Der Schatten der Vergangenheit

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4

Le Havre

Nicolas atmete tief ein, dann betätigte er den Klopfer an der schwer beschlagenen Eingangstür. Sein Herz schlug wild, und er meinte, jedermann müsse ihm seine Schuld ansehen. Wäre er Manns genug gewesen, hätte er seinem elenden Dasein sogleich ein Ende gesetzt, doch er war nicht nur ein erbärmlicher Sünder, sondern zu allem Überfluss auch noch ein Feigling.
Die ganzen vier Tage seit seinem überstürzten Aufbruch aus La Rochelle hatte er kaum gesprochen, nicht einmal mit der Mannschaft des Schiffes, auf dem er in diese Stadt gekommen war. Er musste sich räuspern, sonst hätte ihn seine Stimme gewiss im Stich gelassen.
»Ich suche Kapitän Cartier«, platzte er heraus, kaum dass sich die Tür geöffnet hatte. »Ist er daheim?«
Die junge, blond gelockte Frau musterte ihn interessiert.
»Du bist Nicolas, nicht wahr? Wir haben uns lange nicht gesehen.«
»Agnès?«
»Dieselbe. Komm herein, wir essen gerade.«
Nicolas folgte der jüngsten Schwester seiner Tante Lianne durch das geräumige Haus ins Speisezimmer. Sie hatten Laures Großeltern einige Male alle gemeinsam besucht. Er hatte Jacquo Cartier als freundlichen Herrn im Gedächtnis behalten, und ihm war in seiner Not kein anderer Mensch eingefallen, an den er sich hätte wenden können.
»Margot, bring noch einen Teller!«, brüllte Agnès zur Küche hinüber, dann setzte sie sich.
»Kind, wann lernst du endlich, nicht immer so zu schreien?«, schalt die ältere Frau, die an der kleinen Tafel saß. Ihr schwarzes Haar war mit grauen Strähnen durchzogen, doch die dunklen Augen funkelten wach. »Nicolas! Wie schön, dich zu sehen.«
»Madame.« Nicolas reichte der Frau die Hand, dann wandte er sich an den Herrn zu seiner Linken. »Kapitän Cartier. Es tut mir leid, dass ich unangemeldet erscheine.«
»Du wirst einen Grund haben. Setz dich zu uns, Junge. Ich hoffe, in La Rochelle steht alles zum Besten?«
Nicolas bemerkte, dass sich Sorgenfalten um die grauen Augen legten. Schnell nahm er Platz und sagte betont fröhlich: »Doch, es geht allen gut. Eure Enkelsöhne gedeihen prächtig, und Laure ist zu einer hübschen jungen Dame geworden.«
»Sieht sie Lianne noch so ähnlich?«
»Mit jedem Tag mehr. Euch somit natürlich auch.«
»Und die Knaben? Kommen sie endlich etwas mehr nach ihrem Vater?«
»Nein, keines der Kinder hat viel Ähnlichkeit mit Onkel Luc. Nach wie vor sind die beiden Ebenbilder Eurer Gattin.«
Kapitän Cartier brach in schallendes Gelächter aus.
»Meine Enkelin sieht aus wie ich, die Jungen dagegen wie meine Frau. Besser wäre es anders herum, nicht wahr? Mit deiner Schönheit kann meine nicht mithalten, liebste Robina.«
Die Angesprochene blickte ihren Ehemann so liebevoll an, dass es Nicolas einen Stich versetzte. Die Gedanken an Nisani stürmten mit Macht auf ihn ein, er sah sie vor sich, ihre blitzenden schwarzen Augen, die vollen Lippen. Er meinte, noch ihre Hände auf seinem Körper zu spüren. Das musste aufhören! Er musste fort, weit fort von ihr und seinen schmutzigen Gefühlen.
»Herr Kapitän«, rief er aus. »Ich möchte Euch um etwas bitten.«
»Sollen wir nicht erst einmal essen?« Der Hausherr musterte ihn, und Nicolas meinte, unter dem forschenden Blick in sich zusammenzufallen. »Was quält dich, Junge?«
»Oh, so schlimm ist es nicht.« Nicolas bemühte sich, beiläufig zu klingen. Er brach ein Stück Brot ab und kaute ausgiebig darauf herum, bevor er weitersprach. »Ich habe den Wunsch, zur See zu fahren. Meine Eltern würden dies nicht gutheißen, also bat ich sie nicht um Erlaubnis, sondern entfernte mich ohne ihr Wissen aus La Rochelle. Ich weiß, das war nicht richtig, doch mich plagt die Sehnsucht nach der Ferne.«
Die Lügen waren leichter über seine Lippen gekommen, als er es erwartet hatte, doch er fühlte sich, als habe er etwas Verdorbenes gegessen, so sehr brannten die Worte in seiner Kehle und seinem Magen.
Es war die Hausherrin, die antwortete, und ihr Tonfall war streng.
»Du hast nicht etwa einen anderen Grund, von dort fortzulaufen? Hast du ein Mädchen in Schwierigkeiten gebracht? Dann werden wir dir keinesfalls behilflich sein!«
Nicolas spürte die Röte in seinem Gesicht aufsteigen.
»Nein, Madame!«, versicherte er rasch, doch er wusste nicht, wie überzeugend es geklungen hatte. Da kam ihm der Kapitän zu Hilfe.
»Liebste, du darfst nicht von allen jungen Männern schlecht denken, nur weil ich in dem Alter verantwortungslos gehandelt habe. Ich bin sicher, Nicolas hat keine Hintergedanken. Er ist schließlich in einem guten Hause erzogen worden.«
So dankbar Nicolas über den Beistand war – das Brennen in seinem Bauch wurde stärker. Er schämte sich so! Doch er hatte keine Wahl, als diese lieben Menschen anzulügen. Er musste sich schützen – und vor allem musste er Nisani vor sich schützen!
»Ich möchte einfach nur zur See fahren, doch mein Vater hat andere Pläne mit mir. Bitte gebt mir die Gelegenheit, auf einer Fahrt zu erproben, ob das Leben als Seemann wirklich etwas für mich ist. Wenn ich mich gut anstelle, muss auch Vater es mir erlauben.«
»Nun, ich würde dir gern helfen, doch ich habe mich zur Ruhe gesetzt.«
»Oh nein!«, entfuhr es Nicolas. Das durfte nicht sein, er musste doch fort!
Jacquo Cartier lachte auf. »Schau nicht so entsetzt. Ich habe die Seefahrt aufgegeben, da ich nicht mehr der Jüngste bin, mein Schiff jedoch ist frisch wie am ersten Tag. Oder nein, frischer! Le Havre ist nicht umsonst die wichtigste Schiffbauerstadt des Landes. Die Masten wurden verlängert und somit die Segelfläche vergrößert. Sie ist schneller denn je. Du hast Glück, sie ist sogar in der Stadt. Die Liberté fährt unter neuem Kommando, doch ich denke, ich kann dem Kapitän dein Anliegen schmackhaft machen.« Er zwinkerte Nicolas zu. »Iss auf, dann gehen wir zum Hafen.«

Als Nicolas die Liberté am Kai liegen sah, wurde ihm das erste Mal seit Tagen ein wenig leichter ums Herz. Das Schiff würde ihn fortbringen, weit fort in eine andere Welt, in der es keine Nisani und keine Sünde gab. Den Gedanken, dass es dort auch keine Eltern und keine jüngeren Geschwister gab, keine Cousinen oder Cousins, überhaupt keine Verwandten, schob er beiseite. Er hatte jegliches Recht auf eine Familie verspielt.
Sie kletterten an Bord, und Jacquo Cartier begrüßte den neuen Kapitän der Liberté herzlich.
»René, mein Lieber. Bist du bereit für die nächste große Reise?«
»Aber sicher, Herr Kapitän.«
»So musst du mich nicht mehr nennen.« Cartier lachte. »Der Titel gebührt nicht mir, sondern dir selbst.«
»Ich bin nach wie vor nichts als Euer Schiffsjunge und ergebener Diener – und der beste Freund Eurer Tochter.«
Tante Lianne hatte oft von ihrem brüderlichen Kameraden geschwärmt, und Nicolas stellte fest, dass dieser genau den gut gelaunten, herzlichen Eindruck machte, den er aus den Erzählungen von ihm gehabt hatte. Obwohl der Mann mittlerweile um die vierzig Jahre zählen musste, besaß er ein jungenhaftes, pausbäckiges Gesicht und eine Art zu lächeln, die es einem leicht machte, ihm zu vertrauen. Dass dieser Mann ein Korsar gewesen und nun ein mit allen Wassern gewaschener Handelskapitän war, ließ sich kaum mit dem Anblick vereinbaren, den er bot. Aber vielleicht war genau dies das Geheimnis seines Erfolgs. Den lobte Liannes Vater mittlerweile in den höchsten Tönen. Nicolas zwang sich, zuzuhören und nicht mit der Frage herauszuplatzen, ob er mitreisen durfte.
»Und nach diesen erfolgreichen gemeinsamen Fahrten war es mir ein Leichtes, das Kommando an René abzugeben.« Er schlug dem Jüngeren auf die Schulter.
»Ach, Ihr wolltet doch nur Eure schöne Frau nicht länger allein lassen.«
»Das auch!« Beide lachten schallend, und Nicolas fühlte sich, als müsse er erbrechen. Dann, endlich, beruhigte sich René.
»Wen bringt Ihr mir hier eigentlich?«, fragte er.
»Dies ist Nicolas, der Sohn von Luciens Schwester.«
»Freut mich.« Der Händedruck fiel so kräftig aus, dass Nicolas beinahe in die Knie gegangen wäre. »Interessiert Ihr Euch für die Seefahrt, junger Mann?«
»Deshalb sind wir hier«, antwortete Cartier an seiner Stelle. »Ich möchte ihn dir ans Herz legen. Er sehnt sich nach der Ferne.«
René musterte Nicolas so eindringlich, dass er die Röte in seinem Gesicht aufsteigen fühlte. Dann nickte der Kapitän langsam und so wissend, als hätte er ihn auf Anhieb durchschaut. Nicolas schob es auf sein schlechtes Gewissen und ergriff die Hand, die René ihm reichte.
»Man nennt mich Kapitän Lasalle, mein Junge, und es ist mir eine Freude, Liannes Neffen auf der Liberté zu begrüßen. Ich darf Nicolas sagen?«
»Selbstverständlich«, antwortete Nicolas mit vor Erleichterung zitternder Stimme.
»Gut, Nicolas. Wir legen in drei Tagen ab. Wenn du dann immer noch zur See fahren willst, sei pünktlich zum Morgenhochwasser hier.«
»Das werde ich.«
»Und so lange wohnst du bei uns«, sagte Jacquo Cartier. »Agnès wird sich freuen, einmal nicht allein mit ihren alten Herrschaften zu sein. Wir werden auch meine anderen Stiefkinder besuchen, Jean und Sophie. Sie sind beide gerade Eltern geworden.«
Nicolas bemühte sich um ein Lächeln. Er hatte den Eindruck, dass es ihm in den nächsten drei Tagen kaum gelingen würde, einen klaren Gedanken zu fassen. Vielleicht war das gut. Danach würde er genug Zeit haben, mit sich und seiner Schuld allein zu sein. Reichlich Zeit. Bis zum Ende seines Lebens.

5

La Rochelle

Nisani veränderte sich von Tag zu Tag stärker. Ich hatte früher schon bemerkt, dass ihre schwarzen Augen Gift versprühen konnten, doch bis zu dem verhängnisvollen Tag hatte sie derartige Blicke nie gegen mich gerichtet. Seit Nicolas’ Verschwinden jedoch schien sie wütend auf alles und jeden zu sein.
Ich verstand nicht, was sie ihren Eltern vorwarf. Zwar hatte es mich ebenfalls verletzt, dass wir nicht in die Familiengeheimnisse eingeweiht worden waren, obwohl wir längst alt genug gewesen wären. Nach der ersten Wut jedoch hatte ich mich rasch beruhigt. Auch wenn die Neugier an mir nagte, war ich bereit, auf die Antworten zu warten, die meine Eltern uns geben würden.
Nisani jedoch blieb unversöhnlich. Sicherlich, es war schwer für sie, dass sie nicht die leibliche Tochter von Adelais und Paul war, aber sie musste doch verstehen, dass es ihnen nur um ihr Wohl gegangen war. Ich jedenfalls verstand sie.
Meine Tante litt unter dem Verhalten ihrer Tochter ebenso wie unter Nicolas’ Abwesenheit. Die jüngeren Kinder konnten sie kaum über den Verlust ihrer Ältesten hinwegtrösten, obwohl sich die Knaben alle Mühe gaben. Adelais verlor sogar ihren Appetit, was ich noch nie erlebt hatte. Sie tat mir unendlich leid, doch jedes Gespräch mit Nisani, in dem ich sie zum Einlenken bewegen wollte, endete im Streit. Meist flogen sogar Dinge durch unser Zimmer, denn ihre Unbeherrschtheit machte mich gleichfalls rasend, sodass ich die Geduld mit ihr verlor und es ihr gleichtat. Wir benahmen uns schlimmer als unsere kleinen Brüder! Jeden Tag nahm ich mir vor, mich nicht mehr von ihr reizen zu lassen, doch immer wieder schaffte sie es, dass ich ihr Gebrüll auf die gleiche Weise beantwortete. Es ging zu wie im Tollhaus, und ich schämte mich dafür.
Täglich beim Frühstück forderte Nisani, umgehend nach Paris reisen zu dürfen, um meine Eltern nach den Geschehnissen um ihre Geburt zu befragen. Sie wolle keinen Briefwechsel zu dem Thema, sondern aus dem Mund meiner Mutter hören, was mit ihrer eigenen geschehen war. Jeden Tag versuchte Onkel Paul, sie zu beruhigen und zu vertrösten. Zunächst verwies er auf die baldige Rückkehr meiner Eltern, dann auf das schlechte Wetter, das aus dem ganzen Land gemeldet wurde. Der Oktober ging stürmisch weiter, heftiger Regen, Frost und Schneefall wechselten sich ab. Sogar in La Rochelle schneite es, was ganz und gar ungewöhnlich war, besonders, da der Winter noch nicht einmal begonnen hatte. Nisani reagierte verstockt auf die Ausflüchte ihres Vaters, ließ sich jedoch ein ums andere Mal beschwichtigen. Zwar verhielt sie sich weiterhin unfreundlich, verrichtete aber ihre täglichen Pflichten, die in der Hauptsache darin bestanden, die Meute zu unterrichten.
Eines Tages kam ein Brief meiner Eltern an, in dem sie uns mitteilten, dass sie ihren Aufenthalt in Paris bis zum Frühjahr verlängern mussten. Madame Chemin, die alte Lehrmeisterin meiner Mutter, war hinfällig und bedurfte ihrer Hilfe. Nisani warf vor Wut ihren Becher gegen die Wand, sprang auf und brüllte, sie würde allein in die Hauptstadt reisen und niemand könne sie aufhalten. Sie stürmte aus dem Salon, Tante Adelais brach in Tränen aus, und ich rannte Nisani nach. In unserem Zimmer hatte sie bereits begonnen, ihre Kleidungsstücke in einen Beutel zu stopfen.
»Nisani! Du tust gerade so, als seien es deine Eltern, die du weitere vier Monate nicht sehen kannst. Ich habe das Recht, wütend zu sein, du doch nicht!«
Tränen traten mir in die Augen, als mir das Ausmaß der Nachricht bewusst wurde. Bis zum Frühjahr! Dachten die beiden überhaupt nicht an mich und meine Brüder? Warum zogen sie eine alte Frau ihrer eigenen Familie vor?
»Ich tue gar nichts. Es ist bedeutungslos, dass sie deine Eltern sind. Sie sind diejenigen, die mir als Einzige über meine Vergangenheit erzählen können. Und das werden sie, das schwöre ich dir!«
»Wie kannst du so undankbar sein? Deine Eltern sind bei dir. Ich bin es, die allein ist und es nun noch länger bleiben wird. Kannst du nicht auch einmal an mich denken anstatt immer nur an dich? Findest du nicht, es wäre nett von dir, mich jetzt zu trösten? Ich habe gerade erfahren, dass meine Eltern so bald nicht heimkommen.«
Nisani hielt in der Bewegung inne und starrte mich an.
»Ich dich trösten? Das ist lächerlich!«
»Lächerlich? Ich dachte, wir wären Freundinnen.«
Sie sah mich so verächtlich an, dass ich mich fragte, wie ich sie je als Freundin hatte betrachten können.
»Du brauchst keinen Trost, Laure. Du weißt immerhin, wer deine Eltern sind.«
Die Wut verscheuchte die Tränen, wie so häufig.
»Du hast wundervolle Eltern!«, brüllte ich. »Fast zwanzig Jahre hast du mit ihnen gelebt, dich von ihnen hätscheln und umsorgen lassen. Es wird dich nicht umbringen, es weiter zu tun.«
»Unsere Eltern sind Lügner, alle vier. Ich will die Wahrheit wissen, und dann können sie mir allesamt gestohlen bleiben!«
»Du weißt ja nicht, was du redest.«
»Das weiß ich sehr genau. Jetzt lass mich in Ruhe, du Quälgeist. Ich muss packen. Und dann reise ich umgehend nach Paris.«
»Das kannst du nicht tun.«
»Oh doch, ich kann! Ich bin eine erwachsene Frau.«
»Nur benimmst du dich nicht wie eine.«
Nisani funkelte mich an. »Und das willst du beurteilen? Du bist nichts als ein dummes kleines Mädchen!«
Ich ballte die Fäuste und hätte sie am liebsten wieder geschlagen, nachdem sie mich erneut so beleidigt hatte. Dass ich drei Jahre jünger war als sie, war vor den letzten Vorfällen nie ein Problem zwischen uns gewesen. Was war nur mit meiner Freundin geschehen? Ich holte tief Luft, zügelte meine Wut und beobachtete wortlos, wie sie weiter Kleider einpackte. Ihr Gesicht trug einen solch entschlossenen Ausdruck, dass mir angst und bange wurde. Würde sie ihre Drohung wahr machen? Mich allein mit zwei untröstlichen Erwachsenen und vier kleinen Plagegeistern zurücklassen?
Es klopfte an der Tür, und Onkel Paul trat ein. Zielstrebig ging er auf Nisani zu, nahm ihr das Kleid ab und umschloss ihre Hände fest mit seinen. Meine Cousine wollte sich aus seinem Griff winden, doch es gelang ihr nicht. Schließlich wurde sie ruhig und sah in das Gesicht ihres Vaters. Paul beugte sich hinab und küsste sie auf die Stirn.
»Mein Mädchen. Du weißt, dass du das immer bleiben wirst, nicht wahr? Du bist meine einzige Tochter. Bitte wende dich nicht von mir ab.«
Es lag so viel Gefühl in der tiefen Stimme, dass ich peinlich berührt den Raum verlassen wollte. Da wandte sich mein Onkel an mich.
»Bleib, Laure. Was ich zu sagen habe, betrifft auch dich. Setzen wir uns?«
Er sah Nisani an, die langsam nickte. Ohne ihre Hände loszulassen, setzte er sich mit ihr auf das Bett. Ich ließ mich an Nisanis anderer Seite nieder. Paul räusperte sich.
»Es fällt mir nicht leicht, doch mir bleibt keine Wahl. Ich möchte dich nicht verlieren, Nisani. Ich werde dir ermöglichen, nach Paris zu reisen, und Laure wird dich begleiten.« Er lächelte mich an. »Ich weiß, wie du darunter leidest, deine Eltern so lange nicht sehen zu können. Auf diese Weise kann ich meine beiden liebsten Mädchen glücklich machen. Leider kann ich selbst nicht mit euch kommen, denn die Geschäfte halten mich hier fest. Außerdem kann ich Adelais unmöglich mit den vier Knaben allein lassen. Und möglicherweise …« Sein Gesicht verfärbte sich flammend rot, und er räusperte sich erneut. »Möglicherweise erwartet sie noch einmal ein Kind.«
Nisani und ich sahen uns ungläubig an, und plötzlich war da eine Spur der alten Verbundenheit zwischen uns.
»Ein weiterer kleiner Bruder?«, fragte Nisani und lächelte. »Wie sollen wir das überstehen?«
»Das werdet ihr schon – wenn dieses Kind überhaupt lebend zur Welt kommt. Ich sorge mich so um Adelais. Sie leidet furchtbar. Nisani, ich bitte dich. Zeige dich versöhnlich. Ich verspreche, dass du so bald wie möglich auf die Reise gehen kannst. Es ist in den letzten Tagen wieder wärmer geworden. Sobald aus Tours die Nachricht kommt, dass das Wetter es zulässt, bricht ein Handelszug dorthin auf. Mit dem werde ich euch schicken und auch eure Weiterreise nach Paris in die Wege leiten.«
Nisani überlegte, dann nickte sie. »Ich werde mit Maman reden.«
Ich hörte, wie sie sich bemühte, das Wort unbefangen auszusprechen, um Onkel Paul nicht zu verletzen. Es gelang ihr nicht besonders gut. Sie klang, als schnüre ihr etwas die Kehle zu. Immerhin zeigte der Versuch, dass sie doch noch Mitgefühl für andere Menschen besaß.
»Ich danke dir, Kind. Bitte denk immer daran, dass wir dich lieben. Und du liebst uns doch auch, nicht wahr?«
Er sagte es so bittend, dass es mir das Herz zerriss. Ich hätte Nisani gern getreten, doch dann sprach sie von selbst die richtigen Worte.
»Natürlich liebe ich euch. Und vielleicht verstehe ich das alles irgendwann.«
Sie stand auf und verließ das Zimmer. Onkel Paul lächelte mir noch einmal zu und folgte ihr.
Ich blieb allein zurück, sah mich in dem Durcheinander des Zimmers um und schluckte. Ich hätte mich freuen sollen, nun, da die Aussicht bestand, meine Eltern noch vor Weihnachten wiederzusehen, vielleicht sogar das Fest mit ihnen zu verbringen. Und doch konnte ich kaum atmen. Wir würden uns fremden Menschen anschließen und durch unbekannte Landschaften in ferne Städte reisen. Die Ungewissheit dieser Unternehmung machte mir Angst.
Darüber hinaus gab es einen weiteren, schlimmeren Grund, warum mir das Ganze Unbehagen bereitete: Meine Cousine hatte sich so verändert, dass ich sie nicht wiedererkannte, und auch ich war mir in den vergangenen Wochen fremd geworden. Wie würden wir uns vertragen, wenn wir miteinander allein waren, wenn wir wochenlang nur einander hatten, inmitten von Menschen, die wir nicht kannten? Ich sah das dunkle Gesicht vor mir, die blitzenden Augen und die eiskalte Stimme, und eine unbändige Furcht erfasste mich, die mir beinahe die Sinne raubte.
Dann jedoch wurde mir etwas bewusst.
Paris!
Am Ende der Reise warteten nicht nur meine Eltern, sondern vor allem diese Stadt, nach der ich mich sehnte, seit ich denken konnte. Plötzlich siegte die Neugier über alle Bedenken, und eine fieberhafte Erregung erfasste mich. Ich würde La Rochelle verlassen, endlich! Onkel Paul vertraute mir, hielt mich für erwachsen genug für eine solche Unternehmung. Ich sprang auf, trat vor den hohen Spiegel und musterte mich. Der Streit mit Nisani stand noch in mein bleiches Gesicht geschrieben, doch mir blickte kein kleines Mädchen entgegen, sondern eine junge Frau, bereit, in die Welt zu gehen.
Ich straffte die Schultern, zwinkerte mir zu und ging hinüber zu meinem Schränkchen. Dort entnahm ich einen großen Speckstein und ein Schnitzmesser. Ich lief die Treppe hinab und aus dem Haus, hinunter zum Hafen. Nur in dunklen Ecken, die die schwache Herbstsonne nicht erreichte, lagen noch Reste von Schnee. Ich setzte mich auf eine Mauer, genoss den ungewöhnlich hellen, milden Tag und begann, meinen Stein zu bearbeiten. Ich war so in meine Arbeit versunken, dass ich erst aufhörte, als die Dämmerung hereinbrach und ich nicht mehr genug sehen konnte. Doch da hielt ich schon ein winziges, detailreiches Abbild der Kathedrale Notre-Dame in der Hand, die meine Mutter so oft gemalt hatte.
Paris!
Endlich.


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Marie Caroline Bonnet ist das Pseudonym der Autorin Jessica Weber. Sie ist Kielerin, gebürtig und überzeugt. Die gelernte Schifffahrtskauffrau liebt es, das Meer vor der Tür zu haben. Wenn sie nicht schreibt, arbeitet sie als Sekretärin sowie freiberuflich als Verlagslektorin. In ihrer Freizeit fertigt sie ausgefallene Motivtorten an, ist in der Mittelalterdarstellung aktiv und reist viel, gern auch zu Recherchezwecken. Sie ist Mitglied in zwei Autorenvereinigungen und im Verband der Schriftsteller in Schleswig-Holstein e. V.