Tod eines Tenors

  1.  Kapitel

Die junge Frau kaute nervös auf ihren Lippen herum, als sie den Pass hinauffuhr. Sie war keine sehr erfahrene Fahrerin – nur  komplette Dummköpfe oder Masochisten fuhren in London oder Mailand Auto. Zudem schien der Mietwagen für die schmalen walisischen Gebirgsstraßen irgendwie viel zu breit zu sein. Der ganze Weg von der Küste herauf war flankiert von Felswänden auf der einen und steilen Abhängen auf der anderen Seite. Einmal war ihr ein Bus entgegengekommen, der die ganze Straße gebraucht hatte, um eine Haarnadelkurve zu nehmen. Und dann war ihr ein Schaf vor den Wagen gesprungen, und ihr Herz hatte einen Satz gemacht.

Dabei war sie auch ohne die Risiken einer ungewohnten Straße nervös genug. Was tue ich hier eigentlich? Es war ihr so einfach erschienen, als sie auf dem Londoner Flughafen gelandet war und den Wagen gemietet hatte. Er würde glücklich sein, sie zu sehen, und alles würde gut werden. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Die Gipfel der Berge waren in Wolken gehüllt, die sich hin und wieder teilten und atemberaubende Blicke auf Felsvorsprünge freigaben, mit Wasserfällen wie schimmernde Faltenwürfe, und auf hochgelegene grüne Weiden, von denen sich Schafe als kleine, weiße Punkte abhoben. Durch das offene Autofenster konnte sie das Geräusch fließenden Wassers hören und das entfernte Blöken der Schafe. Die Luft roch grün und frisch. Für jemanden, der in einem vornehmen Londoner Vorort aufgewachsen war, eine völlig unvertraute Landschaft. Sie sah sich ehrfürchtig um. Was konnte ihn bewogen haben, hierherkommen zu wollen?

Gerade als die Straße von den Wolken verschluckt zu werden schien, kam ein Dorf in Sicht. Sie verlangsamte ihre Fahrt und fuhr im Schritttempo die einzige Straße hinauf. Es war ein einfaches, kleines Dorf, zwei Reihen weißgetünchter Cottages aus Stein, einige Läden, eine Zapfsäule und ein freundlich wirkender Pub, dessen Schild mit der Aufschrift Red Dragon im Wind schaukelte. Sie hielt an und klappte ihre Straßenkarte auf. Das konnte nicht der richtige Ort sein. Sie las die Schilder einer Ladenzeile: R. EVANS, MOLKEREIPRODUKTE, G. EVANS, CIGYDD – in schmaleren Buchstaben stand in Klammern der Zusatz »Metzger« – und T. HARRIS, GEMISCHTWARENLADEN, dahinter in kleinerer Schrift POSTNEBENSTELLE, LLANFAIR.

Sie war also doch richtig. Sie wusste, dass Llanfair ein ziemlich verbreiteter walisischer Dorfname war, genau wie St. Mary. Auf über ein Dutzend solcher Llanfairs war sie gestoßen, als sie die Landkarte von Wales durchforstet hatte. Aber nur ein einziges Llanfair lag in der Nähe des Passes neben dem Mount Snowdon, dem höchsten Berg von Wales. Das musste es also sein.

Die junge Frau schüttelte ungläubig den Kopf. Dies war so gar nicht nach seinem Geschmack. Sie konnte ihn sich einfach nicht in einem dieser kleinen Cottages vorstellen. Schließlich war er eine Fünf-Sterne-Persönlichkeit: Nizza, Portofino, Beverly Hills – das waren die Orte, an denen sie erwartet hatte, ihn zu finden. Vielleicht hatte die Zeitung etwas falsch verstanden? Das tat die Presse doch oft.

Sie fuhr weiter die Straße hinauf, an der wegen der Sommerferien verwaisten Schule vorbei, und erreichte zwei Kapellen, die einander an der engen Straße gegenüberlagen. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen – beide waren graue, fast schmucklose Schieferbauten mit zwei hohen, schmalen Fenstern. Eine Tafel an der Kapelle links von ihr verkündete: BETHEL-KAPELLE, HOCHWÜRDEN PARRY DAVIES. An der rechten stand: BEULAH-KAPELLE, HOCHWÜRDEN POWELL-JONES.

Hier wird offenbar viel gebetet, amüsierte sich die junge Frau. Dabei sah das Dorf kaum so aus, als könne es eine Kapelle füllen. An den Tafeln hingen auch biblische Texte. Bei der Bethel-Kapelle stand: »Wer hat, dem wird gegeben«, während der Text an der Beulah-Kapelle mahnte: »Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.« Sie musste lächeln und stellte fest, dass sie in letzter Zeit nicht oft gelächelt hatte. Ihr Gesicht fühlte sich ganz steif an.

Die beiden Kapellen waren fast die letzten Gebäude des Dorfs, und sie hielt den Wagen an. Neben der Bethel-Kapelle stand lediglich ein einfaches Steinhaus, auf dem ausgedehnten Grundstück hinter der Beulah-Kapelle war dagegen ein viel größeres Haus gebaut worden. Es hatte Giebel, war in Schwarzweiß gehalten und mit Unmengen viktorianischer Zierelemente versehen. Die junge Frau betrachtete es zweifelnd, dann streifte ihr Blick weiter zum Pass hoch, wo Straße und Wolken zusammentrafen. Auf einem Hang thronte ein riesiges, prunkvolles Gebäude, eine Art überdimensioniertes Schweizer Chalet mit geschnitzten Holzbalkonen und Geranienkästen vor den Fenstern. Dieser Anblick – wie das Gebäude so plötzlich auf einem kargen, walisischen Hügel aus den Wolken auftauchte – einen Augenblick war sie nicht sicher, ob sie Halluzinationen habe. Unwillkürlich musste sie an Walt Disneys Fantasiewelten denken. Ein adrettes Holzschild neben der Straße verhieß: WILLKOMMEN. EVEREST RESTAURANT, FITNESS-CLUB. RÄUMLICHKEITEN FÜR SPA.

Der Hotelparkplatz stand voller Luxuswagen. Ja, das war schon eher ein Ort nach seinem Geschmack, auch wenn ihm der aufgesetzte Chalet-Touch nicht gefallen hätte. Aber sie war sicher, dass er ein Haus gemietet hatte und nicht in einem Hotel wohnte. Deshalb musste es das schwarzweiße, viktorianische Haus hinter der rechten Kapelle sein.

Sie stellte den Motor ab und stieg aus. Stille. Obwohl es eigentlich nicht wirklich still war hier oben. Sie konnte das Seufzen des Windes hören, der durch die Gräser strich, und das leise Murmeln eines Baches. Noch immer blökten irgendwo da oben in den Wolken die Schafe, aber es gab keine vertrauten Geräusche: weder den Verkehrslärm, noch das Gehupe oder die heulenden Sirenen, die das Leben in großen Städten begleiten. Sie fühlte sich sehr weit weg von zu Hause.

Sie atmete tief durch und strich über ihre zerknitterte, schwarze Bluse. Dann öffnete sie das Gartentor und ging über die kiesbedeckte Zufahrt zur Haustür. Ihr wurde von einer großen, hageren Frau geöffnet, die eine unvorteilhafte, erbsengrüne Strickjacke und einen Tweedrock trug. Die Frau musterte den modischen Schnitt ihrer Kleidung und den beunruhigend schwarzen Ponyhaarschnitt, der das blasse, elfenhafte Gesicht mit den großen, blauen Augen umrahmte. Gefärbt. Die Frau hatte ihr Urteil schnell gefällt und rümpfte die Nase, um ihre Missbilligung zu zeigen.

»Ja? Kann ich Ihnen helfen?« Die Stimme hatte nur eine Spur des walisischen Tonfalls.

Das Mädchen starrte sie ungläubig an. »Ich … ich bin nicht sicher«, stammelte sie. »Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin.« Ihre flachen Londoner Vorort-Vokale waren auch durch eine teure Erziehung nicht vollständig ausgerottet worden.

Die Frau verschränkte die Arme über der erbsengrünen Strickjacke. »Wenn Sie Bed & Breakfast suchen, wir nehmen keine Touristen«, sagte sie. »Und wenn Sie zu meinem Mann wollen …«, sie machte eine Pause, als sie die Reaktion auf dem Gesicht des Mädchens sah, »tut mir Leid, er ist im Moment sehr beschäftigt. Er arbeitet an seiner Sonntagspredigt.«

»Predigt?« Dem Mädchen wurde klar, dass sie wie ein Papagei klang.

»Er nimmt seine Predigten sehr ernst«, fuhr die Frau fort. »Er predigt nämlich auf Walisisch und auf Englisch, müssen Sie wissen. Das ist geradezu eine rhetorische Meisterleistung, auch wenn dieser Parry Davies von gegenüber meint, dass er den Titel des Barden verdient.«

Das Mädchen starrte sie mit offenem Mund verständnislos an. Die Frau hätte auch vom Mars kommen oder Chinesisch sprechen können.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie, den Rückzug antretend. »Ich muss mich geirrt haben. Ich suche nach einem Freund, aber er ist offensichtlich nicht hier. Bitte entschuldigen Sie die Störung.«

»Ich könnte nachsehen, ob mein Mann einen Moment Zeit für Sie erübrigen kann«, sagte die Frau einlenkend. »Er würde es nicht gutheißen, dass ich jemanden wegschicke, der seine Hilfe braucht. Er nimmt seine christlichen Pflichten sehr ernst.«

»Ihr Mann ist der Pfarrer?«, fragte das Mädchen.

»Natürlich ist er der Pfarrer. Was dachten Sie denn, wer er ist? Hochwürden Powell-Jones. Ich bin Mrs. Powell-Jones. Vielleicht kann ich Ihnen helfen? Ich bin bekannt für mein Taktgefühl und Beratungsgeschick …«

Unvermittelt begann das Mädchen zu lachen. »Hochwürden Powell-Jones? Das ist Ihr Haus? Entschuldigung. Ich habe mich wirklich geirrt. Ich muss gehen.«

Sie floh den lorbeergesäumten Weg hinunter, schnell zurück zu ihrem Zufluchtsort, dem Auto. Gerade als sie ihre Hand auf die Gartentür legte, trat ein junger Mann zwischen den Büschen hervor und versperrte ihr den Weg.

»Was machst du hier?«, fragte er.

Sie schüttelte trotzig den Kopf. »Das ist ein freies Land. Ich kann gehen, wohin ich will.«

Er griff nach ihrem Arm. »Sei kein Dummkopf, Christine. Verstehst du denn nicht – es ist aus. Vorbei. Du bist Geschichte, Süße.«

»Lass mich los!« Sie versuchte sich zu befreien.

»Geh nach London zurück, Chrissy, bitte, bevor du einen kompletten Narren aus dir machst und am Ende jemand verletzt ist.«

»Ich sagte, lass mich los!« Ihre Stimme war gefährlich laut geworden. »Lass mich. Ich bin erwachsen, Justin. Ich kann selbst auf mich aufpassen.«

Sie entwand sich seinem Griff. »Hau ab, Justin!« Sie schrie nun. »Ich werde nicht einfach nach Hause fahren und vergessen, dass es passiert ist. So leicht wirst du mich nicht los!«

Sie stieß ihn zurück, schlug die Autotür zu, startete den Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Der junge Mann sah ihr hinterher, dann schlug er wütend gegen den Torpfosten, bevor er quer durch den Garten lief und wieder in der Hecke verschwand.

Mrs. Powell-Jones hatte die Szene von ihrem Wohnzimmerfenster aus beobachtet.

»Edward!«, rief sie, ihre Stimme hallte durch das Haus. »Edward! Hier geht etwas sehr Seltsames vor sich.«

Hochwürden Powell-Jones‘ Kopf erschien in der Tür seines Arbeitszimmers. »Was ist denn, meine Liebe? Ich bin wirklich sehr beschäftigt. Ich komme gerade zum aufregenden Teil über das ewige Höllenfeuer und die Sünden des Fleisches.«

»Edward, es ist wichtig, andernfalls hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dich beim Predigtschreiben zu stören. Gerade ist ein junger Mann durch unsere Hecke gekommen, und außerdem hatten wir merkwürdigen Besuch von einer jungen Frau, ich hatte den Eindruck, sie wollte dich sehen, aber dann hat sie ihre Meinung geändert.« Sie funkelte ihn wütend an, wie nur Mrs. Powell-Jones jemanden anfunkeln konnte. Es war allgemein bekannt, dass Pfadfinder und Sonntagsschüler unter ihrem schonungslosen Blick schon unzählbare Sünden gebeichtet hatten. »Edward«, sagte sie mit eisiger Sanftmut, »gibt es irgendetwas, worüber du mit mir sprechen möchtest?«

»Sprechen, meine Liebe? Worüber denn?«

»Über das Thema deiner Predigt, Edward. Die >Sünden des Fleisches<.«

Edward Powell-Jones wirkte verwirrt. »Ich kann dir, glaube ich, nicht ganz folgen, meine Liebe.«

»Dann lass es mich erklären. Ich habe mich bloß gefragt, warum ein junges Mädchen dich unbedingt sehen will und unbedingt von mir wissen will, ob ich deine Frau bin. Und ich habe mich gefragt, was bei dieser christlichen Jugendkonferenz in Bangor vor sich gegangen ist, auf der du letzten Monat warst.«

»Du willst doch nicht andeuten …«, Edward Powell-Jones brach in schockiertes Gelächter aus, »… dass ausgerechnet ich …«

»Es passiert den besten Männern, Edward. Der Teufel liegt auf der Lauer, auch in der Brust eines Heiligen, und du bist immer noch ein attraktiver Mann.«

Edward, ein grauhaariger, schmächtiger Mann in den Fünfzigern, der niemals auch nur annähernd das gewesen war, was junge Mädchen sexy nennen, errötete verlegen. »Ich versichere dir, meine Liebe, dass es immer nur eine Frau in meinem Leben gegeben hat – und geben wird.«

»Und was wollte sie dann?«, fragte Mrs. Powell-Jones aufgebracht.

»Keine Ahnung.«

»Und da ist noch dieser aufgebrachte, junge Mann, der über unseren Rasen läuft, als ob der Garten ihm gehört.«

Edward Powell-Jones‘ Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass ihm gerade ein neuer und beunruhigender Gedanke in den Sinn gekommen war. »Was ist?«, fragte sie. »Du weißt etwas.«

»Mir ist gerade eingefallen, dass es etwas mit diesem Makler aus Caernarfon zu tun haben könnte.«

»Was für ein Makler?«

»Der mich mit der Idee belästigt, das Haus den Sommer über zu vermieten.«

»Der was tut?«

»Ich bin sicher, dass ich es dir gesagt habe. Er hat in dieser Woche mehrmals angerufen, während du bei deiner Mutter warst.«

»Nein, Edward, du hast mir nichts davon erzählt«, stellte Mrs. Powell-Jones ruhig und mit eisiger Stimme fest.

»Nein? Ich dachte …« Edward Powell-Jones war nun eindeutig nervös. Eisige Ruhe war schlimmer, als wenn seine Frau tobte. »Mein Gedächtnis lässt mich derzeit wohl ein wenig im Stich. Aber ich nehme an, dass ich dachte, die Sache sei nicht der Rede wert …«

»Was genau wollte der Makler von dir, Edward?«

»Er sagte, ein Kunde von ihm wolle den Sommer über unbedingt dieses Haus mieten.«

»Dieses Haus?«

Edward Powell-Jones zuckte mit den Achseln. »Offenbar suchte der Kunde ein großes Haus mit Privatsphäre in der Gegend von Llanfair, und dieses hier war das einzige, das in Frage kam. Ich glaube, er war bereit, ziemlich viel Geld dafür zu zahlen.«

»Der hat Nerven!«, rief Mrs. Powell-Jones.

»Das finde ich allerdings auch, meine Liebe. Taucht hier unaufgefordert auf und erwartet tatsächlich, dass wir uns fügen, nur weil er uns Geld vor die Füße wirft. Dem habe ich aber die Meinung gesagt! Guter Mann, habe ich zu ihm gesagt, ich bin Pfarrer der wichtigsten Kapelle in Llanfair. Meine Herde braucht mich, und ich habe nicht die Absicht, irgendwo anders hinzugehen. Außerdem habe ich ihm gesagt, dass Geld für uns keine Rolle spielt.«

»Andererseits, Edward …«, meinte Mrs. Powell-Jones nachdenklich, »vielleicht sollten wir das Ganze nicht sofort von der Hand weisen. Du hast möglicherweise etwas übereilt gehandelt.«

»Inwiefern, meine Liebe?«

»Die Sache könnte die Antwort auf meine Gebete sein.«

»Deine Gebete? Du hast dafür gebetet, dass wir das Haus vermieten?«

Mrs. Powell-Jones seufzte angesichts so viel Einfältigkeit. »Für Mama, Edward. Ich habe für Mama gebetet.« Sie ließ sich auf der Armlehne des verblichenen Baumwollsofas nieder. »Du erinnerst dich, dass der Arzt sagte, sie brauche ein neues Hüftgelenk. Sie hat es immer wieder hinausgeschoben, und jetzt kann die Arme kaum noch herumhumpeln. Ich habe ihr nicht angeboten, sie zu pflegen, weil mein Platz bei dir und der Herde ist. Und jetzt, verstehst du, hat sich wie von selbst eine Lösung ergeben. Mama könnte ihre Hüfte operieren lassen, und ich könnte mich um sie kümmern.«

»Und was ist mit mir? Es gibt kein Zimmer für mich bei deiner Mutter, und überhaupt, ich werde meine Kapelle nicht den Sommer über schließen, damit Parry Davies meine Gemeinde in die Finger bekommt.«

»Natürlich nicht, Liebster. Wir werden irgendwo im Dorf eine Unterkunft für dich finden. Viele Dorfbewohner nehmen doch Gäste auf. Ich werde schon etwas Passendes finden, mach dir keine Sorgen.« Befriedigt sah sie sich im Zimmer um. »Das hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Es ist wirklich ein Geschenk des Himmels. Und denk doch mal daran, was wir mit dem Geld alles machen könnten …«

Edwards Gesicht hellte sich auf. »Die Orgel müsste schon seit einiger Zeit repariert werden. Es ist sehr lästig, wenn die Pedale bei Cwm Rhondda immer hängenbleiben.«

»Ach was, die Orgel. Wir brauchen eine neue Sitzgruppe für dieses Zimmer.« Mrs. Powell-Jones‘ Stimme hob sich beängstigend. Sie stand auf und deutete auf die abgenutzte Armlehne, auf der sie gesessen hatte. »Sieh doch mal, Edward. Ich habe mich manchmal schon geschämt, wenn wir hier kirchliche Versammlungen abhalten mussten. Die Spiralfedern kommen ja schon fast durch die Polster. Und schließlich haben die Davies‘ drüben dieses Monstrum von Naugahyde – das ist zwar nur aus Kunstleder und für einen Pfarrerhaushalt reichlich unpassend, aber fast neu.«

»Ja, wir könnten über eine neue Sitzgarnitur nachdenken«, sagte Edward Powell-Jones mit einem Seufzer. »Wenn du wirklich davon überzeugt bist, dass das die beste Verwendung für das Geld ist.«

»Das bin ich, Edward, wirklich. Und jetzt geh und ruf diesen Makler an. Sag ihm, wir hätten unsere Meinung geändert und könnten bis Ende der Woche hier raus sein.«

Die junge Frau verlangsamte ihre Fahrt, als sie oben am Pass an eine Kreuzung kam. Eine Straße führte hinunter nach Beddgelert und zur Küste, die andere nach Betwys-y-Coed. Sie hielt an, unentschlossen, welche Richtung sie einschlagen sollte. Tränen traten ihr in die Augen, ihr Blick verschwamm. Sie hatte nicht die geringste Vorstellung, was sie nun tun sollte.

  1. KAPITEL

Constable Evan Evans trat aus der Polizeiwache von Llanfair, blieb kurz stehen und atmete die klare, frische Luft ein. Heute konnte man den salzigen Geruch des Meeres riechen. Er schaute zu den rasenden Wolken hinauf. Hoffentlich waren das keine Vorboten eines Sturms, ausgerechnet jetzt zum Wochenende. Er freute sich wirklich auf den Tag mit Bronwen.

Seine Freundschaft mit der jungen Lehrerin hatte sich vertieft, und im Dorf wurde bereits wild spekuliert, obwohl sie gerade einmal eine Hand voll Verabredungen miteinander gehabt hatten. Evan hielt jegliche Gedanken an Hochzeitsglocken strikt von sich fern.

Sie hatten für den nächsten Tag eine lange Bergtour geplant – wenn das Wetter mitmachte. Schließlich war es nicht die Art von Gelände, das man gerne bei Regen in Angriff nahm, denn es war stellenweise sumpfig und so hoch gelegen, dass es meist in den Wolken lag. Aber wenn der Wind weiterhin so heftig blies, würde er all diese bedrohlichen Wolken vertreiben.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Mrs. Williams, seine Vermieterin, wartete sicher schon mit dem Mittagessen auf ihn und würde erbost sein, wenn er es kalt werden ließe. Es war Freitag, das hieß wahrscheinlich Fisch.

Mrs. Williams war in der Gestaltung ihres Speiseplans sehr berechenbar. Er hoffte, es würde gegrillten Hering geben. Zu dieser Jahreszeit gab es wunderbar frische Heringe, und Mrs. Williams bereitete sie perfekt zu: außen schön knusprig, innen saftig und manchmal sogar mit einem noch weichen, rohen Kern. Mrs. Williams war eine wundervolle Köchin und schien der Auffassung zu sein, Evan würde verhungern, wenn er nicht drei üppige warme Mahlzeiten am Tag bekäme – und natürlich Tee, wenn er denn einmal zum Tee daheim war.

Er verschloss die Stationstür und machte sich auf den Weg zu Mrs. Williams‘ Cottage, die Vorfreude ließ ihm schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

»Bore da, Gesetz-Evans«, rief Pumpen-Roberts von der Werkstatt nebenan herüber.

»Bore da, wie läuft das Geschäft?«, fragte Evan.

»Kann nicht jammern. Viele Touristen unterwegs in dieser Jahreszeit. Natürlich kennen wir alle eine Person, die trotzdem klagt, stimmt’s?« Er lachte und deutete auf den Metzgerladen gegenüber. »Fleischer-Evans würde eine verdammte Mauer um das Dorf ziehen, wenn er dürfte … und nur Leute durchlassen, die Walisisch sprechen. Du hättest ihn heute früh schimpfen und toben hören sollen, nur weil ein paar junge Kerle hereinkamen und ihn ausfragten, wer hier so alles wohnt.«

Evan lächelte. Er kannte die feste Überzeugung von Fleischer-Evans nur allzu gut, wonach Fremde in Wales nichts zu suchen hatten.

In diesem Moment vernahm er von weiter oben an der Dorfstraße laute Stimmen. Er hörte interessiert hin. Englisch, nicht Walisisch, wahrscheinlich Touristen. Die Stimme einer Frau hatte sich zu einem Schrei gesteigert. Evan zögerte, dann lief er die Straße hinauf. Ein junges Mädchen versuchte, sich aus dem Griff eines jungen Mannes zu befreien.

»Hey!«, rief Evan, aber in diesem Augenblick riss sich das Mädchen los, rannte zu einem kastanienbraunen Vauxhall Vectra und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Der junge Mann schrie ihr noch etwas nach, ging dann wieder in den Vorgarten zurück und verschwand in den Büschen. Ehekrach oder etwas Ernsteres?, fragte sich Evan. Und erst jetzt bemerkte er überrascht, dass der Vorgarten zum Haus der Powell-Jones‘ gehörte.

»Was war denn da los?«, fragte Pumpen-Roberts, als Evan die Straße wieder herunterkam.

Evan zuckte mit den Achseln. »Das werden wir wohl nie erfahren. Sie sind beide gegangen, als ich kam. Und ich glaube auch nicht, dass mich das was angeht, mal abgesehen von der Geschwindigkeitsübertretung. Aber zu Fuß kann ich sie wohl schlecht verfolgen.«

»Sie sollten dir einen Streifenwagen geben«, meinte Pumpen-Roberts. »Ich hätte da einen hübschen, gebrauchten Ford Granada, wenn du sie dafür interessieren kannst.«

Evan kicherte. »Es ist schon schwer genug, ihnen neue Büroklammern abzuschwatzen. Und außerdem besteht der Zweck meines Einsatzes ja darin, meine Kontrollgänge zu Fuß zu machen.«

»Und ein Auge auf all die schlimmen Verbrechen in Llanfair zu haben«, lachte Pumpen-Roberts. »Schaffst du das, Evan bach?«, fragte er, obwohl »kleiner Evan« kaum die treffende Beschreibung für einen einsachtzig großen, kräftigen Mann war, der Berge bestieg und Rugby spielte.

Evan lächelte, grüßte und ging weiter. Er wusste, dass diese Einschätzung von den meisten Dorfbewohnern geteilt wurde – er hatte einen gemütlichen Job mit wenig Arbeit. Gleichzeitig wusste er, dass sie froh waren, ihn hier zu haben.

»Sind Sie’s, Mr. Evans?«, tönte Mrs. Williams‘ hohe Stimme aus der Küche. Immer dieselbe Begrüßung, obwohl sie wusste, dass er der Einzige war, der einen Schlüssel hatte. Wie gewöhnlich war er versucht zu antworten, nein, ein Massenmörder.

»Ja, ich bin’s, Mrs. Williams.«

»Diolch am hynny! Gott sei Dank!« Geschäftig kam sie den dunklen Flur entlang und strich sich die Schürze glatt.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Evan.

»Nur dass ich befürchtete, Sie würden erst nach Hause kommen, wenn Ihr Dinner völlig ausgetrocknet ist.« Mrs. Williams war Anhängerin der alten Tradition der Arbeiterklasse und nannte das Mittagessen Dinner und das Abendessen Supper. »Ich habe Ihnen eine schöne Fischpastete gemacht«, fügte sie hinzu.

Fischpastete – das war etwas, woran er nicht gedacht hatte. Nicht gerade eine ihrer gängigen Spezialitäten. Eigentlich konnte er sich nicht daran erinnern, überhaupt schon einmal Fischpastete bei ihr gegessen zu haben.

»Ich musste heute Fischpastete machen«, sagte sie, wo sie schon einmal beim Erklären war. »Fischer-Jones hatte nicht einen einzigen anständigen Hering. Und nicht eine Makrele, wegen des schweren Seegangs neulich.« Sie drehte sich um und hastete Richtung Küche, Evan folgte ihr. »Dafür ist meiner Meinung nach dieser El Niño verantwortlich«, erklärte sie über die Schulter hinweg, während sie den Backofen öffnete. »Die Amerikaner sind an allem schuld.«

»El Niño? Ist das nicht ein Naturphänomen?«

Mrs. Williams schnaubte. »Sie haben es mit ihren Atombomben ausgelöst, oder etwa nicht? Wir haben jedenfalls nichts von El Niños im Pazifik gehört, bevor die Amerikaner dort mit ihren Atombombentests angefangen haben.«

Evan schwieg klugerweise. Er bereitete sich innerlich auf die Fischpastete vor und fragte sich, wie er sie höflich ablehnen könnte. Er hatte dieses Gericht noch nie sonderlich gemocht, es erinnerte ihn an das Essen in der Schule. Dort war Fischpastete eine undefinierbare Masse aus wässrigen Kartoffeln mit schwachem Fischgeschmack gewesen. Er hatte niemals irgendwelchen Fisch darin gefunden, obwohl es welchen gegeben haben musste, denn die Pastete enthielt stets ein oder zwei Gräten.

Während er sich diesen trostlosen Gedanken hingab, beugte sich Mrs. Williams zum Ofen und zog eine Pastete heraus, die von einer knusprigen Schicht mit Käse überbackener Kartoffeln bedeckt war. Sie duftete wirklich appetitlich. Mrs. Williams lud ihm eine tüchtige Portion auf den Teller. »Essen Sie, es wird Ihnen guttun«, sagte sie stolz.

Vorsichtig untersuchte Evan die Pastete mit seiner Gabel. Die untere Hälfte bestand aus festen, weißen Fischstückchen in einer cremigen Sauce, dann folgten eine Lage hart gekochter Eier und die Kartoffelschicht, unten weich und oben knusprig. Gekrönt war das Ganze von einer Käsekruste. Ein Bissen genügte, um festzustellen, dass die Pastete genauso köstlich schmeckte wie sie aussah.

»Sehr gut«, sagte er überrascht.

Mrs. Williams nickte zufrieden. »Das nenne ich ein Essen für einen Mann«, sagte sie. »Gutes, gesundes Essen, damit er was auf die Rippen kriegt.« Und lud ihm nun grüne Stangenbohnen und Kürbisgemüse auf den Teller.

Evan klagte innerlich, dass noch mehr Fleisch auf den Rippen das Letzte war, was er gebrauchen konnte. Mrs. Williams‘ wohlmeinende Fürsorge begann sich bereits um seine Taille herum abzuzeichnen.

Er hatte erst einige Bissen gegessen, als es an der Haustür klopfte.

»Wer kann das sein?«, fragte Mrs. Williams ärgerlich. Evan überlegte, ob sie hellseherische Fähigkeiten von ihm erwartete oder die Frage nur rhetorisch gemeint war.

»Soll ich nachschauen?« Er stand auf, nur um sofort wieder auf seinen Stuhl gedrückt zu werden.

»Sie essen zu Ende. Ich gehe«, sagte sie bestimmt.

»Er ist in der Küche«, hörte er sie sagen, »aber er hat gerade erst angefangen zu essen.«

Dann ging die Küchentür auf und Charlie Hopkins kam herein. Er war einer der älteren Männer im Dorf, mager, untersetzt und mit schütterem Haar. Er trug stets Stiefel, die ihm ein wenig zu groß zu sein schienen – eine Reminiszenz an die Tage, als er in der Schiefermine gearbeitet hatte. Man hätte ihn für gebrechlich halten können, aber Evan hatte ihn schon Berge hinaufsteigen sehen, als mache er einen Nachmittagsspaziergang im Park.

»Entschuldige, dass ich dich beim Essen störe, Evan bach«, sagte er.

»Macht nichts, Charlie. Setz dich und iss mit. Wie du siehst, hat Mrs. Williams wie üblich für ein ganzes Regiment gekocht.«

»Oh, nein danke. Ich kann nicht bleiben. Ich muss noch was in Llandudno abliefern«, antwortete Charlie. Er hatte ein kleines Transportunternehmen. »Ich bin amtlich hier.«

Evan sah ihn an, seine Gabel blieb in der Luft hängen. »Amtlich?« Charlie war Kirchendiener in der Bethel-Kapelle, andere Ämter gab es hier nicht.

Charlie räusperte sich. »Ich wurde gebeten hierherzukommen und  in meiner Eigenschaft als Sekretär des Männerchors von Llanfair mit dir zu sprechen«, verkündete er wichtig.

»Ach wirklich? Habt ihr ein Problem mit dem Chor, Charlie?«

Charlie nickte. »Ein ziemlich großes sogar, wenn du mich fragst. Mit den Baritonen.«

»Brauchst du meinen Rat oder polizeiliche Unterstützung?«

»Sogar dringende Unterstützung. Wir brauchen einen weiteren Bariton«, sagte Charlie unumwunden. »Nächsten Monat ist doch Eisteddfod, und wir klingen schrecklich. Deshalb hat mich Austin-Mostyn gebeten, mit dir zu reden.«

Mostyn Phillips war der Chorleiter und außerdem Musiklehrer an der Gesamtschule von Caernarfon. Er fuhr einen alten Austin Mini, daher der Spitzname.

»Ich verstehe nicht ganz, warum du zu mir kommst, Charlie …«

»Wir haben gehört, dass du eine gute Stimme hast.«

»Ich? Eine gute Stimme? Wer hat das behauptet?« Evan lachte.

»Mrs. Williams«, antwortete Charlie, ihren Blick suchend. »Sie hat dich in der Badewanne singen gehört.«

»Ich habe Sie wirklich nicht belauscht, Mr. Evans«, sagte Mrs. Williams entschuldigend, die an der Tür stand und zuhörte. »Ich konnte es einfach nicht verhindern. Und Sie singen so wunderschön.«

»Ich höre mich vielleicht in einem gekachelten Raum oder nach einem Rugbyspiel ganz nett an.« Evan stieß ein verlegenes Lachen aus. »Aber ich habe noch nie in meinem Leben wirklich sauber gesungen – jedenfalls nicht mehr nach meiner Zeit im Kinderchor.«

»Du kannst gar nicht schlechter sein als wir«, sagte Charlie. »Erbärmlich, das ist es, Evan bach, und bis zum regionalen Eisteddfod in Harlech ist’s nur noch einen knappen Monat. Kannst du nicht kommen und uns helfen?«

»Ich glaube wirklich nicht, dass ich eine große Hilfe wäre, Charlie. Ich kann nicht mal Noten lesen.«

»Das brauchst du auch gar nicht. Austin-Mostyn wird dir die Lieder schon einbläuen. Er ist ein richtiger Pedant – nimmt seine Sache sehr ernst. Erwartet von uns, dass wir so gut wie der verdammte Walisische Opernchor sind.« Er grinste Evan an und entblößte dabei einige Zahnlücken. »Sag doch wenigstens, dass du heute Abend zur Probe kommst. Ich habe es versprochen. Hinterher lade ich dich auch im Dragon auf ein Bier ein.«

Evan seufzte. »Na gut, ich hatte heute Abend ohnehin noch nichts vor …«

Charlie kicherte. »Keine heiße Verabredung mit der Lehrerin?«

»Ach hör doch auf, Charlie! Bronwen und ich sind …«

»Nur gute Freunde, ich weiß. Das erzählen auch die Politiker dem Daily Mirror, wenn sie in der Karibik mit einer hübschen Französin erwischt werden.« Er klopfte Evan auf die Schulter. »Du solltest die kleine Bar-Betsy ausführen. Mit der könntest du mehr anstellen, als Vögel zu beobachten.«

»Das bezweifle ich nicht«, sagte Evan trocken. Er war die ständigen Kuppelversuche der Dorfbewohner allmählich leid.

»Bar-Betsy?«, fragte Mrs. Williams von der Tür her. »Die ist nicht die Richtige für ihn. Mr. Evans ist ein ernsthafter und kultivierter, junger Mann. Sie wollen doch nicht, dass er ein Mädchen ausführt, das viel zu kurze Röcke und tiefe Ausschnitte trägt. Was er braucht, ist eine gebildete, junge Frau, die kochen kann. Unsere Sharon zum Beispiel …«

»Du liebe Güte! Muss das jetzt sein?«, unterbrach Charlie, Evan gnädig davor bewahrend, noch mehr über Mrs. Williams‘ korpulente Enkelin hören zu müssen.

»Ich gehe jetzt besser auch«, sagte Evans mit einem Blick auf die Küchenuhr über der alten, walisischen Anrichte.

»Kommst du nun heute Abend?« Charlie verharrte in der Küchentür.

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Rhys Bowen – Tod eines Tenors

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Rhys Bowen wurde in Bath, England, geboren, studierte an der London University, heiratete in eine Familie mit historischen königlichen Verbindungen und verbringt nun ihre Zeit im Norden von Californien und Arizona. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration für ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.