Secrets and Waves – Virgeeville-Trilogie

1. Kapitel – Toron

„Was ist denn passiert?“
„Werden wir angegriffen?“
„Gibt es einen Kampf?“
„Hast du etwas gehört?“
Aufgeregte Stimmen schwirrten durch Virgeeville und fragende Blicke flogen von Höhle zu Höhle, doch niemand wusste Genaueres.
Kronos war schon eine ganze Weile mit mehreren Isurianern am Eingang zum Teldameer. Eigentlich sollte der Schutzschild, den Emily um die Meerenge gelegt hatte, getestet werden, doch irgendetwas musste passiert sein. Plötzlich waren Warnrufe erklungen und nun versammelten sich die Lenker. Ein unzweifelhaftes Zeichen für ein außergewöhnliches Ereignis. Die Fragen wirbelten durch das Wasser, aber niemand hatte eine Antwort.
Dann, endlich, rief ein Lenker die Bewohner zusammen und gespenstische Stille senkte sich auf das sonst so rege Virgeeville. Alle Meeresbewohner senkten die Stimmen, um keinen Ton, keinen Ruf zu verpassen.
„Hört zu!“, rief der Lenker mit ernster Miene. „Ein unbekannter Meermann, kein Medaner und auch kein Isurianer, begehrt Einlass ins Teldameer. Niemand weiß, wer er ist, wo er herkommt oder ob das, was er sagt, nicht nur ein Ablenkungsmanöver ist. Er nennt sich Toron und behauptet, uns wohlgesonnen und auf der Suche nach Emily zu sein. Kronos spricht mit ihm und will herausfinden, ob dieser Toron die Wahrheit spricht. Haltet euch also bereit! Wir werden informiert, wie es weitergeht. Vielleicht haben wir bald einen Gast in Virgeeville, vielleicht müssen wir uns aber auch auf einen Kampf mit einem unbekannten Feind einstellen.“
Emily hatte vor noch nicht allzu langer Zeit den Eingang zum Teldameer mit einem Schutzschild vor unerwünschten Eindringlingen verschlossen und war schon auf dem Rückweg nach Dünensee gewesen, als der Warnruf sie erreichte. In Windeseile war sie zurückgekehrt und beobachtete nun aus sicherem Abstand zusammen mit Savina und Dathan das Geschehen. Hinter dem unsichtbaren Schild erblickten sie eine beeindruckende Erscheinung. Mitten in der felsigen Öffnung, die das Teldameer mit dem Ozean der Medaner verband, schwebte die imposante Gestalt Torons. Langes, silberfarbenes und in der sanften Strömung wallendes Haar umrahmte ein markantes Gesicht, aus dem gutmütige, hellblaue Augen hervorstachen. Silbrige, buschige Augenbrauen und ein langer Bart verliehen seiner hochgewachsenen Statur eine natürliche Autorität. Mit kaum wahrnehmbaren Flossenbewegungen schwebte er hinter dem Schutzschild und blickte der Gruppe entgegen.
„Ich möchte zu ihm“, sagte Emily. Sie fühlte sich wie magisch von Torons Augen angezogen. Instinktiv legte sie beide Hände auf ihr Herz.
„Noch nicht. Mein Vater wird zuerst mit ihm sprechen. Warten wir seine Entscheidung ab“, erwiderte Dathan und hielt sie vorsichtshalber am Arm fest.
„Er ist in friedlicher Absicht gekommen. Das spüre ich.“
Stirnrunzelnd musterte Dathan sie. „Du hast die Hände auf dein Herz gelegt, Emily. Wieso?“
„Keine Ahnung. Ich … fühle eine Verbindung zu Toron“, murmelte sie. „Irgendetwas scheint mir vertraut an ihm.“
„Emily – was sollte das sein?“ Dathan schüttelte den Kopf. „Es ist noch nicht lange her, da warst du ein Mensch. Seit du verwandelt bist, lebst du bei uns in Virgeeville. Wie solltest du mit einem fremden Meereswesen verbunden sein, das noch nicht einmal die Lenker kennen?“
Wenn sie das nur wüsste. „Fragen wir ihn doch einfach.“
„Wenn Kronos es für richtig hält, dass du mit ihm reden darfst, kannst du ihn gern fragen“, sagte Dathan, gerade als sein Vater sich zu ihnen umdrehte und Dathan zu sich winkte.
„Ihr bleibt, wo ihr seid, bis wir euch rufen!“, rief er dem Rest der Gruppe zu.
Gehorsam formierten sich die Angesprochenen, während Dathan Emilys Hand losließ und zum Eingang schwamm. Nur durch den unsichtbaren Schutzschild von ihm getrennt, schaute er direkt in Torons Augen.
„Ich bin Kronos, oberster Lenker der Isurianer und Oberhaupt der Familie, der auch Emily angehört. Dies ist mein Sohn Dathan, Emilys Gefährte. Sprich, Toron!“, forderte Kronos die Gestalt hinter dem Eingang auf. Diese nickte langsam.
„Ich danke Euch, dass Ihr mich anhört, Kronos und Dathan. Mein Name ist Toron, Gebieter des Volkes der Bethaki. Ich bin einen langen Weg durch den Ozean der Medaner zu euch gereist, um Emily zu treffen.“
Emily konzentrierte ihr Gehör auf den Dialog zwischen Kronos und Toron und hörte jedes Wort mit. Als der unbekannte Meermann erneut ihren Namen aussprach, zog ein heftiges Kribbeln durch ihren Körper. Sie konnte es sich nicht erklären, doch da war etwas an ihm, das sie berührte.
„Sprich weiter. Was willst du von uns?“ In Kronos’ Stimme lag immer noch ein skeptischer Unterton.
„Ich komme in Frieden“, antwortete Toron in sanftem Tonfall. „Emily hat durch ihre Verwandlung den Fluch des Erstarrungsschlafes gebrochen, der jahrhundertelang über meinem Volk lag. Durch sie sind wir erwacht. Ich möchte mich dafür bedanken und Euch und Eurem Volk die Geschichte der Bethakis erzählen. Wir können Euch mit unserer Erfahrung helfen, die Medander zu besiegen und Frieden für unsere Völker zu schaffen. Und …“ Toron ließ seinen Blick zu der Gruppe schweifen. „Ich möchte mit Emily sprechen.“
Besorgt sah Dathan über die Schulter zu ihr.
„Woher weißt du von uns und den Medanern?“, fragte Kronos.
Der fremde Meermann lächelte. „Die Bethaki sind das Urvolk der Meere. Wir wissen so einiges.“
„Du sagst, du kommst in friedlicher Absicht. Wo ist dein Volk? Bist du allein gekommen?“
„Ja, ich bin allein hier. Meinem Volk habe ich befohlen, an der Grenze des Bethakimeers auf mich zu warten. Ich bin unbewaffnet.“ Toron hob die Arme und drehte sich einmal um sich selbst.
„Nicht alle Waffen sieht man mit bloßem Auge“, warf Dathan ein, doch Kronos hob eine Hand und gebot ihm zu schweigen.
„Du sagst, ihr seid aus einem Erstarrungsschlaf erwacht und Emily sei dafür verantwortlich. Woher weißt du das und was macht dich so sicher, dass sie bei uns ist?“, fragte er weiter.
„Als ich als Erster erwachte, formte sich ihr Name in meinen Gedanken“, erwiderte Toron ruhig. „Ich habe mir das Gehirn zermartert, wer diese Emily sein könnte. Ich wusste nur eines: Wenn sie dafür verantwortlich ist, dass mein Volk erweckt wurde, dann muss ich sie finden. Um herauszufinden, wo sie sich aufhält, habe ich die Meerhexe Mafalda um Hilfe gebeten.“
„Mafalda?“
Ein Raunen ging durch die Menge der Isurianer.
„Ja. Sie hat mir gesagt, dass ich Emily hier finde.“
Dathan und Kronos tauschten einen Blick und nickten sich unmerklich zu.
„Wir besprechen uns und werden dir unsere Entscheidung mitteilen. Warte hier und rühr dich nicht von der Stelle.“ Mit einer gebieterischen Geste befahl Kronos vier Isurianer an den Schutzschild. „Sie werden dich im Auge behalten!“
Emilys Herz schlug wie ein Trommelfeuer in ihrer Brust. Irgendetwas in ihrem Inneren signalisierte ihr, dass von Toron keine Gefahr ausging. Doch sie war noch nicht lange eine Isurianerin und sich alles andere als sicher, diesem Gefühl trauen zu können. Vielleicht beeinflusste Toron ihre Gedanken? Manche Insurianer waren dazu in der Lage …
„Emily. Du hast ja sicher alles gehört“, sagte Dathan, als er sie erreichte. Sorge sprach aus seinem Blick. „Was sagst du zu Torons Worten?“
„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie wahrheitsgemäß und sah zu Kronos. „Ich empfinde eine starke Verbindung zu ihm und er scheint mir vertraut zu sein. Ich würde seinen Worten nur allzu gern glauben, aber ich bin unsicher. Was geschieht, wenn ich mich irre? Werde ich unser Volk damit in Gefahr bringen? Wir haben nichts weiter als Torons Wort.“
„Emily hat recht. Wir müssen sicher sein, dass er keine Gefahr für uns und unser Volk darstellt, bevor wir ihn einlassen“, sagte Dathan zu seinem Vater.
Kronos warf einen fragenden Blick zu seiner Gefährtin Savina. Diese nickte und war mit einem Flossenschlag bei ihnen.
„Savina wird in seine Gedanken eindringen“, sagte Kronos.
„Nein, das ist viel zu gefährlich! Sie müsste ihn anfassen und dazu muss sie hinter den Schutzwall“, zischte Dathan.
„Wir haben keine andere Möglichkeit, um die Wahrheit herauszufinden, Dathan! Wir müssen das riskieren. Vergiss nicht, sie ist nicht nur deine Mutter, sie ist auch meine Gefährtin. Sie ist mir wichtiger als mein Leben“, erwiderte Kronos voller Inbrunst. „Doch hier geht es um unser gesamtes Volk.“
Dathan schüttelte nervös den Kopf. „Nein, nicht meine Mutter! Gibt es keine andere Möglichkeit? Was ist mit Keylin? Er könnte …“
„Keylin kann Gedanken manipulieren. Das hilft uns nicht, die Wahrheit zu erfahren. Es gibt niemanden sonst, der die Wahrheit hinter Torons Worten prüfen kann.“
„Dann schick ihn fort!“
„Nein“, fauchte Emily. „Toron bleibt und Savina wird seine Gedanken lesen!“
Eine neue Entschlossenheit durchzog Emily. Der fremde Meermann war ihretwegen hier und das gab ihr das Recht, sich in die Entscheidung einzumischen. Zumal sie deutlich spürte, dass es ein großer Fehler wäre, ihn ziehen zu lassen, ohne zu wissen, welches Ziel er verfolgte – oder gar durch eine falsche Entscheidung seinen Missmut zu wecken.
„Emily …“ Dathan schaute Emily erschrocken an. Ihre Worte verstießen gegen jegliche Prinzipien der Isurianer. Entscheidungen hatten ausschließlich die Lenker und deren Vertreter zu treffen.
Sie sog einen Schwall Wasser ein, nahm den Sauerstoff in sich auf und begann zu sprechen. „Vergiss nicht, ich bin eure Rasaka! Mein Wort zählt genau so viel wie das eines Lenkers. Stellt euch vor, er kommt wirklich in Frieden und kann uns helfen, den ewigen Konflikt mit den Medanern zu lösen? Stellt euch vor, unser Volk könnte endlich ohne Angst vor den alten Feinden leben. Wollt ihr diese Chance vergeben?“
„Das klingt ja alles ganz nett, aber nicht um diesen Preis. Sie ist meine Mutter!“, gab Dathan scharf zurück. Seine Augen verengten sich und ihre smaragdgrüne Farbe verwandelte sich in ein funkelndes Türkis. Gleichzeitig bleckte er die spitz gewordenen Zähne. Sein Körper bündelte Energie und bereitete sich auf die Verteidigung seiner Mutter vor.
„Dathan, bleib ganz ruhig“, sagte Emily sanft und strich über seinen Arm. Sie hatte gerade eine ganz neue Seite von sich gezeigt, in einem harschen Ton gesprochen und sie versuchte, ihren Gefühlsausbruch zu relativieren. „Ich will doch auch nicht, dass Savina oder einem anderen Isurianer etwas passiert. Ich könnte versuchen, einen kleinen Durchgang in dem Schutzschild zu formen. Dann braucht Savina nur mit den Armen hindurchzugreifen.“
„Wie willst du das machen?“, fragte Dathan zweifelnd.
Emily legte besänftigend ihre Hand an seine Wange und sah ihm in die Augen. Unter ihren Berührungen funkelten sie bald wieder in einem weichen Smaragdgrün und seine Zähne fanden zu ihrer ursprünglichen Form zurück. „Das weiß ich noch nicht, aber ich werde es versuchen.“
„Savina, was denkst du? Könnte Emilys Idee funktionieren?“, fragte Kronos.
„Ich denke schon, ja.“ Dathans Mutter nickte nachdenklich. „Ich muss mit meinen Händen seinen Kopf umfassen können. Das würde reichen.“
„Ich weiß nicht, es gefällt mir immer noch nicht. Er könnte Mutter an den Armen packen und …“
„Dathan, es gibt immer ein Restrisiko, aber es wird nichts passieren. Sollte er wirklich Böses im Sinn haben, öffne ich sofort den Schutzschild und dann wäre er uns unterlegen. Wir haben unsere besten Kämpfer dabei.“
Schweigend sahen sich Kronos, Dathan und Savina an.
„Ich bin dafür“, unterbrach Savina als Erste die Stille.
„Ich ebenfalls“, bestätigte auch Kronos.
„Damit wäre ich ja wohl überstimmt“, grollte Dathan und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Gut. Dann versuch es, Emily“, entschied Kronos.
Die vier schwammen nebeneinander zum Schutzschild, hinter dem Toron sie gespannt erwartete. Als er Emily erblickte, huschte ein sanftes Lächeln über sein Gesicht.
„Toron! Wir werden deine Gedanken überprüfen. Schwimm ein Stück zurück. Wir rufen dich, sobald wir bereit sind“, befahl Kronos und Toron gehorchte wortlos. „Du kannst kommen, Emily.“
Emily bewegte ihre Beinflossen so behutsam, wie Dathan es ihr in den letzten Wochen für das lautlose Anschwimmen beigebracht hatte. Dabei glitt sie so nah wie möglich an den Schutzschild heran, senkte den Kopf und schloss die Augen. Mit einigen tiefen Atemzügen bündelte sie ihre Energie, schloss die Hände zu Fäusten und streckte nur die Zeigefinger aus. Langsam begann sie, mit den Fingern Kreise zu ziehen. Sie öffnete die Augen wieder und zog kontinuierlich die kreisförmigen Linien nach, die außer ihr niemand sah. Ihr Herz hämmerte hart gegen ihre Brust, von ihrer Bauchmitte aus floss ein warmer Strom Energie in ihre Arme und strömte aus ihren Fingerspitzen. Immer schneller wurde das Kreisen ihrer Finger und ihr Körper begann zu vibrieren … bis sie plötzlich mit Wucht von dem Schild weggeschleudert wurde, als hätte jemand mit aller Kraft in ihren Bauch getreten. Dathan war mit einem kraftvollen Flossenschlag bei ihr und fing sie auf.
„Geht’s dir gut?“, fragte er besorgt.
„Ich glaube schon“, flüsterte Emily benommen. „Sieh nach, ob es funktioniert hat.“
„Vater! Prüf nach, ob Öffnungen da sind“, rief Dathan Kronos zu.
„Sie sind da. Ich brauche es nicht zu prüfen, man sieht sie!“
Wie gebannt wandten alle die Köpfe zum Schutzschild und ein erstauntes Raunen zog durch die Gruppe. Zwei runde, silbern glitzernde Flächen durchbrachen die unsichtbare Schutzwand.
„Savina! Versuche, ob du deine Arme hindurchschieben kannst. Ich begleite dich“, forderte Kronos seine Gefährtin auf.
„Ich komme mit“, rief Dathan. „Emily, setz dich hier auf den Felsen und ruh dich aus. Du siehst erschöpft aus.“
„Geht nur, mir geht’s gut. Ich brauche nur eine kurze Pause, dann bin ich so gut wie neu“, antwortete sie und lächelte ihn an. „Ich liebe dich“, rief sie ihm hinterher.

*

Dathan blickte lächelnd zurück. So bedrohlich er die Situation auch einschätzte, Emily schaffte es immer, ihn aus seiner Anspannung herauszuholen. Hoch konzentriert wandte er sich seiner Aufgabe zu, Toron zu beobachten, während seine Mutter testete, ob sie mit den Armen durch die Öffnungen im Schutzschild greifen konnte. Bei dem geringsten Verdacht, dass Toron Böses im Schilde führte, würde er reagieren.
Auch Kronos ließ Toron, der noch immer bewegungslos auf der anderen Seite des Schutzschilds verharrte, nicht aus den Augen.
Vorsichtig näherte sich Savina den schimmernden Bereichen und steckte erst nur einen Finger hindurch. Augenblicklich ertönte ein dunkles Summen. Erschrocken zog sie die Hand zurück.
„Hast du dich verletzt?“, fragte Kronos besorgt.
Auch Dathan spannte die Muskeln an, bereit, seiner Mutter sofort zur Seite zu eilen. Ihm war immer noch nicht wohl bei dieser Aktion. Viel lieber hätte er Toron nach Hause geschickt, wo auch immer das sein sollte.
„Nein. Alles in Ordnung, ich habe mich nur erschrocken. Ich versuche es noch mal.“
Savina ließ langsam ihre Hand auf die andere Seite gleiten, wobei das Summen lauter wurde. Beherzt hob sie auch den anderen Arm. Außer dem summenden Geräusch, das seltsamerweise nun stetig leiser wurde und schließlich ganz verstummte, geschah nichts. Entschlossen schob Savina den anderen Arm durch die zweite Öffnung. Wieder erklang ein lautes Summen, das genau wie beim ersten Arm schwächer wurde und kurz darauf endete. Langsam bewegte sie die Arme und berührte vorsichtig den Rand der Kreise. Nichts passierte.
„Wir können anfangen“, entschied sie.
„Gut. Zieh deine Arme wieder auf unsere Seite“, sagte Kronos und gab gleichzeitig Toron mit einer gebieterischen Armbewegung zu verstehen, dass er zum Schutzschild zurückkommen solle.
Toron nickte und setzte sich in Bewegung. Seine langen, silbrigen Haare wogten wie in Zeitlupe auf und ab. Imposant und respekteinflößend glitt er gemächlich auf den Schutzschild zu. Kronos schwamm unterdessen zur Gruppe zurück.
„Anudi! Du behältst Toron genau im Auge. Eine falsche Bewegung und …“
„Ich werde ihn sofort außer Gefecht setzen, sollte er auch nur ansatzweise versuchen, Savina etwas anzutun.“ Anudi spreizte die Finger in Richtung Meeresboden. Blaugrüne Blitze schossen dabei aus seinen Fingerspitzen und erzeugten ein elektrisches Knistern. Eine Warnung für den Meermann hinter dem Schild.
Kronos wandte sich Toron zu. „Savina wird deine Aussage prüfen. Sie wird ihre Arme durch die Öffnungen strecken und deinen Kopf zwischen ihre Hände nehmen. Du wirst dich ruhig verhalten und sie ihre Arbeit tun lassen!“
Vor der unsichtbaren Wand stoppte Toron, nickte und schaute Savina freundlich an. „Es kann losgehen“, sagte er und senkte den Kopf.
Dathan beobachtete mit angehaltenem Atem, wie seine Mutter ihre Hände langsam durch die schimmernden Kreise schob. Ein dumpfes Summen zog durch das Teldameer und ebbte wieder ab. Mit geschlossenen Augen umfasste Savina Torons Haupt. Ein leichtes Beben zog durch ihren Körper, als auch Toron die Augen schloss. Dann wurde es gespenstisch still.
Niemand sagte ein Wort, niemand rührte sich. Es schien, als hielte selbst das Meer für eine kurze Zeit inne. Alle Blicke waren gespannt auf Savina gerichtet. Minuten vergingen, ohne dass etwas geschah. Immer wieder blickten die Isurianer fragend zu Kronos, der mit Handzeichen weiteres Abwarten signalisierte.
Plötzlich erklang ein schriller Laut. Ähnlich eines Raubvogelschreis riss er alle aus ihrer angespannten Starre, doch da drehte Savina sich um und lächelte. Dathan atmete erleichtert aus. Dieser Laut teilte ihrem Volk mit, dass Toron die Wahrheit gesprochen hatte.
„Öffne den Schild, Emily“, rief sie und sank ermattet in Kronos’ Arme.
Emily schaute fragend zu Kronos, der ihr zunickte.
„Entfernt euch vom Schild. Auch du, Toron“, gebot Emily mit fester Stimme. „Sucht euch einen Felsblock, hinter dem ihr euch verbergen oder etwas, an dem ihr euch festhalten könnt. Es wird turbulent.“

2. Kapitel – Das Fest

Savinas Ruf hörte man bis Virgeeville. Für die daheimgebliebenen Isurianer war es das Zeichen, mit den Vorbereitungen für das Fest zu beginnen.
Die Isurianer waren als überaus gastfreundliches Volk durch alle Meere bekannt, doch in den letzten zweihundert Jahren hatten sie nur selten Gelegenheit gehabt, ein Willkommensfest auszurichten. Deshalb war die Aufregung riesig. Zwei Organisatoren begannen pflichteifrig damit, alle notwendigen Aufgaben zu verteilen.
Mehrere Isurianerfrauen glitten über den Versammlungsplatz und befreiten ihn flossenwedelnd von Korallen- und Seegrasresten, bis auch der letzte Grashalm verschwunden war. Junge, kräftige Männer schleppten Felsbrocken herbei und verteilten sie als Sitzgelegenheiten auf dem Platz. Kinder ordneten Seegraskäfige für Appetithäppchen neben den Felssitzen an. Aufgeregt plappernde und kichernde Mädchen machten sich auf den Weg, um Wasserblumen zu sammeln und zu bunten Sträußen zusammenzustellen. Liebevoll banden sie einzelne Blumen an lange Seegrashalme, die sich sanft im Rhythmus der Strömung wiegten und immer neue, farbenfrohe Formationen bildeten.
Eine Gruppe der besten Jäger machte sich auf den Weg, um die leckersten und größten Fische für das Buffet zu fangen. Die jüngeren und noch unerfahrenen Jäger wurden losgeschickt, einen Schwarm Himpfschwänze zu orten und ausreichend davon für die Häppchenkäfige einzufangen.
In einiger Entfernung zum Versammlungsplatz übte eine Tanzgruppe aus zwölf Isurianerinnen beim Gesang des Unterwasserchores begeistert einen Algentanz, um dem angekündigten Gast nicht nur kulinarisch, sondern auch visuell etwas zu bieten.

*

Während in Virgeeville die Vorbereitungen auf Hochtouren liefen, löste Emily den Schutzschild vor dem Eingang zum Teldameer auf. Ihn willentlich verschwinden zu lassen, war eine ebensolche Kraftanstrengung für sie, wie ihn zu erschaffen.
Ihr Herz raste, als der Bethaki die Grenze zum Teldameer passierte.
„Willkommen in unseren Gewässern, Toron“, sagte Kronos und neigte den Kopf. „Meine Frau Savina hat deine Gedanken gelesen und festgestellt, dass du die Wahrheit sagst. Begleite uns nach Virgeeville und sei unser Gast.“
„Ich danke dir und deinen Gefolgsleuten, Kronos.“ Toron neigte ebenfalls sein Haupt. „Gern begleite ich euch.“
Emily hatte sich zu den anderen zurückgezogen und hielt fest Dathans Hand. Sie war in einem Zustand, den sie nicht in Worte fassen konnte. Einerseits schlug ihr Herz fast doppelt so schnell, eigentlich ein untrügliches Zeichen von höchster Anspannung und drohender Gefahr. Andererseits spürte sie eine ungewöhnlich tiefe Verbundenheit zu Toron, die ihr Sicherheit und Schutz in seiner Nähe suggerierte und die sie sich nicht erklären konnte.
„Emily … Kannst du bitte weniger fest drücken, sonst brichst du mir sämtliche Handknochen“, murmelte Dathan grinsend.
„Oh, entschuldige.“ Sofort löste sie ihre Hand von seiner und sah ihn betreten an. „Das wollte ich nicht.“
„Komm in meinen Arm, vielleicht beruhigt dich das ein bisschen.“ Zärtlich legte er den Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. „Atme langsam und tief. Ein und aus … ein und aus.“
Sie lauschte seiner Stimme und beobachtete, wie er die Augen schloss und ihr einen beruhigenden Rhythmus voratmete. In seinem Takt saugte sie Wasser ein und ließ es durch die Kiemen ausströmen. Immer entspannter wurden ihre Atemzüge und ihre Gedanken schweiften zu ihrer ersten Begegnung mit Dathan, als sie noch ein Mensch gewesen war und er sie vor dem Ertrinken gerettet hatte. Auch damals war es seine Stimme gewesen, die sie in ihrem benommenen Zustand wahrgenommen und die sie beruhigt hatte. Ihr Herzschlag normalisierte sich und neugierig sah sie zu Kronos und Toron. Es war eindrucksvoll, zu sehen, wie die beiden markanten Männergestalten mit kräftigen Flossenschlägen durch das Wasser zogen. Respektvoll neigten alle Isurianer, an denen sie vorbeiglitten, die Köpfe. Dathan, Emily, Sasana und Savina schwammen hinter den beiden Meermänner her. Abgesehen von den Wachen schlossen sich ihnen alle Isurianer an. In dieser Formation kehrten sie in gemächlichem Tempo nach Virgeeville zurück.

*

„Hast du die Höhle für den Meermann fertig vorbereitet?“, fragte Nerisha, die sich während Sasanas Abwesenheit um Chaia kümmerte.
„Ja, es ist alles perfekt“, antwortete das Meermädchen. „Die doppelt gewundene Seegrasmatte hängt, die Wände sind gesäubert und vier Käfige mit genügend Nahrung gefüllt.“
„Sehr gut. Dann sollten wir jetzt zum Lenkerplatz schwimmen. Sie werden sicher bald eintreffen.“
„Ich muss nur noch kurz in meine Höhle und mich umziehen. Ich komme dann sofort nach“, erklärte Chaia.
„In Ordnung. Aber mach nicht zu lange.“
Chaia schwamm in die Höhle ihrer Familie und huschte um die Felswand, hinter der ihr kleines Reich lag. Heute war ein aufregender Tag gewesen und sie hatte noch keinen ruhigen Moment gehabt. Endlich war sie allein, denn ihre Eltern und Geschwister waren bereits unterwegs.
Ermattet sank sie auf ihre Seegrasmatte, um für einen Moment abzuschalten. Ihre Gedanken schweiften sofort zu Marc. Sie hatten sich schon einige Tage nicht mehr gesehen und die Sehnsucht nach ihrem Gefährten nahm stündlich weiter zu. Statt an der Feier mit dem unbekannten Meermann teilzunehmen, würde sie viel lieber nach Dünensee schwimmen und die Zeit mit Marc verbringen. Aber das ging leider nicht. Zu viele Blicke waren auf sie gerichtet. Sasana würde sie suchen, ihre Eltern und Nerisha auch. Heute unauffällig zu verschwinden, war unmöglich. Außerdem hatte sie Sasana ihr Wort gegeben, Bescheid zu sagen, wenn sie an Land ging und sich mit Marc traf.
Emilys Bruder und sie hatten sich eines Tages zufällig bei einem Tauchgang mit Dathan und Emily kennengelernt und sofort Gefühle füreinander entwickelt, die sich mit der Zeit so verstärkt hatten, dass sie es kaum einen Tag ohne einander aushielten. Obwohl Marc ein Mensch und sie eine Meerfrau war, hatten sich Anzeichen dafür gezeigt, dass sie Gefährten waren, was bei den Isurianern nur einmal im Leben vorkam. Hatten sie ihren Gefährten gefunden, blieben sie ein Leben lang verbunden. Warum ausgerechnet sie einen Menschen als Gefährten gefunden hatte, darüber grübelte Chaia ununterbrochen nach. So verliebt sie auch war, es gab ein großes und schier unüberwindbares Problem in ihrer Beziehung: Sie durften sich nur küssen, allenfalls ein wenig streicheln – mehr auf keinen Fall. Würden sie miteinander schlafen, würden Stacheln aus Chaias Fingerspitzen fahren, sie würde diese instinktiv in Marcs Fleisch schlagen und ihm dabei ein Serum injizieren, das die Verwandlung in ein Meereswesen in Gang setzen würde. Noch nie in der Geschichte der Isurianer war ein Menschenmann verwandelt worden und es war fraglich, ob er diese schmerzhafte und gefährliche Prozedur überhaupt überleben würde. Lediglich zwei Menschenfrauen, Anna und Emily, waren bisher in Meereswesen verwandelt worden und beide hatten nur knapp überlebt, wie man sich erzählte. Die Schmerzen der Verwandlung mussten gewaltig gewesen sein, so war es in der Thyriagrotte niedergeschrieben worden. All das wollte sie Marc niemals zumuten, geschweige denn seinen Tod riskieren.
Trotz allem war der Gedanke, sich von ihm zu trennen, um sich und ihn von diesen auferlegten Zwängen zu befreien, keine Option für sie. Sie würde alles dafür tun, damit sie für immer zusammenbleiben konnten. Zu stark waren die Gefühle für ihn und sie schienen von Tag zu Tag intensiver zu werden.
Seufzend glitt sie zur Kleiderablage und ergriff ihr neues Kleid aus leuchtend lilafarbenen Seegrasfasern. Die alte Kanida, die für alle Isurianer Bekleidung herstellte, hatte einen der seltenen zwölfarmigen Leuchtkraken gefangen und das Aussprühen seines purpur leuchtenden Verteidigungssekrets genutzt, um Seegrasfasern damit zu färben. Eines der ersten auf diese Weise gefärbten Kleidungsstücke hatte Chaia erworben, um es heute zur Feier des Tages zu tragen.
Gehüllt in das leuchtende Kleid machte sich Chaia seufzend auf den Weg zum Versammlungsplatz.

*

„Ich bin ja bei dir“, beruhigte Dathan Emily. Er spürte genau, wie angespannt sie war. Auf dem Weg nach Virgeeville hatte sie nicht einmal seine Hand losgelassen. Statt wie alle anderen direkt zum Lenkerplatz zu schwimmen, zog sie ihn in Richtung Höhle.
„Danke. Bleib auf jeden Fall immer in meiner Nähe, hörst du? Ich habe ein ganz komisches Gefühl in mir. So, als ob … Ich weiß gar nicht, wie ich das in Worte fassen soll. Es ist, als ob ich Toron schon ewig kennen würde, aber gleichzeitig nehme ich auch etwas Undefinierbares wahr, was ich nicht einordnen kann. Das beunruhigt mich“, gestand sie und fuhr sich fahrig durch die roten Haare.
„Warten wir doch erst einmal ab, was Toron uns zu sagen hat. Es war eine emotionale und brenzlige Situation am Schutzschild. Ich bleibe auf jeden Fall in deiner Nähe, und jetzt atme ein paarmal tief und ruhig.“
Emily verdrehte die Augen. „Als ob Atmen die Lösung aller Probleme wäre …“
„Es ist zumindest dafür gut, um die Spannung zu dämpfen und ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Jetzt komm, alle warten bestimmt schon auf uns.“
„Ich muss kurz durchschnaufen und mich beruhigen“, wandte Emily ein. „Ich habe das Gefühl, wenn mein Herz weiter so schlägt, überkommt mich irgendwann eine Ohnmacht. Außerdem möchte ich mir etwas Schöneres anziehen. Ich habe immer noch den Badeanzug an, mit dem ich nach Dünensee schwimmen wollte.“
„Typisch Frau …“, murmelte er.
„Das hab ich gehört!“
Dathan grinste und ließ Emily ihren Willen. Wenn sie die kurze Verschnaufpause brauchte, dann sollte sie die gern bekommen.
Während Emily auf der Seegrasmatte mit geschlossenen Augen Atemübungen praktizierte und so versuchte, ihr aufgewühltes Inneres zu beruhigen, dachte Dathan über ihre Empfindungen nach. Woher kam die starke Verbundenheit, die Emily zu Toron spürte? Aus bisheriger Erfahrung konnte er sagen, dass Emilys Ahnungen in der Regel ernst zu nehmen waren. Wann immer sie bisher etwas gespürt hatte, hatte sich ihr Gefühl bestätigt. Aber … vor ihrer Verwandlung war sie ein Mensch gewesen. Wo sollte also der Berührungspunkt zu Toron, einem Meereswesen aus einem weit entfernten Ozean, liegen? Noch mehr Gedanken machte er sich allerdings über ihre Bemerkung, dass sie gleichzeitig Unheilvolles spürte. Savina war in Torons Gedanken und Gefühle eingedrungen und nichts hatte darauf hingedeutet, dass er hinterhältige Pläne schmiedete. Im Gegenteil. Die Gedanken, die Emily betrafen, waren ausschließlich positiv geprägt, hatte Savina auf dem Rückweg nach Virgeeville erläutert.
Sein Blick wanderte zurück zu Emily, die sich wieder erhoben hatte und abwechselnd zwei Kleider prüfend vor sich hielt.
„Wir brauchen einen Spiegel! Ich kann gar nicht richtig beurteilen, was ich anziehen soll“, jammerte sie und sah Dathan auffordernd an.
„Äh … ich sehe, was ich tun kann.“
„Mach das! Bald! Dann bist du eben jetzt mein Spiegel. Was denkst du? Ist eher das leuchtend gelbe oder doch besser das dezente grüne Kleid dem Anlass angemessen?“
„Zieh das Grüne an. Es passt wunderbar zu deinen Haaren.“
Emily schnellte herum und sah ihn verwundert an. „Dein Ernst?“
„Ja, natürlich. Grün passt hervorragend zu deiner Haarfarbe.“
„Das hast du dir doch nicht selbst ausgedacht …“
Dass er dies vor Kurzem seine Schwester Sasana hatte sagen hören, wollte er nicht verraten. Sollte sie doch denken, dass er ganz allein auf diesen Gedanken gekommen war. „Nicht ausgedacht, aber ich habe doch Augen im Kopf. Nimm das Grüne.“
„Okay …“, sagte Emily langgezogen und legte das gelbe Kleid zurück in ihren Kleiderbeutel, wo es zwischen Badeanzügen, Haarbändern und zwei weiteren Kleidern mit der Strömung sachte auf und ab schwang. „Willst du dir nicht auch was anderes anziehen?“
„Nein.“ Dathan blickte an sich hinunter. Die schwarze, eng anliegende und bis kurz über die Knie reichende Hose war genau die Richtige für diesen Anlass. Ein Oberteil war nicht vonnöten, befand er. „Können wir?“, forderte er Emily auf.
„Ja, ich bin fertig. Hast du das Armband an?“ Prüfend sah sie zu seinem linken Handgelenk.
„Natürlich! Du hast es mir geschenkt, damit ich einen Teil von dir immer bei mir trage. Ich würde es niemals ablegen!“ Lächelnd hob er den Arm und hielt ihr das Armband vor die Nase. Emilys Augen begannen zu funkeln, genau wie vor wenigen Tagen, als sie es ihm strahlend überreicht hatte. Es war goldfarben und das Plättchen mit ihrem eingravierten Namen schimmerte, wann immer er den Arm bewegte.
„Das will ich auch hoffen!“
Dathan ergriff ihre Hand und gemeinsam schwammen sie zum Lenkerplatz, wo die Feierlichkeiten schon in vollem Gange waren.

*

„Das ist ja wunderschön geworden“, staunte Emily, als sie den Versammlungsplatz erreichten und sie die bunt geschmückte Umgebung sah. „Da haben sich alle große Mühe zu Ehren von Toron gegeben. Und das in der kurzen Zeit.“
„Da wir nur selten Gäste haben, ist der heutige Tag etwas Besonderes und alle haben sich mächtig ins Zeug gelegt, um ihm die gebührende Achtung zu erweisen“, erklärte Dathan.
„Es ist wundervoll. Lass uns zu den Vorratskäfigen schwimmen, ich habe großen Hunger.“
Dathan lachte. „Möchtest du dir nicht zuerst den Tanz ansehen? Ich hole dir gern ein paar blaue Breitseitlinge. Du kannst sie während des Zuschauens essen.“
„Oh, ja gern, das ist lieb von dir“, antwortete sie und entdeckte Anna in der Zuschauermenge. „Ich bin bei Anna, wenn du mich suchst.“
Dathan nickte und schwamm davon.
„Hey, Anna“, rief sie und umarmte ihre Freundin, die ebenfalls einmal menschlich gewesen war. „Lange nicht mehr gesehen.“
„Gesehen schon, aber nur von Weitem“, erwiderte Anna grinsend und strich ihre langen Haare zurück. „Wie geht’s dir?“
„Es war aufregend die letzte Zeit. Jetzt freue ich mich auf eine schöne Feier. Und bei dir?“
Anna strahlte. „Mir geht’s sehr gut. Ich darf bald eine junge Meerfrau ausbilden und freue mich sehr darauf. Eine besondere Auszeichnung für eine verwandelte Isurianerin.“
„Oh, das freut mich sehr für dich“, erwiderte Emily und senkte die Stimme, als sich auf dem Platz etwas tat. „Sieh nur, es geht los.“
Sie reihten sich in die Menge der Zuschauer ein, die gebannt verfolgten, wie die Tänzerinnen in die Mitte des Platzes glitten und sich zum Algentanz formierten.
Bald schon bewegten sich die Frauen der Tanzgruppe in farbenfrohen, wehenden Gewändern anmutig zum Gesang des Chors, der sich durch Virgeeville zog und auch von denen zu hören war, die nicht zur Feier kommen konnten, weil sie entweder krank waren oder einen der notwendigen Dienste leisten mussten. Gleißend hell leuchtende Funkelwürmer, die in zahlreichen Seegrasbeuteln rund um den Platz angebracht waren, sorgten wie Laternen für die nötige Helligkeit.
Emily wiegte sich im Takt der Musik und genoss die willkommene Ablenkung nach den sich überschlagenden Ereignissen des Tages. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag und sie entspannte merklich. Nachdem Dathan ihr noch vier blaue Breitseitling gereicht und sie sich damit gestärkt hatte, ging es ihr bedeutend besser. Er legte den Arm um ihre Schulter, sie lächelte glücklich und bettete ihren Kopf an seinen Arm. Dabei fiel ihr Blick auf Toron und Kronos, die ebenfalls aufmerksam den Algentanz der Frauen beobachteten und aus den muschelähnlichen Häusern der Glibberschnecken ein Getränk aus Algensaft und der Milch der Abiquilen tranken.
Abiquile wurden außerhalb von Virgeeville auf großen Seegrasfeldern gehalten und besaßen einen pferdähnlichen Oberkörper, der je nach Rasse ab dem Nacken oder der Taille in einen Fischkörper überging. Es gab die unterschiedlichsten und farbenfrohesten Rassen. Ursprünglich lebten sie wild in den Ozeanen, doch als die Isurianer nach der Flucht vor den Medanern auf der Suche nach einem Ort waren, an dem sie sich niederlassen konnten, stießen sie auf eine riesige Herde von Abiquilen. Einige der sanften und klugen Tiere folgten ihnen ins Teldameer und lebten seit dieser Zeit mit den Isurianern in trauter Einheit. Man hatte für sie große Seegrasweiden angelegt, auf denen sie seitdem beheimatet waren. Die Seegräser waren ihre Hauptnahrung, zudem verwöhnten die Isurianer sie mit vielfältigen Seepflanzen und -blumen. Im Gegenzug duldeten die Abiquilen, dass die Kinder stundenlang auf ihnen durch das Teldameer ritten und wenn sie Nachwuchs hatten, ließen sie sich bereitwillig melken. Ihre Milch galt als außerordentlich wertvoll und nahrhaft und war eine besondere Leckerei, um die sich insbesondere die Kinder rissen.
Einem aufmerksamen Beobachter wäre aufgefallen, wie Kronos die Zehen im Takt der Musik bewegte und vergnügt vor sich hin lächelte. Auch für ihn war diese Darbietung etwas Besonderes, fand sie doch nur statt, wenn in Virgeeville Gäste empfangen wurden oder das alljährliche Isurifest stattfand.
Toron schien die Veranstaltung ebenfalls zu genießen, er beobachtete alles konzentriert, aber bewegungslos. Nur sein Blick huschte hin und her und ab und zu verzog er die Lippen zu einem angedeuteten Lächeln.
„Nun, Toron“, setzte Kronos an, als die Musik nach Stunden auf sein Zeichen hin verstummte und sich die Isurianer nach und nach auf den Weg in ihre Höhlen machten. „Es wird Zeit, uns den Grund für deinen Besuch mitzuteilen.“
Toron nickte und sank wie Kronos auf den Boden des Versammlungsplatzes. „Als Erstes danke ich euch für diesen herzlichen Empfang. Es war ein sehr schönes Fest und ihr hattet den besten Fisch, den ich seit Ewigkeiten gegessen habe.“ Ein dröhnendes Lachen begleitete seine Worte. „Holt Emily und ihren Gefährten dazu. Was ich zu sagen habe, betrifft auch sie.“
„Wir sind schon da“, sagte Dathan laut, Emilys Hand fest umschlossen, und schwamm mit ihr näher zu seinem Vater.
„Setzt euch zu uns“, forderte Kronos und deutete in die Runde. Neben ihm und Toron saßen auch Savina und die übrigen Lenker kreisförmig auf dem Boden des Versammlungsplatzes. Sobald die beiden sich dazugesetzt hatten, richteten sich alle Blicke gespannt auf Kronos, dem es oblag, das Gespräch zu eröffnen.
„Toron“, begann dieser. „Nun sind alle hier versammelt. Was hast du uns zu sagen?“
Toron erhob sich. „Danke, Kronos. Um die Dinge zu erklären, muss ich euch die Geschichte meines Volkes erzählen, die vor vielen Jahrhunderten ihren Anfang nahm“, begann er und legte die Hände hinter den Rücken. „Es gab eine Zeit, in der Bethakis und Medaner in Frieden nebeneinander lebten. Sie unterschieden sich zwar erheblich voneinander, respektierten sich jedoch und wahrten den Frieden. Jedes Volk pflegte seine eigenen Traditionen und Gewohnheiten und wir kamen uns nicht in die Quere. Unsere Heimatstadt Avirac im Bethakimeer lag weit entfernt vom Ozean der Medaner.“
Gespannt lehnte Dathan sich vor. Als hätte auch er noch nie auch nur eine Legende über das Volk der Bethakis gehört.
„Die Medaner ernährten sich unter anderem von Menschenfleisch und jagten so nicht nur nach Fischen, sondern auch nach einzelnen Menschen oder ganzen Booten. Sie konnten eine kurze Zeit das Wasser verlassen, ohne zu ersticken. Dies nutzten sie, um Schiffe zum Kentern zu bringen und ihre Beute in ihre Heimatstadt zu bringen. In Ufernähe jagten sie auch allein, überfielen Schwimmer und töteten und verspeisten Teile der Beute gleich an Ort und Stelle, bis Raubfische vom Blut angelockt wurden und den Rest erledigten. Selbst wenn kein Hunger sie trieb, jagten sie oft nur aus Lust am Töten. Wir Bethakis hingegen ernähren uns ausschließlich von dem, was das Meer uns bietet und jagen nur, wenn wir Nahrung benötigen. Im Gegensatz zu den Medanern können wir fast einen Monat an Land verbringen, ohne dass wir ins Wasser müssen.“
Emily hing gebannt an Torons Lippen. „Ein ekelhaftes Volk, die Medaner“, flüsterte sie Dathan angewidert ins Ohr. „Da lobe ich mir doch die Bethakis. Sie haben Charakter. Sieh ihn dir an, er ist nicht nur ein stattlicher Meermann und ein gerechter Gebieter, er hat auch die schönsten blauen Augen, die ich je gesehen habe“, wisperte sie weiter, ohne ihren Blick von Toron abzuwenden. Eng schmiegte sie sich an Dathan, dem ein amüsiertes Lächeln über das Gesicht zog.
„Psst“, raunte er. „Hören wir weiter zu.“
„All das wissen wir bereits über die Medaner“, wandte Kronos ernst ein. „Unser Volk hat viele Jahre mit ihnen zusammenleben müssen. Sprich weiter.“
Toron nickte. „Eines Tages erreichte uns die Kunde, dass ein neues Königspaar die Macht über das medanische Volk übernommen hatte. Rulvir und Niri. Der alte König war gestorben und die beiden hatten die Macht mit brutaler Gewalt an sich gerissen. Unter ihrer Herrschaft wurde ihr Volk noch aggressiver und barbarischer. Wenn sich ein Medaner gegen die beiden auflehnte, wurde er mit erbarmungsloser Grausamkeit ermordet. Ihre Herrschaftsgewalt nahm zu und gleichzeitig auch ihre irren Pläne, immer noch mächtiger zu werden. Ihr wisst aus eigener Erfahrung, dass sie den wahnwitzigen Plan verfolgten, eine neue Rasse zu erschaffen und deshalb anfingen, sich mit Menschen zu paaren. Was ihr sicher noch nicht wisst … Sie planten ähnliches auch mit den Bethakis“, fuhr Toron fort und hob das Kinn. „Denn es gibt eine Besonderheit an uns, die kein anderes Meereswesen besitzt: Wir sind unsterblich.“


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Birgit Read, Jahrgang 1960, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, lebt im Rheinland. Ihre Leidenschaft gehörte schon seit Kindheit dem geschriebenen Wort. Seit April 2016 steht sie unter Vertrag bei der Agentur Ashera und entdeckte hier die Faszination der unterschiedlichen Genres. Inspiration findet sie überall. Es sind Begegnungen und Zufälligkeiten, die in ihrer Fantasie Geschichten entstehen lassen.