Dark Angels – Das Licht der Seele

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17

Seit einer gefühlten Ewigkeit lehnte Cedric nun schon an der Mauer in einer dunklen Sackgasse mitten in der Nacht und wartete auf seinen ehemaligen Mentor. Nachdem die Telepathie nach oben für ihn nicht mehr funktionierte und der altmodische Engel jegliche Technik der Moderne verachtete, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten. Samuel hatte ihn dazu beordert, jede Woche zu einem bestimmten Zeitpunkt hier vorbeischauen. So ein altertümlicher Idiot! Cedric war noch nie geduldig gewesen und jetzt erst recht nicht.
„Cedric. Ich hoffe auf gute Nachrichten. Hat Luzifer bereits die letzten Teile des Schwertes gefunden?
„Ich weiß es nicht.“
„Weißt du wenigstens wo er es versteckt hat?“
Cedric schluckte den aufkommenden Ärger hinunter. „Ich arbeite daran.“
Samuel sah ihn mit säuerlicher Miene an. „Ich will Ergebnisse!“
„Das hast du mehr als klargemacht. Aber was erwartest du? Ich kann nicht zaubern.“
„Meinen Teil unserer Vereinbarung habe ich erfüllt und ich rate dir, halte dich an deinen, sonst wirst du es bereuen.“
Cedric schnaubte überheblich. „Ich bin bereits ein Gefallener, womit kannst du mir jetzt noch drohen?“
„Mit der einzigen Person, die dir jemals etwas bedeutet hat.“
Cedric gefror das Blut in den Adern, er stieß sich von der Mauer ab und baute sich drohend vor Samuel auf. „Was hast du mit Anne gemacht?“
„Sagen wir, ich habe ein kleines Druckmittel gebraucht, sollten mir deine Fortschritte zu langsam vonstattengehen.“
Cedric fühlte den Zorn in sich und hieß ihn mehr als willkommen. Er packte Samuel bei dessen Hemd und zog ihn nahe zu sich heran. Furchteinflößend beugte Cedric sich zu ihm hinab. „Wenn du ihr auch nur ein einziges Haar gekrümmt hast, schwöre ich, werde ich dich töten!“
Der mächtige Engel lächelte bloß. „Dann stirbt sie mit mir.“
Cedric stieß ihn von sich. „Du elender Mistkerl! Was hast du getan?“
„Ach, weißt du, ich habe mir nur ein Stückchen von ihrer Seele geborgt und gut versteckt. Komm also ja nicht auf die Idee, es zu suchen, du würdest es niemals finden.“
„Samuel, ich warne dich, du wirst es mir sofort geben!“
„Du bekommst es, wenn du mir das Schwert ausgehändigt hast. Ich habe dann keinerlei Verwendung mehr dafür.“ Er tippte ihn an die Brust. „Aus Sentimentalität heraus gebe ich dir sogar einen Rat. Schließlich bist du für lange Zeit mein bester Krieger gewesen.“
„Dann spuck es schon aus!“
„Ungeduldig wie eh und je“, schmunzelte Samuel. „Menschen scheinen sehr empfindlich zu sein, wenn es um ihre Seele geht. Es bekommt ihnen nicht besonders gut, wenn sie nicht vollständig ist.“
„Du mieses Schwein!“, donnerte Cedric. „Du bist wahnsinnig! Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass du dafür büßen wirst!“
„Das Einzige, das dir heilig ist, ist Annes Leben und das, mein lieber Freund, hängt an einem seidenen Faden. Also beeile dich und such gefälligst das Schwert!“
Cedric fluchte lautstark. „Dafür wirst du bezahlen!“ Seine Gedanken rasten und er war außer sich vor Sorge um Anne.

Umgehend teleportierte er sich in ihr Schlafzimmer und blickte auf die schlafende Gestalt, die seit über fünf Jahrhunderten sein Herz in Händen hielt. Schwach konnte er ihre Seele spüren, die zart wie eine Feder seine Sinne streifte.
Anne lag auf der Seite und war bis zur Nasenspitze in ihre Decke gehüllt. Ihr blondes Haar ergoss sich über das Kissen und lud ihn ein, es zu berühren. Kurzerhand materialisierte er sich und strich sachte über ihre sanften Wellen, fühlte deren Weichheit unter seiner rauen Haut. Wie flüssiges Gold glitten ihm die Strähnen durch die Finger. Sie war das Licht in seiner finsteren Existenz, sein Leben, seit er sie zum ersten Mal erblickt hatte. Damals war er als junger Ritter voller Idealismus, in den Dienst ihres Vaters getreten. Es war eine Ewigkeit her, doch seine Liebe war stärker als je zuvor.
Cedric lauschte ihren gleichmäßigen Atemzügen. Sanft strich er über ihre Wange und genoss die Berührung. Ein letztes Mal wollte er noch ihre warme Haut spüren, sich ein letztes Mal in ihrem Licht sonnen. Damit dieser kleine Funken seine Existenz in der Dunkelheit erleuchten konnte. Denn er hatte eine Entscheidung getroffen, von der es kein Zurück mehr geben würde. Er würde sich der dunklen Seite anschließen, ohne Wenn und Aber. Samuel würde bezahlen für das, was er getan hatte und dafür brauchte er Luzifers Vertrauen.
Er musste sich dazu zwingen, die Berührung zu beenden. Seine Hand wollte ihm jedoch nicht gehorchen und es kostete ihn unendlich viel Kraft, sie zurückzuziehen. Seine Finger zur Faust geballt, drehte er sich weg. Der Sturm, der in ihm tobte, rief den Krieger in ihm hervor und er schwor sich, alles dafür zu tun, Anne zu beschützen.

18

Cedric teleportierte sich zu Thomas’ Wohnung, die er jedoch leer vorfand. Er fischte sein Handy aus der Hosentasche und rief ihn an.
„Komm sofort zu dir nach Hause!“, blaffte er ins Telefon und keine zwei Sekunden später war der Schutzengel auch tatsächlich aufgetaucht. „Ich freu mich echt, dich zu sehen, aber Wahnsinn, Cedric. Deine Energie ist echt gruselig.“ Er schüttelte sich und ging einige Schritte zurück.
„Wir haben ein Problem!“, begann Cedric ohne Umschweife
„Geht’s dir gut? Ich mache mir Sorgen -“
„Ach, hör auf mit der Gefühlsduselei“, fiel Cedric ihm ins Wort. „Mach dir lieber Sorgen um Anne.“
„Ich weiß, sie hat abgenommen, aber ich dachte -?“
„Samuel hat einen Teil ihrer Seele entfernt und hält ihn versteckt.“
„Das gibt’s doch nicht! Warum hat er das getan?“, rief der Schutzengel bestürzt.
„Um mich zu erpressen. Damit ich schön brav seine Befehle befolge.“
„Und was will er?“
Cedric berichtete ihm von Erzengel Michaels mächtigem Schwert, mit dem er Luzifer einst besiegt hatte und dass es bei dem Kampf zerstört und in Tausende Splitter zerschlagen worden war. „Luzifer sucht seit einer Ewigkeit nach den Teilen und hat bereits fast alle gefunden.“
Thomas starrte ihn mit offenem Mund an. „Wirst du es Samuel bringen?“
Cedric wich seinem Blick aus, und der Schutzengel ließ nicht locker. „Was hast du vor?“
„Ich werde ihn töten, gleich nachdem ich den fehlenden Teil von Annes Seele habe.“
Thomas nickte. „Ich werde in der Zwischenzeit meine übrigen Schützlinge abgeben und ihr nicht von der Seite weichen.“
„Danke, Mann.“ Cedric fasste ihn kameradschaftlich an der Schulter.
„Kein Thema. Eines jedoch verstehe ich an der ganzen Sache nicht. Wenn das Schwert eine so mächtige Waffe ist, sobald Luzifer es zusammengesetzt hat, warum sollst du dann genau darauf warten? Weshalb befiehlt Samuel dir nicht, es gleich zu zerstören, sobald du es gefunden hast?“
„Keine Ahnung, aber was auch immer in seinem kranken Hirn vorgeht, er hat seinen Untergang bereits eingeläutet.“

***

Kaum hatte er sich nach Russland teleportiert, marschierte er auch schon den langen Gang zu Luzifers privaten Gemächern entlang. Er war so voller Wut auf Samuel und dessen krankes Spiel, dass sich bereits ein Plan in seinem Gehirn geformt hatte. Energisch klopfte er an die hölzerne Tür und –
„Cedric, was führt dich zu mir?“
„Ich bitte dich um ein Gespräch.“
Musternd trat Luzifer zu ihm und deutete ihm, auf dem Sofa Platz zu nehmen. „Du wirkst aufgewühlt, mein Bruder. Was ist geschehen?“
Und Cedric erzählte ihm alles, er berichtete von seiner Zeit als Ritter, seiner Rekrutierung in Michaels Armee, seiner Degradierung zum Aushilfs-Schutzengel und Annes Wiedergeburt. Er beschrieb Samuels Verrat, der zu seinem eigenen Fall geführt hatte, ließ das Schwert und dessen Rolle jedoch unerwähnt. Stattdessen berichtete er Luzifer, er habe von Samuel den Befehl erhalten, ihn auszuspionieren und Schwachstellen zu finden.
„Hast du noch immer vor, Samuel Informationen zu geben?“
„Ich muss.“ Er berichtete von Annes fehlendem Seelenstück. „Ich werde ihn dafür töten. Wäre da nicht Annes Seele, würde ich keine Sekunde lang zögern.“
Luzifer schien zu überlegen und musterte Cedric eindringlich. „Wenn Samuel sogenannte Insiderinformationen haben möchte, dann wirst du ihm welche geben.“
Überrascht sah Cedric ihn an und war heilfroh, dass sein Plan aufzugehen schien. Er hatte gewusst, dass er mit einem großen Teil der Wahrheit rausrücken musste. Luzifer war zu schlau, um ihn in allen Belangen zu belügen. Cedric hatte hoch gepokert, indem er sich als Spion geoutet hatte.
„Ich danke dir für deine Ehrlichkeit“, Luzifer lächelte ihn offen und ehrlich an. Konnte das wahrlich dessen Ernst sein?
„Wir werden die Seele deiner Liebsten zurückbekommen. Er kann sie nur im Himmel versteckt haben, denn dort ist der einzige Ort, an den wir nicht gelangen können. Hilf mir, Cedric und ich helfe dir.“
Cedric wusste genau, was er da tat. Er befand sich an einem Scheideweg und ging, ohne zurückzublicken, direkt in die Finsternis. „Du hast mein Wort.“
„Wirst du dich mir anschließen? Vollends und ohne Kompromisse?“
„Ja.“
Luzifer nickte. „Gut. Da du mich tausende Dämonen gekostet hast, ist es nur fair, wenn du deren Ausbildung überwachst. Bring ihnen alles bei, was du kannst und ich verspreche dir, du wirst die Seele deiner Frau befreien.“
Cedric erhob sich und ging während Luzifer alleine zurückblieb und nachdachte. Keine Minute später öffnete sich eine geheime Tür und Valerius trat ein und richtete das Wort an Luzifer.
„Er hat das Schwert mit keiner Silbe erwähnt.“
Der dunkle Herrscher grinste. „Nein, das hat er nicht. Aber er hat erkannt, dass er mein Vertrauen braucht und ich bin bereit, es ihm zu geben.“
„Warum tust du das?“
„Weil Cedric ein würdiger Gegner in diesem Spiel ist und ich seine Fähigkeiten gut gebrauchen kann. Wenn er meine Dämonen drillt, dann kann Michael sich warm anziehen.“ Luzifer rieb sich voller Vorfreude die Hände. „Cedric und ich haben soeben eine Partie Schach auf höchstem Niveau begonnen. Obwohl ich seine nächsten Züge nicht kenne, weiß ich doch sein Ziel. Er will das Schwert.“
„Und du lässt das zu?“, fragte Valerius ungläubig.
„Genau das werde ich tun, aber bis es soweit ist, wird er meine Armee ausbilden und mir die fehlenden Teile der Waffe besorgen“, Luzifer grinste verheißungsvoll. „Und das wird ihn brechen.“

***

Wenig später hielt Cedric bereits einem Dämon die Klinge an den Hals. „Ich dulde keinen Ungehorsam!“ Donnernd hallten seine Worte durch das Übungsgelände im nördlichsten Teil von Sibirien, dort, wohin sich kein Mensch jemals verirrte, monatelang kein Sonnenlicht zu sehen war und nichts als Kälte herrschte. Er fühlte weder Eis noch Frost, nur das Knirschen des Schnees unter seinen Stiefeln, und der Nebel seines Atems zeugte von der rauen Umgebung.
„Aufstellung!“, brüllte er. „Noch mal von vorn!“ Mit dem Drill seines ehemaligen Hauptmanns, damals als Knappe, trainierte er die Dämonen bis zur völligen Verausgabung. Nachdem er ihnen die einzelnen Techniken, Angriffe und Paraden des Schwertkampfes beigebracht hatte, ließ er sie sich nun in Reihen aufstellen und die einzelnen Bewegungsabläufe immer und immer wieder ausführen. Zwar brauchte man Jahre an täglichem Training, um die Kunst zu perfektionieren, aber er hielt sich hier an die Basics.
„Anheben über den Kopf! Haltet ihr das Schwert zu hoch, fallt ihr nach hinten. Haltet ihr es zu tief, habt ihr nicht genug Schwung.“ Er ging entlang der Reihen und verfolgte akribisch jedes Manöver. „Rechtes Bein nach vorn! Angriff!“ Die Dämonen vollführten einen Hieb mit der Klinge von rechts oben nach links unten.
„Ziel ist es, das linke Schlüsselbein des Gegners im Winkel von fünfundvierzig Grad zu treffen. Damit zerschmettert ihr ihm schräg den ganzen Brustkorb und die Klinge tritt unterhalb der rechten Rippen wieder aus. Wiederholen!“ Erneut ließ er sie in Stellung gehen und dann noch mal und immer wieder.

19

Als es an der Tür klopfte, war Anne bereits fertig angezogen, da sie den Abend mit Rachel verbringen wollte. Seit Anne sich geweigert hatte, eine Therapie zu beginnen, hatte das sonst so innige Verhältnis zu ihrer Schwester einen Dämpfer davongetragen. Obwohl sie nur geringe Lust verspürte, auszugehen, freute sie sich dennoch auf gemütliche Stunden mit Rachel. Also schnappte sie sich ihre Tasche und öffnete die Tür. Rachel sah sie mit schuldbewusstem Blick an und Anne wurde stutzig. „Was ist los?“
„Flipp nicht gleich aus.“ Sie deutete zum Auto. „Mark und Patrick kommen auch mit.“
„Das kommt nicht infrage!“ Anne wurde ärgerlich.
„Ach, komm schon, hab dich nicht so. Es ist doch nur ein Abend.“
„Darum geht es nicht.“ Anne stieß aufgebracht die Luft aus. „Es geht darum, dass ich kein Date haben will.“
„Es ist kein Date, Anne. Das ist ein Freund von Mark und du kennst ihn. Ich kann nichts dafür, dass er ausgerechnet heute Abend in der Stadt ist“, erwiderte Rachel unverfroren.
„Ich will nicht mit einem Mann zwangsbeglückt werden!“ Als Rachel antworten wollte, unterbrach Anne sie schnell. „Und wenn es hundertmal der Freund deines Mannes ist, das ist mir egal.“
„Jetzt stell dich nicht so an. Es ist nur ein Abend! Du wirst es ja wohl überleben, einmal nicht auf deiner Couch zu sitzen und dir irgendeine Schnulze anzuschauen!“
Anne zog bestürzt die Luft ein und Rachel hob entschuldigend die Hände. „Tut mir leid. Das ist zu schroff rübergekommen.“ Sie strich ihr über den Arm und sah sie flehentlich an. „Bitte, Anne, komm mit. Ihr kennt euch doch schon ewig und er hat nach dir gefragt. Was hätte ich denn sagen sollen?“
„Du hättest sagen können, ich wäre krank.“
„Das hätte ich, aber ich glaube wirklich, dass dir ein Abend unter Freunden guttun wird. Du bist einfach nicht mehr du selbst und ich vermisse meine Schwester. Bitte lass uns einen netten Abend verbringen und ich verspreche dir, wenn du möchtest, dann gehen wir nach einem Drink wieder.“
Anne gab sich geschlagen und Rachel fiel ihr um den Hals und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. In dem Moment erschien ein Mann in der Tür und Anne sah sich einem mittelgroßen Mann in Anzug mit akkurat geschnittenen, hellbraunen Haaren gegenüber.
„Hi, Patrick.“ Dieser küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. „Hallo, Anne, schön, dich mal wiederzusehen.“ Er grinste sie breit an und Anne sah in seine freundlichen, blauen Augen, doch in ihrem Inneren rührte sich nichts. Nur bei dem glühenden Blick eines anderen Mannes rann ihr ein Kribbeln durch den Körper.
Rachel trieb sie an und schob sie zur Tür hinaus. Zusammen gingen sie die Einfahrt entlang und brausten davon.

***

Ich bring ihn um!, war Cedrics erster Gedanke. Dieser schmierige Kerl im Anzug wagte es, sich Anne zu nähern. Der Typ ist so gut wie tot! Wieder hatte Cedric sich vor Annes Haus teleportiert und stand unsichtbar unter dem großen Baum auf der anderen Straßenseite. Er hatte nur kurz sehen wollen, ob es ihr gut ging, was es offensichtlich tat, wenn sie mit einen schmierigen Anzugträger ausgehen konnte.
Er materialisierte sich und hoffte, noch etwas von ihrem Duft wahrnehmen zu könne und tatsächlich lag ein Hauch von Rose in der Luft. Er sog ihn tief ein, schloss die Augen und ließ den Geruch durch sich hindurchströmen. Sie hatte Rosen immer gemocht. Das hat sie also nicht vergessen, dachte er ärgerlich.
Frustriert stieß er die Luft aus und raufte sich die Haare. Er wollte es sich nicht ausmalen, doch sein masochistisches Selbst quälte ihn mit Bildern einer vergnügt lachenden Anne, die Spaß hatte. Mit einem anderen Mann! Die sich vielleicht sogar in ihn verliebte. Anne, die diesen Typen küsste, ihn voller Liebe anblickte. Er sah zerwühlte Laken und hörte ihr lustvolles Stöhnen. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich darauf, sich ihre Berührungen vorzustellen. Wie sie es geliebt hatte, ihm durch die Haare zu streicheln … Er fühlte ihre Hände auf seinem Körper und ihre Lippen, die ihn zunächst mit unerträglicher Süße küssten und dann fordernder und leidenschaftlicher wurden …
Wieder einmal hatte er nichts als seine Erinnerungen und wieder einmal würde die Zeit seine Wunden nicht heilen. Er war sich sicher, dass die Erinnerungen eines Gefallenen Engels ebenso wenig verblassen würden wie die eines Engels des Herrn. Er lachte frustriert auf. Als würde er das wollen … sie vergessen … Niemals würde er sich das Wertvollste nehmen lassen, das ihm noch geblieben war.

Er ballte die Hände zu Fäusten. Er wollte, dass sie ein glückliches Leben führte! Doch musste es ausgerechnet mit diesem langweiligen Idioten sein? Cedric hatte in dem Moment, als er gesehen hatte, wie der Mann sich zu ihr hinab beugte, die Luft angehalten und sich darauf konzentriert, ihn nicht zu töten. Zu sehen, wie Anne ihn daraufhin zögerlich angelächelt hatte, hatte ihm beinahe den Boden unter den Füßen weggezogen. Nun ging sie mit ihm aus und Cedric fühlte sich machtlos und frustriert. Er stand da wie ein Idiot unter dem beschissenen Baum und Anne hatte ein Date.
Find dich damit ab! Du hast es so gewollt!, redete er sich ein. Doch so recht konnte er sich nicht selbst belügen. Der bittere Geschmack des Verlustes und die unerträgliche Sehnsucht nach ihr hatten sich bereits tief in sein Herz gebrannt.
Ich sollte von hier verschwinden und niemals wieder zurückkommen, dachte er und starrte mit regungsloser Miene und geballten Fäusten die leere Straße hinunter, bis Kieran ihn gedanklich rief und er wieder einmal mit ihm durch die Nacht streifte. Auch wenn Kierans Methode primitiv war, war sie doch genau das, was er jetzt brauchte.

20

„Anne, du bist noch hübscher, als in meiner Erinnerung“, ein blaues Augenpaar war hoffnungsvoll auf sie gerichtet und Anne wand sich innerlich.
„Vielen Dank für das Kompliment.“ Bereits den ganzen Abend lag Patricks ungeteilte Aufmerksamkeit auf ihr und Anne sehnte das Ende dieser Misere sehnsuchtsvoll herbei. Sie überlegte, wie sie seine Annäherungsversuche ein für alle Mal abdrehen konnte, ohne ihn zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Ein neuer Song erklang und Patricks Gesicht begann zu strahlen. Bitte, alle höheren Mächte dieser Welt, lasst ihn nicht tanzen wollen.
„Ich liebe dieses Lied. Anne, darf ich bitten?“ Eng umschlungen und ohne Möglichkeit zur Flucht? „O Gott, nein“, stieß sie hervor, doch sogleich tat es ihr leid. „Entschuldige, ich meine, das geht nicht. Ich fürchte, ich muss auf die Toilette … schrecklich dringend.“
Schwungvoll erhob sie sich und zerrte ihre Schwester energisch mit sich in Richtung der Sanitäranlage. Kaum hatte sie die Tür geschlossen, stellte sie Rachel zur Rede. „Ist dir aufgefallen, dass Patrick offensichtlich glaubt, wir hätten ein Date?“, fauchte sie böse.
Rachel hob abwehrend die Hände. „Hey, mach mal langsam. Was ist nur los mit dir?“
Anne funkelte sie aufgebracht an. „Bist du ernsthaft dabei, mich zu verkuppeln?
„Nur ein klein wenig“, gab sie schließlich zu. „Patrick hat gefragt, ob du Single wärst und was ist denn so schlimm daran? Es kann ja nicht schaden, wenn du dich ein wenig umsiehst.“
„Ich sage es dir nun in aller Deutlichkeit. Ich will kein Date!“ Völlig angespannt stand Anne da. „Alles, was ich will, ist -“
„Was, Anne? Was willst du?“, fiel Rachel ihr ins Wort. Doch Anne wusste keine Antwort. Das Bild des dunkelhaarigen Mannes, Cedric, blitzte durch ihre Gedanken und wieder einmal hatte sie das dringende Gefühl, sich an etwas Wichtiges erinnern zu müssen. Sie konnte es nur nicht greifen, da war lediglich eine große Leere in ihrem Kopf.
„Ich weiß es nicht“, stammelte sie verwirrt und sah Rachel mit großen Augen an.
„Anne, ich mache mir Sorgen um dich. Möchtest du nach Hause?“, fragte sie und streichelte ihr liebevoll über den Arm. „Wir sagen einfach, du hättest Kopfschmerzen.“
Anne schüttelte den Kopf. „Nein. Bleibt ihr ruhig. Ich werde mir ein Taxi nehmen. Gib mir nur eine Minute. Ich komme gleich nach.“ Rachel nickte und ging.
Kurze Zeit später hatte sie sich etwas frisch gemacht und trat kraftvoll aus der Tür. In der hintersten und finstersten Ecke, direkt neben dem Notausgang, lehnte die Gestalt eines Mannes. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, denn es lag im Dunkeln, doch irgendetwas an ihm erregte ihre Aufmerksamkeit. Er trug schwarze Cargohosen und Armeestiefel, dazu ein schlichtes, schwarzes Shirt, das sich eng an seinen muskulösen Oberkörper schmiegte. Er stand einfach nur da, doch seltsamerweise kam ihr etwas an ihm vage bekannt vor. Vielleicht war es seine Ausstrahlung? Da war etwas Vertrautes und gleichzeitig auch ein Hauch Gefahr.
Anne fühlte sich wie magisch von ihm angezogen. Wieso konnte er nicht ein klein wenig ins Licht rücken, sodass sie sein Gesicht sehen konnte? Nur ein kleiner Schritt! Etwas trieb sie an und sie ging in seine Richtung. Als sie sich ihm näherte, erstarrte er, was sie an seiner Haltung erkennen konnte. Verkrampft hielt er sich am Tresen fest.
Seltsam, dachte sie. Sie kannte ihn doch überhaupt nicht. Da machte er einen Schritt zurück und drehte sich weg. Er stürmte regelrecht zur Hintertür hinaus und versuchte dabei, sich im Verborgenen zu halten. Sie war sich trotzdem sicher, dass es der Mann aus ihrem Kopf gewesen war. Seine Haltung, die Art, wie er sich bewegte, all das kam ihr so vertraut vor.

Cedric rannte in den Hinterhof und lehnte sich schwer atmend an die schmutzige Fassade. Sein Herz raste und er hatte das Gefühl, als bekäme er nicht genug Luft. Da drinnen war Anne! Er hatte ihre Seele sofort gespürt. Was machte sie bloß in diesem Schuppen? Von allen Bars in New York hatte sie sich ausgerechnet diejenige ausgesucht, wo er auf Seelenfang war? Seine Hände hörten nicht auf zu zittern und er fuhr sich frustriert durch die Haare.
Sie sollte nicht hier sein! Hunderte Gedanken strömten gleichzeitig durch seinen Kopf und zogen seinen Verstand in einen wirren Strudel hinab. Da riss ihn das Knarren der Tür aus seinen Grübeleien. Sie wird doch wohl nicht so unvernünftig sein und einem wildfremden Mann in einen dunklen Hinterhof folgen! Und ob sie es war. Natürlich. Er hielt den Kopf weiterhin gesenkt. Er würde auf jeden Fall den Blickkontakt mit ihr vermeiden.

Anne öffnete vorsichtig die Tür und spähte hinaus in den schäbigen Hinterhof, der gerade mal von einer altersschwachen Laterne beleuchtet wurde. Sie trat auf den Platz und drehte sich im Kreis – dann sah sie ihn. Er lehnte an der Mauer außerhalb des Lichtscheins und hatte den Oberkörper etwas nach vorn geneigt. Er wirkte, als wäre ihm übel.
„Ist alles in Ordnung?“
„Du solltest wieder hineingehen!“, hörte sie ihn aus dem Dunkel antworten. Beim Klang seiner Stimme rann ihr ein angenehmes Kribbeln durch den Körper. Sie war tief, maskulin und definitiv sexy.
„Wer bist du?“
„Ich bin der, der dir sagt, dass du nicht hier sein solltest!“
Anne ignorierte seine Aussage. „Ich habe dich schon einmal gesehen.“ Sie hörte ihn frustriert auflachen.
„Ich bin übrigens Anne“, fuhr sie unbeirrt fort, doch er antwortete nicht.
„Und wie ist dein Name?“ Sie würde sich nicht so leicht abschütteln lassen. In ihrem Traum hatte er Cedric geheißen, doch das war im Mittelalter gewesen. Sollte dieser Mann ihr Seelenverwandter sein, dann würde sie nicht locker lassen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu.
„Komm nicht näher!“, fuhr er sie an und sie blieb irritiert stehen. „Wieso nicht? Ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht.“ Sie musterte ihn, soweit das im Halbdunkel möglich war. „Ich meine, du lehnst hier, als müsstest du dich jeden Moment übergeben. Ich bin Ärztin. Zwar für Tiere, aber vielleicht kann ich dir trotzdem helfen.“

Ihr verfluchtes Helfersyndrom!, schimpfte Cedric in Gedanken. Wie konnte er sie bloß loswerden?
„Ich meine, besser die Hilfe einer Tierärztin als gar keine, oder?“
Das ist so typisch für sie, dachte er frustriert. Offenherzig und mit der Angewohnheit, alles und jedem helfen zu wollen. In einem anderen Leben wäre er jetzt belustigt gewesen. Doch in diesem war er es nicht.
„Ich sage es dir ein letztes Mal. Geh wieder hinein!“, aber sie blieb stehen und er wusste, dass sie sich im Kreis drehten. Das könnte sie noch ewig so weitermachen, denn sein Argument beeindruckte sie offensichtlich nicht.
„Dann sag mir, wieso ich das Gefühl habe, dich zu kennen. Und weshalb ich mich nicht an dich erinnern kann.“
„Du kennst mich nicht.“ Sein Innerstes brannte wie Höllenfeuer, so weh tat es, diese Worte auszusprechen.
„Wahrscheinlich ähnele ich bloß jemanden.“ Deinem Mann, den es nicht mehr gibt.
Sie schien zu überlegen und er schwieg.
„Und wieso ist mir dann gesagt worden, dass ich mich dringend an dich erinnern soll? Und dass ich dich vor einigen Wochen zuletzt gesehen habe?“
Da stand er auf und trat aus dem Dunkel in den Schein der Glühbirne und richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Wer hat dir das erzählt?“, aber Anne antwortete ihm nicht, sie starrte ihn an, als hätte sie einen Geist gesehen.
„Dein Gesicht“, hauchte sie fassungslos. „Deine Augen …
Wer bist du?“
Er machte einen Schritt auf sie zu. „Das tut nichts zur Sache. Ich habe dich etwas gefragt. Also nenn mir den verdammten Namen!“
„Deinen Befehlston kannst du dir sonst wohin stecken!“, fauchte sie. „Ich will wissen, wer du bist und wieso ich mich nicht an dich erinnern kann!“ Sie ballte die Hände zu Fäusten und ihre grünen Augen funkelten vor Zorn.
Sein Blick wanderte zu ihren Händen und wieder hinauf zu ihrem Gesicht. Er grinste und sie wurde scheinbar richtig sauer.
„Findest du das etwa lustig?“, fuhr sie ihn an. „Sag mir gefälligst, was hier los ist!“
Er lachte und hob beschwichtigend die Hände. „Okay, ich mach dir einen Vorschlag. Ich verrate dir meinen Namen und du sagst mir, wer dir geraten hat, dich zu erinnern.“
Misstrauen lag in ihrem Blick, doch neugierig wie sie war, stimmte sie zu. „Gut. Du fängst an.“
„Mein Name ist Cedric.“ Gespannt wartete er auf ihre Reaktion. Löste das irgendetwas in ihr aus? Er ertappte sich dabei, dass er gespannt die Luft anhielt.
„Wie in meinem Traum“, hauchte sie ergriffen.
„Verdammt! Anne!“, stieß er laut hervor und merkte, wie sie zusammenzuckte und ihn erschrocken ansah.
„Tut mir leid.“ Sie hatte von ihm geträumt? Mist! Die Erinnerungen dieser Frau waren nicht kleinzukriegen. Sein dummes Herz machte einen freudigen Sprung, doch sein Verstand rebellierte. Das war nicht das, was er für sie geplant hatte. Er fuhr sich durch die Haare und versuchte, sich zu beruhigen. „Was hast du geträumt?“

Sie dachte an den leidenschaftlichen Sex, den sie auf dem Stroh gehabt hatten und lief rot an. Gleichzeitig durchströmte sie eine prickelnde Hitze und sie musterte ihn von oben nach unten, betrachtete die Muskeln unter dem eng anliegenden Shirt. Seine dunklen Haare waren zu lang und gaben ihm etwas Verwegenes und Rebellisches. Mit seinen Augen, die in dem Zwielicht beinahe schwarz wirkten, sah er sie nicht wie sonst in ihrem Geist verlangend oder sehnsüchtig an, sondern nun war seine Miene verschlossen und abwartend.
Also berichtete sie ihm von dem Stall aus vergangenen Zeiten, von den Pferden und dass sie ihn im Schlaf beobachtet hatte. Dass sie wilden Sex gehabt hatten, ließ sie wissentlich aus. Doch seinem süffisanten Grinsen nach zu urteilen, wusste er es auch so. O Gott, wie war ihr das peinlich!
„Woher weißt du, dass wir …? Ich meine …“ Sie stieß entnervt die Luft aus. „Ach, hör schon auf, so dämlich zu grinsen! Sag mir lieber, wie es möglich ist, dass ich etwas aus einem früheren Leben träume und damit nicht genug, du hier vor mir stehst und dich offensichtlich ebenfalls daran erinnerst!“
Doch er schüttelte den Kopf. „Nein, Anne, so läuft das nicht. Ich habe dir meinen Namen genannt und jetzt bist du dran. Also, mit wem hast du gesprochen?“
Sollte sie es ihm wirklich verraten? Zugegeben, es war nun ein wenig spät, sich darüber Gedanken zu machen. Doch selbst wenn sie ihm den Namen nannte, konnte Cedric wahrscheinlich gar nichts damit anfangen. Und sollte Melanie wirklich recht haben und er ein Schutzengel sein, hatte er dann nicht auch Mittel und Wege, sich selbst zu schützen? Für den unwahrscheinlichen Fall, dass dieser Mann ihm überhaupt etwas anhaben konnte.
„Thomas“, hauchte sie.
„Verdammt!“, fluchte er. „Das kann doch nicht wahr sein!“
„Kennst du ihn etwa?“, fragte sie erstaunt und merkte, dass sie erneut zornig wurde. „Jetzt verrate mir endlich, was hier gespielt wird!“ Sie sah, wie seine Miene sich veränderte.
„Thomas“, war alles, was er sagte. Der drohende Ton in seiner Stimme verursachte ihr Gänsehaut. War er eben noch einigermaßen zugänglich gewesen, war er nun düster und abweisend. Er baute sich bedrohlich vor ihr auf und plötzlich wurde sie sich der unheimlichen Stille bewusst. Kein Straßenlärm, keine Musik und keine Stimmen aus dem Inneren der Bar waren zu hören. Nur Grabesstille. Als nun auch noch das schwache Licht der Laterne zu flackern begann, wurde ihr richtig unheimlich zumute.
„Was geschieht hier?“
Er kam noch einen Schritt auf sie zu und verzog einen Mundwinkel zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln sein sollte. „Ich gebe dir einen Grund, warum du nicht hier sein solltest.“
Instinktiv wich sie ein wenig vor ihm zurück. Bildete sie sich den Ausdruck auf seinem Gesicht bloß ein? War das, was eine Sekunde lang aufgeblitzt war, so etwas wie Bedauern? Oder gar Schmerz? Groß und eindrucksvoll stand er vor ihr, mehrere Schritte von ihr entfernt. Sie musterte ihn. Sein gequälter Blick traf sie mitten ins Herz.
„Ich verstehe nicht, was das alles soll, aber ich finde es heraus. Da kannst du Gift drauf nehmen!“
„Das wirst du nicht!“, erwiderte er scharf.
„Könnt ihr euch mal einigen? Der eine erklärt mir, wie dringend ich mich erinnern soll und du willst es mir verbieten?“ Sie baute sich vor ihm auf und stemmte die Hände in die Hüften. Trotzdem war sie ein ganzes Stück kleiner als er.
„Du überschreitest deine Kompetenzen!“, warf sie ihm selbstbewusst an den Kopf. „Ich will wissen, was hier los ist. Ich verstehe einfach nicht -“
„Du verstehst vieles nicht, Anne“, fiel er ihr ins Wort. Plötzlich fröstelte sie. Sie spürte die Kälte, die ihre Beine hinaufkroch und bis in ihre Knochen fuhr. Sie schlang die Arme um sich und blickte sich verständnislos um. Da peitschte ihr ein eisiger Wind ins Gesicht und trieb ihr Tränen in die Augen. Papiere, Getränkedosen und Pappschachteln, die soeben noch als Müll den Boden des Innenhofs bedeckt hatten, flogen um sie herum und stiegen immer höher. Ihr war so kalt und sie hatte Angst! Sie stolperte hastig einige Schritte nach hinten und sah zu ihm, doch seine Miene war undurchdringlich. Kühl und abweisend starrte er sie an. Das spärliche Licht der Glühbirne flackerte wild und der Wind surrte unheimlich um sie herum. Anne wich zurück und floh durch die rettende Tür, die zurück in die Bar führte.
Drinnen lehnte sie sich dagegen und versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen. Was war dort draußen geschehen? Sie hatte keine Erklärung, doch sie wusste, dass dieser Mann etwas Unheimliches und Gefährliches ausstrahlte. Und doch war sie sich sicher, dass er ihr nichts angetan hätte. Wenn dem so gewesen wäre, hätte er sie nicht fliehen lassen. Und sie musste kein Genie sein, um zu wissen, dass sie keine Chance gegen ihn gehabt hätte.
Schwer atmend blieb sie noch einige Minuten an die Tür gelehnt, bis ihr Puls sich wieder normalisiert hatte. Dann siegte ihre Neugierde. Sie öffnete die Tür nur einen kleinen Spalt weit und schielte in den Hinterhof. Er war leer! Wie konnte das sein? Es gab nirgendwo einen Ausgang und doch war der Mann nirgends zu sehen. Wo war er bloß hin verschwunden? Und vor allem … Wie?
Ihre Gedanken überschlugen sich. Wer war er? Zuerst tauchte er in ihrem Geist auf und nun war sie ihm tatsächlich begegnet. Und er hatte die Szene aus ihrem Traum ebenfalls gekannt. Wie peinlich! Sie musste so schnell wie möglich Melanie treffen. Ihre Freundin war schließlich ganz schön schräg. Vielleicht konnte sie ihr weiterhelfen. Kurzerhand rief sie sie an und sie verabredeten sich für den nächsten Tag nach der Arbeit. Wie sie die Zeit bis dahin überstehen sollte, wusste sie nicht.

21

Cedric hatte sich in Thomas’ Wohnung teleportiert. Der Schutzengel war selbst schuld, wenn er keine Vorkehrungen zum Schutz vor Wesen der Dunkelheit getroffen hatte.
„Was zum Teufel fällt dir ein?“, donnerte er, als er Thomas auf dem Sofa meditierend entdeckte.
„Verdammt!“, fuhr der hoch. „Hast du mich erschreckt.“
„Welches Recht nimmst du dir raus, mit Anne zu sprechen?“, fuhr Cedric ihn an.
„Beruhige dich, Mann.“
„Ich habe dich was gefragt!“
„Es war eine blöde Idee, ihre Erinnerungen zu löschen.“
„Nein“, erwiderte Cedric vehement. „Sie soll nicht wieder leiden. Und es steht dir nicht zu, meine Entscheidung infrage zu stellen!“
„Das tut es sehr wohl!“, brauste Thomas auf. „Ich bin ihr Schutzengel und du hast mich selbst darum gebeten, auf sie aufzupassen! Und nichts anderes mache ich.“
„Das nennst du aufpassen? Du weißt genau, was passiert, wenn sie ihre Erinnerungen wiederbekommt.“
„Nein, das weiß ich nicht.“
„Sie wird leiden … und schließlich sterben.“
„Spinnst du?“ Thomas musterte ihn fassungslos.
Cedric ging auf ihn zu. „Ich lasse nicht zu, dass ihr etwas zustößt und wenn du nicht aufhörst, dich einzumischen, schwöre ich dir, werde ich dich umbringen!“
„Kannst du mir mal erklären, wovon du überhaupt sprichst? Warum sollte sie sterben?“
„Es wird genauso sein wie schon einmal. Die Geschichte wird sich wiederholen.“
„Das wird sie nicht! Wie kann man nur so verbohrt sein? Es stimmt, damals ist sie an deinem Tod und an dem eurer Tochter zerbrochen, doch das heißt nicht, dass es wieder so geschehen wird. Sie ist heute älter als ihr früheres Ich und wesentlich stärker. Sie ist eine moderne Frau, die mitten im Leben steht und es glänzend meistert.“
Cedric schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht zulassen, dass du sie gefährdest!“
„Und ich lasse mir nicht in mein Handwerk pfuschen! Hast du sie dir einmal angesehen?“
„Was meinst du?“
„Sie ist dünn, Cedric! Merkst du das nicht? Sie ist nicht gesund.“
Cedric gab zu, dass sie abgenommen hatte. „Das hat alles mit dem fehlenden Teil ihrer Seele zu tun.“
„Und damit, dass du und Samuel in ihrem Kopf herumgepfuscht habt. Wie kommst du nur auf die Idee, dass es ein guter Plan ist, einem Menschen die Erinnerungen zu löschen?“
„Wieso nicht? Sie soll nicht um mich trauern.“
Thomas schnaubte. „Sie hat ein Recht auf ihre Vergangenheit mit allen guten und schlechten Erinnerungen, den schmerzhaften genauso wie den glücklichen.“
„Nein“, erwiderte Cedric energisch. „Das Risiko ist einfach zu groß. Vor fünf Jahrhunderten habe ich ihr bei unserer Hochzeit geschworen, sie vor jeglichem Leid zu beschützen und nichts anderes tue ich.“
Thomas verdrehte die Augen. „Wie kann man nur so verbohrt sein? Samuel hat einen Teil ihrer Seele und du lässt ihre Erinnerungen löschen. Was bleibt noch von einem Menschen übrig, der beides nicht mehr vollständig hat? Ich sage dir, das ist nicht richtig. Anne braucht ihr vollständiges Gedächtnis, damit Körper und Geist im Einklang sind. Alles andere ist Wahnsinn und du hast keine Ahnung, wo das hinführen wird.“
„Meine Antwort bleibt Nein! Ich werde ihre Seele vervollständigen und wenn es das Letzte ist, was ich tue, aber ihr Gedächtnis bleibt gelöscht“, entgegnete Cedric. Sein alter Freund, oder was auch immer Thomas für ihn gewesen war, starrte ihn wütend an. „Ich frage dich aber nicht!“
„Ich warne dich, Thomas! Wenn du nicht aufhörst, werde ich jeden einzelnen deiner Schützlinge ausfindig machen und ihnen den Deal ihres Lebens anbieten, um ihre Seelen zu nehmen. Und nach ihrem Tod werden sie für immer in der Hölle schmoren und du kannst rein gar nichts dagegen tun.“
Thomas sog erschrocken die Luft ein. „Das wagst du nicht!“
Doch Cedric lächelte nur kalt. „Willst du wetten?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, verschwand er und ließ den entsetzten Thomas alleine zurück. Der Schutzengel starrte ins Leere und überlegte, was er denn jetzt tun sollte. Würde Cedric es wirklich wagen? Nun, er würde sich jedenfalls nicht darauf verlassen, dass er Skrupel hatte. Für Cedric hatte immer nur Anne gezählt und Thomas wusste, dass er, wenn nötig, über Leichen gehen würde. Die Kernfrage war also, konnte er es verantworten, seine anderen Schützlinge in Gefahr zu bringen? Er hegte keinen Zweifel daran, dass es Cedric gelingen würde, sie ausfindig zu machen. Doch andererseits musste er auch Anne helfen und sein Gefühl schrie geradezu, dass ihre Erinnerungen der Schlüssel zu etwas viel Größerem waren. Frustriert stieß er die Luft aus. Wenn diese Sache überstanden war, würde er Urlaub einreichen, auf irgendeine Insel verschwinden und nicht so schnell wiederkommen.

 

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Andie Krown – Das Licht der Seele

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Andie Krown wurde 1980 in Wien geboren und studierte in ihrer Heimatstadt Medizin. Seit 2005 ist sie als Ärztin tätig. Ihre Erfahrungen im Umgang mit Menschen sowie im Bereich der Sterbebegleitung verarbeitet sie im Schreiben von einfühlsamen Romantic-Fantasy-Geschichten, in denen spirituelle Themen wie Wiedergeburt und Seelenverwandtschaft eine zentrale Rolle spielen.