhafter. Ich wusste, dass meine Mutter die falsche Person war, um die Wahrheit herauszufinden, aber ich hatte nicht den Mut, es selbst in die Hand zu nehmen. Das einzige Bindeglied zwischen meinem Vater und mir war meine Oma Linda. Sie kam zu Besuch, als ich meinen sechsten Geburtstag feierte, und schenkte mir eine wunderschöne, gebundene Ausgabe von Harry Potter, die einen Ehrenplatz ganz oben auf meinem Bücherregal erhielt, umgeben von den Plüschtieren meiner Kindheit. Sie sagte immer, sie würde auch gern zaubern können. Die Welt sei so ungerecht, dass ein wenig Zauberei nicht schaden könne.

Die Tage mit Oma Linda waren besonders, weil sie so selten waren, und als Malte und Mama kurz vor meinem zwölften Geburtstag ein einziges Mal zuließen, dass ich mit dem Zug an die Ostsee fuhr, erlebte ich ein langes Frühlingswochenende, das ich niemals vergessen würde. Barfuß liefen wir am Strand entlang, ließen die Wellen an unseren Knöcheln lecken und blickten gemeinsam auf das weite Wasser hinaus. Ohne viel reden zu müssen, fühlte ich mich mit Oma Linda verbunden. Wenn ich nach ihrem Sohn fragte, wurden ihre Gesichtszüge starr und sie musste lange nach Worten suchen, um etwas dazu sagen zu können. Sie wiederholte, dass sie es auch nicht verstehen könne. Er sei immer ein in sich zurückgezogener Mensch gewesen, und sie schäme sich so sehr für das, was er meiner Mutter und mir angetan habe.

„Wenn er nur wüsste, was für eine wunderbare Tochter er hat!“ Sie zog mich zu sich heran. Ihr Atem roch nach herbem Früchtetee und ihr fleischiger Arm erinnerte mich an den frisch aufgegangenen Hefeteig, den Mama stundenlang für ihre Hefezopf-Spezialität knetete. Weil ich Oma Linda so liebhatte, konnte ich ihr dafür nicht böse sein, dass sie mir ihre Fülle vererbt hatte. Auch sie hatte extrem kurze Beine und jene Oberarme, die beim Winken bedächtig schaukelten.

Keiner wusste, wie oft ich an Oma Linda dachte. Wenn ich in meiner Erinnerung mit ihr zusammen war, fühlte ich mich besser. Es war zu einer Gewohnheit geworden, dass ich stundenlang bäuchlings auf meinem Bett liegen konnte, um meinen Gedanken nachzuhängen. Mama klapperte in der Küche mit dem Geschirr. Malte war entweder im Fitnessstudio, korrigierte Mathearbeiten oder versank in jenem mysteriösen Zustand, den ich mit Wachkoma betitelt hatte. Mama war mir deswegen böse, weil sie es für respektlos hielt, so über meinen Stiefvater zu reden. Manchmal war sie zu korrekt, was wiederum perfekt zu Malte passte. Ich musste zugeben, dass sie auf ihre sonderbare Weise ein harmonisches Paar waren, wenn sie am Sonntagnachmittag zusammen am Kaffeetisch saßen und ihre unbenutzten Servietten sauber zusammenlegten, um sie bei der nächsten Gelegenheit wieder zu benutzen.

Allein zu sein, war für mich nicht gleichbedeutend mit Einsamkeit. Trotzdem gab es Tage, an denen es mich traurig machte, in meinem ehemaligen Jugendzimmer zu hocken, während das Leben draußen weiterlief.

Vielleicht wartete ich gerade deshalb an meinem dreizehnten Geburtstag so ungeduldig auf Maltes Rückkehr aus dem Fitnessstudio, um mit Anne ausgehen zu dürfen. Der Gedanke, mit einer neuen Freundin zu zweit für ein paar Stunden etwas zu unternehmen, erfüllte meinen Bauch mit einem erwartungsvollen Zittern. Als Malte nach Hause kam, stellte er seine Straßenschuhe parallel unter die Garderobe und begutachtete einen Riss in einer der Bodenfliesen, dessen Entstehung er eine Woche später mir in die Schuhe schieben würde. Auf Maltes T-Shirt zeichnete sich ein Schweißmuster ab, das ironischerweise so aussah, als habe er Engelsflügel. Die erste Stunde nach einer Trainingseinheit erschien er mir immer entspannter als sonst. Seine schmalen, meist zusammengepressten Lippen lagen sorgloser aufeinander und er ballte nicht die ihm typische Malte-Faust, die ich seit meiner Kindheit an ihm beobachtete, ob er nun am Esstisch saß, auf der Couch oder am Schreibtisch. Sobald eine seiner Hände frei war, ballte er sie zu jener Faust, die aber nie jemandem etwas zuleide tat.

„Darf ich mit Anne in die Disko gehen?“ Ich stand verschüchtert im Wohnzimmer und senkte den Blick auf meine gelben Filz-Hausschuhe. Malte war immer noch damit beschäftigt, seine Sporttasche auszuräumen und ignorierte mich auf die ihm gewohnte Weise. Ich wünschte mir, Mama könne ein Wort für mich einlegen, aber sie war in der Küche beschäftigt und ohnehin der Meinung, ich solle selbst fragen, schließlich sei ich kein kleines Mädchen mehr.

Eine halbe Ewigkeit später und schon auf dem Weg ins Badezimmer fragte Malte: „Wer ist Anne?“

„Eine neue Nachbarin.“ Der Kloß baute sich auf.

„Bist du nicht zu jung für die Diskothek?“

Ich zuckte mit den Schultern. Gab es ein Regelalter, ab welchem man in die Diskothek gehen durfte?

Zu meinem Erstaunen erschien Mama im Türrahmen. „Es ist eine Kinderdisko, ich habe Frau Kling gefragt.“

„Wer ist Frau Kling?“

„Annes Mutter.“ Mama trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, das aus der Tasche ihrer Schürze hing. Ich warf ihr einen dankbaren Blick zu.

„Ich bin dagegen, dass Gundi mit einem fremden Mädchen ausgeht. Vielleicht lernt ihr euch erst ein wenig besser kennen“, murmelte Malte und verschwand im Badezimmer.

Während das Wasser zu rauschen begann, ging ich in mein Zimmer. Der Kloß war so groß, dass mir das Schlucken schwerfiel. Ich hatte gerade mein Buch aufgeschlagen, da klopfte meine Mutter zaghaft an meine Zimmertür und schob sie langsam auf, ohne meine Reaktion abzuwarten. Sie setzte sich ans Fußende meines Bettes und legte ihre Hand auf mein Bein.

„Du wirst bestimmt noch mit Anne in die Disko gehen“, sagte sie und versuchte ihr Lächeln, das mich als kleines Kind ermuntern konnte, mir jetzt aber falsch vorkam.

Ich zog meine Beine zu mir, setzte mich auf und stützte mein Kinn auf die Knie. Meine Augen brannten. Wieso musste Malte sich immer einmischen? Ich war auf ihn und auch auf meine Mutter wütend, weil sie nie den Mund aufmachte. „Wieso wehrst du dich nie?“

„Gegen Malte?“

„Ja, dagegen, dass er immer das letzte Wort haben muss. Wer ist er denn?“

„Er ist im Grunde genommen dein Vater. Und dein Haupt-Ernährer.“

Ich verdrehte die Augen, ich konnte es nicht mehr hören. „Er ist mein Stiefvater!“

Meine Mutter verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Vielleicht solltest du fünfmal um den Häuserblock joggen, damit du ein bisschen zu dir kommst.“

Das sagte sie immer, wenn ich rebellierte. Sie verstand nicht, dass ich gerade dann ich selbst war, wenn ich aussprach, was in mir vorging. Ich atmete tief durch. „Wieso kannst du das nicht entscheiden, du bist meine Mutter!“

„Weil Malte hier auch ein Wörtchen mitzureden hat.“

„Ein Wörtchen? Er bestimmt hier alles!“

„Ich habe keine Lust, mit ihm zu streiten.“ Mama senkte den Blick, als habe sie ein Geständnis abgelegt.

„Findest du es in Ordnung, wenn ich mit Anne in die Disko gehe?“, fragte ich leise und begann, an meinen Fingernägeln zu kauen. Eine schlechte Angewohnheit, die ich seit meiner frühen Kindheit und trotz zahlreicher Arztbesuche nicht ablegen konnte.

„Ich hätte nichts dagegen.“ Mama erhob sich wie in Zeitlupe. Ihre schmale Gestalt entfernte sich in Richtung Tür. „Aber nicht heute Abend.“

Wenigstens wurde mir erlaubt, zu Anne in die Wohnung zu gehen, um ihr Bescheid zu geben. Ihr Zuhause war gleich geschnitten wie unsere Mietwohnung, nur waren die Wände frisch gestrichen und der Boden mit bunten Fransenteppichen ausgelegt. In Annes Zimmer hingen ihre selbstgezeichneten Bilder und in einem Käfig in der Zimmerecke drehte ein dicker, wuscheliger Hamster seine Runden in einem Rad. „Als renne er um sein Leben!“, rief Anne lachend und deutete auf ihr Haustier.

Wir saßen über eine Stunde in Annes Zimmer. Ihre Mutter brachte uns Vollkornbrotschnitten mit Käse und Salami und einen großen Teller mit geschältem und mundgerecht geschnittenem Gemüse. Anne erzählte mir, ihr Vater sei Pilot gewesen und ihre Mutter sei Hausfrau. Früher sei sie Stewardess gewesen, aber das viele Reisen sei anstrengend gewesen. Das konnte ich gut nachvollziehen, auch wenn ich noch nie weiter als zur Ostsee verreist war.

Der nächste Tag war ein Sonntag und Anne und ich verabredeten uns schon nach dem Frühstück. Sie rief bei uns an und Malte reichte mir wortlos den Hörer. Mama und Malte gingen in die Kirche. Ab und zu wurde mir nahegelegt mitzugehen, doch an jenem Sonntag hatte ich Glück.

„Komm mit, ich zeig dir was!“ Anne schwang einen großen Schlüssel, der an einer Kordel hing. Wir mussten nur ein wenig die steile Straße hochlaufen, da kamen wir an ein Gartentor aus vermoderten Brettern, in dessen Schloss der Schlüssel passte. „Als Mama mir den Garten gezeigt hat, war der Umzug für mich halb so wild!“ erzählte Anne begeistert, stieß das Tor auf und deutete auf die Kirsch- und Apfelbäume, die oberhalb eines grünen Hanges standen. „Wir mieten den Garten, weil Mama gern Obst und Gemüse anbaut und will, dass ich viel draußen spielen kann.“

Anne rannte los, um sich auf eine Hollywoodschaukel zu setzen, die hinter den Obstbäumen auf einem gepflasterten Terrassenstück neben einem Gartenhäuschen stand. Der Garten war riesengroß und sehr gepflegt. Wir tranken Limonade aus Gläsern mit Deckel und einem Loch für Trinkhalme, aßen eine ganze Tüte Chips und legten uns auf den Rücken, verschränkten die Hände unter dem Kopf und sahen allerlei Figuren, welche die Wolken in den Himmel zeichneten.

„Vielleicht werde ich auch einmal Pilotin.“ Anne setzte sich auf und wickelte sich eine ihrer langen, schwarzen Haarsträhnen um den Finger. Ich mochte sie vom ersten Augenblick an sehr gern und wusste in dem Moment, dass sie meine beste Freundin sein würde. „Was möchtest du mal machen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

„Ich finde es wichtig, dass man sich überlegt, was man mal machen will. Es gibt so viele Möglichkeiten!“ Anne sah wieder in die Ferne, wo ein Flugzeug seine Kondensstreifen ins Blau malte. „Vielleicht werde ich auch Künstlerin. Ich kann ziemlich gut zeichnen.“

„Das habe ich gesehen, die Bilder in deinem Zimmer sind toll!“

Wir lachten zusammen und holten uns noch eine Limonade.

Bevor wir zum Mittagessen nach Hause gingen, holte Anne einen Block und zwei Bleistifte aus dem Schuppen und reichte mir einen davon. „Lass uns aufschreiben, was wir uns im Leben wünschen. Wie wir uns unsere Zukunft vorstellen. Dann vergraben wir die Zettel wie einen Schatz.“ Anne begann schon, etwas auf das Papier zu kritzeln. „Und in zehn Jahren graben wir sie wieder aus!“

Die Idee gefiel mir, auch wenn ich lange Zeit dasaß und auf meinen Zettel starrte, während meine Freundin schon lange fertig war und ihr Geheimnis in die leere Chips-Tüte stopfte. Sie wartete geduldig, und als auch ich mein Papier faltete und zu ihrem legte, rollte sie die Tüte fest zusammen, klebte ein Stück Klebefilm um das Bündel und wir gruben mit zwei Schaufeln ein tiefes Loch am Rande der Buschreihe, die den Garten vom nächsten Grundstück trennte. Nachdem wir die letzte Ladung Erde auf unser geheimes Versteck geschüttet hatten, hob Anne ihre Hand in die Höhe. „Gib mir fünf!“

Als ich mit fünfundzwanzig Jahren auf meinem Bett lag und an jenen Vormittag mit Anne dachte, kam es mir so vor, als hätten wir damals all unsere Träume begraben.

Kapitel vier

Die letzte Woche vor den Pfingstferien hatte begonnen und ich starrte auf den großen Ferienplan der Drogeriemarktkette, in der ich nun schon seit fünf Jahren arbeitete. Nach dem Abitur war ich in ein Loch gefallen. Meine große Liebe, ein Junge aus meinem Jahrgang, der aber nicht einmal ansatzweise den Verdacht hatte, ich könnte mich für ihn interessieren, zog zum Studium nach Hamburg und Anne erzählte voller Begeisterung von ihren Plänen in Berlin. Sie wollte Architektin werden und war von einer Vorfreude erfüllt, auf die ich unweigerlich neidisch war. Ich stagnierte bei meiner Mutter und meinem Stiefvater im Wohnzimmer mit den dunklen Vorhängen und dem Perserteppich, auf dem ich Laufen gelernt hatte.

„Wenn du noch ein wenig Zeit brauchst, dann nimm sie dir“, sagte meine Mutter und streichelte mir über die Wange.

Manchmal, wenn ich gedankenversunken hinter der Kasse saß und das Parfüm der jungen Frauen roch, die wohlfrisiert und schick gekleidet ihre Einwegrasierer erstanden, dachte ich, dass selbst ein Hauptschulabschluss gereicht hätte, um hier zu hocken. Wozu das Spitzen-Abiturzeugnis, das zwischen Zeichnungen und alten Fotos in meiner Schreibtischschublade vergammelte?

Wieder betrachtete ich den Juni, den Juli und den August auf dem Ferienplan. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten schon ihre Urlaubstage blockiert, viele hatten Familie und lange vor Anbruch des Jahres Reisen gebucht. Ich war immer die Letzte, die sich eintrug, weil ich mich nicht entscheiden konnte, wann ich mir freinehmen sollte. Malte und Mama würden zwei Wochen Urlaub haben, da wollte ich nicht unbedingt zu Hause sein. Es hatte sogar schon Jahre gegeben, in denen ich Urlaubstage hatte verfallen lassen, weil ich es versäumt hatte, sie herauszusuchen.

Ich zwang mich, eine Woche Urlaub einzureichen, nämlich im Spätsommer, wenn die Schule wieder in vollem Gang sein würde und ich meine Ruhe hätte, wozu auch immer. Verreisen war nicht meine Leidenschaft, ich hatte noch nicht einmal einen Fuß in ein Flugzeug gesetzt. Mir reichten die gedanklichen Reisen, auf die ich mich mit meinen Protagonisten aus meinen Büchern machte.

Als ich am Spätnachmittag nach Hause kam, dudelte leise ein Schlager aus dem Radio im Wohnzimmer. Es lief den ganzen Tag Mamas Lieblingssender. Er wurde morgens an- und abends wieder ausgeschaltet, egal ob meine Mutter zu Hause war oder nicht. „Die Melodien sind schön“, verteidigte sie sich, wenn ich die Augen verdrehte und Malte ihr nahelegte, den Sender doch einmal zu wechseln, nur probeweise. Es war aussichtslos. Als Hausfrau hatte Mama mehr Freizeit als Malte. Sie sagte, sie brauche die Hintergrundmusik beim Kochen, Putzen und Aufräumen.

Mama war bestimmt beim Einkaufen und Malte im Fitnessstudio. Wie immer. Ich holte einen Stapel Zeitschriften, die Mama monatelang aufhob, unter dem Sofatisch hervor und begann darin zu blättern. Neben Werbung für straffende Hautpflege, Parfüm, filigranen Schmuck und Make-Up lachten mich wunderhübsche Frauen, von denen ich die meisten nicht einordnen konnte, herausfordernd aus Fotos an. Doch da fiel mein Blick auf eine sehr attraktive Frau, die ein bezauberndes Lächeln hatte. Ihr blondes, glänzendes Haar war raffiniert geschnitten, es fiel ihr glatt und leicht über die Schultern nach vorne und umrahmte ihr Gesicht. Es war vorne ein wenig länger als an den Seiten. Wie lange der Stylist daran gearbeitet haben mochte? Da las ich unter dem Bild ihren Namen: Gwyneth Paltrow. Das war sie also! Ich mussten der Frau recht geben, an der Frisur stimmte alles. Nicht nur an der Frisur, sondern an der ganzen Frau.

Ich blätterte um. Mit ihr sollte ich mich nicht messen. Es gab Artikel mit Titeln wie „Sex am Arbeitsplatz“, „Die zehn schönsten Urlaubsziele“, „Hilfe, ich liebe meinen Chef!“, „Fit für den Sommer“ oder „Mode aus Italien“. Mit Sex kannte ich mich nicht aus, schon gar nicht am Arbeitsplatz, allein wollte ich nicht verreisen, mein Chef war ein Kotzbrocken, fit war ich nicht, egal in welcher Jahreszeit, und Mode war nicht mein Thema, auch wenn mir die Hosenanzüge dieser gertenschlanken Models, deren Kniescheiben wie Metallplatten unter der Haut hervorstachen, gefielen. Ich betrachtete meine eigenen Knie. Sie waren anders. Eingebettet in weiches Fleisch, vermutlich handelte es sich um Fett. Unsere Waage im Badezimmer konfrontierte mich jedes Mal mit der Tatsache, dass ich zu fünfunddreißig Prozent aus Fett bestand. Was keine schöne Vorstellung war, also wog ich mich nur etwa einmal im Monat. Voller Hoffnung stellte ich meine Füße auf die glatte Fläche, die erfühlen konnte, dass ich es war. Mein Name tauchte auf dem Display auf: Gundi. Wie ich diesen Namen verabscheute! Und jedes Mal ging die Kurve nach oben, stetig hinauf, ohne Rücksicht auf meine Gefühle und obwohl ich jeden Tag einen Spaziergang in den Weinbergen machte und dabei meinen Blick in das Tal schweifen ließ. Meine Heimatstadt Stuttgart, würde ich jemals aus ihr herauskommen? Oder waren wir unweigerlich miteinander verbunden? Gab es da draußen einen Mann, der auf mich wartete? Wenn Bekannte oder Verwandte den Partner fürs Leben fanden, sagte meine Mutter immer, während Malte befürwortend nickte: „Jeder Topf findet seinen Deckel“, und dann rührte sie ihre Suppe weiter, in der die Fleischstücke zwischen Klößen dahintrieben. Anschließend knallte sie mit Nachdruck den Deckel auf den Topf und lächelte.

Ich legte die Frauenzeitschriften beiseite, holte mir einen Müsliriegel aus der Küche, schlüpfte mit Socken in meine Wandersandalen, nahm meine Schlüssel aus dem Kästchen neben der Tür und machte mich auf den Weg. Die Idee war mir schon vor drei Tagen gekommen und sie ließ mich nicht los. Zuerst überlegte ich, ob ich Frau Kling fragen sollte, aber dann beschloss ich, dass das keine gute Idee war. Es war eine Sache zwischen Anne und mir, ein Geheimnis zwischen besten Freundinnen, das niemanden etwas anging. Es würde schon keiner etwas dagegen haben.

Ich folgte der Straße bergauf. Mein Herz schlug schon in meinem Hals und ich keuchte, obwohl ich erst wenige Schritte getan hatte. Manchmal nimmt man sich im Leben etwas fest vor, vergisst es dann aber wieder. Weil einen die Zeit einlullt. Weil man abgelenkt wird oder schlicht und einfach weil man Gundi Funzel heißt und so planlos durchs Leben geht, als gebe es ohnehin nur einen einzigen Weg.

Über das Holztor konnte ich nicht steigen, es war zu hoch, doch der Drahtzaun daneben war an manchen Stellen verbogen und etwas niedriger. Ich trat in eine Drahtmasche und versuchte, meinen Körper hochzustemmen, aber ich war zu schwer. Also doch die leicht kriminelle Variante. Ich holte die Beißzange aus der Tasche meiner Latzhose und murmelte: „Tut mir leid, Frau Kling.“ Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, eröffnete ich mir ein Loch im Zaun, das groß genug war, um auch meinen Hintern hindurchzulassen. Nachdem ich erfolgreich auf der anderen Seite des Zauns gelandet war, bog ich den Draht wieder so hin, dass meine Eintrittspforte kaum noch erkennbar war.

Ich atmete tief durch. Die Kirschen hingen wie dunkle Blutstropfen zwischen den Zweigen. Ein sanfter Wind bewegte die Blätter der Obstbäume und ich blickte zu der Zweierschaukel hinüber, die am Rand des Gartens stand, die Füße des Gestells immer noch in Plastikwannen mit Beton eingearbeitet. Frau Kling mochte es nicht, wie die Vormieter die Schaukel aufgestellt hatten, aber sie wollte auch nichts daran ändern. Wahrscheinlich war sie froh, dass Anne und ich hier unser Paradies gefunden hatten. Nach dem Tod ihres Mannes und der neuen Arbeitsstelle war sie laut Anne nicht mehr dieselbe Frau. Der Ernst hatte sie heimgesucht, sagte sie immer. Anne, die den Großteil des Tages mit Lachen verbrachte. Anne, die in jedem noch so kleinen Ereignis etwas Großes sah und die daran glaubte, dass jeder Mensch im Kern gut war. Warum hatte ihr Wesen nicht auf mich abgefärbt?

Ich schritt bedächtig zu der langgestreckten Hecke, als handele es sich um eine heilige Stätte. Der Himmel war von grauen Wolken überzogen. Anne und ich hatten es versäumt, unsere Chips-Tüte mit den geheimen Zetteln über die Zukunft auszugraben. Anne hatte ein neues Leben in Berlin, kam selten zu Besuch und wenn wir uns über den Weg liefen, war es nicht mehr so wie früher. Sie trug hautenge Jeanshosen und Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen, einen modischen Kurzhaarschnitt und jede Menge Schminke im Gesicht. Je länger sie nicht mehr in Stuttgart war, desto fremder wurde sie mir. Die Zeit ist wie Schnee, der Schicht um Schicht eine Decke über die Landschaft legt, sodass man sie irgendwann kaum noch erkennen kann. Der Frühling, der das Eis schmelzen lässt, kam für Anne und mich nie. Und jetzt war sie unter der Erde begraben.

Tränen drängten in meine Augen. Wenn ich traurig wurde, verzerrte sich mein Gesicht, ich hatte es einmal im Spiegel beobachtet. Zuerst verzogen sich meine Lippen, dann meine Mundwinkel. Meine Augen quollen über, meine Stirn wurde runzlig und mein ganzes Gesicht sah aus, als habe die Hand eines Riesen es zusammengequetscht, um all die Tränen aus ihm herauszudrücken, die ich nun für Anne weinte.

Mit zitternden Händen ging ich zu dem unverschlossenen Geräteschuppen und holte eine große Schaufel hervor. Wo genau hatten wir unseren Schatz verbuddelt? Ich wusste es nicht mehr. Also begann ich irgendwo zu graben, verzweifelt und voller Entschlusskraft. Als das Loch etwa einen halben Meter tief war, beugte ich mich nach vorne und benutzte meine Hände, suchte nach den Kanten einer Chips-Tüte, fand aber nichts außer Regenwürmern. Ich setzte mich auf den Hosenboden. Unter meinen Fingernägeln hatte sich ein Dreckrand aus Erde gesammelt, meine Hände waren rot und trocken. Was tat ich hier? Was hatte es für einen Sinn, nach den Zetteln zu suchen? Was ich selbst darauf geschrieben hatte, wusste ich noch ungefähr, doch was hatte meine Freundin sich gewünscht? War es in Erfüllung gegangen?

Mit einem neuen Anflug von Entschlossenheit suchte ich weiter. Der Graben, der sich an der Hecke entlang auftat, wurde immer länger. Hoffentlich würde mich keiner sehen und die Psychiatrie benachrichtigen.

Nach etwa einer Stunde legte ich erneut eine Pause ein. Ich holte mir eine Flasche Limonade aus dem Schuppen und trank in hastigen Schlucken. Der süße Saft rann meine Kehle hinunter, vorbei an dem Kloß, der mit jeder Minute, die ich die Tüte nicht fand, wuchs. Hatte jemand anders sie ausgegraben? Oder gar Anne? Hatte sie sich daran erinnert und mir nichts davon erzählt?

Auf dem Nachbargrundstück bellte ein Hund. Ich machte mich wieder an die Arbeit, immer mit der Angst im Nacken, es könne jemand auftauchen.

Kurz vor siebzehn Uhr, als ich gerade mit dem Gedanken spielte, den Graben zuzuschütten und nach Hause zu gehen, stieß meine Schaufel endlich auf etwas Silbernes. Vorsichtig befreite ich die glänzende Tüte von der Erde, als grübe ich eine Schatztruhe aus, die den Verlauf meiner Zukunft für immer verändern würde. Sie war es! Unsere Tüte! Der Klebefilm hatte sich zwar gelöst, aber ansonsten sah sie noch gut aus. Mit bebenden Fingern hob ich sie hoch und begann sie aufzurollen.

Die Zettel lagen auf meiner Handinnenfläche, nebeneinander und sauber gefaltet, als hätten Anne und ich sie erst gestern hier versteckt. Ich legte sie für einen Augenblick ins Gras, um meine Hände an meiner Latzhose abzuputzen. Dann entfaltete ich den ersten, von dem ich nicht wissen konnte, wem er gehört hatte, denn sie sahen identisch aus. Sachte und volle Ehrfurcht öffnete ich den ersten Zettel, der in meiner Handschrift geschrieben war. Ich schluckte und las.

Ich wünsche mir, dass ich glücklich werde. Dass ich einen netten Mann kennenlerne, mit dem ich Kinder haben werde, vielleicht sogar drei. Und dass mein Vater zu meiner Hochzeit kommt, damit ich ihm sagen kann, dass ich ihn sehr lieb habe.

Ich ließ die Hand mit dem Zettel sinken. Meine Kehle schnürte sich zu.

Hastig nahm ich Annes Zettel zur Hand. Mein Atem ging flach und mein Herz trommelte gegen meine Brust, als wolle es mich daran erinnern, dass ich noch am Leben war. Anne hatte keine Sätze formuliert, sondern nur Spiegelstriche gemacht.

Ich wünsche mir für meine Zukunft:

– Gesundheit

– Glück

– dass meine Mama wieder glücklich wird

– dass Gundi für immer meine beste Freundin bleibt

– und dass ich im Himmel meinen Papa wiedersehen kann

Heiße Tränen liefen über meine glühenden Wangen und ich ließ die Zettel aus meinen Händen gleiten. Sie fielen lautlos in das saftig grüne Gras und starrten mich an. Es war, als erwache jedes Wort zum Leben, um vor meinen Augen herumzutanzen, um mich wachzurütteln, um mir zu sagen, dass ich endlich anfangen sollte zu leben. Doch was war Glück? Wovon hing es ab? War es für jeden gleich? Und vor allem, wo konnte ich es finden?

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Caitlyn Young schrieb schon als Kind und Jugendliche Gedichte, Geschichten und mehrere Seiten lange Briefe. Als Teenager besuchte sie einen Schreibmaschinenkurs, weil die Gedanken immer deutlich schneller waren als die Finger. Im Deutsch-Leistungskurs und während des anschließenden Studiums der Anglistik in Mainz wuchs ihr die Literatur immer mehr ans Herz. Dabei legt sie besonderen Wert auf vielschichtige, einprägsame Charaktere. Inspiriert duch Bob Dylans Liedtexte und Musik spinnt sie neben Kindern und Haushalt fast ständig irgendwelche Geschichten in ihrem Kopf. Als gebürtige Stuttgarterin, die als Tochter ungarischer Eltern jedoch nicht urschwäbisch aufwuchs, steht ihr ihre Romanheldin Gundi Funzel besonders nah. Zurzeit lebt Caitlyn Young mit ihrer Familie in Michigan, USA.