Töchter der Stürme – Das Schicksal der Farben

4.

Saint-Vincent, Aufbruch

Emeni und ich saßen im Schatten einer mächtigen Palme und beobachteten, wie die Kisten mit dem wertvollen Blauholz an Bord der Liberté getragen wurden. Unsere eigenen Habseligkeiten waren bereits verstaut. In aller Frühe hatten wir unsere Beutel und Truhen eigenhändig den Steg hinauf, nach achtern und dann die wenigen Stufen hinunter in unser Zimmer geschleppt, um nur keinen Mann von der Arbeit abzuhalten. Emeni hatte mit ihrem üblichen unbewegten Blick das geräumige Bett, das Schränkchen, die Kommode mit dem Spiegel darüber und den kleinen, aber schweren Tisch mit den zwei Stühlen gemustert – die Möbelstücke, die wir uns während der langen Überfahrt teilen sollten.
Sie war vor mir wieder nach oben gegangen und hatte sogleich einen tiefen, hörbaren Atemzug getan, so als habe der Raum unter Deck ihr die Luft genommen. Ich konnte sie verstehen, denn ich erinnerte mich mit einem Schaudern an meine erste Schiffsreise. Ihre würde bequemer werden, doch das beklemmende Gefühl, hinter dünnen Holzwänden eingeschlossen und den Gewalten des Meeres ausgesetzt zu sein, kannte ich nur zu gut. Es hatte sich erst mit der Zeit gelegt, nachdem mein Vater mir genau erklärt hatte, wie sicher die Liberté gebaut war und wie tüchtig seine Männer sie bedienten.
Ich war ungeduldig, wollte endlich die Heimreise antreten, doch es blieb uns nichts, als zu warten. Ich wunderte mich über das Mädchen neben mir, das stur geradeaus blickte, sich kein einziges Mal umwandte nach der Welt, die ihre gewesen war und die sie nun verlassen würde. Selbst ich hatte gezögert, hin und her überlegt, als ich aus Saint-Malo geflohen war, obwohl es meine eigene Entscheidung gewesen war. Für Emeni hatte die Mutter entschieden, und doch erschien es, als verspüre sie nicht den geringsten Zweifel. Ich konnte nicht wissen, wie es in ihr aussah, das war mir klar. Ihre Erfahrungen ähnelten den meinen, sie war ebenfalls bedrängt worden, heftiger noch als ich. Wenn ich ihre Mutter richtig verstanden hatte, war die missliche Lage, aus der René und ich sie gerettet hatten, nicht die erste dieser Art gewesen.
Ich betrachtete Emenis kurz geschorenen Kopf. Wie mochte sie früher ausgesehen haben? Welche Verzweiflung trieb eine Mutter dazu, der Tochter das schmückendste Beiwerk einer Frau zu nehmen, in einer Gesellschaft, die nicht das Bedecken des Haares vorschrieb? Ich hatte in der kleinen Siedlung Mädchen gesehen, die unzählige dünne geflochtene Zöpfe trugen, wieder andere hatten ihr langes, dichtes Haar mit Perlen und Muscheln geschmückt. Gewiss, einige hatten auch bunte Tücher um den Kopf getragen, besonders die Älteren, doch es schien mir, dass die Damen in Emenis Dorf ihre Schönheit im Allgemeinen gern zur Schau stellten. Emeni jedoch zeigte den beinahe kahlen Schädel, als trüge sie einen Schild vor sich her. Dennoch war es ihr nicht gelungen, den Nachstellungen zu entkommen – sie blieb das schönste Mädchen von allen, die ich je gesehen hatte. Ihre Gesichtszüge, die ausgeprägten Wangenknochen, die hohe Stirn und die schrägen Augen waren ungewöhnlich und wunderhübsch anzusehen. Ich konnte mir vorstellen, dass sie reizvoll auf Männer wirkte, die lange keine Frau mehr berührt hatten …
Als Letztes wurde die Verpflegung an Bord gebracht. Ich wusste, was sich in den Kisten und Säcken befand: große Mengen von geräuchertem Schweinefleisch und den Wurzeln und Knollen, aus denen man süßen Brei kochen konnte, getrocknete Früchte und zahllose Eier der verschiedensten Geflügelarten. Dann kam der lebende Proviant, und ein Anflug von Übelkeit stieg in mir auf. Auf einem Handkarren wurden zehn Meeresschildkröten herangerollt. Sie waren eine ganze Weile lang leicht am Leben zu halten, mussten nur ab und zu mit Wasser übergossen werden. Nach und nach würde der Koch sie schlachten und zubereiten. Ich hatte ihr Fleisch probiert, wollte mich keiner unbekannten Erfahrung versperren. Es hatte mir jedoch nicht geschmeckt, und ich hoffte, es auf der Reise nicht essen zu müssen.
Mein Vater kam herbei und reichte jeder von uns eine Hand, um uns beim Aufstehen behilflich zu sein. Emeni überging die Geste und schwang sich in einer raschen Bewegung anmutig auf die Füße, ohne zu wanken. Ich dagegen ließ mir gern helfen. Vater hielt meine Hand und führte mich den Steg hinauf, Emeni folgte uns mit so festen Schritten, dass das Holzbrett unter uns zu beben begann. Wir kletterten an Deck, wo die erfahrene Mannschaft die immer gleichen Aufgaben unaufgeregt, aber zügig verrichtete. Männer eilten hin und her, nahmen ihre Positionen ein, und auch mein Vater begab sich an die Arbeit. Emenis Augen huschten von einem Seemann zum anderen, sie zog mich am Ärmel und deutete auf die Treppe, die zu unserem Zimmer führte. Ich verstand, dass sie sich zwischen den vielen Männern unwohl fühlte, aber ich wollte noch ein wenig an der Luft bleiben. Wir gingen zusammen nach hinten, doch an der Stiege angekommen, schüttelte ich den Kopf.
»Geh allein hinein, ich komme gleich nach.«
Sie wandte sich ab und stapfte davon, und ich konnte nicht feststellen, ob sie mir böse war.
Sie ist deine Dienerin, sagte ich mir. Es kann dir gleichgültig sein, ob sie deine Entscheidungen gutheißt.
Doch es war mir nicht gleichgültig. Diese Art des Denkens war mir zu fremd. Allerdings würden wir auf der Reise reichlich Zeit miteinander verbringen, sodass sie wohl die letzten paar Augenblicke vor dem Ablegen ohne mich aushalten konnte.
Ich ließ meinen Blick noch einmal über die üppigen Wälder und die sanften Hügel schweifen, die, wie ich wusste, Richtung Norden höher wurden und in einen Feuer spuckenden Berg mündeten. Dann wurde der Anker gelichtet, und wir begannen die Halbtagesreise zur Ostküste von Barbados, wo sich der Konvoi für die Rückfahrt sammeln würde. Nachdem mein Vater alle Anweisungen gegeben hatte, trat er neben mich an die Reling.
»Endlich, Vater! Jetzt wartet Paris auf mich.«
»Mein wildes Mädchen. Du bist noch viel zu sehr ein Kind, um dich den Zwängen der Pariser Gesellschaft und denen der Ehe zu unterwerfen. Weißt du sicher, dass du es so willst?«
Wusste ich es sicher? Ich sah Luc vor mir, seine strahlend blauen Augen. Hier war der Himmel so viel blauer als in Frankreich und doch konnte keine Farbe mich je so fesseln wie die seines Blickes. Wartete er auf mich? Ich hatte versprochen, zu ihm zurückzukehren. Der Gedanke ließ mein Herz zugleich schwer und federleicht werden.
»Ja, Vater. Meine Kindheit habe ich verpasst, deshalb war die Zeit hier wundervoll und wichtig für mich. Doch in der Situation mit Emeni habe ich wieder einmal festgestellt, dass die Freiheit auch Gefahren birgt. Ich möchte heim, zur Ruhe kommen, malen, all die Schönheit dieser Reise teilen mit dem, den ich vermisse. Von der Ehe will ich noch gar nicht sprechen, das hat Zeit.«
»Aber Paris …«
»Vater, du hast es versprochen!«
»Das habe ich, und ich werde es halten. Doch du kennst die Stadt nicht, und ich kann nur kurz bei dir bleiben. Ich sorge mich eben.« Er strich mir über das Haar, dann zog er mich in seine Arme. »Du wirst malen, Tochter, wenn das dein Wunsch ist. Du sollst alles bekommen, worauf du so lange verzichten musstest.«
Ich sah zu ihm auf, in seine grauen Augen, die meinen so ähnlich waren, und ich wusste, er sprach die Wahrheit.
Wir ließen Saint-Vincent hinter uns, rasch verschwand es aus dem Blickfeld. Je weiter wir uns von der Küstenlinie entfernten, desto mehr bezog sich der Himmel. Wind kam auf, der mich beinahe an zu Hause erinnerte. Bald schon schwand das Licht des Tages, die Nacht brach herein und mit ihr eine Kühle, die an Land nie zu spüren gewesen war. So lange hatte ich an Deck gestanden, jetzt ging ich hinunter in das Zimmer, das ich mit Emeni teilte.
Das Mädchen saß auf einem Stuhl und starrte durch das Fenster hinaus in die Dunkelheit. Sie drehte sich nicht um, als ich eintrat. Leise sprach ich sie an.
»Emeni? Geht es dir gut?«
Sie wandte mir das Gesicht zu, und im Flackern der Laterne sah ich ihre Augen glänzen. Waren es Tränen, die sie unterdrückte? Ihre Wangen jedenfalls waren trocken und zeigten auch keine Spuren, dass sie vorher geweint hätte. Wie tapfer sie war! Zwar war ich selbst, obwohl ich meinen Geliebten dort zurückgelassen hatte, ohne eine einzige Träne aus La Rochelle abgereist, voller Neugier auf die Welt, die mich jenseits des Meeres erwartete. Doch ich hatte gewusst, dass ich zurückkehren würde. Emeni konnte diese Hoffnung nicht hegen. Ich wünschte mir, dass sie sich wenigstens ein bisschen auf die Zukunft freute.
Mit wenigen Gesten bedeutete sie mir, dass sie sich zum Schlafen legen wollte. Da erst bemerkte ich, dass auch ich müde war. Wir krochen unter die Decke unseres gemeinsamen Bettes, und ich schlief ein, kaum dass ich meinen Kopf niedergelegt hatte.
Als die Glocke durch den stillen Bauch der Liberté hallte, fuhr ich auf. Ich fühlte mich, als hätte ich keinen einzigen Augenblick geschlafen, doch der Himmel vor unserem Fenster verfärbte sich bereits grau. Mit bleischweren Gliedern erhob ich mich, trat zur Kommode und goss den Inhalt des bereitgestellten Kruges in die Waschschüssel. Ich zog mein Nachtkleid aus, klatschte mir zwei Hände voll Wasser ins Gesicht und sah mich im Spiegel an. Müde Augen schauten zurück, die Haare hingen lang und zerzaust um meinen Kopf. Tropfen rannen über meine gebräunten Wangen, den Hals hinab auf meine im Gegensatz zur Gesichtsfarbe kalkweißen Brüste. Ich spritzte noch ein wenig Wasser auf meinen Körper, doch es erfrischte mich kaum. Ich nahm ein Leinentuch aus der Schublade, rieb Gesicht und Leib trocken und schüttelte mich, um die Schläfrigkeit zu vertreiben.
Da sah ich im Spiegel, wie sich Emeni aus dem Bett schälte und hinter mich trat. Ich überließ ihr den Platz an der Waschschüssel, und sie benetzte ebenfalls ihr Gesicht. Dann tauchte sie ein Tuch ins Wasser und begann, umständlich ihren Körper unter dem farbenfrohen Gewand abzuwischen. Die flatternden Bewegungen des weiten Kleidungsstückes erinnerten mich an einen der bunten Schmetterlinge, die ich auf den Westindischen Inseln gesehen hatte – ein Gedanke, der mir oftmals kam, wenn ich Emeni betrachtete.
Verwundert beobachtete ich die Prozedur, die einige Zeit in Anspruch nahm. Es war nicht so, dass mich Emenis Reinlichkeit überraschte. Die meisten meiner Landsleute nahmen es mit der Körperpflege nicht so genau, deshalb war mir aufgefallen, dass sich die Menschen in dieser Gegend regelmäßig wuschen. Vielmehr erstaunte mich, dass sie ihr Kleid nicht ablegte, so wie ich. Wir waren allein im Zimmer, vor mir brauchte sie keine Scham zu haben. Dennoch entblößte sie nicht mehr als ihre Füße und Unterschenkel.
Die Scheu vor der Nacktheit schien mir nicht zur Lebenseinstellung der karibischen Bevölkerung zu passen, so wie ich sie kennengelernt hatte. Sie musste ihren Ursprung in den Übergriffen haben. Ich konnte gut verstehen, dass Emeni Schwierigkeiten mit ihrem Körper hatte. Ihr war viel Schlimmeres widerfahren als mir, und auch ich hatte mich nach Belliers Annäherungsversuchen stets schmutzig gefühlt. Wie anders war es gewesen, als Luc mich berührt hatte … Ich spürte, wie meine Wangen bei dem Gedanken heiß wurden und sich ein Lächeln auf mein Gesicht legte. Und ich wünschte Emeni, dass sie ebenfalls einmal eine solch schöne Erfahrung würde machen dürfen. Ich fragte mich nur, ob sich in Paris ein Mann fände, der eine Karibin zur Frau nehmen würde. Doch all das würde sich zeigen. Es war sinnlos, jetzt schon darüber nachzudenken.
Ich hatte mich eben angekleidet, als es an der Tür klopfte. Vater brachte uns eigenhändig das Frühstück, für jede ein Stück Brot, eine Scheibe Fleisch und ein gekochtes Ei.
»Nun, meine Mädchen, seid ihr bereit für die große Reise?«
»Natürlich, Vater! Hast du den Konvoi schon gesichtet?«
»Die ersten Masten tauchen eben am Horizont auf, wir dürften bald zu ihnen stoßen.«
Nach dem Frühstück hielt mich nichts mehr unter Deck, und auch Emeni war endlich dazu zu bewegen, das Zimmer zu verlassen. In der Morgendämmerung waren die massigen Körper der übrigen Schiffe des Konvois in der Ferne auszumachen.
»Sieh doch, dort drüben warten die anderen.« Emenis Blick folgte meinem Finger, dann jedoch lenkte ihn etwas ab. Ich sah ebenfalls in die Richtung und stutzte.
»René?«
Mein Freund, der in der Nähe Taue aufgewickelt hatte, trat zu uns. Emeni wich ein Stück zurück, was mich maßlos ärgerte, da ich ihr mehrfach erklärt hatte, dass von diesem jungen Mann keine Gefahr ausging. Ich verzichtete jedoch darauf, sie zu schelten, da mir meine Frage wichtiger war.
»Was für ein Schiff ist das, das sich uns von Norden nähert?«
René kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
»Eine Galeone. Ich kann die Flagge nicht erkennen. Seltsam, ich dachte, wir erwarten kein Schiff mehr aus dieser Richtung. Sie wollten alle schon gestern Abend hier eingetroffen sein.«
»Du meinst, es gehört nicht zu unserem Zusammenschluss?«
»Ich weiß nicht …«
Wir starrten angestrengt das Schiff an, das in voller Fahrt auf uns zukam. Da zupfte Emeni mich am Ärmel und wies nach Süden.
»Da.«
Und tatsächlich, ein weiteres Schiff näherte sich, viel schneller als die Galeone. Es war kleiner und lag gut im Wind, der immer mehr auffrischte.
Plötzlich rannte René davon.
»Herr Kapitän!«, hörte ich ihn brüllen, und kalte Angst kroch in mir hoch. Ich fasste Emeni bei der Hand.
Mein Vater kam mit René zurück, Besorgnis im Gesicht.
»Vater, was geschieht hier?«
Er antwortete nicht, blickte erst Richtung Süden, dann nach Norden. Plötzlich stieß er einen ohrenbetäubenden Schrei aus.
»Piraten!«
Piraten? Nein, das konnte nicht sein! Sie griffen doch nicht mit zwei Booten einen ganzen Konvoi an!
Da erkannte ich, dass sie keinen Konvoi angriffen. Nur uns. Wir hatten die anderen noch längst nicht erreicht.
»Sie schneiden uns den Weg ab.«
Damit sprach René das aus, was mir im selben Augenblick klar geworden war. Die pfeilschnelle Bark hielt genau auf die Lücke zwischen uns und dem Verband zu, während die Galeone aus der entgegengesetzten Richtung drohend näherkam.
Mein Vater war fort, brüllte Befehle über das Deck. Die Seeleute hantierten mit den Segeln, zogen hier und zerrten dort, um unsere Fahrt zu beschleunigen und die Liberté doch noch in den Schutz des Konvois einzureihen. Die übrigen Schiffe schienen sich jedoch eher zu entfernen, als näher zu kommen.
»René, fahren sie vor uns davon?«
»Nicht vor uns, vor den Piraten.«
»Aber sie müssen uns doch helfen! Das Bündnis …«
»Sie retten die eigene Haut, das Bündnis ist ihnen gleichgültig.«
Ich konnte es nicht fassen. Die Gemeinschaft, die auf dem Hinweg so viel Sicherheit geboten hatte, zerbrach vor meinen Augen.
»Und nun?«
»Wir haben so etwas einige Mal durchgemacht, als wir selbst als Korsaren unterwegs waren. Da wollten sie uns die eben erkämpfte Beute wieder abjagen. Wir müssen jetzt versuchen, halbwegs auf Kurs zu bleiben, vielleicht doch noch die anderen zu erreichen. Wenn wir weiter genau auf sie zuhalten, laufen wir den Piraten in die Arme. Wir müssen ausweichen.«
»Wohin können wir uns wenden, René?«
»Sicherlich nicht nach Norden, denn dort lauert die Galeone mit ihren Kanonen. Zurück nach Barbados – nein, denn wir kennen die Insel nicht und können so schnell nicht herausfinden, wo die Gewässer tief genug für uns sind. Wir dürfen nicht riskieren, auf Grund zu laufen, denn die Bark hat viel weniger Tiefgang und wird uns dort in jedem Falle stellen.«
»Im Osten fährt der Konvoi und mittlerweile kommt uns die Bark von dort entgegen – also nach Süden, richtig?«
Da ertönte auch schon der Ruf, der die Mannschaft anwies, nach Südosten abzudrehen. Das Manöver glückte, wir ließen die Galeone hinter uns und den Geleitzug sowie die Bark links liegen. Der Wind fuhr in die Segel und wir nahmen ordentlich Fahrt auf. Der Bark jedoch gelang eine ähnlich rasche Wende, und bald war sie uns wieder auf den Fersen.
Das ganze Schauspiel erschien mir so unwirklich, dass ich an Deck verharrte und gespannt beobachtete, wie der Konvoi immer kleiner wurde und die beiden Piratenschiffe uns verfolgten. Irgendwann, als sich die Männer beruhigt hatten und ihnen nichts anderes übrig blieb, als den eingeschlagenen Kurs zu halten und nicht an Geschwindigkeit zu verlieren, trat mein Vater zu Emeni und mir. Die Sorgenfalten auf seinem Gesicht ließen ihn älter aussehen, als er war.
»Sie werden nicht aufgeben«, murmelte er. »Ich glaube, die beiden Schiffe vor Saint-Vincent gesehen zu haben. In dem Falle wissen sie, was unsere Ladung ist.«
»Sie wollen das Blauholz? Ich dachte, Piraten sind nur hinter Gold und Silber her!«
»Hauptsächlich, ja. Doch möglicherweise arbeiten sie nicht für ihre eigene Kasse. Vielleicht haben sie einen Auftrag. Der spanische König ist dem französischen so wenig zugetan wie umgekehrt.«
»Sind wir in großer Gefahr, Vater? Die Liberté ist doch so schnell!«
»Die Bark ist schneller, allerdings hat sie keine Kanonen an Bord und fürchtet die unseren. Sie werden es nicht riskieren, uns zu nahe zu kommen, bis uns auch die Galeone erreicht hat und beschießen kann.«
»Und wird sie das?«
»Da sei Gott vor!«
Selten hatte ich meinen Vater derart inbrünstig von Gott sprechen hören, und es machte mir mehr Angst als die Schiffe, die uns verfolgten. Er nahm mich in die Arme, mein Fels in der Brandung, und zum ersten Mal erkannte ich, dass auch seine Macht begrenzt war. Tränen traten mir in die Augen. Sollte mein Abenteuer so zu Ende gehen?
»Geht hinein, Mädchen. Es wird ungemütlich hier draußen.«
Tatsächlich wurde es stetig windiger, auch klatschten die Wellen aufgrund der rasenden Fahrt immer heftiger gegen die Bordwände. Ich hatte nicht bemerkt, dass meine Kleidung bereits feucht war.
Wir gingen also hinab, Emeni und ich, und erstmals entdeckte ich in den Augen des Mädchens etwas anderes als Trotz und Stolz. Nun stand darin deutlich ein Zweifeln, ein Hadern mit dem Schicksal, keine Angst, das nicht, aber eine Unruhe, wie auch ich sie verspürte.
Wir versuchten mit aller Macht, uns abzulenken. Ich zeigte Emeni die Bilder, die ich auf der Hinfahrt gemalt hatte. Als eine Zeichnung von Luc erschien, wurde meine Kehle eng. Wenn er doch nur bei mir wäre!
Dann aber wäre auch er in Gefahr. Nein, das wollte ich mir nicht wünschen.
Emeni sah mich an und lächelte.
»Mann, Lianne?«
»Vielleicht, eines Tages …«
Sie nickte. Ich vermutete, dass sie eher meine Miene deutete, als dass sie die Worte verstand. Doch auch so war eine Unterhaltung möglich.
Wir beschäftigten uns eine ganze Weile mit meinen Zeichnungen. Ich versuchte, Emeni zu erklären, wer die Personen waren, welche Gebäude ich dargestellt hatte. Zwischendurch jedoch sprang ich immer wieder auf, starrte aus dem Fenster.
Kamen sie näher?
Ich konnte es nicht einschätzen. Mal dachte ich, sie wären verschwunden, doch einen Augenblick später, mit der nächsten Welle, drehte sich die Liberté ein winziges Stück und sie tauchten wieder auf, rasend schnell unter vollen Segeln und bedrohlich nah.
Sie ließen uns nicht in Ruhe, verfolgten beharrlich ihr Ziel, Stunde um Stunde blieben sie uns auf den Fersen. Trotz aller Bemühungen versanken Emeni und ich schließlich in Schweigen, jede hing ihren eigenen Gedanken nach. Meine waren so finster, dass ich es nicht einmal über mich bringen konnte, zum Zeichenstift zu greifen. Was hätte ich auch darstellen sollen?
Die Ungewissheit, wie diese Sache ausgehen würde, zerrte an meinen Nerven. Ich erwischte mich dabei, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln, dann wieder kaute ich auf meinen Nägeln, im nächsten Moment sprang ich auf und sah nochmals aus dem Fenster, nur um sogleich abermals auf meinen Stuhl zu sinken. Nie zuvor hatte ich eine derartige Unruhe in mir gespürt, sie war unerträglich, und meine Rastlosigkeit machte es nur noch schlimmer! Emeni dagegen saß da wie versteinert, erstarrt in der Furcht, die auch sie verspüren musste.
Wenn doch nur endlich etwas geschehen würde! Dieser Zustand war nicht länger auszuhalten.
Aber was sollte denn geschehen? Ein offener Kampf? Das konnte ich mir kaum wünschen!
Warum ließen sie uns nicht einfach ziehen?
Es sind Piraten, du dumme Gans! Sie leben davon, Beute zu machen. Niemals werden sie aufgeben.
Als es klopfte, fuhr ich zusammen, endlich aus meinen Gedanken aufgeschreckt, die sich seit Stunden im Kreis drehten.
»Ja, bitte!«
René trat ein. Er trug ein Tablett mit drei Lederbechern und einer großen Schüssel. Ich spürte, wie sich Emenis Körper anspannte, wie immer, wenn sich ein Mann näherte.
»Der Kapitän hat einen winzigen Schluck Rum erlaubt, mit heißem Wasser gemischt. Das soll die Sinne beruhigen.« Er versuchte ein Lächeln, doch es gelang ihm nicht besonders gut. Selbst meinen jederzeit fröhlichen Freund schienen Ängste zu plagen. »Und Pierre hat vor lauter Unruhe so viel gekocht, dass wir die Piraten noch mit versorgen könnten.«
Seine Stimme zitterte. Er hatte schon einige Reisen mit meinem Vater hinter sich, jedoch waren meist sie die Angreifer gewesen, die ihre Opfer verfolgten.
Vielleicht ist dies die Strafe für das Unglück, das sie anderen Menschen zugefügt haben?
Ich schüttelte mich, um den Gedanken zu vertreiben. René verstand es falsch.
»Doch, Lianne, du solltest etwas essen! Wer weiß …« Er brach ab und setzte sich auf unser Bett, da wir nur zwei Stühle im Zimmer hatten.
Ich warf einen Blick in die Schüssel, in der Erwartung, dass sich mir der Magen umdrehen würde angesichts unserer verzweifelten Lage, in der Essen das Letzte war, was uns kümmern sollte. Als mir jedoch der köstliche Duft des Gerichts in die Nase stieg, regte sich mein offensichtlich unbezwingbarer Appetit. Ich griff zum Löffel und schaufelte mir eine große Portion Eintopf in den Mund. Er schmeckte herrlich, das Fleisch war zart und rauchig, die Zwiebeln süß und die Soße aus verkochter Yamswurzel dick und würzig. Ich spülte mit einem Schluck aus meinem Becher nach. Das starke, heiße Gebräu rann meine Kehle hinab, und tatsächlich wurde ich ruhiger, als ich es in den vergangenen Stunden gewesen war. Ich reichte Emeni einen Löffel, und auch sie begann zu essen, musterte jedoch weiterhin René aus dem Augenwinkel. Hatte sie noch immer nicht verstanden, dass er ein guter Mensch war? Wie tief mussten ihre Ängste sitzen, um dies nicht zu erkennen?
Als die Schüssel geleert war, fühlte ich mich gestärkt genug, um mit René über die Geschehnisse zu sprechen.
»Wie sieht es draußen aus, mein Freund? Was gedenkt mein Vater zu unternehmen, wie wird es weitergehen?«
»Wir mussten uns ganz nach Süden wenden, werden den Konvoi keinesfalls mehr erreichen. Der Kapitän vermutet, dass sie uns nach Tobago treiben wollen, das liegt in südwestlicher Richtung.«
»Tobago? Warum dorthin?«
»Viele Piraten haben dort ihre Lager. Wenn es ihnen nicht gelingt, uns auf See das Schiff abzunehmen, dann gewiss in ihren eigenen Gefilden.«
»Und was können wir dagegen tun?«
René seufzte und rieb sich die Stirn. »Nichts, fürchte ich. Sie kommen näher.«
Ich stand auf und sah wieder einmal aus dem Fenster. Nun konnte ich bereits deutliche Einzelheiten der beiden Schiffe erkennen, die Spinnennetze der Takelagen, die verschiedenen Schichten der Segel, die bisher als weiße Masse erschienen waren, und die schwarzen Flaggen auf den Masten.
»Wie lange noch?«
»Wenige Stunden. Weit vor Einbruch der Dunkelheit werden sie uns einholen.«
Ich ließ mich auf das Bett fallen und lehnte den Kopf gegen Renés Schulter. Er strich mir über das Haar, legte dann einen Arm um mich. Mein Geist weigerte sich noch immer, die Unausweichlichkeit unseres Schicksals vollständig zu begreifen, doch nun befiel mich ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das mir die Tränen in die Augen trieb. Emeni reichte uns die Becher, und gleichzeitig tranken wir drei, trotz aller Abneigungen und Verschiedenheiten vereint in der Furcht vor dem, was unvermeidlich kommen würde.
Nein!
Gab mir der Rum die Kraft oder war es der Gedanke an Luc, der so plötzlich in mir auftauchte wie die Sonne, wenn sie hinter einer Wolke hervortrat?
Ich werde mich nicht einfach so ergeben! Ich weigere mich, zu verzweifeln!
Ich sprang auf und schmetterte meinen Becher an die Wand. Da er aus Leder bestand, prallte er lediglich ab und rollte über den Boden. Diese Eigenschaft war vorteilhaft auf einem Schiff, wo des Öfteren etwas von den Tischen fiel, meiner Wut jedoch hätten Scherben besser getan. Also trat ich noch rasch meinen Stuhl um, bevor ich rief: »Wir haben doch Kanonen! Wir werden sie uns damit vom Leib halten!«
»Sie haben auch Kanonen, viel mehr als wir. Und sie sind zu zweit …«
»Sei still, René! Ich will es nicht hören. Es führt zu nichts, jetzt die Hoffnung aufzugeben.«
Der junge Mann stand auf und trat ans Fenster.
»Dieselben Worte hat dein Vater eben gebraucht, als die Mannschaft beim Essen versammelt war.«
»Und er hat recht damit! Ich will nach Paris, und ich werde nicht vorher sterben.« Ich wollte ihn überzeugen und mehr noch mich selbst. »Wir werden kämpfen! Oder verhandeln. Es gibt so viele Möglichkeiten.«
Er sah mich an, und sein Blick sagte: Du weißt nicht, wovon du sprichst. Du hast keine Erfahrung mit diesen Dingen.
Ich straffte die Schultern und starrte zurück, wie ich hoffte mit funkelnden Augen.
Plötzlich schallte ein Ruf durch die Innenräume des Schiffes.
»Macht die Geschütze bereit!«
René stürzte aus dem Raum und ich ans Fenster. Der Wind musste inzwischen noch stärker geworden sein, denn wir befanden uns in rasender Fahrt, die Feinde jedoch nicht minder. Nun konnte man zusehen, wie sie näher kamen.
Schließlich dauerte es doch noch eine ganze Weile, bis sie uns eingeholt hatten. Dann aber begann der Kampf, der sich so lange angekündigt hatte. Schreckensstarr stand ich am Fenster und vermochte den Blick nicht abzuwenden.
Die Galeone war nun so nah, dass ich befürchtete, sie würde uns rammen. Sie schob sich an unsere Seite und verschwand aus meiner Sicht. Die Bark dagegen hielt sich immer hinter unserem Heck und mühte sich, nicht in unsere Schusslinie zu geraten. Damit blieb sie stets in meinem Sichtfeld. Ich konnte nicht aufhören, die Männer an Deck anzustarren. Sie waren jetzt so nah, dass ich ihre Gesichter erkennen konnte, die grimmig-entschlossenen Mienen. Schon zogen sie ihre langen Messer, griffen nach Seilen und Haken.
Mir kamen die Piratenlieder in den Sinn, die René und ich so begeistert gesungen hatten, und die kindischen Vorstellungen von der Herrlichkeit des Seeräuberlebens gingen in Rauch und Furcht auf. Mein Vater hatte viel erzählt von seiner Zeit als Korsar, von seinen Reisen und den Ländern, die er erkunden durfte, wenig jedoch von der dunklen Seite, den Gefechten, dem Leid, das er verbreitet hatte. Gewiss, er hatte Kämpfe gefochten und Unschuldigen ihre Ladung abgenommen, doch all das mit dem Segen und im Auftrag des Königs. Die wilden Gestalten, die an Bord der Bark umherwimmelten und sich darauf vorbereiteten, uns Hab und Gut und wahrscheinlich das Leben zu nehmen, hatten wenig gemein mit dem, was ich in meinem Vater sah. War er tatsächlich anders oder wollte ich es nur nicht so genau wissen?
Ich fühlte mich, als sei ich dem Erwachsenwerden in diesem Augenblick wieder ein Stück näher gekommen. Und leider gefiel es mir kein bisschen …
Kanonendonner erklang. War es unser eigener oder der der Galeone? Ich stürzte aus dem Zimmer, hinaus auf den Gang und zum Steuerbordfenster – und blickte in die bedrohlich auf uns gerichteten Waffen. Aus einigen der Löcher stieg noch Qualm. Hatten sie uns getroffen? Wieder knallte es, ganz in meiner Nähe. Stechender Pulvergeruch drang zu mir herüber und brachte mich zum Husten. Er musste von einer unserer eigenen Kanonen kommen, denn kurz darauf zog grauer Rauch vor das Fenster.
Die Liberté drehte ab, und die Galeone verschwand aus meinem Blick. Ich hörte Emeni in unserem Zimmer schreien, lief zurück und sah durch das Fenster, wie einer der Piraten an einem Seil von der Bark aus in Richtung der Liberté kletterte, während seine Kumpane es straff hielten. Weitere würden folgen. Ich rannte wieder hinaus, zum Fenster auf der anderen Seite des Ganges, krallte mich voller Angst am Rahmen fest, konnte den Blick jedoch nicht abwenden von dem schwarz geflaggten Schiff, das von hier aus wieder zu sehen war. Kanonenfeuer leuchtete auf. Ich spürte den Einschlag, er fuhr mir in alle Glieder. Ich schrie auf, befürchtete, die Scheibe würde platzen, doch das Glas blieb ganz. Ich löste meine verkrampften Hände vom Fensterrahmen, rannte die Treppe hinauf an Deck und klammerte mich an die Reling unweit des Eingangs.
»Sie entern vom Heck aus!«, rief ich zweien der wenigen Männer zu, die sich an Deck befanden. Die meisten mussten bei den Kanonen sein. Sofort stürzten sie an mir vorbei und zogen ihre Messer. Kurz war ich versucht, hinter ihnen herzulaufen, um mit anzusehen, ob sie die eindringenden Piraten aufhalten konnten. Doch die Furcht lähmte mich, und ich blieb, wo ich war. Dennoch drangen die Schreie zu mir herüber. Ich betete, dass es die der Feinde waren. Dann wurden sie übertönt von neuerlichen Schussgeräuschen, über mir krachte es, ich sah meinen Vater auf Deck stürmen, Befehle brüllend.
Dann, unvermittelt, drehte das Piratenschiff ab, wandte uns sein hoch aufragendes Heck zu. Die Männer schrien durcheinander, Fetzen der Rufe drangen zu mir herüber.
»Feuer einstellen!«
»Warum drehen sie bei?«
»Sie ändern die Richtung! Wieso lassen sie uns in Ruhe?«
Tatsächlich stellte die Galeone den Beschuss ein und entfernte sich ein Stück. Da verließ auch die Bark ihre sichere Stellung hinter unserem Heck und folgte dem größeren Schiff. An ihrem Bug baumelten die Seile, die unsere Männer gekappt hatten. An einem hing noch ein Pirat und mühte sich verzweifelt, daran hinaufzuklettern. Seine Beine zappelten wild, und ich konnte deutlich sein Brüllen hören, dann war die Bark an uns vorbei und ich sah ihn nicht mehr.
Schwindelige Erleichterung durchströmte mich, ich atmete auf, hob den Blick, um ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken – und sah den Grund, warum die Piraten den Angriff nach so langer Zeit der Verfolgung abgebrochen hatten, obwohl sie uns endlich gestellt hatten.
Unsere Männer hatten ihn ebenfalls erkannt.

Emeni und ich saßen im Schatten einer mächtigen Palme und beobachteten, wie die Kisten mit dem wertvollen Blauholz an Bord der Liberté getragen wurden. Unsere eigenen Habseligkeiten waren bereits verstaut. In aller Frühe hatten wir unsere Beutel und Truhen eigenhändig den Steg hinauf, nach achtern und dann die wenigen Stufen hinunter in unser Zimmer geschleppt, um nur keinen Mann von der Arbeit abzuhalten. Emeni hatte mit ihrem üblichen unbewegten Blick das geräumige Bett, das Schränkchen, die Kommode mit dem Spiegel darüber und den kleinen, aber schweren Tisch mit den zwei Stühlen gemustert – die Möbelstücke, die wir uns während der langen Überfahrt teilen sollten.
Sie war vor mir wieder nach oben gegangen und hatte sogleich einen tiefen, hörbaren Atemzug getan, so als habe der Raum unter Deck ihr die Luft genommen. Ich konnte sie verstehen, denn ich erinnerte mich mit einem Schaudern an meine erste Schiffsreise. Ihre würde bequemer werden, doch das beklemmende Gefühl, hinter dünnen Holzwänden eingeschlossen und den Gewalten des Meeres ausgesetzt zu sein, kannte ich nur zu gut. Es hatte sich erst mit der Zeit gelegt, nachdem mein Vater mir genau erklärt hatte, wie sicher die Liberté gebaut war und wie tüchtig seine Männer sie bedienten.
Ich war ungeduldig, wollte endlich die Heimreise antreten, doch es blieb uns nichts, als zu warten. Ich wunderte mich über das Mädchen neben mir, das stur geradeaus blickte, sich kein einziges Mal umwandte nach der Welt, die ihre gewesen war und die sie nun verlassen würde. Selbst ich hatte gezögert, hin und her überlegt, als ich aus Saint-Malo geflohen war, obwohl es meine eigene Entscheidung gewesen war. Für Emeni hatte die Mutter entschieden, und doch erschien es, als verspüre sie nicht den geringsten Zweifel. Ich konnte nicht wissen, wie es in ihr aussah, das war mir klar. Ihre Erfahrungen ähnelten den meinen, sie war ebenfalls bedrängt worden, heftiger noch als ich. Wenn ich ihre Mutter richtig verstanden hatte, war die missliche Lage, aus der René und ich sie gerettet hatten, nicht die erste dieser Art gewesen.
Ich betrachtete Emenis kurz geschorenen Kopf. Wie mochte sie früher ausgesehen haben? Welche Verzweiflung trieb eine Mutter dazu, der Tochter das schmückendste Beiwerk einer Frau zu nehmen, in einer Gesellschaft, die nicht das Bedecken des Haares vorschrieb? Ich hatte in der kleinen Siedlung Mädchen gesehen, die unzählige dünne geflochtene Zöpfe trugen, wieder andere hatten ihr langes, dichtes Haar mit Perlen und Muscheln geschmückt. Gewiss, einige hatten auch bunte Tücher um den Kopf getragen, besonders die Älteren, doch es schien mir, dass die Damen in Emenis Dorf ihre Schönheit im Allgemeinen gern zur Schau stellten. Emeni jedoch zeigte den beinahe kahlen Schädel, als trüge sie einen Schild vor sich her. Dennoch war es ihr nicht gelungen, den Nachstellungen zu entkommen – sie blieb das schönste Mädchen von allen, die ich je gesehen hatte. Ihre Gesichtszüge, die ausgeprägten Wangenknochen, die hohe Stirn und die schrägen Augen waren ungewöhnlich und wunderhübsch anzusehen. Ich konnte mir vorstellen, dass sie reizvoll auf Männer wirkte, die lange keine Frau mehr berührt hatten …
Als Letztes wurde die Verpflegung an Bord gebracht. Ich wusste, was sich in den Kisten und Säcken befand: große Mengen von geräuchertem Schweinefleisch und den Wurzeln und Knollen, aus denen man süßen Brei kochen konnte, getrocknete Früchte und zahllose Eier der verschiedensten Geflügelarten. Dann kam der lebende Proviant, und ein Anflug von Übelkeit stieg in mir auf. Auf einem Handkarren wurden zehn Meeresschildkröten herangerollt. Sie waren eine ganze Weile lang leicht am Leben zu halten, mussten nur ab und zu mit Wasser übergossen werden. Nach und nach würde der Koch sie schlachten und zubereiten. Ich hatte ihr Fleisch probiert, wollte mich keiner unbekannten Erfahrung versperren. Es hatte mir jedoch nicht geschmeckt, und ich hoffte, es auf der Reise nicht essen zu müssen.
Mein Vater kam herbei und reichte jeder von uns eine Hand, um uns beim Aufstehen behilflich zu sein. Emeni überging die Geste und schwang sich in einer raschen Bewegung anmutig auf die Füße, ohne zu wanken. Ich dagegen ließ mir gern helfen. Vater hielt meine Hand und führte mich den Steg hinauf, Emeni folgte uns mit so festen Schritten, dass das Holzbrett unter uns zu beben begann. Wir kletterten an Deck, wo die erfahrene Mannschaft die immer gleichen Aufgaben unaufgeregt, aber zügig verrichtete. Männer eilten hin und her, nahmen ihre Positionen ein, und auch mein Vater begab sich an die Arbeit. Emenis Augen huschten von einem Seemann zum anderen, sie zog mich am Ärmel und deutete auf die Treppe, die zu unserem Zimmer führte. Ich verstand, dass sie sich zwischen den vielen Männern unwohl fühlte, aber ich wollte noch ein wenig an der Luft bleiben. Wir gingen zusammen nach hinten, doch an der Stiege angekommen, schüttelte ich den Kopf.
»Geh allein hinein, ich komme gleich nach.«
Sie wandte sich ab und stapfte davon, und ich konnte nicht feststellen, ob sie mir böse war.
Sie ist deine Dienerin, sagte ich mir. Es kann dir gleichgültig sein, ob sie deine Entscheidungen gutheißt.
Doch es war mir nicht gleichgültig. Diese Art des Denkens war mir zu fremd. Allerdings würden wir auf der Reise reichlich Zeit miteinander verbringen, sodass sie wohl die letzten paar Augenblicke vor dem Ablegen ohne mich aushalten konnte.
Ich ließ meinen Blick noch einmal über die üppigen Wälder und die sanften Hügel schweifen, die, wie ich wusste, Richtung Norden höher wurden und in einen Feuer spuckenden Berg mündeten. Dann wurde der Anker gelichtet, und wir begannen die Halbtagesreise zur Ostküste von Barbados, wo sich der Konvoi für die Rückfahrt sammeln würde. Nachdem mein Vater alle Anweisungen gegeben hatte, trat er neben mich an die Reling.
»Endlich, Vater! Jetzt wartet Paris auf mich.«
»Mein wildes Mädchen. Du bist noch viel zu sehr ein Kind, um dich den Zwängen der Pariser Gesellschaft und denen der Ehe zu unterwerfen. Weißt du sicher, dass du es so willst?«
Wusste ich es sicher? Ich sah Luc vor mir, seine strahlend blauen Augen. Hier war der Himmel so viel blauer als in Frankreich und doch konnte keine Farbe mich je so fesseln wie die seines Blickes. Wartete er auf mich? Ich hatte versprochen, zu ihm zurückzukehren. Der Gedanke ließ mein Herz zugleich schwer und federleicht werden.
»Ja, Vater. Meine Kindheit habe ich verpasst, deshalb war die Zeit hier wundervoll und wichtig für mich. Doch in der Situation mit Emeni habe ich wieder einmal festgestellt, dass die Freiheit auch Gefahren birgt. Ich möchte heim, zur Ruhe kommen, malen, all die Schönheit dieser Reise teilen mit dem, den ich vermisse. Von der Ehe will ich noch gar nicht sprechen, das hat Zeit.«
»Aber Paris …«
»Vater, du hast es versprochen!«
»Das habe ich, und ich werde es halten. Doch du kennst die Stadt nicht, und ich kann nur kurz bei dir bleiben. Ich sorge mich eben.« Er strich mir über das Haar, dann zog er mich in seine Arme. »Du wirst malen, Tochter, wenn das dein Wunsch ist. Du sollst alles bekommen, worauf du so lange verzichten musstest.«
Ich sah zu ihm auf, in seine grauen Augen, die meinen so ähnlich waren, und ich wusste, er sprach die Wahrheit.
Wir ließen Saint-Vincent hinter uns, rasch verschwand es aus dem Blickfeld. Je weiter wir uns von der Küstenlinie entfernten, desto mehr bezog sich der Himmel. Wind kam auf, der mich beinahe an zu Hause erinnerte. Bald schon schwand das Licht des Tages, die Nacht brach herein und mit ihr eine Kühle, die an Land nie zu spüren gewesen war. So lange hatte ich an Deck gestanden, jetzt ging ich hinunter in das Zimmer, das ich mit Emeni teilte.
Das Mädchen saß auf einem Stuhl und starrte durch das Fenster hinaus in die Dunkelheit. Sie drehte sich nicht um, als ich eintrat. Leise sprach ich sie an.
»Emeni? Geht es dir gut?«
Sie wandte mir das Gesicht zu, und im Flackern der Laterne sah ich ihre Augen glänzen. Waren es Tränen, die sie unterdrückte? Ihre Wangen jedenfalls waren trocken und zeigten auch keine Spuren, dass sie vorher geweint hätte. Wie tapfer sie war! Zwar war ich selbst, obwohl ich meinen Geliebten dort zurückgelassen hatte, ohne eine einzige Träne aus La Rochelle abgereist, voller Neugier auf die Welt, die mich jenseits des Meeres erwartete. Doch ich hatte gewusst, dass ich zurückkehren würde. Emeni konnte diese Hoffnung nicht hegen. Ich wünschte mir, dass sie sich wenigstens ein bisschen auf die Zukunft freute.
Mit wenigen Gesten bedeutete sie mir, dass sie sich zum Schlafen legen wollte. Da erst bemerkte ich, dass auch ich müde war. Wir krochen unter die Decke unseres gemeinsamen Bettes, und ich schlief ein, kaum dass ich meinen Kopf niedergelegt hatte.
Als die Glocke durch den stillen Bauch der Liberté hallte, fuhr ich auf. Ich fühlte mich, als hätte ich keinen einzigen Augenblick geschlafen, doch der Himmel vor unserem Fenster verfärbte sich bereits grau. Mit bleischweren Gliedern erhob ich mich, trat zur Kommode und goss den Inhalt des bereitgestellten Kruges in die Waschschüssel. Ich zog mein Nachtkleid aus, klatschte mir zwei Hände voll Wasser ins Gesicht und sah mich im Spiegel an. Müde Augen schauten zurück, die Haare hingen lang und zerzaust um meinen Kopf. Tropfen rannen über meine gebräunten Wangen, den Hals hinab auf meine im Gegensatz zur Gesichtsfarbe kalkweißen Brüste. Ich spritzte noch ein wenig Wasser auf meinen Körper, doch es erfrischte mich kaum. Ich nahm ein Leinentuch aus der Schublade, rieb Gesicht und Leib trocken und schüttelte mich, um die Schläfrigkeit zu vertreiben.
Da sah ich im Spiegel, wie sich Emeni aus dem Bett schälte und hinter mich trat. Ich überließ ihr den Platz an der Waschschüssel, und sie benetzte ebenfalls ihr Gesicht. Dann tauchte sie ein Tuch ins Wasser und begann, umständlich ihren Körper unter dem farbenfrohen Gewand abzuwischen. Die flatternden Bewegungen des weiten Kleidungsstückes erinnerten mich an einen der bunten Schmetterlinge, die ich auf den Westindischen Inseln gesehen hatte – ein Gedanke, der mir oftmals kam, wenn ich Emeni betrachtete.
Verwundert beobachtete ich die Prozedur, die einige Zeit in Anspruch nahm. Es war nicht so, dass mich Emenis Reinlichkeit überraschte. Die meisten meiner Landsleute nahmen es mit der Körperpflege nicht so genau, deshalb war mir aufgefallen, dass sich die Menschen in dieser Gegend regelmäßig wuschen. Vielmehr erstaunte mich, dass sie ihr Kleid nicht ablegte, so wie ich. Wir waren allein im Zimmer, vor mir brauchte sie keine Scham zu haben. Dennoch entblößte sie nicht mehr als ihre Füße und Unterschenkel.
Die Scheu vor der Nacktheit schien mir nicht zur Lebenseinstellung der karibischen Bevölkerung zu passen, so wie ich sie kennengelernt hatte. Sie musste ihren Ursprung in den Übergriffen haben. Ich konnte gut verstehen, dass Emeni Schwierigkeiten mit ihrem Körper hatte. Ihr war viel Schlimmeres widerfahren als mir, und auch ich hatte mich nach Belliers Annäherungsversuchen stets schmutzig gefühlt. Wie anders war es gewesen, als Luc mich berührt hatte … Ich spürte, wie meine Wangen bei dem Gedanken heiß wurden und sich ein Lächeln auf mein Gesicht legte. Und ich wünschte Emeni, dass sie ebenfalls einmal eine solch schöne Erfahrung würde machen dürfen. Ich fragte mich nur, ob sich in Paris ein Mann fände, der eine Karibin zur Frau nehmen würde. Doch all das würde sich zeigen. Es war sinnlos, jetzt schon darüber nachzudenken.
Ich hatte mich eben angekleidet, als es an der Tür klopfte. Vater brachte uns eigenhändig das Frühstück, für jede ein Stück Brot, eine Scheibe Fleisch und ein gekochtes Ei.
»Nun, meine Mädchen, seid ihr bereit für die große Reise?«
»Natürlich, Vater! Hast du den Konvoi schon gesichtet?«
»Die ersten Masten tauchen eben am Horizont auf, wir dürften bald zu ihnen stoßen.«
Nach dem Frühstück hielt mich nichts mehr unter Deck, und auch Emeni war endlich dazu zu bewegen, das Zimmer zu verlassen. In der Morgendämmerung waren die massigen Körper der übrigen Schiffe des Konvois in der Ferne auszumachen.
»Sieh doch, dort drüben warten die anderen.« Emenis Blick folgte meinem Finger, dann jedoch lenkte ihn etwas ab. Ich sah ebenfalls in die Richtung und stutzte.
»René?«
Mein Freund, der in der Nähe Taue aufgewickelt hatte, trat zu uns. Emeni wich ein Stück zurück, was mich maßlos ärgerte, da ich ihr mehrfach erklärt hatte, dass von diesem jungen Mann keine Gefahr ausging. Ich verzichtete jedoch darauf, sie zu schelten, da mir meine Frage wichtiger war.
»Was für ein Schiff ist das, das sich uns von Norden nähert?«
René kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
»Eine Galeone. Ich kann die Flagge nicht erkennen. Seltsam, ich dachte, wir erwarten kein Schiff mehr aus dieser Richtung. Sie wollten alle schon gestern Abend hier eingetroffen sein.«
»Du meinst, es gehört nicht zu unserem Zusammenschluss?«
»Ich weiß nicht …«
Wir starrten angestrengt das Schiff an, das in voller Fahrt auf uns zukam. Da zupfte Emeni mich am Ärmel und wies nach Süden.
»Da.«
Und tatsächlich, ein weiteres Schiff näherte sich, viel schneller als die Galeone. Es war kleiner und lag gut im Wind, der immer mehr auffrischte.
Plötzlich rannte René davon.
»Herr Kapitän!«, hörte ich ihn brüllen, und kalte Angst kroch in mir hoch. Ich fasste Emeni bei der Hand.
Mein Vater kam mit René zurück, Besorgnis im Gesicht.
»Vater, was geschieht hier?«
Er antwortete nicht, blickte erst Richtung Süden, dann nach Norden. Plötzlich stieß er einen ohrenbetäubenden Schrei aus.
»Piraten!«
Piraten? Nein, das konnte nicht sein! Sie griffen doch nicht mit zwei Booten einen ganzen Konvoi an!
Da erkannte ich, dass sie keinen Konvoi angriffen. Nur uns. Wir hatten die anderen noch längst nicht erreicht.
»Sie schneiden uns den Weg ab.«
Damit sprach René das aus, was mir im selben Augenblick klar geworden war. Die pfeilschnelle Bark hielt genau auf die Lücke zwischen uns und dem Verband zu, während die Galeone aus der entgegengesetzten Richtung drohend näherkam.
Mein Vater war fort, brüllte Befehle über das Deck. Die Seeleute hantierten mit den Segeln, zogen hier und zerrten dort, um unsere Fahrt zu beschleunigen und die Liberté doch noch in den Schutz des Konvois einzureihen. Die übrigen Schiffe schienen sich jedoch eher zu entfernen, als näher zu kommen.
»René, fahren sie vor uns davon?«
»Nicht vor uns, vor den Piraten.«
»Aber sie müssen uns doch helfen! Das Bündnis …«
»Sie retten die eigene Haut, das Bündnis ist ihnen gleichgültig.«
Ich konnte es nicht fassen. Die Gemeinschaft, die auf dem Hinweg so viel Sicherheit geboten hatte, zerbrach vor meinen Augen.
»Und nun?«
»Wir haben so etwas einige Mal durchgemacht, als wir selbst als Korsaren unterwegs waren. Da wollten sie uns die eben erkämpfte Beute wieder abjagen. Wir müssen jetzt versuchen, halbwegs auf Kurs zu bleiben, vielleicht doch noch die anderen zu erreichen. Wenn wir weiter genau auf sie zuhalten, laufen wir den Piraten in die Arme. Wir müssen ausweichen.«
»Wohin können wir uns wenden, René?«
»Sicherlich nicht nach Norden, denn dort lauert die Galeone mit ihren Kanonen. Zurück nach Barbados – nein, denn wir kennen die Insel nicht und können so schnell nicht herausfinden, wo die Gewässer tief genug für uns sind. Wir dürfen nicht riskieren, auf Grund zu laufen, denn die Bark hat viel weniger Tiefgang und wird uns dort in jedem Falle stellen.«
»Im Osten fährt der Konvoi und mittlerweile kommt uns die Bark von dort entgegen – also nach Süden, richtig?«
Da ertönte auch schon der Ruf, der die Mannschaft anwies, nach Südosten abzudrehen. Das Manöver glückte, wir ließen die Galeone hinter uns und den Geleitzug sowie die Bark links liegen. Der Wind fuhr in die Segel und wir nahmen ordentlich Fahrt auf. Der Bark jedoch gelang eine ähnlich rasche Wende, und bald war sie uns wieder auf den Fersen.
Das ganze Schauspiel erschien mir so unwirklich, dass ich an Deck verharrte und gespannt beobachtete, wie der Konvoi immer kleiner wurde und die beiden Piratenschiffe uns verfolgten. Irgendwann, als sich die Männer beruhigt hatten und ihnen nichts anderes übrig blieb, als den eingeschlagenen Kurs zu halten und nicht an Geschwindigkeit zu verlieren, trat mein Vater zu Emeni und mir. Die Sorgenfalten auf seinem Gesicht ließen ihn älter aussehen, als er war.
»Sie werden nicht aufgeben«, murmelte er. »Ich glaube, die beiden Schiffe vor Saint-Vincent gesehen zu haben. In dem Falle wissen sie, was unsere Ladung ist.«
»Sie wollen das Blauholz? Ich dachte, Piraten sind nur hinter Gold und Silber her!«
»Hauptsächlich, ja. Doch möglicherweise arbeiten sie nicht für ihre eigene Kasse. Vielleicht haben sie einen Auftrag. Der spanische König ist dem französischen so wenig zugetan wie umgekehrt.«
»Sind wir in großer Gefahr, Vater? Die Liberté ist doch so schnell!«
»Die Bark ist schneller, allerdings hat sie keine Kanonen an Bord und fürchtet die unseren. Sie werden es nicht riskieren, uns zu nahe zu kommen, bis uns auch die Galeone erreicht hat und beschießen kann.«
»Und wird sie das?«
»Da sei Gott vor!«
Selten hatte ich meinen Vater derart inbrünstig von Gott sprechen hören, und es machte mir mehr Angst als die Schiffe, die uns verfolgten. Er nahm mich in die Arme, mein Fels in der Brandung, und zum ersten Mal erkannte ich, dass auch seine Macht begrenzt war. Tränen traten mir in die Augen. Sollte mein Abenteuer so zu Ende gehen?
»Geht hinein, Mädchen. Es wird ungemütlich hier draußen.«
Tatsächlich wurde es stetig windiger, auch klatschten die Wellen aufgrund der rasenden Fahrt immer heftiger gegen die Bordwände. Ich hatte nicht bemerkt, dass meine Kleidung bereits feucht war.
Wir gingen also hinab, Emeni und ich, und erstmals entdeckte ich in den Augen des Mädchens etwas anderes als Trotz und Stolz. Nun stand darin deutlich ein Zweifeln, ein Hadern mit dem Schicksal, keine Angst, das nicht, aber eine Unruhe, wie auch ich sie verspürte.
Wir versuchten mit aller Macht, uns abzulenken. Ich zeigte Emeni die Bilder, die ich auf der Hinfahrt gemalt hatte. Als eine Zeichnung von Luc erschien, wurde meine Kehle eng. Wenn er doch nur bei mir wäre!
Dann aber wäre auch er in Gefahr. Nein, das wollte ich mir nicht wünschen.
Emeni sah mich an und lächelte.
»Mann, Lianne?«
»Vielleicht, eines Tages …«
Sie nickte. Ich vermutete, dass sie eher meine Miene deutete, als dass sie die Worte verstand. Doch auch so war eine Unterhaltung möglich.
Wir beschäftigten uns eine ganze Weile mit meinen Zeichnungen. Ich versuchte, Emeni zu erklären, wer die Personen waren, welche Gebäude ich dargestellt hatte. Zwischendurch jedoch sprang ich immer wieder auf, starrte aus dem Fenster.
Kamen sie näher?
Ich konnte es nicht einschätzen. Mal dachte ich, sie wären verschwunden, doch einen Augenblick später, mit der nächsten Welle, drehte sich die Liberté ein winziges Stück und sie tauchten wieder auf, rasend schnell unter vollen Segeln und bedrohlich nah.
Sie ließen uns nicht in Ruhe, verfolgten beharrlich ihr Ziel, Stunde um Stunde blieben sie uns auf den Fersen. Trotz aller Bemühungen versanken Emeni und ich schließlich in Schweigen, jede hing ihren eigenen Gedanken nach. Meine waren so finster, dass ich es nicht einmal über mich bringen konnte, zum Zeichenstift zu greifen. Was hätte ich auch darstellen sollen?
Die Ungewissheit, wie diese Sache ausgehen würde, zerrte an meinen Nerven. Ich erwischte mich dabei, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln, dann wieder kaute ich auf meinen Nägeln, im nächsten Moment sprang ich auf und sah nochmals aus dem Fenster, nur um sogleich abermals auf meinen Stuhl zu sinken. Nie zuvor hatte ich eine derartige Unruhe in mir gespürt, sie war unerträglich, und meine Rastlosigkeit machte es nur noch schlimmer! Emeni dagegen saß da wie versteinert, erstarrt in der Furcht, die auch sie verspüren musste.
Wenn doch nur endlich etwas geschehen würde! Dieser Zustand war nicht länger auszuhalten.
Aber was sollte denn geschehen? Ein offener Kampf? Das konnte ich mir kaum wünschen!
Warum ließen sie uns nicht einfach ziehen?
Es sind Piraten, du dumme Gans! Sie leben davon, Beute zu machen. Niemals werden sie aufgeben.
Als es klopfte, fuhr ich zusammen, endlich aus meinen Gedanken aufgeschreckt, die sich seit Stunden im Kreis drehten.
»Ja, bitte!«
René trat ein. Er trug ein Tablett mit drei Lederbechern und einer großen Schüssel. Ich spürte, wie sich Emenis Körper anspannte, wie immer, wenn sich ein Mann näherte.
»Der Kapitän hat einen winzigen Schluck Rum erlaubt, mit heißem Wasser gemischt. Das soll die Sinne beruhigen.« Er versuchte ein Lächeln, doch es gelang ihm nicht besonders gut. Selbst meinen jederzeit fröhlichen Freund schienen Ängste zu plagen. »Und Pierre hat vor lauter Unruhe so viel gekocht, dass wir die Piraten noch mit versorgen könnten.«
Seine Stimme zitterte. Er hatte schon einige Reisen mit meinem Vater hinter sich, jedoch waren meist sie die Angreifer gewesen, die ihre Opfer verfolgten.
Vielleicht ist dies die Strafe für das Unglück, das sie anderen Menschen zugefügt haben?
Ich schüttelte mich, um den Gedanken zu vertreiben. René verstand es falsch.
»Doch, Lianne, du solltest etwas essen! Wer weiß …« Er brach ab und setzte sich auf unser Bett, da wir nur zwei Stühle im Zimmer hatten.
Ich warf einen Blick in die Schüssel, in der Erwartung, dass sich mir der Magen umdrehen würde angesichts unserer verzweifelten Lage, in der Essen das Letzte war, was uns kümmern sollte. Als mir jedoch der köstliche Duft des Gerichts in die Nase stieg, regte sich mein offensichtlich unbezwingbarer Appetit. Ich griff zum Löffel und schaufelte mir eine große Portion Eintopf in den Mund. Er schmeckte herrlich, das Fleisch war zart und rauchig, die Zwiebeln süß und die Soße aus verkochter Yamswurzel dick und würzig. Ich spülte mit einem Schluck aus meinem Becher nach. Das starke, heiße Gebräu rann meine Kehle hinab, und tatsächlich wurde ich ruhiger, als ich es in den vergangenen Stunden gewesen war. Ich reichte Emeni einen Löffel, und auch sie begann zu essen, musterte jedoch weiterhin René aus dem Augenwinkel. Hatte sie noch immer nicht verstanden, dass er ein guter Mensch war? Wie tief mussten ihre Ängste sitzen, um dies nicht zu erkennen?
Als die Schüssel geleert war, fühlte ich mich gestärkt genug, um mit René über die Geschehnisse zu sprechen.
»Wie sieht es draußen aus, mein Freund? Was gedenkt mein Vater zu unternehmen, wie wird es weitergehen?«
»Wir mussten uns ganz nach Süden wenden, werden den Konvoi keinesfalls mehr erreichen. Der Kapitän vermutet, dass sie uns nach Tobago treiben wollen, das liegt in südwestlicher Richtung.«
»Tobago? Warum dorthin?«
»Viele Piraten haben dort ihre Lager. Wenn es ihnen nicht gelingt, uns auf See das Schiff abzunehmen, dann gewiss in ihren eigenen Gefilden.«
»Und was können wir dagegen tun?«
René seufzte und rieb sich die Stirn. »Nichts, fürchte ich. Sie kommen näher.«
Ich stand auf und sah wieder einmal aus dem Fenster. Nun konnte ich bereits deutliche Einzelheiten der beiden Schiffe erkennen, die Spinnennetze der Takelagen, die verschiedenen Schichten der Segel, die bisher als weiße Masse erschienen waren, und die schwarzen Flaggen auf den Masten.
»Wie lange noch?«
»Wenige Stunden. Weit vor Einbruch der Dunkelheit werden sie uns einholen.«
Ich ließ mich auf das Bett fallen und lehnte den Kopf gegen Renés Schulter. Er strich mir über das Haar, legte dann einen Arm um mich. Mein Geist weigerte sich noch immer, die Unausweichlichkeit unseres Schicksals vollständig zu begreifen, doch nun befiel mich ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das mir die Tränen in die Augen trieb. Emeni reichte uns die Becher, und gleichzeitig tranken wir drei, trotz aller Abneigungen und Verschiedenheiten vereint in der Furcht vor dem, was unvermeidlich kommen würde.
Nein!
Gab mir der Rum die Kraft oder war es der Gedanke an Luc, der so plötzlich in mir auftauchte wie die Sonne, wenn sie hinter einer Wolke hervortrat?
Ich werde mich nicht einfach so ergeben! Ich weigere mich, zu verzweifeln!
Ich sprang auf und schmetterte meinen Becher an die Wand. Da er aus Leder bestand, prallte er lediglich ab und rollte über den Boden. Diese Eigenschaft war vorteilhaft auf einem Schiff, wo des Öfteren etwas von den Tischen fiel, meiner Wut jedoch hätten Scherben besser getan. Also trat ich noch rasch meinen Stuhl um, bevor ich rief: »Wir haben doch Kanonen! Wir werden sie uns damit vom Leib halten!«
»Sie haben auch Kanonen, viel mehr als wir. Und sie sind zu zweit …«
»Sei still, René! Ich will es nicht hören. Es führt zu nichts, jetzt die Hoffnung aufzugeben.«
Der junge Mann stand auf und trat ans Fenster.
»Dieselben Worte hat dein Vater eben gebraucht, als die Mannschaft beim Essen versammelt war.«
»Und er hat recht damit! Ich will nach Paris, und ich werde nicht vorher sterben.« Ich wollte ihn überzeugen und mehr noch mich selbst. »Wir werden kämpfen! Oder verhandeln. Es gibt so viele Möglichkeiten.«
Er sah mich an, und sein Blick sagte: Du weißt nicht, wovon du sprichst. Du hast keine Erfahrung mit diesen Dingen.
Ich straffte die Schultern und starrte zurück, wie ich hoffte mit funkelnden Augen.
Plötzlich schallte ein Ruf durch die Innenräume des Schiffes.
»Macht die Geschütze bereit!«
René stürzte aus dem Raum und ich ans Fenster. Der Wind musste inzwischen noch stärker geworden sein, denn wir befanden uns in rasender Fahrt, die Feinde jedoch nicht minder. Nun konnte man zusehen, wie sie näher kamen.
Schließlich dauerte es doch noch eine ganze Weile, bis sie uns eingeholt hatten. Dann aber begann der Kampf, der sich so lange angekündigt hatte. Schreckensstarr stand ich am Fenster und vermochte den Blick nicht abzuwenden.
Die Galeone war nun so nah, dass ich befürchtete, sie würde uns rammen. Sie schob sich an unsere Seite und verschwand aus meiner Sicht. Die Bark dagegen hielt sich immer hinter unserem Heck und mühte sich, nicht in unsere Schusslinie zu geraten. Damit blieb sie stets in meinem Sichtfeld. Ich konnte nicht aufhören, die Männer an Deck anzustarren. Sie waren jetzt so nah, dass ich ihre Gesichter erkennen konnte, die grimmig-entschlossenen Mienen. Schon zogen sie ihre langen Messer, griffen nach Seilen und Haken.
Mir kamen die Piratenlieder in den Sinn, die René und ich so begeistert gesungen hatten, und die kindischen Vorstellungen von der Herrlichkeit des Seeräuberlebens gingen in Rauch und Furcht auf. Mein Vater hatte viel erzählt von seiner Zeit als Korsar, von seinen Reisen und den Ländern, die er erkunden durfte, wenig jedoch von der dunklen Seite, den Gefechten, dem Leid, das er verbreitet hatte. Gewiss, er hatte Kämpfe gefochten und Unschuldigen ihre Ladung abgenommen, doch all das mit dem Segen und im Auftrag des Königs. Die wilden Gestalten, die an Bord der Bark umherwimmelten und sich darauf vorbereiteten, uns Hab und Gut und wahrscheinlich das Leben zu nehmen, hatten wenig gemein mit dem, was ich in meinem Vater sah. War er tatsächlich anders oder wollte ich es nur nicht so genau wissen?
Ich fühlte mich, als sei ich dem Erwachsenwerden in diesem Augenblick wieder ein Stück näher gekommen. Und leider gefiel es mir kein bisschen …
Kanonendonner erklang. War es unser eigener oder der der Galeone? Ich stürzte aus dem Zimmer, hinaus auf den Gang und zum Steuerbordfenster – und blickte in die bedrohlich auf uns gerichteten Waffen. Aus einigen der Löcher stieg noch Qualm. Hatten sie uns getroffen? Wieder knallte es, ganz in meiner Nähe. Stechender Pulvergeruch drang zu mir herüber und brachte mich zum Husten. Er musste von einer unserer eigenen Kanonen kommen, denn kurz darauf zog grauer Rauch vor das Fenster.
Die Liberté drehte ab, und die Galeone verschwand aus meinem Blick. Ich hörte Emeni in unserem Zimmer schreien, lief zurück und sah durch das Fenster, wie einer der Piraten an einem Seil von der Bark aus in Richtung der Liberté kletterte, während seine Kumpane es straff hielten. Weitere würden folgen. Ich rannte wieder hinaus, zum Fenster auf der anderen Seite des Ganges, krallte mich voller Angst am Rahmen fest, konnte den Blick jedoch nicht abwenden von dem schwarz geflaggten Schiff, das von hier aus wieder zu sehen war. Kanonenfeuer leuchtete auf. Ich spürte den Einschlag, er fuhr mir in alle Glieder. Ich schrie auf, befürchtete, die Scheibe würde platzen, doch das Glas blieb ganz. Ich löste meine verkrampften Hände vom Fensterrahmen, rannte die Treppe hinauf an Deck und klammerte mich an die Reling unweit des Eingangs.
»Sie entern vom Heck aus!«, rief ich zweien der wenigen Männer zu, die sich an Deck befanden. Die meisten mussten bei den Kanonen sein. Sofort stürzten sie an mir vorbei und zogen ihre Messer. Kurz war ich versucht, hinter ihnen herzulaufen, um mit anzusehen, ob sie die eindringenden Piraten aufhalten konnten. Doch die Furcht lähmte mich, und ich blieb, wo ich war. Dennoch drangen die Schreie zu mir herüber. Ich betete, dass es die der Feinde waren. Dann wurden sie übertönt von neuerlichen Schussgeräuschen, über mir krachte es, ich sah meinen Vater auf Deck stürmen, Befehle brüllend.
Dann, unvermittelt, drehte das Piratenschiff ab, wandte uns sein hoch aufragendes Heck zu. Die Männer schrien durcheinander, Fetzen der Rufe drangen zu mir herüber.
»Feuer einstellen!«
»Warum drehen sie bei?«
»Sie ändern die Richtung! Wieso lassen sie uns in Ruhe?«
Tatsächlich stellte die Galeone den Beschuss ein und entfernte sich ein Stück. Da verließ auch die Bark ihre sichere Stellung hinter unserem Heck und folgte dem größeren Schiff. An ihrem Bug baumelten die Seile, die unsere Männer gekappt hatten. An einem hing noch ein Pirat und mühte sich verzweifelt, daran hinaufzuklettern. Seine Beine zappelten wild, und ich konnte deutlich sein Brüllen hören, dann war die Bark an uns vorbei und ich sah ihn nicht mehr.
Schwindelige Erleichterung durchströmte mich, ich atmete auf, hob den Blick, um ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken – und sah den Grund, warum die Piraten den Angriff nach so langer Zeit der Verfolgung abgebrochen hatten, obwohl sie uns endlich gestellt hatten.
Unsere Männer hatten ihn ebenfalls erkannt.

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Marie Caroline Bonnet ist das Pseudonym der Autorin Jessica Weber. Sie ist Kielerin, gebürtig und überzeugt. Die gelernte Schifffahrtskauffrau liebt es, das Meer vor der Tür zu haben. Wenn sie nicht schreibt, arbeitet sie als Sekretärin sowie freiberuflich als Verlagslektorin. In ihrer Freizeit fertigt sie ausgefallene Motivtorten an, ist in der Mittelalterdarstellung aktiv und reist viel, gern auch zu Recherchezwecken. Sie ist Mitglied in zwei Autorenvereinigungen und im Verband der Schriftsteller in Schleswig-Holstein e. V.