Mein Leben mit Anna von IKEA – Hochzeit

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Heiraten und Kuahkälbern muaß schnell geh.

Lebensweisheit aus dem Bayerischen Wald

 

01

 

»Eine Hochzeit ist das einzige Fest in eurem Leben, an dem alle eure Freunde und Verwandten zusammenkommen, um gemeinsam darüber zu lästern«, sagt Morten.

Ich bin versucht zu nicken.

Ich mache es natürlich nicht, denn Anna blickt von dem Papierstapel in ihrer Hand auf und schaut ihren alten Greenpeace-Kumpel Morten entgeistert an. »Wie kannst du nur so unromantisch sein?«

»Genau«, pflichte ich ihr bei. »Total unromantisch.«

Morten streicht sich seinen grauen Pferdeschwanz glatt. »Das nennt man Lebenserfahrung.«

»Oder Unerfahrenheit«, sagt Anna. »Schließlich hast du nie geheiratet.«

Morten zuckt mit den Schultern und lächelt. »Es hat eben noch kein Blauwal meinen Antrag angenommen.«

»Sei froh drum«, sage ich. »Das wäre wahrscheinlich die einzige Hochzeit, die noch schwieriger durchzuführen wäre als unsere.«

»Unsere Hochzeit ist nicht verzwickter als andere auch«, sagt Anna. »Männer sind nur häufig überfordert, sobald es komplex wird.« Sie blickt Morten und mich an. »Deswegen übernehmen meistens Frauen die Organisation einer Hochzeit.« Anna legt den Papierstapel auf den Couchtisch vor sich und sortiert ihn. »Also: Wenn wir alle unsere Freunde und Verwandte einladen, kommen wir auf zweihundertdreiundzwanzig Gäste.« Anna lächelt versonnen.

Ich möchte gern mitlächeln, doch irgendein Bereich in meinem Hirn weigert sich. Außerdem können wir Männer sehr wohl mit Komplexität umgehen – hätten wir sonst die Abseitsregel erfunden, das Dosenpfand und Windows Vista? »Hast du vorhin nicht ausgerechnet, dass unser Budget nur für zwanzig Gäste reicht?«, frage ich.

Jetzt lächelt auch Anna nicht mehr.

Willkommen bei unserer Hochzeitsplanung.

Seit ich Anna letzte Weihnachten in unserem schönen Häuschen in Göteborg einen Heiratsantrag gemacht habe – den sie freudig angenommen hat –, gleicht unser Leben einem Sprung beim Bungee-Jumping.

Erst gab es ziemlich viele Hochs, doch nun überwiegen die Tiefs.

Wenn unser Seil nicht so stark wäre, hätten wir vielleicht schon aufgegeben, aber wenigstens nehmen Anna und ich die ganzen Ups and Downs mit Humor.

Bisher.

Okay, es war von Anfang an eine Prise Sarkasmus dabei, die sich inzwischen zu einer Drei-Kilo-Gewürzmischung entwickelt hat. Und die schmeckt auf keiner Hochzeitstorte gut.

Hinzu kommt, dass jede Dienstleistung und jedes Produkt, das den Stempel Hochzeit trägt, mindestens das Dreifache kostet.

Man kann das leider schlecht umgehen, ein Fotograf beispielsweise, den man für eine Geburtstagsparty gebucht hat, merkt spätestens, wenn er das Brautkleid sieht, dass er sich auf einer Hochzeit befindet.

Ebenso wird es das Restaurant mitbekommen, in dem die Feier veranstaltet wird, der Schneider des Hochzeitskleids, und auch der Juwelier ist in der Lage, Eheringe von anderen zu unterscheiden.

Also kann man das entweder bezahlen, oder eine Hochzeit feiern, von der die Gäste hinterher sagen werden, sie habe sich nicht festlich angefühlt.

Ich für meinen Teil würde Anna auch nur ganz allein auf einem einsamen Sandstrand heiraten. Vorausgesetzt dort herrschen nicht minus fünfundvierzig Grad wie im Winter in Nordschweden.

Aber für Anna ist eine Hochzeit in erster Linie ein Familienfest und damit hat sie natürlich recht.

Was aber leider keines unserer Probleme löst.

»Vielleicht solltet ihr erst einmal die einfachen Entscheidungen treffen«, sagt Morten. »Zum Beispiel wann ihr heiratet.«

»Im Winter kosten viele Angebote nur die Hälfte«, sagt Anna.

»Dann kannst du mich nach den Hochzeitsfotos gleich draußen als Weihnachtsmann stehen lassen«, sage ich. »Weil ich dann festgefroren bin. Und nach dem obligatorischen Gruppenfoto meine Freunde und Familie gleich mit.«

»In dem Fall solltet ihr besser nur mit zwanzig Gästen heiraten«, sagt Morten. »Dann halten sich die Verluste an der deutschen Gästefront in Grenzen.«

Weil wir Deutsch sprechen, bin ich mir nicht sicher, ob Morten das absichtlich so formuliert hat, oder ob es ein Versehen war.

Morten ist eigentlich ein toller Kerl, aber wahrscheinlich freut ihn unterbewusst unser Leid, weil er sich so in seinem selbstgewählten Singledasein bestätigt fühlt.

Anna ignoriert seine Bemerkung und winkt ab. »Ihr Südländer seid viel zu empfindlich«, sagt sie und obwohl sie geographisch im Recht ist, ist die Mentalität von Deutschen und Südländern so gegensätzlich wie die von Darth Vader und Benjamin Blümchen.

»Also gut«, seufzt Anna schließlich. »Dann heiraten wir eben im Sommer.« Sie blättert in einem Kalender. »Am besten am Anfang der Sommerferien, damit wir noch in die Flitterwochen gehen können. Aber auch nicht ganz am Anfang, damit wir noch Zeit für die Vorbereitungen haben.« Sie schlägt ein Kalenderblatt auf. »Also ist der beste Termin für die Feier: Samstag, der 14. August.« Sie blickt mich fragend an.

»Das ist ja schon in drei Monaten?«

»Du wolltest doch im Sommer heiraten.«

»Dann machen wir das so.«

»Gut.« Anna nickt. »Zivile Trauung einen Tag davor.«

»Also Freitag, der 13.?«

Anna beißt sich auf die Lippe.

»Was ist?«, frage ich. »Du bist doch nicht abergläubisch, oder?«

Anna schüttelt den Kopf. »Ich nicht, aber meine Mutter.«

 

 

 

Heirat halbiert unsere Leiden,

verdoppelt unsere Freuden

und vervierfacht unsere Ausgaben.

Englisches Sprichwort

 

02

 

Ich blicke Anna verwundert an und mir fällt auf, dass ich zwar viel über Anna weiß und sie über mich, aber dass sie meine Eltern gar nicht kennt.

Und ich die von Anna auch nicht.

Da meine Eltern immer noch glauben, ich habe meine Freundin nur erfunden, habe ich das Thema einfach ausgespart.

Ich hoffe, Anna hatte keine ähnlichen Gründe.

Ich weiß nichts über ihre Eltern, außer dass sie beide nach Kanada ausgewandert sind.

Was von den Temperaturen nicht wirklich eine Verbesserung zu Schweden darstellt.

»Wie abergläubisch ist deine Mutter denn?«, frage ich.

»Wenn sie aus Versehen mit dem linken Fuß aufgestanden ist, bleibt sie lieber im Bett.« Anna reibt sich das Kinn. »Außerdem geht sie nie ohne ihre Energiesteine aus dem Haus. Ich sag zwar immer zu ihr, die Dinger kosten viel zu viel Kraft, weil fünf Kilo Steine trägt man ja nicht im Vorbeigehen, aber sie lässt sich trotz ihrer ständigen Rückenschmerzen nicht belehren. Vielleicht liegt es aber auch an ihren ganzen …« Anna runzelt die Stirn. »Was ist der Plural von Talisman?«

Ich seufze. »Und dein Vater?«

»Der ist protestantisch. Freitag, der 13. ist für ihn ein Tag wie jeder andere.«

»Dann kann er doch deine Mutter überzeugen, oder?«

Anna schaut erst mich skeptisch an, dann ihre Uhr. Schließlich murmelt sie irgendetwas davon, dass in Kanada jetzt morgens sei. »Wir rufen einfach meine Eltern an, das ist ohnehin überfällig«, sagt sie und klappt ihren Laptop auf. »Per Videotelefon, dann sehen sie dich auch mal.«

Morten verdrückt sich in die Küche, um Tee zu kochen und den Tigerkaka aus dem Ofen zu nehmen, schwedischer Marmorkuchen. Derweil öffnet Anna Skype und klickt auf das Hochzeitsbild ihrer Eltern. Es tutet und kurz darauf hört man eine weibliche Stimme etwas auf Schwedisch sagen.

Anna entgegnet auch etwas auf Schwedisch, wahrscheinlich, dass ihre Mutter das Video einschalten soll. Kurz darauf erscheint jedenfalls auf dem Bildschirm eine blonde Frau Mitte fünfzig, die ein ziemlich farbenfrohes Oberteil trägt und mindestens drei augapfelgroße Energiesteine um ihren Hals hängen hat, aber sie lächelt freundlich.

Sie erblickt mich und sagt auf Deutsch: »Das ist ja schön mit eurer Hochzeit. Ich freue mich schon, dich kennenzulernen, Matthias. Ich bin Margareta.«

»Ich freue mich auch«, antworte ich, zumal Annas Mutter zufrieden und unkompliziert aussieht.

»Dann kann ich mein Deutsch endlich mal wieder nutzen«, sagt sie. »Mein Vater stammte ja ursprünglich aus Hamburg.«

»Wo ist denn Papi?«, fragt Anna.

Margareta beißt sich auf die Lippe. »Wisst ihr denn jetzt schon, wann ihr heiratet?«

»Samstag, 14. August, zivile Trauung einen Tag früher.«

Margareta lächelt. »Das ist ja schon bald. Schön.«

Anna und ich blicken uns an. »Der Termin ist also okay?«, fragt Anna.

Margareta nickt. »Klar. Wie viele Gäste wollt ihr einladen?»

»Das ist eben eine Frage des Budgets.«

Margareta winkt ab. »Das ist keine Frage. Ich zahle selbstverständlich die Hälfte. Und ich habe natürlich auch ein paar Anregungen für eine perfekte Hochzeit.«

Das läuft doch gut, denke ich gerade, als Anna wieder fragt. »Wo ist denn Papi?«

»Habt ihr denn schon einen Priester?«, fragt Margareta schnell. »Ich werde euch da jemand ganz Speziellen vermitteln. Das wird ein unvergessliches, spirituelles Erlebnis …«

»Die letzten Male als ich angerufen habe, war Papi auch nie da«, entgegnet Anna.

»Und ihr müsst unbedingt in der freien Natur heiraten, am besten am Meer, mit einer Bootsfahrt für alle Gäste«, sagt Margareta. »Ich kenne da noch einen sehr schnittigen Kapitän von früher.«

»Was ist mit Papi?!«, ruft Anna.

Margareta beißt sich wieder auf die Lippe. Das scheint in der Familie zu liegen. »Hab ich dir das noch nicht erzählt?«, fragt sie schließlich. »Wir sind geschieden.«

»Was?« Anna blickt ihre Mutter geschockt an. »Ihr seid doch beide zusammen nach Kanada ausgewandert!«

»Ja, aber ich nach Ostkanada und er nach Westkanada.«

 

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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer, Musikproduzent und manchmal Weltreisender. Wahrend in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist es ihm in seinen absurd-komischen Romanen trotz mehrfacher Versuche noch nicht gelungen, jemanden umzubringen. In seiner erfolgreichen Thriller-Trilogie REMEXAN, REDUX und REAKTOR ermittelt der charismatische Kommissar Erik Lindberg in drei packenden, für sich stehenden, aber doch miteinander verwobenen Fällen. Seine humorvolle Romanreihe MEIN LEBEN MIT ANNA VON IKEA zeigt, dass er nicht nur für Gänsehaut, sondern auch für viele Lacher sorgen kann.