Ich glaub, mich küsst ein Zwerg

Kapitel 1

Es war ein durch und durch herrlicher Tag. Die Sonne spiegelte sich glitzernd auf der Oberfläche des kleinen Sees am Fuße meiner Veranda, die Vögel zwitscherten ihre Lieder, und die Bäume wiegten ihre prachtvollen Kleider, als wollten sie einen mystischen Tanz vollführen.

Zufrieden lehnte ich mich in meinem Schaukelstuhl zurück und schloss die Augen. Heute hatte ich eine Menge geschafft; gut zwanzig neue Seiten waren fleißig von mir beschrieben worden, und immer noch keimten neue Ideen in mir auf, die zweifelsohne für den Rest meines Buches ausreichen würden.

Ich liebte mein Leben. Manchmal fragte ich mich, womit ich es eigentlich verdient hatte, in einer solchen Idylle zu leben, fernab jeglicher –

»Ey, Oma, zocken wir ein bisschen FIFA?«

Ich schlug die Augen auf und blickte in das für einen Dreizehnjährigen typische chronisch gelangweilte Gesicht meines Enkels, das aus einem überdimensionierten Kapuzenpullover herausragte. »FIFA zocken« gehörte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, was nicht zuletzt daran lag, dass ich, vor allem meinem Alter geschuldet, mit Spielkonsolen absolut nichts anfangen konnte. Überhaupt hätte meinen Vorstellungen eher ein Spiel entsprochen, in dem in die Jahre gekommene Frauen als Heldinnen gefeiert wurden, die ihr Land vor dem Bösen beschützten. Frauen, die aussahen wie ich und gegen feuerspeiende Drachen kämpften, die –

»Oma?«

Der Tagtraum löste sich auf und ich schlüpfte aus meiner Rolle als furchtlose Kriegerin zurück in die der liebenden Großmutter. Ich hörte ein »Aber natürlich, mein Schatz« aus meinem Mund kommen.

Es widersprach den Gesetzen der Natur, seinen Enkelkindern etwas abzuschlagen. Das hatte ich schon als kleines Mädchen gelernt. Während meine Eltern damals stets die Meinung vertreten hatten, Süßigkeiten würden mich krank und dick machen, hatte ich mir bei meinen Großeltern den Bauch so lange mit Schokolade vollgeschlagen, bis ich mich übergeben musste. Eine gute Oma sagte nicht Nein. Ich war eine dieser guten Omas.

»Ich bin Bayern«, verkündete mein Enkel auf dem Weg ins Wohnzimmer.

»Super, Timon!«, rief ich mangels einer besseren Reaktion auf diese geistreiche Aussage.

»Du bist Dortmund, okay?«

»Ähm … ja, einverstanden.«

»Gut. Moment mal.« Timon, der es scheinbar kaum erwarten konnte, seine sechsundsechzigjährige Großmutter auf virtuellem Wege zu demütigen, machte sich in Windeseile am Fernsehapparat und der damit verkabelten PlayStation zu schaffen.

Gemeinsam ließen wir uns auf meinem Sofa nieder.

»Hier, Oma, du musst deine Aufstellung festlegen.« Timon drückte mir einen Controller in die Hand.

»Ja … Wie war das noch mal? Was passiert, wenn ich auf das X … Oh, entschuldige bitte.«

Nachdem Timon mir zum wiederholten Male die Bedeutung der verschiedenen Knöpfe und der darauf befindlichen Symbole erklärt hatte, konnte es endlich losgehen.

Es war kein sonderlich spannendes Spiel. Bereits nach zwei Minuten führte Timon mit fünf Toren. Das war auch nicht weiter verwunderlich, hielten meine Spieler es doch für eine großartige Idee, das Laufen durch permanentes Grätschen zu ersetzen. Mir schwante, dass ich mal wieder mit den Knöpfen durcheinandergekommen war.

Die Türklingel bewahrte mich vor einer zweiten Runde. Voller Dankbarkeit machte ich mich auf in den Hausflur und gewährte meiner Tochter Einlass.

»Hallo, Mama! Danke, dass du den Tag mit Timon verbracht hast. Ich weiß, wie sehr die Arbeit dich momentan in Anspruch nimmt.« Ein dicker Kuss fand seinen Weg auf meine Wange.

Ich kam nicht umhin, meine Tochter Emilia mit einem warmen Gefühl in der Brust zu betrachten. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen und dem nussbraunen, lockigen Haar war sie so wunderschön, dass Stolz in mir aufkeimte. Obwohl die kleinen Fältchen um Augen und Mundwinkel verrieten, dass sie keine junge Frau mehr war, würde sie immer mein kleines Mädchen bleiben. Die Lebensfreude, die sie versprühte, war noch ein und dieselbe, mit der sie schon in Kindertagen jeden Menschen angesteckt hatte, der ihr begegnet war.

»Das ist doch selbstverständlich, Liebes«, beteuerte ich. Innerlich war ich bemüht, mein überaus hartnäckiges schlechtes Gewissen zu verjagen. Da mir nur noch zwei mickrige Wochen blieben, um mein nächstes Buch fertigzustellen und an meinen Verlag zu schicken, war es unvermeidbar gewesen, Timon für ein paar Stunden mitsamt seiner Lieblingsfilme vor dem Fernseher zu platzieren. Ich wusste, dass er mir nicht böse war, doch irgendwie nagte es trotzdem an mir, auf der Veranda gesessen und geschrieben zu haben, während Batman vor den Augen meines Enkels für die Gerechtigkeit gekämpft hatte.

»Was habt ihr denn so getrieben?«, erkundigte sich Emilia auf dem Weg ins Wohnzimmer.

»Timon hat FIFA gespielt. Was genau ich da neben ihm veranstaltet habe, kann ich dir selbst nicht so genau sagen«, gestand ich amüsiert.

Meine Tochter musste lachen. »Schatz, bist du fertig?«, fragte sie Timon, der gerade die Schnalle seines großen, schwarzen Rucksacks zuschnappen ließ.

»Jo«, begrüßte er seine Mutter. »Gleich Mecces?« Timons Gesicht wies nun eine interessante Mischung auf, war der Ausdruck darin doch gleichzeitig gelangweilt und hoffnungsvoll.

»Himmel nein, doch nicht an einem Sonntagabend! Ich habe gekocht; und zwar reichlich. Papa dürfte auch gleich zu Hause sein. Na komm!«

»Was gibts denn?«, fragte mein Enkel gedehnt, während er neben uns in Richtung Tür schlurfte.

»Eine Reispfanne mit Gemüse und Hühnerfleisch. Ich bin sicher, es wird dir schmecken.«

»Voll homo.«

»Timon, was soll das? Homosexualität ist keine Beleidigung.«

Ich blendete die Diskussion für einen Moment aus, um mir homosexuelles Gemüse vorzustellen, und musste schmunzeln. Ob ich das wohl irgendwie in mein Buch einbauen konnte? Wohl eher nicht. Homosexuelles Gemüse hatte in einem Märchenbuch schätzungsweise nicht allzu viel verloren. Selbst, wenn es sich dabei um ein modernes Märchenbuch handelte.

***

Ich kam ausgezeichnet voran. Noch vor Ablauf der Abgabefrist überreichte ich meiner Lektorin und Freundin das fertiggestellte Manuskript mit dem verheißungsvollen Titel Prinzen zum Nachtisch.

»Auf dich kann man sich wirklich immer verlassen, Magda«, frohlockte Anna und grinste mich von der anderen Seite des monströsen Schreibtisches hinweg breit an.

»Dieses Mal hatte ich einfach einen Lauf. So schnell, wie meine Finger auf die Tasten eingehämmert haben, konnte ich gar nicht gucken«, berichtete ich triumphierend. Der Gedanke daran, dass die Früchte meiner Arbeit bald sämtliche Regale verschiedenster Buchhandlungen füllen sollten, versetzte mich in Hochstimmung. Ich war genauso aufgeregt wie vor meiner ersten Veröffentlichung und wusste insgeheim, dass es mir auch beim nächsten Mal wieder so ergehen würde.

»Weißt du, ich hatte da so eine Idee. Da dein Debütroman so erfolgreich war, dachte ich, wir könnten mal über eine Lesereise nachdenken. Vielleicht zur Mitte des Jahres, wenn dein kleiner Frischling hier schon eine Weile auf dem Markt ist?«

Augenblicklich bildeten sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Zur Mitte des Jahres klang immer so herrlich weit weg – dummerweise war es bereits April und die Mitte des Jahres somit zum Greifen nahe. Mal ganz davon abgesehen war es völlig utopisch, dass ich jemals eine Lesereise antreten würde.

»Na ja, also … Es wäre eine Überlegung wert, durchaus … Aber du weißt ja, meine Knochen wollen nicht immer so wie ich …« Diese Ausrede war derart lahm, dass ich vor Scham errötete. Noch vor wenigen Wochen hatte ich Anna überschwänglich von meiner Reise in die Schweiz berichtet, mit der ich mir einen langjährigen Traum erfüllt hatte. Mehr als ausschweifend hatte ich von meinen langen Wanderungen erzählt, von den imposanten Bergen und den glasklaren Seen. Davon einmal abgesehen machte ich ohnehin regelmäßig Sport. Unter anderem mit Anna zusammen.

»Deine Knochen? Magda, du bist fit wie ein Turnschuh.«

»Also, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Außerdem sind es ja nicht direkt die Knochen, sondern es ist doch eher das Herz.« Dumm nur, dass auch mit meinem Herzen alles in Ordnung war. Ich hatte mehr Ausdauer als die meisten jungen Leute.

Annas Augenbrauen erklommen beängstigende Höhen.

Ich seufzte theatralisch. »Na schön, na schön. Ich habe Lampenfieber«, gestand ich drucksend.

»Aha.«

Anna schien den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Große Menschenansammlungen machten mich aus unerfindlichen Gründen derart nervös, dass ich mich sogar bei längeren Schlangen an der Supermarktkasse am liebsten einfach nur auf den Boden werfen und schreien würde. Die Vorstellung, aus meinen Büchern vorzulesen, während dutzende Augenpaare auf mich gerichtet waren, brachte mich einer Ohnmacht nahe. Schuldbewusst dachte ich daran, dass ich innerhalb meiner Familie immer mit Sätzen wie »Ängste sind da, um besiegt zu werden!« herumtönte, und nahm mir vor, das in Zukunft zu unterlassen.

»Anna, ich rede hier nicht von normalem Lampenfieber. Eine Lesereise ist völlig ausgeschlossen, glaube mir! Ich würde kein einziges Wort herausbringen.« Die Idee, meinen Hundeblick aufzusetzen, mit dem ich in der Blütezeit meines Lebens dem einen oder anderen Mann ein Glas Champagner abgeluchst hatte, erwies sich als außerordentlich wirkungslos.

Meine Lektorin ließ sich nicht erweichen. »Es geht hier nicht nur um dich, Magda. Wie du weißt, würde auch der Verlag von einer solchen Aktion profitieren«, appellierte sie geschickt an meine altruistische Ader.

Glücklicherweise war diese nicht annähernd so groß wie meine egoistische. »Aber der Verlag profitiert doch schon von mir!«, maulte ich. »Was übrigens ein schnelles Ende finden wird, wenn die Leser erst einmal mit eigenen Augen gesehen haben, was für ein psychisches Wrack sich hinter dem Namen Magdalena Dombrowski verbirgt.«

»Seit wann ist Wahnsinn geschäftsschädigend? Da musst du dir schon etwas Besseres einfallen lassen.«

»Aber …«

»Nichts aber. Soll ich ehrlich sein? Es würde mir sehr viel bedeuten, wenn wir dieses kleine Abenteuer gemeinsam antreten. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal verreist bin. Seit der Trennung von Thomas jedenfalls nicht mehr. Ich bin einsam, Magda. Und ich könnte ein paar Tage mit einer guten Freundin verdammt gut brauchen.«

Ich suchte händeringend nach einem Gegenargument, konnte jedoch keines finden.

Anna, die über ein Radar für kapitulierende arme Seelen verfügte, grinste triumphierend. »Dann hätten wir das ja geklärt. Gehen wir einen Kaffee trinken?«

***

»Sieben Städte in zehn Tagen? Bist du wahnsinnig?« Entrüstet fuchtelte ich mit meiner Kuchengabel herum, von der winzige Krümel herabrieselten. Bedauernd verfolgte ich deren Sturz auf den fleckigen Boden eines schmuddeligen Eckcafés, ehe ich meine Tirade fortführte. »Ich bin doch nicht Stephen King oder Joanne K. Rowling oder … oder Cornelia Funke. Die nehmen vielleicht solche Reisen auf sich, weil das ganze Land zu ihrer Leserschaft zählt. Verstehst du nicht, Anna? Das sind die Großen, die ganz Großen! Die haben einen Namen. Was sollen das für sieben Städte sein, in denen du ausreichend Menschen finden willst, die eine meiner Lesungen besuchen? Ich bin bloß eine Oma, die perverse Märchen schreibt!«

Für den letzten Satz erntete ich den missbilligenden Blick eines Kellners.

Anna verschluckte sich an ihrem Kaffee. »So ein Unsinn! Einige deiner Geschichten leben nun einmal von ihrer latent sexuellen Komponente. Die Leute lieben so was.« Sie zwinkerte.

Latent sexuelle Komponente. Das war zwar gänzlich untertrieben, klang aber zweifellos besser als pervers.

»Zudem hast auch du dir im vergangenen Jahr einen Namen gemacht. Immerhin stand Von Prinzessinnen und ihren Gelüsten eine ganze Zeit lang in den Bestsellerlisten«, setzte Anna hinzu.

Bei Von Prinzessinnen und ihren Gelüsten handelte es sich um mein Erstlingswerk, das sich in der Tat ziemlich gut verkauft hatte. Zugegebenermaßen verdrängte ich meinen nicht zu verachtenden Erfolg oftmals, ohne es zu wissen. Der Grund dafür war simpel: Ich konnte es noch immer nicht fassen.

»Das mag sein, Anna. Aber ich sollte trotzdem Vorsicht walten lassen. Der Erfolg meines letzten Buches verspricht mir nicht automatisch den Erfolg des nächsten.« Wenn ich eines im Leben gelernt hatte, dann war es Folgendes: Wer Hoffnungen möglichst gering hielt, konnte auch besser mit Enttäuschungen umgehen.

Es faszinierte mich, dass ich mittlerweile mehr Angst vor einem leer gefegten Raum hatte als vor einer gesunden Anzahl an Menschen, die sich für mein Buch interessierten. Ob man das als Fortschritt bezeichnen konnte?

»Was hältst du davon, deine Sorgen einmal unter den Tisch zu kehren und dir anzuhören, in welch fantastische Städte es dich verschlagen wird?«, schlug meine Lektorin gut gelaunt vor. Sie fischte ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrer Handtasche, strich es glatt und begann, mich mit Informationen zu überhäufen. »Starten werden wir in Lübeck. Ein nettes Fleckchen Erde, wirklich! Das Holstentor wird bei Weitem nicht das einzige Bauwerk sein, dessen Charme du erliegen wirst. Als Nächstes geht es dann nach Hamburg. Glaube mir, ein kleiner Spaziergang an der Alster wird dir alle Anspannung nehmen. Unsere dritte Anlaufstelle ist Rostock. Sollte ursprünglich die zweite werden, aber es gab ein paar terminliche Schwierigkeiten mit der dortigen Buchhandlung. Was soll ich sagen? Allen Komplikationen zum Trotz eine ebenso schöne und anheimelnde Stadt wie die vorherigen. Danach machen wir uns auf nach Berlin. Darauf freue ich mich ganz besonders. Es ist ewig her, dass ich das letzte Mal dort war. Wie ist es bei dir?«

Meine Antwort ließ wohl zu lange auf sich warten, denn Anna redete direkt weiter auf mich ein. »Bleiben noch Hannover, Göttingen und … Na, was glaubst du? Welche Stadt habe ich mir für die letzten drei Tage als ganz besonderes Sahnehäubchen aufgehoben?«

Ich war einigermaßen ratlos.

»Komm schon, Magda, so schwer ist es nicht. Es hat etwas mit deinen Büchern zu tun.«

»Las Vegas?!«, quiekte ich voller Entsetzen. Bei aller Liebe, das würde ich nicht mitmachen! Anna hatte wohl einen weitaus größeren Hackenschuss, als ich es zunächst vermutet hatte. Was sollte eine Frau über sechzig bitteschön in Las Vegas mit sich anzufangen wissen? Mit einem Rollator durch den Caesars Palace flitzen?

»Aber nein, wie kommst du denn darauf?«, wehrte Anna ab.

»Na ja, in einer meiner Geschichten entschließen Prinz Schwengel und seine Angebetete sich doch dazu, in Vegas zu heiraten, damit die Familie keinen Wind davon bekommt«, rechtfertigte ich meine scheinbar mehr als unzutreffende Aussage.

»Prinz Schwengel …« Anna lächelte verträumt.

»Ähm, hallo?«

»Entschuldige. Also, zurück zum eigentlichen Thema: Unser letzter Halt wird Kassel sein.« Sie strahlte mich an. Bis über beide Ohren.

In der Erwartung, sie würde noch hinzusetzen, was an Kassel so bezaubernd war, beugte ich mich vor und wartete.

Nichts geschah.

»Naaa?«, fragte ich schließlich mit auf und ab wippenden Augenbrauen.

Die Begeisterung in Annas Gesicht wich einem Ausdruck tiefen Bedauerns. »Du hast keine Ahnung, warum ich Kassel ausgewählt habe, oder?«

Mein Gesicht kribbelte. »Na ja, also so würde ich das jetzt nicht sagen. Kassel ist für vielerlei Dinge berühmt, zum Beispiel für … Ahhhh!« Der Groschen fiel. »Die Brüder Grimm. Darauf spielst du an. Natürlich. Ein paar ihrer berühmtesten Werke entstanden während ihrer Zeit in Kassel.« Ich war äußerst zufrieden mit mir.

»Ganz recht. Eine märchenhafte Stadt, im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Das ist toll, Anna. Wirklich. Es wird mir eine Ehre sein, dort lesen zu dürfen«, lobte ich sie, und der Ausdruck des Bedauerns auf ihrem Gesicht verschwand.

***

Ich war mehr als dankbar für die Unterstützung, die ich während der folgenden Wochen erhielt. Emilia und Timon besuchten mich so regelmäßig, dass ich beinahe das Gefühl hatte, sie wären bei mir eingezogen. Sogar Holger, mein Schwiegersohn, schaute mindestens zweimal die Woche vorbei, was angesichts seiner unchristlichen Arbeitszeiten an ein Wunder grenzte.

Trotz der wohltuenden Gesellschaft meiner Liebsten wurde mir schmerzlich bewusst, dass mir ein Mann an meiner Seite fehlte. Ich kam nicht oft zu dieser Einsicht, zog ich es doch vor, unangenehme Tatsachen zu verdrängen. Doch während ich Tag für Tag und Woche für Woche vergeblich versuchte, mich seelisch auf meine anstehende Lesereise vorzubereiten, bahnte sich die Sehnsucht hartnäckig ihren Weg an die Oberfläche.

»Wenn ich einen Partner hätte, könnte er mich begleiten«, maulte ich daher eines schönen Nachmittages zum Erstaunen meiner Tochter, die mich bisher nur ein einziges Mal über mein Dasein als alleinstehende Frau hatte meckern hören. Und das auch nur, weil ich auf der vorletzten Weihnachtsfeier ihres Betriebes ein inniges Verhältnis mit einem Pott Glühwein eingegangen war.

»Aber Mama, was … Ich meine ja, das wäre wirklich schön, aber …« Emilia verstummte und begann, mit ihrer Suppenschüssel um die Wette zu starren.

»Entschuldige. Es war dumm von mir, das Thema anzuschneiden.«

Meine Tochter schüttelte vehement den Kopf. Verstohlen warf sie einen Blick ins Wohnzimmer.

Timon hatte sich, nachdem er von der Zwiebelsuppe als Mittagsgericht erfahren hatte, kurzerhand dazu entschlossen, dass er doch nicht hungrig war, und es sich vor dem Fernseher bequem gemacht.

Offenbar wollte Emilia sichergehen, dass er seine Aufmerksamkeit voll und ganz dem Geschehen auf dem Bildschirm widmete, bevor sie weitersprach. »Dein Verschleiß an Männern ist rekordverdächtig, und das weißt du auch. Ich nehme dir nicht übel, dass du meinen Vater damals verlassen hast. Es war vermutlich wirklich besser so, das sehe ich ein, und du wolltest mich nur beschützen. Aber auch danach wolltest und konntest du dich nie festlegen. Kaum hatte ich mich an jemanden gewöhnt, durfte er auch schon wieder seine Sachen packen und der Nächste kam durch die Tür spaziert. Fakt ist: Du hast es nie lange mit einem Mann ausgehalten. Niemand konnte dir je gerecht werden.«

Das hatte gesessen. Eine Zeit lang blinzelte ich nur ungläubig. Mein Verschleiß an Männern? Nur weil ich ein wenig Abwechslung in mein Leben hatte bringen wollen und es mir stets absurd vorgekommen war, mich für immer und ewig an ein und dieselbe Person zu binden, musste man ja nicht gleich von Verschleiß reden. Oder? »Der Richtige war eben einfach nie dabei. Das ist manchmal so. Nicht jeder Mensch findet die große Liebe und hat das Glück, sein Leben in Zweisamkeit zu verbringen«, verteidigte ich mich und unterdrückte den Impuls, meine Unterlippe vorzuschieben und die Arme zu verschränken.

»Aber Mama, genau das hättest du haben können. Nur war dir nie jemand gut genug, ganz egal, was er für dich getan hat. Nie. Also höre bitte auf, dich zu beschweren.«

Ich wollte mich empören, meine Stimme erheben, Emilia zurechtweisen und sie für diese verletzende Aussage tadeln. Das wollte ich wirklich. Aber ich konnte es nicht. An Emilias Worten war durchaus etwas Wahres dran, ob ich das nun wahrhaben wollte oder nicht. Viele meiner Verehrer hatten mich auf Händen getragen, doch ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, nach ihren Fehlern zu suchen und sie mir selbst schlechtzureden. Meine Freiheit hatte stets über allem gestanden. Unabhängigkeit war in meinen Augen das einzig Erstrebenswerte gewesen.

»Ich möchte mich nicht beschweren. Du und Timon, ihr seid alles, was ich brauche«, antwortete ich und stellte zu meiner eigenen Überraschung fest, dass meine Augen feucht wurden.

Emilias gefrorene Gesichtszüge tauten auf.

»Boah, zieht euch das mal rein! Die haben Wasser auf dem Mars entdeckt. Wie krass ist das bitte?«, drang es ehrfürchtig aus dem Wohnzimmer.

Vorsichtig lächelte ich meine Tochter an. Sie lächelte zurück.

Den Rest des Abends verbrachten wir zu dritt auf meinem Sofa, sahen uns auf Timons Wunsch hin ein paar Pannenvideos an, in denen Mensch und Tier vor laufender Kamera alle nur denkbaren Missgeschicke geschahen, und waren nur allzu bereit, das unangenehme Gespräch aus unserem Gedächtnis zu verbannen.

Es war der Abend vor Beginn meiner Lesereise, und ich stand kurz vor einer ausgewachsenen Panikattacke. Dreimal hatte ich meinen Koffer ein- und wieder ausgepackt, weil ich das Gefühl nicht losgeworden war, etwas vergessen zu haben. Einzig und allein die Tatsache, dass ich mir mittlerweile ziemlich neurotisch vorkam, hielt mich davon ab, es noch ein viertes Mal zu tun.

Es war bereits zehn Uhr, und ich würde um fünf aufstehen müssen. Eigentlich höchste Zeit, ins Bett zu gehen, doch ich fühlte mich noch immer unzureichend vorbereitet. Also entschied ich mich kurzerhand dazu, das nächstbeste Buch zur Hand zu nehmen, mich mitten ins Wohnzimmer zu stellen und mir eine imaginäre Zuhörerschaft vorzustellen, die es mit meinen Worten zu begeistern galt.

Ich räusperte mich, schlug die erste Seite auf und konzentrierte mich darauf, meine Stimme fest und selbstbewusst klingen zu lassen.

»Acht Gemälde für eine Ausstellung sollen in vierundzwanzig Tagen von fünfzehn Künstlern erstellt werden. Nach sechs Arbeitstagen fallen zwei Künstler aus, jedoch wird die Kreativgemeinschaft nach weiteren vier Tagen um sieben Künstler erweitert, weil noch zwei Gemälde zusätzlich gemalt werden sollen. Wann sind die zehn Gemälde fertig gestellt?«, krakeelte ich durch den Raum.

Gut, es wäre sicherlich hilfreich gewesen, hätte ich aus meinem eigenen Buch vorgelesen, doch das befand sich sicher verpackt in meinem Koffer, den ich ja aus Gründen der Selbstachtung nicht mehr hatte anrühren wollen. Und ja, es war gegebenenfalls nicht besonders optimal, dass es sich bei dem Buch in meinen Händen um eine Sammlung diverser Textaufgaben für die achte Klasse handelte. Noch viel weniger schön war es allerdings, dass ich mich während des Lesens anhörte wie ein heiserer Bundeswehroffizier. Weshalb hatte ich so rumgeschrien?

Hastig entschuldigte ich mich bei meinem imaginären Publikum und versuchte es nun sanft und melodisch.

»Ein Mann kauft fünfhundert Papageien …«

Abrupt stoppte ich. In welchem Universum kaufte man sich fünfhundert Papageien? Und was tat man dann mit ihnen?

Entnervt stellte ich das Buch zurück an seinen Platz und ersetzte es durch ein anderes. Paradiesische Gärten stand auf dem Einband.

Heiter flötete ich Namen und Herkunft exotischer Pflanzen durch mein verlassenes Haus, bis mein Hals trocken wurde. Anschließend putzte ich aus Jux und Tollerei die Küche. Die Uhr schlug Mitternacht, als ich hinausging, um die Blumen zu gießen. Unmittelbar danach kaufte ich zwei elektrische Heizdecken auf dem Teleshopping-Kanal.

Dann endlich fiel ich in einen traumlosen Schlaf.

***

Entgegen meinen Vermutungen erwies sich meine Angst als vollkommen unbegründet. Auch wenn zunächst alles danach ausgesehen hatte, als würde meine erste Lesung guten Stoff für einen Endzeitroman liefern.

Die Führung durch die Lübecker Altstadt trat ich als psychisches Wrack an; meine Aufnahmefähigkeit glich der eines Stücks Marzipan. Auch die Instruktionen der zuvorkommenden Buchhändlerin, die den Abend moderieren würde, wollten meine Ohren partout nicht erreichen.

Erst kurz vor Einlass, als Anna mir großzügigerweise ein Glas Wein gewährte und mir obendrein versicherte, dass sie draußen bereits ein Dutzend Leser erspäht hatte, legte sich meine Anspannung zumindest ansatzweise.

»Deine Angst ist irrational«, beschwichtigte mich meine Lektorin zum wiederholten Male. »Selbst, wenn ich draußen niemanden gesehen hätte – es wurden genug Karten verkauft. Du wirst vor rund fünfzig Leuten lesen, Magda.«

»Aber du hast sie doch gesehen? Oder sagst du das nur, um mich zu beruhigen?«

»Himmel, nein …«

Die Diskussion kam erst zum Erliegen, als ich angekündigt wurde und an meinen Platz wankte. Unentwegt sendete ich Kommandos wie Lächeln! an mein Gehirn in der Hoffnung, dass es sie möglichst zeitnah umsetzte.

Nachdem ich ungeschickt auf meinem Stuhl Platz genommen hatte, richtete ich ein paar wirre Worte an meine Leserschaft und ermahnte mich zur Ruhe. Trotz aller Bemühungen drohte die Panik mich zu überwältigen, sah ich doch plötzlich alles verschwommen. Hektisch griff ich dahin, wo ich mein Wasserglas vermutete, und schüttete mir den halben Inhalt über meine Satinbluse. Vereinzeltes Gelächter ertönte. Spontan entschied ich mich dazu, mit einzustimmen.

Zu meinem großen Erstaunen sollte es allerdings keine weiteren Zwischenfälle geben. Kaum hatte ich zu lesen begonnen, blendete ich meine Umgebung vollständig aus und tauchte ein in eine eigens von mir geschaffene Welt.

***

»Das war ja der helle Wahnsinn, Magda!«, rief Anna mit schriller Stimme aus. Sie umarmte mich stürmisch. »Du bist die geborene Rednerin, hat dir das mal jemand gesagt? Wow, ich bin echt hin und weg.«

Mein Ego klopfte sich selbstgefällig auf die Schulter. Das Glücksgefühl, das mich überkommen hatte, als ich meine Geschichten in die bescheidene Welt der Buchhandlung hinausgetragen hatte, hatte einen riesigen Schatten über die lästige Angst geworfen. »Ich habe mich noch nie zuvor so lebendig gefühlt«, verkündete ich mit glühenden Wangen.

Selbst die Signierstunde am Ende der Veranstaltung hatte ich mit Bravour gemeistert. Noch immer labte ich mich an den in meinem Kopf widerhallenden Lobpreisungen meiner Leser.

Anna hakte sich bei mir unter. »Darauf stoßen wir an! Komm, meine Liebe, ich kenne da einen wunderbaren Italiener an der Untertrave.«

***

Es gab weitaus schönere Dinge, als mit einem Kater nach Hamburg zu fahren. Dessen war ich mir am nächsten Morgen zu hundert Prozent sicher.

Anna verbarg ihre rot geränderten Augen hinter einer überdimensionierten Sonnenbrille und gab keinen Mucks von sich, ich starrte stur aus dem Fenster und fixierte den Horizont, als hinge mein Leben davon ab. Nur nicht bewegen lautete die Devise. Ganz simpel.

Zum Glück erreichten wir bereits nach knapp anderthalb Stunden unser Ziel.

Nach einem kleinen Schläfchen auf dem Hotelzimmer machten wir uns auf ins Zentrum der Stadt und ersetzten die ursprünglich geplante Sightseeingtour durch den Verzehr zweier Fischbrötchen, der ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch nahm.

Ich kam nicht umhin, mich ein wenig für meinen Zustand zu schämen. Immerhin war ich keine zwanzig mehr, nicht einmal dreißig, vierzig oder fünfzig, sondern eine waschechte Großmutter auf intellektueller Mission, zu deren Bestandteilen nicht unbedingt drei Flaschen Weißwein gehörten.

»Das passiert mir nicht noch mal«, stöhnte ich nach dem gewonnenen Kampf mit meinem Fischbrötchen.

***

Natürlich passierte es mir wieder.

Herr Zweiacker, Weinliebhaber und Leiter der Filiale, in der ich meine Lesung diesmal abhielt, lud Anna und mich nach getaner Arbeit zum Essen ein. Die Konsequenzen waren verheerend. Auf dem Weg nach Rostock reichte es nicht ganz, nur den Horizont zu fixieren und zu hoffen. Beinahe alle zehn Minuten suchten wir eine Raststätte auf, um frische Luft zu schnappen und ein paar Schritte zu gehen, ehe wir die endlos erscheinende Fahrt wieder aufnahmen.

Auch an diesem Abend sollten Anna und ich nicht verschont bleiben, überraschte mich doch meine Tochter mit einem Besuch. Sie war beruflich in der Nähe der Stadt unterwegs gewesen und führte uns in ein griechisches Restaurant aus, in dem eindeutig zu viel Ouzo aufs Haus ging.

In Berlin verlor ich meine Hoffnung auf einen Morgen ohne Kater bereits frühzeitig. Im Publikum befanden sich gute Bekannte meiner Lektorin, die uns kurzerhand zu sich nach Hause einluden, um mit uns anzustoßen.

Mein relativ jung gebliebenes Äußeres, das ich bisher stets als Segen empfunden hatte, entpuppte sich mittlerweile als Fluch. Wären meine Haut schrumpelig und meine Haare grau gewesen, die Körperhaltung leicht gebückt, so hätte man mir möglicherweise Kaffee oder Tee statt hausgemachten Schnapses angeboten. Ich überlegte ernsthaft, einen Friseur und einen Maskenbildner aufzusuchen, um dem Schlamassel zukünftig zu entkommen.

Nach meiner Lesung in Hannover waren Anna und ich glücklicherweise nicht mehr imstande, die Einladung eines vermeintlich von meiner »schier unglaublichen Kreativität« begeisterten Lesers anzunehmen, der meiner Ansicht nach einfach nur ein Auge auf meine Lektorin geworfen hatte. Halbtot fielen wir ins Bett – und verschliefen den Wecker.

Trotz verspäteter Abreise kamen wir rechtzeitig in Göttingen an. Die Lesung war wie Balsam für meinen geschundenen Geist, den ich nach den vergangenen Nächten bereits tot geglaubt hatte. Mit der Erholung war es aber auch schon wieder vorbei, kaum dass wir aus der Tür der Buchhandlung getreten waren. Anna bat mich, sie zu einem Jazzkonzert zu begleiten. Zunächst sah alles ganz gut aus: Anna hatte bereits ein paar Cocktails intus, doch ich schreckte vor den Preisen zurück und blieb konsequent beim Wasser. Als sie dem Inhaber der Bar, in der die Veranstaltung stattfand, jedoch in meinem Namen (und in einigermaßen beschwipstem Zustand) ein Exemplar meines Buches schenkte, sprach er die fünf verheerenden Worte: »Der Rest geht aufs Haus!«

***

»Ich habe mir vorhin sechsmal die Zähne geputzt, und meine Zunge ist immer noch pelzig«, klagte Anna, die völlig übermüdet am Steuer saß.

Ich hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, spekulierte ich doch gerade darüber, wie sich die letzten Tage auf meine Leberwerte ausgewirkt hatten. »Bitte sag mir, dass du uns für Kassel ein Wellnesshotel gemietet hast, das wir ausschließlich für den heutigen Termin verlassen werden«, krächzte ich. Zu allem Überfluss war ich heiser. Die Jazzband hatte so laut gespielt, dass Anna und ich uns hatten anschreien müssen, um den jeweils anderen zu verstehen.

»Ach, Magda, wir haben drei Tage Zeit. Da werden wir doch nicht in einem Hotel versauern.«

Der Gedanke, die Haare grau zu färben und mir tiefe Furchen schminken zu lassen, erschien immer verlockender. »Anna, ich bin zu alt für so was. Vergiss das nicht, ich könnte deine Mutter sein.«

»Du siehst aber nicht so aus. Außerdem bist du kerngesund. Erzähl mir nicht, dass du bisher keinen Spaß hattest!«

»Darum geht es nicht, ich …«

»Wo kann man sich besser gehen lassen als an Orten, an denen einen keiner kennt?«

»Anna, mein Gesicht schmückt dank dieser Lesereise diverse Plakate an diversen Buchhandlungen.«

»Na ja, aber …«

»Achtung, hier musst du abfahren!«

Die Diskussion darüber, ob ich zu alt zum tagelangen Feiern war, zog sich noch eine ganze Weile hin. Als Anna mich schließlich lachend fragte, warum ich überhaupt mitgetrunken hätte, wenn ich doch angeblich schon fast am Stock ging, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. So oft ich mich wähend der letzten Tage auch über unsere ausschweifenden Abende beschwert hatte, ich wollte keinen von ihnen missen. Dennoch lag mir auch etwas daran, weiterhin für mein künstlerisches Schaffen und nicht bloß für glasige Augen, abstehende Haare und eine schwere Zunge bekannt zu sein. Es wurde also eindeutig Zeit für ein bisschen Kultur.

So kam es, dass Anna und ich den Tag damit zubrachten, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu eilen. Wir besahen uns die Löwenburg, bestaunten das Marmorbad, genossen die eindrucksvolle Aussicht von der Aussichtsplattform bei der Herkulesstatue und besuchten die Grimmwelt.

Kassel hatte es mir wahrhaftig angetan. Jeder Winkel dieser Stadt inspirierte mich, meine Fingerspitzen kribbelten unaufhörlich. Ich war drauf und dran, mir Stift und Papier zu schnappen, mich in die Ecke einer Spelunke zurückzuziehen und einfach draufloszuschreiben, bis mir die Gelenke schmerzten. Die Müdigkeit der letzten Tage war wie weggeblasen. Ich konnte es mir selbst nicht erklären, doch ich strotzte geradezu vor Lebensenergie.

Kapitel 2

»Es war eine wunderbare Idee von dir, Kassel zu unserem letzten Ziel zu machen«, lobte ich Anna überschwänglich, während ich voller Vorfreude auf meine anstehende Lesung an meinem wohltuenden Tee nippte. Die gedämpften Stimmen meiner eintreffenden Leserschaft drangen durch die Wand, doch ich empfand keine Aufregung. Alles war so, wie es sein sollte.

»Ja, wirklich großartig. Herrgott, Magda, weißt du eigentlich, wie sehr mir die Füße schmerzen? Wieso um alles in der Welt musstest du mich heute so durch die Gegend hetzen, wo wir doch noch zwei volle Tage vor uns haben?«

»Wieso stand ich die letzte Woche durchgehend unter Alkoholeinfluss? Wenn wir anfangen, das zu hinterfragen, drehen wir uns nur im Kreis. Lassen wir das Jammern sein und erfreuen uns an der Schönheit des Lebens.«

Meine Lektorin versah mich mit einem kritischen Blick. »Du klingst überhaupt nicht nach dir selbst.«

»Nach wem denn dann?«

»Nach dem Dalai-Lama auf Crack.«

»Auf was?«

»Vergiss es.«

»Wenn das dein Wunsch ist.« Meine neu entdeckte Gelassenheit gefiel mir prima.

Anna öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ein hektisches Klopfen schnitt ihr das Wort ab.

In der Tür erschien ein vor Nervosität rot gesprenkelter Frauenkopf, der zur Filialleiterin gehörte. »Es geht los!«

Ich hielt mich nicht im Entferntesten an die Zeitvorgabe von zwei Stunden, sondern überzog maßlos. Das lag nicht zuletzt daran, dass ich diesen letzten Abend meiner Lesereise zu einem ganz besonderen machen wollte.

Falls jemand aus dem Publikum noch etwas Dringendes vorhatte, so ließ er es sich nicht anmerken. Soweit ich es beurteilen konnte, hingen alle Anwesenden an meinen Lippen, was mir außerordentlich schmeichelte.

Auf einige vorgelesene Seiten aus meinem neuesten Buch folgten Anekdoten aus meinem Leben; ich berichtete von lustigen Erlebnissen und denkwürdigen Augenblicken, von meinen Anfängen als Schriftstellerin und den damit verbundenen Höhen und Tiefen. Auch die Publikumsfragen beantwortete ich heute ausgesprochen ausführlich. Ich war sehr zufrieden mit mir.

»Sie sind wirklich eine reizende Person«, verkündete ein strahlender, schmächtiger Mann mittleren Alters, der mir sowohl ein Exemplar von Von Prinzessinnen und ihren Gelüsten als auch eines von Prinzen zum Nachtisch über den Tisch reichte.

Ich bedankte mich herzlich.

»Könnten Sie Für Harald hineinschreiben?«, bat er mit rosafarbenen Wangen.

»Aber natürlich!«

Die Signierstunden würden mir am meisten fehlen, dessen wurde ich mir just in diesem Moment bewusst. Der direkte Kontakt und die erquickenden Gespräche mit jenen Menschen, die ihre Freizeit damit verbrachten, von mir geschriebene Bücher zu lesen, waren unendlich wertvoll. Es gab keine größere Ehre für mich, als an ihrer Freude teilhaben zu dürfen. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.

»Für Heinz-Kunz, wenn ich bitten darf.«

Das Lächeln erstarb. Die Stimme des Mannes, der nun vor mir stand, war derart schrill und nervtötend, dass ich um mein Gehör fürchtete. »Ähm, ja … sicherlich.« Anstatt sofort den Stift zu zücken und seinem Wunsch nachzukommen, starrte ich ihn jedoch erst einmal unverwandt an.

Er war klein, auffallend klein, und äußerst merkwürdig gekleidet. Der zierliche Körper war in einen tannengrünen Mantel gehüllt, und auf dem Kopf trug er einen spitzen, schwarzen Hut, aus dem rote Haare hervorlugten. Was mich am meisten aus der Fassung brachte, war allerdings das Gesicht des Mannes. Eine dicke, wulstige Narbe schien es in zwei Hälften teilen zu wollen. Kerzengerade verlief sie vom Scheitel bis zum Kinn. So sehr mich meine innere Stimme auch ermahnte, meinen Blick endlich abzuwenden und das unhöfliche Starren zu unterlassen, es wollte mir nicht gelingen.

»Gibt es irgendein Problem?«, quäkte mein sonderbarer Leser.

Ich zuckte zusammen und schüttelte beschämt den Kopf. »Nein, nein … Verzeihen Sie bitte.« Hastig kritzelte ich eine Signatur in das vor mir liegende Exemplar und reichte es dem Unbekannten.

»Vielen Dank.« Er beugte sich nach vorn, um das Buch entgegenzunehmen, und da sah ich es: Die Narbe endetet nicht an seinem Kinn, sondern zog sich den gesamten Hals hinunter, ehe sie sich im Ausschnitt eines roten Strickpullovers verlor.

Ich musste schlucken. Was war diesem Mann nur zugestoßen?

In diesem Moment war mir noch nicht klar, dass ich es allzu bald erfahren sollte.

***

Der Weg zurück zum Hotel kam mir endlos vor. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so geschafft gewesen zu sein. Jeder weitere Schritt, den wir in der kühlen Nachtluft taten, ließ mich träger werden.

Die letzten Tage hatten mir unsagbar viel Freude bereitet, doch die zahlreichen Unternehmungen, insbesondere jene, bei denen Alkohol im Spiel gewesen war, forderten allmählich ihren Tribut.

»Hast du noch Lust auf einen kleinen Absacker?«, erkundigte sich Anna, als wir endlich den Hoteleingang passierten.

Mein Gesichtsausdruck schien als Antwort zu genügen.

»Schon gut, schon gut … Dann schlaf schön, meine Liebe, und erhol dich gut! Ich werde mal sehen, ob ich dem einsamen Herren dort eventuell Gesellschaft leisten kann.« Ein vielsagendes Augenzwinkern später war meine Lektorin bereits in Richtung Hotelbar entschwunden, an der tatsächlich ein nicht unansehnlicher Mann mittleren Alters ohne Begleitung saß.

Ich lächelte in mich hinein, wünschte ihr gedanklich alles Gute und betrat den Aufzug. Manchmal, so stellte ich fest, sah ich in Anna eine jüngere Version von mir. Unfähig, sich fest zu binden, immer auf der Suche, ruhelos, selbstzerstörerisch … Seit wann machte Müdigkeit mich eigentlich so depressiv?

Ein leises Ping verriet mir, dass ich es in mein Stockwerk geschafft hatte. Immer noch in Gedanken versunken trat ich hinaus und schlenderte den Flur entlang.

»So sieht man sich wieder.«

Ich wirbelte herum, die Handtasche in meiner erhobenen Hand. Bereit, sie niedersausen zu lassen.

»Das ist nun wirklich nicht nötig«, befand Heinz-Kunz mit einem Blick auf meine provisorische Waffe.

»Was … Was machen Sie hier?« Mir war bewusst, dass diese Frage im Normalfall etwas seltsam anmutete. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer meiner Leser sich in dasselbe Hotel wie ich einquartiert hatte, war sicherlich nicht allzu gering. Dennoch hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Meine Müdigkeit war wie weggeblasen, Adrenalin jagte durch meinen Körper.

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten«, sagte Heinz-Kunz geradeheraus.

»Moment mal – sind Sie mir gefolgt? Warum zum Teufel haben Sie vorhin nicht mit mir geredet?«

»Es handelt sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit, die auf keinen Fall vor Dritten besprochen werden kann.«

»Na, wenn das so ist«, ich strich meinen Rock glatt und reckte das Kinn, »dann schreiben Sie mir doch bitte einen Brief. Ich bin müde und würde nun gern zu Bett gehen. Einen schönen Abend noch.«

Wie erwartet ließ Heinz-Kunz sich nicht so einfach abwimmeln. Er folgte mir kurzerhand, als ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer machte.

»Du meine Güte, was wollen Sie? Kann das nicht warten? Lassen Sie mich jetzt schlafen, sonst rufe ich den Sicherheitsdienst!« Seine Dreistigkeit verärgerte mich.

»Ich brauche Ihre Hilfe. Wir alle brauchen Ihre Hilfe.« Seine nervtötende Stimme hatte einen flehentlichen Klang angenommen.

Ich seufzte. Sah ihn an.

Seine Augen waren feucht.

Ich seufzte erneut. »Also schön, verdammt noch mal! Worum geht es denn?«

»Möchten Sie mich nicht hineinbitten?«

»Überspannen Sie den Bogen nicht.«

»Aber wenn uns jemand hört?«

»Sie machen mich fertig!« Leise fluchend schloss ich meine Zimmertür auf. Eigentlich konnte ich kaum fassen, was ich da tat. Immerhin gewährte ich einem völlig fremden Mann Zutritt zu meinem Hotelzimmer. Und ich war allein. Wer würde mich hören, wenn ich schrie?

Doch meine Neugier überwog. Das hatte sie immer schon getan. Der Gedanke daran, dass ich mit Mitte sechzig immer noch so unvernünftig war wie zu meiner Jugendzeit, zauberte mir ganz kurz ein Lächeln ins Gesicht. »Sie können dort Platz nehmen.« Ich deutet auf einen Stuhl am anderen Ende des Zimmers, während ich selbst mich auf der Bettkante niederließ.

»Vielen Dank.«

»Also, worum geht es?«

»Wissen Sie, wer ich bin?«

Ich verdrehte die Augen. Was war das denn für ein Spielchen? »Selbstverständlich. Sie heißen Heinz-Kunz, haben vorhin meine Lesung besucht und haben allem Anschein nach nicht die beste Erziehung genossen. Andernfalls würden Sie einer älteren Dame wohl kaum nachstellen.«

»Nein, nein. Das ist nicht mein richtiger Name. Raten Sie mal.«

Das war mir nun wirklich zu blöd. »Hören Sie, ich glaube, ich bin Ihnen sehr entgegengekommen. Aber jetzt verlassen Sie bitte umgehend mein Zimmer und lassen mich in Frieden. Für so etwas habe ich keine Zeit.«

Wider Erwarten erhob Heinz-Kunz sich tatsächlich von dem Stuhl, den ich ihm zugewiesen hatte. Allerdings nicht, um meiner Aufforderung nachzukommen. Stattdessen begann er, wie verrückt im Kreis zu tanzen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich weglaufen und die nächstgelegenen Klapsmühlen über einen potenziellen flüchtigen Patienten informieren müssen, doch ich war völlig gefesselt von diesem einzigartigen Schauspiel.

»Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß. Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen ganz geschwind, hol ich mir im Morgengrauen der Königin ihr einz’ges Kind.«

Mir klappte die Kinnlade herunter. »Sie halten sich für Rumpelstilzchen?!«

Heinz-Kunz beendete sein Tänzchen und wandte sich mir zu. »Ich bin Rumpelstilzchen. Schauen Sie her!«

»Was … oh, um Gottes willen, behalten Sie das an!« Eilig schlug ich mir die Hände vors Gesicht, als mein ungebetener Gast sich zu entblößen begann.

»Bitte, Sie müssen hinsehen! Ich habe mich selbst entzweigerissen, erinnern Sie sich? Als die Königin meinen Namen erriet.«

Zögernd entfernte ich meine Hände von meinem Gesicht.

Heinz-Kunz stand, nur mit einer Unterhose bekleidet, vor mir. Die Narbe, die mir bereits während meiner Signierstunde aufgefallen war, setzte sich tatsächlich über seinen gesamten Körper fort. Sie teilte ihn in der Mitte.

Ich verlor das Bewusstsein.

***

»Guten Morgen, Magda! Weißt du schon, wo du am liebsten … Ach du Scheiße!«

»Hmpf?« Ich gähnte ausgiebig, bevor ich die Augen öffnete.

Anna stand in der Verbindungstür unserer Zimmer und starrte entgeistert zu mir herab. »Ist alles in Ordnung bei dir? Was ist denn passiert?«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, bis ich versuchte, mich aufzusetzen. Jeder einzelne Muskel tat mir weh. Stöhnend sah ich mich um und realisierte, dass ich auf dem Boden geschlafen hatte. »Oh … Puh, ich weiß auch nicht, wie ich hier gelandet bin. Vermutlich bin ich aus dem Bett gefallen.«

»In das du dich vollständig bekleidet gelegt hast?«, hakte Anna ungläubig nach. »Mit Schuhen?«

Die Erinnerung an gestern Nacht brach ohne Vorwarnung über mich herein. »Oh … Oh Gott!«

»Was? Was ist denn?« Anna kniete sich neben mich und legte besorgt einen Arm um meine Schulter.

»Ich weiß es wieder. Es war sehr merkwürdig, ich … ähm … Ich bin auf dem Weg zum Badezimmer hingefallen und war dann zu faul, wieder aufzustehen. Es war so schön gemütlich, und da bin ich einfach eingeschlafen.« Für eine Schriftstellerin war das eine verhältnismäßig unkreative Ausrede, doch mein Hirn war viel zu sehr damit beschäftigt, das zu verarbeiten, was vor einigen Stunden geschehen war.

»Ja, wirklich sehr bequem«, stimmte Anna mir stirnrunzelnd zu, während sie mehrmals auf den steinharten Boden klopfte.

Ich hatte nicht die geringste Lust, weiterhin über die merkwürdigen Umstände zu diskutieren, unter denen meine Lektorin mich aufgefunden hatte. »Ich werde schnell duschen gehen und dir dann Bescheid geben. Du kannst ja schon mal ein nettes Café raussuchen, wenn du magst.« Ich rappelte mich umständlich auf und verschwand dann eilig im Badezimmer, bevor Anna noch etwas sagen konnte.

***

Das reichhaltige Frühstück brachte mir nicht nur meine Kräfte, sondern auch meinen gesunden Menschenverstand zurück. Das »Rumpelstilzchen-Ereignis«, wie ich es nannte, tat ich nach Brötchen und Kaffee schlichtweg als Wahnvorstellung ab, ausgelöst durch meinen akuten Schlafmangel.

Zufrieden lehnte ich mich zurück. »Das war wirklich herrlich. Und heute ist auch noch so tolles Wetter. Was hältst du davon, wenn wir gleich ein wenig spazieren gehen?«, fragte ich beschwingt.

»Eine wundervolle Idee«, antwortete eine mir nur allzu bekannte Stimme, die definitiv nicht zu Anna gehörte. Heinz-Kunz alias Rumpelstilzchen stand neben unserem Tisch und schenkte mir ein breites Grinsen. Zumindest nahm ich an, dass es eines sein sollte, ähnelte es bei genauerem Hinsehen doch eher einer verzerrten Fratze, die ausreichend Stoff für einen Albtraum lieferte. So viel zum Thema Wahnvorstellungen.

»Und Sie sind …?«, fragte Anna sichtlich verwundert und ließ den Blick zwischen dem Neuankömmling und mir unsicher hin und her schweifen.

»Heinz-Kunz ist mein Name, Teuerste. Ihre Freundin und ich sind uns bereits vertraut«, klärte er sie augenzwinkernd auf.

»Er war gestern auf meiner Lesung«, fügte ich hastig hinzu, ehe ein Missverständnis entstehen konnte.

»Und in ihrem Schlafzimmer«, ergänzte Heinz-Kunz.

Ich hatte nicht übel Lust, die Wand zu meiner Rechten Bekanntschaft mit meinem Kopf schließen zu lassen. »Um mir ein paar Fragen zu stellen!«, verteidigte ich mich unter den vollkommen verständnislosen Blicken meiner Lektorin, die sich insgeheim zu fragen schien, ob ich es mittlerweile tatsächlich so nötig hatte.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Magdalena gern kurz entführen«, bat Heinz-Kunz. »Ich bringe sie danach wieder zum Hotel.«

»Das … tja, das ist kein Problem. Ich wollte sowieso gerade … Wie auch immer. Viel Spaß euch beiden.«

»Nein!«, empörte ich mich. »Anna, bitte, ich möchte nicht …«

»Du musst dich nicht schämen, Süße. Wir alle haben unsere Bedürfnisse.«

»Nein, was …«

»Ich geh schnell rüber und zahle. Bis später.«

Es war sinnlos. Stinksauer folgte ich einem triumphierenden Heinz-Kunz nach draußen.

***

»Was bilden Sie sich eigentlich ein? Das ist Stalking. Sie machen sich strafbar!«

»Du bist gestern in Ohnmacht gefallen, Magdalena. Es war mir nicht mehr möglich, dir mein Anliegen vorzutragen.«

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Das nächste Mal, wenn sich ein verrückt gewordener Mann nachts in meinem Zimmer auszuzieht und behauptet, er sei Rumpelstilzchen höchstpersönlich, werde ich mich zusammenreißen. Und wann sind wir eigentlich zum Du übergegangen?«

Wir ließen uns an einem stillen Plätzchen an der Fulda nieder.

Jedes Mal, bevor er sprach, sah Heinz-Kunz sich hektisch um. Erst wenn er sicher war, dass alle Passanten außer Hörweite waren, wandte er sich mir in gedämpfter Lautstärke zu. Ich musste mich bemühen, mich nicht von seiner Paranoia anstecken zu lassen.

»Ich beobachte dich schon seit Langem, Magda. Du kannst uns erlösen.«

Ich entschied mich dazu, den ersten Satz einfach zu überhören, um nicht auszurasten. »Wen meinen Sie mit uns

»Die anderen Märchenfiguren. Unsere Existenz ist bedroht. Wir sind sterblich geworden.«

Dieser Typ hatte eindeutig nicht mehr alle Latten am Zaun. Er hielt sich also immer noch für Rumpelstilzchen.

»Ich weiß nicht, wieso ich mich überhaupt noch mit Ihnen abgebe. Verzeihung, aber Sie haben ernsthafte Probleme und sollten vermutlich besser mit einem Psychologen sprechen als mit mir.« Ich machte Anstalten, aufzustehen, doch Heinz-Kunz hielt mich am Ärmel fest.

»Bitte, lass mich ausreden! Bitte. Wenn du dir meine Geschichte angehört hast und mir trotzdem nicht helfen willst, lasse ich dich in Ruhe. Versprochen.«

»Sie sind bei Weitem die anstrengendste Person, die mir je begegnet ist.«

Er wertete diese Aussage offenbar als Einverständnis, denn er fuhr hastig fort: »Wir werden nicht mehr gelesen. Die Menschen interessieren sich nicht mehr für uns. Ihre Fantasie verkümmert einfach, verstehst du? Aber wir leben davon, gelesen zu werden. Seitdem die Technologie das moderne Leben bestimmt, sind wir nichts mehr. Unser Zauber ist verschwunden, wir sind mehr und mehr selbst zu Menschen geworden. Unser Dasein ist nun endlich, wir sind nicht mehr gefeit vor Krankheiten oder Unfällen. Wir altern. Und eines Tages werden wir sterben. Magdalena, wenn wir sterben, stirbt auch ein großes Stück Kultur. Dann gibt es keine Märchen mehr.« Er weinte jetzt.

»Oh, um Himmels willen, nicht weinen!« Unbeholfen klopfte ich Heinz-Kunz auf den Rücken. Mit meiner freien Hand suchte ich in den Untiefen meiner Handtasche nach meinem Mobiltelefon. Der arme Kerl gehörte wirklich therapiert. Ich musste unbedingt eine Nachricht an Anna schicken und sie bitten, einen Krankentransport zu organisieren.

»Du kannst helfen. Du schreibst Märchen«, schluchzte mein Begleiter und schnaubte ohne Vorwarnung in meinen Ärmel.

»Sind Sie noch ganz bei Trost? Das ist ja ekelhaft!« Pikiert schälte ich mich aus meiner Jacke.

»Du kannst die Menschen dazu bringen, uns wieder zu lesen«, beharrte Heinz-Kunz.

»Nun kommen Sie doch endlich mal zur Vernunft! Ich kann Ihnen nicht helfen, so leid es mir tut. Ja, Sie brauchen Hilfe, aber nicht meine.«

Endlich schien ich zu ihm durchgedrungen zu sein. Er erwiderte nichts, sondern erhob sich wortlos und ließ mich einfach stehen.

Kopfschüttelnd wählte ich Annas Nummer.

***

Nachdem wir alle psychiatrischen Anstalten im Umkreis von hundert Kilometern angerufen und uns ohne Erfolg nach einem gewissen Heinz-Kunz erkundigt hatten, beschlossen Anna und ich, das Thema ruhen zu lassen.

Dankbar für das schöne Wetter genossen wir die Sonne bei einer Schiffsfahrt auf der Fulda, gingen am frühen Abend in einem schicken Restaurant essen und besuchten danach ein Theaterstück, für das wir an der Abendkasse spontan noch Karten ergattert hatten. Danach schlenderten wir gemächlich zurück zum Hotel.

Dort angekommen, streifte ich nur die Schuhe ab und ließ mich dann gähnend ins Bett sinken. Obwohl ich ungeheuer müde war, lag ich noch lange Zeit da, die Decke bis ans Kinn hochgezogen, und starrte in die Dunkelheit.

Die letzten Tage waren mit unzähligen wunderbaren Erfahrungen gespickt gewesen. Ich hatte mein Lampenfieber überwunden, neue Städte und Menschen kennengelernt. Mein Buch verkaufte sich ausgesprochen gut, und in meinem Kopf schwirrten unzählige neuer Ideen herum, die nur darauf warteten, zu Papier gebracht zu werden. Eigentlich, so stellte ich fest, hätte ich rundum zufrieden sein müssen.

Das war ich aber nicht. Immer wieder kehrten meine Gedanken zu Heinz-Kunz zurück. Dieser völlig fremde Mann hatte vor mir geweint, mich angefleht. Wenn nun doch etwas an seiner Geschichte dran war …

Ich verwarf den Gedanken eilig wieder. Bisher hatte ich angenommen, nicht zu den Menschen zu zählen, die im Alter immer leichtgläubiger wurden. Kopfschüttelnd drehte ich mich auf die Seite. Es war eindeutig Zeit, endlich zu schlafen und Heinz-Kunz ein für alle Mal zu vergessen.


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Jana Schikorra – Ich glaub, mich küsst ein Zwerg

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Noch bevor sie lesen und schreiben konnte, entdeckte Jana Schikorra ihre Liebe zum Geschichtenerzählen. Kaum hatte sie aber gelernt, einen Stift in der Hand zu halten und Worte zu Papier zu bringen, geriet der Bestand an Notizbüchern weltweit in ernsthafte Gefahr. Seitdem entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, Gedichte und Romane, die nun darauf warten, in die Welt entlassen zu werden.