Tote Frauen lügen nicht

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Kapitel 3

Ein rhythmisches Summen vom Nachtkästchen her weckt Frank. Er wirft einen Blick auf Lucys Bettseite und sieht, dass sie noch fest schläft, greift nach seinem Handy und klettert gleichzeitig aus dem Bett. Als er den Anruf annimmt, hat er die Hälfte der Raumspartreppe bereits überwunden und flüstert unten »Was gibt es?« ins Telefon.
»Wir sollen zum Campingplatz kommen«, hört er Tinas Stimme. »Männliche Leiche am Saaraltarm. Ein Spaziergänger mit Hund hat den Mann entdeckt.«
Zehn Minuten später trifft Frank auf Tina, die wie er beim Campingplatz parkt und zum Ufer der Alten Saar eilt. Es beginnt gerade erst hell zu werden. Für eine Sekunde fragt Frank sich, wieso jemand bei diesem Kackwetter noch im Dunkeln mit seinem Hund spazieren geht, dann kann er Tina erkennen. Ihre Augen leuchten. »Unser erster Fall als Ermittlerduo«, flüstert sie und verzieht das Gesicht wie ein Kind, das durch das Schlüsselloch ins Weihnachtszimmer späht. Unwillkürlich muss er grinsen.
Wenige Momente später erreichen sie den Fluss, in dessen Nähe die Leiche gefunden wurde. Frank sieht die Kollegen von der KTU, die die Spuren sichern, und ein Stück weit entfernt einen Mann — wohl der Zeuge —, der in ein Gespräch mit einem Kontaktpolizisten verwickelt ist. Zunächst eilt er, Tina im Schlepptau, zu Ringo Wachs, dessen weißer Overall im Dämmerlicht hell leuchtet.
»Ei Morjn, Frank!» Wachs schiebt mit dem Gelenk seines Mittelfingers die Brille auf seiner Nase nach oben. Die Gläser beschlagen von der Nasenwurzel her, was ihn schrullig wirken lässt. Dann sieht er von Frank zu Tina und zieht die Brauen hoch. »Ui, neues Dream-Team? Das loss ich mir gefalle.«
Tina winkt ab. »Guten Morgen, was hast du für uns?«
Frank schluckt, da sie ihm mit der Frage zuvorgekommen ist.
»Männliche Leiche, Mitte dreißig, Identität unklar. Kä Papiere. Offenbar gab’s e Schläjerei. Do sinn Hämatome im Gesicht, die Nas is gebroch. Sieht no Dodschlach oder Körperverletzung mit Todesfolge aus. Aber ganz genau wääß ich es erst in paar Stunne.«
»Und woran ist er gestorben?«, hakt Tina nach. »Eine gebrochene Nase bringt einen ja noch nicht um«, fügt sie hinzu, als Ringo sie mit gespitzten Lippen ansieht. Frank unterdrückt ein Kichern.
»Naja, do isser woll mit der Birn uff e Stein druffgeknallt.« Wachs deutet auf die Blutlache neben dem Kopf des Opfers, die man in der regennassen Erde und bei den Lichtbedingungen mit ungeübtem Auge erst auf den zweiten Blick erkennt.
»Schädel-Hirn-Trauma. Awwer genau kann ich es noch nit sahn.«
»Und wie lange liegt er schon da?« Frank betrachtet das Opfer. Sein durchaus attraktives Gesicht ist durch die geschwollene und blutunterlaufene Nase etwas entstellt, aber sein dichtes, dunkelblondes Haar sowie der Dreitagebart wirken gepflegt. Er trägt einen Wollmantel, der über einer Dark-Denim-Jeans und einem Rollkragenpullover auseinanderklafft, dazu einen Schal. Alles ist vom nächtlichen Regen durchnässt. Frank registriert, dass das Innenfutter des Mantels zu sehen ist, was darauf hindeutet, dass jemand in die Innentasche gegriffen hat. Zudem liegt er mit leicht verdrehtem Becken auf der Erde. Vielleicht hat man auch die Gesäßtaschen seiner Jeans durchsucht. Ein Blick auf die Schuhe verrät Frank, dass er an seiner Garderobe nicht spart: Timberlands, die noch neu wirken. Er deutet auf die Hände des Toten. »Gibt es Kampfspuren an den Knöcheln?«
Ringo Wachs schnaubt. »Also zu deiner erschten Frage: Wahrscheinlich seit gestern Abend, aber wann genau kann ich noch nit sahn. Mit dem Rän unn dem Temperaturabfall letscht Nacht is das schwer, so uff de erschte Blick. Und zweitens …«, er hebt eine Hand des Toten hoch und dreht sie, sodass Tina und Frank sehen, dass seine Knöchel aufgeplatzt und blutverschmiert sind. »Jo, offenbar hat der Kerl sich gewehrt. Sieht wie ein wohlhabender Mensch aus, aber na ja«, er zuckt die Achseln, »Klopperei kommt in de beschte Familie vor.«
Dann richtet er sich wieder auf. Zwei seiner Kollegen bringen einen Transportsarg. »Mir wäre dann soweit fertisch. Wenn du nix dageje hast, packe mir zusamme.«
»Moment«, ruft Tina aus, »ich muss mir noch von allem ein Bild machen.«
»Ei dann mach, ich hann kalt. Mir hann doch schon alles geknipst.«
Frank schüttelt den Kopf zu Ringos Worten, dann geht er genau wie Tina um die Leiche herum und betrachtet den Ort, sieht sich die Schuhabdrücke in der aufgeweichten Erde an und erntet von Wachs ein zustimmendes Nicken, als er sich zu ihm wendet, um danach zu fragen, ob sie erkennungsdienstlich gesichert sind. Tina, die diese stumme Kommunikation verfolgt, entfernt sich ein paar Schritte und leuchtet mit ihrer Handytaschenlampe in die Büsche, die zwischen der Alten Saar und dem Weg wachsen, an dessen Seite der Tote liegt. Sie geht noch einige Schritte weiter, sodass Wachs die Augen verdreht. »Han mir doch alles abgesucht«, grummelt er in Franks Richtung und schlägt sich mit den Händen an die Oberarme. »Mann, ich frier mir hie de Arsch ab.«
Frank verzieht die Brauen und blickt zu dem Mann mit dem Hund. Mit den Worten »Ich rede mit dem Zeugen« entfernt er sich von Ringo.
Der riesenhafte Hund verwarnt ihn mit einem leisen Knurren, als Frank sich seinem Herrchen nähert, einem älteren Mann in Mantel und Hut, unter dem weiße Haare hervorlugen.
»Akki, still!«, hört Frank, wie der Alte die Höllenkreatur in Schach hält, die sich daraufhin lammfromm auf die Hinterläufe setzt. Ein Sabberfaden spult sich von ihren Lefzen herab, und Frank hat das Gefühl eines Déjà vu. Diese Dogge kommt ihm bekannt vor. Doch das ist im Moment nicht wichtig.
»Guten Morgen, Sie haben den Mann gefunden?«
»Ja, ich bin wie immer zu unserer ersten Morgenrunde mit Akki an der Alten Saar lang gelaufen, vorbei am Campingplatz, und da hat Akki angeschlagen. Ich hätte den Mann sonst glatt übersehen. Bin ein bisschen nachtblind, wissen Sie? Habe dann sofort die Polizei informiert und nichts angefasst.«
»Haben Sie sonst irgendetwas Verdächtiges beobachtet?«
»Nein, nichts, aber das habe ich Ihren Kollegen schon zu Protokoll gegeben.«
Frank wirft den Kontaktpolizisten einen Blick zu, die ihm mit einem Nicken zu verstehen geben, dass sie die Personalien des Zeugen aufgenommen haben.
»Gut, dann wäre es das fürs Erste. Ich melde mich bei Ihnen.«
»Frank«, erklingt da Tinas Stimme. Er entlässt den Mann mit einer winkenden Geste und dreht sich um. Tina steht mehrere hundert Meter entfernt auf dem Weg und hält den Arm in die Luft. »Hier ist was. Komm mal bitte her.«
Er läuft zu ihr, gefolgt von Ringo Wachs, der den Kollegen ein Zeichen gibt, worauf diese die Leiche in den Transportsarg heben.
Tina ist in die Hocke gegangen und leuchtet mit dem Handy auf den Wegrand. »Ich glaube, das ist ein Handschuh.«
Wachs geht ebenfalls in die Knie, macht ein Foto von dem Fundstück und hebt es dann mit seinen behandschuhten Händen hoch. »Stimmt.« Tina zieht einen Plastikbeutel aus ihrer Jackentasche und reicht ihn Frank, der ihn öffnet und Ringo auffordernd hinhält. Mit ein paar gemurmelten Worten lässt der den Handschuh in den Beutel gleiten.
Frank hebt ihn vor seine Augen. »Ein Männerhandschuh aus Mikrofaser, wenn ich das richtig sehe. Den geben wir gleich ins Labor.« Er blickt über die Schulter zu dem Leichenwagen, der bereits davon fährt. »Ihm gehört der wohl nicht. Der Tote ist eher der Typ für Lederhandschuhe.«
»Siehn ich ach so. Alleh dann, ich fahre ins Krankenhaus und mache meine Obduktion. Wenn ich noch was Neues herausfinde, sag ich sofort Bescheid.«
»Schick mir bitte noch das Foto seines Gesichts, damit ich die Betreiber des Campingplatzes befragen kann.«
Tina hat ihre Untersuchungen beendet und kommt zu Frank. »Mal sehen, ob schon jemand wach ist.« Sie nickt mit dem Kinn in Richtung der Rezeption, dann setzen beide sich in Bewegung.

***

Oh mein Gott! Wie würde ich meine Arbeit aushalten, wenn Lena mich nicht auf den Gedanken gebracht hätte, mehr aus meinem Hobby zu machen? Das frage ich mich schon die ganze Woche, wenn ich morgens meine Arbeitsstelle betrete. Ich weiß, was Sie jetzt denken, und glauben Sie mir, meine Mutter denkt das Gleiche. Was Ihnen, nebenbei bemerkt, klarmachen sollte, dass es nicht gerade sympathisch ist … Aber ja, ich kümmere mich mit Feuereifer ums Nähen, seit Lena und ich den perfekten Markennamen für uns gefunden haben. Wir nennen uns ›L&L Fashion – Mode von Frauen für Frauen‹. Das ist doch genial, finden Sie nicht? Frank jedenfalls — mein Frank, der smarteste Kriminalkommissar in ganz Saarlouis — findet die Idee prima. Zumindest sagte er das neulich, als ich ihm am späten Abend im Bett von unserem Projekt erzählt habe. Ich bin mir sicher, dass er es nicht nur deshalb gesagt hat, weil er zu müde war, um nachzuhaken. Schließlich ist er in letzter Zeit immer müde, wenn wir miteinander sprechen. Und unsere Gespräche sind trotzdem gut, auch wenn sie kurz ausfallen, jedenfalls wenn wir nicht am Tisch sitzen und gemeinsam essen. Momentan wirkt er immer abgelenkt, aber das kenne ich schon. So ist er drauf, wenn er einen neuen Fall hat. Vor ein paar Tagen ist ein unbekannter Toter beim Campingplatz im Stadtpark gefunden worden. Mich gruselt es immer ein bisschen, wenn ich daran denke. Aber na ja, der Campingplatz ist normalerweise ja nicht mein Ziel, und ich will mir die Pausenspaziergänge zur Vauban-Insel bei schönem Wetter nicht vermiesen lassen.
Nun trägt mich die Vorfreude darauf, heute Abend zu nähen, über den Tag in der Mediaboutique. Draußen zeigt der Februar sich schon seit Tagen von seiner miesepetrigsten Seite, und sogar Saarlouis wirkt bei diesem Wetter und den Temperaturen düster, trostlos und langweilig. Ich aber denke an den entzückenden, fröhlich bunten Baumwollstoff in meiner Tasche, den ich Lena in der Mittagspause gezeigt habe, und aus dem ich eine Kollektion Babyhöschen herstellen will.
Und, um auf Ihre Gedanken zurück zu kommen, nein, ich habe mich nicht um die Liebesgedichte gekümmert, die Mister Unbekannt mir geschickt hat. Dazu fehlt mir einfach die Zeit. Immer wenn ich mich zu Hause an den Laptop setze, um mit der Textsuche nach dem Ursprung der Gedichte zu suchen, muss ich erst mal meine Mails checken, dann muss ich mich um die Homepage kümmern, die Lena und ich uns letzte Woche gebaut haben, und an der noch einiges zu tun ist. Sie muss sinnvoll gegliedert sein, damit unsere Kunden auf den ersten Blick erkennen, wo sie Mode für Babys, für werdende Mamis, für fertige Mamis und für alle anderen Frauen finden, das leuchtet doch jedem ein.
Dann müssen wir Fotos einstellen, auf denen unsere Teile zu sehen sind. Bisher geben wir uns mit Bildern ohne Models zufrieden, aber wir haben vor, bald auch Mode am Objekt zu zeigen. Um dem Datenschutz Genüge zu tun, werden wir Fotos ohne die Köpfe der abgebildeten Personen (auch unsere eigenen) verwenden. Ja, das war ein Tipp von Ilina, die sich mit diesem Kram gut auskennt. Außerdem finde ich die Idee schlicht genial, weil ich mich nicht im Internet zeigen will – außer vielleicht auf einem Schnappschuss von Lena und mir für die »Über uns«-Seite.
Kurz und gut, ich habe viel zu viele andere Dinge zu tun, um mich mit altmodischen Liebesgedichten zu befassen. Außerdem glaube ich nicht, dass es wichtig ist. Diese Gedichte sind harmlos, und so wie sie klingen, stammen sie eh von irgendeinem alten Mann, der weiß, dass ich in Saarlouis bei der Mediaboutique arbeite, aber das war’s auch schon. Was ist schon dabei?
›Ähm‹, höre ich eine tiefe weibliche Stimme in meinem Kopf, und dieses ›Ähm‹ hat mit dem üblichen Stammeln, wofür es bei mir steht, nichts zu tun. Nein, Lady Tough benutzt es gern, um anzudeuten, dass sie ein Wörtchen zu sagen hat, oder auch zwei oder drei. Gerade passt mir das aber überhaupt nicht in den Kram, denn ich habe einen Lauf! Ja, ich hatte vor der Mittagspause schon mehrere gute Abschlüsse. Vor allem das Kleinkindspielzeug geht heute gut, aber auch Wein ist sehr gefragt, liegt vielleicht am Wetter. Und dieser Lauf hat sich nach der Pause bis zum späten Nachmittag weiter fortgesetzt. Deshalb dränge ich alle Gedanken, die ich mir gerade über die Gedichte gemacht habe, und auch das vielsagende Räuspern meines toughen Zwillings im Kopf nach hinten und wähle die nächste Nummer, die auf der Liste steht.
»Ja«, meldet sich eine sehr dunkle männliche Stimme, und ich muss wohl fürchterlich abgelenkt sein, denn ich erkenne sie nicht auf Anhieb. Allerdings habe ich sie auch schon sehr lange nicht mehr gehört, dafür hat Dürri gesorgt. Und dummerweise habe ich nicht auf die Liste geachtet. So spule ich nichts ahnend meinen Begrüßungsspruch ab.
»Einen wunderschönen guten Tag, hier ist Lucinda Schober von der Mediaboutique Saarlouis, spreche ich mit –«, ich schaue endlich auf den Namen neben der Telefonnummer, und noch bevor Tymon Nowak mich unterbricht, läuft ein Schauder durch meinen ganzen Körper.
»Lucinda«, knurrt er mit dieser Stimme, die mich in meine nächtlichen Träume verfolgen wird. »Sind das tatsächlich Sie?« Irre ich mich, oder hat Herr Nowak, der ›Hengst von Hamburg‹, an seinem Akzent gearbeitet?
Ich stoße ein helles Lachen aus, das frappierend an das Quieken eines Schweinchens erinnert, und atme vorsichtig ein und aus, um die Zwillinge zu beruhigen, und mit ihnen auch mich selbst. Die Zwillinge in meinem Bauch meine ich. Solche Aufregung kann für die Babys nicht gut sein, auch wenn es erst die achtzehnte Schwangerschaftswoche ist. »Guten Tag, Herr Nowak, wie geht es Ihnen?«, sage ich das Erste, was mir einfällt. Warum, zum Geier? Er wird denken, ich wolle mit ihm plaudern.
»Oh, habe ich so lange nicht mehr gehört deine Stimme, Kätzchen! Wie ich mich freue. Jetzt es geht mir gut. Was bietest du mir an?«
Warum hört sich eigentlich alles, was Herr Nowak sagt, wie ein Flirt an? Lena hat an meinem Tonfall wohl bemerkt, dass etwas nicht so läuft wie gewünscht. Ihre Augen tauchen oberhalb unserer Bildschirme auf. Ich ziehe eine unglückliche Grimasse, um auf ihren fragenden Blick zu antworten. Dann klicke ich auf das Weinsortiment. Herr Nowak hat mir zwar schon die verrücktesten Dinge abgekauft, aber das war meinerseits nicht ganz seriös, weil ich seine Vorliebe für meine Stimme damals schamlos ausgenutzt habe. Deshalb bin ich für ihn das ›Kätzchen mit der geilen Stimme‹. Oh, wie peinlich diese Erinnerungen sind! Wie konnte es geschehen, dass Tymon Nowak wieder auf meinem PC gelandet ist? Dürrbier hatte doch auf Anweisung meines Kriminalkommissars sämtliche Horrorlisten aus meiner Reichweite entfernt.
Sie wissen, was Horrorlisten sind? Unser Chef hat für jedes Bundesland eine eigene angelegt. Darauf versammeln sich die Namen der ›schlimmsten Kunden‹ — derjenigen, die am Telefon unhöflich bis beleidigend werden. Diese Horrorkunden sind leider nicht immer diejenigen, die nichts kaufen, im Gegenteil, und nur deshalb bleiben sie in unseren Karteien, eben auf den Horrorlisten. Immer wenn eine Mitarbeiterin besonders viele Abschlüsse hat, bekommt sie eine der Listen, weil Dürri mit seinem kranken Weltbild der Meinung ist, dass wir dann besonders motiviert sind. Na, jedenfalls könnte das der Grund sein, weshalb ich jetzt den Mann an der Strippe habe, mit dem ich nie wieder sprechen wollte, und das aus mehreren Gründen.
Zum Ersten, weil er mich mit seiner tiefen Stimme einschüchtert, zum Zweiten, weil er sich selbst als ›Hengst‹ bezeichnet und damit Dinge andeutet, mit denen ich mich nicht beschäftigen will. Zum Dritten, weil ich vor einigen Monaten in einer Anwandlung von Geistesumnachtung bei einem Gespräch auf seinen anzüglichen Tonfall eingestiegen bin und mich dazu hinreißen lassen habe, mit ihm so zu sprechen, wie es die Damen diverser Sex-Hotlines tun, Sie wissen schon. Zwar habe ich bei jenem Gespräch so viel verkauft wie nie zuvor und nie danach, aber ich habe mir geschworen, so etwas nie wieder zu tun. Den kurzen Spaß, den ich bei jenem legendären Telefonat durchaus empfand, habe ich hinterher bitter bereut, zumal er mir ein schlechtes Gewissen meinem Liebsten gegenüber bescherte.
Ich konzentriere mich also darauf, den verlogen-sinnlichen Tonfall zu unterdrücken, in dem ich sonst mit den Kunden spreche, und benutze meine normale, sachliche Stimme, um ihm den Wein schmackhaft zu machen.
»Herr Nowak, wie ich sehe, haben Sie seit Langem keinen Wein unserer Handelspartner mehr bezogen. Darf ich Ihnen diesbezüglich ein Angebot unterbreiten?« Obwohl das der normale Duktus unserer Verkaufsgespräche ist, wird mir, noch während ich die letzten Worte ausspreche, klar, dass jemand, der so drauf ist wie Herr Nowak, sie mir im Munde umdrehen wird.
»Ja, unterbreite mir dein Angebot, Lucinda.«
Ich tue so, als registriere ich das brünftige Tremolo in seiner Stimme nicht, und spreche einfach weiter, zu spät bemerkend, dass ich ausgerechnet das Angebot unseres humorvollsten Weinhändlers geöffnet habe. Nicht! Mir steigt die Hitze in die Wangen, während ich Tymon Nowak Weißweinsorten aus der Mosel-Saar-Ruwer-Region anbiete. Ich ärgere mich, dass ich nicht einfach die Seite des Weinhauses Pethgen ausgesucht habe, dessen Weine ich liebe, und deren Bezeichnungen nicht anzüglich sind. Tja, habe ich aber nicht, und einmal begonnen, muss ich natürlich weitermachen. Ich sehe im Augenwinkel, wie Lenas Stirn über dem Bildschirm sich in Falten legt — vermutlich schneidet sie eine mitleidsvolle Grimasse, weil ihr die aufsteigende Röte meiner Wangen genauso wenig entgeht wie die Namen, die ich Nowak gegenüber abspule. Ich verdanke es ausschließlich der toughen Hälfte in mir, die mir in ihrem strengsten Ton befiehlt, die Pobacken zusammenzukneifen, dass ich mich nicht komplett verheddere, womit ich mich noch mehr zum Opfer des Hengstes machen würde.
»›Rüdigers Rebenlust‹ ist ein fruchtig-herber Riesling, den Sie am besten gut gekühlt genießen. ›Susis schäumende Sinnenfreude‹ ist ein halbtrockener Winzersekt, der bei den Frauen sehr beliebt ist …«
»Wie heißt der Sekt, sag das nochmal, Kätzchen.«
»Susis schäumende Sinnenfreude«, wiederhole ich, peinlichst darauf bedacht, nicht zu lispeln. Wer zum Geier denkt sich solche Bezeichnungen für Sekt aus?
»Magst du es halbtrocken, Lucinda?«, unterbricht der Hengst mich abermals. »Schäumende Sinnenfreude gefällt mir.«
»Ich, ähm …« Verflixt, was tun? Mir dämmert, dass ich den Hengst schröpfen könnte, wenn ich es wollte. Ich habe es in der Hand, zur Mitarbeiterin des Monats gekürt zu werden, wird mir als nächstes klar. Innerhalb von Sekundenbruchteilen kämpft es in mir: zwei imaginäre Frauen gegeneinander, und ich gegen mein schlechtes Gewissen. Die Babys in meinem Bauch schlafen wohl gerade, sie mischen sich kein bisschen ein. Der Gedanke, dass sie nichts von dem mitbekommen werden, was ich jetzt zu tun im Begriff bin, gibt schließlich den Ausschlag. Lady Toughs fröhlichen Ausrufs ›Halali!‹ bedarf es gar nicht mehr, um Heulsuses geflüstertes ›Tu es nicht‹ zu übertönen, da straffe ich bereits die Schultern und recke das Kinn vor, in schönster Ilina-Manier. Dabei scanne ich mit dem Blick flugs unser Büro nach ihr ab, denn ich erinnere mich noch allzu gut daran, wie Ilina mich das letzte Mal gerügt hat, als ich den Hengst gemolken habe.
Ehrlich, es ist keine Absicht, dass meine Stimme abrutscht, aber ich höre mich in der tiefsten Tonlage antworten, derer ich fähig bin: »Wie ich es am liebsten mag, möchten Sie wissen?«
Er checkt natürlich sofort, dass ich im Begriff bin, auf seinen ungebührlichen Flirt einzusteigen, und hakt ein: »Duze mich, Lucinda, ich bin Tymon. Lass hören mich, wie du aussprichst meinen Namen, Süße.«
Selbst der völlig deplatzierte Kosename kann mich jetzt nicht mehr bremsen. »Tymon«, knurre ich seinen Namen, worauf ich ein leises Stöhnen im Telefon höre. »Halbtrocken ist mir viel zu seicht. Ich mag es brut. Keine halben Sachen.«
Er lacht kehlig. »Warum wusste ich das? Gefällt mir. Also bestelle ich Susis schäumende Sinnenfreude nicht. Was du bietest mir anstatt, Lucinda?«
»Da habe ich ›Brunos brutalen Brut‹ im Angebot, einen extrem trockenen Rieslingsekt für Kenner, auch geeignet für Cocktails, um Frauen mit Geschmack zu bezaubern.«
»Also für Frauen wie dich. Bestelle ich davon zehn Kisten. Und Wein, welcher Wein dich bezaubert? Hell und klar, oder dunkelrot wie Sünde?«
Schnell suche ich den teuersten Rotwein heraus. Der stammt zwar nicht aus Deutschland, aber das kann mir ja egal sein. »Dunkelrot und italienisch«, schnurre ich. »Kennst du Bolgheri, Tymon? Ein wunderschöner, kleiner Weinort in der Toskana.«
»Nein, unglücklicherweise ich war noch nie in Italien. Und du, meine Rosenblüte?«
Ich ignoriere die ansteigende Kosenamendichte und auch die Tatsache, dass Herr Nowak diesbezüglich eine gewisse Fantasie an den Tag legt, und betrachte das kleine Foto auf der Seite des Weinhändlers, das einen wahren Traumort zeigt. »Nein, ich auch nicht. Aber ich möchte dahin.« Zum Glück fällt mir dann ein, dass ich Wein verkaufen und nicht von Zielen für den nächsten Urlaub träumen soll. »Der Wein dieser Region ist berühmt, und ich wünsche mir schon seit Langem, den ›Sassicaia‹ zu probieren. Er soll unwiderstehlich nach roten Beeren, Kräutern und gerösteten Mandeln duften, und am Gaumen entwickelt er eine charaktervolle, herb-würzige und kräftige Textur, mit Früchten, wohlbalancierten Tanninen und reichhaltigen Fruchtnoten«, zitiere ich die Beschreibung auf der Händlerseite. Zielgerichteter hätte ich selbst es nicht ausdrücken können, denn mir ist klar, dass Tymon auf die Reizworte einsteigen wird. Was er auch tut, aber sowas von.
»Mhm«, höre ich ihn genüsslich brummeln, »unwiderstehlich. Erst recht aus deinem Mund, meine Nymphe. Ich stelle mir vor, wie ich den Nektar von deinen Lippen koste.«
Ich schlucke ob der Dinge, die er da andeutet, und schaudere unter einem Prickeln, das von meinem Rückenmark aus hochkrabbelt. Wahrscheinlich sind die Babys in meinem Bauch aufgewacht und beeinflussen meinen Hormon- und Moralspiegel. Vor meinem inneren Auge blitzt das Bild eines Mannes auf, der sich auf einem Sofa rekelt. Ich muss das Geschäft zu Ende bringen, bevor mir der Umsatz durch die Lappen geht, weil ich das scheinheilige Spiel nicht mehr aufrechterhalten kann. Und um die Bilder in meinem Kopf loszuwerden, was ich mir allerdings nicht eingestehen will.
»Und im Finish kommst du in den Genuss eines langen und fruchtig-würzigen Nachklangs«, säusle ich, bevor ich ihm den Preis nenne, knappe hundertvierzig Euro pro Flasche.
»Eine Kiste davon, und hoffe ich, dass kommt der Tag, an dem du mir gibst aus deinem süßen Mund daraus zu trinken.«
Ich quieke gleichermaßen entsetzt wie erfreut auf und beende rasch den Handel, ohne Herrn Nowak noch weitere Schnäppchen unterzujubeln, denn das würde ich rein von meinem Magen her nicht mehr aushalten, der sich warnend gemeldet hat. Außerdem sehe ich Ilina auf mich zusteuern, die strahlend lächelt und meine Eulentasse in der Hand hält. Erfreulicherweise trägt sie heute eine Pumphose, die ich genäht habe — dieses Modell natürlich nicht für wachsende Babybäuche — und sieht darin sensationell aus. Jung, selbstbewusst, attraktiv. Ihr Lächeln ist echt, als sie an meinem Platz angekommen ist und mir meine Tasse reicht.
Sofort überfällt mich das schlechte Gewissen, weil ich ihre Einstellung zum Umgang mit den Kunden kenne, und rasch klicke ich den Namen des Kunden weg, der soeben Waren im Wert von zweitausend Euro bestellt hat. Tymon Nowak muss einen sehr großen Durst haben, denn zehn Kisten Sekt verkaufe ich sonst nur für Feste.
Gerade reicht Ilina mir meine Tasse, da sehe ich im Augenwinkel jemanden durch den Gang auf meinen Platz zu wuseln, und mir ist sofort klar, dass Dürri in seinem Stalkerbüro den Geschäftsabschluss mitbekommen hat. Sein Gesicht strahlt denn auch wie eine alte Straßenlaterne, deren einstmals helles Licht von Spinnennetzen voller verendeter und halbverwester Fliegen gedimmt wird. Er wirft die Hände in die Luft und rennt dermaßen zielgerichtet auf mich zu, dass Ilina erschrocken einen halben Schritt zur Seite springt und ich mich innerlich wappne, seiner Umarmung — die ich befürchten muss — standzuhalten, ohne mich endgültig zu übergeben. Mein Magen ist durch das unsägliche Telefongespräch mit dem Hamburger Horrorkunden gehörig übersäuert, da geht nichts mehr!
Tatsächlich senkt Dürrbier die ausgebreiteten Arme und beugt sich zu mir herunter, da stolpert Ilina gnädigerweise über ihre eigenen Füße (mir ist klar, dass dies ein Freundschaftsdienst ist) und rammt ihm aus Versehen ihre Schulter gegen die Hühnerbrust, sodass ihm die Luft aus den Lungen entweicht, er zurückprallt und schweratmend stehenbleibt.
»Sorry«, ist Ilinas knapper Kommentar, doch Dürri winkt nur ab. Ilina hat bei ihm Narrenfreiheit. Ich muss sie bei Gelegenheit fragen, wie sie das macht, denn sie hält ihn immer geschickt auf Abstand, egal, wie er sich ihr zu nähern versucht.
»Liebste Lucinda«, bricht es aus Dürrbier heraus, und ich schlucke heftig an der Magensäure, die mich bedroht. Da erkennt er, dass das nicht die korrekte Anrede seiner Untergebenen gegenüber ist. »Sehr verehrte Frau Schober meine ich natürlich, bitte verzeihen Sie mir den Fauxpas. Aber ich bin begeistert!«
Er greift nach meiner Hand und zieht mich vom Stuhl, obwohl ich noch das Headset trage, das mir auch prompt vom Kopf rutscht und auf die Tastatur knallt.
»Meine lieben Mitarbeiterinnen, soeben hat unsere Lucinda Schober«, langsam kann ich meinen Namen nicht mehr hören, und ich zische ihm deutlich »Lucy« zu, was ihn kurzzeitig irritiert. Er blickt mich stirnrunzelnd an, dann nickt er. »Lucy Schober, natürlich. Ihre Kollegin Lucy Schober hat soeben Wein und Sekt im Wert von annähernd zweitausend Euro verkauft.«
Peinlich berührt erkenne ich, dass ihm Tränen in die Augen steigen.
Ein Raunen geht durch den Saal, und ich fühle mich mies, weil ich den Verkauf auf eine Art und Weise erreicht habe, für die ich mich schäme. Hoffentlich erfährt Ilina nicht, was da gelaufen ist, sonst zieht sie mir die Hammelbeine lang. Als ob es sie was anginge. Ich recke das Kinn und gebe Lady Tough kurz Macht über meine Ausstrahlung, um die Situation zu ertragen.
»Welcher Kunde war das?«, fragt Ilina tatsächlich nach. Ich deute ein Kopfschütteln an, doch Dürri hat ja null Feingefühl. Ihm geht es nur um die Zahlen, nicht um die Mitarbeiterinnen, sonst hätte er mir den Hengst ja gar nicht erst auf die Liste gesetzt. Ich frage mich, ob es ein Versehen war, oder ob er das mit voller Absicht getan hat. Jedenfalls posaunt er es in dieser Sekunde für alle gut hörbar heraus: »Tymon Nowak.«
Auch ohne dass er eine weitere Erklärung gibt, weiß jeder, wer gemeint ist. Und während einige der Kolleginnen leise kichern und andere genervt aufstöhnen — vermutlich hatten sie auch schon das Vergnügen —, verzieht Ilina ungläubig das Gesicht. »Haben Sie Lucy die Horrorliste mit Nowak gegeben?«, fragt sie in fassungslos klingendem Ton. Fällt nur mir auf, dass sie das in reinstem, flüssigem Deutsch sagt? Doch ihr nächster Satz ist wieder so typisch Ilina, dass ich denke, mich verhört zu haben. »Sind noch zu retten Sie?«
»Das ist eine Frage, die ich mir auch schon einmal gestellt habe«, erklingt da die tiefe, angenehme Stimme des Mannes meiner Träume, und mit freudig galoppierendem Puls sehe ich Frank vom Aufzug aus auf mich zu kommen. Er trägt diese unglaublich gut sitzende Jeans und darüber eine Lederjacke und sieht einfach zum Anbeißen aus. Mit gelassenen Schritten kommt er näher, und ich habe das Gefühl, alles geschehe in Zeitlupe, wie in der Werbung mit dem Cola-Mann. Lady Tough und Heulsuse singen in meinem Kopf das altbekannte Lied ›Whatta man, whatta man, whatta man, whatta mighty good man‹.
Was für ein Tag, oder?
»Haben Sie Lucy mit Tymon Nowak verhandeln lassen, dem Kunden aus Hamburg?«, will Frank, an Dürrbier gewandt, wissen.
Dieser sieht aus, als würde er noch mehr zusammenschrumpfen, und ringt die Hände. »Es war ein Versehen«, krächzt er dann.
Mit einem Kopfschütteln, aus dem ich herauslese, was mein Schatz von Dürri hält, beugt Frank sich zu mir und haucht mir ein Küsschen auf die Lippen. »Ich bin da, um dich abzuholen. Wir müssen ein paar Dinge besprechen.«
Ich werfe einen Blick auf die Uhr an meinem PC und erkenne erfreut, dass gerade Feierabend ist. Auch meine Kolleginnen packen zusammen, um die Schreibtische für die nächste Schicht zu räumen, die bald dort weitermachen wird, wo wir aufgehört haben. Also logge ich mich rasch aus und packe die wenigen Dinge in meine Tasche, die ich herausgenommen hatte, dann greife ich nach der Kaffeetasse und trinke sie in großen Schlucken aus. Ilinas Kaffee ist zu schade, um ihn auszukippen. Sie nickt und nimmt mir die Tasse ab. »Räume ich weg für dich«, erklärt sie.
Meine Jacke vom Stuhl nehmend, hake ich mich bei Frank unter. Seine Ankündigung, wir hätten etwas zu besprechen, bewirkt nicht mehr so viel Schrecken wie noch vor ein paar Monaten, als ich ihm noch nicht erzählt hatte, dass ich schwanger bin und dass es eine Zwillingsschwangerschaft ist, aber nervös macht sie mich trotzdem. Schließlich weiß man ja nie so genau … Hat sein neuer Fall etwas mit mir zu tun? (Was ja nicht das erste Mal so wäre.) Oder hat ihn eine seiner Phobien überfallen und ihm klargemacht, dass er noch nicht reif für eine Beziehung und eine Familie ist? Oder hat sich etwa meine Mutter bei ihm gemeldet, um ihn darauf hinzuweisen, dass wir noch immer nichts in Sachen größere Wohnung unternommen haben, und er will sich bei mir beklagen?
Wie auch immer, sage ich mir dann, viel wichtiger ist doch, dass er seit Wochen zum ersten Mal an meiner Arbeitsstelle aufgetaucht ist, um mich abzuholen. Pünktlich. Damit zeigt er allen um uns herum, dass wir eine funktionierende Beziehung führen.
»Ach, noch etwas«, sagt Frank zu Dürrbier, »Horrorlisten für Lucy können gefährlich sein. Sie wollen doch nicht, dass es wieder Tote gibt?«
Also ehrlich, diesen letzten Satz hätte er sich sparen können! Das unbeschwerte Lächeln, das er mir schenkt, als wir im Aufzug nach unten fahren, entschädigt mich dann ein kleines bisschen für seinen frechen Scherz.

Kapitel 4

»Hast du für heute Abend etwas geplant, oder darf ich dich ins Tapas entführen? Ich hatte ewig nicht mehr ›Pasta Inge‹, und außerdem brauche ich schnell was zu essen, sonst kippt mir der Giebel um.« Frank feixt bei dieser letzten Formulierung, die so typisch saarländisch ist. Mein Giebel schwankt auch schon bedrohlich, weil die heranwachsenden Symbionten in meinem Bauch nach Nahrung gieren. Tatsächlich hatte ich heute Morgen eine Veränderung an mir bemerkt, die mir erst jetzt, wo ich dicht neben meinem Traummann im Lift hinunterrausche, wieder bewusst wird: keine Morgenübelkeit mehr! Dafür fülligere Brüste, die Frank noch nicht wahrgenommen hat, und Appetit. Appetit auf alles, was gesund ist glücklicherweise, aber einen, der nicht mehr enden will, wie es scheint.
»Da bin ich sofort dabei. Mir würde es heute auch zu lange dauern, wenn ich kochen müsste, ehrlich gesagt.«
So schlagen wir fröhlich den Weg zur Alte-Brauerei-Straße ein und steuern unser Stammlokal an.
»Frank«, höre ich eine helle Stimme rufen, als wir am Eingang der Polizeiwache vorbei sind, und wir drehen uns gleichzeitig um. Tina, die Kollegin von Frank, die neuerdings mit ihm als Ermittlerduo zusammenarbeitet, kommt auf uns zu. »Sorry, ich will nicht stören. Guten Tag, Lucy, lange nicht gesehen.« Damit streckt sie mir die Hand entgegen und schenkt mir ihr offenes Lächeln. Mit ihrem zerzausten, pinkfarbenen Pixie-Cut erinnert sie mich an meine Lieblingsschwester Kat, ihre Augen unterstreichen diesen Eindruck. Ich könnte gar nicht anders, als sie zu mögen.
»Hey, kein Problem. Und? Geht’s dir gut?«
Ihr Händedruck ist warm und angenehm fest. »Ei jo. Frank, hast du noch zwei Minuten?« Tina sieht mich entschuldigend an, und endlich kapiere ich.
»Ich gehe vor und suche uns einen Tisch aus. Soll ich Pasta Inge mit Extra Käse für dich bestellen?«
»Ja, bitte. Ich bin gleich bei dir.«
Ich winke Tina zu und schlendere weiter. Im Tapas sichere ich uns einen Tisch am Fenster und muss lachen, als ich merke, dass die Bedienung — es ist nicht die traurige junge Witwe von Mark Friskeel — mich kennt. Mit einem Grinsen fragt sie, ob der Kommissar auch kommt, und schreibt dann ganz selbstverständlich unsere üblichen Nudelgerichte auf. Und obwohl ich eben noch dachte, dass mein Appetit sich nur auf gesunde Sachen erstreckt, freue ich mich jetzt auf die Spaghetti mit der deftigen und nicht gerade fettarmen Soße.
Als Frank hereinkommt, wirkt sein Gesichtsausdruck nicht erfreut. Trotzdem bemüht er sich um ein Lächeln, setzt sich über Eck neben mich und bestellt ein Bier.
»Alles in Ordnung?«, frage ich besorgt, denn er schweigt sich aus. Dabei hat er doch angekündigt, dass wir ein paar Dinge besprechen müssen.
Er legt beide Unterarme auf dem Tisch ab und dreht einen Bieruntersetzer, den er vom Stapel auf dem Tisch genommen hat, zwischen seinen schönen, schlanken Fingern. Zwar fasziniert der Anblick mich, wie immer, aber die Tatsache, dass er nervös wirkt, beunruhigt mich auch. Also schiebe ich meinen Arm zu ihm und berühre seine Hand. »Ist etwas passiert?«
»Nein, nein, alles gut. Es knirscht noch ein bisschen im Getriebe, weil Tina und ich uns aneinander gewöhnen müssen.« Er sieht mir offen ins Gesicht. »Es ist halt eine Umstellung, mit ihr zu arbeiten. Sie prescht zu schnell los. Aber das klappt schon. Wir verstehen uns gut.«
»Hm, das hört sich nicht überzeugend an. Also, ich habe kein Problem damit, dass du jetzt mit einer jungen, toughen Kollegin zusammenarbeitest. Vorher, mit dem älteren, kauzigen männlichen Kollegen war es ja letzten Endes nicht so …«, mir fällt kein passendes Wort ein, ich ziehe die Schultern hoch. »Na, egal. Jedenfalls wird Tina sich ja nicht in dich verlieben und mich dann um die Ecke bringen wollen.« Ich verdrehe die Augen und lache, um ihm klarzumachen, dass es nur ein Witz sein soll. Doch er runzelt die Stirn. Okay, wird mir klar, ihm ist nicht nach Scherzen zumute.
›Wie dumm von dir, immer wieder darauf herumzureiten‹, murrt prompt Heulsuse in meinem Kopf. Aber wenigstens gibt die toughe Lady nicht noch ihren Senf dazu.
Meine Finger streicheln weiterhin über Franks Hand, und es beruhigt mich, dass er sie nicht wegzieht, sondern im Gegenteil seine zweite Hand auf meine legt, als die Bedienung unser Bier bringt. Meines ist selbstverständlich alkoholfrei.
»Nein, natürlich nicht. Tina ist ein Kumpel, darum geht es nicht. Ich befürchte nur, dass sie den Pathologen und die Leute von der KTU gegen uns aufbringt, weil sie manchmal eine echte Nervensäge sein kann.«
»Oh, du meinst diesen Doktor Wachs? Der ist mir nicht geheuer.« Ich sehe den Glatzkopf vor meinem inneren Auge, den ich im letzten Jahr erlebt habe, als er eine Leiche am Tatort zwischen der Ludwigskirche und dem Callcenter in Augenschein nahm. Nicht meine Art von Humor. Ich könnte mir vorstellen, dass die kesse Tina dem Paroli bietet.
»Jap.« Frank nimmt sein Bier, stößt mit mir an und nimmt einen tiefen Zug. »Könnte stressig werden, vor allem, wenn wir in Zukunft tatsächlich enger mit der ›Sitte‹ zusammenarbeiten sollten. Ich kann mir die Witze schon lebhaft vorstellen.« Er verdreht die Augen. »Ein Erbe von Herbert, auf das ich hätte verzichten können.«
»Du meinst Sexualstraftaten?«
»Genau.«
»Ist euer aktueller Fall denn eine?«
Er schüttelt den Kopf, doch seine Miene sagt mir deutlich, dass er keine Informationen zum Fall preisgeben wird. Das macht es mir ja oft so schwer, seine Stimmungen einzuschätzen. Mit meiner Art neige ich manchmal dazu, seine schlechte Laune auf mich zu beziehen, obwohl das Quatsch ist, wie er mir schon oft genug versichert hat. Anscheinend liest er genau diese Bedenken gerade aus meinem Gesicht heraus, denn er streichelt meinen Unterarm. »Wir wissen noch gar nichts«, sagt er dann, »nicht einmal, wer der Tote ist. Aber das bleibt unter uns.«
Die Bedienung nähert sich unserem Tisch mit zwei vollbeladenen Tellern und stellt sie vor uns ab. »So, bitteschön, und guten Appetit.«
Wir wünschen uns gegenseitig einen ebensolchen und beginnen zu essen. Frank schweigt sich aus, und in meinem Bauch setzt sich ein unsicheres Gefühl fest.
»Frank, du hast gesagt, wir müssten reden?« Ich formuliere es als Frage und sehe ihn auffordernd an.
»Ja. Deine Mutter hat sich heute Morgen bei mir gemeldet.«
Ich stöhne. »Während deiner Arbeitszeit?«
Frank nickt. »Sie hat mehrere Dinge angesprochen, die sie von uns erwartet.«
Ich verziehe das Gesicht. »Lass mich raten: Wohnung suchen, Babyzubehör kaufen, Namen für die Zwillinge aussuchen. Was noch?«
Nun lacht er doch, und es löst die Stimmung zwischen uns sofort. »Ja, all das, aber das Wichtigste hast du vergessen, Schatz. Rate nochmal.«
»Andere Arbeitsstelle suchen.« Ich ziehe einen Flunsch. »Jetzt bin ich in der Mitte der Schwangerschaft. Ist es da sinnvoll, noch Bewerbungen rauszuschicken?« Mir ist klar, dass ich Frank gegenüber zu erkennen gebe, dass ich die Arbeitssuche vorerst ad acta gelegt habe. Er atmet tief ein, doch ich rede weiter, bevor er mir auf meine eher rhetorisch gemeinte Frage eine Antwort gibt. »Ehrlich gesagt hat mich der Mut verlassen, nachdem ich im Jobcenter war und dort mit der Mitarbeiterin über meine Möglichkeiten gesprochen habe. Es ist nicht einfach. Ich weiß«, betone ich und hebe beide Hände wie zur Verteidigung in die Luft, »ich habe es schleifen lassen. Und ich ärgere mich am meisten darüber, dass ich nach dem abgebrochenen Studium in der Mediaboutique gestrandet bin.« Ich verstumme und lade mir die Gabel mit Spaghetti voll. Irgendwie muss ich doch dieses schale Gefühl loswerden können, das das ewige, leidige Thema in mir geweckt hat. Frank beobachtet mich schweigend. Seine Haselnussaugen blicken … verständnisvoll, wird mir klar. Kein Vorwurf spricht daraus. Seine nächsten Worte sorgen dafür, dass das schale Gefühl verschwindet, als ich die zerkauten Spaghetti runterschlucke.
»Lucy, ich lebe mit dir zusammen, weil ich dich liebe, nicht weil du einen perfekten Lebensplan verfolgst.«
Ich liebe diesen Mann, habe ich das schon gesagt? Doch noch bevor ich ihm antworten kann, grinst er auf seine verführerische Art und spricht weiter. »Was nicht bedeutet, dass ich es nicht gut fände, wenn du einen Lebensplan hättest. Irgendeinen. Einen, der mich einschließt natürlich, aber auch einen, der unseren Kindern gerecht werden wird. Und der den Umgang mit deiner Familie managt. Ich wusste nicht, was ich deiner Mutter antworten sollte. Wenigstens konnte ich sie vertrösten.«
»Vertrösten?« Meine Stimme klingt leicht schrill. »Wollte sie den Sonntagsbrunch wieder einführen?« Der Sonntagsbrunch ist ein Wunschtraum meiner Mutter. Sie lädt regelmäßig ein, aber bisher kommt er — zum Glück! — nicht jede Woche zustande. Tatsächlich hatten wir seit Weihnachten Ruhe, fällt mir auf. Immer konnte jemand nicht, mal Rouwen und Lena, mal Kat und Susa, mal Frank und ich — und einmal sogar A-Mi, meine mustergültige Juristenschwester. Ich habe mich in den Wochen meiner Rehabilitationszeit nicht in der Lage gefühlt, mich meinen Eltern und ihren Vorstellungen über die Art und Weise, wie man sich auf eine Geburt vorbereitet, zu stellen. Meine Babys werden die Ersten in der Familie sein, und entsprechend übermotiviert ist meine Mutter. Das musste ich nach Franks und meiner Ankündigung, dass wir Nachwuchs erwarten, erfahren, und ich verdanke es meinem Psychologen, dass meine Mutter mich nur selten angerufen hat. Nun ja, inzwischen haben sie sicher mitbekommen, dass ich wieder arbeite, und da ist es letzten Endes nur natürlich, dass sie sich bei mir melden. Bei Frank vielmehr, um genau zu sein. Eine Tatsache, die mich verwundert.
Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mein Handy seit Tagen nicht mehr benutze, weil es mir neulich ins Wasser gefallen ist. Ja, lachen Sie ruhig. Es ist die häufigste Todesursache bei Smartphones. Ich habe mir ein neues bestellt, in der inständigen Hoffnung, dass die Sim-Karte noch brauchbar ist, die ich sofort herausgenommen hatte, nachdem das Unglück passiert war. Noch auf der Toilette.
Wie auch immer, meine Mutter hat also Frank angerufen. Ich hoffe, das Gespräch hat sich nicht über Stunden hingezogen. Andererseits kann Frank, wenn er im Dienst ist, sehr bestimmend sein. Und meine Familie hat sich nach anfänglichen Vorbehalten an ihn gewöhnt. Die Tatsache, dass er bald befördert wird, hebt sein Ansehen in den Augen des Herzchirurgen und der Apothekerin gewaltig. Aber selbst A-Mi, die Franks Charme am längsten widerstanden hat, betrachtet ihn inzwischen als vollwertiges Familienmitglied, nachdem ihm zuerst Kat und Susa, dann Rouwen und schließlich sogar meine Eltern verfallen waren.
»Ja, sie träumt davon, dass die Familie jeden Sonntag im trauten Kreise zusammenkommt«, bestätigt Frank meine Befürchtung. Er zieht die rechte Braue hoch, was mich dazu bringt, ihm ein Luftküsschen zuzuhauchen.
»Ich habe ihr gesagt, dass das nicht gehen wird. Meine eigene Familie hat auch Ansprüche, und wir bräuchten jeden Monat mindestens zwei freie Sonntage. Noch dazu fallen manche weg, wenn ich ermitteln muss.«
»Cool. Hat sie es geschluckt?«
Er spitzt die Lippen, und da fällt mir wieder ein, dass ich aus guten Gründen nicht mehr gerne im öffentlichen Raum mit ihm speise. Er ist so verdammt lecker und erreicht mich mit seinen Blicken und Gesten dauernd in den niedersten Gefilden meines Hormonhaushalts. Ich schlucke und atme tief ein und aus. Vielleicht hilft mir diese Atemtechnik auch bei der Geburt, flitzt ein typisch konfuser Lucy-Gedanke durch meinen Kopf. Und die inneren Zwillinge sind nicht mal daran beteiligt.
»Sie hatte keine andere Wahl. Aber als ich L&L erwähnte, ist sie fast ausgeflippt.«
Mein Hormonhaushalt ist schlagartig nüchtern (im übertragenen Sinne), und ich stöhne. »Du hast ihr von Lenas und meinem Label erzählt? Wie konntest du nur!«
Er schüttelt den Kopf und hat die Frechheit, schief zu grinsen. »Schatz, du bist damit im Internet, das ist jedem zugänglich. Und außerdem finde ich, dass ihr das gut macht. Wie läuft es denn?«
»Lenk nicht ab.« Ich will ihm nicht auf die Nase binden, dass wir noch keine einzige Bestellung hatten. »Aber wie konntest du das hinter meinem Rücken der Apothekerin erzählen? Du weißt doch, was sie von schlichtem Handwerk hält.«
Bevor er darauf antworten kann, kommen drei Personen durch die Kneipentür herein, und als hätten sie geahnt, dass sie uns hier finden, steuern sie zielstrebig auf uns zu. Vielleicht sollten wir uns ein anderes Stammrestaurant suchen. Hier im Tapas habe ich Ellen damals kennengelernt, und danach haben wir oft hier zusammen gesessen. Nur als Streiflicht kommen mir meine sonnengelben Peeptoe-Manolos in den Kopf, mit denen letztes Jahr alles begonnen hat.
Der Dieter trägt das Baby vor dem Bauch. Ellen hat sofort »Lucy, Frank!« ausgerufen, nachdem sie das Lokal betreten hat (sie hat uns sicher schon von außen gesehen) und stürzt auf uns zu. Ein fast unmerklicher Ruck geht durch meinen Herzensmann, und auch ich drücke den Rücken durch. Aber obwohl die beiden etwas anstrengend sind, freue ich mich, sie zu sehen. Sie wirken glücklich, und da der Dieter das Baby heute trägt, vermute ich, dass Ellen sich mit ihm ausgesprochen hat. Ich hoffe, die schlechten Schwingungen, die ich bei unserer letzten Begegnung mit ihr gespürt habe, haben sich in Luft aufgelöst.
Ellen strahlt wie eh und je, sie ist eine Frau, die man gerne ansieht. Ich stehe auf, um die beiden zu begrüßen, Frank tut es mir gleich.
»Dürfen wir uns zu euch setzen? Paula schläft«, erklärt Ellen und zieht einen freien Stuhl zurück. Wie sollten wir da noch Nein sagen? Aber mir ist die Ablenkung ganz willkommen, weil ich so drum herum komme, weiter über meine Mutter oder L&L zu sprechen.
Die beiden ordern Essen und Getränke, und schon sind wir im schönsten Gespräch über Babykleidung gelandet. Mir ist klar, dass Frank davon nicht begeistert ist, aber er schlägt sich wacker. Er bewundert gebührend das süße Bommelmützchen, das der Dieter Paula vom Kopf zieht und uns zeigt. Er hat es selbst entworfen und gehäkelt, was mich gleich auf eine weitere Geschäftsidee bringt.
»Dieter«, rufe ich aus, »das ist die Idee. Du kannst unsere Kollektion erweitern.«
Ellens Räuspern auf meinen Ausruf klingt wie das ›Ähm‹ von Lady Tough, und mir ist klar, dass ich ihr zuerst mal berichten muss, dass es L&L gibt und wofür es steht. Tatsächlich wirkt Ellen nicht begeistert, sondern verzieht zweifelnd die Mundwinkel. Aber als ich an dem Punkt ankomme, an dem ich ihr vorschlage, Paula als Model einzusetzen, taut sie sichtlich auf. Überraschenderweise stimmt sie sofort zu, nachdem ich ihr erklärt habe, dass wir keine Gesichter zeigen wollen.
»Gibst du eigentlich noch deine alternativen Bastelkurse?«, will Frank von Dieter wissen, worauf dieser stolz nickt, dann jedoch die Schultern sinken lässt.
»Der Letzte läuft bald aus. In letzter Zeit ist der Zulauf nicht mehr so hoch, auch in den Häkelkursen meldet sich niemand mehr an. Aber das macht nichts, weil ich dadurch mehr Zeit für Ellen und Paulinchen bekomme.« Er lächelt seiner Frau zu, die seine Hand nimmt und kurz drückt, bevor sie weiter isst. Aha, da hat sich tatsächlich einiges getan. Gut so, denke ich.
»Insofern wird es mir eine Freude sein, euch mit Häkelsachen zu beliefern«, erklärt der Dieter.
»Häkelsachen?«, höre ich eine weitere Stimme, und erst jetzt bemerke ich, dass die Tür sich wieder geöffnet hat. Herein kommen Lena und Rouwen. Meine Freundin stürzt sich sofort auf unseren Tisch und begrüßt uns, bevor sie bei dem Dieter stehen bleibt, zuerst das Baby bewundert und dann das Mützchen entdeckt, das neben seinem Teller liegt.
»Oh, sowas hier? Ist das handgemacht?« Sie hat es hochgehoben und fingert mit Kennermiene daran herum.
Rouwen hat uns in der Zwischenzeit ebenfalls begrüßt und fragt die Bedienung, ob wir den Nachbartisch dazu stellen dürfen, worauf ich aufstehe, damit er und Frank den Tisch an unseren heranschieben können. Ich stelle meinen Teller neben den von Frank und setze mich, während ich grinsend dem Gespräch von Lena und dem Dieter lausche. Innerhalb kürzester Zeit ist die Zusammenarbeit abgemachte Sache. Die Stimmung am Tisch wird immer gelöster, nachdem auch Rouwen und Lena Pasta Inge geordert und bekommen haben. Unsere Pläne entwickeln sich prächtig und lassen mich die Sorge darüber, dass wir bis jetzt unglaublich viel Zeit investiert, aber noch nichts verkauft haben, wieder vergessen.
»Ihr müsst ein Gewerbe anmelden«, erklärt Rouwen, und wir stimmen ihm zu. Das steht für nächsten Montag auf der To-do-Liste. Ja, solche Dinge erledige ich schneller als früher. Ich verpasse auch keinen meiner Arzttermine. Was auch immer Sie denken, ich entwickle mich weiter. Aber das nur nebenbei.
»Ihr braucht ein Lager«, gibt der Dieter zu bedenken.
»Haben wir«, erklärt Lena.
»Haben wir?«, echoe ich.
»Ja, wir bekommen einen Kellerraum im Haus von Oma und Opa. Da können wir ein Büro einrichten und die Wände mit Regalen vollstellen. Rouwen und ich kümmern uns drum. Nächste Woche wird alles fertig sein.«
»Klingt perfekt«, sagt Frank. Ich bin gerührt, weil er voll und ganz hinter unserem Projekt steht.
»Aber mal was anderes«, meint Lena und sieht mich an. »Hast du was über die Gedichte herausgefunden?«
Ich verziehe das Gesicht. »Nein.«
»Welche Gedichte?«, hakt Ellen nach.
»Auf der Arbeit sind Gedichte für mich angekommen, die mir irgendjemand geschickt hat.« Ich winke ab. »Fürchterlicher Kitsch.«
Stirnrunzelnd wirft Ellen Frank einen Blick zu. »Was sagst du dazu?«
»Ich behalte es im Auge«, sagt er vage. Mich ärgert die Art, wie Ellen über meinen Kopf hinweg Frank darauf anspricht. Ich meine, was soll das?
»Du behältst es im Auge? Also hast du noch nichts unternommen, obwohl jemand der Mutter deiner Kinder komische Gedichte schickt?«
»Es gibt keinen Grund, etwas zu unternehmen«, dabei malt er Gänsefüßchen in die Luft. »Bisher handelt es sich offensichtlich um eine harmlose Schwärmerei.«
»Ach so? Und das sagst du so seelenruhig, wo Lucy bereits mehrfach durch harmlose Schwärmereien in Gefahr war?«
»Ähm, ich sitze mit am Tisch«, werfe ich dazwischen, doch Ellen ignoriert mich. Die anderen verfolgen gespannt das Gespräch. Also wirklich, als ob zwei Liebesgedichte irgendeine Gefahr bergen!
»Na, Maurice sitzt in Merzig und Herbert auf dem Lerchesflur. Von den beiden geht keine Gefahr aus.«
»Pff«, stößt Ellen aus. »Von denen wird wohl auch keiner dahinterstecken. Aber das riecht doch meilenweit nach Stalking.«
Frank stöhnt. »Danke für deine Belehrung, Ellen. Ich sagte doch, ich behalte es im Auge. Momentan gibt es lediglich zwei Gedichte, die an die zentrale Mailadresse der Mediaboutique geschickt wurden. Nichts, das ein Eingreifen der Polizei rechtfertigen würde.«
»Moment, zwei?«, sagt Lena. »Nein, heute ist noch eins angekommen.«
Überrascht sehe ich zu ihr. Sie nickt. »Nachdem ihr beide schon weg wart. Ich musst noch zur Toilette, und wie ich danach zum Fahrstuhl gang bin, hat Dürri grad ein neues Gedicht aufgehängt. Wart, wie fängt es nochmal an?« Hinter ihrer Stirn arbeitet es. »Ich liebe das Weib, das sind die ersten Wörter, und dann kommt noch irgendwas mit ›Lust‹.« Sie kichert. »Sorry, Ellen, aber ich finde, das kann man nicht ernstnehmen. Unter uns gesagt, vielleicht hat der Dürri das selbst rausgesucht, weil Lucy heut so gut abgeschnitten hat.«
Mir wird schlecht, ein kleines bisschen, und das liegt nicht nur daran, dass ich mich daran erinnere, mit wem ich heute das beste Geschäft gemacht habe.
Doch da durchbricht ein schriller Piepton die Stille, die Lenas Worten gefolgt ist, und Frank zieht sein Smartphone heraus. Der Klingelton verrät ihm offenbar, wer dran ist, denn er meldet sich mit den Worten: »Was gibt’s?« Seine Stirn legt sich in Falten, er legt die Serviette von seinem Schoß neben den Teller und steht auf. »Ich bin sofort da. Habt ihr Tina schon benachrichtigt? Gut, bis gleich.«
Er beugt sich über mich, um mir ein Küsschen auf die Wange zu hauchen. »Neue Erkenntnisse, ich muss leider los.« Er blickt in die Runde. »Kann einer von euch Lucy nach Hause begleiten?« Noch bevor ich ihm klarmache, dass ich sehr wohl alleine nach Hause kann, ist er davongerauscht.

***

Frank klingelt an der Tür eines zweistöckigen Hauses in Lisdorf. Der Handschuh hat sie hergeführt. Im Sportgeschäft, in dem die Marke verkauft wird, sind zwei Käufe mit Karte bezahlt worden. Der erste Käufer war ein Familienvater, der für den Tattag ein wasserdichtes Alibi hat. Der zweite Kauf führt zu einem Max Schöller, der hier wohnen soll.
Ein etwa dreißigjähriger Mann öffnet. »Ja, bitte?«
»Guten Abend, ich bin Frank Kraus, das ist meine Kollegin Tina Kunz, wir sind von der Polizei.« Frank hält ihm seinen Dienstausweis hin. »Sind Sie Max Schöller?«
»Nein, ich bin Nick. Max ist mein Bruder. Er ist drinnen.« Der Mann runzelt die Stirn. »Worum geht es?«
»Könnten Sie Ihren Bruder bitte rufen? Wir haben ein paar Fragen an ihn.«
»Ja, klar. Kommen Sie herein. Warten Sie dort.« Er deutet auf eine offenstehende Tür, die zum Wohnzimmer führt. Frank und Tina treten ein und sehen sich um. Die gediegene Einrichtung lässt auf eine gutbürgerliche Familie schließen. Tina zeigt auf das Foto eines Paars in den Sechzigern. Über einer Ecke ist ein schwarzes Band gespannt.
Frank hört, wie Nick Schöller im Flur nach seinem Bruder ruft. Kurz darauf werden Schritte auf der Treppe laut, ein gemurmelter Wortwechsel folgt. Dann schwingt die Tür auf, und neben Nick tritt eine jüngere Ausgabe seiner selbst ein, vielleicht um die zwanzig. Die dunkel geränderten Augen und gerunzelten Brauen lassen den jungen Mann auf den ersten Blick älter wirken. Anscheinend hat Max Schöller ein paar schlaflose Nächte hinter sich.
»Setzen Sie sich«, bittet Nick Schöller, nachdem sie sich seinem Bruder vorgestellt haben. Tina und Frank lassen sich auf der Zweiercouch nieder, während die beiden jungen Männer jeweils einen Sessel wählen.
»Ist das Ihr Handschuh?«, fragt Tina und hält die Tüte mit dem Beweisstück über den Couchtisch. Max Schöller streckt die Hand aus, doch Tina zieht den Beutel zurück.
»Sieht so aus«, sagt der Junge. »Wo haben Sie ihn her?«
»Wo waren Sie in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Februar?« Tina hat Frank zuvor gebeten, diese klassische Frage stellen zu dürfen, was er ihr mit einem Grinsen zugestanden hat.
»Keine Ahnung, warum?« Max vermeidet es, Tina oder Frank in die Augen zu sehen.
»Denken Sie nach.«
Nick Schöller beobachtet seinen Bruder und verzieht den Mund. »Max, was ist passiert? Rück endlich mit der Sprache raus!«
Frank betrachtet nachdenklich den Älteren der beiden und erkennt Sorge in dessen Blick.
»Seit ein paar Tagen ist mein Bruder wie ausgewechselt«, sagt Nick Schöller schließlich. Max ruckt mit dem Kopf zu ihm herum und starrt ihn abweisend an.
»Ich will, dass mein Bruder rausgeht«, erklärt er dann. Frank blickt zu dem Älteren und nickt ihm zu. Der zieht die Brauen hoch und verlässt widerwillig den Raum.
»Was ist bloß passiert?«, sagt er im Vorbeigehen.
»Wissen Sie etwas über Bianca?« Es wirkt, als habe sich die Frage aus Max’ Mund gelöst, ohne dass er es wollte. Mit fahrigen Bewegungen ringt er die Hände und starrt Frank einen kurzen Moment an, dann fixiert er eine Stelle im Teppich auf dem Boden.
»Bianca?« Tina sieht mit vielsagendem Blick von Max zu Frank. »Wer ist das?«
Der Junge rauft sich die Haare. »Worum geht es hier?«
»Vielleicht beantworten Sie zuerst unsere Frage«, sagt Frank. »Wo waren Sie am vierzehnten Februar?«
»Seit dem Tag ist Bianca verschwunden. Bianca Fillipova. Sie hat mir eine WhatsApp geschickt.« Max kramt in seiner Gesäßtasche nach seinem Smartphone, schaltet es ein und starrt auf das Display. »Aber ich glaube nicht, dass sie freiwillig gegangen ist.« Mit diesen Worten öffnet er den Nachrichtendienst, tippt einen Kontakt an, scrollt auf dem Bildschirm nach oben und hält Frank das Handy hin.
›Ich gehe heim zu meiner Tante und meinem Onkel. Bitte sei nicht traurig. Ich hab dich lieb. Bianca.‹
Unter dieser Nachricht folgt eine ganze Flut von Postings, die der Junge anschließend geschickt haben muss, und in denen er das Mädchen mit Fragen und der Bitte, sich zu melden, bestürmt. Aber Frank kann sehen, dass seine Nachrichten nicht zugestellt worden sind, denn sie haben nur einen einzelnen Haken.
»Wollen Sie uns nicht erzählen, was passiert ist?«
»Bianca ist Bulgarin, sie war erst seit ein paar Monaten in Deutschland, und ich habe sie …«, er räuspert sich und vergewissert sich mit einem Blick über die Schulter, dass die Zimmertür geschlossen ist. »Ich habe sie in so einer Art Nachtclub kennengelernt.« Flammende Röte überzieht die Wangen des Jungen. »Nicht, was Sie jetzt denken. Wir lieben uns. Ich habe bemerkt, dass sie nicht frei war.« Max verzieht das Gesicht und sieht plötzlich wie ein Schuljunge aus, der nicht weiß, wie er aus dem Schlamassel wieder herauskommen soll, in den er sich geritten hat. Frank legt ihm eine Hand auf den Unterarm. Der Junge blickt auf, schüttelt sie dann geistesabwesend ab und zieht die Schultern hoch, als fröre er.
»Wie meinen Sie das, sie war nicht frei?« Tinas Stimme klingt belegt, sie wirft Frank einen Blick zu. »Was für ein Nachtclub?«
»Ähm, so ein Club halt. Wir waren mit ein paar Kumpels dort und wollten Mädchen aufreißen. Na ja, die anderen wollten das, ich bin nur aus Neugier mitgegangen. Dort haben Frauen nackt getanzt und so.« Die erneute Röte, die ihm in die Wangen steigt, macht ihn Frank sympathisch. »Ich …«, Max stockt, dann spricht er weiter. »Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber sie hat wohl auch«, er räuspert sich und flüstert fast, als er weiterspricht, »… angeschafft.«
»Sie meinen, diese Bianca ist eine Prostituierte?« Tina macht sich Notizen.
»Sag ich doch. Aber sie ist da ungewollt hineingeraten, das müssen Sie mir glauben. Da war dieser Typ, für den sie gearbeitet hat. Aber es war nicht nur das. Sie hat auch bei ihm gewohnt. Er ist sowas wie ein Zuhälter.« Das letzte Wort ist wieder kaum hörbar. Max erweckt den Eindruck, überfordert zu sein.
»Wieso haben Sie nicht die Polizei eingeschaltet?«
»Sie hat mich davon abgehalten.« Der Junge schüttelt den Kopf. »Ich hätte es trotzdem machen müssen. Aber sie hatte Angst. Sie sagte, sie dürfte nicht auffliegen, weil ihre Verwandten auf sie angewiesen sind. Der Typ hat Macht über sie. Das ist unheimlich. Aber er wusste immer, wo sie war.« Max springt auf und läuft auf und ab. »Sie müssen mir sagen, was mit Bianca passiert ist«, sagt er plötzlich. »Ich werde wahnsinnig. Was hat der Kerl mit ihr gemacht?«
»Können Sie den Mann beschreiben, kennen Sie seinen Namen?«, will Frank wissen. Tina ist verstummt, ihr Kuli fliegt über die Seiten ihres Notizbuchs.
»Nein, den Namen kenne ich nicht. Er ist groß, dunkelblond, breitschultrig, und er trägt teure Kleidung. Sieht aus wie einer mit Kohle.« Max runzelt die Stirn. »Anscheinend verdient er sein Geld damit, Frauen auszubeuten. Er spricht reines Hochdeutsch. Muss aus Norddeutschland kommen, vielleicht Niedersachsen oder Hamburg. Jedenfalls kein Saarländer.«
»Woher wissen Sie, wie er redet? Haben Sie mit ihm gesprochen?«
»Ja, hab ich. Nachdem Bianca verschwunden war. Wir hatten uns verabredet, aber sie kreuzte nicht auf. Am nächsten Tag hat sie mir dann diese Nachricht geschickt. Also bin ich zu dem Club und habe nach dem Kerl gesucht. Ich hatte Glück, er kam gerade dort heraus und ist zum Stadtpark gelaufen. Also bin ich ihm gefolgt.«
»War das am Vierzehnten?«, will Frank wissen.
»Ja, verdammt. Am frühen Abend, es wurde schon dunkel.« Max ballt die Hände zu Fäusten und drückt sie auf seine Augen, dann lässt er sie wieder sinken. »Der Kerl lief zielstrebig durch den Park, ich dachte, dass er Bianca irgendwo dort abholen wollte. Dann hat er mich bemerkt, das war in der Nähe des Campingplatzes.«
»Er bemerkte Sie, und dann?«
»Er hat mich angesprochen. Ich habe ihn gefragt, wo Bianca ist, aber er sagte, er wüsste es nicht. Sie wäre nicht die Erste, die ihm entwischt ist.«
Frank zieht sein Handy aus der Hosentasche und öffnet das Bild des Toten, hält es Max unter die Nase. »Ist das der Mann?«
Max reißt die Augen auf. »Ja, was ist mit ihm?«
»Es gab eine Schlägerei, ist das richtig?«
»Ja. Ich habe ihn bedrängt und gefragt, wo Bianca sein könnte. Er ist ausgerastet und hat zugeschlagen.«
»Und Sie haben sich gewehrt.«
Max runzelt die Stirn. »Klar habe ich mich gewehrt, was denken Sie denn? Aber der Typ ist erfahrener als ich. Der hat mich fertiggemacht.« Unwillkürlich greift Max sich an die Seite seines Brustkorbs. »Aber ich bin ihm entwischt.«
»Haben Sie ihn niedergeschlagen?«
»Nein, er war stärker, das sage ich doch. Er hat mich niedergeschlagen, aber ich konnte abhauen. Zuerst ist er mir noch ein paar Schritte gefolgt, aber dann hat er mir nur noch hinterhergeflucht, und ich bin nach Hause gerannt. Seitdem versuche ich, Bianca zu erreichen, aber ich glaube, sie benutzt ihr Telefon gar nicht mehr. Wissen Sie, wo sie sein könnte?«
»Dazu kommen wir später. Was wissen Sie über den Mann?«
»Nichts. Außer, dass er Biancas Zuhälter ist und sie wohl entführt hat. Ich wollte mit Bianca zusammen abhauen und habe mein Sparkonto aufgelöst, aber ich hatte das Geld noch nicht.« Max sieht unglücklich von Tina zu Frank. »Sie müssen mir helfen, sie zu finden.«
»Max, denken Sie nach, ob Ihnen noch irgendein Detail zu diesem Kerl einfällt. Er ist an dem Abend, an dem Sie sich mit ihm geschlagen haben, an den Folgen eines Sturzes gestorben.«
Max saugt heftig die Luft ein. »Heißt das, Sie verdächtigen mich?«
»Nach allem, was wir bisher wissen, sind Sie der Letzte, der ihn lebend gesehen hat. Und Sie haben sich mit ihm geprügelt. Sein Nasenbein ist gebrochen. Der Schlag war so heftig, dass er dabei zu Boden gegangen sein könnte.« Frank hält ihm nochmals das Foto hin.
»Das war ich nicht. Er ist nicht gestürzt, sondern ich. Als ich weggerannt bin, stand er auf seinen Beinen. Ich habe ihn ja kaum erwischt.«
»Nun gut. Was können Sie uns noch über ihn sagen? Ist irgendwann mal ein Ort gefallen oder ein Name? Vielleicht im Gespräch mit Ihrer Freundin?«
»Bianca hat mir erzählt, dass sie aus Bulgarien gekommen ist und zuerst in Hamburg gearbeitet hat, als Tänzerin. Sie spricht ja nur gebrochen Deutsch.«
»Hat sie irgendeinen Namen gesagt, vielleicht ein Lokal oder einen Club genannt?«
»Nein, nichts.«
Frank seufzt. »Wir nehmen jetzt alles auf, was Sie über Bianca wissen, um sie in die Vermisstendatei aufzunehmen. Sie möchten sie doch vermisst melden?«
»Ja, auf jeden Fall.«
»Danach kommen Sie mit, damit wir Sie erkennungsdienstlich erfassen können.«
»Muss ich etwa in Haft?« Max starrt Frank mit weit aufgerissenen Augen an.
Die Tür öffnet sich, Nick tritt herein. »Was ist passiert? Bitte, redet mit mir!«

 

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Angelika Lauriel hat in Saarbrücken Übersetzen und Dolmetschen Englisch/Französisch studiert. Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher sowie zeitgenössische Romane für Erwachsene und wird seit 2010 von diversen Verlagen verlegt.
Seit Sommer 2016 unterrichtet sie in dem Fach „Deutsch als Zweitsprache“ Kinder und Jugendliche, die aus ihrer Heimat nach Deutschland geflüchtet sind.
In ihrer Freizeit singt sie in einem Kammerchor. Sonst kümmert sie sich um ihre fünfköpfige Familie und die französische Bulldogge Banou.