Das Vermächtnis der Kristalle

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Fianchetto

„Im Mittelspiel bewegt sich der Spieler zur Flanke des Spielfeldes, um von dort über die Diagonale angreifen zu können.“

Sonntag, 28. Februar

Das typische Lächeln huschte über seine Lippen.
„Morgen fahren wir zurück nach Glasmaris.“ Mit sanftem Druck fuhr sein Daumen über meinen Mund. „Dir wird nichts geschehen. Dir nicht. Und unserem Kind nicht.“ Seine Finger glitten durch meine Haare. „Alles wird gut, Caitlyn. Alles.“
Das glaubte ich allerdings nicht. Absolut nicht.
Ich schloss die Augen, als er mich zärtlich küsste.
Einfach stillhalten und bloß nicht darüber nachdenken, wie sehr ich ihn gemocht hatte … wie sehr ich ihn immer noch mochte!
Plötzlich wurde mir schwindelig. Unvermittelt krallte ich mich an Duncan fest, weil ich schwankte. Sein vertrauter Duft umgab mich, während er mich stützte.
„Du solltest dich setzen“, riet er mir leise.
Tausend Empfindungen stürzten auf mich ein, als er dabei, wie so oft in den vergangenen Wochen, sein Gesicht in meinem Haar vergrub und meinen Nacken liebkoste.
„Nein!“
Obwohl ich es nicht sehen konnte, kam es mir vor, als hebe er seine Brauen, doch er widersprach nicht, sondern hielt mich, bis sich mein Kreislauf beruhigt hatte.
„Geht es wieder?“, fragte er schließlich.
Ich brachte nur ein Nicken zustande, doch ich war wild entschlossen, stehen zu bleiben. Ohne mich aus den Augen zu lassen, holte er mir etwas zu trinken. Während das kühle Wasser in kleinen Schlucken durch meine Kehle rann, mied ich seinen Blick. Diese Situation war so widersinnig. Sein ganzes Benehmen war widersinnig.
Alles, alles war widersinnig!
Im Wald war er kalt gewesen, brutal. Er hatte mich geschlagen, gedemütigt. Und jetzt behandelte er mich, als sei ich aus Glas.
Ich stellte den Becher auf den Tisch und wandte mich ihm zu, eigentlich, um etwas zu sagen, doch ich brachte kein Wort heraus und schloss meinen Mund unverrichteter Dinge wieder. Offenbar empfand er es als Aufforderung, denn er trat auf mich zu und legte eine Hand an meine Wange.
„Du bist immer noch blass.“
Einem Impuls folgend, wollte ich seine Hand wegstoßen, doch dann kam mir ein Gedanke. Vielleicht war das ein Ausweg: Ich musste einfach so tun, als vertraute ich ihm.
Daher schmiegte ich mich an seine Hand und ließ es zu, dass er mich mit dem Daumen streichelte.
Weil mir mit einem Mal Tränen in die Augen traten, presste ich meine Lider zusammen, während ich krampfhaft ein Schluchzen unterdrückte, das in mir aufstieg. Ich durfte einfach nicht mehr darüber nachdenken, was jetzt war, sondern musste mich an den Gedanken klammern, wie es bis gestern zwischen und gewesen war! Sicher konnte ich ihn dann leicht täuschen. Ich würde mich treuherzig geben.
Ich trat vor, lehnte meine Stirn an seine Wange, verharrte einen Moment und hob dann mein Gesicht, um ihn zu küssen.
Ich spürte seine Überraschung, doch anstatt mich gewähren zu lassen, rückte er sachte von mir ab.
„Das ist keine gute Idee.“
Zwar hielt er mich immer noch am Ellbogen fest, doch er blieb auf einer Armlänge Abstand. Schluchzend presste ich die Hand auf meinen Mund.
Einem plötzlichen Impuls folgend, holte ich aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige.
„Du verlogener Mistkerl!“, schrie ich und berührte die Stelle auf meiner Wange, an der mich vor wenigen Stunden die Knöchel seiner Hand getroffen hatten.
Er wandte den Blick ab und schritt durch den Raum. Schließlich legte er den Kopf in den Nacken und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Unentschlossen machte er einen weiteren Schritt und nahm schließlich die Decke vom Sessel, um sie mir um die Schultern zu legen. Misstrauisch beobachtete ich ihn, doch ich ließ ihn gewähren. Der Abdruck meiner Hand war auf seiner blassen Wange gut zu erkennen.
„Danke“, murmelte ich, als ich die Decke vorn zusammenraffte.
Er nickte knapp, bevor er sich wieder von mir entfernte. Vor dem Sessel blieb er stehen, zögerte, dann setzte er sich.
„Ich weiß, es ist viel verlangt, wenn ich dich bitte, mir einfach zu glauben, dass ich zu keinem Zeitpunkt leichtfertig gehandelt habe“, sagte er schlicht.
Ich rieb mit Daumen und Zeigefinger über meine Nasenwurzel. Meine Gedanken fuhren immer noch Karussell, doch allmählich dämmerte mir, dass es komplizierter war, als ich gedacht hatte. Da es sinnlos war, weiter herumzustehen, ließ ich mich auf die Bettkante sinken.
„Ich weiß weder, was ich von dir halten soll, Duncan, noch, was ich dir überhaupt glauben kann.“
„Dann glaub mir wenigstens, dass ich dich hier herausholen will, Caitlyn.“
Ein neuer Schwindel erfasste mich, dazu eine Welle der Übelkeit. Ich hielt mir die Hand vor den Mund und schloss kurz die Augen, während ich ein paarmal durchatmete. „Gut“, sagte ich, als ich wieder riskieren konnte zu sprechen. Und da ich allein sowieso keine Chance haben würde, hier herauszukommen, fuhr ich fort: „Was ist dein Plan?“

Rom, Juni 1944

Liebe Patricia!

Jetzt, da Rom von den US-Truppen erobert wurde, kann ich dir endlich von den Ereignissen der letzten Wochen und Monate berichten. Ich nehme an, du hast dir bereits Sorgen um mich gemacht, weil du nichts hörtest. Nun, wie du siehst, bin ich am Leben.
Ich musste im Februar Pottenstein überstürzt verlassen – warum, erkläre ich dir demnächst persönlich, doch es hat mit der jungen Frau zu tun, von der ich dir bereits berichtete.
Eine weitere gute Nachricht ist, dass ich Finolas Sohn bei mir habe!
Ja, du liest richtig! Ich habe den Kleinen, der mit seinen fast sechs Jahren schon sehr groß geraten ist, in meiner Obhut und werde ihn, so schnell ich eine Passage organisieren kann, zu dir bringen. Bisher hört er noch auf den Namen Siegfried und ist sehr scheu und ängstlich. Er spricht kaum und zuckt bei dem geringsten Geräusch zusammen. Ich erspare dir vorläufig die Details, doch ich bin sehr sicher, dass er seinen sadistischen Erzeuger nicht vermissen wird. Mir ist der Gedanke ein kleiner Trost, dass SS-Offizier Wagner in der Hölle schmort für die unsäglichen Dinge, die er seinem Sohn und unserer Finola angetan hat.
Möge Finola endlich in Frieden ruhen können!
Auch wenn der Krieg damals noch nicht in greifbarer Nähe war, hätte sie niemals nach Berlin kommen dürfen. Sie würde noch leben, hätte sie dieses Nazimonster Wagner, das sein wahres Gesicht so gut verstecken konnte, nicht kennengelernt.
Ich höre dich im Geiste sagen, dass sie uns auf Jägers Spur brachte, da ihr Junge nach ihrem Tod ins „Haus Sonnenschein“ kam. Du hast natürlich recht, doch du wirst mir zustimmen, dass immer ein bitterer Nachgeschmack bleiben wird. War es das Opfer wert, das unsere arme Finola dafür unfreiwillig gebracht hat?
Jäger selbst hat vor einigen Wochen begriffen, dass das Reich sich wahrscheinlich nicht mehr lange halten wird, und die Flucht ergriffen. Zum Glück hatte ich eine Informantin in seinen Reihen, daher wusste ich, dass er vorhat, die Klosterrouten zu nutzen, um außer Landes zu gelangen. Die katholische Kirche bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm, wenn sie diesen Verbrechern hilft! Allerdings gelang es mir so, ihnen unauffällig über Südtirol bis nach Rom zu folgen. Bevor sie das letzte Schiff in Richtung Spanien nahmen, das den Hafen verließ, nutzte ich meine Chance, um Finolas Jungen seinem Erzeuger zu entreißen.
Ich musste mich jedoch entscheiden, daher ist meine Informantin noch immer bei Jäger. Sie ist mir lieb und teuer geworden, doch hat sie außerdem noch weitere sehr bemerkenswerte Eigenschaften, die ich dir bereits vor Monaten andeutete. Ich werde weiter nach ihr suchen, sofern du dich des Kleinen annimmst. Ich komme bald mit ihm zusammen nach Hause.

SFCE
Jacob

Cape Breton, Nova Scotia

Patricia Grant und Finley McFarlane kamen überein, aus Sicherheitsgründen unterschiedliche Routen nach Großbritannien zu wählen, um die Suche nach Caitlyn aufzunehmen. Da Finley nicht zu warten bereit war, brach er, unmittelbar nachdem er gepackt hatte, zu der vierstündigen Fahrt nach Halifax auf, um von dort den nächsten Flug nach Europa zu nehmen. Letztmalig unter seiner Tarnidentität als Rechtsanwalt Adam Scott wollte er dann schnellstmöglich weiter nach Großbritannien reisen, um dort wieder von der Bildfläche zu verschwinden und heimlich nach Anglesey zu gelangen. Patricia hingegen hatte vor, am folgenden Abend den 23-Uhr-Flug von St. John’s nach Dublin und von dort die Fähre nach Holyhead auf der walisischen Insel Anglesey zu nehmen.
Finley gegenüber hatte sie vorgegeben, am nächsten Tag noch die Betreuung ihrer Pferde während ihrer Abwesenheit organisieren zu müssen, in Wahrheit kostete sie das jedoch nur zwei Anrufe. Spätestens um vier Uhr am folgenden Nachmittag würde sie mit ihrem Auto ins zwei Stunden entfernte Port Hawkesbury aufbrechen, um sich von dort mit einem privaten Charterflug nach St. John’s fliegen zu lassen – auch für diesen benötigte sie nur einen Anruf. Das Packen ihres kleinen Handgepäckkoffers erledigte sie ebenfalls noch am Abend, und als sie schließlich in ihrem Bett lag und in Gedanken noch einmal alles durchging, was vor ihrer Abreise arrangiert werden musste, fiel ihr nichts weiter ein. Sie hätte friedlich schlafen können. Innerlich war sie jedoch so unruhig, dass sie sich zwingen musste liegen zu bleiben. Mit geschlossenen Augen verharrte sie bewegungslos in der Dunkelheit und dachte an das, was ihr bei den Erinnerungen an Opa John durch den Kopf gegangen war. Sie hatte Emrys‘ taktisches Kalkül unterschätzt. Sein Besuch bei ihr Anfang letzten Septembers war keine Willkür gewesen, insbesondere, dass er als Treffpunkt die Felsformation vorgeschlagen hatte, die sie Cailleach bàn getauft hatte.
Emrys hatte damals angeblich die Nacht dort in der Höhle verbringen wollen. Ob er es getan hatte oder nicht: Auf jeden Fall hatte er ihre Aufmerksamkeit auf diese Höhle lenken wollen, nur hatte sie das erst jetzt begriffen. Und daher musste sie dorthin, bevor sie nach Anglesey aufbrach.
Finley hätte entweder versucht ihr den Plan auszureden oder sich verpflichtet gefühlt mitzukommen. Weder das eine noch das andere war zielführend, daher hatte sie ihm ihr Vorhaben verschwiegen.
Unter Aufbringung aller Willenskraft gelang es ihr schließlich doch einzuschlafen.
Das Thermometer zeigte zwölf Grad unter dem Gefrierpunkt, als sie am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang vor die Tür trat. Patricia trug ihre Thermounterwäsche sowie einen warmen, aber bequemen Anzug. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Zu Pferd brauchte sie für die Strecke bis Cailleach bàn mehr als drei Stunden, doch jetzt im Winter war es wegen des tiefen Schnees kaum möglich, die Strecke zu reiten. Selbst wenn sie einen Versuch würde wagen wollen, müsste sie eine längere Zeit einkalkulieren – Zeit, die sie heute nicht hatte.
Ein Motorgeräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Langsam ging sie über den Hof, dem Brummen entgegen, das sich ihr wie eine aufgeregte Hummel von der Zufahrt her näherte. Selbst in der Dämmerung konnte sie bereits den aufgewirbelten Pulverschnee sehen, der hinter dem Schneemobil wie eine Staubwolke in die Luft stieg.
Schließlich hielt der Fahrer direkt vor ihr an.
„Morgen, Pat!“ Der Mann schob das Visier seines Helms hoch und machte den Motor aus. „Bereit für eine Fahrt durch den Tiefkühlschrank?“ Er schüttelte sich demonstrativ, während er ein heiseres Lachen von sich gab. Sein schwarzgrauer Schnurrbart zuckte, und seine kleinen dunklen Augen blitzten vor Heiterkeit. Selbst mit Helm war eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Seehund unverkennbar.
„Greg!“, grüßte Patricia ihn, während sie eine Sturmhaube aus ihrer Jackentasche holte. „Danke fürs Kommen!“
„Kein Ding.“ Lässig zuckte Greg mit den Schultern und tippte sich dann an den Kopf. „Ich hab noch einen zweiten dabei. Hoffe, der passt.“ Er stieg vom Sitz, den er hochklappte und dann den darin befindlichen Helm Patricia reichte.
Die hatte es endlich geschafft, ein paar besonders widerspenstige Haare unter die Sturmhaube zu schieben. „Wird schon reichen“, sagte sie, als sie den Helm entgegennahm. Er war zwar etwas groß, doch besser als ein zu kleiner, der das Gefühl des Eingesperrtseins noch verschärft hätte.
Moderne Integralhelme hatte sie noch nie leiden können. Mit Wehmut dachte sie an frühere Zeiten zurück, in denen sie jedes Fahrzeug selbst gesteuert hatte. Das erste Motorrad, auf dem sie gesessen hatte, war die nagelneue Triumph, Type H, Baujahr 1915, ihres Vaters Archibald gewesen. Heimlich, versteht sich. Einen Helm hatte sie natürlich nicht getragen, höchstens eine Lederkappe und eine Motorradbrille. Das Gefühl unendlicher Freiheit, wenn ihr der Fahrtwind um die Nase wehte, hatte sie immer geliebt.
„Also?“, fragte Greg.
„Verzeih“, seufzte Patricia, die bemerkte, dass Greg wohl vorher schon etwas gesagt haben musste. „Ich hab nicht zugehört. Ich glaube, ich werde alt.“
Greg lachte wieder sein heiseres Lachen. „Du? Wer freiwillig ein paar Stunden mit mir in dieser Kälte auf dem Ding hier“, er tätschelte das Schneemobil, „unterwegs sein will, der ist aus hartem Holz geschnitzt und alles, bloß nicht alt.“
„Tiefkühlkost hält länger frisch“, bemerkte Patricia trocken. „Also los.“
Beide stiegen auf, Patricia hielt sich an Greg fest.
„Und wohin geht es nun?“
„Nordwesten“, rief Patricia.
„Aye!“, antwortete Greg und startete die Maschine.
Die Fahrt war lang und anstrengend. Patricia hätte die Tour lieber dreimal hintereinander zu Pferd gemacht, und mit Schaudern dachte sie bereits nach der Hälfte der Strecke an die Rückfahrt. Greg war ein erfahrener Schneemobilpilot, daher hatte sie keine Angst bei dem halsbrecherischen Tempo, das er vorlegte, wann immer es die Gegebenheiten zuließen. Doch sie war froh, als sie schließlich die skurrile Formation aus weißen Felsen erreichten, die aus der Entfernung wirkte wie ein vom Alter gebeugtes Weib. Mit einem Klopfen auf seine Schulter bedeutete sie Greg anzuhalten. Es war ungefähr dieselbe Stelle am Fuß der Felsen, an der sie im September Emrys begegnet war. Am Rand des flachen Bachlaufs hatte sich Eis gebildet.
Sie stieg ab. Cailleach bàn, dachte sie, so sehen wir uns wieder. Welches Geheimnis mochten die gleichnamigen keltischen Riesinnen hüten, die der Sage nach in Gestalt einer alten Frau daherkamen? Eigentlich passend, dachte Patricia, denn auch sie fühlte sich in letzter Zeit genau so: wie eine alte Frau.
Nachdem Greg den Motor ausgemacht hatte, fragte er: „Und jetzt?“ Er rieb sich die Hände.
Patricia nahm den Helm ab und reichte ihn Greg. „Ab hier muss ich allein weiter. Ich brauche eine Stunde.“ Zumindest hoffte sie das. Wenn sie länger brauchte, würde Greg jedenfalls nicht einfach wegfahren und sie hier zurücklassen.
Greg runzelte die Stirn. „Okay“, sagte er gedehnt.
„Ich hab Tee dabei und mach mir ein Feuer, dann werd ich’s wohl aushalten. Du weißt ja: Made in Scotland.“ Er schlug sich auf die Brust.
„Danke, Greg.“
Patricia klopfte ihm auf die Schulter und schritt das kurze Stück im tiefen Schnee den Bachlauf entlang, bis sie den Pfad erreichte, der bergauf führte. Gregory Grant stellte nie unnötige Fragen. Auf ihn konnte sie sich stets verlassen.
Als sie bergauf stapfte, verfluchte sie innerlich die Tatsache, dass sie nicht an Schneeschuhe gedacht hatte. Jeder Schritt war mühsam, und ihre Muskeln brannten bald. Die Quittung würde sie in den nächsten Tagen bekommen, wenn die Schmerzen in Muskeln und Gelenken sie nachdrücklich daran erinnerten, sich nicht mehr alles zuzumuten. Sie schob den Gedanken beiseite. Wenn schmerzende Gelenke die einzigen Probleme waren, die die kommenden Jahre für sie bereithielten, dann konnte es ruhig noch lange so weitergehen.
Endlich erreichte sie die Stelle, an der sie und Emrys ein Lagerfeuer gemacht hatten und Emrys erwähnte, in der Höhle übernachten zu wollen. Vorsichtig stieg sie über die schneebedeckten Felsen, bis sie den von einem jahrhundertealten Felssturz fast gänzlich verborgenen Höhleneingang fand. Sie löste ihre helle Stabtaschenlampe vom Gürtel und stieg in den Eingang hinein. Es war eine Höhle, wie es unzählige in den Bergen gab. Zurzeit war es drinnen wärmer als draußen, und es roch modrig, dies war nicht unbedingt ein heimeliger Schlafplatz – und nichts zeugte mehr davon, dass Emrys hier im letzten Sommer übernachtet hatte.
„Oh, verflixt!“
Das war ihr herausgerutscht, kaum dass der Gedanke aufgeblitzt war. Emrys kannte sie gut. So gut, dass ihm klar gewesen sein musste, dass ihr die Frage, warum er hier gewesen war, irgendwann keine Ruhe mehr lassen würde. Doch möglicherweise hatte er damit gerechnet, dass sie früher herkäme. Niemand außer ihr kannte den Platz, und insgeheim schien er sie damals zur Hüterin seines Geheimnisses erkoren zu haben, als er ihr empfahl, sich hier in der Nähe eine Farm zu kaufen.
Er verließ sich auf ihren Instinkt. Darauf, dass sie beizeiten die richtigen Schlüsse ziehen würde. Emrys wollte, dass sie sich in dieser Höhle umsah. Er wollte, dass sie etwas fand. Und er wollte es, weil er glaubte, dass Patricia irgendwann zum Handeln gezwungen war. Aber warum?
„Also gut.“ Die Wände um sie herum ließen ihre Stimme seltsam hohl klingen.
Sie hatte weder eine Ahnung, was genau sie eigentlich suchte, noch, wo es sich befinden mochte, doch mit einer Gründlichkeit, die vielen Frauen zu eigen war, begann sie, die Höhle zu durchkämmen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, denn hinter einem der zahlreichen Steinhaufen verbarg sich eine Spalte, die weiter in den Berg führte. Patricia hatte zwar noch nie unter Platzangst gelitten, doch je niedriger und schmaler die Spalte wurde, desto mulmiger wurde ihr. Sie war erleichtert, als sie in eine größere Höhle gelangte, von der mehrere Gänge abzweigten.
„Grandioses Versteck, Emrys“, murmelte sie. „Und jetzt?“
Sie hatte nicht die richtige Ausrüstung dabei, um das vor ihr liegende Höhlensystem zu erforschen, doch so schnell wollte sie nicht aufgeben. Sie war sicher, dass es einen Hinweis gab, wohin sie sich wenden sollte. Während sie die Felswände ableuchtete, glaubte sie plötzlich, ein leises Plätschern wahrzunehmen. Sie löschte das Licht und hielt den Atem an. Völlig auf ihr Gehör konzentriert, verharrte sie in der Dunkelheit.
Wasser!
Mit behutsam tastenden Schritten bewegte sie sich mal hierhin, mal dorthin, bis sie die Richtung, aus der es kam, gefunden hatte. Dann schaltete sie die Lampe wieder ein, damit sie dem leicht abwärtsführenden Gang folgen konnte. Mit jedem Schritt wurde das Geräusch fließenden Wassers lauter, und es dauerte nicht lange, bis sie auf einen unterirdischen Bachlauf traf, der vermutlich die Quelle außen am Berg speiste. Das Wasser floss durch eine Grotte, in der unzählige Stalaktiten von der Decke herabhingen. Stalagmiten unterschiedlichster Größe wuchsen überall aus dem Boden. Ein Spalt zog sich an der Höhlendecke weit nach oben. Ihr Blick folgte dem Strahl der Taschenlampe, den sie so weit wie möglich hinaufgleiten ließ. Auf ihrem Gesicht fühlte sie einen kühlen Windhauch. Sie löschte das Licht.
Dort oben konnte sie ein Stück Himmel erkennen. Ihre Armbanduhr sagte ihr, dass beinahe Mittag war, doch der Himmel war verhangen. Im Sommer, wenn die Sonne an ihrem höchsten Punkt stand, war es sogar möglich, dass ihre Strahlen bis hier herunterreichten.
Grübelnd schaltete Patricia die Lampe wieder ein, deren Licht von den glänzenden Mineralen hundertfach reflektiert wurde. Plötzlich hielt sie inne. Vorsichtig, um auf dem glitschigen Boden nicht auszurutschen, ging sie zu einer Höhlenwand.
Dort waren mehrere Zeichen in den Stein geritzt und mit Kohle geschwärzt worden. Mit ihrem Zeigefinger wischte sie leicht darüber. Die Kohle war recht frisch, die Rillen waren sicher schon länger dort. Aufmerksam sah sie sich um. Sie brauchte nicht lange zu suchen, bis sie noch weitere fand. In regelmäßigen Abständen an den Wänden verteilt wirkten sie wie Worte einer ihr unbekannten Sprache. Nacheinander untersuchte Patricia sie und versuchte, den Sinn zu entschlüsseln. Sie war darin ausgebildet worden, Codes zu entwickeln und zu lesen, doch dieser hier folgte keiner der ihr vertrauten Regeln – und doch kamen die Zeichen ihr bekannt vor. Sie war sich sicher, sie schon einmal gesehen zu haben, nur wo? Und wann?
Unschlüssig, was sie nun anfangen sollte, ging sie in die Hocke, um Wasser zu schöpfen. Es war eisig, schmeckte aber herrlich, klar und rein. Sie benetzte auch ihr Gesicht und genoss die Kühle. Von ihrem Standort aus leuchtete sie jede einzelne Zeichenfolge noch einmal an.
Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben.
Sie runzelte die Stirn und zählte noch einmal.
Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben.
Sieben.
Wie der siebenzackige Stern auf dem Anhänger der Kette mit den Kristallen, die Caitlyn im letzten Jahr erhalten hatte. Nicht zum ersten Mal fragte sich Patricia, warum Caitlyn mit Fieber darauf reagiert hatte. Das war sehr ungewöhnlich.
Patricia veränderte ihre Position, ein paar Schritte vor und zurück, nach links, nach rechts. Als sie unterhalb der Öffnung, zwischen dem Wasserlauf und einem Stalagmit, stehen blieb, bekam sie vom Luftzug, der ihren Nacken traf, eine Gänsehaut. Blitzartig durchfuhr sie die Erkenntnis. Weder war die Anordnung der Worte zufällig, noch war dieser Ort zufällig gewählt.
Hier tief unter der Erde, wo das rauschende Wasser die Luft in Bewegung versetzte und an wenigen Tagen im Jahr das wärmende Feuer der Sonne mittags die Erde zu ihren Füßen streifte, bildeten die Worte die Spitzen eines siebenzackigen Sterns. Sie kannte die Bedeutung nicht, aber als hätte jemand einen Schleier gelüftet, hörte sie im Geiste ihren Klang, wie eine wunderschöne Melodie, vorgetragen von Johns sonorer Stimme.
Sie brauchte nur Sekunden, bis sie wieder fündig wurde. Einen mit dünnen, fast unsichtbaren Linien in den Felsboden geritzten fünfzackigen Stern, der den Fuß des Stalagmits einschloss. Behutsam versuchte Patricia, den hüfthohen Tropfstein zu bewegen. Obwohl sie damit gerechnet hatte, hielt sie die Luft an, als er sich mit einer Drehung ganz leicht vom Boden löste. Wie ein rohes Ei legte sie ihn auf die Seite und sank auf die Knie, um darunterzusehen. Auf der Unterseite des Tropfsteins erkannte sie eine kreisförmige Linie. Mithilfe der Klinge ihres Taschenmessers, die sie vorsichtig in die Fuge schob, gelang es ihr, den Stopfen zu lösen. Ihr fiel ein zylinderförmiger Behälter entgegen. Sie zögerte. Doch dann drehte sie vorsichtig den Verschluss, der mit einer Gummidichtung versehen war, um den empfindlichen Teil des Inhalts gegen Feuchtigkeit zu schützen. In einer kleinen Tüte befanden sich mehrere Dutzend ungeschliffene Kristalle unterschiedlicher Farben. Eine längliche Rolle war sorgfältig in ein altes Wachstuch eingeschlagen und mit einem Stoffband umwickelt. Vorsichtig löste sie den Knoten, entrollte die Verpackung und warf einen Blick auf das darin enthaltene Pergament.
„Um Himmels willen …“
Sie war froh, dass sie kniete, denn ihre Beine hätten sie nicht mehr getragen, und sie brauchte ein paar Minuten, bis das Zittern ihrer Hände so weit nachgelassen hatte, dass sie alles wieder so verstauen konnte, wie sie es vorgefunden hatte. Dann stellte sie den Tropfstein wieder auf, sodass er fest und unverrückbar schien, und legte ihre Hand auf den Stein.
Es war die Bestätigung einer nie ganz zu Ende gedachten Ahnung. Sie atmete tief durch, bevor sie sich auf den beschwerlichen Rückweg machte.
Als sie aus der Höhle trat, hatte der Wind aufgefrischt und es kam ihr vor, als sei die Temperatur um einige Grade gesunken. Patricia fühlte die Kälte bis ins Knochenmark. Sie atmete tief durch.
„Der Rückweg wird kein Spaß“, murmelte sie und beobachtete sorgenvoll die dunklen Wolken, die sich am Horizont auftürmten. „Da zieht ein Sturm auf.“

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Emma Finch wurde Ende der 60er am Rande des Ruhrgebiets geboren und vermischt gerne Realität und Fiktion zu spannenden Plots mit einem Schuss Romantik. Sie lebt und arbeitet in Mittelfranken, wo sie unter ihrem richtigen Namen Sabine Fink Regionalkrimis um die Erlanger Kommissarin Maria Ammon sowie mörderische Kurzgeschichte schreibt.