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Bad Vibes

„Kaden Brooke würde ich mit Sicherheit nicht von meiner Bettkante stoßen!“, rief Amber Clarkson lachend und drückte Band drei der Buchreihe Bad Vibes, in der Kaden Brooke Protagonist war, fest an ihre Brüste, die in ihrem knappen, gelben Frühlingskleid mit dem tiefen Ausschnitt noch größer erschienen, als sie es ohnehin schon waren. Hocherhobenen Hauptes strich sie ihr langes rotes Haar hinter die Schultern und rempelte im Vorbeigehen Chloe an, die erschrocken aufblickte. Ambers dunkle, fast schwarze Augen, funkelten.
„Pass doch auf, du Tölpel.“ Ihre gezupften Brauen hoben sich, als sie das Buch in Chloes Händen bemerkte. „Sieh an, sieh an. Du liest Bad Vibes also auch. Ist Kaden nicht äußerst attraktiv, so wie Jane Blue ihn beschreibt, Nerd?“
Chloe Zuckerman staunte. Zum einen weil Amber freiwillig ein Buch las, und zum anderen weil sie Chloe zuvor noch nie etwas gefragt hatte. Kurz sah sie sich auf dem Campus der Highschool um, an der sie in einem Jahr ihren Abschluss machen würde, um zu sehen, ob Amber sie überhaupt gemeint hatte.
Nun, es sah ganz so aus.
Obwohl sich Chloe denken konnte, dass eine Gemeinheit hinter Ambers Frage steckte, antwortete sie: „Ja, er ist wirklich attraktiv beschrieben. Und er hat viele Facetten, die ihn erst recht interessant machen“.
Amber reckte ihr hübsches schmales Gesicht mit den vollen Lippen in Richtung ihres Hofstaates, der ihr Schatten spendete. Er bestand aus fünf Cheerleadern, deren Anführerin sie war.
„Ich lese ja sonst keine Romane. Aber der hier ist wirklich gut, Kaden ist hip … und uuuh“, bemerkte die blondhaarige Sue mit ihrer grellen Stimme, während Amber ihr ihren Rucksack reichte, den zu tragen sie oft selbst zu faul war. „Gott, wenn ich mir vorstelle, er würde auf dich treffen, Nerd. Der würde sich schlapp lachen.“ Ohne Murren nahm Sue die ehrenvolle Aufgabe als Ambers Rucksackträgerin an. Dabei lachte sie Chloe frech ins Gesicht. Die anderen Mädchen stimmten in ihr überkandideltes Lachen ein, da Amber es auch tat.
Der ganze Clan erinnerte Chloe an eine Clique aus ihrer Grundschulzeit, die fast genauso herablassend und höhnisch ihr gegenüber gewesen war. Ihre Worte trafen Chloe wie Hammerschläge. Was hatte sie denn erwartet? Ein Wunder? Schnell ging sie weiter. Aber die Worte, leichtfertig und mit Hohn ausgesprochen, eilten ihr hinterher, fraßen sich in ihr fest wie bösartige Krebszellen.
„Ekeln würde er sich! So wie die aussieht in ihren Männerklamotten und den zerzausten Haaren. Ist euch schon mal aufgefallen, dass sie die Farbe von Dreck haben? Damit wollte Gott offensichtlich ausdrücken, als er dich erschaffen hat, was du bist. Ein Unfall“, rief Amber und lachte erneut. Sie schien zu glauben, dass sie sich durch das stets gefüllte Bankkonto ihrer Eltern alles erlauben konnte. Die anderen folgten ihr wie brave Lämmchen, sodass ein ganzer Chor entstand.
„Amber, du bist zum Totlachen, echt“, rief eine ihrer Freundinnen.
Chloe hätte solche Sticheleien inzwischen gewöhnt sein müssen, nach all den Jahren, in denen sie immer wieder beleidigt und belächelt worden war, da sie nichts aus sich machte und ihre Nase lieber zwischen Buchseiten steckte oder ihren Träumen nachhing. Das war bereits in der Grundschule so gewesen. Im Grunde war sie heilfroh, wenn man sie in Ruhe ließ. Dies galt auch für ihre Eltern, die durch ihre Jobs kaum Zeit für sie hatten. Chloe konnte nicht verhehlen, dass sie froh darüber war, zumal sie meist nur an ihr herummeckerten, wenn sie da waren. Manchmal erweckte es gar den Anschein, sie würden sich für Chloe schämen. Als wäre ihnen nicht entgangen, was einige Leute über ihre Tochter tuschelten. Früher hatte Chloe sehr gute Noten gehabt, doch in letzter Zeit waren ihre Gedanken immer öfter abgeschweift. Auch weil die verbalen Angriffe ihrer Mitschüler zugenommen hatten. In einem Jahr, so hoffte sie inständig, würde es besser aussehen. Dann könnte sie den Abschluss schaffen und vielleicht sogar ein Stipendium für ein College bekommen. Dabei wurde ihre Mutter Margo nicht müde, ihrer Tochter einzureden, dass sie ihr und ihrem Vater später einiges zurückzugeben hätte – für all die Jahre, in denen sie für sie mitgesorgt hatten. Von den Träumen, einmal Schriftstellerin zu werden, hielten ihre Eltern nichts. Stets versuchten sie, ihr die Welt der Bücher und Geschichten auszureden.
„Träumer gehen früher oder später unter“, war Margos Lieblingsspruch, den sie ihrer Tochter regelmäßig an den Kopf knallte. Zudem machte sie ihr unmissverständlich klar, dass nur ein Elite-College in Frage käme. Fast kam es Chloe vor, als könne sie es kaum erwarten, mit dem Erfolg ihrer Tochter vor den Leuten ihrer Kleinstadt anzugeben und ihnen zu zeigen, was ihre Gene Tolles zustande gebracht hatten. Hier in Seaport gab es genügend Leute, deren größtes Ziel es war, über den anderen zu stehen, um sich in ihrer kleinen Welt groß zu fühlen.
Diese Gedanken, die sogar den Sonnenschein verblassen ließen, machten Chloe traurig und müde.
Auch an diesem Tag senkte die Sonne ihre Strahlen heiß auf Seaport im US-Staat Michigan hinab. Seit Chloes Geburt wohnte sie mit ihren Eltern hier. Ihr Haus lag am Ende einer belebten und doch zumeist ruhigen Straße, deren Gehwege ein paar hohe Bäume und Laternen säumten. Die meisten Häuser besaßen umlaufende oder südseitige Veranden und waren von hübschen kleinen Gärten umgeben.
Als Chloe nach Hause kam, stellte sie fest, dass ihr Elternhaus mal wieder verwaist war. Das bedeutete immerhin ein paar Stunden Ruhe. Aufatmend legte sie ihre Schulsachen auf dem Küchentisch ab. Da sie keinen Hunger verspürte, begnügte sie sich mit einer Tasse Milch. Während sie diese mit einem Zug leerte, lehnte sie sich an den Kühlschrank, hielt sich die Tasse an die erhitzte Stirn und schloss für einen Moment die Augen.
Keine gute Idee! Denn plötzlich flackerte die Szene von Amber und ihrem Hofstaat in ihrer Erinnerung auf. Chloe pustete Luft aus, öffnete die Augen, stellte die Tasse ab und ärgerte sich. Denn am liebsten hätte sie ihre Gefühle gepackt, sie in ein Feuer geworfen und zugesehen, wie diese zu Asche zerfielen, bevor der Wind sie mit sich nahm. Weit, weit weg. Hauptsache, sie müsste sie nicht mehr spüren, diese Traurigkeit und Einsamkeit sowie das Gefühl ein Niemand zu sein.
Um sich abzulenken, machte sie sich an die Hausaufgaben und setzte sich dafür an den runden Holztisch in der Küche. Dabei entdeckte sie den kleinen Zettel, der unweit davon auf dem Boden lag. Er musste heruntergefallen sein, als sie vorhin wie ein Wirbelwind in die Küche gelaufen war. Vorausahnend, welche Botschaft er enthielt, hob sie ihn auf.
„War ja klar. Moms To-do-Liste: Müll rausbringen, Unkraut in den Rabatten jäten, Wäsche aufhängen …“
Sie überflog die restlichen Punkte und seufzte. Solche Listen waren fast schon zu einem täglichen Ritual geworden, das Chloe kannte, seit sie zehn Jahre alt war.
Kein Gruß, kein Kuss. Hatten sie oder ihr Vater ihr überhaupt schon einmal einen Kuss gegeben oder sie in den Arm genommen? Wenn, dann hatte sie es vergessen. Hin und wieder versuchte sie sich einzureden, dass es nur dem Vergessen geschuldet war, und manchmal funktionierte das sogar, machte es einfacher.
Sobald sie genug Geld gespart hatte, würde sie auf eigenen Beinen stehen. So viel stand fest. Erst einmal aber brauchte sie dazu ein Stipendium oder Geld, um das College selbst zu finanzieren. Auf keinen Fall wollte sie auf ein Elite-College. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie sich an einem normalen College wohler fühlen würde. Etwas, das sie ihren Eltern besser nicht auf die Nase band. Außerdem glaubte sie nicht, dass sie auch nur annähernd so gut war, dass ein Elite-College Interesse an ihr haben würde.
Schnell legte sie den Zettel beiseite und machte sich an ihre Aufgaben für die Schule. Erst danach erledigte sie die Sachen für ihre Mutter. Zum Glück ging ihr alles leicht von der Hand. Vielleicht auch wegen der Vorfreude, die sie erfüllte. Die Vorfreude auf das Buch.

Es war früh am Abend, als sie mit all den ihr aufgetragenen Arbeiten fertig wurde. „Endlich“, murmelte sie und ließ die Jalousie ihres Zimmerfensters halb herunterfahren, um die anhaltende Hitze des vergehenden Tages draußen zu halten. Danach setzte sie sich aufs Bett, nahm das Buch, von dem sie erst ein paar Seiten gelesen hatte, und ärgerte sich, dass Ambers Blicke und Worte weiterhin in ihrem Gehirn herumspazierten. Von der Straße her drangen die Stimmen einer Gruppe junger Leute zu ihr. Ausgelassen lachten sie miteinander, so wie sie es sich oft für sich selbst wünschte.
Außer Megan und Seal, die am anderen Ende der Stadt wohnten, gab es niemanden, der mehr als nötig mit ihr zu tun haben wollte. Megan und Seal waren ein Pärchen, das schon ein paar Jahre älter war als Chloe. Genaugenommen fünf. Es war inzwischen zwei Jahre her, seit Chloe ihnen das erste Mal in der Stadtbücherei, die sie regelmäßig besuchte, über den Weg gelaufen war. Oder vielmehr war es ein Stolpern gewesen. Seal hatte sie aufgefangen. Er und Megan waren damals erst nach Seaport gezogen und wie sich herausgestellt hatte genauso süchtig nach Geschichten wie Chloe. Megan hatte das kleine Haus ihrer Großmutter am Rand der Stadt geerbt, das sie nach und nach renovierten. Zudem kannten die beiden es zu gut, wie es sich anfühlte, ein Außenseiter zu sein. Megans und Seals flippige Art, die sie auch durch ihren Kleidungsstil ausdrückten, mochte einigen Seaportern missfallen, doch davon ließen sich die beiden nicht beeindrucken. Sie blieben dennoch.
„Du bist doch selbst schuld daran, wenn die Leute dich nicht mögen“, hörte Chloe die Worte ihrer Mutter in ihrem Kopf. „Wer immer dieselben Klamotten trägt, dazu noch die Schultern beim Gehen hängen lässt und kaum ein Wort sagt, wird eben schnell übersehen. Kürzlich hat mich sogar Mrs. Chanson darauf angesprochen. Du weißt schon, die Psychotante. Sie hat gefragt, ob du mal bei ihr in der Praxis vorbeischauen willst. Die denkt, du hast Depressionen, vornehm ausgedrückt. Ich nenne das eher einen gehörigen Knall. Das Schlimmste aber ist, dass die Leute sagen, es läge an uns. An den Genen. Du musst auch an unser Ansehen denken. Schließlich stammst du von uns ab. Was aus Kindern wird, fällt immer auf die Eltern zurück, egal, wie alt die Gören sind. Ich hoffe also, du machst einen überragenden Abschluss.“
Natürlich hatten sie mitbekommen, dass ihre letzten Klausuren nur im mittleren Bereich gelegen hatten, was ihren Glauben an sie weiter schmälerte. Das lag unter anderem daran, dass die drei neuen Lehrer, die sie hatte, sie nicht mochten. Amber und ein paar ihrer Mitläuferinnen hatten die Lehrer längst um den Finger gewickelt und ihnen klar gemacht, wer hier ein schwarzes Schaf war. Wenn sie Chloe etwas fragten, kam es ihr manchmal vor, als fungiere sie als nerdige Hauptdarstellerin in einer Unterhaltungssoap. Oft war sie dann so durcheinander, dass sie unsinnige Antworten von sich gab. Einmal hatte sie Seals Vorschlag bei Mr. Smith umgesetzt: „Dann lach doch einfach mit und nimm ihnen damit die Luft aus den Segeln.“
Das Resultat: Der junge Lehrer trug ihr eine unterirdische Note ein, weil er sich von ihr nicht ernst genommen gefühlt hatte.
Vertrauenslehrer waren schön und gut, fand Chloe. Aber außer ein paar Atemübungen zur Beruhigung und dem Vorschlag, einen Kurs für mehr Selbstbewusstsein zu besuchen, hatte sie von ihnen keinen Ratschlag bekommen. Die meisten schauten lieber gleich ganz weg. Ein Teufelskreis!
Und was ihre Eltern anging: Es machte sie eher traurig als wütend, dass sie sich nicht in sie hineinversetzen konnten. Es war eben nicht so einfach, aus seinem Schneckenhaus zu kriechen, wenn andere dauernd Steine davorwarfen, sobald man den Kopf auch nur ein Stückchen nach draußen reckte. Und das hatte nichts mit Selbstmitleid zu tun. Denn nichts lag Chloe ferner als das. Sie wollte kein Mitleid! Niemals!
„Dann bin ich eben ein Freak“, sagte sie aus einem Mix aus Wut und Wehmut zu sich selbst und blendete die Stimmen der jungen Leute draußen aus, indem sie sich ganz auf den dritten Band der Bad Vibes-Reihe konzentrierte. Die Buchreihe um den Bad Boy Kaden Brooke stammte von der amerikanischen Newcomer-Bestsellerautorin Jane Blue aus Ohio und sollte in einem Jahr sogar in die Kinos kommen.
Chloe bewunderte die Autorin. Jane war erst dreiundzwanzig und damit nur fünf Jahre älter als sie. Schon ihr Debüt Blue Moon Rising, eine Fantasy-Romance, war bei vielen Lesern eingeschlagen wie eine Bombe. Laut Fotos und Videos war Jane hübsch, sehr schlank, trendy gekleidet, meist in engen Jeans und bunten Blusen oder figurbetonten Kleidern, dazu trug sie oft Turnschuhe, wirkte aber nie abgehoben. Zudem wurde die naturblonde Jane mit ihren langen Wimpern und den hellblauen Augen von vielen umschwärmt. Bei Auftritten trug sie auch gerne eine blaue Pagenschnitt-Perücke. Blau war ihre Lieblingsfarbe und zu ihrem Markenzeichen geworden.
Anders als Jane besaß Chloe hier und da kleine Pölsterchen. Ihre Mutter sagte ihr oft, dass das vom vielen Schokoladenessen käme, was Chloe nicht bestreiten konnte. Schokolade war für sie eine Art Rauschmittel, deren herrlicher Geschmack düstere Gedanken zumindest für eine kleine Weile betäuben konnte.
Noch einmal hob Chloe den Blick, bevor sie in die Seiten von Bad Vibes eintauchen wollte und schielte zu ihrem Laptop, der auf ihrem neongrünen Schreibtisch lag. Es kribbelte Chloe in den Fingerspitzen. Sie hatte bereits ein paar Selbstversuche in Sachen Romanschreiben gestartet und war vor einer Woche über das zweite Kapitel einer hippen Liebeskomödie, die sie Wolke 7 ist gar nicht rosa nannte, hinausgekommen. Nachdem sie sich ein paar Monate mit den Regeln des Schreibens vertraut gemacht hatte, hatte sie mit dem Schreiben des Romans begonnen. Es machte so viel Spaß, Wörter wie Puzzleteile aneinanderzufügen, bis sie etwas Fantastisches ergaben, ein richtiges Bild, eine Geschichte entstand. Ihre Eltern, denen gegenüber sie es einmal erwähnt hatte, hatten darüber nur den Kopf geschüttelt. Und das bereits so oft, dass sie davon eigentlich eine Genickstarre hätten bekommen müssen.
„Welche Autoren haben schon wirklich großen Erfolg? Die kann man doch an den Händen abzählen“, hatte ihr Vater bemerkt, und seine Frau hatte dem sofort zugestimmt.
Zurzeit hatte Chloe die Kraft und Ideen verloren, um an ihrem Buch-Baby weiterzuschreiben. Doch sobald ihre Muse mit neuen Ideen für ihre eigene Geschichte im Gepäck zurückkam, würde sie sich wieder an den Laptop setzen.
Auch wenn sie nicht jammern wollte, der Alltag schlauchte mehr denn je. Das Geld, das sie durch einen Zusatzjob verdiente, einem Paketpackdienst in Seaport, bei dem sie seit ein paar Monaten abends jede Woche zwei, manchmal auch drei Mal arbeiten ging, sparte sie eisern. Davon wollte sie sich später eine kleine Wohnung mieten und ein Auto kaufen. Den Führerschein hatte Chloe bereits. Sie hatte ihn mit dem Großteil ihres Taschengeldes bezahlt, das ihr ihre Eltern über die Jahre gegeben hatten. Den Rest hatte sie sich über kleine Nebenjobs finanziert. Allerdings sahen ihre Eltern es nicht gern, dass sie kellnerte oder dergleichen. Daher verschwieg sie ihnen den nächtlichen Job. Ihre Gedanken liefen wieder Gefahr, überzusprudeln und sie in ein tiefes Loch zu zerren, weshalb sie lieber wieder an die Buchreihe Bad Vibes und damit an Kaden dachte. Dagegen waren selbst die Schatten ihres Lebens machtlos.
Seit Monaten hatte Chloe dem Erscheinen der Fortsetzung von Kadens Geschichte entgegengefiebert, die nach seinen Vorgängern Auf der Suche und Im Zwielicht den Untertitel Schattenlichter trug.
„Kaden Brooke“, flüsterte sie seufzend und rutschte tiefer in die bunten Kissen. Das gesamte Interieur ihres Zimmers war in einem Mix aus allerlei Farben gehalten. An den Wänden hingen Kunstdrucke, vornehmlich von Andy Warhol. Ihr Bett selbst war ein altes Boot mit gelb-blauen Streifen. An der Decke hingen an die zwanzig Lichterketten und besprenkelten den grünen Florteppich mit buntem Flimmern. Jede Wand hatte eine eigene Farbe: grün, lila, rosa, hellblau. Chloe erinnerte sich mit einem Schmunzeln an den Moment, in dem ihre Eltern vor drei Jahren fast der Schlag getroffen hatte, als sie ihnen das Resultat ihres Eigenumbaus präsentiert hatte. Diese Schrillheit, so ihre Eltern, passte nicht zu der sonst zurückgezogenen Art Chloes. Wieder ein Indiz mehr, dass ihre Tochter verrückt sein musste. Wenn Chloe so darüber nachdachte, war es ein Wunder, dass sie noch nicht in einer Gummizelle saß.
Chloes tannengrüne Augen saugten die ersten Zeilen des neuen Kapitels von Bad Vibes auf wie ein ausgedörrter Schwamm. Kaden, der von vielen der „Bad Boy“ genannt wurde, hatte in den vorangegangenen Bänden schon einiges erlebt – vor allem erlegt, was das weibliche Geschlecht anbelangte. Doch all die Mädchen hatten ihn nie wirklich interessiert. Sie waren, wie er sagte, „leider leer“ – einer der Hauptgründe, weshalb er sich gleich wieder von ihnen getrennt hatte. Die Männer seiner Umgebung nannten sein Verhalten „cool“. Er ließ sich eben nicht festbinden, wenn er sich seiner nicht sicher war. Das war alles.
Chloe konnte nicht verleugnen, dass sie Kaden zu gerne selbst einmal über den Weg gelaufen wäre. Er war ein geheimnisvoller Charakter, voller Facetten. Natürlich, darüber war sie sich im Klaren, war es unmöglich, ihn zu treffen. Schließlich war Kaden nicht real. Er existierte ausschließlich zwischen den Seiten, hinter den Zeilen der Bücher und in den Köpfen seiner Leserinnen und Leser. Vor allem im Geist seiner Schöpferin. Jane Blue schaffte es, dass Kaden Millionen von Leuten, ob jung oder alt, weiblich oder männlich – oder beides – den Atem raubte. Als wäre er real, ein lebendiger Mensch.
Kaden Brooke war ein Verfechter der Wahrheit, die er selbst zu jedem Zeitpunkt schonungslos heraus aussprach, wofür ihn seine Leser, vor allem die Leserinnen, vergötterten. Denn eigentlich tat er nichts Falsches. Er stand eben zu seinem Wort, wollte damit nicht verletzen, nur Klarheit schaffen. Von seinem Vater erzogen, da seine Mutter ihn nach der Geburt nicht mehr gewollt hatte und untergetaucht war, hatte er gelernt, stets er selbst zu sein. Das wiederum machte ihn glaubwürdig und brachte Verständnis bei den Leserinnen und Lesern für so manchen Fauxpas auf, den er sich erlaubte. Auch was die Frauen anging. Kaden Brooke durfte Macho sein. Schließlich setzte er die Damen von Anfang an darüber in Kenntnis, dass er nach der Richtigen suchte, aber sofort wieder Schluss machen würde, wenn er spürte, dass er die Falsche vor sich hatte. Das bedeutete nicht, dass er mit jeder auch gleich ins Bett sprang. Ein paar meinten, er würde sich damit Verantwortung vom Hals halten und nur das Leben auskosten wollen. Aber die Mehrheit, auch Chloe, wollten ihm glauben. Dass er sie wirklich suchte – die wahre Liebe.
Seine Coolness war für viele eine Herausforderung. Unzählige Frauen träumten davon, wollten die Eine sein, die ihn schachmatt setzte und ihn bei sich halten konnte. Jungs dagegen wollten sich mit ihm messen. Natürlich gab es auch welche, die sich wünschten, er wäre schwul. Chloe jedenfalls glaubte felsenfest, dass sich tief in Kaden Brookes ein weicher Kern befand. Zusammen mit vielen anderen Leserinnen und Lesern wartete sie also gespannt weiter auf Miss Right, Seite für Seite. Einige Leserinnen waren sogar richtig eifersüchtig, sobald Kaden eine neue Frau kennenlernte, wünschten sich aber dennoch, dass er endlich die Richtige fand.
Und nebenbei genoss man Brookes schamlose Ehrlichkeit, für die man doch selbst in den meisten Fällen zu feige war. Wer also war denn dann im Grunde der wahre „Bad Boy“ oder das wahre „Bad Girl“? Chloe liebte Kaden vor allem deshalb, weil er Egoisten und Leute, die Schwächere klein machten, verabscheute.
Zu gerne hätte sie einmal seine Stimme gehört, wenn er redete, aber auch, wenn er sang. Kaden spielte seit Jahren in einer Band, die er mit Schulkollegen gegründet hatte.
Chloe fasste sich an die Stirn. Herrgott, er war doch gar nicht echt!
Am Ende des zweiten Buches der Reihe wechselte Kaden von einem College in Ohio an eines in Kalifornien, da er dort einen Plattenvertrag in der Tasche hatte. Die Managerin, Bridget Wood, hatte es offensichtlich aber nicht nur auf seine Musik abgesehen. Chloe ertappte sich dabei, wie sie anfing, auf ihrer Unterlippe zu kauen, während sie las, wie Kaden auf die rothaarige Hexe traf. Unweigerlich musste sie dabei an Amber denken. Schnell las sie weiter.

„Ich glaube, ich erzähle dir kein Geheimnis, wenn ich sage, dass dir die meisten Mädchen zu Füßen liegen. Draußen vor der Agentur wartet eine ganze Traube. Die Band und du, ihr werdet kommenden Freitag eure erste Single aufnehmen. Danach wirst du dich vor weiblichen Fans nicht mehr retten können, Kaden“, sagte Bridget Wood und zog eine ihrer gezupften Brauen nach oben, während sie die Lippen in Kadens Richtung spitzte.
Auf dem Absatz drehte Kaden sich zu seiner Managerin um und sah ihr direkt in die grün leuchtenden Augen. Ihre breiten Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, während sie ihren schlanken Körper lasziv streckte. „Natürlich weiß ich das! Man gewöhnt sich daran, leider. Aber vielleicht ist sie ja dieses Mal dabei. Es ist wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen, wissen Sie? Sie wird mich zum Prickeln bringen, das weiß ich! Und verdammt, ich warte schon so lange darauf.“ Kaden lächelte ihr zu. „Es ist geil, Erfolg zu haben, aber es ist noch geiler, mit jemandem zu schlafen, für den man brennt. So wie für die Musik. Nur noch einen Tick besser.“ Er ballte eine Hand zur Faust. „Es muss explosiv sein! Ja, ich will in tausend gottverdammte Stücke gerissen werden, innerlich explodieren, sodass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Das ist es!“
Bridget wackelte mit ihrem knackigen Po, den ihre hautenge schwarze Lederhose hervorragend zur Geltung brachte, und seufzte leise. „Interessant … Klingt verlockend. Aber bis dahin naschst du doch sicher gerne, Kaden. Und wer weiß: Oft steckt ein Knalleffekt unter einer vielversprechenden Hülle“, hauchte sie und sah ihn auffordernd an.

Was für eine Ziege, dachte Chloe und pustete die Wangen auf, bis sie spannten, um die Luft dann mit einem Mal daraus entweichen zu lassen. Plötzlich flammte das Bedürfnis nach einem heißen Schaumbad in ihr auf. Doch die folgenden Zeilen ließen sie die Gedanken sofort wieder vergessen. Ohne aufzusehen, kramte sie in ihrer Schublade neben dem Bett nach einer Tafel Vollmilch-Schokolade. Als sie fündig wurde, zog sie sie heraus und schälte sie aus der roséfarbenen Verpackung. Die paar Kalorien würden ihr auch nicht mehr viel anhaben können, dachte sie sich und biss herzhaft in die haselnussbraune Tafel.
Währenddessen kettete sie ihre Blicke an die folgenden Zeilen. Kaden elektrisierte sie. Sie fand es spitze, dass er Bridget Wood zwei Kapitel später einen Korb gab und von selbst ging, bevor sie ihn rauswerfen konnte, weil er ihr nicht das gab, was sie von ihm gewollt hatte. Das Buch umfasste, wie schon die anderen Teile, knapp sechshundert Seiten. Nach der dreihundertsten, und während Kaden in seinem Wagen, einem schwarzen BMW-Cabrio, ein Nickerchen machte, fielen auch Chloe die Augen zu.

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Nur ein Traum?

Gähnend blinzelte Chloe den Schleier, der über ihren Pupillen lag, weg und tastete nach Bad Vibes. Wie hatte sie nur darüber einschlafen können? Die Lampe auf ihrem Nachttisch brannte noch. Während sie über die letzte Szene, an die sie sich erinnern konnte, nachdachte, schlossen sich ihre Lider wieder.
„Wie spät ist es eigentlich?“, flüsterte sie sich leise zu. Keinesfalls wollte sie verschlafen.
„Keine Sorge. Es ist noch früh am Morgen. Du brauchst erst in eineinhalb Stunden aufstehen. Aber ich dachte, ich schau jetzt schon vorbei und dir ein wenig beim Schlafen zu. Bist hübsch anzusehen“, drang eine männliche Stimme in ihre Ohren.
Wie vom Blitz getroffen setzte Chloe sich auf. Mit einem Schlag war sie hellwach und die Müdigkeit verflogen. Einige Strähnen ihres kastanienbraunen Haares hingen ihr ins Gesicht. Hatte sie sich die Stimme eingebildet oder war da wirklich jemand in ihrem Zimmer? Hastig teilte sie den Vorhang aus Haaren und blinzelte hindurch.
Was um alles in der Welt …?
Sie war definitiv nicht allein. Aber das konnte doch unmöglich … Ihr entwich ein kurzer Aufschrei. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett, wobei das Buch auf den Boden rutschte und direkt vor den Füßen ihres Besuchers landete, der sie seelenruhig und in lässiger Pose von der Bootskante aus beobachtete.
„Cooles Teil!“
„Was? Wer?“, stotterte Chloe.
Er zeigte auf das Bootsbett. „Dein Bett meine ich. So etwas brauche ich auch.“
Gemächlich verschränkte er die muskulösen, nackten Arme vor der Brust, über die sich ein schwarzes Shirt spannte. Der angenehme Duft seines Aftershaves stieg ihr entgegen. Es erinnerte sie an Meer und Sonne. Doch noch bevor Chloe sich darüber Gedanken machen konnte, wie lange ihr letzter Strandurlaub schon zurücklag, schweifte ihr Blick zur Tür, dann zum Fenster. Beide waren geschlossen. Die Jalousie stand auf halbmast.
„Wer …?“, bekam sie über die Lippen, dann versagte ihre Stimme.
Ihr Besuch bückte sich, hob das Buch auf und warf es zurück aufs Bett. „Pass besser darauf auf“, sagte er mit ernster Miene.
Langsam ging Chloe einen Schritt zurück, dann noch einen und noch einen, bis sie über ihre Sneakers stolperte und mit einem harten Plumps auf dem Po landete. Der Fremde stand gemächlich auf. Er schien die Ruhe selbst. Auch wenn er verdammt attraktiv war, konnte es nichts Gutes bedeuten, dass er hier in ihrem Zimmer saß. Vor allem nicht, weil er so aussah, wie …
„Unmöglich“, keuchte Chloe. Schnell rappelte sie sich wieder auf, wobei ein Stich nach dem anderen durch ihr Steißbein jagte. Schmerzhaft verzog sie das Gesicht und biss sich auf die Unterlippe, den jungen Mann mit dem schwarzen, dichten Haar und den leuchtend blauen Augen nicht außer Acht lassend. Ihr Atem drohte jeden Moment zu versagen, ihre Haut prickelte vor Angst. Sie konnte nicht ausmachen, ob sich in dem Blick des Fremden eine Spur Wahnsinn versteckte. Vielleicht war er ein Verbrecher, der sie um die Ecke bringen wollte. Ihr Brustkorb zog sich bei diesem Gedanken innerlich so stark zusammen, dass sie glaubte, er würde bersten, während der Eindringling nur schamlos über ihre Verwirrtheit grinste.
„Wie bist du hier reingekommen?“ Brennend heiß überkam sie die Tatsache, dass sie nur mit einem knappen roten Shirt und ihrer Unterhose, dazu zitternd wie Espenlaub, vor ihm stand. Amber und ihr Gefolge hätte sich bei ihrem Anblick mit Sicherheit totgelacht.
„Jedenfalls nicht durchs Fenster und auch nicht durch die Tür. Ist doch auch egal jetzt. Ich wollte dich besuchen“, gab er mit einem Lächeln zurück und neigte den Kopf leicht zur Seite.
Wie sollte sie dieses Lächeln deuten? Es brachte seine Augen auf merkwürdige Weise zum Leuchten, aber vielleicht sprach auch nur der Wahnsinn aus ihnen. Dann machte er einen Schritt auf sie zu – oder setzte er da gerade zum Sprung an?
Chloe hörte sämtliche Alarmglocken schrillen und hastete humpelnd Richtung Tür. Sie musste hier raus, weg von ihm. Ihr Besucher hatte ihren Fluchtversuch anscheinend erwartet, denn er war schneller und stellte sich rücklings vor die Tür, sodass sie gegen ihn prallte. Ihre Hände landeten auf seiner straffen Brust. Unter seinem Shirt konnte sie seine Muskeln spüren und ein erregtes Kribbeln durchflutete sie. Das war ja … krank!
„Dir gefällt das Buch sehr gut, oder?“, fragte er.
Als hätte sie sich an ihm verbrannt, wich sie eine Armlänge zurück. Überrascht bemerkte sie, dass er sie nicht einmal festhielt. Was sollte das werden? Eine Art Katz-und-Maus-Spiel? Bei Gott, auch wenn ihr Leben nicht immer einfach war, sie wollte es noch ein paar Jahre behalten!
In Gedanken rechnete sie sich aus, wie groß der Abstand zwischen ihrem Fenstersims und dem Garten war. Vielleicht würde sie sogar weich in den Rhododendronbüschen landen. Hastig schielte sie über die Schulter, setzte einen weiteren Schritt nach hinten und beobachtete dann wieder den Fremden, der sie auffordernd ansah.
„Warum antwortest du nicht, Chloe?“, fragte er.
Erneut schnappte sie nach Luft. „Du kennst meinen Namen?“
Er nickte gelassen. „Natürlich! Seit der ersten Zeile, die du gelesen hast. Wow! Es ist schön, deine Stimme zu hören, dich in Wirklichkeit zu sehen. Auch für mich ist das hier eine Premiere.“
Chloes Gedanken sprangen wild durcheinander. Sie schüttelte den Kopf, ihre Stirn runzelte sich wie Krepppapier. Was redete er da? Langsam streiften ihre Blicke an seinem rechten Oberarm entlang, auf dem ein schwarzes Tattoo in Form eines Drachen zu sehen war, der die Zähne fletschte. Darunter stand in geschwungenen Lettern: Nothing but the truth. Ihr wurde heiß, dann kalt, dann wieder heiß.
Der Fremde folgte ihrem Blick und strich dann mit einem Finger über das Tattoo. „Erkennst du es also?“, fragte er.
Ohne seinen Blick zu erwidern, nickte sie mechanisch. Natürlich kannte sie das Tattoo. Es sah genauso aus, wie das von Kaden Brooke.

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Nadine Stenglein ist Autorin aus Bayern. Bevorzugt schreibt sie Fantasy, aber auch sehr gerne Thriller, Krimis, Liebeskomödien und Liebesromane.