Küsse auf Italienisch

»Komm schon, Süße. Du bist hübsch genug. Gib mir mein Smartphone und lass uns gehen.«
Lexi ließ die Haarbürste sinken. »Kannst du das Ding nicht im Zimmer lassen, bitte? Wir gehen doch nur runter zum Essen.«
Johannes schnaubte. »Wie stellst du dir das vor?« Er streckte die Hand nach dem Telefon aus, nahm es und blickte auf das Display. »Vor einer halben Stunde war Abgabe der HafenCity-Ausschreibung. Jeden Moment kann der Anruf kommen, dass wir in der engeren Auswahl sind. Dann entscheiden die richtigen Worte alles, und die kann nur ich zu dem Kunden sagen. Freu dich, dass wir in der heißen Phase überhaupt in den Urlaub gefahren sind.«
Lexi schluckte eine Erwiderung hinunter und folgte Johannes auf den Flur. Die Reise war schon lange gebucht gewesen, als die Ausschreibung dazwischengekommen war.
Sie hatten kaum ihre Plätze auf der Restaurantterrasse eingenommen und bestellt, da erklang auch schon die Ode an die Freude. Sein Klingelton.
»Schau nicht so vorwurfsvoll. Es dauert ja nicht lange.«
»Es ist aber unhöflich …«
»Ach was!« Johannes wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Das stört die Italiener nicht. Die telefonieren doch selbst ständig.« Er strich über den Touchscreen und meldete sich.
Ob es Lexi störte, war ihm offensichtlich gleichgültig.
Es hatte sich abgezeichnet. Sie hatte so für diese Reise gekämpft – nun bezahlte sie dafür. Sie hatte es gewusst, kaum dass sie das Flugzeug verlassen und das Wassertaxi bestiegen hatten. Eine Stadt ohne Autos – diese Götzen, die er anbetete -, dafür voller Boote, Kirchen und Menschen. Für all diese Dinge hatte Johannes nichts übrig. Auf dem Wasser wurde ihm übel, Gottesfürchtige verhöhnte er als Idioten, die an Märchen glaubten, so wie er die meisten Menschen verlachte, wenn sie ihm nicht gerade von Nutzen waren.
Noch im Wassertaxi hatte sich das nächste Problem angekündigt – die Hitze. Als ob Herr Superklug nicht gewusst hätte, dass es im August in Venedig heiß war! Aber man fuhr schließlich nach Venedig oder Paris in den Liebesurlaub, und die Franzosen konnte er nicht leiden. Also hatte er Venedig gebucht – nicht für sie und nicht für sich, sondern für die anderen – die Kollegen, die Untergebenen. Für die Fotos, die man später auf dem Smartphone herumzeigen konnte. Weil man es so machte, wenn Geld keine Rolle spielte.
Sie hatten noch keinen festen Boden unter den Füßen gehabt, als sein langärmeliges schwarzes Designerhemd die ersten Schweißflecke gezeigt hatte. Er hatte seine Wut darüber am Portier des Luxushotels an der Riva degli Schiavoni nahe dem Markusplatz ausgelassen. Der ältere Herr in Uniform hatte den Redefluss stoisch über sich ergehen lassen. Entweder verstand er kein Englisch oder er war an unverschämte Touristen gewöhnt. Und Lexi? Hatte beschwichtigt, statt Johannes die Meinung zu sagen, obwohl sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. Auch als das Himmelbett zu weich, der bereitgestellte Champagner zu warm, die Suite zu hellhörig gewesen war. Immer beruhigen, immer das aufgeblasene Ego streicheln. Sie waren noch keine drei Stunden in Venedig, und Lexi fühlte sich bereits, als sei sie soeben einen Marathon gelaufen.
Der Kellner brachte den Wein, Johannes beendete sein Gespräch, grinste und hob sein Glas.
»Auf die Ausschreibung. Es ist zwar noch nichts entschieden, aber es sieht gut aus!«
Lexi zwang sich zu einem Lächeln. Warum hatte er nicht ›auf uns‹ sagen können? Sie verlangte nicht viel, nur ein wenig Aufmerksamkeit im ersten Urlaub ihres Lebens. Sie trank ihr Weinglas in einem Zug leer und öffnete den Mund, um ein Gespräch über die Herrlichkeit des Abends und der Aussicht zu beginnen. Um ihn vielleicht einmal aus der Reserve zu locken, ihm die Augen zu öffnen für die schönen Dinge des Lebens. Da klingelte erneut sein Smartphone. Natürlich.
›Du kriegst keinen Besseren, versau es nicht!‹, hatte ihre Schwester gesagt und den eigenen Mann mit einer Mischung aus Resignation und Mitleid gemustert. Dabei liebte Trixi ihren Thorben, das wusste Lexi. Nur war sie es leid, auf jeden Euro zu achten, den Kindern nicht einmal spontan etwas kaufen zu können. Nicht ein einziges Mal die Leichtigkeit zu spüren, die genügend Geld mit sich brachte.
Lexi hatte alles getan, um es nicht zu versauen. Sechs Monate lang. Nur nicht zurück in die Provinz, nur nicht zugeben, dass der Traumprinz nun doch keiner war. Hübsch aussehen und lächeln, bis der Kiefer schmerzte. Vergessen, dass man ein Studium abgeschlossen, sich mit miesen Jobs zum Abschluss gekämpft hatte. Lieber nur noch schmückendes Beiwerk sein. Sich mit Gold behängen lassen, viel zu sauren Champagner trinken, Häppchen und Spießchen statt Burger und Bier, langweilige Menschen treffen, statt ums Lagerfeuer zu sitzen, Verabredungen in gepflegten Weinlokalen – für Wein waren die Franzosen dann doch gut genug – statt in lauten Kneipen.
Sie war fasziniert gewesen von Johannes, dem attraktiven Juniorchef des angesehenen Hamburger Architekturbüros Mühling, in dem sie ihr Praktikum absolviert hatte. Er hatte um sie geworben, und sie hatte sich für etwas Besonderes gehalten. Die glänzende Zukunft, die er ihr in der Firma versprochen hatte, lag nun gänzlich in seiner Hand. Und darin, ob sie tat, was er wollte. Ihn angemessen anhimmelte, nur nicht widersprach. Sie hatte in jenen ersten Wochen keinen Grund gehabt. Er war zuvorkommend gewesen und dennoch leidenschaftlich, und ihre Liebesnächte waren ihr wie ein Rausch vorgekommen.
Dann jedoch hatte er begonnen, sich zu verändern. Da hatte Lexi schon drei Wochen bei ihm gewohnt, hatte alle Zelte hinter sich abgebrochen und sich mit Haut und Haar und unter den Beifallsstürmen ihrer Familie in ihr Luxusleben an seiner Seite gestürzt.
Es waren Kleinigkeiten gewesen – eine respektlose Bemerkung über den Hintern einer Frau, eine im betrunkenen Zustand zerschlagene Weinflasche, als sein bester Freund einen dummen Spruch gemacht hatte, das ständige Überschreiten von Geschwindigkeitsbegrenzungen, das Abstellen seiner Luxuskarossen auf Gehwegen und Behindertenparkplätzen. Lexi hatte geschwiegen. Bis zu dem Fußtritt gegen die Geldbüchse eines Obdachlosen, eines faulen, arbeitsscheuen Penners, wie er gesagt hatte. Sie hatte geholfen, die Münzen wieder einzusammeln, sich bei dem Mann entschuldigt, und als sie im Auto gesessen hatten, hatte sie Johannes ihre Meinung gesagt. Zum ersten Mal. Ohne ein Wort war er zu ihrer gemeinsamen Wohnung gefahren – lächerlich, sie so zu nennen! Als ob sie irgendeinen Anteil an dem edlen Domizil direkt am Park besaß oder je besitzen würde. Er hatte ihren Koffer unter dem Bett hervorgezerrt und ihr vor die Füße gestellt. Sie hatte die enttäuschten Gesichter ihrer Eltern vor sich gesehen und sich tränenreich entschuldigt. Gnädig hatte er ihr verziehen.
Und nun diese Reise. Hatte Lexi ernsthaft geglaubt, dass sich ihre angeschlagene Beziehung kitten lassen würde, dass ihn der Zauber dieser wunderbaren Stadt zu einem besseren Menschen machen würde? Noch im Flugzeug hatte sie sich an ihn geschmiegt, voller Hoffnung, dass er nur eine Pause von der Arbeit und all der Verantwortung brauchte. Dass er nur einmal entspannen musste. Im Flugzeug war das Telefon ausgeschaltet gewesen, zwei herrliche Stunden lang. Niemand hatte sie gestört, sie hatten sich in die Augen gesehen, sich geküsst, sich sogar unterhalten!
Sie hatte vergessen, was das Thema gewesen war. Nun saßen sie auf der Terrasse des Hotels, die Sonne ging langsam unter, Lexi pickte an ihrem Fisch herum – und Johannes telefonierte. Sie seufzte, stürzte ein weiteres Glas Wein hinunter und blickte auf die Lagune hinaus. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff verließ soeben die Stadt und nahm Scharen von Tagesgästen mit. Sie hatte sich immer gewünscht, einmal nach Venedig zu reisen, einen Abend in der Stadt zu erleben, wenn die meisten Touristen fort waren und endlich Stille einkehrte. Sie hatte sich vorgestellt, Hand in Hand mit ihrem Liebsten durch die schmalen Gassen zu schlendern, in einer winzigen Trattoria zu essen, schließlich an irgendeinem Kanal zu sitzen, mit einer Flasche Wein, nur die Sterne über ihnen. Doch der Liebste, mit dem sie hier war, hatte offenbar keinen Sinn für diese Art von Romantik. Seine Liebesbeweise waren teure Plätze in der Elbphilharmonie und jede Woche ein neues Abendkleid.
Doch war das so schlimm? Lexi betrachtete Johannes, der mit der freien Hand dem Kellner bedeutete, ihnen nachzuschenken, und mit der anderen am Telefon einen Großauftrag an Land zog. Ganz der Geschäftsmann, der er nun einmal war.
Sie hatte doch gewusst, worauf sie sich einließ! Es war ungerecht, ihn nun zu verurteilen. Sie lächelte ihn an, und er zwinkerte ihr zu. Ihr Herz tat einen Sprung. Sie wollte so sehr, dass es funktionierte, wollte es noch immer. Obwohl er sich verändert hatte. Es war bestimmt nur der Stress. Sie liebte ihn doch. Hatte er ihr nicht die Welt zu Füßen gelegt? War es wirklich so furchtbar, dass er ab und zu Dinge tat, die sie nicht verstand und die ihr peinlich waren? Wenn sie doch im Gegenzug so viel von ihm bekam?
›Was denn?‹, schrie ihre innere Stimme sie an. ›Respekt, ehrliche Zuneigung, wenigstens Interesse an deinen Gedanken? Wohl kaum.‹
Lexi schüttelte den Kopf, um sie zu vertreiben. Sie wusste, er respektierte sie, auch wenn er es nicht stets und ständig zeigte. Immerhin beteiligte er sie an wichtigen Projekten in der Firma.
›Ja, weil du klug bist und gute Ideen hast! Doch das würde er dir niemals sagen, nicht wahr? Dir nicht und auch den Kollegen nicht. Du nützt ihm, doch er stellt dich dar wie ein Dummchen, dem er aufgrund seiner großen Gnade einen Job gibt. Nicht weil es etwas kann, sondern weil es macht, was er will. Andere Firmen würden sich um dich reißen! Du bist nur zu geblendet von ihm, um es zu sehen.‹
Lexi ballte die Fäuste unter dem Tisch und verbot sich diese Gedanken. Sie hatte sowieso nur Architektur studiert, weil sie gut zeichnen konnte und ihr Vater es sich so sehr gewünscht hatte. Ihren Job mochte sie dennoch, doch das Wichtigste daran war, mit Johannes zusammenzuarbeiten. Sie wollte keine andere Firma.
Und sie wollte keinen anderen Mann. Ihr blieben vier Tage, um ihm zu zeigen, dass es mehr auf der Welt gab als das Geschäft und den schönen Schein. Lexi streifte ihren Schuh ab und ließ den nackten Fuß an Johannes’ Bein hochwandern. Das Aufflackern in seinen Augen machte sie glücklich. An ihrem Körper war er immer interessiert, und sie würde es auch noch schaffen, ihn für ihren Kopf zu begeistern.
Das Hohnlachen ihrer inneren Stimme ignorierte sie.

Sein Blick wanderte an ihr auf und ab, doch nicht lustvoll wie am Abend zuvor. Er runzelte die Stirn.
»Was für ein Fetzen ist das denn, Alexandra? Und diese Schuhe!«
Lexi verspürte einen Stich in der Magengegend, wie jedes Mal, wenn er sie so nannte. Es hatte lange gedauert, bis sie ihm gestanden hatte, dass sie tatsächlich Lexi hieß. Dass es keine Abkürzung eines echten Namens war. Er hatte nichts gesagt, nur einen Mundwinkel hochgezogen. Sie wusste, was er gedacht hatte. ›Das ist doch kein Name für eine erwachsene Frau!‹ Er nannte sie nie bei ihrem wirklichen Namen, immer nur Alexandra. Wie sie es hasste! Es erinnerte sie daran, dass sie nicht gut genug war für seine Welt, in der man Johannes hieß und nicht etwa Joe.
Lexi räusperte sich und versuchte ein Lächeln. »Hey, wir sind doch im Urlaub! Willst du nicht auch mal was Bequemeres anziehen?«
Johannes lachte auf. »Soll ich in Shorts, Tennissocken und Sandalen herumlaufen wie ein typischer deutscher Tourist?«
»Nein. Aber ein kurzärmeliges Hemd …«
»Kommt nicht infrage. Ich bin Geschäftsmann. Und du bist meine Begleitung, die nicht in Second-Hand-Klamotten herumläuft.«
»Geschäftsmann und Begleitung? Ich dachte, wir sind als Paar hier, das Ferien macht.«
Tränen traten in Lexis Augen. Sie liebte das luftige, kurze, geblümte Sommerkleid, dazu die ausgetretenen Turnschuhe, denn schließlich würden sie viel herumlaufen, und sie wollte keine Blasen bekommen! Sie hatte extra ihre alten Klamotten aus Studentenzeiten eingepackt.
Als Johannes nicht antwortete, schluckte Lexi gegen den Kloß in ihrem Hals an und sagte: »Uns kennt doch hier niemand. Zum Essen ziehe ich mich um, versprochen.«
Er zog einen Mundwinkel hoch. »Dann ist es ja gut. Und solange mache ich eben nur Fotos von deinem Kopf. Deine Mähne reißt immerhin einiges raus.«
Verstohlen ließ Lexi das Haargummi fallen, das sie in der Hand gehalten hatte. Wenn das der Preis dafür war, dass sie ihr Lieblingskleid tragen durfte und er trotzdem gute Laune hatte …
Bald jedoch verfluchte sie sich für ihre Feigheit. Als sie nach kurzem Fußmarsch am Markusplatz ankamen, lief ihr bereits der Schweiß den Nacken hinab, und sie hätte alles dafür gegeben, ihre Haare hochbinden zu können. Die Menschenmassen machten es nicht besser. Seit sie nicht mehr zu Rockkonzerten ging oder die U-Bahn benutzte, war sie empfindlich geworden, was Fremde anging, wenn sie nicht nur vereinzelt auftraten. Sie kam sich vor wie auf dem Hafengeburtstag, wie sie sich so zwischen Touristen aus aller Welt hindurchschoben und fliegenden Händlern mit kitschigen Souvenirs auf ihren Verkaufstischen auswichen. Johannes’ Hand umklammerte ihre wie ein Schraubstock, und sie hatte Mühe, mit seinen großen Schritten mitzuhalten.
Ehe sie sichs versah, schleifte er sie in den Dogenpalast, natürlich mit dem Turbopass an der Schlange der Wartenden vorbei, und mit ebensolcher Geschwindigkeit ging es weiter durch die Räume. Johannes ließ ihr keine Zeit, sich die prächtige Architektur und Kunst genauer anzusehen. Sie fühlte sich wie eine Schaufensterpuppe, die in Position geschoben wurde, damit er rasch mit seiner brandneuen Systemkamera ein – natürlich verbotenes – Foto schießen konnte. Erwartungsgemäß wich er nicht von seinem Vorhaben ab und fotografierte nur ihren Kopf. Lexi quälte sich ein Lächeln nach dem nächsten ab, und dann standen sie auch schon wieder auf der Straße.
Im sündhaft teuren Café nebenan verlangte er lautstark einen Platz, und er hatte Erfolg – selbstverständlich. Die hübsche weibliche Bedienung war so freundlich zu ihm, als störe sie sein überhebliches Auftreten kein bisschen. Er ließ seinen Blick einen Moment zu lange auf ihrem wohlgeformten Hinterteil ruhen, als sie ihre Bestellung – seine Bestellung für sie beide – aufgenommen hatte und davonstolzierte. Lexi fühlte sich mehr und mehr wie in einem schlechten Film. Unter einem Liebesurlaub verstand sie etwas völlig anderes.
»Schau nicht so grimmig drein«, sagte Johannes und packte ihr unter dem Tisch an das Knie.
Sofort schoss ihr die Hitze ins Gesicht, und die rührte nicht von den unerträglichen Temperaturen her. Als sich seine Hand noch ein Stück höher schob und er ihr tief in die Augen sah, wusste sie plötzlich wieder, warum sie hier war. Diesmal würdigte er die Kellnerin keines Blickes, als sie die beiden Tassen vor ihnen abstellte. Er löste nicht ein einziges Mal seine schönen Augen von Lexis, und dann lehnte er sich über den Tisch und küsste sie.
Lexi zerschmolz inmitten der vielen Menschen, die um sie herum saßen, und nichts war mehr wichtig, kein Kleid und kein Name, kein Haargummi und keine Kellnerin. Er war hier mit ihr, seine Zunge drängte sich in ihren Mund, und für ihn konnte sie Alexandra sein, wenn es ihm so wichtig war. Seine Hand fand ihren Weg unter ihren Rock, und Lexi musste an sich halten, nicht vor lauter Genuss aufzustöhnen. Sie spürte die Blicke der anderen Menschen, hörte das anklagende Gemurmel, doch es war ihr nicht peinlich. Diesmal nicht. Diesmal genoss sie seine forsche, fordernde Art, die zwar auch Schattenseiten hatte, doch mit denen konnte sie leben, wenn die Sonne so hell strahlte wie in diesem Moment. Sie schloss die Augen, ließ sich fallen und hoffte, dieser Kuss würde nie enden.
Die Ode an die Freude ertönte. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Lexi öffnete die Augen. Johannes löste sich von ihr, zwinkerte ihr zu, und seine Hand, die eben noch in ihrem Höschen gesteckt hatte, griff nach dem Smartphone. Lexi fühlte sich, als sei ein Schatten über sie gefallen. Sie schlürfte den viel zu bitteren, viel zu kleinen, viel zu teuren Espresso, den er ihr bestellt hatte, obwohl sie viel lieber die Getränke mit cremigem Milchschaum mochte. Der Geschmack passte fabelhaft zu ihrer Stimmung. Eben noch hatte sie sich im Himmel gewähnt, wäre am liebsten an Ort und Stelle über den Mann an ihrer Seite hergefallen, nun war sie wieder auf der Erde aufgeprallt. Seine Aufmerksamkeit gehörte nicht mehr ihr, sondern dem Geschäft auf der anderen Seite der Telefonleitung, sein Blick suchte nicht mehr ihren, sondern den der Bedienung, die er mit der freien Hand heranwinkte und mit einem umwerfenden Lächeln und einer Geste aufforderte, die Rechnung zu bringen. Er gab ein vollkommen überhöhtes Trinkgeld und bedeutete Lexi mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen.
Das Telefonat war noch immer nicht beendet, als sie den Anleger der Gondeln erreichten und er eine für sie aussuchte. Er stieg als Erster ein, ließ sich auf die Bank fallen und würdigte Lexi keines Blickes. Stattdessen ereiferte er sich am Telefon über einen schwierigen Kunden. Der Gondoliere erbarmte sich und half ihr in das schwankende Gefährt. Sie setzte sich neben Johannes, er legte den Arm um sie, und endlich beendete er das Gespräch, nur um sofort seine Kamera zu zücken und ein Selfie von ihnen beiden zu schießen. Natürlich nur von den Köpfen. Lexi sah sich und Johannes in dem hochgeklappten Selbstporträt-Display, sie lächelten wie ein glückliches Paar, hinter ihnen das strahlend blaue Wasser des Canal Grande und weitere Gondeln mit glücklichen Paaren. Und waren sie das nicht auch? Sie waren schön und erfolgreich, gesund und jung und verliebt.
Warum nur wurde Lexi den bitteren Geschmack des Kaffees nicht aus dem Mund los?


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Jessie Weber ist Kielerin, gebürtig und überzeugt. Die gelernte Schifffahrtskauffrau liebt es, das Meer vor der Tür zu haben. Wenn sie nicht schreibt, arbeitet sie als Sekretärin sowie freiberuflich als Verlagslektorin. In ihrer Freizeit fertigt sie ausgefallene Motivtorten an, ist in der Mittelalterdarstellung aktiv und reist viel, gern auch zu Recherchezwecken. Sie ist Mitglied in zwei Autorenvereinigungen und im Verband der Schriftsteller in Schleswig-Holstein e. V.