Café de Flore und die Sehnsucht nach Liebe

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Kapitel 2

Ruhig und schmal war sie, die Rue Vernet. Sie verlief nahe dem Triumphbogen, parallel zu den Pariser ‚Champs‘, den Champs-Élysées, innerhalb des legendären ‚Goldenen Dreiecks‘. Das historische achtstöckige Gebäude von Berthe Blancart fügte sich mit architektonischem Feingefühl in die faszinierende Straße ein.

Lilly wusste, dass ihrer Tante das Gebäude vor vielen Jahren neben einer großzügigen monatlichen Apanage nach ihrer Scheidung von ihrem Exmann Émile zugesprochen worden war. Seitdem bewohnte sie im obersten Stockwerk eine lichtdurchflutete 250-qm-Wohnung mit einem atemberaubenden Ausblick auf Paris.

Lilly mochte Tante Berthe auf Anhieb. Auf ihr Klingeln öffnete eine ältere Dame von mittelgroßer, zierlicher Gestalt die verglaste Eingangstür. Obgleich sie mittlerweile siebzig Jahre alt und Lilly sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, erkannte sie ihre Tante sofort.

Berthe musste einst eine vollendete Schönheit gewesen sein. Ihre lebhaften, großen, braunen Augen, ihre langen Wimpern, ihr Blick, sanft und bescheiden. Das dunkle Haar war von Silberfäden durchzogen und kurz geschnitten.

„Herzlich willkommen, Lilly. Wie sehr ich mich darüber freue, dass du dich durchsetzen konntest, ma chérie.“

Ihre Tante umarmte sie und drückte sie fest an sich. „Deine Mutter hat bestimmt getobt wie ein Berserker.“

„Stimmt, Tante Berthe.“

„Nenn mich bloß nicht Tante. Ich bin doch keine alte Frau. Berthe reicht vollkommen.“

Berthe nahm ihre Hand und musterte sie von oben bis unten. „Du bist ja eine echte Schönheit geworden, Lilly. Lhomme de Paris wird dir zu Füßen liegen. Aber komm erst einmal herein.“Sie lächelte. „Ach was, nicht nur ein Mann, alle Männer werden dich umschwärmen wie eine Motte das Licht. Du wirst in das Apartment La chambre du grain im sechsten Stockwerk einziehen, Lilly.“

Traubenzimmer?“

„Unsere Appartements haben alle einen Namen. Die Wohnung wird dir gefallen, mein Kind. Sie ist nur für Familienmitglieder und allerbeste Freunde bestimmt, weil mich dort alles an Émile erinnert, den ich sehr geliebt habe.“

„Wer ist Émile?“

„Mein verstorbener Ex-Mann. Er war ein leidenschaftlicher Winzer und hat mir dieses Haus hinterlassen. Im Appartement hängen an den Wänden deshalb auch die schönsten Fotografien und Aquarelle von unserem Weingut, La perle du soleil in Vaison-la-Romaine.“ Beatrice seufzte selig. „Wenn du dich eingelebt hast, mein Kind, dann werde ich dir einige wundervolle Weine hochbringen lassen. Wir stoßen heute Abend auf deine Ankunft an!“

„Am ersten Abend beschwipst in Paris? Das gefällt mir!“

Wenig später bezog Lilly das sonnendurchflutete Apartment in der sechsten Etage. Grün-, Blau- und Violett-Töne dominierten, weshalb es den Namen Traubenzimmer erhalten hatte. Das Wohnzimmer war mit hell gehaltenen Möbeln und floralen Textilien möbliert. Eine Ledercouch und zwei Stoffsessel schimmerten in dezentem Violettblau, die Flügeltüren in Weißlackiert. Das riesige Badezimmer und die praktische Einbauküche waren sehr modern und erst kurz vor ihrer Ankunft fertiggestellt. Der Rosenduft, den der Duftspender Lampe Berger verströmte, konnte den Geruch von frischer Farbe nicht gänzlich vertreiben. An der langen weißen Theke standen zwei Barhocker, mit weißem Leder bezogen. An den Wänden hingen zarte Aquarelle. Berthes Ehemann Émile hatte den einmaligen Zauber und das besondere Licht der Provence mit Pinsel und Farbe auf seinen Bildern eingefangen. Sie bestachen nicht nur durch idyllische Motive. Vielmehr entführten die Aquarelle den Betrachter in die Provence. Sie machten Lust auf einen Spaziergang durch die von der Sonne liebkosten Weinberge oder die farbintensive Landschaft.

Pariser Flair stellte sich ein beim Öffnen der Fenster, beim Blick über die Dächer, stets unterlegt mit dem entfernten Summen der Stadt. Sie ließden Blick weiter hinauf wandern, auf die schmiedeeisernen Balkongitter, die Stuckfassaden, die Balustraden, die ausgefahrenen Markisen, auf die Terrassen mit den Geranien und die Wäsche, die zum Trocknen an den Leinen hing und dachte: Was für ein idyllischer Ort und das im Herzen von Paris.

Die Appartements in den darunterliegenden Stockwerken hatte ihre Tante an Studenten vermietet, deren Eltern sich eine Mixtur aus französischem Charme des beginnenden 20. Jahrhunderts mit modernem Interieur leisten konnten.

Berthe hatte das Gebäude vor vielen Jahren akribisch restaurieren lassen. So war es ein Genuss, das Frühstück unter der Jugendstil-Glaskuppel in ihrem Salon einzunehmen, zu dem Berthe die Bewohner des Hauses jeden Sonntag einlud. Hinter dem Gebäude lag ein kleiner, aber prächtiger Park.

Lilly ließ–nachdem sie die Koffer ausgepackt und ein Bad genommen hatte – ihren Blick über den Garten schweifen: Die perfekt gepflegten Wege, Steinstufen aus rötlichem Granit, verbanden die einzelnen Kunstobjekte des Gartens, Rosen- und Lavendelbeete und eine alte Eiche miteinander. Weiter hinten arbeitete ein älterer Mann mit einem Strohhut auf dem Kopf, der Lilly spontan an Vincent van Gogh erinnerte. Über seinem Kopf flatterten bunte Schmetterlinge hin und her, als würden sie ihm Anweisungen geben.

Das muss Jérôme sein, dachte sie, der den Garten und das Haus in Ordnung hielt. Er hörte kurz mit dem Rechen des Laubs auf, als er sie auf der Terrasse entdeckte, winkte ihr zu und rief: „Bonjour, Mademoiselle Lilly.“

Sie hob die Hand und erwiderte seinen Gruß. „Bonjour, Monsieur Jérôme.“

 

Wenige Tage nach ihrer Ankunft stand sie am Morgen schon um sechs Uhr auf, ging ins Badezimmer und fegte mit einem Schwung den Inhalt des Medikamentenschränkchens in den Abfalleimer. Bewusst erleben, lautete ab sofort ihre Devise. Ich brauche keine Medikamente gegen gelegentlich auftretende Verstimmungen. Die rosafarbenen Pillen umnebelten nur ihr Hirn. Sie fühlte sich klar und frisch wie ein sprudelnder Wasserfall. Paris – die Stadt der Liebe – brachte sie dazu, sich wirklich gut zu fühlen. Und dieses Haus. Und Berthe. Wozu also Happy-Pillen?

Gegen zehn Uhr betrat sie in einem sackartigen Mantel, Petticoat und hochhackigen Schnürschuhen zum ersten Mal das Pariser Café de Flore. Das im Quartier Saint-Germain-des-Prés gelegene Café befand sich an der Ecke des Boulevards Saint-Germain 172 und existierte seit 1887. Seinen Namen verdankte das Café einer Skulptur der Göttin Flora, die auf der anderen Straßenseite stand. Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie Künstler wie Alberto Giacometti oder Pablo Picasso waren dort regelmäßige Gäste gewesen. Jedes Jahr wurde dort im November der Literaturpreis ‚Prix de Flore‘ verliehen.

Das Café de Flore kannte keine Sperrstunde, wie sie von Fee erfahren hatte. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an ihre neue Freundin. Sie hatte Berthes temperamentvolle Tochter, die eigentlich Felicitas hieß und aus der zweiten Ehe ihrer Tante mit einem spanischen Investmentbanker stammte, bei Berthes Sonntagmorgen-Frühstück kennengelernt.

Fee bewohnte im vierten Stockwerk das skurrile Apartment Qu’est-ce que c’est que cela?, das sie mit Was zum Teufel ist das denn?, übersetzte. Fee studierte Archäologie und Kunstgeschichte an der Sorbonne. Von ihr erfuhr Lilly auch, dass Künstler im Café de Flore für wenig Geld einen Tisch für die ganze Nacht besetzen konnten. Wenn sie einschliefen, durften die Kellner sie nicht wecken. Es gab aufgrund von Meinungsverschiedenheiten oder übermäßigem Alkoholkonsum häufig Streit unter den Studenten und Künstlern, aber die Polizei scherte sich dort nicht um Prügeleien. Das Caféde Flore war in Lillys Augen der ideale Ort, sich um einen Studentenjob als Kellnerin zu bewerben und ihren 22. Geburtstag zu feiern.

Sie bekam den Job und war so glücklich, dass sie am liebsten die ganze Welt umarmt hätte. Sie fühlte sich wie ein Schmetterling, der bald seinen Kokon verlassen sollte.

 

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Das geschriebene Wort begleitet Astrid Korten seit ihrer Kindheit. Ihr Debütroman avancierte sofort zum Platz-1-Bestseller. Seitdem folgten weitere spannende, erfolgreiche Romane in mehreren Sprachen sowie mehrere Drehbücher. Astrid Korten lebt mit ihrer Familie in Essen.