Dönerröschen

Neuperlach

Wochenlang packte Anne jedes einzelne Haushaltsstück in eine Luftschutzfolie ein und legte die Dinger vorsichtig in Umzugskartons. „Jetzt fangen wir noch mal ganz von vorne an, Baby“, sagte Dok zu Anne, als die Kartons voll waren, und wollte das ganze Zeug zum Sperrmüll fahren. Anne fiel in Ohnmacht, und alles blieb beim Alten. Meine Eltern sind immer so drauf.

Unsere Möbel wollte Dok selbst auseinanderschrauben und sie in der neuen Wohnung wieder zusammenbauen. Schon beim Küchenschrank hat er sich aber den Schraubenzieher so tief in den Unterarm gebohrt, dass er im Krankenhaus genäht werden musste. Dok, meine ich. Nicht der Schrank. Daraufhin hatte Anne eine Umzugsfirma beauftragt. Die vier Russen bauten unsere Möbel in der neuen Wohnung ohne ernsthafte Verletzungen oder Todesfälle auf. Nur unser Schoßhund Napoleon hat unter dem Krempel im Keller meinen alten Teddy gefunden und ihm den Kopf abgerissen. Was soll’s! Mit sechzehn brauchst du keine Teddys mehr.

Am ersten Wochenende der bayerischen Pfingstferien zogen wir von Oberhaching nach Neuperlach. In „das Türkenviertel“, wie Anne es nannte. Dok arbeitete jetzt schon seit ein paar Monaten in den Perlacher Einkaufs-Passagen – PEP – als Nachtwächter und hatte hier eine billige Wohnung aufgetrieben.

Gleich am Freitag holte Anne vom PEP eine große Schwarzwälder Kirschtorte. „So, Jungs!“, sagte sie zu Dok, mir und unserem Hund Napoleon. „Am Sonntag, wenn alles eingeräumt ist, essen wir die Torte.“ Klar versuchte Napoleon schon jetzt, sich die Torte zu krallen. Anne hatte sie aber im Kühlschrank eingesperrt. Der ist bei uns wegen Napoleon mit einem Schloss gesichert. Nicht gesicherte Kühlschranktüren knackt Napoleon locker. Unser Schoßhund ist ein militanter Lacto-Vegetarier, der trotz seines kleinen Wuchses gern große Hunde verdrischt. Weil sie Fleisch fressen. Wurst und Schinken ekeln Napoleon an, sogar Knochen! „Fleisch?“, knurrt er immer. „Pfui!“

Nur den Osterhasen frisst Napoleon gern, weil der aus Schokolade ist. Gemüse mag Napoleon aber auch nicht. Nur Eis, Schokolade, Erdbeershake und Kuchen. Mehlspeisen liebt unser Hund über alles.

„Napoleon ist nun mal mehr ein Österreicher als ein Hund“, sagt Dok.

Wir hatten Napoleon von Tante Lora aus Linz bekommen. Anne meint, diese ganzen Zuckersachen seien ungesund. Aber das stimmt sicher nicht. Von den Süßigkeiten bekommt Napoleon solche Blähungen, dass er ständig in Bewegung bleibt und somit viel Sport treibt. Wenn Napoleons Düsenantrieb startet, schießt er durchs Wohnzimmer wie eine Rakete, fliegt von Wand zu Wand, steuert mit seinem wedelnden Schwanz und bellt dabei vor Freude.

Jetzt aber, am ersten Wochenende der Pfingstferien, hockte Napoleon aber nur vor dem Kühlschrank in der neuen Wohnung und knurrte uns wegen der eingesperrten Torte beleidigt an.

Leider hatte Dok am Sonntagnachmittag zwei Flaschen Bier kühlen wollen und den Kühlschrank vergessen abzusperren. Kurz darauf lag die Torte in Napoleons Bauch und Napoleon faul in seinem Korb im Badezimmer.

Anne und Dok redeten streng auf Napoleon ein, er glotzte sie aber nur an und ließ hin und wieder behäbig einen fahren. „Was soll dieser Stress wegen etwas Kuchen?“, fragte er sich sicher. Bis ihm die Augen zufielen.

Egal! Ich hatte sowieso keinen Bock auf Kuchen. Statt am Sonntagnachmittag Torte zu essen, radelte ich die Gegend ab: Parkplätze und lange Wohnblocks, das Neuperlacher Krankenhaus mit seinem Dach, auf dem Außerirdische landen würden, wie Dok behauptet hatte. Leider entpuppten sich die Raketen der Außerirdischen als Rettungshubschrauber mit Schwerverletzten von der Autobahn.

Keine Villen und Familienhäuser, keine Gärten schmückten die Straßen wie in Oberhaching. Nur Wohnblocks. Gleich hinter dem Krankenhaus und ein paar Wohnblocks, direkt vor dem Wald, lag zum Glück der Bolzplatz. Eins war klar: Auch in Neuperlach wurde gekickt.

Gerade stieg auf dem Bolzplatz ein Spiel der türkischen U-18-Super-Liga. Na ja, die meisten Spieler und Zuschauer waren wohl sechzehn – wie ich. Alle bis auf einen blonden Spieler schienen Türken zu sein. Oder gab’s auch blonde Türken?

Sogar einige Fans chillten am Wiesenrand: Jungs und Mädels. Auf dem Feld zweimal sieben Spieler und ein Schiri. Auch ein Sechzehnjähriger. Der chillte aber nicht. Der wurde vom Publikum genervt.

Ein Zuschauer rief: „Beschiktasch!“, und der Schiri guckte, als hätte man ihm einen Zahn gezogen. Einige Zuschauer lachten und johlten. Andere schimpften. Leider verstand ich nur Bahnhof. Na ja, nicht ganz. Das Türkisch wurde hin und wieder mit einem deutschen Wort gespickt: „Opfer“, „Spast“, „Arschloch“ und „Sozialamt“ zum Beispiel.

Und wieder der Ruf: „Beschiktasch!“, und wieder Lachkrämpfe im Publikum. „Beschiktasch“ musste eine krasse Beleidigung sein, denn der Schiri brüllte plötzlich auf Deutsch: „Hurensohn!“ und ging auf den „Beschiktasch“-Rufer los. Echt!

Mannomann! Nach einem Haching-Spiel wollten die Fans auch schon mal den Schiri verdreschen, aber dass der Schiri die Fans vermöbelte, das war mir neu. Ganz schön originell, die Türken!

Und schon ging auf dem Bolzplatz eine kleine Bud-Spencer-Show ab: Der Schiri jagte den „Beschiktasch“-Rufer ums Feld herum, die Zuschauer, die vorhin gelacht hatten, prügelten die Schimpfenden, und auch die Spieler fingen an, Watschen zu verteilen, ohne Rücksicht auf die Abseitsregelung. Hier fightete sowieso nicht mehr Mannschaft gegen Mannschaft, sondern Schiri-Sympathisanten gegen die andern, egal ob sie aus dem Gegnerteam oder aus dem eigenen waren.

Auch einige Mädchen tobten sich ganz hübsch in der Schlacht aus und boxten wie um den Weltmeistertitel. Großer Sport! Nur der blonde Türke sprintete aus dem Schlachtrudel heraus und raste auf mich zu. Bestimmt will er mir auch eine auf den Rüssel klatschen, dachte ich, doch der Typ hockte sich zu mir, gab mir die Hand und sagte: „Schnauze!“

„Ich hab nix gesagt“, sagte ich.

„Hä?“, sagte er. „Ich heiße Schnauze!“

„Ein hübscher Name!“, sagte ich. „Ich bin Jonas.“

Schnauze wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das geht hier jeden Sonntag ab.“

„Warum prügeln die sich?“, fragte ich, guckte aber weiter der Show auf dem Rasen zu. Ein dickes Mädchen nahm gerade einen der Keeper in den Schwitzkasten.

„Ihr Fußballverein hat verloren“, sagte Schnauze. „Türkische Liga.“

„Ich hab gedacht, der Typ da hat den Schiri beschimpft“, sagte ich. „Was heißt auf Türkisch Beschiktasch? Sicher was ganz Übles, oder?“

„Nee! Beschiktasch is’ eben Fußballverein. Istanbul. Beschiktasch hat gestern verloren. Und Schiri is’ großer Beschiktasch-Fan.“

„Ach, so“, sagte ich. „Die haben sich über den Schiri lustig gemacht?“

„Idioten!“, sagte Schnauze. „Beschiktasch is’ super. Hatte jetzt nur bissl Pech.“

„Bist du auch Beschiktasch-Fan?“, fragte ich.

„Klar!“

„Und warum prügelst du dich nicht?“

„Bin Pazifist! Bisdu neu hier, oder?“, fragte er. „Gehsdu noch Schule?“

Mann! Schnauze redete so, dass mein alter Deutschlehrer in Oberhaching davon Hirngrippe kriegen würde. „Ja“, sagte ich. „Hast du auch Ferien?“ Echt komisch, dass es auch ganz blonde und hellhäutige Türken gab wie ihn.

„Ich hab ganz Jahr Ferien, Alta“, sagte er. „Du gehst Gymnasium, oder? Ich war Hauptschule.“

„Machst du jetzt ’ne Lehre?“

Schnauze grinste. „Ich weiß schon alles“, sagte er und guckte zum Schlachtfeld. Die Show auf dem Fußballfeld ebbte langsam ab, die Türken gingen auseinander. Manche der Streithähne lagen sich jetzt in den Armen und schütteten sich gegenseitig weinend ihre Herzen aus. Die Mädchen versorgten die Verletzten. Beschiktasch!

„Für uns Türken is’ Fußball Gott!“, sagte Schnauze. „Dein Verein – dein Heim!“ Also doch ein Türke. Ein Blonder! Zumindest schlägerte er sich aber nicht wegen irgendwelchen bescheuerten Fußballvereinen.

Schnauze holte seinen Rucksack, der ein Stück weiter auf dem Feldrand lag, und schnürte seine Fußballschuhe auf. „Geh’ma morgen PEP?“, fragte er. „Klar“, sagte ich. Im PEP, den Perlacher Einkaufspassagen, war ich schon mal gewesen, als ich Dok bei seinem Nachtwächterjob besucht hatte.

 

 

Jonas und der Fisch

„Fisch ist gesund, Jonas!“, sagte Anne am Montag in der Wohnungstür. Manchmal ist sie unfreiwillig komisch: Klar war der Fisch gesund für Jonas gewesen. Für den biblischen, meine ich, meinen Namensgeber. Sonst hätte Jonas nicht im Bauch des Fisches überlebt.

Schnauze grinste uns von der Treppe an. Napoleon lief aus der Wohnung heraus auf Schnauze zu, machte zweimal „Wau!“, um ihm Todesangst einzujagen, und trottete zwischen Annes Füßen wieder hinein. Anne steckte mir einen Zehner in die Hand und versuchte, mir auf die Backe einen Abschiedskuss zu kleben.

„Hi, hi, hi!“, kicherte Schnauze hinter mir. Anne machte die Wohnungstür zu, wir liefen die Treppe runter. „Meine Anne will mich auch ständig ablecken, Alta!“, sagte Schnauze.

„Heißt deine Mutter auch Anne?“

„Bisdu dumm, Lan? … Nee! … Früher hat mir Busseln nix ausgemacht … jetzt aba …“

„Das ist normal!“, sagte ich. „So ab zwölf Jahren kannst du deine Mutter nicht mehr riechen.“

„Echt? Wieso?“

„Das hat die Natur so eingerichtet. Damit es nicht zur Unzucht kommt … also wenn Jungs mit ihren Müttern poppen!“

„Eeeh … krass eklig, Alta!“

„Sag ich ja!“

„Hasdus Glotze gehört?“

„Ne! Von Dok! Der hat’s in ’nem Buch über das Verhalten von Frauen gelesen!“

„Wer is’ denn Dok?“

„Mein Vater!“

„Ey, Mann! Wieso liest der so Scheiß so?“

„Er will meine Mutter besser verstehen!“

„Warum? Spinnt der?“

Im Erdgeschoss steckte der kleine Emre seinen Kopf aus der Wohnungstür. Den hatte ich schon vorgestern kennengelernt, als ich ein paar Sachen in den Keller geräumt hatte. Jetzt guckte uns Emre böse an:

„Haltet die Fressen, Wichser, isch übe!“ Er schlug die Tür wieder zu. Doch das Türholz konnte nicht die Metalbeats dämpfen, die aus Emres Wohnung dröhnten. Trotzdem hörten sich die Beats harmlos an – im Vergleich mit Emres Begleit-Rap:

 

„Isch bin der Hengst vom Block, der Hengst,

meine Faust kommt schneller als du denkst,

oh, Baby Bitch, mach aus das Lischt,

isch ändere misch nischt!“

 

Schnauze trommelte an die Tür, Emre hörte auf zu rappen. Die Tür ging wieder auf, einen Spalt breit, sodass nur Emres Nase herauslugte. „Was is’n, ihr Opfer?“

„Wie heißt dein Label, Emre?“, fragte Schnauze.

Rapproduction“, sagte Emre.

„Respekt“, sagte Schnauze.

„Wie alt ist der Kleine?“, fragte ich vorm Haus.

„Emre?“, sagte Schnauze. „Acht.“

„Krass!“, sagte ich.

„Geh’ma PEP?“

 

Z

 

Das PEP hockte vor uns wie die Henne auf ihren Eiern. „Magst du auch Fisch essen?“, fragte ich.

„Nee!“, sagte Schnauze. „Besser vegetarisch. Sons disst mich Elke.“

„He?“

„Meine Mudda!“

Ich seufzte. „Alles klar!“ Mann! Schnauzes Mutter hieß Elke? Voll deutsch für eine Türkin, oder?

Schnauze zeigte zur Döner-Bude am Parkplatz. „Ich hol mir was drüben.“

„’nen Gemüse-Döner?“

„Nee! Mit Kalb!“

„Kalb ist doch nicht vegetarisch!“

„Doch! Kalb frisst Gras!“

„Blödsinn!“

„In Döner is’ viel Knoblauch drin. Wenn meine Mudda meine Knoblauch-Fahne riecht, is’ sie voll zufrieden.“

„Meine Mutter hasst Knoblauch!“, sagte ich.

„Wieso denn?“

„Knoblauch stinkt. Anne ist ein Feingeist!“

„Dann solltest du keine Türkin anbaggern, Alta! In Klein-Istanbul gibt’s aba wenig andere Perlhühner.“

„Klein-Istanbul?“

„Na, hier bei uns so Neuperlach so!“

„Aha!“

„Mann, Alta, du checkst auch gar nix!“, sagte Schnauze. „Warsdu Hauptschüler oder ich?“

„Eeeh …“

„Döner macht schöner!“, sagte Schnauze. „Wegen Mädchen hier und so ess’ ich nur noch Knoblauch so. Komm schon, Alta. Deine Anne steck’ dich nicht Heim wegen bissl Knoblauch! Is’ doch selber Türkin!“

„Türkin? Meine Mutter? Wie kommst du denn darauf? Die Familie meiner Mutter stammt aus Ingolstadt.“

Schnauze lachte. „Heißt sie echt Anne?“

„Eigentlich heißt meine Mutter Linda“, sagte ich. „Aber ich sage schon seit meiner Kindheit Anne zu ihr.“

„Warum denn?“

„Keine Ahnung! Vielleicht war Anne mal ihr Künstlername. Als Geigerin meine ich. Alle guten Geigerinnen heißen Anne. Wo kommen eigentlich deine Alten her?“

„Na, aus Franken“, sagte Schnauze.

„Echt? Du hast doch gesagt, dass du Türke bist …“

„Schau nicht in die Vergangenheit, Alta! Schau in die Zukunft!“

„Cooler Spruch.“

„Is’ vom indischen Guru.“

„Und warum …“ Ich stutzte. Ach, egal, ich musste es ihn fragen: „Und warum redest du wie ein Türke, Mann, wenn deine Alten Franken sind?“

„Ich muss mich hier in Klein-Istanbul integrieren, Alta!“, sagte Schnauze. „Hasdus nicht Glotze gehört? Integration is’ voll wichtig!“ Er bretterte davon. Tja, da hatte er nicht Unrecht. Wenn über den EU-Türkeibeitritt nur in Neuperlach abgestimmt werden sollte, wäre die Türkei wohl schon längst drin.

„Neuperlach ist das demokratischste Viertel in München“, hatte mal Dok gesagt. „Alle wählen Erdogan!“ Gleich kicherte er. Anne hatte damals nur die Augen verdreht.

Ich würde mich hier in Neuperlach nie integrieren, weil ich wegen meiner Mutter keinen Knoblauch essen durfte. Warum hatte Schnauze aber gemeint, dass meine Anne Türkin ist? War schon komisch, der Typ, oder?

In der NORDSEE war nur ein Tisch frei. Neben zwei … hi, hi, hi … Perlhühnern. Die weniger Hübsche glänzte wie ein neuer Mercedes – frisch lackiert. Wohl heute alle Haarspraydosen im Badezimmer leer gesprüht, Baby?

Die Hübschere steckte in einer roten Adidas-Hose, einem weißen T-Shirt ohne Ärmel und Nike-Joggingschuhen. Sah verschwitzt aus. Hey! Heute schon joggen gewesen? Auf einmal starrte sie mich an. Ein paar Sekunden lang. Als wäre hier in der NORDSEE ein Pinguin aufgetaucht. Und nicht nur auf dem Teller.

Mannomann! Was für ein Blick! Scharf wie das Laserschwert von Luke Skywalker! Sie machte ihren Mund auf, dann wieder zu und zuckte ihren Blick weg. Uff! Sie lächelte ihre Freundin voll an, mit breitem Mund, und schob sich Haarsträhnen aus der Stirn.

Und plötzlich machte es KLICK in meinem Kopf: Ein Hintergrundprogramm hatte sich eingeschaltet, doch welches? Ich kam nicht drauf. Mann! Dieses Haar! Hatte ich das nicht schon mal irgendwo gesehen? Glatt und schulterlang, dunkelbraune Strähnen, die mal ins Schwarze stachen und mal ins Rote, je nachdem wie das Licht auf das Haar fiel.

Sie pickte mit ihrer Gabel in einem Schollenfilet rum, als wollte sie den Fisch tätowieren, und tunkte dabei die Spitze ihres Haars in die Remouladensoße. Schwarz-weiß! Ganz klar Türkinnen. Was sonst? Aus Knoblauchgründen nichts für mich.

Ich scannte die Preise über der Theke, holte Annes Zehner aus der Arschtasche der Jeans und hockte mich mit meinem Seelachs an den leeren Tisch neben den beiden. „Hallo Süßer!“, rief die Spraydose, versteckte ihre Nase aber gleich wieder zwischen ihren Fritten. Die Hübsche kicherte.

„Hi, Perlhühner!“, sagte ich, aber nur virtuell. In Wirklichkeit sagte ich gar nichts und kümmerte mich nur um meinen Fisch, bevor er wegschwimmen konnte.

Die Hübsche flüsterte etwas. Was hat sie gesagt? Dass sie mich kennt? Blödsinn. Habe die Schnitte noch nie gesehen.

„Der ist doch noch nicht mal fünfzehn!“, sagte ihre Freundin.

Blöde Kuh! „Ich bin schon sechzehn!“, sagte ich.

„Von dir reden wir nicht!“, sagte sie. Ach so. Darauf fiel mir nichts mehr ein. Obwohl ich an krassen Sprüchen arbeiten wollte. „Gegen eine Nervensäge ist ein guter Spruch besser als ein Tritt in den Arsch!“, sagt Dok.

Statt Sprüche zu klopfen, folterte ich aber jetzt mit der Gabel und dem Messer weiter meinen Seelachs. Plötzlich bebte mein Teller. Eine türkische Oma mit Kopftuch hatte sich mir gegenüber gehockt, meinen Tisch gepackt und ihn zu sich gezogen. Ohne „Hallo“ zu sagen.

„Mahlzeit!“, sagte ich, aber auch das kümmerte die Oma wenig. An die Tischkante hatte sie einen brutalen Regenschirm gelehnt, obwohl es seit Wochen nicht geregnet hatte. Die Alte traute dem NORDSEE-Wetter wohl nicht.

Ich ruckelte mit meinem Stuhl dem Tisch nach und beugte mich über den Teller. Die Mädels am Nebentisch fingen wieder an zu kichern. Warum? Wegen meinen Bratkartoffeln? Die schauten aus wie Steinkohle. Aber wenn Anne gemeint hatte, dass das gesund sei … warum nicht?

Plötzlich wieder ein Erdbeben. Die türkische Oma hatte mir die Tischkante in den Bauch geschoben, stand auf und trippelte zur Theke. Den Regenschirm nahm sie mit. Wohl um sich eine Serviette zu holen. Warum sie statt dem Stuhl den Tisch ständig verrücken musste? Kein technischer Typ, die Alte. Zum Glück hatte ich schon alle Gräten abgeknabbert. Nichts wie weg hier!

Ich stand auf. Wieder das Gekicher neben mir. „Du hast eine Serviette am Hintern!“, sagte die Hübsche.

„Das ist keine Serviette, Sibel!“, sagte die andere. „Das ist Klopapier!“ Sibel gackerte wieder. Könnte glatt einen Job als Lachpublikum bei Pro7 bekommen.

Ich verrenkte den Hals und guckte nach hinten. Echt. Von meinem Arsch hing eine Serviette runter. Mit Remoulade an meine Jeans geklebt. „Danke!“, sagte ich, zog die Serviette weg, grinste die Suleikas an und griff nach meinem Teller.

„Hirsiz!“, brüllte die Oma, das war wohl Türkisch. Meinte sie mich? Ich schaute zu ihr und dann runter. Ups! Vor lauter Stress mit den zwei Scheherazaden am Nebentisch hatte ich mir den Teller der Alten gekrallt. Schnell legte ich ihn wieder zurück.

„Sorry!!!“, murmelte ich, nahm meinen Teller und lief zum Abstellwagen.

„Hirsiz!“, kreischte die Hexe noch mal. Ich überlegte, ob „hirsiz“ auf Deutsch „Dieb“ hieß, aber nicht lange. Denn gleich stieg hier Ekschn, und mir wurde klar, wozu sie den Regenschirm im Sommer brauchte. Als Waffe!

„Hirsiz!“, brüllte sie noch mal und prügelte mich mit dem Regenschirm aus der NORDSEE. Die Mädchen hinter mir schüttelten vor lauter Lachen ihre Bäuche wie beim Bauchtanz.

Zum Glück ging der Regenschirm am Ausgang plötzlich auf wie ein Fallschirm – ich war gerettet! Die Hexe hörte auf, mich zu schlagen, klappte das Ding zusammen und kehrte zu ihrem Fisch zurück. Wahnsinn! Krass die Alte, oder? Wenn alle türkischen Omas so brutal drauf waren, dann war’s in Neuperlach lebensgefährlich. Oder stand auf Fischraub in der Türkei die Todesstrafe?

Zum Glück ahnte ich da noch nicht, welchen Kampf ich mir mit einer türkischen Oma noch liefern würde. In der NORDSEE durfte ich mich in den nächsten Wochen auf jeden Fall nicht blicken lassen. Hier war ich jetzt hinreichend bekannt. Gott sei Dank schob Dok im Einkaufszentrum nur Nachtschichten. Wäre er jetzt da gewesen, hätte er seinen Sohn wegen Mundraub festnehmen müssen.


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Jaromir Konecny – Dönerröschen

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Seit Jahren begeistert der in Prag geborene und promovierte Naturwissenschaftler Jaromir Konecny das Publikum bei Poetry Slams sowie auf Kabarett- und Lesebühnen aller Art. Jaromir Konecny, der 1982 in die Bundesrepublik übergesiedelt ist, hat über 100 Poetry Slams gewonnen und wurde zweimal Vizemeister der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften. Sein Werk Doktorspiele wurde verfilmt und lief 2014 erfolgreich in den deutschen Kinos.