Die Begnadete

1

Es gibt Menschen, die mit Niederlagen klarkommen. Sie akzeptieren diese und setzen ihr Leben fort, als hätten sie nicht in diesem Augenblick verloren. Sie haben keine Angst davor, ihren Willen nicht durchsetzen zu können. Sie halten ihren Mund und nehmen ihr Schicksal an.

Zum Leidwesen aller um mich herum gehörte ich nicht zu diesen Menschen.

»Debattierclub, Tanzclub, Schwimm-AG, Kunstkurse … So viel Auswahl dieses Jahr. Sehr schön.« Zufrieden trug ich meinen Namen in säuberlichen Buchstaben auf den Anmeldezetteln ein. Meine beste Freundin Liv tat es mir gleich, immerhin wollten wir die meisten Kurse gemeinsam besuchen. Auch unser Abschlussjahr würde somit von vollen Terminkalendern geprägt sein – genau das, worauf ich gehofft hatte.

»Bist du mit Diana hergefahren?« Olivias helle Stimme hallte durch den Gang, der sich allmählich mit fröhlich schnatternden Schülern füllte. Theatralisch seufzend nickte ich und steuerte mein Schließfach an.

»Nur, weil meine Mutter es so wollte. Und mit dem Bus hätte ich ohnehin viel länger gebraucht.« Mit einem verächtlichen Schnauben öffnete ich das Fach, das ich mir dieses Jahr mit Liv teilte. Während ich meine Sachen für die Mittagspause verstaute, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sie einigen unserer Bekannten zuwinkte.

Nach den Sommerferien herrschte Hochstimmung in der Schule. Alle tauschten sich darüber aus, was sie unternommen hatten, welche Abi-Partys demnächst anstanden und vor welchen Fächern sie jetzt schon zitterten. Nachdem ich den Sommer auf Balkonien verbracht hatte und damit wohl kaum für begeisterte Aufmerksamkeit sorgen konnte, war ich einfach nur heilfroh, wieder in der Schule zu sein.

»Unser letztes Jahr, Liv«, schwärmte ich, als ich die Schließfachtür schloss und mich bei meiner Freundin unterhakte. Dass sie um einiges größer war als ich, fiel durch meine Sandalen mit den hohen Absätzen kaum auf. Zum Glück. Livs Größe war das Einzige, was mich mit Neid ihr gegenüber erfüllte. »Bald haben wir es endlich geschafft. Und wenn ich dieses Jahr Schulsprecherin werde …«

»Kein wenn, Lil.« Lachend stupste sie mich in die Seite. »Wer sollte es sonst werden? Es werden ohnehin alle für dich stimmen, so wie letztes Jahr.«

»Mhm …« Lächelnd zwinkerte ich einigen Jungs zu, die uns angrinsten, bevor ich in den Flur mit dem Klassenzimmer unserer ersten Stunde einbog. »Du hast recht. Wer sonst sollte gewinnen? Etwa Di…«

»Sprich’s nicht aus! Als ob Diana gegen dich eine Chance hätte. Sie würde doch sowieso nur kandidieren, um dir eins reinzuwürgen … und dabei jämmerlich untergehen.«

Zufrieden nickte ich. O ja, der Gedanke daran, meine Cousine vor der gesamten Schule vernichtend zu schlagen, gefiel mir. Nur wegen ihr hatte ich in den letzten Monaten auf so viel verzichten müssen. Seit sie bei mir und meiner Mutter eingezogen war, lebten wir im flammenden Hass aufeinander. Ja, wenn sie es tatsächlich wagte, mir meinen Platz auf der sozialen Leiter unserer Schule streitig zu machen, dürfte sie schon sehr bald ihr blaues Wunder erleben.

Ich bekam, was ich wollte. Schon immer.

»Ne, oder?« Livs entsetztes Kreischen riss mich aus meinen Tagträumen, in denen Diana vor der versammelten Schule in Tränen ausbrach und ich triumphierte. Erst als ich ihr in den Klassenraum folgte, merkte ich auch, was ihr Problem war. »Ist die jetzt ernsthaft in unserer Klasse? Oh, Lil, das tut mir so leid für dich!«

»Ach was«, murmelte ich und bedachte meine Cousine mit einem abwertenden Blick. »War doch klar, dass sie sie nach dem Schulwechsel hierher stecken. Immerhin hat sie hier Anschluss.«

»Du siehst aus, als ob du ihr gleich die Augen auskratzt, wenn sie dich um eine Führung bittet.«

Ich schnaubte leise. »Als ob sie mich um eine Führung bitten würde. Sie weiß genau, dass ich dazu weder Lust noch Zeit habe. Entschuldige, ich muss meinen Platz zurückerobern.«

Mit einem zuckersüßen Lächeln, das ich mir aufs Gesicht kleisterte, baute ich mich vor dem Tisch in der zweiten Reihe auf, den Diana bereits in Beschlag genommen hatte. Fragend schaute sie zu mir auf, als ich die Arme verschränkte und sie abwartend niederstarrte.

»Bist du da festgefroren, Prinzessin? Was ist?«

»Du bist jetzt also in unserer Klasse«, stellte ich unterkühlt, aber immer noch lächelnd, fest. »Herzlichen Glückwunsch. Ich brauche dir wohl nicht zu erklären, dass wir dieses Klassenzimmer seit drei Jahren haben und du gerade auf meinem Platz sitzt?«

Diana zupfte ihr schwarzes Tanktop zurecht und zuckte lässig mit den Schultern. »Plätze werden doch immer am Anfang des Jahres vergeben. Jetzt sitze ich hier.«

Ungerührt griff sie zu ihrem Block und schlug eine freie Seite auf, um sich ihre zur Schau gestellte Langeweile mit dem Ausmalen von Kästchen zu vertreiben. Obwohl ich wusste, dass sie mich damit nur weiter provozieren wollte, spürte ich die Wut in mir aufsteigen.

Das war mein Platz. Seit drei Jahren saß ich dort, und ich würde ganz sicher nicht zulassen, dass sie mir den auch noch wegnahm, so wie neuerdings das meiste in meinem Leben. Wenn sie rumzicken wollte – bitte, das konnte ich auch.

»Steh auf«, giftete ich. Keine Spur mehr von einem Lächeln. »Es gibt noch genug freie Plätze. Hier sitzen Liv und ich. Oder soll ich mal den Lehrern erzählen, dass du Zigaretten in die Schule bringst?«

»Es gibt keine Schulordnung, in der das verboten ist«, gab sie grinsend zurück. So ein Miststück – natürlich gefiel es ihr, mich auf die Palme zu bringen. »Ich rauche ja nicht auf dem Schulgelände. In der Tasche stören sie niemanden.«

»Hey, Lilja!« Ich fuhr herum, als ich eine weiche Stimme hörte, die meinen Namen rief. Nur zwei Schritte, schon lag ich in Leanders Armen – starke Arme mit breiten Schultern vom Schwimmtraining. Seine braunen Augen leuchteten auf, als er die Lippen auf meine drückte, doch ich konnte mich vor Schadenfreude kaum auf den Kuss konzentrieren. Das nannte sich dann wohl Karma.

Leander war, wie Liv es nannte, der Neue in meiner Freundessammlung. Ich machte kein Geheimnis daraus, dass ich gern und oft flirtete, doch mit Leander auszugehen hatte neben seines guten Aussehens und seiner Beliebtheit in zahlreichen Sportclubs an der Schule auch den Vorteil, dass Diana ebenfalls ein Auge auf ihn geworfen hatte. Mit einem schnellen Seitenblick stellte ich fest, dass sie sich nun auch abgewandt hatte, doch ihre Wangen leuchteten in einem verräterischen Rot. Perfekt. Sollte sie sich ruhig vom Neid zerfressen lassen, weil ich mir ihren Traumtypen gekrallt hatte.

»Gibt es ein Problem? Du wirkst so angespannt.« Leander löste sich von mir, ohne meine Hand ganz loszulassen. Lachend warf ich die Haare zurück und winkte ab.

»O nein, keineswegs. Diana kann den Platz ruhig haben.« Lächelnd schritt ich an ihr vorbei zum Nachbartisch und senkte die Stimme, als ich sie passierte. »Das ist schließlich das Einzige, was du an dieser Schule hast.«

Während sich Liv zu meiner Rechten platzierte und wir uns fröhlich mit Leander hinter uns über die letzte Party in den Ferien unterhielten, betrat auch Frau Zusak, unsere Lehrerin, den Raum. Augenblicklich wurde es still. Sie war als gutmütige Lehrerin bekannt, behandelte uns mit Respekt und kümmerte sich ernsthaft um unsere Probleme. Das sorgte dafür, dass die Klasse in ihrem Unterricht deutlich ruhiger war als bei anderen Lehrern.

Die Tür wurde erneut geöffnet, als sie die Klassenliste zur Hand nahm. In dem harten Licht der Leuchtstoffröhren sah das eintretende Mädchen noch blasser aus, als es tatsächlich war. Doch ihre blauen Augen blitzten gefährlich auf, als sie den Blick durch den Raum schweifen ließ. Für einen kurzen Moment sah sie mich an, und mir wurde schlecht.

Irgendetwas an ihr stimmte nicht, ließ mich schwerer atmen. Meine Nackenhaare stellten sich auf und eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Was sollte das denn? Ich konnte mir nicht erklären, wieso sich mein Körper automatisch anspannte, bereit, bei der kleinsten Bewegung der Fremden die Flucht zu ergreifen.

Krieg dich ein, ermahnte ich mich, als Frau Zusak aufstand und das Mädchen begrüßte, das schon längst wieder woanders hinsah.

»Tara Garcia«, stellte sich die Unbekannte in dem Moment vor und schüttelte Frau Zusak lächelnd die Hand.

»Willkommen, Tara. Stellst du dich der Klasse kurz vor?«

Die Neue nickte und ließ den Blick über die Klasse schweifen. Sie stand ganz locker da, mit einer Hand in der Hosentasche, und ratterte ihren Text herunter, als würde sie jeden Tag die Schule wechseln. Vielleicht hatte sie das vor dem Spiegel geprobt? »Ich bin Tara und vor kurzem erst von Stuttgart aus hergezogen. Ich habe vier Geschwister und reise in meiner Freizeit gern.«

Frau Zusak nickte ihr zu, offensichtlich zufriedengestellt, und wandte sich stirnrunzelnd wieder zu uns. Ihr Blick fiel auf Olivia und mich, wie wir locker auf unseren Stühlen hockten. »An der Sitzordnung müssen wir dieses Jahr feilen«, erklärte sie ernst. Ich verspannte mich, als sie uns taxierte.

»Olivia, geh bitte zu Diana. Tara, nach da hinten, zu Lilja. Sie ist momentan unsere Jahrgangssprecherin, sie kann dich hier herumführen. Diana, würdest du dich auch noch kurz vor…«

»Aber Frau Zusak!«, fiel ich ihr empört ins Wort und versuchte die amüsierten Blicke und das verhaltene Getuschel auszublenden. Wollte sie mich ernsthaft von Liv trennen? Nein, unmöglich. Dabei würde ich es nicht belassen. »Liv und ich sitzen immer zusammen, das wissen Sie doch! Wir helfen uns gegenseitig …«

»Ihr schwätzt zu oft, Lilja«, ermahnte sie mich mit einer sympathischen Sanftheit in der Stimme, die ich ignorierte. Ich wusste, dass mein Flehen sie nicht kalt ließ. Die Worte kamen mir süß wie Honig über die Lippen.

»Kommen Sie, Frau Zusak, Sie wissen doch, dass wir trotzdem gut sind. Und wir halten uns dieses Jahr zurück, Ehrenwort! Bitte, lassen Sie uns zusammensitzen, Liv hilft mir auch bei Mathe und ich ihr in Englisch, es macht gar keinen Sinn, wenn wir auseinandergesetzt werd…«

»Lilja, ihr versprecht jedes Jahr, weniger zu reden.« An ihrer nachdenklichen Miene erkannte ich, dass ich sie langsam weich bekam.

Noch ein paar wohlplatzierte Worte, nicht mehr. An ihre Freundlichkeit appellieren. Ihr aufzeigen, dass wir ein gutes Team waren. Nur noch ein kleiner Ruck!

Als ich zum Sprechen ansetzen wollte, durchfuhr mich ein eiskalter Schauer. Auf einmal bekam ich kein Wort mehr heraus. Ich hatte zwar nicht das Gefühl zu ersticken, aber es war, als würde mich jemand würgen.

Panik durchflutete mich. Irgendetwas stimmte nicht mit mir. Im Bruchteil einer Sekunde wanderte mein Blick von Frau Zusak zu dem Mädchen an ihrer Seite. Die eisblauen Augen blickten mich kritisch an, und ich sah, wie sich die rosa Lippen zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Ihre rechte Hand machte eine unmerkliche Bewegung, drehte sich ein winziges Stück zur Seite, die Finger gekrümmt.

Das Blut rauschte mir in den Ohren, ich nahm entfernt wahr, wie Liv sich zu mir wandte und mich erschrocken ansah. Mein Herz schlug, als wollte es mir aus der Brust springen. Und das alles geschah rasend schnell. Alles an mir war schwer, als ich seitlich vom Stuhl fiel. Ich hörte vereinzelte Schreie meiner Mitschüler, konnte mich aber nicht auf eine einzelne Stimme konzentrieren. Dafür redeten sie zu wild durcheinander. Mein Kopf schlug auf dem Boden auf und mein Blick blieb bis zur letzten Sekunde auf zwei eisblaue Augen gerichtet, die sich erschrocken weiteten. Fast mitleidig schaute mich die Neue an, als ich auch schon ohnmächtig wurde.

Kaum kam ich wieder zur mir, wollte ich am liebsten losschreien. Oder Diana beißen, weil sie es wagte, mir die Hand zu tätscheln und mich anzusehen, als täte ihr leid, dass ich auf der Sanitätsstation lag. Gerade wollte ich einen bösen Spruch abliefern, als sich Leander über mich beugte. Sofort hielt ich mich zurück.

Ich hatte ganz vergessen, dass er auch im Sanitätsdienst aushalf. Nun, das erklärte zumindest, warum Diana so wahnsinnig mitleidig schaute. Heuchlerin. Wahrscheinlich konnte sie ihr Glück kaum fassen, da sie ungestörte Zeit mit ihm verbringen durfte.

»Wie geht’s deinem Kopf?«, fragte mich mein Freund besorgt und reichte mir ein Glas Wasser, bevor er mir half, mich ein wenig aufzusetzen. Meine Beine zitterten immer noch, und dort, wo sie nicht von meinem Rock bedeckt waren, hatte sich eine Gänsehaut gebildet. Erst jetzt merkte ich, dass mir kalt war.

»Ich weiß nicht«, brachte ich verwirrt hervor, nahm einen Schluck Wasser und ließ mich dann wieder zurücksinken. Alles drehte sich. Ein wenig übel war mir auch.

»Eine Gehirnerschütterung hast du wohl nicht«, erklärte er mit weicher Stimme und griff gedankenverloren nach meiner Hand. Ein schneller Blick zu Diana bewies mir, dass sie neidisch auf die Stelle starrte, an der wir uns berührten.

Wow, das tat gut. Es war noch viel besser als das bloße Gefühl von Leanders weicher Haut an meiner.

»Du hast dir aber ziemlich heftig den Kopf gestoßen«, fuhr er besorgt fort. »Ich hab deine Mutter schon angerufen, sie weiß Bescheid. Diana bringt dich nach Hause, okay? Ich muss zurück in den Unterricht, aber ich schaue später bei euch vorbei. Leg dich zu Hause sofort ins Bett, Lil.«

»Ist gut«, murmelte ich und verkniff mir ein rührseliges Tränchen. Die Gedanken in meinem Kopf rasten hin und her. Ich versuchte, zu verstehen, was genau passiert war. Normalerweise kippte ich nicht einfach um. Und schon gar nicht so. Ich ernährte mich gesund, trieb viel Sport, stand zwar unter Stress, aber nicht so sehr, dass ich überfordert war. So ein Schwächeanfall war untypisch für mich.

Während ich neben Diana vorsichtig zum Auto ging, versuchte ich, das Chaos zu ordnen, das in mir tobte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich hätte nicht umkippen dürfen. Ich sollte nicht ohnmächtig werden.

Und ich sollte ganz bestimmt keine fremde Stimme in meinem Kopf hören.

Lass es sein.

Die Worte, kurz vor meiner Ohnmacht in meinen Kopf geflüstert, hatten sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich wusste schon jetzt, dass ich sie nie wieder löschen können würde. Ich ließ mich neben Diana auf den Beifahrersitz sinken und ging mein Atem wieder stoßweise. Als könnte ich es wieder hören, dieses bestimmende Flüstern, obwohl es nur in meiner Erinnerung existierte. Als würde ich erneut spüren, wie mir die Zunge am Gaumen festklebte, wie ich an meinen eigenen Worten erstickte.

Du darfst das nicht. Du verstößt gegen die Regeln. Hör auf.

Ich verlor den Verstand. Diana warf mir unablässig ängstliche Blicke zu, während ich mit weit aufgerissenen Augen vor mich hinstarrte und doch nichts sah. Ich hatte mir das nicht nur eingebildet. Es konnte nicht sein. Aber wenn es keine Halluzination gewesen war, was dann?

Erst als ich mich durch die Wohnungstür die Treppen hoch und in meinem Zimmer ins kuschelige Bett geschleppt hatte, ging mir auf, dass auch die letzten Worte, die ich durch die verunsicherten Stimmen meiner Mitschüler hindurch gehört hatte, nur in meinem Kopf gewesen waren.

Nein, nicht …

Und dann war da nur Dunkelheit.

Erschöpft drehte ich mich auf die Seite, in meine normale Schlafposition. Irgendetwas war passiert. Irgendetwas, das ich nicht begriff. Aber ich durfte jetzt nicht ausflippen. Vielleicht hatte ich mir die Stimme nur eingebildet. Vielleicht hatte ich einen Anfall, eine Krankheit, die jetzt ausbrach. Fieberte ich? War gut möglich. Aber nein, als ich nach meiner Stirn tastete, war sie eiskalt. Außerdem fühlten sich meine Beine immer noch wie Wackelpudding an und zitterten wie verrückt.

Oh, Mann, was passierte nur mit mir? Ich musste mich wieder einkriegen.

Verzweifelt holte ich mein Handy hervor und schickte Liv eine Nachricht. In zehn Minuten war Pause, dann musste sie mir antworten. Und in der Mittagspause würde ich sie anrufen und über alles ausquetschen, was die Neue heute gesagt hatte. Jede winzige Einzelheit.

Aber fürs Erste musste eine Nachricht reichen.

Bin zu Hause. Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder. Leander kommt später vorbei. Ich ruf dich um 13 Uhr an. Schreibst du bitte meinen Namen auf die Wahlkampfliste? Love you, Lil.

Keine fünf Minuten später kam die Antwort. Liv wartete nicht einmal bis zur Pause ab, auch auf die Gefahr hin, dass man ihr das Handy abnahm.

 

Gut zu hören. Werd schnell wieder gesund. Lieb dich auch.

Seufzend legte ich das Handy weg und dankte dem Universum für eine Freundin wie sie. Auf sie konnte ich mich verlassen.

Als ich die Augen zumachte, um eine Portion Schlaf zu kriegen, klopfte es an meiner Zimmertür und Diana steckte den Kopf rein.

»Lebst du noch? Willst du einen Tee?«

»Verzieh dich. Ich bin müde.«

Sie fluchte laut, als ich ein Kissen nach ihr warf, und ließ die Tür ins Schloss schnappen. Ich hörte, wie sie am anderen Ende des Flurs in ihr Zimmer ging, bevor Bässe das Haus vibrieren ließen. Musik, die ich hasste. Aber wenigstens hatte sie die Lautstärke so weit reduziert, dass ich schlafen konnte.

Und das tat ich dann auch, darauf bedacht, nicht an die Stimme zu denken, die trotz allem in meinen Gedanken rumgeisterte, wo sie absolut nichts zu suchen hatte.

2

Als ich wieder aufwachte, war Dianas Musik verstummt. Stattdessen hörte ich das Klappern von Geschirr in der Küche, und als ich mich aufsetzte, konnte ich von meinem Fenster aus das Auto meiner Mutter in der Einfahrt sehen. Es musste schon spät am Abend sein. Das hieß, dass ich den ganzen Tag verschlafen hatte.

Stöhnend kämpfte ich mich aus dem Bett. An der Stelle, die mit dem Fußboden des Klassenraums Bekanntschaft gemacht hatte, pochte der Schmerz in meinem Kopf. Den Gedanken an das gruselige Flüstern in meinen Erinnerungen verdrängte ich so gut wie möglich und schleppte mich hinunter in die Küche. Kaum dass ich den Raum betrat, wünschte ich mir, ich wäre oben verhungert.

»Hallo, Schätzchen«, begrüßte mich meine Mutter, während ich stumm in der Tür stehen blieb und irritiert zum Esstisch hinüberstarrte. »Wie geht’s deinem Kopf? Leander hat gesagt, dass du ziemlich mitgenommen warst. Diana meinte, du schläfst, also wollte ich dich lieber nicht wecken.«

»Geht schon«, presste ich hervor.

Diana lächelte mir unschuldig entgegen, bevor sie zu dem Mädchen deutete, das neben ihr saß. »Tara hat uns die Hausaufgaben vorbeigebracht«, erklärte sie gelassen. Ich konnte den Blick nicht von eisblauen Augen abwenden, die mich eindringlich taxierten. Dass ausgerechnet sie in unserer Küche saß, war nur ein dummer Zufall. Natürlich freundete sich Diana mit der Außenseiterin in der Klasse an – der Neuen.

»Sie ist erst vor kurzem in die Stadt gezogen«, fuhr meine Cousine unbekümmert fort und warf dem Eindringling einen hingerissenen Blick zu. Für Dianas zurückgezogene Art fand sie nun erstaunlich schnell eine neue Freundin. Das würde ich beobachten müssen – und notfalls eingreifen. Ich konnte ihr nicht oft genug eins auswischen.

Vorerst begnügte ich mich aber damit, mich auf einen freien Platz sinken zu lassen, der möglichst weit weg von der Neuen war. Sie verzog die vollen Lippen zu einem Lächeln, das mir einen kalten Schauer über den Rücken fahren ließ. Etwas an ihr fühlte sich verkehrt an. Als könnte ich in ihrer Nähe nicht richtig atmen, nicht mehr rational denken. Der Fluchtinstinkt, den ich schon bei unserer Begegnung im Klassenraum verspürt hatte, regte sich in mir, doch ich konnte den Blick nicht von ihr abwenden.

»Ich sollte dir danken.« Ihre leise, eindringliche Stimme kam mir bekannt vor – zu bekannt. Hatte ich sie mir doch nicht nur eingebildet?

»Dein filmreifer Auftritt hat dafür gesorgt, dass ich nicht direkt als Neue mit komischen Fragen bestürmt wurde. Ich bin übrigens Tara.«

Erst als sie mir eine Hand hinhielt, deren Fingernägel in einem schlichten Himmelblau lackiert waren, das die Farbe ihrer Augen perfekt traf, schaffte ich es, mich aus meiner Trance zu lösen.

»Lilja«, murmelte ich und schockte mich selbst damit, wie kleinlaut ich klang. Die Hand ignorierte ich geflissentlich. Ich wollte sie nicht berühren. Schon allein der Gedanke daran brachte meinen Magen durcheinander.

Ich wusste selbst nicht, was es war, aber etwas an diesem Mädchen machte mich nervös, unsicher. Sie bereitete mir Angst.

Glücklicherweise wandte sie sich nun wieder an Diana. »Echt lieb, dass ich zum Essen bleiben darf. Meine Mom kocht furchtbar, und mein Dad ist gerade auf Geschäftsreise, da freu ich mich über jede normale Mahlzeit.«

»Kommst du aus Amerika?«, entfuhr es mir, bevor ich darüber nachdenken konnte. Ich erntete irritierte Blicke von meiner Cousine und meiner Mutter. Tara schien jedoch nicht überrascht zu sein. Als hätte sie die Frage schon vorhergesehen.

»Mom und Dad hat’s verraten, nicht wahr?« Sie lachte leise, wobei sie die schwarzen Haare zurückwarf. Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als ich sah, wie sie die Finger krümmte, aber sie strich sich nur eine lästige Strähne aus der Stirn. Erleichtert atmete ich auf, bevor ich mich ermahnte, ruhig zu bleiben.

Warum regte ich mich überhaupt so auf? Sie konnte unmöglich etwas mit meinem Schwächeanfall zu tun gehabt haben. Nicht einmal, wenn ich ihre Stimme halluziniert hatte.

»Ich wurde in Connecticut geboren«, erklärte sie schließlich. Ihr scharfer Blick durchbohrte mich dabei, als wartete sie nur auf meine Reaktion. Aber sie wirkte viel entspannter als heute morgen, und sah gar nicht mehr so kränklich blass aus. Wahrscheinlich war es nur das Licht gewesen.

»Ich hatte aber von Anfang an deutsche Nannys. Und vor ein paar Jahren sind wir nach Stuttgart gezogen, und jetzt nach Frankfurt. Ein paar Überreste sind aber trotzdem vom ›American way of life‹ geblieben.«

Wieder lachte sie, doch diesmal klang es gekünstelt. In dem Moment stellte meine Mutter einen dampfenden Teller vor mir ab und ich hatte zumindest einen guten Grund, die beiden Mädchen am Tisch zu ignorieren.

»Gemüseauflauf, Herzchen«, rief mir meine Mutter zu und machte sich schon wieder am Herd zu schaffen. »Ich dachte, dass du sicher keine Frikadellen möchtest.«

»Mit Fleisch?«

»Die Frikadellen? Natürlich.«

»Dann ist der Auflauf perfekt.« Erleichtert inspizierte ich, was sich auf meinem Teller verbarg.

»Lilja ist überzeugte Vegetarierin«, klärte Diana unterdessen ihren Gast auf, mit einem Spott im Tonfall, den ich unmöglich überhören konnte.

»Sind zwei meiner Geschwister auch«, erwiderte Tara schulterzuckend, bevor sie sich an mich wandte. »Politisches Statement?«

»Ich mag einfach kein Fleisch.« Ich hoffte, dass ich abweisend genug klang, damit sie mich mit ihren Fragen in Ruhe ließ.

»Lilja war schon immer wählerisch mit ihrem Essen«, bemerkte meine Mutter. »Wie viele Geschwister hast du?«

»Vier«, brachte Tara trocken hervor. Mir entging der genervte Unterton in ihrer Stimme nicht. »Zwei große Schwestern, die schon ausgezogen sind, einen großen Bruder, und eine jüngere Schwester. Das ist immer der reine Wahnsinn, wenn alle daheim sind. Nie hat man seine Ruhe.«

»Glaub ich gern«, murrte ich vor mich hin und warf Diana einen herausfordernden Blick zu. Zu meinem Ärger bemerkte sie den nicht einmal. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt immer noch ihrer neuen Busenfreundin. Damit zerstörte Tara unser allabendliches Ritual, uns am Esstisch zu bekriegen.

Eine Weile lang schaffte ich es, das Gespräch zu ignorieren, und als sich meine Mutter zu uns setzte, konzentrierten wir uns auf das Essen. Kaum fiel mir etwas ein, wandte ich mich an Diana.

»War Leander eigentlich da? Er wollte doch vorbeikommen.«

»Er war kurz da«, erklärte sie mir steif. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie die Eifersucht sie gefangen nahm. Ein Triumph für mich. »Aber als ich ihm gesagt habe, dass du schläfst, ist er wieder gegangen. Seine Blumen für dich stehen im Wohnzimmer.«

»Oh«, brachte ich errötend hervor. Na so was. So aufmerksam meine Freunde bisher auch gewesen waren, Blumen hatte ich von keinem bekommen. Leander legte sich ja wirklich ins Zeug. Bisher war er derjenige, der mir am besten gefiel – aufmerksam und feinfühlig, aber auch abenteuerlich und immer wieder voll neuer Ideen. Vielleicht würde diese Beziehung doch länger halten, als es alle erwarteten. Der Gedanke daran sandte mir kleine Wärmeschauer durch den Körper. Ja, ich könnte mich definitiv daran gewöhnen.

»Mami …«, setzte ich rasch an und hoffte auf den Überraschungseffekt, der meinen Plan begünstigen würde. Meine Mutter sah mich bei diesem schmeichelnden Tonfall alarmiert an. »Er kann doch sicher morgen hier übernachten, nicht? Letzte Woche war ich bei ihm, jetzt sollte er mal zu uns kommen. Das ist nur fair.«

»Du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn deine männlichen Freunde hier schlafen«, wehrte meine Mutter sanft ab. Ich merkte, dass sie vor Tara keinen Aufstand machen wollte – das kam mir nur zugute. Doch plötzlich überfiel mich wieder dieses komische Gefühl von heute morgen, auch wenn der Schwindel diesmal ausblieb und ich nicht zu ersticken drohte. Trotzdem spürte ich tief in mir, dass etwas nicht stimmte. Mir drehte sich der Magen um und ein Zittern durchlief meinen Körper, als hätte man mich in Eiswasser getaucht. Meine nächsten Worte bekam ich nur mit viel Mühe heraus.

»Nur einmal, Mami.« Erschrocken beobachtete ich, wie sich das Gesicht meiner Mutter verfinsterte.

Was war denn nun los? Normalerweise wurde sie doch wegen so was nicht gleich sauer … Aber ich war nicht der Typ, der nachgab. Schon gar nicht, wenn ich etwas wirklich wollte. »Bitte, es ist doch nur eine Nacht …«

»Lilja, Schluss jetzt! Er wird nicht hier übernachten!«

Der scharfe Tonfall ließ selbst Diana zusammenzucken, während ich erstarrt auf meinem Stuhl saß und meine Mutter anschaute. Zornfunkelnd starrte sie zurück. Unwillkürlich schossen mir die Tränen in die Augen und mein Magen verkrampfte sich stärker. Irgendetwas stimmte hier nicht. So heftig fuhr sie mich nie an.

»Ich wollte doch nichts Böses«, brachte ich mit bebender Unterlippe hervor. Ich war mir peinlich genau darüber im Klaren, wie interessiert mich Tara erneut musterte. Ihre Hände waren unter dem Tisch verschränkt. Als ich ihren kalten Blick auffing, durchströmte mich eine Welle von Angst. Mein ungutes Gefühl wies mich an, die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen. Ich wollte nur noch weg, sie am besten nie wiedersehen, doch ich schüttelte das Gefühl ab, so gut es ging. Das war doch albern. Sie konnte mir nichts anhaben.

Ich wandte mich meiner Mutter zu, die schweigend in ihrem Essen rumstocherte. So leicht würde ich nicht aufgeben. Erst recht nicht vor Publikum. »Wir müssen nicht in einem Bett schlafen«, versuchte ich es mit einem Kompromiss, um sie ein wenig zu besänftigen. »Ich kann die Luftmatratze nehmen. Und wir können es auf das Wochenende verschieben, dann macht es auch nichts aus, wenn wir länger wachbleiben.«

»Lilja, jetzt ist Schluss mit den Diskussionen! Ich habe Nein gesagt, halt dich daran!«

Die Endgültigkeit im Tonfall meiner Mutter zeigte mir, dass ich zu weit gegangen war. Solch ein Verhalten kannte ich gar nicht von ihr. Sie hatte mich nie so angeschrien, besonders wenn ich versuchte, ihr entgegenzukommen. Ich war ja nicht einmal frech geworden.

Frustriert schnappte ich mir meinen Teller und stand auf. »Ich esse in meinem Zimmer«, verkündete ich, ohne lange nachzudenken. Ich hörte das Getuschel meiner Cousine und unseres Gastes. Erst als ich meine Zimmertür mit einem lauten Knall schloss, löste sich so langsam der Knoten in meinem Inneren.

Trotzdem fühlte sich alles falsch an, und ich versuchte, irgendeinen Sinn in meine Empfindungen zu bringen. Vergeblich. Heute war eindeutig nicht mein Tag, als hätte das Schicksal beschlossen, mir eins mit der Bratpfanne überzuziehen. Ich konnte mir keinen Reim draufmachen und beim Rest meines Abendessens grübelte ich über die Reaktion meiner Mutter nach. Vielleicht hatte sie einen ebenso miesen Tag gehabt. Das musste es sein. Irgendein Kunde hatte sich in der Firma beschwert, hinzu kam ihre Sorge wegen meines Schwächeanfalls … Das konnte selbst ihr auf die Nerven schlagen.

Nur eine Tatsache wusste ich mit absoluter Gewissheit: Tara war mir nicht geheuer. Und ich musste mich so weit wie möglich von ihr fernhalten. Das leise Gefühl, das mich in ihrer Nähe überkam und mir befahl, mich ans andere Ende der Welt abzusetzen, hielt immer noch an. Und ich konnte es erst wieder abschütteln, als ich erschöpft zurück ins Bett taumelte. An ihre Stimme in meinem Kopf, eingebildet oder nicht, wollte ich gar nicht erst denken.

Am nächsten Morgen wurde ich in der Schule empfangen, als wäre ich am Vortag gestorben. Liv warf sich mir freudestrahlend um den Hals, als sie mich erblickte, tausend Leute fragten mich, wie es mir ging und ob mein Kopf noch wehtat, ob sie mir etwas Gutes tun könnten und ob ich ganz sicher war, dass mir nichts fehlte. Das Beste am Ganzen war jedoch, dass mir Leander nicht von der Seite wich. Im Klassenraum zog er sogar meinen Stuhl für mich raus.

Ich merkte erst, dass etwas nicht stimmte, als Liv mit einem gequälten Gesichtsausdruck an mir vorbeiging und sich neben Diana niederließ. Keine der beiden sah besonders glücklich aus, aber das war nichts gegen meine Gefühle. Fast wäre ich wieder in Tränen ausgebrochen, vor allem, als mir klar wurde, was das hieß.

Im selben Moment schritt Tara durch die Tür und kam direkt auf mich zu.

Offensichtlich war meine Pechsträhne noch nicht vorbei.

Eigentlich erwartete ich, dass sie mich begrüßen würde. Sie sollte den ersten Schritt machen, schließlich war sie der Grund dafür, dass meine beste Freundin und ich auseinandergesetzt worden waren. Aber als sie sich auf den Stuhl neben mir sinken ließ, kam kein Laut über ihre Lippen. Sie schaute mich nicht einmal an.

Moment mal, ignorierte die mich gerade? Mich?!

Das war ja wohl die Höhe. Aber bitte, wenn sie es so haben wollte, hielt ich eben auch den Mund. Schön. Sollte sie doch sehen, wie es war, keine Freunde zu haben. Ich war immer noch die ungeschlagene Königin dieser Schule – wer mit mir nicht klarkam, hatte seinen schlechten Ruf weg. Und Tara war auf dem besten Weg dahin.

Ich stellte mich schon darauf ein, die ganze Stunde schweigend zu verbringen, als Tara sich plötzlich zu mir drehte und mich scharf musterte. Mein Herz fing vor Schreck an zu rasen. Mir wurde gerade klar, dass ich sie die ganze Zeit über angestarrt hatte. Was war eigentlich los mit mir? So interessant war diese Neue doch gar nicht. Doch trotz ihres Schweigens hatte sie etwas an sich, das mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Ich wollte mehr über sie erfahren und gleichzeitig meine Ruhe vor ihr haben – keine aussichtsreiche Kombination.

»Frau Zusak sagte gestern, dass du gut in Französisch bist«, erklärte sie mir gelassen. Eine unergründliche Note schwang in ihrem Tonfall mit. Ich nickte langsam, auch wenn mir nicht klar war, worauf sie hinauswollte. Und damit schaufelte ich mir mein eigenes Grab.

»Sie meinte auch, dass du mir Nachhilfe geben könntest. Und ich kann dir dafür mit Mathe helfen. Deal?«

»Nicht wirklich«, stieß ich hervor. Durch ihren unterkühlten Blick brach mir wieder der kalte Schweiß aus. Verdammt, irgendetwas stimmte entweder mit mir oder mit diesem Mädchen nicht. Warum hatte ich solche Angst vor ihr?

Die Antwort darauf gab ich mir selbst.

Ich hatte ihre Stimme in meinem Kopf gehört. Ich wusste, dass ich mir das nicht eingebildet hatte, und das war das Beunruhigende daran – wenn es doch wenigstens nur eine Halluzination gewesen wäre! Aber ich war mir völlig sicher, dass es da gewesen war, dieses Flüstern. Ihr Befehl.

Ich kratzte meinen ganzen Mut zusammen und starrte sie nieder. »Ich habe schon genug zu tun«, verkündete ich, so entschlossen ich nur konnte, und erntete ein herablassendes Lächeln. »Ehrlich, ich habe keine Zeit dafür. Frag doch Diana, sie kann auch Französisch.«

»Wenn du meinst.« Sie zuckte die Schultern, bevor sie sich nach vorne wandte und Frau Zusak anblickte, die gerade das Klassenzimmer betrat.

Der Rest der Stunde verlief tatsächlich in Stille. Ich machte mir Notizen und versuchte, Taras Nähe zu vergessen. Aber jedes Mal, wenn ihr Arm meinen streifte, durchzuckte mich ein Gefühl der Anspannung, das ich kaum abschütteln konnte. Wenigstens bekam ich langsam meine Angst in den Griff. Und in der zweiten Stunde fing ich an, die Minuten bis zur Pause zu zählen, in der ich endlich von ihr wegkäme.

Tatsächlich schaffte ich es, den Tag danach noch ein wenig erträglicher zu gestalten. Die Pausen waren mein Heiligtum, die Zeiträume, die meinen Freunden bestimmt waren. Wir quatschten und lachten zusammen in der Mensa, aber ich hütete mich, Tara Garcias Namen in den Mund zu nehmen. Sie saß nur ein paar Tische von uns entfernt mit Diana zusammen, und obwohl es in der Mensa laut war, hatte ich das Gefühl, dass sie uns belauschen könnte.

Liv, die gute Seele, lenkte mich wenigstens mit den Vorbereitungen für ihre Einweihungsparty ab, und Leanders Küsse halfen mir, mich zu entspannen. Ein paar seiner Blicke, die zu Liv schweiften, machten mich zwar stutzig, aber sie bemerkte nichts und vertiefte sich in ihre Arbeit für die Party.

Es war alles okay. Der Tag hätte wesentlich schlimmer sein können.

Nach der achten Stunde am Nachmittag traf ich mich noch mit dem Debattierclub, um die nächsten Termine festzulegen, danach folgte mein Tanztraining. Es war schon nach sechs, als ich mich auf Livs Beifahrersitz wieder auf den Heimweg machte. Meine Mutter war zum Glück noch nicht daheim, aber als ich mich von meiner besten Freundin verabschiedete und durch die Haustür spazierte, bemerkte ich sofort das fremde Paar Schuhe im Flur. Na super. Diana hatte Besuch. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wer das sein mochte.

Ich hörte Gekicher aus der Küche, als ich mich verdrossen der Tür näherte. »Das ist ja so was von cool!«, schallte mir Dianas Stimme entgegen. Auch Taras ruhige Antwort konnte ich genau ausmachen. »Bleib vorsichtig. Konzentrier dich. Du musst es unter Kontrolle halten.«

»Es ist so eine riesige Energie! Wieso kann ich das?«

»Wieso kannst du was?«, funkte ich dazwischen. Leichtfüßig trat ich in die Küche – und erstarrte an Ort und Stelle. Erschrocken blickten die zwei Mädchen auf, überrascht, dass ich wieder zu Hause war. Ich hatte aber keine Aufmerksamkeit für sie übrig. Ich konnte nur das Feuer anstarren, das auf Dianas Handfläche loderte und sich rasend schnell ausbreitete. Meine Glieder waren wie erstarrt. Die Flammen versetzten mich in eine lähmende Panik, bis ich endlich so weit zu mir kam, dass ich mich in Bewegung setzen konnte.

»Seid ihr wahnsinnig?«, schrie ich los und sprintete zur Spüle, um ein Glas mit Wasser zu füllen, doch als ich mich umdrehte, war das Unglück schon geschehen. Entsetzt starrte auch Diana auf das Feuer, das sich auf dem Tisch zwischen uns ausbreitete. Eilig kippte ich den Schwung Wasser darauf, aber es half nichts. Die Flammen züngelten weiter, rasend schnell, immer stärker werdend. Ich konnte nicht einmal die Quelle des Feuers erkennen.

»Diana«, ertönte eine energische Stimme. Den Tränen nahe starrte ich auf das gefräßige Ungetüm das immer näherrückte. Aber nein, das war doch nicht möglich.

»Diana!«, rief Tara erneut, forderte die Aufmerksamkeit meiner Cousine ein, während ich beim Zurückweichen fast über meine Füße stolperte. Das Feuer breitete sich in meine Richtung aus, als wollte es mich verfolgen. Panisch schrie ich auf, als ich durch die Küchenzeile in meinem Rücken an einer weiteren Flucht gehindert wurde. Ich saß in der Falle und die Flammen kamen näher, züngelten weiter hoch wie gierige Mäuler. Tränen rannen mir über die Wangen und ich musste vom Rauch husten.

Was war hier los? So wollte ich nicht sterben, auf keinen Fall!

»Diana, zieh es zurück!«, herrschte Tara immer noch meine Cousine an, die mich geschockt anstarrte. In einem verzweifelten Versuch zu entkommen, kletterte ich auf die Küchenzeile. Sekunden später leckten die Flammen an der Stelle, wo eben noch mein Fuß gestanden hatte.

Ich sah schon meinen sicheren Tod voraus und krümmte mich noch enger zusammen, die Arme fest um meine Knie geschlungen.

Mit einem Mal war alles vorbei. Kein Feuer, kein Rauch. Erst in der plötzlichen Stille, die ohne das scharfe Knacken der Flammen eintrat, bemerkte ich das Piepsen des Rauchmelders über uns. Ich hatte nicht die Nerven dafür, ihn auszuschalten. Mit tränenüberströmten Wangen hockte ich auf der Küchentheke und riskierte einen Blick zu den zwei Mädchen, die mindestens ebenso geschockt aussahen wie ich.

Obwohl, so ganz stimmte das nicht. Nur Diana schien genauso außer sich zu sein. Ihre Atemzüge waren abgehackt, sie sah aus, als würde sie gleich umkippen. Tara hingegen stand einfach nur da und starrte mich an, während sie mit der rechten Hand immer noch den Oberarm meiner Cousine umklammert hielt. Der Blick aus ihren hellblauen Augen bohrte sich in meine und ich spürte wieder Übelkeit in mir aufsteigen. Nicht nur der Rauch machte mir das Atmen schwer. Ich schaffte es gerade noch, mit Beinen wie Wackelpudding von der Küchentheke zu klettern, als sie schon auf mich zukam. Ihre Hände waren so eisig wie ihre Iriden, als sie sie um meine Handgelenke schloss. Bestimmt konnte sie mein hämmerndes Herz hören und den viel zu schnellen Puls spüren, der unter ihrem Griff pochte.

»Vergiss das alles, Lilja«, befahl sie mir. Ich starrte sie erschrocken an. Was wollte sie überhaupt von mir? Wie sollte ich das vergessen? »Denk nicht mehr dran. Es gab kein Feuer, es ist nichts passiert …«

»Lass mich los!«, brachte ich hervor. Ihre Worte beruhigten mich, vertrieben die Panik aus meinem Körper. Wow, sie hatte echt eine nette Stimme. Langsam lullte sie mich ein.

»Es gab kein Feuer, Lilja. Vergiss alles, was passiert ist, seit du nach Hause gekommen bist. Du gehst in dein Zimmer, machst deine Hausaufgaben und ruhst dich aus, in Ordnung?«

»Aber …«

»Kein aber«, flüsterte Tara. Ein Lächeln schlich auf ihre Lippen. Ihre Wangen sahen mit jeder Sekunde rosiger aus und ich versank fast in ihren himmelblauen Augen. Ihre Berührung erfüllte mich nicht mehr mit Angst – ich spürte nur noch, wie gut es tat, dass sie mich festhielt. Das brauchte ich jetzt. Ihre Nähe. Ihr Vertrauen. Tara sollte mich mögen, also tat ich, was sie wollte.

»Geh in dein Zimmer, Lilja«, hauchte sie noch ein letztes Mal und lächelte mich sanft an, bevor sie mich losließ. Es bereitete mir fast körperlichen Schmerz, als sie mich nicht mehr berührte. Aber in meinem Kopf war ein süßer Nebel, der alles erträglich machte.

Wow, was für hübsche Augen sie hatte.

Aber ich sollte sie nicht länger anstarren – ich sollte wirklich in mein Zimmer gehen.

Ich hatte den ersten Schritt gemacht, als wieder Bewegung in Diana kam. Irritiert blickte sie mich an, blass wie ein Gespenst. »Was hast du gemacht, Tara?«, murmelte sie. »Wieso macht sie, was du willst?«

Ja, wieso eigentlich? Die Frage hallte in meinem Kopf wider, während ich langsam auf die Küchentür zuhielt.

Warum tat ich das, was Tara von mir wollte? Ihre Worte waren so süß, ihr Lächeln so lieb … Aber eigentlich wollte ich gar nicht in mein Zimmer gehen. Ich wollte mir was zu essen machen, damit ich auch was hatte, wenn meine Mutter nach Hause kam. Und wieso roch es hier so angebrannt?

Angeekelt verzog ich das Gesicht, während sich der Nebel in meinem Kopf langsam lichtete … und damit auch die Erinnerungen zurückkehrten.

Auf einen Schlag war alles wieder da. Das Feuer. Die Flammen, die genau auf mich zugehalten hatten. Tara, die Diana befahl, sich zu kontrollieren. Oder sollte sie vielleicht gar nicht sich selbst in den Griff kriegen? Und Taras honigsüße Worte, die mich völlig eingelullt hatten. Plötzlich hatten sie ihren Effekt verloren.

Taras Blick war jetzt auf Diana fixiert, die zu ihr hinübergegangen war und leise mit ihr diskutierte. Als ich mich rasend vor Zorn auf dem Absatz umdrehte, bemerkte sie es sofort.

»Was hast du getan?«, schrie ich ihr entgegen. Sie kam auf mich zugeeilt, doch rasch wich ich ein paar Schritte zurück. Die sollte mich bloß nicht mehr anfassen – was für ein kranker Mist wurde denn hier gespielt? »Was zur Hölle ist hier los? Fass mich nicht an, fass mich ja nicht an, Tara … scheiße, ich sagte, bleib weg von mir!«

Ich schaffte es, sie von mir zu stoßen, als sie wieder nach meinem Arm greifen wollte. Sie stolperte ein paar Schritte zurück und fixierte mich stumm. Ihre Haut war wieder abgekühlt, aber ihre Wangen waren jetzt knallrot – ob vor Wut oder Scham, konnte ich nicht sagen. Anstatt mir zu antworten, zückte sie ihr Handy und wählte rasch eine Nummer, ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Annie, ich brauche dich hier«, erklärte sie in einem knappen, mürrischen Tonfall. »Wir hatten ein kleines Feuerproblem, du musst Ordnung schaffen. Und bring Finn mit, sicherheitshalber. Ich glaube, wir haben hier eine Unkategorisierte. Sie ist in keiner Datenbank eingetragen, aber sie hat definitiv Kräfte. Ich hab die Adresse gestern hinterlegt.«

Mit diesen Worten legte sie auch schon auf, ohne einen Gruß, eine Verabschiedung, irgendetwas Nettes. Man hätte fast meinen können, dass sie gerade geschäftlich nach China telefoniert hätte. Mich interessierte allerdings mehr das, was sie gesagt hatte.

Unkategorisierte. Was sollte das überhaupt heißen? Es hörte sich auf jeden Fall nicht gut an.

Mir blieb kaum Zeit, darüber nachzudenken. Und ich war nicht die Einzige, die aufschrie, als zwei Personen wie aus dem Nichts in unserer Küche auftauchten. Träumte ich gerade oder war ich im Irrenhaus gelandet?

Wenigstens sah Diana von der anderen Seite des Raums ebenso geschockt zu mir herüber. Als hätte ich etwas mit dem drahtigen Jungen und dem niedlichen Mädchen zu tun, die gerade in unser Haus eingedrungen waren, als hätten sie sich … hergebeamt?

Diese Woche entwickelte sich mit überirdischer Geschwindigkeit zur schlimmsten in meinem Leben.


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1996 in einer Kleinstadt Ungarns geboren, fand Tessa May nach ihrem Umzug nach Deutschland schnell Gefallen daran, mit der Sprache zu spielen. Während sie in ihrer Freizeit unzählige Bücher verschlingt, ist auch das Schreiben ihre Passion. 2016 begann sie ihr Studium im Verlagswesen, um die Liebe zum geschriebenen Wort in ihren Alltag zu integrieren.