Blütenmord

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Prolog

 

Heute passiert es. Heute wird es überreicht. Ich kenne den genauen Ablauf. Ich sehe es vor meinem inneren Auge. Ich sehe die Abfolge von Ereignissen bis zur Vollendung. Es beginnt gegen Zehn, wenn alle diese kleinen Rotznasen schön brav an ihren Tischen sitzen und sich von öden Filmen oder Monologen der Lehrer berieseln lassen müssen. Aber eine von ihnen wird nicht an ihrem Platz sein. Eine von ihnen wird aus der Reihe tanzen. Keiner wird bemerken, was dort im Verborgenen abläuft.

Ein letztes Mal erinnere ich mich an den Geruch, atme ihn mit einem tiefen Atemzug durch die Nase ein. Ich liebe diesen Geruch. Er hat etwas Frisches aber auch Heimtückisches an sich.

Niemand sonst wird es jemals so genießen können, wie ich. Niemand außer mir weiß, was damit passieren wird. Es wird jemanden geben, der mir behilflich ist und es wird jemanden geben, der das letzte Mal jemandem behilflich sein darf.

Ich freue mich jetzt schon, es persönlich in Empfang zu nehmen. Später, wenn alles gelaufen und alle verräterischen Spuren beseitigt sind, wird jemandem auffallen, dass Janine Krause für fünf Minuten nicht an ihrem Platz saß. Doch es wird für das kleine Kind zu spät sein. Niemand wird sie mehr retten können. Sie steckt bereits bis zum Hals in Schwierigkeiten. Ich bin ihre einzige Hoffnung.

Früher oder später wird auch sie es verstehen. Werden ihre Eltern verstehen, dass ich sie gerettet habe. Wenn nach einem normalen Tag keine Janine nach Hause kommt.

Ihre Eltern werden eine Vermisstenanzeige aufgeben. Sie werden warten. Warten. Vergeblich warten. Sie werden alles in ihrer Macht Stehende tun. Die Polizei wird jeden einzelnen Schüler des Goethe-Gymnasiums befragen. Niemand von ihnen, egal ob Schüler oder Lehrer, wird etwas wissen. Niemand. Außer mir. Vielleicht werden Verdächtige festgenommen. Aber die werden der Polizei nicht weiterhelfen können. Nach ein oder zwei Tagen werden sie Janine finden. Zu gerne wüsste ich, wer sie finden wird. Ein ahnungsloser Passant? Eine Freundin? Oder ihre Eltern selbst?

Ich wäre gerne dabei, wenn die Polizei ihren leblosen Körper aus der Elbe fischt. Aber ich bin nicht dumm. Ich bin kein einfältiges Schulkind. Ich weiß, dass sie jeden Passanten, jedes Auto, das langsam am Ort des Geschehens vorbeifährt oder anhält, genauestens unter die Lupe nehmen werden. Jedes Gesicht, das den Tatort aus der Schar der Schaulustigen heraus anstarrt. Trotzdem ist es geradezu verlockend doch an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Alles mit anzusehen.

Stattdessen sitze ich hier, nippe an meiner Milch mit Honig, untypisch für jemanden wie mich, und male mir diese schrecklich schöne Szenerie aus. Die Polizei wird jemanden von ihren Leuten bestimmen, der mit der schlechten Nachricht zu den Eltern des armen kleinen Mädchens gehen wird. Sie werden ihm die Tür öffnen und fragen: Haben Sie unsere Tochter gefunden? Der Polizist wird diese Frage verneinen und ihnen die Wahrheit sagen müssen. Es wäre amüsant in diesem Moment in einem Busch versteckt lauschen und alles mitanhören zu können. Nur um das Entsetzen auf ihren Gesichtern zu sehen.

Die Sonne geht langsam auf. Ich spüre ihre Strahlen auf meinem Gesicht, während sie langsam hinter dem Michel hervorkriecht. In der Ferne ertönt eine Polizeisirene, die sich schnell wieder entfernt. Sie ruft mich. Ruft mich an den Ort des Geschehens zurück. Zerrt an mir und bringt mich zurück in die Wirklichkeit. Aber noch will ich mich von diesen schönen Gedanken nicht losreißen. Auch wenn meine Gedanken der Wirklichkeit Platz machen müssen, sind sie noch zum Greifen nah. Hier in meinem Kopf.

Ja, heute ist der perfekte Tag. Heute beginnt es und ich werde endlich vollkommen zufrieden sein. Nur noch wenige Stunden trennen mich von meinem Ziel. Nach Jahren der Vorbereitung. Nach Jahren des Wartens. Nach Jahren hinter Gittern. Ich werde mit dem Produkt unseres genialen Plans endlich vereint sein. Und sie werden wissen, dass ich wieder da bin. Dass ich es geschafft habe zurückzukehren. Dass ich ihnen erneut ein Schnippchen geschlagen habe.

 

Die Beobachtung

  1. September, 09.23 Uhr

 

Es war ein warmer Septembertag. Die Sonne schien durch das halb verdunkelte Fenster und draußen zwitscherten die Vögel. Drinnen war es jedoch totenstill. Nur das Ticken der großen Wanduhr zerschnitt die Stille.

Elijah hob den Blick von seiner Klausur und sah aus dem Fenster. Warum konnte er jetzt nicht draußen sein? Konnte man Klausuren nicht auch auf dem Schulhof in der Sonne schreiben? Es gäbe dann zumindest niemanden, der sich über verbrauchte Luft beschweren könnte. Obwohl es bereits September war, hingen die Blätter noch in voller Farbe an den Bäumen. Sein Blick schweifte über den Hof hinüber zu der stark befahrenen Straße. Gerade jetzt, als er die vielen Autos vorbeifahren sah, wurde Elijah wieder bewusst, wie vollkommen die Natur war. Aber er konnte diese schöne Aussicht nicht genießen. Zumindest nicht jetzt.

Elijah Shooter war schon immer von der Natur und ihrem Leben fasziniert gewesen und gerade an einem schönen Tag wie heute, wurde es ihm wieder bewusst. Wie schön wäre es, sich mit einem guten Buch und einem Sandwich unter einen Baum zu legen und das Wetter zu genießen, vollkommen ohne Schule oder Klausur. Doch das kleine, wenn auch nicht völlig unwichtige, Detail namens Schule hatte beschlossen, ihm auch am heutigen Tag das Leben schwer zu machen und ihn in einem stickigen Klassenzimmer mit vierundzwanzig anderen Schülern einzusperren.

Eigentlich gefiel ihm der Unterricht an der neuen Schule gut. Aber so schön es auch sein mochte, Klausuren waren für Elijah nicht mehr als nervig. Seine wirren Haare fielen ihm ins Gesicht, als er sich schweren Herzens wieder seinem Blatt zuwandte.

Lesen Sie den vorliegenden Fachtext „Problematik des Treibhauseffektes“ und fassen Sie die zentralen Aussagen kurz und strukturiert zusammen.

Unter dieser Aufgabenstellung hatte Elijah bereits einen Haken gesetzt. Als er seinen Text überflog, kam ihm die eigene Antwort jedoch total fremd vor. Zu leicht ließ er sich jedes Mal aufs Neue ablenken von der Welt draußen.

Er hatte bereits vergessen, worum es in dem Text im Detail ging und was genau der Autor Professor Karl Hüpfner über den Treibhauseffekt sagte. Es war theoretisch nicht so schwer. Heutzutage verging doch kein Tag, an dem nicht in den Nachrichten berichtet wurde oder in der Zeitung geschrieben stand, dass die Erde langsam aber sicher dem Klimawandel zum Opfer fiel. Woran nicht zuletzt die lärmenden Autos draußen auf der Straße schuld waren, die ihm gerade seine Gedanken durcheinanderwirbelten.

Er schaffte es noch rechtzeitig sich wieder zu sammeln. Ich lass mich zu leicht ablenken. Sein Blick richtete sich auf die zweite Aufgabenstellung.

Vergleichen Sie die Aussagen von Professor Karl Hüpfner mit anderen Ihnen bekannten Einstellungen zum Treibhauseffekt. Arbeiten Sie heraus, wie und wo dieser in der heutigen Zeit zu finden ist und was er für Mensch und Natur bedeutet.

Na toll, jetzt muss ich den ganzen Text nochmal lesen. Heute war nicht sein Tag. Er überflog den Inhalt erneut und kritzelte geistesabwesend eine Antwort auf sein Blatt.

Normalerweise war Biologie sein Lieblingsfach. Aber wenn die Sonne draußen so verlockend durch die Fenster schien, fiel es ihm schwer, sich auf so etwas Abstruses wie eine Klausur zu konzentrieren. Es war seine Erste an der neuen Schule und er wusste, dass er mit einer guten Note überzeugen konnte. Er fixierte die Uhr über der Tafel. Noch über eine halbe Stunde für die letzte Aufgabe.

Seine Hand krampfte. Hoffentlich würde er die Antwort kurz halten können, doch seine Hoffnung wurde enttäuscht.

Was denken Sie selbst über die Bedeutung des Treibhauseffektes heute? Teilen Sie die Ansichten von Professor Karl Hüpfner? Begründen Sie Ihre Ansichten und Einstellungen. Wie könnte man den Treibhauseffekt eindämmen oder gar beseitigen?

Elijah schmunzelte. Typisch Lehrer, vier Fragen in einer Aufgabe. Er kaute auf dem Ende seines Füllers herum und überlegte. Dabei schweifte sein Blick wieder aus dem Fenster.

Er sah die gleichen Bäume und den gleichen Hof. Dennoch war etwas anders als noch eine gute Viertelstunde zuvor. Etwas, und war es noch so unscheinbar, hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Angestrengt versuchte Elijah jedes Detail zu erfassen, herauszufinden, was sich auf dem Schulhof verändert hatte.

Es standen immer noch gleichviele Autos auf den Parkplätzen hinter der Hecke. Der Wind trieb immer noch die gleichen leeren Plastiktüten von links nach rechts. Was hatte sich hier verändert? Elijah hatte die Aussagen von Karl Hüpfner und die Klausur komplett aus seinen Gedanken vertrieben. Gebannt suchte er nach dem einen winzigen Detail. Und dann sah er sie.

Als würde er durch einen schwarzen Tunnel gesogen, konnte er nicht anders, als nach draußen zu starren. Alles um ihn herum schien in den Hintergrund zu treten, wurde von einem dumpfen Vorhang verschluckt, und die Szene vor ihm lief quälend langsam wie in Zeitlupe ab.

So etwas hatte er bisher nur in schlechten Krimis im Fernsehen gesehen. Bei solchen, wo man nach mindestens zehn Minuten schon weiß, wer der Dieb oder der Mörder ist. Dieses Szenario war jedoch echt und passierte direkt vor der Nase einer ganzen Schule.

Seltsam, dass er offenbar der Einzige war, der dieses Schauspiel bemerkte. Elijah sah sich im Klassenzimmer um, alle seine Mitschüler schrieben noch und ihr Biologielehrer las in der Zeitung. Kopfschüttelnd drehte er sich wieder zum Fenster.

Ja, jetzt erkannte er die beiden Gestalten deutlicher. Sie standen im Schatten des Schulgebäudes, genau an der Stelle, wo die große Turnhalle und die Aula aufeinandertrafen. Er selbst saß aber im zweiten Stock im Biologieraum genau gegenüber, dazwischen der gesamte Innenhof. Es war unmöglich auf diese Distanz ihre Gesichter zu sehen. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus und seine Nackenhärchen sträubten sich. Die zwei Personen hatten sich genau die richtige Ecke des Schulhofes ausgesucht, um unbemerkt zu bleiben. Fast unbemerkt. Elijah erkannte nur, dass die eine Gestalt deutlich größer war als die andere. Bei der Kleineren konnte er einen seltsamen hellen Fleck auf dem dunklen Jackenärmel ausmachen, der im Schatten des Gebäudes merkwürdig grell wirkte.

Bemüht, dieses Etwas genauer zu erkennen, kniff er die Augen zusammen, erhob sich leicht von seinem Stuhl und reckte neugierig den Hals. Nein, da war nichts zu machen. Er konnte beim besten Willen nicht mehr erkennen.

Ein kalter Schauer lief Elijah über den Rücken. Er beobachtete, wie die kleinere Gestalt der größeren einen silbernen Aktenkoffer überreichte. Der Koffer war schlicht. Nicht von einem normalen Koffer zu unterscheiden und Elijah konnte auch nicht erkennen, ob er ungewohnt schwer war. Dennoch versuchte er sich jedes noch so kleine Detail einzuprägen und wieder fiel sein Blick auf diesen merkwürdigen Fleck auf der schwarzen Jacke. Die Personen schüttelten sie sich die Hände und trennten sich.

Die Übergabe war nicht sonderlich spektakulär gewesen. Sie wirkte geradezu surreal, wie sie am helllichten Tag auf dem Schulhof eines Gymnasiums stattgefunden hatte. Elijahs Neugier sprang trotzdem darauf an.

Der Größere ging mit dem Koffer in der Hand schnellen Schrittes auf einen blauen SUV zu. Der Motor heulte auf und als der Wagen um die Kurve fuhr, konnte Elijah einen Teil des Nummernschildes erkennen: HH SJ.

Die darauffolgenden Zahlen sah er nicht mehr. Elijah schaute dem Wagen hinterher, bis er hinter der grünen Hecke verschwand. Gerade noch rechtzeitig sah er zurück zu der im Schatten liegenden Ecke. Die kleinere Gestalt erhob sich aus der Hocke und eilte ins Schulgebäude zurück.

Schlagartig füllten tausend Fragen seinen Kopf, die alle möglichen Szenarien wie auf einem Band vor seinem inneren Auge ablaufen ließen. War die eine Person jemand aus der Schule? Schüler oder Lehrer? War sie nur zur Tarnung in das Schulgebäude gegangen? Wer war die andere Person? Warum wickelten sie ihr Geschäft mitten am Tag auf einem Schulhof ab? Und vor allem, was befand sich in diesem Koffer? Geld? Drogen? Eine illegale Waffe? Gefälschte Papiere? Eine nukleare Bombe?

Völlig perplex rieb er sich die Augen nur um sicherzugehen, dass er sich das nicht einbildete. War er wirklich schon so gelangweilt, dass er sich so etwas vorstellte? Elijah wusste nicht, ob ihm diese Situation bekannt vorkam. Jedenfalls war es keins von diesen berüchtigten Déjà-vus, dafür erschien es ihm zu unbekannt. Diese Spektulationen und Grübeleien brachten ihn aber nicht weiter. Er musste nachsehen, ob die beiden Gestalten wirklich dort gewesen waren, musste Spuren suchen. Wenn er etwas finden sollte, war es umso besser. Wenn nicht, würde er sich wohl ernsthafte Sorgen um seinen geistigen Zustand machen müssen.

Für Elijah gab es keine Konzentration mehr für die Klausur. Seine innere Neugier übernahm die Oberhand und ein angenehmes Kribbeln durchflutete seinen Körper. Er musste wissen, was sich da gerade abgespielt hatte. Wenn er sich beeilte, konnte er die Person vielleicht auf dem Flur noch abfangen.

Er hob die Hand. „Dürfte ich kurz auf die Toilette gehen?“ Sein Lehrer lugte hinter der Zeitung hervor und sah auf die Uhr über der Tafel.

„Tut mir leid, Elijah. Sie haben noch ganze drei Minuten. Die werden Sie wohl noch warten können.“

Erschrocken sah Elijah ebenfalls auf die Uhr. Mist, in drei Minuten ist der Typ bestimmt schon über alle Berge.

Endlich wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und krakelte so schnell er konnte eine Antwort zur dritten Frage aufs Papier. Mit seinen Gedanken war er immer noch bei den beiden Gestalten und dem Koffer.

Er ging alle Fernsehkrimis durch, die er in seinem Leben gesehen hatte. Oder besser gesagt, die, an die er sich spontan erinnern konnte. Viele Bilder und Eindrücke rasten durch Elijahs Kopf, als die Klausuren eingesammelt wurden.

 

Als es endlich zur Pause klingelte, rannte Elijah sofort auf den Schulhof. Dicht gefolgt von seinem Freund Lion.

„Warte! Elijah, warte! O Mann, jetzt warte endlich, verdammt!“ Doch der hatte nur Augen für die Stelle, wo sich vor ein paar Minuten noch die beiden Gestalten die Hände geschüttelt hatten. Schlitternd kam Elijah hinter der dunklen Ecke zu stehen.

Es war jedoch nichts zu sehen. Nur ein überquellender Mülleimer und eine hölzerne Bank. Nichts Besonderes. Nichts, was auf das eben Geschehene hinwieß. Enttäuscht ließ Elijah die Schultern hängen und sah seinem Freund mürrisch entgegen, der ihn langsam einholte.

„So, und nun? Kannst du mir mal erklären, warum du nach der Klausur wie vom Teufel höchst selbst gejagt auf den Schulhof rennst, nur um vor einer Bank und einem Mülleimer stehen zu bleiben, Mann?“, japste Lion, die Hände in die Seiten gestemmt. Elijah seufzte.

Schnell erzählte er von seiner Beobachtung. Belustigt beobachtete er, wie Lions Augen immer größer und größer wurden und ihm nach und nach der Mund aufklappte. Lion hatte ebenso wie Elijah eine Schwäche für Rätsel und Geheimnisse. Vielleicht hatten sie sich deswegen von Anfang an so gut verstanden.

„Du meinst, du hast vorhin zwei Gangster beobachtet, die irgendein krummes Ding gedreht haben?“, fragte er noch einmal nach.

Elijah nickte. „Ich dachte, vielleicht haben sie hier irgendwelche Spuren hinterlassen oder so etwas.“

„Du meinst etwas, was uns Informationen über sie geben könnte?“

„Ja, so in etwa.“

„Aber hier ist nichts! Bist du sicher, dass du nicht kurz eingenickt bist und das alles nur geträumt hast?“

Mit einem zornfunkelnden Blick brachte Elijah den blonden Jungen zum Schweigen. Er hatte selbst schon über diese Möglichkeit nachgedacht. Sein Kopf sponn sich manchmal die tollsten Dinge zurecht, wenn ihm langweilig war. Zugegeben, die Klausur hatte ihn wirklich gelangweilt. Aber so etwas sich ausdenken? Nein, definitiv nicht.

„So sicher, wie ich weiß, dass der HSV nicht mehr Bundesliga spielt“, sagte er mit knirschenden Zähnen. Sofort tat es ihm leid, Lion so persönlich angegangen zu haben. Der blonde Franzose spielte schon seit fünf Jahren in der ersten Nachwuchsmannschaft des HSV und hatte die besten Aussichten bald ins Profiteam übernommen zu werden. Lion war nach dem alles entscheidenden Spiel so am Boden zerstört gewesen, dass selbst Elijah ihn nicht hatte aufheitern können.

Schmollend schob Lion die Unterlippe vor, ging jedoch nicht weiter auf die Provokation seines Freundes ein. „Wenn du dir wirklich so sicher bist“, entgegnete er sarkastisch. „Hm … vielleicht finden wir auf dem Parkplatz etwas, du hast erzählt, der eine wäre mit einem blauen SUV davongefahren.“

Elijah lachte daraufhin nur spöttisch.

„Was hoffst du denn zu finden, Sherlock CSI? Reifenprofile oder ein Nummernschildabdruck in der Hecke?“

Daraufhin fing er sich einen ordentlichen Schlag seines Freundes gegen den Oberarm ein. „Nein, du Idiot, aber hast du eine bessere Idee? Wenn du etwas herausfinden willst, musst du anfangen zu suchen. Und hey, du bist derjenige, der angeblich diese Sache beobachtet hat. Ich versuche nur deinem kranken Hirn auf die Sprünge zu helfen.“

Dagegen konnte Elijah nichts einwenden.

Auf dem Parkplatz konnten die beiden Jungen keine verräterischen Spuren oder sonstigen Hinweise auf ein geschehenes Verbrechen ausmachen.

Lion hatte trotzdem auch hier die rettende Idee. „Vielleicht sollten wir uns in den anderen Klassen umhören, von deren Fenstern aus man den Parkplatz und diese Ecke besser sehen kann.“ Er legte den Arm um Elijahs Schulter und führte ihn mit sanfter Gewalt zurück zum Eingang.


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Es fiel Elijah schwer sich auf den folgenden Unterricht zu konzentrieren. Für gewöhnlich war seine Hand die erste in der Luft, sobald der Lehrer eine Frage stellte. Lion nannte ihn deswegen manchmal aus Spaß „Hermann Granger“, in Anlehnung an die kluge Hexe Hermine Granger aus Harry Potter.

Heute mussten die Lehrer auf ihren Musterschüler verzichten. Immer wieder tauchte das Bild der zwei dunklen Gestalten mit dem Koffer vor seinem inneren Auge auf. Krampfhaft rief er sich jedes Detail wieder und wieder ins Gedächtnis. Doch je mehr er sich anstrengte, desto schneller verschwamm die Erinnerung.

Als er drei Stunden später sein Fahrrad aufschloss und sich auf den Heimweg machte, schwirrten ihm immer noch lauter Fragen und Gedanken durch den Kopf.

Die Strecke von fünf Kilometern, die größtenteils an der Elbe entlang führte, nahm er überhaupt nicht wahr. Er bemerkte nicht, wie er beinah mit seiner alten Nachbarin Frau Freitag zusammengestoßen wäre. Gerade noch rechtzeitig bremste er ab und sprang vom Fahrrad. Frau Freitag ging unbeirrt weiter und störte sich nicht an Elijah. Das lag unter anderem daran, dass sie seit einem Autounfall auf beiden Ohren taub war.

Geistesabwesend schob Elijah sein Rad die letzten Meter und stellte es vor der Garage ab, in der der ganze Stolz seines Vaters stand: Ein giftgrüner Maserati Alfieri mit blutroten Felgen und neongelben Bremsscheiben. Das Auto war das Einzige, was Elijah und seinen Vater an ihr altes Leben in Chicago erinnerte. Vor mittlerweile zehn Jahren hatte sich Elijahs Vater von seiner Frau Jessica getrennt und war mit seinem Sohn nach Hamburg gezogen.

Nachdem er damals ein Jahr lang auf unerwarteter Geschäftsreise gewesen war, war nach seiner Rückkehr alles den Bach runter gegangen. Zumindest soweit der nun Sechzehnjährige sich erinnerte. Es gab zudem ein riesen Theater um das Sorgerecht, das schließlich vor Gericht geklärt werden musste, aber auch daran hatte Elijah kaum noch Erinnerungen. Lediglich die harten Worte seiner Mutter, sie wolle mit ihm und seinem Vater nie wieder etwas zu tun haben, waren ihm im Gedächtnis geblieben, obwohl er bis heute nicht wusste, was der Grund für diesen endgültigen Bruch gewesen war.

Jetzt arbeitete sein Vater seit acht Jahren bei der Hamburger Hafenlogistik. Daran dachte Elijah an diesem Tag jedoch kaum, als er durch die Garage ins Haus ging. Sondern nur an zwei Kapuzengestalten, einen blauen SUV und an einen silbernen Koffer.

 

Typischer Montag

  1. September, 04.34 Uhr

 

Es war noch dunkel, als der Pilot die Landung am Flughafen in Hamburg ankündigte. Josefine erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Ihr Kopf schmerzte. Die Idee, einen 12-stündigen Nachtflug von New York zurück nach Hamburg zu nehmen, war mit Abstand die schlechteste, die sie je gehabt hatte.

Ihr Kurzurlaub war dafür erholsam gewesen. New York war eine wunderschöne Stadt und Josefine war noch von dem Gefühl beflügelt, sich einen Kindheitstraum erfüllt zu haben. Zudem hatte sie sich seit langem vorgenommen ihren älteren Bruder Oskar zu besuchen, der als weltbekannter Schauspieler im internationalen Zentrum seiner Branche lebte.

Josefine bewunderte ihn. Schon als Kind war ihr Bruder ihr größtes Vorbild gewesen. Nicht, weil er jetzt ein berühmter Schauspieler war, sondern aufgrund der Tatsache, dass er immer das erreichte, was er anstrebte. Und das war ihrer Meinung nach eine Eigenschaft, die sie sich selbst nur zu gern angeeignet hätte.

Ihre Beziehung zueinander war nicht immer positiv gewesen, gerade in ihrer Kindheit waren durchaus öfter mal die Fäuste geflogen. Diese Zeiten jedoch gehörten gemeinsamen Erinnerungen an, die sie bei Besuchen gerne hervorkramten.

Diese eine Woche war viel zu kurz gewesen, um alles aufzuarbeiten, was sich in den letzten Jahren ereignet hatte. Das Ganze war in einer Art Freizeitstress ausgeartet. Es war eben nicht einfach, alles von New York zu sehen und den Bruder dabei nicht zu vernachlässigen.

Jetzt saß sie im Flugzeug auf dem Weg zurück in den Alltag und versuchte so lange wie möglich an diesem beflügelten Gefühl festzuhalten. Nur die Vorstellung von den ganzen Akten, die auf ihrem Schreibtisch auf sie warteten, vermochte ihre Laune zu dämpfen.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Viertel vor fünf. Sie überlegte, was sie in den verbleibenden drei Stunden noch groß anfangen konnte, als das Flugzeug zur Landung am Hamburger Flughafen ansetzte. Vielleicht würde sie sich zu Hause noch ein Stündchen ins Bett legen und danach schön gemütlich in ihrem Lieblings-Café frühstücken.

In Gedanken war sie schon bei den herrlich duftenden Brötchen und dem süßen Geruch einer frischen Tasse Kaffee, vielleicht auch einer druckfrischen Tageszeitung, als sie mit ihrer Handtasche das Flugzeug verließ und sich von dem Strom aus Passagieren zur Gepäckausgabe treiben ließ.

Die Kopfschmerzen wurden noch schlimmer, als sie endlich an der Ausgabe stand und zusah, wie ein Koffer nach dem anderen auf das Förderband rutschte – keiner davon ihrer. Das Pochen in ihrem Kopf steigerte sich zu einem gnadenlosen Hämmern, als sie wenig später in der Warteschlange vor dem Schalter stand, um eine Verlustanzeige für ihren verschwundenen Koffer aufzugeben.

Immer noch müde und einem Migräneanfall nahe, verließ Josefine eine gute Viertelstunde später das Gebäude und stieg in ein Taxi. Während sich das Auto in den frühmorgendlichen Verkehr einfädelte, schlief sie ein.

Sie wachte erst wieder auf, als das Taxi vor ihrem Haus anhielt. Sie drückte dem Fahrer zwei 20-Euroscheine in die Hand und kramte in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel.

Im Haus ging sie direkt ins Schlafzimmer, schaltete das Licht ein, zog die Vorhänge zu und ließ ihre Tasche und die Jacke auf den Stuhl in der Ecke fallen. Es blieben ihr noch anderthalb Stunden zum Schlafen, wenn sie das Frühstück ausfallen ließ und nachher sofort ins Präsidium fahren würde. Das dämliche Warten an dem Gepäckschalter hatte sie weitaus mehr Zeit und vor allem Nerven gekostet, als sie nach diesem Flug noch zu verschenken gehabt hatte. Nur in Unterwäsche stieg sie ins Bett und schlief augenblicklich ein.

 

Ruckartig schreckte Josefine beim Klingeln des Weckers aus dem Schlaf. Sie blinzelte. Die Sonnenstrahlen, die durch den Spalt zwischen den Vorhängen fielen, blendeten sie. Schlaftrunken stieg sie aus dem Bett und rieb sich die Augen. Immer noch völlig erschöpft torkelte sie ins Badezimmer und wollte am Waschbecken nach ihrer Zahnbürste greifen – es war keine da. Die Zahnbürste befand sich in der Kosmetiktasche und die Kosmetiktasche befand sich in einem Koffer irgendwo zwischen New York und Hamburg, vielleicht auch gerade auf den Bahamas, man konnte bei den Fluggesellschaften heutzutage nie sicher sein.

Sie ging zurück ins Schlafzimmer, zog sich an und machte sich in der Küche einen schnellen Kaffee. Für das Frühstück blieb ihr keine Zeit mehr. Vielleicht würde sie nachher Christina zum Bäcker gegenüber dem Präsidium schicken. Oder sie würde sich eine Mittagspause gönnen, sofern die wartenden Akten dies zuließen.

Mit den Gedanken schon wieder im Alltag versunken, holte sie ihre Jacke aus dem Schlafzimmer und verließ das Haus durch die Tür zur Garage. Josefine stieg in ihren roten Audi A3 und betätigte den Knopf auf der Fernbedienung, der das Garagentor öffnete.

Bis zum Polizeipräsidium waren es ungefähr zwanzig Minuten. Josefine stellte das Radio an und öffnete das Seitenfenster. Der Wind war angenehm warm und es roch nach Sommer, ungewöhnlich für einen September in Hamburg. Das mussten die Auswirkungen des nicht existenten Klimawandels sein, dachte sie kopfschüttelnd und musste trotzdem schmunzeln.

Heute genoss sie die Fahrt durch die eigentlich viel zu engen Gassen der Hamburger Speicherstadt. Für einen Montagmorgen herrschte allerdings wenig Verkehr. Die Sonne brachte das Wasser der Elbe zum Glitzern und eine grüne Welle jagte die nächste. Viel schneller als ihr lieb war, erreichte sie eine gute Viertelstunde später das Präsidium und fuhr in die Tiefgarage.

Bevor sie das Auto verließ, atmete sie tief durch, um Kraft für den heutigen Tag zu sammeln. Wie schnell ein schöner Urlaub doch vom Alltag verdrängt wurde. Kurz schweiften ihre Gedanken zu Oskar, der heute für eine Rolle in einem neuen Action-Film vorsprach. Sie konnte ihm nur die Daumen drücken, die Konkurrenz war groß und der Job begehrt. Er würde sich am Abend bei ihr melden, das hatte er zumindest versprochen. Wenigstens etwas Positives, auf das sie am Ende dieses ersten Tages hoffen konnte.

Sie verschloss den Wagen und betrat den Aufzug. Der Knopf mit der Nummer vier leuchtete bereits. Wahrscheinlich war er von dem Mann aus der Autopsie betätigt worden, den Josefine zuerst nicht bemerkt hatte. Sie beließ es bei einem höflichen „Guten Morgen“ und als der Fahrstuhl auf der vierten Etage hielt, zwängte sie sich durch die Türen, bevor diese sich ganz öffneten.

Ihr war unwohl bei dem Gedanken mit diesem Mann noch länger auf so engem Raum zu sein, obwohl sie ihn nicht kannte, oder vielleicht auch gerade deswegen.

Im Vorzimmer ihres Büros saß Christina hinter ihrem Schreibtisch und tippte eifrig auf der Tastatur ihres Computers herum. Als Josefine das Zimmer betrat, blickte sie auf und begrüßte ihre Chefin mit einem Lächeln.

„Guten Morgen, Frau Svensson! Hatten Sie einen schönen Urlaub? Wie war der Flug?“

„Hallo Christina, der Urlaub war sehr erholsam und vor allem war es der Ruhigste, den ich je hatte. Zumindest so ruhig, wie es sein kann, wenn man mit einem über den ganzen Kontinent bekannten Schauspieler durch die New Yorker Straßen flaniert. Kein Beeper, der jeden Augenblick klingeln und mich zurück an die Arbeit ruft, war dagegen purer Luxus.“

„Kann ich gut verstehen. Deswegen tut es mir leid, dass sich auf ihrem Schreibtisch schon ein neuer Berg aus Akten auftürmt.“

Mit diesen Worten reichte Christina Josefine den Beeper und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie befestigte das kleine Gerät an ihrem Gürtel und ging in ihr Büro, das sie sich mit ihrem Partner Oliver Maier teilte. Der allerdings hatte diese Woche noch frei und genoss seine Flitterwochen mit seiner Frau Sara in Florida.

Schon von der Tür aus konnte Josefine die Akten auf ihrem Schreibtisch sehen. Sie hängte ihre Jacke auf den Bügel an der Garderobe und öffnete das Fenster, um den frischen Duft des Spätsommers in den Raum strömen zu lassen; ein Hauch von Freiheit. Dann wandte sie sich der ersten Akte zu, die ganz oben auf dem Stapel lag. Es ging um einen Mord an einem kleinen Mädchen, das nicht einmal vier Jahre alt geworden war. Das fängt ja super an.

Und es wurde nicht besser: Die Berichte von einem Tankstellenüberfall und einem tödlichen Autobahnunfall folgten. Josefine fragte sich nach fünf Jahren nicht mehr, was die Mordkommission mit solchen Fällen zu tun hatte. Bei dem Papierkram ging es oftmals völlig drunter und drüber. Am Ende war es schlichtweg egal, wer seine Unterschrift daruntersetzte.

Es war halb elf, als das Telefon klingelte. Auf dem Display stand die Nummer von Christinas Bürotelefon. Warum ruft sie mich an? Sie tut gerade so, als würde ich wie eine wildgewordene Furie auf sie losgehen, wenn sie mein Büro betreten würde.

Entnervt von der Arbeit sah sie erst auf die Uhr und hob dann den Hörer ab.

„Was gibt’s? Hoffentlich nicht noch mehr Akten?“

„Nein, keine Akten. In der Zentrale ging gerade ein Anruf von einem Lehrer des Goethe-Gymnasiums ein. Er behauptet beobachtet zu haben, wie auf dem Schulhof eine Transaktion stattgefunden haben soll. Die Kollegen von der Zentrale haben dann mich angerufen, weil Sie sich schon öfter mit besagtem Lehrer herumschlagen mussten.“

Josefine seufzte. Ein Lehrer vom Goethe-Gymnasium, der etwas Seltsames beobachtet haben wollte. Ja, das kam ihr nur allzu bekannt vor. Es war in den letzten Jahren in der Tat häufiger vorgekommen, dass in der Zentrale solche Notrufe eingingen. Hoffentlich handelte es sich diesmal um einen richtigen Einsatz und nicht wieder um ein Missverständnis, weil besagter Lehrer seine Brille nicht auf der Nase gehabt hatte. Obwohl Josefine glaubte, die Antwort auf ihre noch unausgesprochene Frage zu kennen, stellte sie sie Christina doch.

„Haben Ihnen die Kollegen aus der Zentrale den Namen des Lehrers gesagt?“

„Selbstverständlich. Ich denke, Sie kennen die Antwort.“

„Es handelt sich um Herrn Kolaks, richtig?“, stellte Josefine in dem für sie typischen, nüchternen Tonfall fest. Innerlich tobte bereits das kleine rote Wutmonster in ihr.

„Korrekt. Soll ich den Kollegen sagen, dass Sie den Fall übernehmen, oder wollen Sie lieber an den Akten weiterarbeiten?“

Josefine brauchte keine einzige Sekunde zu überlegen. Da schlug sie sich lieber mit kurzsichtigen Lehrern herum, als in dieser stickigen Bude weiter an Akten zu arbeiten, die sowieso nicht in ihren Bereich fielen. Aber da sie ohnehin wusste, worauf eine Beobachtung von Herrn Kolaks hinauslaufen würde, konnte sie den Kollegen von der Streife diese Arbeit auch abnehmen und dem Lehrer einen Besuch abstatten.

„Sagen Sie den Kollegen Bescheid, dass ich auf dem Weg bin.“

Sie legte auf, schloss das Fenster und nahm das Holster mit der Waffe aus der Schreibtischschublade. Man kann schließlich nie wissen.

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Smilla Johansson, Jahrgang 1998, lebt mit ihrer Familie in der kleinen Stadt Bocholt im westlichen Münsterland nahe der niederländischen Grenze. Benannt nach der bekannten Ermittlerin aus Peter Høegs Kriminalroman Fräulein Smillas Gespür für Schnee hatte sie kaum eine andere Wahl, als sich in der Welt der Bücher zuhause zu fühlen.