Die Jagd des toten Schattens

1

Florins Beine baumelten im Nichts.

Er umarmte den Buchenast, der sich nahezu waagrecht von der Krone abzweigte und sich wie der Arm eines Riesen in den Himmel streckte, wie eine Geliebte. Genüsslich drückte er seine Wange gegen die Rinde. Der Wind spielte mit den Blättern, und die Abendsonne zauberte glutrote Flecken ins Geäst. Eigentlich wäre es Zeit, sich in Sicherheit zu bringen; im Dorf standen bestimmt schon die Wachen am Tor. Doch seit er gelernt hatte, auf Bäume – auf hohe Bäume – zu klettern, genoss er die Freiheit, sich so lange im Wald herumzutreiben, wie es ihm passte. Florin blinzelte, beobachtete das Farbspiel hinter einer kupferroten Locke, die ihm vor das rechte Auge gerutscht war, und lauschte dem Brausen um ihn herum, in dem das Gezeter eines Eichelhähers mitschwang.

Ein zufriedenes Lächeln lag auf seinem sommersprossigen Gesicht, und er wurde schläfrig. In den wenigen glücklichen Momenten wie diesem begann der Baum mit ihm zu sprechen. Die Luft knisterte förmlich von Geschichten, in denen er Frek, der arroganten Ratte, das Mädchen wegschnappte.

Hier, hoch oben bei den Vögeln in der warmen Sonne, war Fulkos Sohn so unbedeutend wie eine Ameise unter einer Schuhsohle. Florin formte mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis und linste hindurch: Sähe er ihn jetzt irgendwo da unten, könnte er ihm zwischen den Nägeln den Kopf abreißen.

So klein bist du in meinem Herzen.

Freks Gesicht glich tatsächlich dem einer Ratte: schmale braune Augen und zu große Zähne für einen zu kleinen Kiefer. Und da Frek im Gegensatz zu Florin das halbe Dorf überragte, ahnte er nichts von seinen schiefen Nasenlöchern – die sah man nur, wenn man wie Florin zu ihm aufschauen musste. Wahrscheinlich hatte Fulko ihm im zarten Alter die Nase verdreht.

Eines Tages würde er Frek fragen, ob er sich vorstellen könne, was ein Mädchen beim Küssen eines Rattengesichts empfände.

Eines Tages würde er es platt schlagen. Vor den Augen aller, die immer um Frek herumstanden, um sich auf Florins Kosten zu amüsieren. Vor Fulkos Augen. Und vor Vater, der nie eingriff, wenn Florin von zweien gepackt wurde, damit ihn ein Dritter bequem verdreschte.

Dieser Tag war nicht mehr weit. Denn Florins Hände griffen sicher zu, seine Schultern wurden breiter. Das hatte er Jerelins Hartnäckigkeit zu verdanken, die ihn nur auf ihre nächtlichen Jagdzüge in den Wald mitnahm, wenn er sich schnell genug in Sicherheit bringen konnte.

Florin stieß einen grunzenden Laut aus. Oh ja, er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie er an einem Seil gebaumelt und vor Atemnot Sternchen gesehen hatte, während die Wolfselbin wie ein Hund um den Stamm herum gesprungen war.

Mittlerweile war Florin so geschickt, dass er beim Klettern sogar seinen von Geburt an verwachsenen Fuß vergaß. Meistens jedenfalls – wenn Fulkos Worte eine Weile aufhörten zu schmerzen. Ich weiß, warum du ein Krüppel bist! Die Kreatur hat deine Mutter bis auf die Knochen ausgesaugt und dir das Blut abgeschnürt. Sei froh, dass es nur den Fuß und nicht deinen Kopf erwischt hat.

Logisch.

Florin stellte sich vor, was Fulko sagen würde, säße er in diesem Moment neben ihm auf dem Ast, hoch über dem Boden, und er grinste wie ein Kater.

 

Als das Rufen eines Käuzchens zu ihm heraufdrang, machte sein Herz einen Sprung; er setzte sich auf und spähte nach unten.

Endlich.

Jerelin winkte mit beiden Armen, die silberfarbenen Haare der Wolfselbin leuchteten in der Abendglut wie ein Vorhang aus Feuer. Von ihrem Gürtel baumelten drei tote Eichhörnchen. Florin seufzte erleichtert auf; die kleinen Körper würden die Wolfselbin für heute Nacht satt machen. Nicht immer bescherte ihr Gott Han so schnelles Jagdglück. Ohne den Wald würde Jerelin verhungern: Von Hirsebrei bekam sie Durchfall, von zu viel Brot fielen ihr die Haare aus, und das eingelegte Kraut, das sie Florins Mutter zuliebe hinuntergewürgt hatte, hatte sie unverdaut erbrochen. Die Wolfselbin brauchte Fleisch. Das Brot überließ sie liebend gerne den Menschen.

»Schläfst du schon wieder? Lass das Seil runter!« Sie vergewisserte sich knurrend, dass niemand sie beobachtete.

Florin zögerte, starrte auf die leuchtenden Augen tief unter ihm, zwei unruhige gelbe Punkte – genauso gut hätte ein Ji’harbi-Weib auf das Seil warten und ihm einen Besuch abstatten können. Furcht streifte ihn wie ein vorüberziehender Schatten, fast zu kurz, um wahrgenommen zu werden, und er verdrängte das dumpfe Gefühl hinter seiner Brust.

Er warf das aufgerollte Seil hinunter. »Vorsicht!«

Jerelin ließ das Ende ausschwingen, fing es und zog sich flink daran hoch.

»Du bist immer noch schneller als ich«, seufzte er.

Schnaufend umklammerte Jerelin den Ast und schwang ihre langen Beine darüber. Grinsend zeigte sie ihre spitzen Zähne. »Du bist zu faul. Das ist dein Problem.« Sie lehnte sich gegen den Stamm und ließ ihre Beine baumeln.

»Faul?« Zweifelnd blickte Florin nach unten.

»Doch, du bist faul!«, beharrte Jerelin. »Kaum bist du oben, willst du nicht mehr runter. Du schläfst und träumst. Das ist gefährlich.«

»Und wenn schon!«

Jerelin zog das Seil hoch, rollte es ein und klemmte es in eine Astgabel. Ihr Blick verfinsterte sich. »Du hast keine Flügel. Wenn du nicht endlich das Richtige tust, wirst du umkommen.«

»Hör auf!«, fuhr Florin sie an. Er ahnte, worauf sie anspielte. »Das ist allein mein Problem!«

»Ach ja?«

Jerelin beugte sich vor und berührte seine Wange – mittlerweile dürfte sie sich violett verfärbt haben. Es schmeckte wie bittere Galle, dass Jerelin ihn an Freks letzte Abreibung erinnerte.

»Was glaubst du, warum mein Gesicht nicht so aussieht wie deins?«, knurrte Jerelin.

Florin schlug ihre Hand weg. »Verschon mich!«

Sie fixierte ihn mit ihren Wolfsaugen. »Weil er Angst vor mir hat!«

Florin wich diesem Blick aus, den er wie nichts auf der Welt hasste. »Wen wundert’s? Wenn ich so ein Reißmaul wie du hätte, hätte Frek vor mir genauso Angst wie vor dir. Er weiß genau, dass du ihm die Ohren abbeißt, wenn er dich anrührt.«

»Er ist größer als ich. Er ist stärker als ich. Er ist Fulkos Sohn. Und wenn ich ihm die Ohren abbeiße, jagen sie mich aus dem Dorf.«

»Und? Warum kuscht er dann vor dir?«

»Er hat Angst vor mir, weil ich ihm zeige, dass ich ihn hasse! Du hingegen stehst vor ihm wie ein gutmütiger Ochse, der auf Schläge von seinem Herrn wartet. Wenn du dich nicht bald dagegen wehrst, wirst du für immer der hinkende Trottel bleiben.«

Florin spürte, wie ihm die Röte in die Wangen schoss. »Was hat dir die Laune verdorben, du Hündin?« Die Leichtigkeit von vorhin hatte sich wie eine Wolke im Wind aufgelöst. Er fragte sich, was er hoch oben auf einem unbequemen Ast zu suchen hatte. »Ich will nach Hause!«, schnaubte er. »Lass mich vorbei!« Er streckte sich nach dem Seil in der Astgabel.

Jerelin dachte nicht daran, ihm Platz zu machen und blieb mit verschränkten Armen gegen den Stamm gelehnt sitzen. »Du willst dich im Bett verkriechen, du Feigling.«

»Menschen sind nachts müde. Nachts. Das solltest du inzwischen bemerkt haben!« Er klemmte seine Beine fest um den Ast, neigte sich vor, bis er mit den Fingerspitzen den wulstigen Rand eines Astloches berührte. Doch die glatte Buchenrinde, an die er sich noch vor Kurzem angeschmiegt hatte, wurde ihm zum Verhängnis: Unaufhaltsam begannen seine Oberschenkel zu rutschen, egal, wie sehr er sich dagegen wehrte. Erschrocken stöhnte er auf, versuchte im letzten Moment das Astloch zu fassen und griff daneben. Jerelin packte ihn gerade noch rechtzeitig unter den Achseln, ehe er vor ihren Augen in die Tiefe gestürzt wäre.

Am ganzen Körper zitternd erlangte Florin sein Gleichgewicht wieder und klammerte sich an Jerelin fest. »Ich bin ein Idiot«, keuchte er.

Jerelin legte ihm eine Hand in den schweißnassen Nacken und zog seinen Kopf auf ihre Brust. Sie hielt ihn fest umarmt, bis sein Herz sich wieder beruhigt hatte.

»Hast du dir je überlegt«, flüsterte sie, »was aus uns wird, wenn Abelka tot ist?«

Florin löste sich aus ihrer Umarmung. »Was soll das? Mutter ist gesund. Warum redest du vom Tod?«

»Ich will das Dorf verlassen. Ich will leben!«

Er schaute sie mit offenem Mund an. »Aber … was redest du da?« Schweiß brach ihm aus, pulsierte in heißen Wellen, als hätte ihn ein plötzlicher Schmerz überwältigt. »Das Dorf ist dein Zuhause. Abgesehen von den Dummköpfen akzeptieren dich alle.«

Jerelin verzog verächtlich die Lippen. »Ja, solange ich keine Fragen stelle und ihre Lügen glaube.«

Er wandte den Blick ab und schluckte die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, hinunter. Warum Streit anfangen, wenn er das Gleiche dachte wie sie?

»Warum redet Abelka nicht? Wegen mir hat dein Vater sie verlassen.« In Jerelins Augenwinkeln zuckte es. Ihre Stimme wurde leise. »Warum nur war sie bereit, so ein Leben zu führen?«

Florin zuckte mit den Schultern und senkte den Blick, als fürchtete er, seine Gedanken zu verraten. Bis vor Kurzem wäre Florin nicht auf die Idee gekommen, über seine Stellung im Dorf nachzudenken. Wozu? Seine Welt beschränkte sich auf die Hütte, in der er geboren worden war, und den Himmel über ihm. Doch seit er sich selbst bewiesen hatte, dass sein schlimmer Fuß ihn nicht daran hinderte, Grenzen zu überschreiten, fragte er sich, warum Frek, der Sohn des größten Idioten im Dorf, die Wolfselbin nie beim Namen rief und sie mit zischenden Lauten verjagte. Manchmal schien ihm, als läge in den Augen, die Jerelin jeden Tag begegneten, die Wut einer Sau, die wusste, dass es ihr an den Kragen geht. Dann waren Wut und Angst dasselbe?

Angst vor was?

»Jerelin …« Er blickte sie flehend an. »Du haust nicht ab, ohne mich mitzunehmen. Oder?«

Ihre Augen wurden groß. Licht verfing sich hinter den Pupillen, ein flüchtiges Leuchten huschte über sie.

»Oder? Sag doch was!«

Sie umarmte ihn schweigend und hielt ihn fest. Nach einer Weile stieß sie ein Geräusch aus, das wie ein raues Schnurren klang und von dem er sich immer fragte, ob auch ein Ji’harbi dazu in der Lage wäre.

Nein, sie würde ihn nicht verlassen. Das hatte sie nicht ernst gemeint.

Er würde es nicht zulassen. Ganz einfach.

 

2

Die Flecken des Mondes erinnerten an leere Augenhöhlen. In ein brennendes Rostrot getaucht stieg er langsam zu den Sternen auf, riesengroß und still. Das Glimmen unzähliger Glühwürmchen tanzte im Unterholz.

Unruhig rutschte Florin hin und her und versuchte, sein Gewicht zu verlagern. Von der Sitzerei schmerzte ihm allmählich das Gesäß.

Jerelins Zeit war gekommen; nachdem sie genüsslich die Eichhörnchen enthäutet und verspeist hatte, waren ihre Sinne hellwach. Tief sog sie die Luft ein und ließ sich vom Duft der Nacht verführen. Wenn der Mond nicht geschienen hätte, hätte Florin nicht die Hand vor Augen gesehen. Eine beklemmende Angst, die ihn immer überfiel, wenn er im Dunkeln im Freien war, griff nach ihm.

»Wie wär’s, wenn du mich jetzt nach Hause brächtest?«, fragte er zögernd. »Ich sag es nicht gern, aber ich muss mal.«

»Pinkel einfach runter.« Sie schien sich nicht sonderlich für seine Nöte zu interessieren.

»Sehr witzig, so einfach, wie du dir das vorstellst, ist das nicht.«

Jerelin antwortete nicht, ihre verschwommene Silhouette richtete sich auf und griff zur Astgabel. Das Seil sirrte nach unten und klatschte gegen den Stamm.

»Bleib oben, bis ich dich rufe!«, zischte sie eindringlich. »Wenn ich unten bin, zieh um Hans willen das Seil hoch!«

»Du wirst mich doch nicht allein hier oben …«

»Kein Wort mehr! Auf keinen Fall darfst du rufen!«, fuhr sie ihm dazwischen.

»Was?« Ungläubig sah er zu, wie ihre schattenhafte Gestalt vom Ast rutschte und verschwand. Nach kurzer Zeit hörte er einen dumpfen Aufprall und das Rascheln von Schritten auf dem Waldboden. Dann war es still, die Dunkelheit hatte Jerelin verschluckt.

Am liebsten hätte Florin laut geschrien. Vor Wut. Vor Angst. Vor Schmerz. Er biss die Zähne zusammen und robbte wie auf rohem Fleisch sitzend an den Stamm und zog eilig das Seil hoch. In solchen Momenten wurde ihm schmerzlich bewusst, dass es in Jerelin einen Teil gab, zu dem er niemals Zugang haben würde. Nicht zum ersten Mal hatte sie ihn im Dunkeln abgesetzt. Manchmal konnte er das, was für Jerelin interessant war, weder riechen noch hören. So sehr er sich auch anstrengte: Manchmal existierte es nicht. Wie Farben für einen Blinden. Wie ein Lied für einen Tauben. Er nahm es ihr übel, dass sie diese Welt nicht mit ihm teilte und ihm das Gefühl gab, ein lästiger Klotz am Bein zu sein. Wieder einmal.

Trotzig starrte er auf den Boden. Doch so sehr er es seinen jämmerlichen Tagaugen auch befahl: Er sah nichts außer einer lauernden Schwärze und den Schatten der Sträucher im fahlen Mondlicht.

Dann hörte er ein Knacken im Unterholz.

Jerelin? Er wagte nicht zu rufen.

Keuchen. Schritte.

Florin wusste, dass es keine Tiere waren. Zweige wurden heruntergedrückt und brachen. Im Mondlicht erkannte er zwei schlanke männliche Gestalten, die durch die Büsche schlichen. Erschreckend zielsicher. Hin und wieder leuchteten ihre mandelförmigen Augen auf.

Ji’harbis! Verdammte Schmutzhäute!

Han hilf!

Bei Einbruch der Dunkelheit erwachten sie. Manchmal streunten sie um das Dorf herum, auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Lief man ihnen dabei über den Weg, steckte der Kopf am nächsten Morgen auf einem Pfahl. Im schlimmsten Fall. Hatte man Glück und kam mit dem Leben davon, verschleppten sie einen zu den Waldmenschen, die Sklavenhändlern nicht abgeneigt waren.

Wo steckte Jerelin? Sie hatte die beiden offensichtlich kommen hören und war verschwunden.

Die Schmutzhäute unterhielten sich in ihrer kratzigen Sprache, von der ein Mensch meistens nur zwei Wörter beherrschte: Hau ab. Einer der beiden lachte, was Florin nicht im Geringsten beruhigte.

Er hörte sie direkt unter sich atmen; wenn er gewollt hätte, hätte er ihnen auf den Kopf spucken können.

Mach, dass sie weitergehen! Er spähte mit weit aufgerissenen Augen auf die schemenhaften Schatten. Keuchend klammerte er sich an den Stamm, seine Nägel kratzten an der Rinde.

Viel zu laut.

Bitte!

Das Gespräch verstummte, erschrocken hielten die Kerle die Luft an.

Für einen Augenblick war Florin, als stände die Zeit still und erstarrte alles rings um ihn herum zu Stein.

Sie hatten es gehört. Die Söhne einer räudigen Hündin hatten das Kratzen tatsächlich gehört.

Die gelben Augenpaare schwärmten aus, lautlos. Es dauerte nur wenige Lidschläge, bis die stechenden Pupillen ihn ansahen.

Ein leises Knurren drang aus dem Dunkeln herauf.

»Sieh mal, ein Rotschopf. Ein ganz seltener Vogel.«

Der Akzent aus dem mit Raubtierzähnen bespickten Maul klang unüberhörbar aufgesetzt. Absicht. Ohne Zweifel würden sie ihn bestrafen: dafür, dass Florin ihre Sprache nicht beherrschte und Ji’harbis-Zungen zwang, wie Menschen-Zungen zu sprechen. Nichts ist Schmutzhäuten verhasster, als an ihre menschlichen Wurzeln erinnert zu werden.

»Bist du dort oben festgewachsen oder haben dich deine Lieben aufgeknöpft?« Schrilles Lachen.

Florin durchfuhr es heiß und kalt. Han sei Dank hatte er auf Jerelin gehört und das Seil hochgezogen. Ein Gefühl der Unwirklichkeit überfiel ihn, und ihm wurde bewusst, dass unter ihm der Abgrund lauerte. Links und rechts herrschte Leere. Der Stamm war glatt und viel zu dick, um sich wirklich festhalten zu können. In seinem Kopf rauschte heiße Luft. Er würde abstürzen, er war viel zu hoch.

Verzweifelt stöhnte er auf. Es passierte das, vor dem Jerelin ihn immer gewarnt hatte: Sein Körper versteifte sich.

»Och, unser Rotschopf fängt gleich an zu weinen. Will runter vom Baum.«

»He, spring! Wir fangen dich auf!«

»Aber nur, wenn du nicht geschissen hast. Ich finde, hier stinkt’s.«

»Jerelin!« Florins Schreien hallte durch die Baumkrone und übertönte ihr Lachen. »Wo bist du?«

Die beiden schlugen sich schreiend auf die Schenkel. Einer der beiden spreizte die Beine und umarmte einen unsichtbaren Stamm. »Jerelin, wo bist du?«

»Ist das dein Mädchen, Rotschopf?«

»Hat sie dich versetzt?«

»Ist ihr wohl zu unbequem bei dir da oben. Hat sich’s anders überlegt. Will lieber einen Liebsten mit Bett.« Sie grölten vor Vergnügen.

Als sie genug hatten, fingen sie an, ihn zu beschimpfen.

»Scheißer!«

»Du nachtblinder Rübenkopf!«

»Schlappschwanz!«

Ihr Lachen wurde zu einem gehässigen Zischen. Sie griffen voller Hass in den Waldboden und schleuderten ihm allen Dreck entgegen, den sie in ihre Pfoten bekamen.

Als ihn der erste Stein traf, jubelten sie begeistert auf.

Florin schrie aus vollem Hals und drückte schützend sein Gesicht gegen die Rinde. Ein Stock peitschte ihm auf den Rücken, bald brannte ein Schmerz an seiner Wade.

Er spürte seine Arme nicht mehr, er hatte nicht mehr das Gefühl, sich fest zu halten. Gleich würde er in die Tiefe stürzen. Leere Gleichgültigkeit ergriff ihn. Bald würde es vorbei sein. Er würde unten aufprallen und nicht mehr mitkriegen, wie sie ihm den Rest gaben.

»Du quiekst wie ein abgestochenes Schwein. Halt’s Maul!«

Sie hörten auf, ihn mit Erde, Steinen und Stöcken zu bewerfen; sein Geschrei schien sie allmählich zu langweilen.

Florin sah im Mondlicht, wie sie mit ihren Zungen obszöne Zeichen machten. »Schöne Grüße an Jerelin!«, lachten sie schmierig, bevor sie im Unterholz verschwanden.

Wut stichelte ihn wie glühende Nadeln, sodass er nicht aufhören konnte zu schluchzen. Tränenüberströmt spuckte er hinter ihnen her.

Als ihm klar wurde, dass die Schmutzhäute ihn genauso gut mit ihren Pfeilen vom Baum hätten holen können, beruhigte er sich. Mit offenem Mund und nassem Gesicht starrte er über die mondbeschienenen Baumwipfel. Sein Herz pochte heftig gegen den Stamm.

»Ich lebe noch«, flüsterte er und das Gefühl, dass seine Arme nicht ihm gehörten, verschwand.

Allmählich kehrte der Schmerz zwischen seinen Beinen wieder. Er saß nackt auf einem blanken Schwert, das ihn langsam aufschlitzte, und konnte kaum mehr die Beine bewegen. Runter. Er musste runter, bevor ihn die nächsten Ji’harbis hier oben entdeckten. Noch einmal würde er nicht so glimpflich davonkommen.

Hastig ließ er das Seil nach unten fallen. Als er die Beine über den Ast schwang und nach dem Seil hangelte, schrie er vor Schmerz auf. Mit zusammengebissenen Zähnen seilte er sich ab. Unten angekommen erleichterte er sich an Ort und Stelle.

Mit einem Stoßgebet auf den Lippen humpelte er den Pfad entlang, der ins Dorf führte. Han meinte es gut, das Mondlicht war hell genug. Morgen würde er Jerelin die ohnehin schon spitzen Ohren lang ziehen.

Hakon, der heute Nacht am Tor Wache stand, schwenkte die Laterne vor Florins Gesicht hin und her. »Du läufst irgendwie so steif. Bist du gestolpert?«

Florin unterdrückte den Wunsch, seine Faust in das grinsende Maul zu rammen. Er schüttelte den Kopf, fluchte und verschmolz mit der Dunkelheit.

Als er glaubte, alles vergessen zu können, und die Hand nach der Hüttentür ausstreckte, löste sich eine Gestalt von der Wand und packte ihn am Oberarm.

»Sie hat dich wieder mitgenommen, und du hast auf sie gehört!« Er spürte den heißen Atem seiner Mutter auf der Wange. Ihre Nägel gruben sich empfindlich in sein Fleisch.

»Lass mich!« Er schüttelte sie ab und verschwand ins Innere der Hütte.


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Susanne Ferolle – Die Jagd des toten Schattens

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Susanne Ferolla ist studierte Biologin und wurde 1968 in Freiburg im Breisgau geboren. Zurzeit lebt sie mit ihrer Familie im Markgräflerland. Fantasy ist ihr Lieblingsgenre. Dieses ermöglicht ihr wie kein anderes, (nicht-)menschliche Abgründe darzustellen – was ihr in ihrem Fantasyroman Die Jagd des toten Schattens wunderbar gelungen ist.