Das Herz der Highlands

Für alle Highland Saga – Lesefans: Highland Romane Leseproben

 

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Prolog

Juli 1290

London

 

»Rachel! Rachel, wach auf!«

Anfangs fügte sich Sarahs Flüstern in ihren Traum ein. Rachel wandte sich von der Angst in der Stimme ihrer Schwester ab. Sie hatte vom Winter geträumt, von Schnee, der sacht aus einem hellen Himmel fiel. Sie und Sarah hatten als kleine Mädchen darin getanzt und lachend die Flocken mit ihren kleinen Händen aufgefangen. Dann war ein gequälter Schrei aus Sarahs Mund gedrungen, der Himmel hatte sich verdunkelt, und der Schnee war zu Regen geworden. Rachel kletterte mühsam zurück in die Welt. Ihr Geist sträubte sich dagegen, denn was auch immer Sarah Angst gemacht hatte, würde auch sie ängstigen.

»Wach auf!« Sarah rüttelte Rachel an der Schulter.

Rachel schlug die Augen auf. Es war noch dunkel. Und obgleich Sommer war, lag ein kalter Hauch in der Luft. Draußen trommelte der Regen auf das Dach unmittelbar über ihren Köpfen, und die Fensterläden klapperten, wenn der Wind sie gegen die hölzernen Fensterrahmen schlug. Jetzt hörte sie es auch – ein schreckliches Hämmern an der Tür und laute, zornige Männerstimmen.

»Sie sind hier«, flüsterte Sarah.

Rachel richtete sich auf, mit einem Schlag hellwach. Sie wusste, wen Sarah meinte: Die Männer des Königs waren gekommen, um sie aus ihrem Haus zu vertreiben. Eben das, was Mama vorhergesagt hatte, war eingetreten. Und Mama hatte Vorbereitungen getroffen. Papa, stets zuversichtlich, hatte behauptet, ihre Familie würde von alledem unberührt bleiben, ganz gleich, was in König Edwards Edikt stand.

Sie konnte die Stimme ihres Vaters aus dem Schlafgemach der Eltern unter ihnen hören. Das Hämmern an der Tür brach ab. Der Regen war zu laut, als dass sie die Worte hätte verstehen können, doch Papa sprach einige Augenblicke, ehe hastige Schritte auf der Treppe seine Stimme übertönten. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer wurde aufgestoßen, und Mama eilte herein.

»Zieht euch an, Mädchen«, sagte sie beinahe flüsternd, noch damit beschäftigt, ihre eigenen Gewänder zu schließen.

»Denkt an die Bündel unter euren Kleidern. Sagt nichts. Ganz gleich, was geschieht, widersprecht den Männern nicht. Und falls … falls es zu Gewalttätigkeiten kommen sollte … lauft weg. Denkt an den Plan.«

Sarah nickte. Sie war bereits aus dem Bett gesprungen und zog mehrere Röcke über das Hemd, in dem sie geschlafen hatte.

»Mama«, sagte Rachel, doch ihre Mutter schüttelte hektisch den Kopf.

»Zieh dich an. Kein Wort mehr. Los doch, Rachel! Bitte widersprich mir dieses eine Mal in deinem Leben  nicht. Tu einfach, was ich dir sage.« Damit war sie verschwunden.

Die nächsten Augenblicke verschwammen in Hast, als sich Rachel und Sarah  anzogen und die vorbereiteten Bündel unter ihre Kleider stopften; sie banden einander kleine Säckchen um die Knie, wo sie unter ihren Röcken verborgen sein würden. Die Bündel, die sie sichtbar bei sich tragen würden, enthielten nur Kleidung und ein paar kleine Schätze, die niemanden verwundern würden: Bänder für ihr Haar, einen Glücksstein, einen Spitzenkragen, eine Umhangfibel. Nichts, was Verdacht erregen könnte. Man hatte sie gut unterwiesen.

 

Doch Rachel hatte nicht geglaubt, dass es je so weit kommen würde. Trotz all ihrer Vorbereitungen, trotz Mamas Anweisungen und Ermahnungen, hatte Rachel nicht geglaubt, dass sie tatsächlich würden gehen müssen.

König Edward hatte am 18. Juli sein Edikt verkündet, mit dem er alle sechzehntausend Juden, die in England lebten, aus seinem Königreich auswies. Binnen weniger Tage hatten sich die Straßen Londons mit jenen gefüllt, die den Exodus anführten. Manche hatten einfach alles zurückgelassen, was sie nicht tragen konnten, und ihre Häuser und Läden so verlassen, wie sie waren. Andere hatten versucht, ihre Geschäfte und Wohnhäuser zu verkaufen, und einige hatten auch einen fairen Preis bekommen, die meisten jedoch hatten sich mit einem Bruchteil des Wertes abspeisen lassen. Sie zerstreuten sich in alle Winde, kleine Stadtviertel und Familien wurden auseinandergerissen, vielleicht für immer.

Viele Juden hatten aber auch erklärt, dass sie nicht fortziehen würden, weil König Edward in der Vergangenheit als ihr Beschützer aufgetreten war. Hatte er sie nicht erst vor wenigen Jahren hinter den Mauern des Tower of London in Sicherheit gebracht und beschützt? Er würde sie jetzt nicht im Stich lassen. Das Ausweisungsedikt, hatten sie behauptet, sollte nur die Gemüter derjenigen besänftigen, die die Stimme gegen die Juden erhoben hatten – ein politisches Manöver Edwards. Weiter nichts. Doch andere erinnerten sich noch an damals, als Edward die Geldverleiher im Tower eingekerkert hatte. Hunderte waren gestorben.

Zunächst hatte man die Juden nicht massenweise zusammengetrieben, und niemand hatte jene massakriert, die nicht auf der Stelle fortgezogen waren. Doch manche hatte es härter getroffen als die meisten anderen. Mehrere Familien waren bereits mitten in der Nacht aus den Betten gerissen, aus ihren Häusern geworfen und zum Stadttor eskortiert worden; man hatte sie aus der Stadt gejagt und sich selbst überlassen. Diese Vorfälle schienen keinem bestimmten Muster zu folgen, doch seit beinahe zwei Wochen geschah so etwas täglich. Und nun, am 30. Juli, waren sie an der Reihe. Ihr Vater war so sicher gewesen, dass man sie verschonen würde.

Dies hier ist nicht wirklich. Ich bin in einem Traum, und wenn ich aufwache, tanze ich mit Sarah in einem Schneesturm. Dies hier ist nicht wirklich.

»Beeile dich!«, sagte Sarah. »Schneller! Ich kann sie schon auf der Treppe hören.«

Sie waren kaum fertig angekleidet, als der erste Soldat vor ihrem Schlafgemach erschien. Er war älter, und sein grau meliertes Haar ringelte sich störrisch unter dem Helm der königlichen Wache hervor. Er salutierte.

»Meine Damen. Man hat Euch bis Tagesanbruch Zeit gewährt, Eure Habseligkeiten zu packen.« Er blickte auf das dunkle Fenster. »Nicht mehr lange.«

»Und wenn wir bis dahin nicht reisefertig sind?«, fragte Rachel.

»Rachel!«, rief Sarah.

»Mein Befehl lautet, dafür zu sorgen, dass Ihr die Stadt verlasst. Wenn Ihr weiterleben wollt …« Er zuckte mit den Schultern, als sei ihm das völlig gleichgültig.

Rachel nickte knapp. Von diesem Mann konnten sie keinerlei Gnade, keinen kleinen Akt der Güte erwarten. Er beobachtete mit steinerner Miene, wie sie das Bett abzogen und die Laken verknoteten. Sarah, den Kopf noch über das Bündel Leinen gebeugt, griff nach ihrem Ränzel. Sie hielt den Blick gesenkt, schob sich an dem Mann vorbei und lief die Treppe hinunter.

Rachel ließ ein letztes Mal den Blick durch den Raum schweifen, in dem sie ihr Leben lang geschlafen hatte – über die leere Bettstatt, deren Matratze in den Seilen durchhing, über die leeren Haken an der hölzernen Wand, an der ihre Kleider gehangen hatten. Über den schmiedeeisernen Kerzenständer auf dem Tischchen in der Ecke, mit der einen kostbaren Kerze darin, die ihnen an Winterabenden erlaubt war. Sie griff nach dem Kerzenhalter und hörte, wie sich der Mann von der Wache räusperte. Sie blickte über die Schulter zurück. Er fing ihren Blick auf und schüttelte den Kopf. Sie zog die Hand zurück, als würde sie der Kerzenständer verbrennen, und spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Einen verrückten Augenblick lang wollte sie ihn anschreien, wie erbärmlich es sei, dass er ihr ein so kleines Ding wie diesen Kerzenständer wegnahm, da er ihr doch schon ihr Zuhause und ihre Vergangenheit entriss, doch sie blieb still und lief ihrer Schwester nach.

Unten packte ihr Vater seine Bücher in eine Tasche aus Öltuch, darunter seinen Sidúr, das Gebetbuch, und den Tanach, das Alte Testament, das sein Großvater ihm geschenkt hatte. Die Menora und der Talít, der Gebetsmantel, den er am Sabbat brauchte, lagen schon in einem Holzkästchen zu seinen Füßen. Draußen hörte sie das Rattern des Karrens, den ihre Mutter bereits bestellt hatte, nur für alle Fälle. Sie konnte Tränen in den Augen ihres Vaters erkennen, während er emsig packte, doch er sah sie nicht an. Auch die beiden jüngeren königlichen Wachen, nur wenig älter als sie und Sarah, wichen ihrem Blick aus. Einer bedeutete ihr, ins Hinterzimmer zu gehen, auch das, ohne sie anzusehen. Rachel blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an. Er wollte, dass sie in das dunkle Hinterzimmer ging. Mit ihm. Allein. Sie spürte eine Hand auf der Schulter, drehte sich um und blickte in die Augen ihrer Mutter, in denen gut verborgener Zorn glomm.

»Der Karren ist hier«, sagte Mama leise, in einem zaghaften, bescheidenen Tonfall, den Rachel noch nie von ihr gehört hatte. »Dürfen wir ihn bitte beladen?«

Der Soldat musste genickt haben, denn Mama hob eine Kiste hoch und trug sie zur Haustür hinaus. Rachel tat es ihr gleich und war froh, nach draußen zu kommen, wo sich der Regen zu einem leichten Nieseln abgeschwächt hatte. Der Fuhrmann hielt sie mit erhobener Hand zurück.

 

»Erst wird bezahlt«, knurrte er.

»Wir werden Euch bezahlen, sobald wir sicher aus der Stadt gelangt sind«, sagte Mama. »So war es vereinbart.«

Der Fuhrmann lachte kehlig. »Dann tragt Eure Kisten selber, Madam. Ihr habt ja noch bis Tagesanbruch Zeit.«

Ihre Mutter straffte die Schultern, gab jedoch mit einem Nicken nach und reichte dem Mann die Münzen aus ihrer Rocktasche. Er schüttelte den Kopf und nannte einen exorbitanten Preis.

»Das entspricht nicht unserer Abmachung!«, sagte Mama, die nun ein wenig ängstlich klang.

»Tagesanbruch«, wiederholte der Fuhrmann. »Überlegt es Euch.«

»Wir nehmen den Karren«, sagte Jacob de Anjou und beugte sich an Mama vorbei, um dem Mann das restliche Geld zu geben. Der Fuhrmann überprüfte jede Münze mit einem kräftigen Biss und brummte dann.

»Aufladen müsst Ihr schon selber. Nur zwei fahren mit. Die anderen laufen.«

Sie brauchten keine Stunde, um alles aufzuladen. Sarah und ihre Mutter fuhren hinten auf dem Karren mit, und sie machten sich auf den Weg durch die feuchten Straßen. Als der Himmel heller wurde, konnte Rachel die Angst in den Gesichtern ihrer Eltern deutlich erkennen. Der Tag war beinahe angebrochen, und sie mussten noch einen weiten Weg innerhalb der Stadt zurücklegen.

Sie hatte sich nicht nach ihrem Haus umgeblickt, denn sie wollte nicht einmal insgeheim daran denken, dass sie vielleicht nie hierher zurückkehren würde. Sie hatte die wenigen Gesichter hinter den Fenstern über der Straße nicht zur Kenntnis genommen, als sie das Haus verlassen hatten. Sie hatte diese Menschen seit ihrer Kindheit gekannt, doch keiner von ihnen hatte ihnen beigestanden, niemand hatte auch nur Bestürzung kundgetan. Niemand hatte ein Wort zu ihnen gesprochen, nicht einmal Lebewohl. Es war, als hätte sie diese Menschen nie gekannt.

Ihre Familie hatte viel zurückgelassen – sämtliche Möbel, bis auf ein paar Hocker –, aber sie hatten die Bücher ihres Vaters, den kostbaren Servierteller ihrer Mutter, die kleine Aussteuertruhe ihrer Schwester und drei weitere Truhen voll Habseligkeiten. Ihre Mutter hatte sich seufzend in der Küche umgeblickt und ein letztes Mal den Tisch getätschelt, an dem sie Tag für Tag gearbeitet hatte. Rachel hatte sich von diesem Anblick abgewandt, denn der Zorn drohte sie zu überwältigen. Was hatten sie und ihre Familie getan, dass sie so etwas verdienten? Sie waren gute Bürger Londons gewesen, gute Untertanen des Königs. Ihre Gebräuche und ihr Glauben mochten sich von jenen der Christen unterscheiden, doch sie beteten zu demselben väterlichen Gott, gehorchten denselben Gesetzen. Welche Sünden sollten sie an dieser Gesellschaft begangen haben, dass sie nun zu Ausgestoßenen wurden?

Und was würde aus jenen Juden werden, die allen Warnungen zum Trotz in der Stadt blieben, denjenigen, die sie nun beobachteten – würden sie für diese Entscheidung teuer bezahlen? Würden die Soldaten wahrhaftig all jene töten, die zurückblieben? Sie wollte nicht daran denken, wollte sich ihre Namen nicht ins Gedächtnis rufen. Sie wollte nicht an den Jungen denken, der versprochen hatte, um sie zu werben, wenn sie älter waren – auch er hatte schweigend zugesehen, als sie mit ihrer Familie aufgebrochen war. Sie wollte nicht an Isabel denken, ihre liebste Freundin, die nie erfahren würde, was aus ihnen geworden war – die nur wissen würde, dass Rachel sie ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte.

Es wurde heller, und es hatte aufgehört zu regnen. Doch noch immer befanden sie sich in London. Weitere jüdische Familien waren auf dem Weg aus der Stadt, Menschen mit Bündeln und Babys in den Armen eilten der Stadtmauer zu. Karren wie der ihre bedrängten einander um bessere Plätze in der Schlange, die sich vor dem Aldgate gebildet hatte. Ihr Fuhrmann fluchte und trieb sein Pferd mit der Peitsche auf das Tor zu. Rachel und ihr Vater hielten sich mit einer Hand am Wagen fest, beunruhigt von dem Gedränge um sie her und der Angst, die plötzlich in der Luft lag.

Von oben bewarfen Jungen sie mit verfaultem Obst, doch niemand beklagte sich. Alle dachten nur an den bevorstehenden Sonnenaufgang und die Schlange, die sich nur langsam durch das Tor nach draußen wälzte. Und dann wurde ihre Mutter mit Kot beworfen, und ein dunkler Fleck breitete sich an der Schulter ihres Kleides aus. Ihr Vater wirbelte herum, das Gesicht vor Zorn verzerrt.

»Nein!«, rief Mama. »Jacob, nein! Achte gar nicht darauf.« Jacob wurde als Nächster getroffen, und sein Gesicht verfärbte sich scharlachrot. »Ist es nicht genug, dass wir aus unseren eigenen Häusern vertrieben werden? Ist es nicht genug, dass wir wie Vieh durch die Straßen gejagt werden? Müssen wir auch noch diese Demütigung hinnehmen? Das ist mehr, als ich ertragen kann!«

Ihre Mutter packte ihn am Arm. »Jacob, sei vernünftig! Sie sind gar nichts, diese Jungen, die uns mit Mist bewerfen. Sie wollen, dass du zornig wirst. Sie wollen, dass du ihnen nachläufst, um sie zur Rede zu stellen. Und was dann? Wir wären bei Tagesanbruch immer noch hier. Und was wird dann mit dir, mit uns geschehen? Achte nicht auf sie. Sie sind nichts. Dies hier ist nichts. Wir werden diesen Tag überleben.«

Sie starrten einander in die Augen. Und dann nickte Jacob. Plötzlich brach hinter ihnen ein kleiner Aufruhr aus, und eine Truppe der königlichen Kavallerie sprengte durch die Menge. In einer prunkvollen Zurschaustellung von Waffen und Rüstungen bildeten sie eine Gasse vor dem Tor, und die Atemwolken der Pferde wirkten in der ungewöhnlich kühlen Morgenluft wie Rauch von kleinen Höllenfeuern. Rachel blickte den Männern des Königs ins Gesicht, sah in den Himmel und beobachtete die Blicke, die die Reiter wechselten. Würden die Soldaten Befehl erhalten, über jene herzufallen, die bei Sonnenaufgang noch in London waren? Sie begann für ihre Familie und für die vielen Menschen hinter ihnen zu beten. Noch zehn vor ihnen in der Schlange, dann sechs.

Und dann hörte sie Isabels Stimme.

»Rachel! Rachel!«

Nur Isabel de Burke war tapfer genug, sich diesem Irrsinn zu stellen, dachte Rachel und schöpfte ein wenig Mut. Ein Mensch in ganz London scherte sich noch darum, ob sie lebte oder starb. »Isabel!«, rief sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihre Freundin zu entdecken. »Isabel!«

Die Schlange rückte weiter, und Jacob packte sie am Arm.

»Nicht stehen bleiben, Rachel.«

»Aber Papa, Isabel ist hier! Woher kann sie das wissen?«

»Sie lebt bei Hofe«, sagte er. »Dort wissen es wohl alle.«

»Rachel!« Isabels Stimme klang nun lauter.

Eine schlanke Hand mit langen Fingern winkte verzweifelt über das Gedränge hinweg, und endlich entdeckte Rachel ihre Freundin. Isabels hellbraunes Haar war zerzaust und fiel ihr offen über die Schultern, als habe sie sich eben hastig aus dem Bett erhoben. Sie war wie eine Dienstmagd gekleidet, einfach und trist, doch die Verkleidung war wenig überzeugend. Dienstmägde hatten nicht so feine Gesichtszüge und strahlten keine so seltene Schönheit aus. Rachel stiegen Tränen der Dankbarkeit in die Augen, weil ihre Freundin nach ihr gesucht hatte.

»Hier! Isabel, hier bin ich!«

»Dafür haben wir keine Zeit, Rachel!«, schalt Jacob. Rachel blieb stehen, wo sie war, und winkte mit dem hochgereckten Arm. Die Gruppe vor ihrer Familie verhandelte mit den Torwächtern, und nun wurde ihr klar, warum sie so lange warten mussten. Die Neuigkeit verbreitete sich unter den Wartenden hinter ihr, und sie konnte die Wut und Angst der Leute beinahe riechen. Die Männer des Königs ließen ihre Pferde auf dem Boden scharren, als warteten sie ungeduldig darauf, sich an die Arbeit zu machen.

»Ich dachte schon, ich würde euch nie finden!« Isabel schob sich durch die Menge und umarmte Rachel.

»Ich konnte dir keine Nachricht mehr schicken! Soldaten kamen und –«

»Ich habe gehört, was vor sich ging, und bin zu eurem Haus gelaufen«, erklärte Isabel keuchend, »aber ihr wart nicht mehr da. Ach, Rachel! Wo wollt ihr hin? Sir, wohin werdet Ihr Euch wenden?«

Jacobs Miene wurde weicher. »Ich weiß es nicht, Isabel. Ich weiß es wirklich nicht.«

»Ich hätte nie gedacht, dass der König sein Edikt mit Gewalt durchsetzen würde!« Isabels Augen waren vor Sorge weit aufgerissen. »Ihr habt im ganzen Land kein sicheres Geleit mehr. Ihr steht unter keinerlei Schutz! Die Reise wird gefährlich sein. Ihr wisst ja, wie gefahrvoll die Straßen ohnehin schon sind!«

»Uns bleibt keine andere Wahl«, entgegnete Jacob.

»Ich wünschte, ich hätte wenigstens Geld oder die Macht, euch Männer mitzugeben! Gebt acht, gebt gut auf euch acht!« Isabel weinte und drückte Rachel fest an sich. »Ich kann es nicht ertragen! Es wird unendlich lange dauern, bis wir uns wiedersehen!«

»Isabel, wir werden einander niemals wiedersehen!«

»Nein, nein, das darfst du nicht sagen!«, rief Isabel. »Wir werden uns wiedersehen. Du musst daran glauben! Wir müssen beide fest daran glauben! Wir werden auf ewig Freundinnen sein. Nichts, nicht einmal dies hier, wird etwas daran ändern!«

»Rachel, komm!«, sagte Jacob, als sie an der Reihe waren, das Tor zu passieren. Er reichte dem Torwächter einige Münzen und drehte sich zu Rachel um. »Lebt wohl, Isabel.

 

Ich danke Euch dafür, dass Ihr meiner Tochter eine Freundin wart. Komm.«

Rachel riss sich aus Isabels Umarmung los. Beide Mädchen schluchzten.

»Sichere Reise, liebste Freundin«, sagte Isabel. »Rachel, o lieber Gott, beschütze sie! Ich werde jeden Tag für dich beten! Für euch alle!«

»Und ich für dich, Isabel! Ich werde an dich denken, in deinem neuen Leben bei Hofe!«

»Rachel, nun komm!«

Rachel trat mit ihrer Familie durch das Stadttor. Sie drehte sich nach Isabel um, konnte sie aber nicht mehr sehen, denn hinter ihnen drängte sich eine verzweifelte Menschenmenge zu dem Tor. Die Strahlen der Sonne trafen die Dächer Londons, und ihr Vater wandte sich von dem Anblick ab und scheuchte sie hinter dem Karren her die Straße entlang. Ihre Tränen, die Isabels Erscheinen zum Fließen gebracht hatte, wollten nicht mehr versiegen.

»Rachel«, sagte Jacob tröstend, »wir haben London rechtzeitig verlassen, und es liegt noch viel vor uns. Trockne deine Tränen. Wir werden uns gemeinsam der Zukunft stellen.«

Rachel schniefte. Nun lagen die Gefahren der Straße vor ihnen. Sie schlang die Arme um sich und starrte auf den Fleck an der Schulter ihrer Mutter. Ein Teil von ihr würde sich niemals wieder sicher fühlen, nirgendwo.

 

1

September 1290

Loch Gannon, Schottland

 

Margaret MacDonald MacMagnus hob den Kopf und ließ sich den Wind durchs Haar wehen, während sie Luft holte. Auch nach all den Jahren erklomm sie noch den Gipfel der Landzunge, um auf ihren Mann zu warten, wenn er heimkehrte. Zwei Schiffe heute, und keines davon war seines gewesen, doch bis Sonnenuntergang würde es noch Stunden dauern. Sie war nicht besorgt, denn Gannon MacMagnus war ein Mann, dem man vertrauen konnte. Er hatte gesagt, dass er heute nach Hause kommen würde, also kam er auch.

Sie hatte ihn vermisst. War das nicht lächerlich – da teilte sie nun seit fast dreißig Jahren ihr Leben mit diesem Mann, und doch fehlte er ihr schrecklich, obgleich er nur ein paar Tage fort gewesen war! Er hatte auch keine ungewöhnliche oder gefährliche Reise unternommen, er war nur nach Skye gesegelt, um ihren Bruder Davey zu besuchen, und dann hinunter nach Ayrshire zu ihrem älteren Sohn Magnus, der nun auf dem Land lebte, das der König Gannon vor so vielen Jahren zugesprochen hatte.

Und da war es, das Segel, das sie erwartet und auf das sie gehofft hatte. Gannons Schiff näherte sich rasch von Süden, fast bis zur Reling ins Wasser getaucht, das weiße Segel wie ein Spiegelbild des Schaums, der sich am Bug bildete, wo der schwarze Rumpf durch das dunkelblaue Wasser schnitt. Doch das Schiff war nicht allein auf See, denn dort, von Norden, näherte sich ein zweites Segel, das Margaret scharf nach Luft schnappen ließ. Ein Drachenschiff. Ein Langschiff nach Bauart der Wikinger, dessen breiter, flacher Rumpf eine Flut unwillkommener Erinnerungen aufrührte. Dunkle Sturmwolken ballten sich dahinter und ließen das rechteckige Segel, rot mit gelben Streifen, umso stärker hervortreten. Sie umklammerte die Oberarme mit den Händen, ignorierte den kalten Schauer, der sie überlief, und sagte sich, dass dies kein Kriegsschiff war – diese Zeiten waren für immer vorbei. Gewiss nur ein Bote aus dem Norden, weiter nichts. Aber dennoch … Sie blickte gen Süden, wo sich Gannons Schiff der schmalen Einfahrt zu dem Meeresbusen näherte, der Gannons Namen trug, und war beruhigt. Ganz gleich, was für Nachrichten das Drachenschiff brachte, sie und Gannon würden sich ihnen gemeinsam stellen, wie auch allem anderen, was das Leben ihnen abverlangt hatte.

Sie wandte sich ab, um den steilen Abhang hinunterzuklettern, hielt dann aber inne und nahm sich die Zeit, den Blick über das Tal schweifen zu lassen, das ihr Zuhause war. Sie und Gannon hatten sich hier gemeinsam ihr Leben aufgebaut und die Überreste ihrer Familie und ihres Clans in eine mittlerweile blühende Gemeinschaft eingebunden. Der durch eine schmale Rinne mit dem Meer verbundene See war nun als Loch Gannon bekannt, was ihren Ehemann immer noch erheiterte. Doch die Ehre war nur angemessen, denn ohne ihn wäre keiner dieser Menschen mehr am Leben. Hinter dem stillen Wasser, das heute vom Wind gekräuselt wurde, ragten im Norden und Osten die Berge auf, die sie vor der Welt dahinter beschützten. Unter ihr schien die Festung aus dem großen Felsvorsprung hervorzuwachsen, auf der sie erbaut war. Dorthin eilte sie nun, als die Hörner zweimal erschollen, erst mit den vertrauten Tönen, die allen dort unten sagten, dass der Laird in sein Tal heimkehrte, und dann noch einmal mit der Botschaft, dass sich ein fremdes Schiff näherte. Gannon hatte die Männer des Clans gut ausgebildet, und Margarets Frauen würden sich sogleich an die Arbeit machen und ein Mahl vorbereiten, um ihn und seine Männer zu Hause zu empfangen. Doch sie würde ihn – und die Besucher – selbst begrüßen.

Rory, ihr jüngerer Sohn, groß, stark und bereit für die Welt, kam ihr auf dem Pfad zum hinteren Tor entgegen. Sein blondes Haar, derselbe helle Farbton wie bei seinem Vater, fing das Sonnenlicht ein. Er sah seinem Vater so ähnlich. Er hatte Gannons Kinn, Gannons blaue Augen und seine breiten Schultern. Und seine Ungeduld.

»Mutter! Weißt du, wer da kommt? Vater und wer noch?«

Sie schüttelte den Kopf, denn sie wollte nicht sprechen und sich dabei anmerken lassen, wie atemlos sie nach dem halsbrecherischen Lauf war, der sie die Klippe hinabgebracht hatte. Sie vergaß oft, dass sie nicht mehr jung war, doch ihr Körper vergaß es nicht. »Ja, dein Vater kommt. Aber das andere Segel gehört zu einem Drachenschiff.«

Rorys Brauen runzelten sich, genau wie die seines Vaters, wenn er nachdachte. »Von Orkney? Vielleicht mit Neuigkeiten von der Königin?«

Margarets Stimmung hob sich augenblicklich. Margaret, die Jungfrau von Norwegen, erst sieben Jahre alt, hatte sich auf den Weg gemacht, den schottischen Thron zu besteigen, der seit ihrem dritten Lebensjahr rechtmäßig ihr gehörte. »Aber natürlich. Das ist es. Drason hat uns ja versprochen, uns Nachricht zu senden, wenn sie auf dem Weg nach London auf den Orkneys haltmacht. Ich gehe nur rasch –«

»Vater begrüßen«, beendete Rory  ihren Satz lachend. »Als würdest du das nicht immer tun.«

»Und falls dir so viel Glück beschieden ist wie deinem Vater, mein Junge, wird deine eigene Ehefrau eines Tages genau dasselbe tun.«

»Du wirst sie lehren müssen, mich zu vergöttern, so wie du Vater.«

 

»Vergöttern! Hat er wieder verrückte Geschichten in Umlauf gebracht?«

Sie lachte mit ihm und ging voran zu der Burg, die Gannon erbaut hatte, um sie alle zu schützen. Erst hatte man nur hölzerne Wände errichtet, sie aber im Lauf der Jahre durch dicke Steinmauern ersetzt, doppelwandig und mit Geröll aufgefüllt, damit sie Katapulten und anderen Belagerungsgeräten standhielten. Sie konnten auch nicht niederbrennen, wie sowohl Inverstrath als auch Somerstrath zuvor. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Diese Erinnerungen gehörten zu einer Zeit, als sie, ihre Schwester Nell und der kleine Davey so grauenhafte Dinge erlebt hatten, wie sie niemand sollte erdulden müssen. Als Gannon in ihr Leben getreten war und es für immer verändert hatte.

Sie war seit siebenundzwanzig Jahren Gannon MacMagnus’ Ehefrau, hatte fünf Kinder geboren, von denen zwei überlebt hatten, und zugesehen, wie die beiden zu Männern heranwuchsen. Magnus war bereits verheiratet und lernte nun, Ländereien und Leute selbst zu führen. Rory war noch jung, aber er würde sich gut machen, denn Rory machte einfach alles hervorragend, was er anfing. Alles, was er brauchen würde – irgendwann –, war ein eigenes Heim, eine Frau, die ihn liebte und, ja, vergötterte, denn das hatte er verdient. Doch das würde mit der Zeit schon kommen.

Die Gannons Lady glitt mit vollen Segeln aus der Passage auf den Loch Gannon heraus, mit ihrem Mann am Bug. Margaret stand wie immer am Ende des hölzernen Kais und erwartete ihn, mit Rory an ihrer Seite. Der Himmel verdunkelte sich, der Wind frischte auf und trug den Geruch des nahenden Unwetters mit sich. Diesmal würde es mehr als nur ein wenig Regen geben, denn die Berggipfel um den Meerbusen herum waren bereits verhüllt, und die Seevögel zogen landeinwärts, um Schutz zu suchen. Die Tagundnachtgleiche im Herbst brachte oft heftige Stürme mit sich, und dieser, neun Tage danach, schien keine Ausnahme zu machen. Rory wurde das Haar um den Kopf gepeitscht, und er strich es mit einer Geste zurück, die so sehr der seines Vaters glich, dass sie lächeln musste.

Und dann rief Gannon nach ihr, und seine große Gestalt geriet in Bewegung. Wie immer sah sie nichts anderes mehr. Er trug schottische Kleidung, eine eng anliegende, karierte Hose, gestrickte Beinlinge und einen safrangelben Kittel. Seine irischen Gewänder hatte er schon vor langer Zeit abgelegt. Manchmal vergaß Margaret ganz, dass er aus Irland stammte und nicht von der Westküste Schottlands, an der sie ihr Leben lang zu Hause gewesen war. Doch die Schnitzereien an der Reling seines Schiffes, keltische Symbole und nordische Runen, goldfarben bemalt, sodass sie sich von der schwarzen Reling deutlich abhoben, gemahnten sie daran, dass er ein Geschenk des Meeres an sie gewesen war – ein Verlust für Irland, ein Gewinn für Schottland.

Sie winkte zurück und lächelte breit. Ihr Mann war zu Hause, und alles war gut … zumindest für einen Augenblick, denn dort, aus der letzten Biegung in dem kahlen Felsspalt, der Loch Gannon vor der Welt verbarg, kam das Drachenschiff. Sie erkannte es sogleich als Drasons. Der Mann von den Orkney-Inseln war seit ihrer schicksalshaften Begegnung im längst vergangenen Sommer des Jahres 1263 ihr Freund. Ihre Freundschaft hatte einen seltsamen Anfang genommen. Sie waren Feinde gewesen, hatten jedoch bald entdeckt, dass sie in ihrem Hass auf Nor Thorkelson vereint waren – Drasons Onkel war der Mann, der Margarets Familie ermordet hatte. Sie hatten sich miteinander verbündet und Nor schließlich in einer gewaltigen Schlacht auf der Insel Skye geschlagen, von der man heute noch in ganz Schottland sprach. Drason winkte, doch es wirkte nicht so überschwänglich wie sonst, und Margarets Herz machte einen Satz. Die Neuigkeiten, die er brachte, konnten nicht gut sein. Sie war sicher, dass es nicht um Magnus gehen konnte, oder um ihren Bruder Davey und seine Familie, denn Gannon kam ja eben erst von dort. Und ganz gewiss betrafen die Neuigkeiten nicht Nell, denn die weilte in Stirling, um die kleine Königin zu empfangen, war also nicht einmal in der Nähe der Orkneys oder der Küste.

Doch irgendetwas musste geschehen sein.

»Mein Mädchen«, rief Gannon, als sich sein Schiff  dem Steg näherte. »Du hast Drason gesehen, ja? Lass schnell die Tür zum Weinkeller verriegeln. Sonst trinkt er uns die Haare vom Kopf.«

Sie lächelte, doch es entging ihr nicht, dass Gannons Augen schmal wurden, als er das Drachenschiff betrachtete, und sie wusste, dass auch er Drasons angespannte Haltung bemerkte. Drason trug eine Lederrüstung und einen Lederhelm, der sein blondes Haar verbarg. Nicht die Aufmachung eines Mannes, der Freunden nur einen Besuch abstatten wollte, sondern eher das, was ein kluger Mann in unsicheren Zeiten trug. Sie blieb still und wartete, während die Männer des Clans die Seile auffingen und Gannons Lady vertäuten. Als Gannon sie an sich zog, schlang sie die Arme um ihn, und er küsste sie vor den Augen des versammelten Clans. Sie fand seine Inbrunst auch nach so vielen Jahren hinreißend.

Er lächelte auf sie herab. »Ich habe dich vermisst, Margaret.

Wie geht es dir?«

»Großartig, nun, da du wieder da bist«, entgegnete sie.

Sie schmiegte die Hand an seine Wange und küsste ihn erneut. Er war nicht mehr jung, ihr prachtvoller Mann. Seine meerblauen Augen waren von Fältchen umgeben, seine Schläfen wurden grau, doch er bewegte sich immer noch geschmeidig und hielt sich aufrecht und gerade. Er war nach wie vor der bestaussehenste Mann, der ihr je begegnet war, und sie war wahrlich vom Glück gesegnet, dass sie diesen wilden Krieger liebte und er ihre Liebe erwiderte. Sie lächelte, als Gannon Rory umarmte und dem Jungen auf die Schulter klopfte.

»Bitte sag mir, dass ich nicht schrumpfe, sondern du immer noch wächst«, sagte Gannon zu seinem Sohn.

»Ich wachse, Vater«, sagte Rory, und beide lachten.

»Hier steht alles zum Besten, Liebster«, sagte sie. »Es ist schön, dich wieder zu Hause zu haben. Wie geht es denn allen?«

»Gut. Allen geht es gut«, antwortete Gannon. »Magnus lernt allmählich, wie man ein eigenes Haus leitet, und Jocelyn ist dieselbe wie immer.«

Was bedeutete, dachte Margaret, dass ihre Schwiegertochter, die man bestenfalls als schwierig bezeichnen konnte, sich so zimperlich und verzärtelt benahm wie immer. Magnus war ein guter Mann, aber sehr ernst und übervorsichtig, und Margaret hatte gehofft, dass er eine Frau mit einem Lachen in der Seele heiraten würde, nicht so eine wie Jocelyn. Doch Magnus schien sie sehr zu mögen, und was konnte eine Mutter sich für ihren Sohn mehr wünschen?

»Dein Bruder lässt herzlich grüßen«, fuhr Gannon fort.

»Sein Geröllhaufen sieht schon ein wenig mehr wie eine Burg aus denn wie eine Schutthalde. Und es wird eine gute Festung, wenn sie einmal fertig ist. Davey möchte, dass du ihn bald besuchen kommst und sie dir ansiehst. Dort geht es auch allen gut.« Er blickte zu Drasons Schiff hinüber, und seine Stimme wurde ernst. »Wir werden ja sehen, was für Neuigkeiten er bringt. Ihr habt hier noch nichts gehört?«

Margaret schüttelte den Kopf. »Nein. Rory meint, es müsse die Reise der Königin von Norwegen nach London sein. Sie sollte doch auf den Orkneys haltmachen.«

Gannon zog sie an sich. »Das wird es wohl sein.«

»Drason kommt selbst«, bemerkte Rory. »Es muss sich um etwas Bedeutendes handeln.«

»Wir haben ihn seit vier Jahren nicht mehr hier gesehen«, erinnerte sich Margaret. »Seit wir König Alexander verloren haben.«

Gannon fing ihren Blick auf. »Ja, seit dem Tod unseres Königs.«

Das Langschiff glitt an den hölzernen Kai, und Drason beugte sich über die Reling. Er riss sich den Helm herunter. Sein Blick schweifte über die Wartenden.

»Sie ist tot«, sagte Drason. »Eure Königin ist auf Orkney verstorben.«

Margaret schnappte nach Luft. »Bist du sicher? Die arme Kleine ist tot?«

»Ich bin aufgebrochen, sobald ich es gehört hatte«, sagte Drason. »Noch weiß kaum jemand davon. Ich wusste, dass ihr es so rasch wie möglich würdet erfahren wollen.«

»Oh, das arme Kind!«, rief Margaret.

Gannon ergriff Drasons Hand. »Ja, da hast du recht. Und ich danke dir, dass du uns die Nachricht selbst überbracht hast, mein Freund. Nun komm herein und erzähl uns die ganze Geschichte.«

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Rory. »Was bedeutet ihr Tod für uns?«

»Es wird ein Gerangel um den Thron geben«, erklärte Margaret ihrem Sohn kopfschüttelnd. »Und es gibt keine Gewissheit dafür, dass der Sieger auch der beste Anführer für unser Volk sein wird.«

»Es bedeutet«, fügte Gannon hinzu, »dass die Wölfe aus ihren Schlupfwinkeln hervorkommen werden. Und der Leopard im Süden wird abwarten, wer gewinnt. Möge Gott Schottland beistehen.«

Drason Anderson hatte ihnen nicht viel mehr zu erzählen als die schreckliche Neuigkeit vom Tod der kleinen Königin auf ihrer Reise zu ihrem Thron. Man hatte sie die Jungfrau von Norwegen genannt, weil ihr Vater König Erik von Norwegen gewesen war, doch ihr Großvater war der schottische König Alexander III. gewesen, und sie selbst seit ihrem dritten Lebensjahr Königin von Schottland. Die Jungfrau, die Tochter von Alexanders Tochter, war die Letzte seiner Linie. Durch ihren Tod war die Thronfolge nun völlig ungeklärt.

Margaret saß mit Gannon und Rory am riesigen steinernen Kamin in ihrer großen Halle und lauschte Drason. In den Jahren, seit sie den Nordmann von den Orkney-Inseln zuletzt gesehen hatten, hatte er sich verändert. Drason war jünger als Gannon, doch sein blondes Haar war bereits mit grauen Strähnen durchzogen. Er sah unbeschreiblich erschöpft aus, und Margaret spürte Zuneigung und Mitgefühl für ihren treuen Freund in sich aufsteigen. Drason hatte seine eigene Frau, seine Familie verlassen, um ihnen diese Nachricht zu überbringen. Es gab gute Menschen auf der Welt – sogar auf den Orkney-Inseln.

»Es heißt, sie sei während der Überfahrt krank geworden«, erzählte Drason. »Manche behaupten natürlich, sie sei vergiftet worden, doch ich habe gehört, dass sie schon vorher kränklich gewesen sein soll. Und um ganz offen zu sprechen, es gäbe keinen Grund für die Norweger – oder für uns auf Orkney –, das Kind in unserer Obhut sterben zu lassen.«

»König Edward kann das auch nicht gefallen«, sagte Gannon. »Das wird seine Pläne durcheinanderwirbeln.«

»Ein Kind sollte kein Unterpfand solcher Machtspiele sein«, warf Margaret ein. »Was hat ihr Vater sich dabei gedacht, sie einfach fortzuschicken? Sie ist doch noch ein kleines Mädchen.« Sie hielt inne. »War ein kleines Mädchen, die arme Seele.«

»Ihr Vater hatte den Vertrag mit Edward von England unterzeichnet und sie dessen Sohn als Gemahlin versprochen, das hat er sich dabei gedacht«, sagte Gannon. »Und König Erik ist selbst noch ein Junge, kaum zwanzig Jahre alt, glaube ich. Edward ist ein mächtiger, einflussreicher Herrscher. Vor ihm sind schon geringere Männer in die Knie gegangen. Es überrascht mich nicht, dass Erik Edward seinen Willen gelassen hat.«

»Widerlich ist das«, warf Drason ein, »seinen Sohn mit der Enkelin der eigenen Schwester zu verheiraten.«

 

»Ebenso widerlich ist, dass der Papst dem zustimmt«, sagte Gannon. »Aber das hat er. Und jetzt ist die Thronfolge ungeklärt.«

»Sie werden über Generationen zurückrechnen müssen«, bemerkte Margaret. »Die Balliols werden die Krone für sich beanspruchen. Die Bruces ebenfalls. Und meine Verwandten, die Comyns, werden gewiss auch eine Meinung dazu haben.« Sie seufzte beim Gedanken an die Mittel, zu denen ihre Cousins womöglich greifen würden, um sicherzustellen, dass ihre Machtposition nicht geschwächt wurde. »Und es gibt eine ganze Reihe unehelicher Kinder von königlicher Abstammung, die ebenfalls Ansprüche auf den Thron erheben könnten.«

Drason runzelte die Stirn. »Damit werden sie aber doch keinen Erfolg haben? Ich kenne mich in der schottischen Politik nicht sonderlich gut aus, aber ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Bastard den Thron bestiegen hätte.«

»Meiner Meinung nach«, sagte Gannon lachend, »hat schon so mancher Bastard auf dem Thron gesessen. Aber nein, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass einer der Bastarde unserer früheren Könige die Krone erlangen könnte. Was spricht man denn so auf Orkney? Was sagen deine Leute dazu?«

Drason lächelte schief. »Sie wünschen sich, sie wäre anderswo gestorben. Manche glauben, dass die Orkney-Inseln damit den Zorn Eriks von Norwegen erregt haben könnten, obgleich Eriks eigene Männer sie begleitet haben. Andere befürchten, dass die Schotten uns die Schuld daran geben und sich an uns rächen werden, oder auch Edward von England. Und obwohl das niemand  offen ausspricht, fragen sich einige, ob sie wirklich so krank war, wie man uns glauben machen will.«

Gannon runzelte die Brauen. »Mord?«

»Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich«, sagte Drason. »Zeigt mir ein Land, in dem man Männer nicht durch Bestechung oder Erpressung dazu bewegen kann, jemanden zu verraten, der ihnen vertraute. In jedem Land gibt es schlechte Menschen. Wie wir nur zu gut wissen.«

Gannon nickte. »Es gibt ein Königreich zu gewinnen. Das würde die Gierigen überall hervorlocken, und von denen hat auch Schottland seinen Teil.«

»Was wird jetzt aus Nell?«, fragte Margaret, an Drason gewandt. »Sie und ihre älteste Tochter Meg sollten der Königin dienen. Sie erwarten ihre Ankunft in Stirling.«

»Nun«, sagte Gannon zu Margaret, »Nell wird wohl nicht mit der Königin nach London reisen. Zumindest das sollte dir ein Trost sein, mein Mädchen, auch wenn der Grund dafür so betrüblich ist.«

»Ja«, sagte Margaret, die den Gedanken tatsächlich tröstlich fand. Die Jungfrau hätte in Stirling und Edinburgh haltmachen sollen, um von einem Großteil des schottischen Adels begrüßt zu werden. Danach wäre sie nach London gereist und hätte bis zu ihrer Hochzeit mit Edwards Sohn an Edwards Hof gelebt. Nell und ihre Töchter hätten sie begleiten müssen. »Ich frage mich, ob Nell in Stirling bleiben wird, bis der neue König ausgewählt ist. Was, wenn sie noch nichts davon erfahren hat? Wir müssen sie benachrichtigen.«

»Ich gehe«, sagte Rory begierig und sah sie dabei an. »Ich reise nach Stirling und sage es ihr.«

Das Gesicht ihres Sohnes strahlte vor Aufregung über diese Reise, und Margaret empfand einen Stich der Angst. Sie würde ihn verlieren. Sie hatte ja stets gewusst, dass sie Rory nicht für immer auf Loch Gannon behalten konnten, dass ihm das friedliche Leben hier  niemals genug sein würde. Sie hatten ihn auf ihre Reisen nach Irland und durch Schottland mitgenommen, und er hatte Gannon bereits auf das europäische Festland und nach London begleitet. Aber nun war Rory bereit für mehr. Zumindest glaubte er das.

Gannon musterte seinen Sohn nachdenklich. »Sie werden davon erfahren, ehe du oder sonst jemand sie von hier aus erreichen kann, aber es wäre wohl trotzdem günstig, dich dorthin zu schicken. Ich wüsste gern, was man bei Hofe so sagt.«

»Ich könnte gleich morgen früh aufbrechen«, erbot sich Rory.

»Du brauchst Begleiter.«

»Nicht viele«, sagte Rory und benannte einige junge Männer.

Margaret hörte zu, während die Männer die Reise besprachen. Rory war die wachsende Aufregung deutlich anzumerken, und sie verbarg ihre Bestürzung. Warum konnte Rory seinen Lebensweg nicht in einem friedvollen Schottland beginnen, so wie sein Bruder es getan hatte? Warum vernahm er ausgerechnet jetzt den Ruf der großen, weiten Welt, da Schottland einmal mehr vor einem Aufruhr stand? Oder waren ihre Sorgen lächerlich? Sie beugte sich dicht zu ihrem Mann hinüber.

»Gannon, das macht mir Angst«, flüsterte sie. »Ist es falsch von mir, Liebster, mich so um ihn zu sorgen?«

Gannon küsste sie auf den Kopf. Doch er antwortete nicht.

 

Oktober 1290
London

 

»Es wird Männer geben«, sagte Isabel de Burkes Mutter und beugte sich vor, um den Saum von Isabels Rock zu prüfen.

»Sie werden dich auf die Probe stellen, das weißt du. Das sind die Jäger.«

»Ja, Mutter«, sagte Isabel.

Sie hatte diese Predigt schon allzu oft gehört. Die Männer, die ihre Mutter als »die Jäger« bezeichnete, hatten es auf junge Mädchen abgesehen, die töricht genug waren, ihre Jungfräulichkeit gegen ein wenig hübschen Flitterkram einzutauschen. Unsichtbar in ihren sittsamen, nüchternen Kleidern, hatte Isabel beobachtet, wie sich diese Männer  über eine Schulter beugten, eine Wange liebkosten, einen schlanken Nacken küssten. Und Isabels wachsame Blicke nie bemerkten. Doch diese Tage waren vorüber. Nun würde sie zu jenen gehören, die als Beute begehrt wurden.

»Die meisten der Männer sind verheiratet«, sagte ihre Mutter und zupfte Isabels seidenes Kleid zurecht, damit der Stoff schön fiel. »Doch selbst jene, die nicht verheiratet sind, haben keine ehrenhaften Absichten. Einige der Mädchen sind dumm genug, zu glauben, das, was ihnen entgegengebracht wird, sei aufrichtige Zuneigung. Sie erkennen nicht, dass es in Wahrheit nur um das Spiel des Jägers mit seiner Beute geht.« Sie richtete sich auf und sah Isabel in die Augen. »Diesen Mädchen ist nicht bewusst, dass sie nichts weiter als eine Trophäe sind, ein Name, mit dem diese Männer vor ihren Freunden prahlen, um ihn dann zu vergessen. Schon so manches junge Mädchen hat Lust mit Liebe verwechselt und ihr einzig wertvolles Gut verspielt. Du wirst keine von ihnen sein.«

»Nein, Mutter.«

Sie kannte die Antwort, die ihre Mutter hören wollte. Und sie hatte wahrhaftig aufmerksam zugehört und gelernt, sie kannte den Preis solcher Torheit. Sie nahm den Platz einer jungen Frau aus gutem Hause ein, die den Hof plötzlich verlassen hatte, nachdem sie sich wochenlang immer wieder hatte übergeben müssen und offenkundig schwanger war. Isabel würde nicht so töricht sein.

»Halte dir diesen Tag stets in Erinnerung«, sagte ihre Mutter. »Nichts wird je wieder so sein wie zuvor. Du wurdest dazu ausersehen, Eleanor von Kastilien zu dienen, von Gottes Gnaden Königin von England, Irland und Aquitanien. Sie hat dich vielen anderen vorgezogen, ein englisches Mädchen, statt einer jungen Edeldame aus ihrem Heimatland. Das ist eine große Ehre. Und eine unerwartete Ehre, wenn man bedenkt, wer wir sind.«

Eine solche Ehre konnten sie selbstverständlich nicht ablehnen, wenngleich sie schlicht unerklärlich schien. Ihre Mutter war überzeugt davon, dass sie sie ihren Verbindungen zur Krone zu verdanken hatten, doch diese lag Generationen zurück, und die Familie war seither vom Hof kaum mehr beachtet worden. Isabels Urgroßmutter war von einem König verführt worden, der das Kind – ihre Großmutter – nie als das seine anerkannt hatte, und ihre Familie hatte sie verstoßen und sich selbst überlassen. Glücklicherweise hatte der König ihrer Urgroßmutter ein eigenes Haus in der Stadt London geschenkt, wo sie ihre Tochter ganz allein großgezogen hatte, und das sogar sehr gut.

Es hatte natürlich nicht geschadet, dass Isabels Urgroßmutter eine große Schönheit gewesen war und diese Eigenschaft an ihre Nachkommen weitergegeben hatte. Isabel hatte zum Glück ebenfalls die feine Haut, die graugrünen Augen und das üppige braune Haar ihrer Mutter geerbt. Sie hatte auch die langen, schlanken Finger ihrer Mutter und, so behauptete ihre Mutter jedenfalls, den hohen Wuchs ihres Vaters. Die Miene ihrer Mutter wurde weich, und sie drehte Isabel zu ihrem luxuriösesten Besitz um – einem langen Spiegel vom Kontinent, der ein Geschenk ihres Großvaters gewesen war.

»Sieh dich an.«

Isabel betrachtete ihr Spiegelbild, ein wenig wellig von dem Glas zurückgeworfen, und sah ein junges Mädchen, das ein tapferes Gesicht machte. Sie war  für diesen neuen Teil ihres Lebens bereit, doch sie hatte zugleich schreckliche Angst davor. Sie fürchtete sich nicht vor der Arbeit an sich, obgleich sie wusste, dass man ihr die unangenehmsten Aufgaben übertragen würde, alles, was die älteren und viel einflussreicheren Damen der Königin als unter ihrer Würde betrachteten. Nein, sie fürchtete sich davor, nach all diesen Jahren der Unsichtbarkeit plötzlich höchst sichtbar zu sein, ein Gesprächsthema, das Objekt höfischer Spekulationen. Viele würden sich fragen, warum von den vielen Damen des Hofes und des Adels ausgerechnet sie von der Königin auserwählt worden war.

»Ich wünschte, dein Vater könnte das miterleben«, sagte ihre Mutter sehnsuchtsvoll.

»Das wünschte ich auch. Er hätte sich gewiss sehr gefreut.«

Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. Sie betrauerte den Verlust ihres Vaters nicht so sehr wie Isabel. Mutter sprach selten von ihm, und niemals liebevoll. Isabel hatte nur vage Erinnerungen an einen Mann, der sie auf seinen Arm hob, an ein fröhliches Lachen und tröstliche Umarmungen. Sie vermisste ihn dennoch, auch nach so vielen Jahren.

»Du darfst keinem von ihnen trauen«, mahnte ihre Mutter.

»Lausche, lerne, lache. Spiel mit ihnen. Aber niemals, niemals darfst du ihnen vertrauen.«

Isabel nickte erneut. Sie wusste, wie der Hof wirklich war. Sie war im Schatten eines königlichen Palastes aufgewachsen, denn ihr Vater war Bediensteter der Kammer gewesen. Trotz des Namens hatte dieses Amt wenig mit Gemächern zu tun. Der Kämmerer regelte, im Unterschied zum Schatzmeister, die finanziellen Belange des königlichen Haushalts. Die Diener, Gewänder und andere Ausstattung des Königs und der Königin gehörten natürlich dazu, aber noch viel mehr, denn die Kammer war nicht nur für den königlichen Haushalt zuständig, sondern auch für die Armeen des Königs. Die Kammer war für den Kauf, die Ausgabe und Lagerung großer Vorräte an Rüstungen, Bögen, Schwertern, Speeren, Lanzen und anderer Waffen verantwortlich sowie für die Pferde und die Bediensteten, die sich um all das kümmerten.

Ihre Mutter war die persönliche Schneiderin der Königin mit fünf Näherinnen und Gemächern in Windsor und hier in Westminster. Isabel hatte den Großteil ihrer Kindheit in den Fluren königlicher Paläste verbracht, praktisch unsichtbar für die königliche Familie und die Edelleute, die dort ein und aus gingen. Sie hatte sie fasziniert beobachtet und als Kind ihre Akzente und ihr Gehabe nachgeahmt, zur Belustigung ihrer Mutter und Großmutter. Doch all das hatte sich nun verändert, denn jetzt sollte sie der Königin dienen.

Eleanor von Kastilien war die Gemahlin von König Edward, einem Löwen von einem Mann. Einst hatte Isabel ihn bewundert. Inzwischen hasste sie ihn. Edward war ein herzloser König, der den Juden in einem Jahr zu Hilfe kam, um sie im nächsten Jahr aus ihren Häusern werfen zu lassen. Diese beiläufige Grausamkeit würde sie ihm nie verzeihen. Eleanor hingegen hatte sich gelegentlich die Zeit genommen, sich mit der Tochter ihrer Schneiderin zu unterhalten. Isabel hatte Geschichten darüber gehört, dass Eleanor mit anderen – vor allem den Pächtern auf ihren Ländereien – nicht so freundlich umging, und ganz gewiss war sie als Königin beim Volk nicht sonderlich beliebt.

»Ich verstehe nur nicht«, sagte Isabel, »warum ich ausgewählt wurde. Die Königin war stets gütig zu mir, aber wir haben nie viel miteinander gesprochen, und ich hätte nicht gedacht, dass sie sich auch nur an meinen Namen erinnern könnte.«

»Vergiss nicht, dass diese Position unerwartet frei geworden ist. Und sie kennt dich schon dein Leben lang.«

»Mutter, Königin Eleanor kennt mich ganz gewiss nicht.«

»Stellst du etwa dein Glück in Frage, Isabel? Die meisten jungen Damen wären hocherfreut, wenn man ihnen eine solche Position anböte. Die meisten Frauen in England wären hocherfreut! Du bekommst die Chance, den guten Namen unserer Familie wiederherzustellen, und vielleicht eine hervorragende Partie zu machen. Warum musst du alles so genau hinterfragen? Falls die Königin dich noch nicht gut kennt, wird sich das mit der Zeit eben ändern.«

»Wenn ich dort eingeführt bin«, sagte Isabel, »und wenn die Königin mich kennt, werde ich mit ihr über König Edwards Ausweisung der Juden sprechen. Wenn ich darlegen kann, dass der König zu hart vorgegangen ist, dass sie nichts Böses getan, aber alles verloren haben, nur weil sich eine Handvoll Londoner Bürger  über sie beklagt hat, dann wird sie gewiss mit König Edward sprechen. Er könnte sein Ausweisungsedikt doch einfach widerrufen.«

Ihre Mutter richtete sich mit funkelnden Augen auf. »Das wirst du nicht tun!«

»Doch, das werde ich, Mutter. Der König betrachtet die Angelegenheit nur aus einem Blickwinkel. Christen dürfen kein Geld verleihen, deshalb hat man die Juden nach London geholt. Vor wenigen Jahren hat sie noch der König selbst beschützt, und nun das!«

»Der König hat sie in den Tower sperren lassen und Lösegeld von ihnen verlangt, wenn sie wieder freikommen wollten, Isabel! Du wirst kein Wort über diese Angelegenheit verlieren.«

»Rachels Familie wurde wie Vieh aus der Stadt getrieben. Betrachtest du das denn nicht als Ungerechtigkeit, Mutter? Wie kannst du so blind sein? Ich habe meine liebste Freundin verloren – nur des Geldes wegen!«

»Es war ohnehin an der Zeit, dass diese Freundschaft ein Ende fand, Isabel. Sie war widernatürlich.«

»Widernatürlich! Wir sind zusammen aufgewachsen. Daran ist überhaupt nichts Widernatürliches. Sie war mir eine Freundin, als uns viele andere  gemieden haben. Ihr war es gleichgültig, dass Großmutter unehelich geboren wurde, und mir war es gleichgültig, dass sie Jüdin ist.«

»Du darfst niemandem erzählen, dass du mit Rachel de Anjou befreundet warst! Niemandem! Und du wirst die Königin mit keinerlei Klagen belästigen, schon gar nicht mit dieser Sache. Du riskierst mehr als einen Tadel, Isabel, du setzt dein Leben aufs Spiel. Und meines. Und das deiner Großmutter. Ist dir denn nicht klar, wer du bist und wer die Königin ist? Mit einem einzigen Wort könnte sie uns alle in den Kerker werfen oder hinrichten lassen. Deine Großmutter könnte man dafür bestrafen, dass sie diese Freundschaft zugelassen, ja sogar gefördert und vor mir verheimlicht hat. Du weißt, dass ich damit nie einverstanden war. Ich würde mindestens meine Arbeit verlieren. Du setzt unser aller Leben aufs Spiel!«

»Wenn sie eine so harte Königin ist, dass niemand auch nur mit ihr sprechen kann, warum sollte ich ihr dann überhaupt dienen wollen? Welche Loyalität schulde ich schon König Edward, dessen Großvater es vorzog, sein eigenes Kind nicht anzuerkennen? Und wie leicht das für ihn gewesen wäre!«

»Was du da sagst, ist Hochverrat, Isabel!« Ihre Mutter wich einen Schritt vor ihr zurück. »Es steht uns nicht an, das Tun von Königen zu hinterfragen. Ich weiß, du bist noch jung, und Rachel zu verlieren, das war schmerzlich für dich, aber du darfst nie wieder von diesen Dingen sprechen. Niemals! Uns bleibt keine andere Wahl. Das ist allein die Schuld deiner Großmutter, die dir den Umgang mit allen möglichen Leuten erlaubt hat.« Ihre Miene wurde weicher. »Kind, ich weiß, wie standhaft dein Ehrgefühl ist und dass es schwierig für dich war, weder zu der einen noch zu der anderen Welt ganz dazuzugehören. Ich bitte dich jetzt, mir und deiner Großmutter deine Loyalität zu beweisen. Du bist ausgewählt worden, über deinen Stand erhoben zu werden. Das ist eine große Ehre und Gottes Vorsehung für dich. Stell sie nicht infrage. Ich flehe dich an, Kind, schweige. Versprich mir, dass du die Königin nicht darauf ansprechen wirst! Unser aller Leben liegt in deinen Händen.«

»Glaubst du das wirklich, Mutter? Dass wir alle sterben könnten, nur weil ich die Ausweisung der Juden durch den König infrage stelle?«

»Hast du denn in all den Jahren bei Hofe gar nichts gelernt? Was bringt dich auf den Gedanken, die Königin könnte in dieser Sache nicht derselben Ansicht sein wie ihr Gemahl? In allem anderen sind sie sich einig, Kind. Und wenn sie sich bei Edward über dich beklagen sollte, was denkst du, wird dann aus uns werden? Erscheint er dir wie ein König, der sich Kritik gefallen lässt? Glaubst du, er würde auch nur einen Augenblick zögern, uns aus seiner Nähe verbannen zu lassen? Stell seine Entscheidung nicht infrage, Isabel. Sie mag dir gefallen oder nicht, aber du darfst nichts dazu sagen. Versprich mir, dass du kein Wort darüber verlieren wirst.«

»Mutter –«

»Versprich es mir!« Ihre Mutter brach in Tränen aus.

»Schön, dann geh! Geh. Ich kann nichts mehr für dich tun, solange diese Sache zwischen uns steht.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

Isabel seufzte. Ihre Mutter beschritt niemals den Mittelweg. Alles war absolut makellos, oder es wurde als unrettbar aufgegeben. Es gab keine Kompromisse. Sie hatte sich an die Launenhaftigkeit ihrer Mutter gewöhnt, an die plötzlichen Stimmungsumschwünge. Menschen, die sie einst als Freunde betrachtet hatte, waren für immer aus ihrem Leben ausgeschlossen worden, was Isabel nie hatte verstehen können. Sie konnte sich nicht vorstellen, Rachel im Stich zu lassen – die herzlich darüber gelacht hätte, dass Isabel der Königin aufwarten sollte. Isabel seufzte und vermisste ihre Freundin mehr denn je, wusste aber, dass sie nicht mit der Königin darüber sprechen würde. Noch nicht. Sie war sicher, dass sie eines Tages, wenn sie mit Eleanor allein war, Gelegenheit finden würde, all das zur Sprache zu bringen.

»Versprich mir, dass du unser aller Leben nicht aufs Spiel setzen wirst, Isabel.«

»Nein, Mutter. Ich werde dein und Großmutters Leben nicht in Gefahr bringen.«

»Oder dein eigenes. Versprich es mir!«

»Ich verspreche, vorsichtig zu sein.«

Mutter wischte sich die Tränen fort. »Gut. Solange der Hof in Westminster weilt, wirst du bei den Hofdamen der Königin wohnen, und ich werde dich jeden Tag sehen. Doch wohin die Königin geht, da gehst auch du hin. Wenn sie reist, reist du mit ihr. Du wirst dich von einer Eskorte begleiten lassen, wenn du deine Großmutter besuchst. Vergiss nicht, darum zu bitten, und lauf nicht einfach allein los.«

»Ich brauche keine Eskorte. Ich bin mein Leben lang durch die Straßen Londons gelaufen.«

»Aber nicht bei Nacht und allein. Versprich mir das: Wenn es spät ist und dich niemand begleiten kann, wirst du im Tower übernachten.«

Isabel nickte. Dieses Versprechen zu halten, würde ihr nicht schwerfallen. Sie mochte den Tower mit seiner zweihundertfünfzigjährigen Geschichte. Sie fragte sich, wie es gewesen sein mochte, damals zu leben, als Wilhelm von der Normandie, der Eroberer Englands, die beeindruckende Festung und ihre Mauern erbaut hatte, um seine Männer und seinen Hof vor der feindseligen Bevölkerung zu schützen. Ihre Mutter verabscheute den Tower, und obgleich sie Isabel nie erzählt hatte, warum, glaubte Isabel den Grund zu kennen. Dort hatte ihr Vater seine Amtsstube gehabt. Der Anblick der Gebäude musste eine schmerzliche Erinnerung an diesen Verlust sein.

Sie sah ihrer Mutter beim Nähen zu und dachte an die vielen Jahre, die ihre Mutter der Königin gedient hatte, all die Jahre, während derer sie unsichtbar bei Hofe gelebt und sich allein um Isabel gekümmert hatte. Und nun, durch eine seltsame Laune des Schicksals, bekam Isabel diese goldene, einmalige Gelegenheit. Irgendwie, sagte sie sich, würde sie einen Weg finden, beides zu erreichen – mit der Königin zu sprechen und dennoch ihre Familie nicht zu gefährden. Sie war sicher, dass ihr das gelingen würde. Auf irgendeine Weise, so seltsam ihr das auch erschien, hatte sie die Aufmerksamkeit und die Gunst der Königin erlangt. Sie wäre eine Närrin, wenn sie das nicht nutzen würde.

»Nenne mir die Damen der Königin«, sagte ihre Mutter.

Isabel tat es, und die Gesichter zu den Namen standen ihr dabei vor Augen. Bedeutende Damen aus bedeutenden Familien, Frauen und Töchter bedeutender Männer. Und Isabel, vollkommen unbedeutend. Doch jede Einzelne von ihnen würde wissen, warum Isabel in ihren Kreis aufgenommen worden war, und wieder einmal würde die Sünde ihrer Urgroßmutter zur Kenntnis genommen werden, ohne dass jemand ein Wort darüber verlor.

»Lady Dickleburough«, sagte ihre Mutter. »Die hast du vergessen.«

»Ach ja«, sagte Isabel nickend und dachte voller Abscheu an die ältliche Hofdame. Lady Dickleburough benahm sich so, als sei sie noch jung und begehrenswert, doch jene Zeiten waren längst vorbei, obgleich sie das nicht zu bemerken schien.

Sie trug Kleider, die für eine viel jüngere Frau angemessen wären. Ihre sehr tiefen Ausschnitte enthüllten die Falten an ihrem Hals und Dekolleté, die Mieder konnten ihre schlaffen Brüste nicht mehr richtig halten. Tagsüber warf das Sonnenlicht Schatten in den tiefen Furchen um ihren Mund und ihre Augen und ließ den Kohlepuder, den sie benutzte, um das Grau in ihrem Haar zu verbergen, allzu gut sichtbar werden. Isabels Mutter behauptete oft, dass Lady Dickleburough die Strähnen ihres lockigen Haars fest nach hinten zog und auf dem Kopf zusammensteckte, um dadurch ihre Haut straff zu spannen und wenigstens ein paar Falten zu mindern, doch dieser Versuch schlug fehl. Ihr Gesicht, von ihrem weißseidenen Schleier umrahmt, war teigig. Ihre kleinen braunen Knopfaugen blickten zwischen Hautfalten hervor, die sie zu verbergen drohten. Ihr Gemahl, ein unbedeutender Baron aus East Anglia, war weder einflussreich noch wohlhabend, und seine Familie alles andere als bemerkenswert. Isabel fand sie abstoßend.

»Warum ist sie überhaupt noch bei Hofe? Hat sie irgendeine Bedeutung, von der ich nichts weiß?«

Ihre Mutter lachte. »In ihrer Jugend war sie recht anziehend, wenn auch auf verschlagene, hinterhältige Art. Sie war eine … sehr willige Gespielin.«

»Ist es wahr, dass sie die Mätresse gleich mehrerer bedeutender Männer war? Mehrerer!«

»Das ist wahr, ja. Und einige bezahlen lieber dafür, dass sie bei Hofe bleiben kann, als zu riskieren, dass sie über gewisse Dinge spricht. Sie haben ihr Gemächer gegeben, in denen sie wohnen darf, und ihr Kleider und Schmuck gekauft, damit sie weiter schweigt.«

»Was hält ihr Gemahl denn von alledem? Wusste er davon?«

»Geht jeden Tag die Sonne auf? Selbstverständlich wusste er davon. Sein Vermögen ist daran gediehen, denn er war es zufrieden, den Blick abzuwenden und zu nehmen, was andere Männer übrig ließen. Heute ist vielleicht niemand mehr bereit, sich ihre Gunst zu erkaufen, doch es gibt einige, die sich nur zu gern ihr Schweigen sichern. Sie wittert ein Geheimnis meilenweit. Vertrau ihr niemals etwas an, von dem du nicht möchtest, dass es ganz London erfährt. Sie kann eine interessante Verbündete sein, denn sie weiß alles über jeden. Nun weiter, du wirst sehr umsichtig sein müssen, wenn du mit der Königin reist. Die Straßen sind nicht sicher, und trotz der Männer des Königs, die euch beschützen werden, musst du sehr vorsichtig sein.«

Isabel nickte und dachte an Rachel und ihre Familie. Kein Wort, seit sie die Stadt verlassen hatten. Isabel hatte nicht ernsthaft erwartet, von ihrer Freundin zu hören, doch es war sehr schwer, nicht zu wissen, was aus ihnen geworden war. Sie seufzte.

»Ich frage mich, wo Rachel –«

»Ja, ja«, sagte ihre Mutter. »Ich weiß, du machst dir immer noch Gedanken um sie. Aber wir werden womöglich nie erfahren, was aus ihnen geworden ist. Ihr Vater hat sich gewiss etwas einfallen lassen. Sie sind ja erst vor drei Monaten fortgezogen. Rachel und ihre Familie haben ganz bestimmt irgendwo Zuflucht gefunden.«

»Aber wo sollten sie denn hingehen? Sie mussten England verlassen!«

»Es gibt eine ganze Welt außerhalb Englands. Es gibt viele Orte, wo ein Mann wie Jacob de Anjou eine Stellung finden könnte.«

»Ich sollte Lady Dickleburough fragen«, sagte Isabel lachend. »Wenn sie, wie du sagst, wirklich alles weiß, dann weiß sie auch, wo Rachel ist. Oder wer wissen könnte, wo sie ist.«

Ihre Mutter erwiderte nichts, sondern sah sie mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. Dann ließ sie die Nadel sinken und starrte auf Isabels Röcke. Isabel beobachtete sie beunruhigt.

»Das war ein Scherz, Mutter. Ich werde sie nicht nach Rachel fragen.«

»Isabel«, sagte ihre Mutter mit einem merkwürdigen Unterton in der Stimme.

»Und ich verspreche dir, auch sonst nicht mehr von Rachel zu sprechen. Ich weiß, dass es unklug ist, auch nur offen zuzugeben, dass wir befreundet waren. Ich habe sie sehr gern, aber ich werde nicht mehr von ihr sprechen.«

»Isabel.« Ihre Mutter blickte nicht von dem Saum auf. »Da ist etwas, das du wissen musst.« Sie erhob sich, legte die Hand an Isabels Wange, wandte sich dann seufzend ab und ging durchs Zimmer. »Es wäre mir lieber, du würdest das nie erfahren, aber du musst die Wahrheit kennen, und es ist besser, wenn du sie von mir hörst als von Lady Dickleburough oder sonst jemandem bei Hofe. Sie würden es in meiner Gegenwart niemals erwähnen, aber da du nun zu ihnen gehörst, wird es dir gewiss irgendjemand erzählen.« Sie seufzte erneut.

»Mutter, ich weiß alles über Urgroßmutters … Torheit. Ich weiß, dass Großmutter unehelich geboren wurde. Das weiß ich schon seit Jahren.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht, Isabel. Natürlich weißt du darüber Bescheid. Aber … da ist noch mehr, das du wissen musst. Und ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll.« Sie blieb am Fenster stehen und strich mit einem Finger über das Glas.

Isabel wartete, und ihr Herz begann zu hämmern. Was konnte das nur sein? War Großmutter krank? War das der Grund dafür, weshalb Mutter wünschte, dass Isabel sie öfter besuchen sollte? Dann kam ihr ein weiterer Gedanke.

»Bist du krank, Mutter?  Du  siehst  gut  aus,  aber  hast  du …?«

»Nein, nein. Es geht nicht um mich, Kind. Oder vielmehr doch. Verstehst du, dein Vater … Ich…« Ihre Mutter wandte sich vom Fenster ab und reckte das Kinn vor. »Ich war noch sehr jung, kaum älter als du jetzt. Er sah so gut aus und war so charmant, und ich glaubte ihm jedes Wort – dass ich wunderschön sei und er mich liebe, dass er mich immer lieben und auf ewig bei mir bleiben würde. Er eroberte mein Herz. Ich dachte, er würde mich lieben. Und deshalb wurde ich … seine Geliebte. Und du bist aus dieser Verbindung hervorgegangen.«

»Aber das ist doch keine Schande, Mutter! Männer und Frauen erklären einander immer ihre Liebe, heiraten und bekommen Kinder. Das ist der Lauf der Welt.«

»Der Lauf der Welt.« Das Lachen ihrer Mutter klang hässlich. »Ich hätte es besser wissen müssen, Isabel. Ich wusste doch, wie es ist, als Bastard gebrandmarkt zu sein. Ich wusste, was man über meine Großmutter sagte – dass sie die Hure eines Königs war. Ich wusste, dass meine Mutter unter dem Fehler ihrer Mutter zu leiden hatte, dass ihre Familie sie verstoßen hatte. Und dennoch habe ich aus alledem nichts gelernt.«

»Aber Mutter –«

»Sei still! Du musst es erfahren, und wenn ich es dir jetzt nicht sage, bringe ich es vielleicht niemals über mich. Ich werfe dich in eine Schlangengrube und habe erst jetzt erkannt, wie schlecht du darauf vorbereitet bist.« Sie holte tief Luft. »Ich habe dich getäuscht. Dein Vater ist nicht tot. Er lebt.«

 


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Kathleen Givens, 1950-2010, gab ihr Schreibdebüt mit den gefeierten schottischen Historienromanen Die Rose von Kilgannon und Die Wälder von Kilgannon. Sie lebte im südlichen Kalifornien und liebte es zu reisen, zu lesen und etwas über Geschichte zu lernen.