Dark Angels – Das Licht der Ewigkeit

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Ihm gefiel es in New York und vor einigen Jahren hatte er sich ein größeres Apartment in einem Hochhaus gekauft. Vielleicht suchte er ja doch die Nähe zum Himmel. Er musste zugeben, dass Samuel damals recht gehabt hatte und das Leben hier unten ihn ablenkte.
Da er gerade nichts Besseres zu tun hatte, konnte er sich auch gleich wieder aufladen. Er wollte nur etwas Kraft tanken, denn er brauchte keinen Schlaf, eine tiefe Meditation war alles, was nötig war, um wieder frisch zu sein. Also legte er sich auf das Bett und schloss die Augen.
Doch als er tiefer und tiefer glitt und vor ihm die Brücke erschien, die ins Land der Träume führte, konnte er nicht widerstehen, sie zu überqueren. Und dann sah er sie … Anne … blickte in ihre tiefgrünen Augen. Ihr Anblick raubte ihm auch nach so langer Zeit noch immer den Atem. Honigblondes Haar umrahmte ihre lieblichen Züge und es umgab sie ein heller Glanz. Ihre Lippen formten sich zu dem Lächeln, das er so sehr liebte und der Schmerz in seiner Brust war beinahe unerträglich.
„Ich habe gewusst, dass du da bist!“, hauchte sie und der melodische Klang ihrer Stimme ließ sein Herz flattern. Dann drehte sie sich um und ging fort, auf das große, schwere Tor zu. Wie jedes Mal lief er ihr nach und sein Herz raste in seiner Brust, denn er musste es einfach schaffen, sie aufzuhalten! Er rannte immer schneller, aber es war, als würden seine Beine in Treibsand versinken. Mit aller Mühe versuchte er, sich zu befreien, doch da schritt sie schon über die Schwelle. Voller Verzweiflung schrie er ihren Namen und sah ihr nach. Noch bevor sich die schweren Türen geschlossen hatten, war sie verschwunden. Er hatte auch diesmal versagt.
Außer Atem und schweißgebadet wachte er auf. Frustriert setzte er sich auf und stützte die Ellenbogen auf seinen Knien ab. Er ließ den Kopf hängen und starrte eine Ewigkeit lang auf den Fußboden vor sich. Noch immer raste sein Herz, es wollte sich einfach nicht beruhigen und seine Hände zitterten. Mit jeder Faser seines Körpers und mit jedem Teilchen seiner Seele vermisste er sie.
Schwerfällig stand er auf und schleppte seinen ausgelaugten Körper ins Badezimmer. Schwer hob und senkte sich sein Brustkorb, denn er rang noch immer nach Luft. Sich auf dem Waschtisch abstützend, hob er den Kopf und blickte in sein Spiegelbild. Dunkelbraune Augen starrten ihm leer entgegen, weder Leben noch Energie lagen in ihnen. Sie waren genauso tot wie er es seit fünfhundert Jahren eigentlich sein sollte.
Seine markanten Gesichtszüge waren aufgewühlt und die Haare klebten auf seiner verschwitzten Haut. Er war selbst schuld, war sich dessen völlig bewusst und doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, von ihr zu träumen.
Mit einem Ruck zog er sich sein Shirt über den Kopf und spritzte sich kaltes Wasser über Gesicht und Brust.
„Was bist du nur für ein Idiot!“, schimpfte er mit sich selbst und öffnete eine Schublade, aus der er ein kleines Kästchen herausnahm, das er in der hintersten Ecke aufbewahrte. Langsam klappte er den Deckel auf und blickte auf die kleine rosa Seife, die auf einem weichen Kissen lag. Mit zittrigen Fingern nahm er sie in die Hand, spürte die glatte, kühle Oberfläche und führte sie an seine Nase. Er schloss die Augen und atmete tief ein, sogleich umfing ihn der Duft nach Rosen und hüllte ihn ein.
Er verharrte völlig regungslos, merkte, wie die Erinnerungen ihn überwältigten. Annes fröhliches Lachen erklang auch nach all der Zeit in seinem Kopf und er konnte sie beinahe körperlich spüren. Die Intensität seiner Gefühle raubte ihm auch nach fünf Jahrhunderten noch immer den Verstand.
Als er die Augen wieder öffnete, starrte ihn sein Spiegelbild an. Abfällig verzog den Mund. „Du kriegst wohl niemals genug!“
Wütend über sich selbst schleuderte er die Seife in die Ecke und ging. Er wusste ohnehin, dass er sie später aufheben und wieder im hintersten Winkel der Lade verstauen würde.

In der Küche nahm er sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie vor sich auf die Kochinsel. Gedankenverloren sah er sie an. Wann hatte er eigentlich damit angefangen, um fünf Uhr morgens Alkohol zu trinken? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, aber es war ihm auch egal, denn er trank nur aus Gewohnheit.
Cedric lehnte sich an die schwere, schwarze Steinplatte und blickte hinüber in das steril wirkende Wohnzimmer; weiße Wände und schwarze Möbel, viel Glas, viel Chrom und viel Technik. Das ganze Apartment war in diesem Stil eingerichtet, maskulin und ohne jegliche Wärme.
Er griff nach der Flasche und leerte sie in einem einzigen Zug, doch der fahle Geschmack konnte ihn nicht ablenken. Also ging er hinüber zur Kommode, um sich ein Glas Whiskey einzuschenken und auch dieses leerte er gleich, erneut bedauernd, dass er sich nicht betrinken konnte. Es hätte so vieles leichter gemacht. Doch wenigstens das Brennen konnte er in seiner Kehle fühlen.
Nachdenklich betrachtete er die goldene Flüssigkeit in der Flasche und ärgerte sich einmal mehr über sich selbst, dass er der Versuchung nicht widerstehen konnte. Warum musste er die Vergangenheit immer und immer wieder durchleben? Konnte er sie nicht einfach ruhen lassen? Nach dem Traum von Anne blieb er stets noch einsamer zurück.
Frustriert schüttelte er den Kopf und strich sich durch die feuchten Haare, während er gegen die Trauer ankämpfte, die ihn auch heute noch schier in die Knie zwang. Die widersprüchlichen Gefühle zerrissen ihn. Er wollte nicht an sie denken, sehnte sich aber gleichzeitig nach ihr. Vielleicht könnte er noch einmal einschlafen, sodass er wieder von ihr träumen konnte, fürchtete sich jedoch davor. Er wollte sie vergessen und trotzdem hütete er seine Erinnerungen wie seinen kostbarsten Schatz.
Mit der Zeit hatte er gelernt, seine Gefühle tief in sich zu vergraben, hatte sein Herz verschlossen und die Einsamkeit als einen Teil von sich akzeptiert. Weshalb aber konnte er sie nicht vergessen? Wieso klammerte er sich an die Vergangenheit? Er kannte die Antwort und wusste, dass es niemals leichter werden würde. Die Intensität seiner Gefühle würde niemals abnehmen, denn die Erinnerungen eines Engels verblassten nicht.
Resigniert nahm er einen tiefen Schluck direkt aus der Flasche und legte sich auf die Couch, wo er sich der übermächtigen Flut an Erinnerungen hingab.

„Du bist ein ganz mieser Schutzengel!“ Thomas war unerwartet in Cedrics Apartment aufgetaucht. Wieder einmal. War es denn wirklich zu viel verlangt, ihm vorher Bescheid zu geben? Vor allem, da er über telepathische Kräfte verfügte? Cedric vermutete, dass Samuel den Schutzengel auf ihn angesetzt hatte, denn er war wie ein Terrier, der sich in seiner Wade verbissen hatte und ging erst wieder, wenn es ihm passte.
„Du hast ja keine Ahnung, wie knapp es damals für dich gewesen ist.“ Cedric wusste, dass er nicht nachfragen musste, Thomas würde auch so weiterreden.
„Erzengel Michael hat sich schon dafür eingesetzt, dich aus dem himmlischen Verband zu verstoßen. Also hat Samuel den Plan geschmiedet, dich auf die Erde zu schicken. Er hoffte, dass du durch die Verantwortung für Schützlinge und das Leben hier unten etwas an deiner Einstellung ändern würdest. Unter der Aufbringung meisterlicher Überredungskunst gelang es ihm, seinen Vorschlag durchzusetzen. Und was machst du? Du prügelst deinen Schützling krankenhausreif!“
„Ich habe ihn nicht verprügelt!“, protestierte Cedric. „Und im Krankenhaus ist er bestens aufgehoben. Es ist nur zu seinem Schutz gewesen.“
Thomas sah ihn entgeistert an. „Er hat einen offenen Unterschenkelbruch! Einen verschobenen, offenen Bruch wohlgemerkt. Und es hat drei Tage gedauert, bis er fachmännisch versorgt werden konnte. Das ist Wahnsinn!“
„Es ist einfach so passiert“, beschwichtigte Cedric. „Ich hab ihn nur leicht getreten.“
„Und weißt du, was das Schlimmste an der Sache ist?“
„Ist das eine rhetorische Frage?“
Thomas verdrehte die Augen und warf die Arme in die Luft. „Du zeigst keinerlei Reue!“
„Ich lasse wenigstens keine unschuldigen, kleinen Kinder sterben!“, fuhr Cedric ihn an und spielte auf den Tod seiner Tochter an.
„Das wirst du mir niemals verzeihen, oder?“ Thomas sah ihn zerknirscht an. „Du weißt, dass ich nichts gegen den Tod tun kann.“
„Ja, ich weiß und nein, ich werde es dir niemals verzeihen.“ Cedric machte eine abfällige Handbewegung. „Vergiss es. Ich will nichts hören.“ Er wusste, dass Thomas nicht für Maggies Tod verantwortlich war und im Grunde mochte er den Schutzengel, doch das würde er ihm nie verraten. Er atmete ein paarmal tief durch. Vielleicht war er mit dem Bergsteiger wirklich etwas zu weit gegangen.
„Schon gut, du hast ja recht. Die paar Tage im Krankenhaus kann er wenigstens nichts Dummes anstellen und ich verspreche, danach werde ich ihn mit Samthandschuhen anfassen.“
„Das wirst du nicht! Ich bin hier, um dir zu sagen, dass du von ihm abgezogen bist.“
„Mist! Schon wieder ein neuer Schützling?“, stöhnte Cedric.
„Du wirst morgen irgendwem zugeteilt.“ Thomas grinste verschmitzt. „Aber heute gehörst du mir!“
Cedric schluckte er seine üblichen Proteste hinunter und verschwand im Badezimmer.
„Vielleicht ziehst du ja mal was anderes als dunkle Jeans und schwarze Hemden an!“, rief Thomas ihm nach. Cedric erwiderte etwas Unfreundliches und schloss die Tür.

Thomas wusste, dass Cedric seine Hilfe brauchen würde, denn dieser hatte seit Langem die erste Nacht frei gehabt, nachdem er seinen Schützling ins Krankenhaus befördert hatte. Somit war ihm klar, dass Cedric die freie Zeit dazu genutzt hatte, um seine Kräfte aufzuladen. Als er Cedric telepathisch nicht hatte erreichen können, war Thomas sich sicher gewesen, dass er die tiefe Meditation als Einschlafhilfe missbraucht hatte. Er wusste von seinen Träumen und man musste ihn nur ansehen, um zu wissen, dass seine Erinnerungen ihn wieder eingeholt hatten. Also stand nun Ablenkung in Form von Motorrädern und abends einer Bar von zweifelhaftem Ruf auf dem Programm. Sie waren zwar Engel, aber schließlich keine Heiligen.

14

Tatsächlich genoss Cedric die Fahrt auf seinem schwarzen Motorrad, richtig spaßig wurde es aber erst, als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten. Sie lieferten sich ein schnelles Rennen und er spürte die Kraft der Maschine unter sich. Adrenalin peitschte durch seine Adern und ließ ihn sich lebendig fühlen. Thomas war leichter als er und somit auf den geraden schneller, aber auf dem kurvigen Teil der Strecke holte Cedric auf, denn hier lag seine Stärke. Er bremste gefährlich spät, warf die Maschine in Schräglage bis sein Knie beinahe am Asphalt streifte und drehte am Kurvenausgang den Gashahn voll auf. Von Kurve zu Kurve wurde sein Grinsen breiter bis er schließlich an Thomas vorbeibrauste und den Schutzengel hinter sich ließ.

„Diesmal hätte ich fast gewonnen.“ Verschwitzt und außer Atem lehnte Thomas an einem Baum, als sie eine Pause einlegten.
Grinsend strich sich Cedric die feuchten Haare aus dem Gesicht. „Aber eben nur fast. In den Kurven wirst du mich nie kriegen.“
„Wie machst du das nur? Du fährst wie der Teufel.“
Versöhnlich schlug er Thomas auf die Schulter. „In dir steckt einfach zu viel Schutzengel. Dein Kopf ist voller Risikokalkulationen und Gefahrenvermeidung. Das kannst du gar nicht verhindern.“
„Alles Wörter, von deren Bedeutung du noch nie etwas gehört hast.“
Cedric lachte herzhaft. „Da stimme ich dir zu.“
Thomas schnaubte verächtlich und Cedrics Grinsen wurde noch breiter. „Na komm, bringen wir den alten Mann in dir sicher nach Hause.“

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Cedrics Wohnung, machten sie sich auf den Weg zur Bar.
„Ich habe zwei Freundinnen von mir eingeladen, den Abend mit uns zu verbringen, eine Rothaarige und eine Dunkelhaarige. Ich lasse dir gerne den Vortritt.“
Cedric schmunzelte. „Schon klar, aber wie ich dich kenne, würde es dir nichts ausmachen, wenn dir die feurige Rote bliebe.“
Thomas schlug sich theatralisch die Hände auf sein Herz. „Tja, es ist mein Job, Menschen glücklich zu machen!“
„Du bist ein Schutzengel und nicht Amor“, erwiderte Cedric lachend.
Kurze Zeit später flirtete Thomas auch schon mit der hübschen Rothaarigen. Cedric beobachtete ihn amüsiert, vielleicht sollte er es ihm gleichtun? Er ließ seinen Blick über den Tisch zu der dunkelhaarigen Schönheit wandern, die ihn mit unverhohlenem Interesse musterte. Er spendierte ihr noch ein Getränk, flirtete etwas mit ihr und stellte fest, dass er sich tatsächlich amüsierte. Als sie ihn zu später Stunde fragte, ob er noch Lust auf einen Drink bei ihr hätte, wog er kurz ihr Angebot ab.
„Klar, warum nicht.“

Natürlich gab es Frauen in seinem Leben. Wenn er es darauf anlegte, konnte er charmant sein und es war leicht, in einer Stadt wie New York eine hübsche Singlefrau kennenzulernen, die nichts gegen ein unverbindliches Abenteuer einzuwenden hatte. Sie verbrachten einen netten Abend miteinander, der mit wildem, aber bedeutungslosem Sex endete. Danach verließ er ihre Wohnung und hatte ihren Namen auch schon wieder vergessen. Eines jedoch hatten alle gemeinsam, sie hatten niemals blonde Haare und grüne Augen.

Es war schon weit nach Mitternacht, als er die Brünette verließ. Er mochte diese Phase der Nacht, denn obwohl es in New York City niemals wirklich still wurde, war diese Zeit doch die ruhigste. Also beschloss er, zu Fuß zu gehen und diese ganz besondere Atmosphäre zu genießen. Meistens mied er die großen Straßen und hielt sich lieber etwas weiter abseits. Wenn man nahezu unsterblich war, war dies kein großes Risiko.
Tief vergrub er seine Hände in den Hosentaschen und schlenderte vor sich hin, als er plötzlich eine Präsenz spürte, die auf der Erde nichts zu suchen hatte. Wie eisige Kälte packte sie ihn in seinem Nacken und versetzte ihn in sofortige Kampfbereitschaft.
Seine Sinne verschärften sich und sein Körper spannte sich an. Ein Zustand, den er nur vom Schlachtfeld her kannte. Abrupt blieb er stehen und blickte sich um. Als er jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken konnte, schloss er die Augen und lauschte, aber da war nichts.
Zwei Sekunden später war auch die Präsenz nicht mehr zu fühlen. Das war doch nicht möglich, nicht hier auf der Erde! Aber er hatte sie gefühlt, die unverkennbaren Schwingungen des Bösen. Oder etwa nicht? Sein Körper hatte darauf reagiert und sich bereit gemacht, das konnte er sich nicht eingebildet haben. Allerdings hatte solch ein Kampf noch nie hier auf der Erde stattgefunden.
Nachdem er noch etwas gewartet hatte, aber nichts Ungewöhnliches geschehen war, teleportierte er sich in sein Apartment, um Samuel zu informieren. Noch bevor er seine Telepathie einsetzen konnte, stand dieser schon vor ihm.
„Du möchtest mich sprechen?“
Cedric war einen Moment lang überrascht. „Ja. Aber woher …?“
Etwas verlegen blickte der Engel zur Seite.
„Du hast es gar nicht gewusst, du hast dich schon wieder einfach so in meine Wohnung gebeamt.“
„Engel beamen sich nicht, wir teleportieren uns“, versetzte Samuel rechthaberisch.
Cedric wischte den Einwand mit einer ärgerlichen Armbewegung beiseite. „Verdammt, wie oft soll ich euch noch sagen, dass ich das nicht leiden kann? Es ist immer das Gleiche mit dir und Thomas!“ Verärgert lief er im Zimmer auf und ab. „Ist es zu viel verlangt, wenn ihr vorher anruft, oder euch sonst irgendwie ankündigt?“ Die beiden würden ihn eines Tages noch um den Verstand bringen!
„Warum soll ich vorher anrufen, wenn ich dir auch eine telepathische Nachricht schicken kann?“
„Dann schick mir doch zur Abwechslung mal eine!“, schimpfte Cedric.
„Ich weiß wirklich nicht, warum du so empfindlich bist, es ist ja nicht so, als hättest du Damenbesuch.“
Damenbesuch. Wer sagte das denn heutzutage noch?
Samuel versuchte, zu beschwichtigen. „Du warst ja gar nicht hier. Wo warst du eigentlich?“
„Das geht dich nichts an.“
„Ja, schon gut, ich meine, weshalb möchtest du mich sprechen?“
Cedric sammelte sich kurz und erzählte von dem Vorfall vorhin.
„Das ist in der Tat eigenartig und sehr interessant. Und du bist dir ganz sicher?“
Cedric schüttelte den Kopf. „Ja. Nein, nicht zu hundert Prozent.“
„Nun gut, wir werden das beobachten, aber ich möchte auch noch etwas mit dir besprechen.“ Cedric blickte ihn abwartend an.
„Ich habe einen neuen Schützling für dich.“
Cedric stieß einen verächtlichen Laut aus. „Und wer ist es diesmal? Vielleicht ein professioneller Freeclimber, oder einer von den Wahnsinnigen, die von Hochhäusern springen? Oder muss ich zum vierten Mal zum Mount Everest?“
Der ältere Engel wich seinem Blick aus. „Ich glaube nicht, dass das diesmal notwendig sein wird. Eigentlich ist es jemand mit einem ganz gewöhnlichen Beruf und ohne gefährliche Hobbys.“
Na, das war ja mal was Neues! „Wo ist nur deine Kreativität geblieben?“ Ohne darauf einzugehen, gab Samuel ihm die Anschrift und war dann genauso schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Cedric blickte kurz ins Leere, dann schüttelte er den Kopf und war schon gespannt auf den Haken an der ganzen Sache. Er beschloss die verbleibende Zeit zu nutzen, um seine Akkus aufzuladen – und diesmal wirklich nur aufzuladen. Kein Schlaf. Keine Erinnerungen. Und zur Abwechslung mal kein Schmerz.

15

Nachdem er früh morgens geduscht und frische Sachen angezogen hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem neuen Schützling. Er erschien an der genannten Adresse und blieb in seiner unsichtbaren Gestalt in einem gepflegten kleinen Vorgarten stehen. Dieser befand sich am Rande eines kleinen Vorortes von New York City in einer der besseren Gegenden mit den typischen weißen Zäunen und getrimmten Rasen. Sein Schützling schien ein Händchen für Blumen zu haben, denn überall blühten üppige Rosen und in den Beeten war kein Unkraut zu sehen.

Er ging hinüber zu dem Gebäude, das nicht sehr groß war, aber einladend wirkte. Obwohl es Samstag war und die Sonne gerade erst aufging, brannte im oberen Stockwerk bereits Licht. Ohne zu zögern teleportierte er sich ins Wohnzimmer und blickte sich kurz um. Hier wohnte definitiv eine Frau. Die Einrichtung wirkte warm und freundlich, mit geschmackvollen Möbeln aus hellem Holz. Vor den Fenstern hingen weiße Gardinen, die von Seitenteilen eingerahmt wurden, auf denen unzählige Blumen in Rosa und Violett zu sehen waren.
Als er die cremefarbene Couch sah, verdrehte er die Augen, denn dort waren Unmengen an Zierkissen verteilt, alle mit unterschiedlichen Blumenmustern, die farblich genau mit den Vorhängen abgestimmt waren. Bisher hatte er nicht gewusst, wie viele verschiedene Blumenmuster es gab.
Wenn sie einen Mann hat, dann hat das arme Weichei definitiv nichts zu melden, dachte er belustigt.
Aber Cedric musste zugeben, dass das Zimmer gemütlich war, auch wenn es nicht seinen Geschmack traf. Er hoffte, dass Samuel recht hatte mit dem geordneten Leben dieser Frau, denn so würde er nicht Tag und Nacht hier verbringen müssen.
Neben dem Sofa stand ein Esstisch und an der Wand dahinter ein übervolles Bücherregal. Es gab einen durchschnittlich großen Fernseher und eine Kommode, auf der eine Vase mit frischen Blumen stand. Natürlich. Noch mehr Blumen. Neugierig ging er zum Bücherregal und erblickte eine etwa zwanzig Zentimeter große Figur aus weißem Porzellan. Es war ein nackter Engel, der auf seinem Bauch lag und sich auf seinem pummeligen Arm abstützte, die Füße in die Höhe gestreckt. Er sah aus wie ein Kleinkind mit Pausbäckchen und Babyspeck, mit kleinen goldenen Flügeln. Hässlicher kleiner Scheißer. Welcher Engel hatte denn goldene Flügel?
Seine eigenen strahlend weißen Flügel reichten ihm bis zu den Waden. Entfaltete er sie zur Gänze, verdichtete sich die reine, positive Himmelsenergie, die ihn umgab und er konnte sie beinahe anfassen, konnte deutlich fühlen, wie sie ihn durchströmte und ihn in diesem Moment beinahe glücklich machte.
Nun war er jedoch auf der Erde unterwegs und oftmals auch in menschlicher Gestalt. Samuel und auch Erzengel Michael hatten ihn eindringlich mit schrecklichen Konsequenzen gedroht, sollte er jemals einem Menschen seine Engelsgestalt offenbaren. Cedric hatte keine Ahnung, was ihn dann erwarten würde und er hatte auch keine Lust, es herauszufinden. Wahrscheinlich würden sie ihn auf der Stelle enthaupten. Zwar konnte er seine Flügel nicht einfach wegzaubern, schließlich waren sie ein Teil von ihm und an seinem Rücken angewachsen, doch er konnte sie unsichtbar machen, wenn er in seiner menschlichen Erscheinung war. Was er allerdings nicht ändern konnte, waren genau jene Verwachsungsstellen an seinem Rücken. Waren seine Flügel unsichtbar, waren dennoch zwei derbe, narbige Stränge zu sehen, die neben seinen Schulterblättern anfingen und schräg nach unten in Richtung Wirbelsäule verliefen.
Er schüttelte noch den Kopf über diese hässliche, kleine Figur und wunderte sich, dass in einem Raum mit so viel persönlicher Note keinerlei Fotos zu sehen waren, als er auf dem Glasregal über dem Fernseher einen elektronischen Bilderrahmen entdeckte.
Gerade wollte er ihn einschalten, als er Schritte im Obergeschoss vernahm. Um einen Blick auf seinen neuen Schützling werfen zu können, ging er ins Vorzimmer. Auch dieser Raum war nicht sehr groß, also stellte er sich unsichtbar in die Ecke gleich neben der Eingangstür, direkt gegenüber der Treppe.
Die Schritte näherten sich und dann sah er Füße, die in Laufschuhen steckten. Unverkennbar weibliche Beine, die in schwarzen Leggings steckten, folgten ihnen. Er fand, sie hatte Rundungen an genau den richtigen Stellen. Gleich darauf erschien ihr Oberkörper in einer dünnen gelben Jacke.
Dann erblickte er ihr Gesicht – und das Universum wurde aus den Angeln gehoben.
Taumelnd wich er zurück und konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Fünfhundert Jahre lang trug er nun das Bild jener grünen Augen mit sich im Herzen herum – und nun sah er genau in diese. Wie konnte das sein?
Die Frau sah genauso aus wie Anne.
Da spürte er die vertraute Wärme ihrer Seele. Er würde sie unter allen Menschen der Welt sofort erkennen und wusste, dass sie es wirklich war.
Er starrte sie an wie einen Geist, während sie fröhlich weiter die Treppe hinunterlief und genau auf ihn zukam. Sobald sie die Tür erreichte, legte sie die Hand um den Knauf und verharrte plötzlich mitten in der Bewegung. Cedric beobachtete sie und es schien fast, als wäre sie verwirrt. Dann drehte sie ihren Kopf ein kleines Stück. Die Welt stand still, denn sie sah ihm direkt in seine unsichtbaren Augen.
Die Augenblicke verstrichen, denn Zeit existierte nicht mehr. Cedric stand völlig regungslos da, denn er war wie gelähmt. Dann zuckte sie kurz mit den Schultern und öffnete die Tür. Als sie hindurchgegangen war, fing sie an, in gemächlichem Tempo zu joggen.

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Andie Krown wurde 1980 in Wien geboren und studierte in ihrer Heimatstadt Medizin. Seit 2005 ist sie als Ärztin tätig. Ihre Erfahrungen im Umgang mit Menschen sowie im Bereich der Sterbebegleitung verarbeitet sie im Schreiben von einfühlsamen Romantic-Fantasy-Geschichten, in denen spirituelle Themen wie Wiedergeburt und Seelenverwandtschaft eine zentrale Rolle spielen.