Das Licht der Highlands

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Prolog

Lammas-Nacht am Rande der Welt August 1254

 

Der Himmel war an diesem Sommerabend noch blau, die grauen Flanken der hoch aufragenden Berge im Westen Schottlands noch von der Sonne beschienen, doch der lange Tag neigte sich nun dem Ende zu. Im Osten verblasste das Licht in den tiefen Tälern und Wäldern, der Wind seufzte in den Zweigen und trug Wassertröpfchen von den Wasserfällen der Bäche auf nahe Farne, wo sie die kurze Sommernacht über ruhen würden. Stetig sank die Sonne im Westen, das Meer schimmerte wie geschmolzenes Silber, und das leuchtende Kobaltblau der Inseln vor der Küste wurde zu stumpfem Grau. Wellen beeilten sich, den Kiesstrand einzunehmen, und sandten ihre zarten weißen Schaumkronen in den heraufziehenden Abend.

Das junge Mädchen, das die Landzunge entlangeilte, sah nichts von alledem; es sah nur die alte Frau, die sich immer weiter entfernte, und beeilte sich, um sie nicht zu verlieren. Robben hoben ihre Köpfe aus dem Wasser, und die Vögel der Küste stießen herab, um sich die beiden Gestalten dort unten näher anzusehen. Doch das junge Mädchen sah sie nicht.

Es wollte in die Zukunft schauen.

Das Mädchen war ein schönes Kind, groß gewachsen, mit glänzenden dunklen Locken, die um sein ovales Gesicht spielten und die blauen Augen und ebenmäßigen Züge einrahmten. Doch es war die Entschlossenheit, die jedem, der es gesehen hätte, als Erstes aufgefallen wäre, das stählerne Glitzern in diesen bezaubernden Augen, üblicherweise unter einer Schicht Höflichkeit und guter Erziehung verborgen; doch nun, da das Kind nur von den Bewohnern des Wassers und der Luft beobachtet wurde, war das Kinn entschlossen vorgereckt und der Blick unbeirrbar nach vorn gerichtet.

Das Mädchen betrachtete sich als Schottin, war jedoch in Wahrheit von gemischtem Blut. Es war geprägt von feurigen Pikten, alten Kaledoniern und wilden Wikingern auf der Vaterseite und von siegreichen Normannen und leidenschaftlichen Kelten auf der Mutterseite. Die Kleine wusste von der gemeinsamen Geschichte dieser Völker, hatte die Erzählungen von den alten Zeiten und den Kriegen um die Vorherrschaft gehört, von Feinden, die vom Süden und von der See gekommen waren, von mutigen Menschen, die die Römer in Schach gehalten und die Wikinger vertrieben hatten. Doch all das lag in der Vergangenheit, und sie verschwendete keinen Gedanken daran. Was jetzt kommen sollte, das fesselte ihre Aufmerksamkeit, und nur die alte Frau konnte ihr helfen, das zu erkennen.

Sie hatte an diesem Abend schon vieles gesehen. Sie hatte die Rituale der Lammas-Nacht beobachtet, des ersten der drei Erntefeste, und sie hatte zugesehen, wie das Korn eingelagert und das zeremonielle Feuer entzündet wurde, das den Himmel erleuchtete. Sie hatte den Clanmitgliedern zugeschaut, die sich, angeführt von ihrem Vater, zum Festmahl niedersetzten, und sie hatte von dem Laib Brot gekostet, der mit dem Mehl des ersten Korns gebacken wurde. Und nach dem Festmahl, als die meisten anderen schon recht betrunken waren oder sich in der wunderbaren Musik verloren, hatte sie zugesehen, wie ihr Vater seine jüngste Gespielin bei der Hand nahm und mit ihr aus der Halle schlüpfte. Ihr war auch nicht entgangen, wie sich der Blick ihrer Mutter verfinsterte, als sie die beiden gehen sah.

Sie hatte beobachtet, wie ihr jüngerer Bruder Rignor einen vollen Becher umwarf und einen unschuldigen Diener dafür verantwortlich machte – und niemand hatte Rignor dafür getadelt, obwohl ihre Eltern den Zwischenfall selbst mitangesehen hatten. Doch sie hätte nichts anderes erwartet, denn sie sah ja, dass sich das bei Rignor immer so abspielte. Sie hatte Dagmar gesehen, aus dem Nachbardorf und nur ein paar Jahre älter, aber viel reifer, was alles Fleischliche anging, wie sie ihr Kleid in Ordnung brachte und dem Mann, dem sie gerade im Garten zu Willen gewesen war, ein kurzes Lächeln schenkte.

Sie hatte zugesehen, wie der Priester die Ernte segnete und Gebete über dem neuen Saatgut sprach, das über den langen Winter aufbewahrt werden sollte. Sie hatte neben ihm gestanden und wie gebannt zugesehen, während die alte Frau, mit ernster Stimme und diesem fremdländischen Akzent, den Leuten aus der Hand las und die Zukunft vorhersagte. Der Priester hatte zwar die Stirn gerunzelt, aber ebenso aufmerksam zugehört wie die anderen. Die alte Frau hatte für dieses Jahr eine gute Ernte vorausgesagt, und ihren Eltern ein neues Kind – kaum überraschend, wenn man den geschwollenen Leib ihrer Mutter betrachtete. Doch der Kleinen hatte sie nichts gesagt.

Sie wusste schon viel darüber, was die Zukunft für sie bereithielt. Sie war das älteste Kind des Laird of Somerstrath, und sie kannte ihre Pflichten. Sie war als kleines Mädchen mit Lachlan Ross verlobt worden und wusste, dass sie Somerstrath irgendwann verlassen und als seine Frau bei ihm leben würde. Doch sie wollte mehr wissen, und deshalb folgte sie der alten Frau über die Landzunge, die sich nach Westen ins Meer erstreckte.

Am Rand der Welt blieb die Frau stehen, blickte über das Wasser hinaus und berührte mit ihren langen, knochigen Fingern den goldenen Stern, den sie um den Hals trug. Sie drehte sich um, als das Kind zu ihr trat. »Du willst, dass ich dir aus der Hand lese?«

Das Mädchen streckte die Hand aus. »Ja, bitte, wenn Ihr so freundlich wärt, Madam.«

Die Miene der Frau wurde weicher. Sie hatte gehofft, die Burg verlassen zu können, ohne von dem Kind gesehen zu werden, doch es überraschte sie nicht, dass es ihr gefolgt war. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als die Kleine zu warnen. Margaret MacDonalds Leben würde kein friedliches Leben sein. Wie ihr Land, so würde auch Margaret in den kommenden Jahren schwere Prüfungen überstehen müssen. Schottland, da war die alte Frau sicher, würde  trotz der Mächte, die es bedrohen würden, trotz der Herausforderungen, denen sich der junge König Alexander III. würde stellen müssen, überleben. Margaret MacDonald würde in schweren Zeiten heranwachsen. Die alte Frau seufzte. Wie sollte sie dieser kleinen Unschuld sagen, was ihr bevorstand? Sie nahm die Hand des Mädchens und studierte die Handfläche so lange, dass das Kind ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

»Dein Name ist gut gewählt«, sagte die Alte, als sie schließlich aufblickte.

Margaret lächelte, unsicher, was das bedeuten sollte, und die Frau lachte leise.

»Sieh mal«, sagte sie und hielt Margarets Handfläche hoch. »Das hier ist deine Herzlinie, und dies ist die Lebenslinie.« Sie sah das Mädchen lange an. »Du wirst Drachen ins Auge sehen.«

Margaret lächelte höflich. Drachen, dachte sie. Ihr Vater hatte recht gehabt; hieran war nichts Magisches, nur eine alte Frau, angeheuert, um die Leute zu unterhalten.

»Du glaubst mir nicht«, sagte die Frau, richtete sich wieder auf und musterte das Mädchen nachdenklich. »Weißt du, wer die heilige Margareta war?«

»Oh ja«, sagte Margaret. »Sie war Königin von Schottland, die Gemahlin von König Malcolm. Ich bin nach ihr benannt worden, da war sie aber noch keine Heilige …« Sie verstummte, als die Frau den Kopf schüttelte.

»Ich meine nicht sie, Kind. Die erste heilige Margareta.

Kennst du ihre Geschichte?«

»Nein.«

»Aha. Nun, das solltest du aber. Die heilige Margareta war ein wunderschönes junges Mädchen, ganz ähnlich wie du. Sie lebte in Antiochia, weit, weit fort von Schottland.«

»Kommst du von dort, aus Antiochia?«

Der Blick der Frau wirkte einen Augenblick lang entrückt.

»Nein, mein Kind, aber meine Heimat ist Antiochia näher als Schottland. Eines Tages wirst du vielleicht meine Geschichte hören, aber nicht heute. Ich werde dir von meinem Leben erzählen, wenn wir uns wiedersehen. Denn, Margaret, ich denke, wir werden uns wiedersehen.« Sie lächelte, ihr Blick wurde scharf und ihre Stimme forsch. »Hör zu. Als die heilige Margareta heranwuchs, bewunderte alle Welt ihre Schönheit, und sie erregte die Aufmerksamkeit eines römischen Präfekten, der sie heiraten wollte. Als sie ihn zurückwies, ließ er sie in einen Kerker werfen, wo sie verhungern sollte. Aber sie ist nicht gestorben.«

»Was ist geschehen?«

»Der Teufel kam zu ihr und bot ihr die Freiheit an, im Tausch für ihre Seele.«

»Aber sie hat sie ihm nicht gegeben«, sagte Margaret.

»Nein, natürlich nicht. Der Teufel war so erzürnt, dass er sich in einen Drachen verwandelte und sie bei lebendigem Leibe auffraß.«

»Warum ist sie dabei nicht gestorben?«

Das Lächeln der alten Frau wurde breiter. »Sie hat das getan, was jede anständige Heilige getan hätte, Margaret von Somerstrath. Sie hielt das Kreuz Jesu Christi in die Höhe, und der Drache spie sie aus und ging selbst zugrunde.«

Margaret ließ enttäuscht die Schultern sinken. Sie war ziemlich sicher, dass kein römischer Präfekt je um ihre Hand anhalten und kein Drache sie je bedrohen würde.

»Sieh her«, sagte die Frau und strich mit dem Zeigefinger die Lebenslinie des Mädchens nach. »Siehst du diese Unterbrechung hier? Du wirst aus deiner Heimat fortgerissen werden und Drachen ins Auge sehen. Wenn du den rechten Gefährten erwählst, werdet ihr die Drachen gemeinsam töten. Und die Liebe finden, die es sonst nur in Legenden gibt.«

»Und wenn ich nicht den richtigen erwähle? Was dann?«

»Dann wirst du untergehen.«

Margaret kämpfte gegen den plötzlichen Schauer, der sie erfasste, und zwang sich, der Frau in die Augen zu sehen.

»Das glaube ich alles nicht.«

Die Frau lachte, doch bei dem Laut lief es Margaret erst recht kalt über den Rücken.

»Wir suchen uns nicht aus, was Gott uns in diesem Leben schickt, mein Kind, ebenso wenig, wie wir uns unseren Namen selbst aussuchen. Margaret bist du, und Margaret wirst du sein, und das wird den Lauf deines Lebens beeinflussen. Du wirst Drachen ins Auge sehen. Und du musst darauf vorbereitet sein.« Sie wandte sich ab und ging für eine so alte Frau überraschend schnell davon.

Margaret sah ihr einen Augenblick lang nach, hin und hergerissen zwischen Enttäuschung und Neugier, und lief ihr dann hinterher. »Aber wie soll ich den rechten Gefährten erkennen? Woher soll ich wissen, dass er es ist?«

Die alte Frau blieb stehen. »Du wirst ihn erkennen. Er wird sein wie kein anderer Mann, der dir je begegnet ist. Er wird golden sein. Er wird das Leben nach dem Tode bringen.«

»Aber woher soll ich es wissen?«

»Hör zu. In jedem von uns spricht eine Stimme. Höre auf sie.«

»Was wird mit mir geschehen?«

»Bevor du diese Welt verlässt, Margaret MacDonald, wirst du die Geburt eines Volkes erleben, das aus vielen Völkern entstehen wird, geschaffen aus Eisen und Feuer, Magie und Nebel – ein Volk, das die ganze Welt bereisen und sie für alle Zeit verändern wird.«

»Aber woher …«

»Ich kann dir nichts weiter sagen. Geh nach Hause, Kind. Die Dunkelheit naht.«

1

 

Juni 1263

Eine Insel vor Schottland

 

Die morgendliche Brise strich über das Wasser, als der Wikinger den Männern half, den Leichnam seines Vaters neben den Mast des Langschiffs zu legen. Die ersten Sonnenstrahlen nahmen die Insel bereits wieder in Besitz, doch er wandte sich nicht nach der baumlosen Landschaft hinter sich um oder nach den Menschen, die den Kiesstrand säumten. Er wollte ihre von Trauer gezeichneten Gesichter nicht sehen. Denn er empfand keine Trauer.

Sein Vater war ein alter Mann gewesen; es war an der Zeit, dass er ging. Der Wikinger hatte jahrelang auf diesen Tag gewartet, und nun endlich würde er über diese Insel herrschen, nun endlich würde er sein Volk in die Zukunft führen. In eine glorreiche Zukunft.

Bald würde er sich nicht mehr verstellen müssen. Seit dem Tod des alten Mannes vor einigen Tagen hatte der Wikinger das Murren seiner Leute ignoriert, ihre Bemerkungen, wie seltsam es sei, dass Thorfinn, der pflichtbewusste älteste Sohn, nicht hier war, um seinen Vater zu bestatten. Der Wikinger hatte nichts darauf erwidert, nicht einmal, als er in die finstere Miene seines jüngeren Bruders Ander geblickt hatte. Ander war zurückgewichen, wie Ander es immer tat. Und schließlich hatten ihm die Leute zugestimmt, dass sein Vater bestattet werden musste, und sei es in Thorfinns Abwesenheit.

Die Bestattung würde genau so stattfinden, wie der alte Krieger sie sich gewünscht hatte. Sie hatten an alles gedacht.

Der Wikinger hatte sich selbst um alle Einzelheiten gekümmert, hatte zugesehen, wie das Schiff des Alten vorbereitet wurde, und den Rumpf am Abend zuvor selbst bepackt. Er hatte die Vorbereitungen zum Fest zu Ehren seines Vaters überwacht, zu dem er heute Abend im Langhaus seines Vaters einladen würde. Und dann würde er dort bleiben und im Bett seines Vaters schlafen, ein symbolischer Akt für den Übergang der Herrschergewalt. Es war an der Zeit. Die letzten Jahre waren schlecht gewesen, die Ernten mager, die Winter ungewöhnlich lang. All das würde sich unter seiner Führung ändern. Heute Abend, wenn die Leute abgefüllt waren mit Essen, Bier und Wein, wenn sämtliche Lobreden auf seinen Vater verklungen waren, würde er ihnen von seinen Plänen für die Zukunft erzählen. Und niemand würde ihm die Gefolgschaft verweigern.

Sie arbeiteten schweigend, er, Ander und Anders junger Sohn Drason. Sie füllten den Rest des Schiffsrumpfes mit dicht gestapeltem Torf und Zweigen und bedeckten auch den Leichnam und den unteren Teil des Masts damit, sodass kein Faden Wolle seines Umhangs mehr hervorlugte und das Schwert und die Axt an seiner Seite den Gruß der Sonne nicht mit einem Glitzern erwidern konnten. Sie stützten die Ruder an den Mast, damit die Flammen umso schneller vorankommen würden, hissten das rote Segel und kletterten von Bord.

Dann sprach der Priester. Seine Gebete und die Antworten der Leute trieben über den Hafen hinaus, begleitet von den Wellen, die sacht ans Ufer schwappten. Doch der Wikinger hörte sie nicht, sondern lauschte stattdessen seinen eigenen Gedanken. Er ballte die Hände zu Fäusten und ließ die Zeremonie des Priesters über sich ergehen, gab die passenden Antworten, wenn es erforderlich war, und nickte, wo es ihm angemessen schien. Er hielt den Blick gesenkt, als übermannten ihn die Gefühle, denn er war sich bewusst, was die Leute, die ihn beobachteten, sehen wollten. Sein helles Haar schimmerte gewiss in der Sonne, und seine Augen, leuchtend blau, wirkten traurig. Er war groß und stark, seine Schultern breit, sein Mut und seine Kühnheit weithin bekannt. Und seine Gedanken konnte schließlich niemand lesen.

Am Ende der Zeremonie segnete der Priester das Drachenschiff, als sei es geheiligter Boden und der Mann, dessen Leichnam darauf lag, ein Held. Die Leute wischten sich verstohlen die Tränen fort, unterhielten sich leise und bemerkten, dies sei eine angemessene Bestattung für einen alten Wikingerkrieger. Der jüngere Wikinger war nicht ihrer Meinung. Sein Vater war im Leben ein Versager gewesen und war es auch im Tod. Statt sein Volk zu Wohlstand und Ruhm zu führen, war er stets damit zufrieden gewesen, die Dinge so zu erhalten, wie sie waren. Statt im Kampf war er im Schlaf gestorben. Für ihn würde es kein Walhalla geben, nur diese gefühlsselige, völlig unnötige Zerstörung eines guten Schiffes, verbrannt um der Eitelkeit eines alten Mannes willen.

Doch selbst dieses Opfer hatte der Wikinger für seine Zwecke genutzt, denn ganz unten im Rumpf lag der Körper seines älteren Bruders Thorfinn.

Er hatte Thorfinn aus dem Weg räumen müssen. Sein Bruder wäre als Ältester Nachfolger des Vaters geworden. Und er hätte die Dinge so belassen, wie sie waren – so durfte es nicht weitergehen. Der Wikinger hatte keine andere Wahl gehabt, redete er sich ein, während er Ander und einigen Männern aus dem Dorf half, das Schiff ins Wasser zu schieben, und dann zurücktrat, als die See es sich holte.

»Euer Vater ist jetzt bei Gott«, sagte der Priester.

Ander dankte ihm und wandte sich dann den anderen Männern zu. Der Wikinger antwortete nicht, er nickte nur.

Mit besorgter Miene legte ihm der Priester eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, dass dies ein schwerer Tag für Euch ist.«

Der Wikinger antwortete nicht, sondern öffnete langsam die Hand, um dem Priester den Dolch zu zeigen, den er die ganze Zeit über in der geballten Faust gehalten hatte. Die Klinge hatte ihm in die Handfläche geschnitten.

»Mein Sohn«, flüsterte der Priester. »Ihr habt Blut an der Hand!«

Der Wikinger lächelte. Er presste die Hände aneinander, verschmierte das Blut über beide Handflächen und hielt sie dann hoch, um dem Priester zu zeigen, dass Blut an seinen Händen klebte. Er sah dem Priester dabei in die Augen, sah, wie sie sich erschrocken weiteten, und bemühte sich, sein Lächeln zu unterdrücken.

»Danke, Vater«, sagte er und ging dann zu Ander hinüber. Der Priester blickte ihm nach, einen furchtsamen Ausdruck in den Augen.

Als das Schiff begann, sich von selbst zu bewegen, schleuderten sie brennende Fackeln darauf und sahen zu, wie es, von der Strömung der Ebbe erfasst, auf die Hafeneinfahrt zuglitt. Das Feuer griff rasch um sich, orangerote Flammen züngelten aus dem Rumpf hervor, leckten am Mast und färbten das Wasser um das Schiff bernsteinfarben. Das Segel war zwar mit Öl übergossen worden, hob sich aber dennoch aus der Reichweite der Flammen empor und trieb das Langschiff rasch nach Westen aufs offene Meer zu.

Ander beugte sich dicht heran und flüsterte rau: »Ich weiß, dass du Thorfinn ermordet hast.«

Der Wikinger sah seinem Bruder kurz in die Augen und legte ihm dann eine Hand fest auf den Arm. »Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert. Werde ein Teil dieser Veränderung, und es wird dir wohlergehen. Stell dich mir in den Weg, und …« Er blickte von Ander hinüber zu Anders Frau Eldrid, die mit blasser, besorgter Miene dastand, und weiter zu Anders Jungen Drason. Dann sah er wieder seinen Bruder an.

»Wer weiß schon, wer von uns als Nächster sterben wird?«

Er wandte sich wieder der See zu. Ander tat dasselbe, doch Drason beobachtete seinen Onkel weiterhin. Der Wikinger dachte darüber nach, was das bedeuten mochte.

Die Leute schnappten hörbar nach Luft, als das Schiff an der Hafeneinfahrt innehielt. Das Segel ging plötzlich in Flammen auf, und das brennende Schiff drehte sich, sodass der stolze Drachenbug im Profil erschien – wie ein letztes Lebewohl. Und dann drehte sich das Schiff wieder und wandte sich den dunklen Wassern jenseits des geschützten Hafens zu. Der Wikinger blinzelte und kniff die Augen zusammen, denn auf einmal tanzten Sonnenstrahlen auf dem Wasser, so leuchtend und grell, dass er sich abwenden musste. Als er wieder hinsah, lag der Hafen erneut ruhig vor ihm, das Meer dahinter war kobaltblau. Und leer. Mit hämmerndem Herzen starrte er auf den Horizont.

Das war ein Zeichen, ein Omen. Es war richtig gewesen, so kühn zu handeln. Seine Pläne würden aufgehen.

 

Somerstrath, Ross Westküste Schottlands Juni 1263

 

Margaret MacDonald reckte das Gesicht der Sonne entgegen, lehnte sich an einen Felsen auf dem Kiesstrand und seufzte zufrieden. Ihr war wunderbar warm. Der dunkle Winter war allzu lang gewesen, der Frühling feucht, und der Sommer war sehr spät gekommen. Die Brise streichelte ihre Wangen, das Wasser plätscherte sacht an den Strand, und der Felsen in ihrem Rücken fühlte sich glatt und angenehm an. Frische weiße Wolken eilten über einen strahlend blauen Himmel. Ein Stück den Strand hinunter glitten die Wellen sacht auf den Kies und zogen sich mit einem leisen Zischen wieder zurück. Und an ihrer Seite beugte sich ihre beste Freundin Fiona vor, schlang die Arme um die Knie und blickte aufs Meer hinaus.

Dieser Frieden würde nicht lange anhalten. Bald würde ihre Schwester Nell nachkommen und ihre vier jüngeren Brüder – und damit das Chaos – mit sich bringen. Da gab es kein Entrinnen; ihre Mutter, die bereits zehn Kinder geboren hatte und nun das elfte trug, erwartete von Margaret, der Ältesten der sieben überlebenden Kinder, dass sie einen guten Teil der Betreuung ihrer Geschwister übernahm. Margaret kümmerte sich fast den ganzen Tag lang um ihre kleinen Brüder. Nell war ihr mit zwölf Jahren schon eine Hilfe, aber die Jungen, zwischen vier und zehn Jahre alt, heckten ständig etwas aus, und Margaret und Nell waren meist vollauf damit beschäftigt, das Schlimmste zu verhindern. Margaret war den anderen vorausgeeilt, um ein paar ruhige Augenblicke mit Fiona zu haben, während Nell auf die Jungen aufpasste, die sich jeden einzelnen Felsbrocken genau ansehen mussten, um dann darauf herumzuklettern oder ihn von allen Seiten zu untersuchen. Oder ihn zu werfen.

Nun wurde ihr klar, dass dies vielleicht der letzte ruhige Augenblick war, den sie vor ihrer Hochzeit noch haben würde, und ganz gewiss eine der letzten Gelegenheiten, unter vier Augen mit Fiona zu sprechen, bevor sie abreisen würde. Im kommenden Monat würde sie Lachlan Ross heiraten, und ihr Leben würde sich schlagartig verändern. Sie würde Somerstrath hinter sich lassen und damit auch die alte Margaret. Nie wieder würde sie einfach eines der vielen Kinder von Somerstrath sein, sondern die Gemahlin eines Cousins des Königs, die Frau eines reichen und gut aussehenden Mannes. Sie war noch ein Säugling gewesen, und Lachlan war ein paar Jahre älter, als ihre Väter den Ehekontrakt geschlossen hatten, der die Allianz der Familien Ross und MacDonald einmal mehr bekräftigen sollte. Dieses Eheversprechen war ein ebenso selbstverständlicher Teil von ihr wie ihre Haarfarbe und ebenso unabänderlich: Niemand konnte diesen Kontrakt aufheben, nur der König selbst. Was ihr nur recht war, denn sie brannte darauf, zu heiraten und endlich die Kindheit und diese kleine Festung an der Westküste hinter sich zu lassen. Und sie war begierig darauf, wie das Leben als verheiratete Frau aussehen mochte. Lachlan war stets freundlich zu ihr gewesen, doch in letzter Zeit hatte sie ein Leuchten in seinen Augen gesehen, wenn er sie betrachtete. Sie wusste, dass sie ihm gefiel, und das gefiel wiederum ihr. Sie warf einen verstohlenen Blick zu Fiona hinüber.

»Ich kann es kaum glauben, dass ich bald fort sein werde«, sagte sie. »Mir bleiben hier nur noch drei Wochen.«

Fiona warf ihr hellbraunes Haar über die Schulter zurück.

»Du hast es gut, wirst bald heiraten und uns alle hier zurücklassen. Dann hast du deinen eigenen Hausstand mit Bediensteten und brauchst keinen Finger mehr zu rühren. Und du wirst an den Hof kommen und neue Freundinnen finden, und binnen zwei Wochen wirst du mich nicht einmal mehr vermissen. Weißt du eigentlich, wie gut du es hast?«

Margaret sah sie überrascht an. In Fionas Stimme schwang ein neidischer Unterton mit, den sie noch nie zuvor gehört hatte. Sie spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen. Das Leben musste Fiona sehr ungerecht erscheinen – ihr Vater war ein Weber, ein achtbarer Mann, aber alles andere als wohlhabend. Margarets Vater war das Oberhaupt des Clans, Landbesitzer, ein reicher und sehr angesehener Mann im Westen Schottlands, und ihre Mutter die Schwester von William, Earl of Ross. Fiona war nie weiter von zu Hause fortgekommen als bis zum benachbarten Clan, und wenn es nach dem Willen ihres Vaters ging, würde sie bald einen Mann aus Somerstrath heiraten und den Rest ihres Lebens in diesem Dorf verbringen, höchstens einen Steinwurf weit von dem Haus entfernt, in dem sie zur Welt gekommen war. Margaret war schon zweimal am Hof von König Alexander III. gewesen und würde bald dort leben, am Mittelpunkt allen politischen und gesellschaftlichen Interesses. Sie hatte Rechenunterricht erhalten und konnte Lateinisch, Französisch und Gälisch lesen und schreiben. Fiona konnte nur an zehn Fingern abzählen und hatte weder Lesen noch Schreiben gelernt. Während ihres bisherigen Lebens waren diese Unterschiede kaum je von Bedeutung gewesen, doch nun würden Margarets und Fionas Lebenswege abrupt auseinandergehen und nie wieder zusammenfinden.

»Ich weiß, wie gut ich es habe«, sagte sie leise. »Und ich werde dich vermissen. Neue Freunde bei Hofe könnten dich nie ersetzen.«

Fiona sagte mit schiefem Lächeln: »Dafür danke ich dir.«

»Ich wünschte, du könntest mitkommen.« Margaret beugte sich vor und fragte sich, warum sie erst jetzt auf diesen Gedanken kam. »Vielleicht wäre das sogar möglich, Fi! Sonst hätte ich gar niemanden von zu Hause bei mir.«

»Was soll ich denn sein, deine Zofe, die dir beim Ankleiden hilft?« Fionas Stimme klang scharf.

»Du könntest meine Gesellschafterin sein!«, rief Margaret. »Es wäre so schön, dich dabeizuhaben. Lachlan hätte gewiss nichts dagegen, dich mitzunehmen.«

Fiona schnaubte. »Na, das wäre mal was.«

»Vielleicht finden wir sogar unter Lachlans Männern einen Ehemann für dich, dann könnten wir immer zusammenbleiben!«

»Ich hab es nicht eilig mit dem Heiraten.«

Margaret nickte nachdenklich. Fiona hatte hier nicht viel Auswahl: eine Handvoll unverheirateter Männer und die Witwer mit Kindern – keiner von ihnen sonderlich anziehend. Wenn es ihr nicht gelang, Fiona mitzunehmen, würde ihre Freundin schließlich einen der jungen Männer aus dem Dorf heiraten, und ihr Leben würde genauso verlaufen wie das ihrer Mutter – geprägt von harter Arbeit, die tagein, tagaus gleich war. Und von den Schrecken des Gebärens – Fis Mutter war im Kindbett gestorben, und eine Geburt war für jede Frau gefährlich. Margaret war auf einmal fest entschlossen, Fionas Schicksal eine neue Wendung zu geben.

»Ich werde mit Mutter darüber sprechen, ob du mich begleiten kannst«, erklärte sie energisch.

Fiona schüttelte trübsinnig den Kopf. »Sie wird es nicht erlauben. Sie hat mich gebeten, ihr mit den Kindern zu helfen, wenn du weg bist.«

»Es gibt andere, die das tun können. Ich werde mit ihr sprechen. Stell dir nur mal vor, Fi! Du und ich unter all diesen englischen Damen.«

Fiona machte große Augen. »Englische Damen! Reist ihr denn auch nach England?«

Margaret zögerte mit ihrer Antwort. Sie hatte das höfische Treiben und seine Spieler kennengelernt, kannte ihre Geschichten und die ihrer Familien, oft über mehrere Generationen in die Vergangenheit. Aber Fiona war in der Abgeschiedenheit Somerstraths aufgewachsen und kannte nichts von alledem.

»Unsere Königin Margaret«, sagte sie, »ist die Tochter von König Henry von England. Als sie nach Schottland kam, um unseren König Alexander zu heiraten, brachte sie viele ihrer Hofdamen mit und selbstverständlich deren Ehemänner. Fast der halbe Hof ist jetzt englisch oder hat zumindest eine starke Bindung an England. Aber natürlich sprechen alle Französisch.«

Fiona nickte, als hätte sie das schon gewusst. »Natürlich.«

»Also wirst du auch Französisch lernen müssen«, sagte Margaret. »Und wir müssen dir ganz neue Kleider machen!«

»Wie deine?«

Da war wieder dieser neidische Unterton. Margaret betrachtete ihre fein gearbeiteten Lederschuhe mit den eingeprägten und gefärbten Verzierungen, die neben ihr im Sand lagen, und dann Fionas nackte Füße. Auch ihre Kleidung spiegelte den Standesunterschied wider, und Margarets Gewänder aus weichem Leinen und guter Wolle bildeten einen starken Kontrast zu Fionas grob gewebtem Kleid. Die Tochter des Webers trug dessen Fehler, die Tochter des Burgherrn seine beste Arbeit.

»Als meine Gesellschafterin müsstest du gut gekleidet sein. Und dein Haar! Warte nur, bis du siehst, wie die Leute sich dort frisieren. Du bist unverheiratet, also dürftest du dein Haar offen tragen. Ich werde mit Mutter darüber sprechen und sie bitten, dich mit mir zu schicken.«

»Noch nicht. Warte bis morgen, wenn deine Eltern nicht mehr so wütend auf Rignor sind.«

Margaret seufzte. »Ja.«

Auf ihren Bruder Rignor, nur zwei Jahre jünger als sie, musste man oft besser aufpassen als auf die Kleinen. Seine wilden Einfälle und sein Jähzorn hatten die Missbilligung der Eltern schon oft erregt, vor allem in jüngster Zeit. Ihr Vater beklagte sich laut und häufig, er habe die Hoffnung schon aufgegeben, doch Mutter sagte, Rignor brauche eben noch ein paar Jahre.

»Will er immer noch Dagmar heiraten?«, fragte Fiona.

»Oh ja, der Dummkopf. Als ob meine Eltern das je erlauben würden.«

»Dein Vater kann nicht glücklich darüber sein, und wer könnte es ihm verdenken? Sie ist bloß die Tochter eines seiner Gefolgsleute aus dem nächsten Tal, die jeden unter ihre Röcke lässt.«

Margaret nickte und dachte daran, wie oft sie schon gesehen hatte, dass Dagmar einen Mann in ein stilles Eckchen lockte und bald darauf mit zerwühlter Kleidung und einem selbstzufriedenen Lächeln auf dem Gesicht wieder hervorkam.

»Dagmar ist jedenfalls keine passende Ehefrau für den Erben von Somerstrath«, sagte Fiona entschieden. »Kannst du sie dir als Herrin von Somerstrath vorstellen?«

»Woher sollten wir wissen, von wem ihre Kinder sind?«

»Jemand sollte Dagmar mal sagen, dass sie sich lieber einen anderen ausschauen sollte.«

»Das hat jemand bereits getan – meine Mutter, und zwar sehr nachdrücklich.«

Margaret seufzte beim Gedanken daran, wie reizbar ihre Mutter seit ein paar Monaten war. Gewiss lag das nur an dem Kind, das sie unter dem Herzen trug. Mutter, schon immer ein wenig aufbrausend und lebhaft, war in letzter Zeit besonders schwierig gewesen, ihre Launen wechselhaft, ihr Ärger über Margaret offensichtlich. Und allzu häufig. Margaret konnte die Hochzeit kaum mehr erwarten. Sie würde den Launen ihrer Mutter entrinnen, an den Hof ziehen und ein Teil dieser glitzernden Welt werden. Sie würde Herrin über ein eigenes Haus sein und war fest entschlossen, dass in ihrem Haushalt Lachen und Frohsinn herrschen würden, nicht Zwist und Streitigkeiten wie in Somerstrath. Und sie würde einen Ehemann haben, der charmant und ihr treu ergeben war.

Sie unterhielten sich über andere Dinge, bis das Gespräch erlahmte und dann ganz abbrach. Margaret schloss die Augen und sagte sich, sie müsse den Sonnenschein richtig genießen, und gleich darauf war sie eingeschlafen.

 

»Margaret! Wach auf!«

Sie schnappte überrascht nach Luft und riss die Augen auf, als sich der vierjährige Fergus mit fröhlichem Geschrei auf sie warf. Sie lächelte und drückte den kleinen Jungen an sich. Nell blieb hinter ihm stehen, doch die anderen Jungen rannten schnurstracks hinab zum Wasser und scheuchten die Seevögel unter Freudengeheul in die Luft. Fiona lachte und schüttelte den Kopf.

»Du hast geschlafen, Margaret«, sagte Fergus. »Mitten am Tag.«

Margaret lachte. »Das ist wahr.«

Nell schmollte ein wenig, als sie sich neben Margaret auf den Felsen setzte. »Mutter hat wieder eine ihrer Launen. Sie ist mit nichts zufrieden. Ständig ist sie wegen irgendetwas verärgert.«

»Sie ist müde«, sagte Margaret. »Du weißt doch, wie sie in den letzten paar Wochen immer ist. Alles ist anstrengend für sie.«

»Ich«, verkündete Nell, »werde niemals Kinder bekommen.«

Fiona verdrehte die Augen. Margaret unterdrückte ein Lächeln und strich Nell das hellbraune Haar über die Schulter zurück. Sie erinnerte sich gut daran, wie es war, zwölf Jahre alt zu sein; sie hatte ständig das Gefühl gehabt, darum kämpfen zu müssen, dass man sie wie eine Erwachsene behandelte. Ihre Schwester war redselig und stürmisch, sie verschenkte ihr Herz ebenso schnell, wie sie zornig wurde oder wieder zur Versöhnung bereit war. Ungeduldig. Störrisch. Und die treueste Verbündete, die Margaret sich vorstellen konnte. Die beiden Schwestern standen sich sehr nahe. Sie erzählte Nell Dinge, die sie nicht einmal Fiona anvertrauen würde. Nell würde ihr sehr fehlen. Ebenso wie der kleine Junge, der sich nun an sie schmiegte, und der Duft von Sonnenschein und Erde in seinem Haar. Sie lächelte Nell an. »Keine Kinder? Nicht einmal solche wie Fergus?«

Nell schüttelte den Kopf und seufzte tief. »Nein, nicht einmal solche.«

»Ich bin auch müde«, sagte Fergus und ließ den Kopf an Margarets Schulter sinken.

»Aber natürlich«, sagte sie zu ihm. »Wir sind alle manchmal müde.«

»Mutter sollte ein Nickerchen machen«, sagte Fergus. »So wie du gerade.«

»Ja, allerdings, das sollte sie.«

»Vater ist auch immer böse«, sagte Nell, »dabei ist er nicht derjenige, der das Kind bekommt.«

Margaret blickte in Nells grüne Augen und sah, wie verwirrt ihre Schwester war. Ihr Vater war gereizt, weil er sich Sorgen machte. Wegen der nassen Witterung hatten die Leute das Korn nicht rechtzeitig aussäen können; die Ernte würde schlecht ausfallen. Das Vieh hatte auf den aufgeweichten Hügeln nicht viel zu fressen gefunden, als die Männer die Herden endlich auf die Sommerweiden getrieben hatten. Und ihre Mutter stand kurz vor der Niederkunft, was ihrem Vater noch mehr Sorgen bereitete und seine Launen umso unberechenbarer machte. Doch Nell war zu jung, um all das zu erkennen; sie würde das empfindliche Gleichgewicht des Lebens bald genug kennenlernen. Und Margarets Gedanken waren viel zu ernst für einen so schönen Tag.

Sie erhob sich und zog ihren Bruder auf die Füße. »Aber wir sind nicht böse, nicht wahr? Die Sonne scheint, und im Augenblick wartet keine Arbeit auf uns. Wir sind fröhlich, Fergus, nicht wahr?«

Fergus lachte. »Ja, Margaret! Wir sind fröhlich!«

Nells Miene wurde weicher, als sie nach der Hand des Jungen griff. »Komm, mein Kleiner, wir sehen mal nach, was die anderen Jungen treiben«, sagte sie und führte ihn hinunter zum Wasser, wo ihre anderen Brüder über den groben Sand rannten und hastig den Rückzug antraten, wenn die Wellen an den Strand schlugen.

»Himmel, sieh sich das einer an«, sagte Margaret halb verärgert, halb belustigt, als ihre Brüder, durchweicht bis zu den Knien, vor dem Wasser flohen. Sie sollte sie ermahnen, vorsichtig zu sein. Aber es war Sommer, es war herrlich warm, und dies war einer ihrer letzten Tage mit ihren Geschwistern. »Weißt du noch, wie es war, so klein zu sein?«, fragte sie Fiona. »Als ein Sommer eine Ewigkeit lang war und wir dachten, das Leben würde immer so sein?«

Fiona blickte wehmütig drein. »Ja. Wir dachten, für uns würde sich nichts verändern. Aber da haben wir uns getäuscht.« Sie stand auf, und ihr Tonfall war brüsk. »Ich würde ja gern bleiben, aber ich gehe besser zurück, bevor mein Vater mich vermisst. Komm doch nach dem Essen zu mir runter, was meinst du?«

»Ja, das mache ich«, sagte Margaret und sah ihrer Freundin nach, die zum Dorf zurückkehrte. Sie würde ihre Eltern überreden, Fiona mitkommen zu lassen, und nie wieder diesen neidischen Unterton in der Stimme ihrer Freundin hören müssen.

Dann schloss sie sich Nell und den Jungen an, tanzte mit dem Wasser und lachte, rannte vor und zögerte dann lange genug, um die Wellen ihren Fuß oder einen langen Rocksaum erhaschen zu lassen. Über ihnen stimmten die Vögel in ihr fröhliches Kreischen ein und riefen einander etwas zu, als würden auch sie diese Stunde von Herzen genießen. Nach einer Weile ging Margaret mit Fergus vom Wasser weg, während die anderen weiterspielten. Es wurde allmählich kühl; Wolken schoben sich vor die Sonne. Weiter unten am Strand tanzte etwas auf den Wellen, mal sichtbar, mal verborgen, bis die Wogen es schließlich auf den Sand warfen. Die Jungen, die ihr Spiel satthatten, rannten hinüber, um nachzusehen, was es war. Davey erreichte das Ding zuerst und stieß einen lauten Schrei aus.

»Schaut!«, rief er und beugte sich erneut darüber.

Nell, nur ein paar Schritte hinter ihm, kreischte und wich zurück. »Margaret!«

Margaret setzte sich Fergus auf die Hüfte. »Was ist?«

»Ein Kopf!«, rief Davey und winkte Ewan und Cawley zu sich heran.

Fergus starrte Margaret an.

»Das ist wahrscheinlich nur ein Klumpen Seetang«, sagte Margaret zu ihm, als sie losging, »oder ein Seehundkopf. Die wollen sich wohl einen Spaß mit uns erlauben.« Aber als sie sah, was da an Land gespült worden war, verging ihr das Lachen.

Davey hatte recht. Es war tatsächlich der Kopf eines Mannes, an dem noch langes, blondes Haar hing. Er schien im mittleren Alter gewesen zu sein, das Gesicht war breit mit flachen Wangenknochen, die Lippen zu einer Grimasse verzerrt. An seinen Wangen hingen noch Fetzen von Haut. Was bedeutete, dass er vor nicht allzu langer Zeit gestorben war, und vermutlich nicht weit von hier.

Margaret drehte es den Magen um, doch fünf junge Gesichter blickten mit großen, ängstlichen Augen zu ihr auf. Sie hatte plötzlich eine Ahnung von bevorstehendem Unheil, schob das Gefühl jedoch rasch beiseite und holte tief Luft.

»Die arme Seele«, sagte sie, hielt ihre Stimme möglichst ruhig und bemühte sich, ihr rasendes Herz zu beruhigen.

»Wie ist der hierhergekommen?«, fragte Davey.

Margaret blickte aufs Wasser hinaus und erwartete beinahe, noch mehr Köpfe auf den Wellen tanzen zu sehen, doch die See war leer. »Vielleicht ist ein Schiff in einen Sturm geraten. Wisst ihr noch, wie heftig es in der letzten Nacht gestürmt hat? Vielleicht ist er von Bord gefallen.«

»Und der Wind hat ihm den Kopf abgeschlagen?«, fragte Nell.

Margaret warf ihr einen finsteren Blick zu.

»Vielleicht hat ihn ein Seeungeheuer gefressen!«, rief Davey.

»Oder es gibt irgendwo Krieg!«, sagte Ewan.

»Bestimmt ist nichts so Schreckliches passiert«, sagte Margaret. »Es gibt keine Seeungeheuer. Und wenn es irgendwo Krieg gäbe, wüsste Vater davon.«

»Wir sollten ihm den Kopf bringen«, sagte Davey. Die jüngeren Brüder stimmten begeistert zu.

»Ich trage das Ding nicht!«, rief Nell und wich einen Schritt zurück.

»Niemand von uns trägt es«, sagte Margaret. »Wir schieben den Kopf ein Stück höher, weg vom Wasser, und sagen Vater, wo er ist.«

Sie blickte sich nach der Sonne um, und erneut lief es ihr eiskalt über den Rücken. Ein Mann war gestorben; das musste gar nichts bedeuten. Ewan versetzte dem Kopf einen Tritt, sodass er auf den Strand kullerte.

»Lass das!«, fuhr sie ihn an. »Gehen wir nach Hause.«

 

Margaret scheuchte ihre Schützlinge über die niedrigen, felsigen Hügel, die den Strand von ihrem Dorf trennten, und war erleichtert, als sie die Burg über den Häusern der Clanmitglieder aufragen sah, die sich darum drängten. Das schmucklose vierstöckige Gebäude aus Stein, eigentlich nicht viel mehr als ein Wehrturm, war weder schön noch elegant, sondern furchteinflößend. Es war erbaut worden, um seine Bewohner zu schützen und Besucher abzuschrecken, statt sie einzuladen, und es lag im Herzen von Somerstrath, mit Blick über die Häuser und den Hafen darunter. Margaret hatte es oft als zu wuchtig und klobig empfunden, doch nun fand sie ihr Zuhause schön. Und den Anblick der hohen Steinmauern, die das Dorf umschlossen und ihr oft so beengend erschienen waren, fand sie beruhigend.

Sie entspannte sich ein wenig, als die Leute ihnen zuwinkten und den Kindern fröhlich einen Gruß zuriefen. Männer kehrten von den landeinwärts gelegenen Feldern zurück. Unten im Hafen wurden die Fischerboote ausgeladen, und das Gelächter der Fischer hallte den Hügel hinauf. Ganz in der Nähe stieg eine Rauchwolke aus einer der Hütten auf und tanzte in der Brise. Es war albern von ihr, sich so aufzuregen.

Der Kopf, der am Strand angespült worden war, war kein böses Omen, kein Anzeichen von Unruhen jenseits des Meeres, kein Hinweis auf einen Krieg an ihren Grenzen. Das war einfach nur der Kopf einer armen Seele, die ihr Leben auf See verloren hatte und von den launischen Strömungen irgendwo angetrieben worden war. Ohne ihren Kopf? Sie schob den beunruhigenden Gedanken beiseite.

Sie ließ die anderen vorauslaufen und wartete, bis Fergus damit fertig war, die Würmer zu untersuchen, die er unterwegs gefunden hatte; mit einer Hand umklammerte er eine zerdrückte Blume.

»Komm, mein Junge«, sagte sie und beugte sich über ihn. Er hielt ihr einen Wurm hin, damit sie ihn sich näher ansehen konnte. »Schau.«

Margaret lächelte. Eines Tages würde sie vielleicht ein eigenes Kind haben, das so wunderbar und voller Leben war wie dieser Kleine und seine Brüder. »Lassen wir die Würmer lieber leben, ja?« Sie schob sie zurück in ihr Loch. »Leg ihn wieder zu seinen Freunden. Hast du keinen Hunger?«

Fergus blickte von dem Wurm zu Margaret, nickte dann und ließ seinen Gefangenen in das Loch fallen. Sie klopfte den gröbsten Staub von seinen Kleidern, nahm ihn bei der Hand, eilte mit ihm durch das landeinwärts gelegene Tor, sammelte die anderen ein und ging mit ihnen zur Burg. Die Jungen rannten voran über den Hof und trampelten durch den Lagerraum, der auch als Wachstube diente, rempelten einander an und rannten dann die Wendeltreppe hinauf zu dem Flur, der zur großen Halle führte. Dort warteten sie auf Margaret, Nell und Fergus. Margaret zupfte ihre Gewänder zurecht, fuhr allen mit den Fingern durchs Haar und bedeutete ihnen dann, einzutreten.

Diesen Raum mochte sie in ganz Somerstrath am liebsten. Die Halle war nicht groß, verglichen mit den Gebäuden, die sie in Stirling und Edinburgh gesehen hatte, oder den gewaltigen Schlössern nach normannischer Art, die überall in der Mitte Schottlands errichtet wurden. Aber sie war groß genug für einige Reihen langer Tische aus poliertem Kiefernholz und für die von vielen Gästen glatt gesessenen Bänke. Und der aus Stein gemeißelte Kamin am Ende des Saals wäre prächtig genug gewesen für jedes Schloss, das sie je gesehen hatte. Ihre Mutter hatte den großen Raum mit Wandbehängen wohnlicher gemacht, und ihr Vater hatte die Wände mit Trophäen geschmückt, mit Hirschgeweihen und einem Eberkopf, der die Jungen zu wilden Geschichten inspiriert hatte.

In einer Ecke saßen mehrere Männer ihres Vaters und steckten die Köpfe zusammen. Ihr Vater und Rignor saßen allein an einem anderen Tisch. Margarets gute Laune verflog, als sie ihre Mienen sah. Vaters Gesicht war gerötet, was bedeutete, dass sich er und Rignor wieder einmal gestritten hatten. Vater schlug gerade mit der Faust auf den Tisch, als die Jungen näher kamen, und bemerkte deren erschrockene Mienen nicht einmal. Er beugte sich vor und funkelte Rignor finster an.

»Ich kann deine Ausreden und dein Gejammer nicht mehr hören«, brüllte Vater. »Du hättest das noch vor dem Mittag erledigen und nicht jemand anderem übertragen sollen. Keine Aufgabe ist zu unbedeutend für das Oberhaupt eines Clans! Es ist an der Zeit, dass du endlich damit aufhörst, dir selbst das Leben leichter und allen anderen schwerer zu machen. Du solltest lieber lernen, wie man Leute führt, Sohn, denn sonst suche ich mir einen der Jüngeren aus, der an deiner Stelle mein Nachfolger wird, wenn ich nicht mehr bin.«

»Du wirst nichts mehr zu sagen haben, wenn du nicht mehr bist«, brüllte Rignor zurück.

Ihr Vater bekam rote Flecken im Gesicht. »Sag das noch einmal, Junge, und ich erledige das gleich hier und heute.«

Rignor stürmte hinaus, ohne seine Geschwister eines Blickes zu würdigen. Ihr Vater starrte kopfschüttelnd ins Leere, während Margaret einen Blick mit Nell wechselte. Würde es zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder je Frieden geben?

Sie waren sich in vielerlei Hinsicht so ähnlich, beide groß, dunkel und kräftig gebaut. Beide waren aufbrausend, doch ihr Vater verhielt sich beherrscht und maßvoll, während Rignor seinen Impulsen nachgab. Ihr Vater stellte die Bedürfnisse des Clans vor seine eigenen – meistens jedenfalls. Rignor tat das nur selten. Ihr Vater hörte sich an, was andere ihm zu sagen hatten, und bezog es in seine Erwägungen ein. Rignor redete zwar gern und viel, war aber taub gegen jegliche Bemerkung, die ihm nicht passte. Rignor stellte seinen Vater selten zufrieden, doch wenn es um Rignor ging, war ihr Vater auch schwer zufriedenzustellen.

Die Miene ihres Vaters hellte sich auf, als er sich ihnen zuwandte und Fergus auf seinen Schoß zog. »Hast wieder im Schmutz gewühlt, was, mein Kleiner?«

»Vater!«, rief Ewan. »Wir haben einen Kopf gefunden!«

Ihr Vater lächelte. »Müsst ihr euch den teilen? Solltet ihr nicht insgesamt sechs Köpfe haben, und nicht nur einen?«

Ewan schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Vater. Ehrlich, wir haben einen echten Kopf gefunden, am Strand!«

»Einen Kopf gefunden? Was soll das heißen?«

Die Jungen redeten alle durcheinander. Ihr Vater lauschte mit gerunzelter Stirn und blickte dann über ihre Köpfe hinweg zu Margaret auf. »Ab nach oben mit euch, Jungen«, sagte er, als sie fertig waren. »Du auch, Nell.«

»Ist denn irgendwo Krieg, Vater?«, fragte Ewan.

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts von einem Krieg gehört. Und jetzt ab mit euch.«

Nell scharte die Jungen seufzend um sich und bedeutete Margaret mit einem gequälten Blick, dass es ihr nicht passte, mit den Kindern fortgeschickt zu werden. Schweigen herrschte in der großen Halle, nachdem das aufgeregte Geschwätz der Jungen auf der Treppe verhallt war, und dann wandte ihr Vater sich mit düsterer Miene seinen Männern zu.

»Sucht den Kopf. Bringt ihn mir.« Er wartete, bis sie gegangen waren, und blickte dann Margaret an. »Erzähl mir noch einmal, was geschehen ist.« Er hörte aufmerksam zu, die Arme vor der Brust verschränkt und mit finsterem Blick, sagte aber nichts mehr.

Als die Männer schließlich mit dem Kopf zurückkehrten, wickelte ihr Vater das Bündel aus und starrte lange auf den Inhalt. Er berührte den Kopf nur ein einziges Mal, um eine blonde Strähne zwischen den Fingern zu reiben, bevor er ihn wieder von sich schob.

»Das war ein Wikinger, nicht?«, fragte Margaret.

Ihr Vater nickte. »Begrabt das Ding«, befahl er seinem Hauptmann, rief dann nach seinem Kriegsherrn und stapfte durch die Halle und zur Tür hinaus, seine Männer ihm dicht auf den Fersen.

Margaret wartete, und wie sie vermutet hatte, kehrte Rignor bald darauf zurück und lümmelte sich ihr gegenüber auf die Bank. Er trank einen kräftigen Schluck von Vaters Whisky.

»Worüber habt ihr beiden euch diesmal gestritten?«, fragte sie.

»Er behauptet, ich gebe mir nicht genug Mühe und müsse erst lernen, wie man Clanoberhaupt wird.«

»Hast du ihm gesagt, dass du dich von nun an mehr bemühen würdest, Rignor?«

Er funkelte sie an.

»Du brauchst es doch nur zu versuchen«, sagte sie und beugte sich vor. »Du wirst ein gutes Clanoberhaupt sein, wenn die Zeit gekommen ist. Sag ihm nur, dass du dir Mühe geben wirst.«

Rignor brummte unwillig und erhob sich. »Ich habe es satt, dass er mir ständig sagt, ich sei nicht gut genug. Und dass du ihm auch noch recht gibst. Du bist mir eine schöne Schwester, dass du mich nicht einmal verteidigst. Genauso, wenn sie mir sagen, ich dürfte Dagmar nicht heiraten. Da hast du mir kein bisschen geholfen! Ich lasse mich nicht davon abbringen, ganz gleich, was sie sagen. Und erzähl mir nicht, ich müsse mich eben anderswo umsehen oder wir bräuchten weitere Allianzen mit Ross oder sonst irgendeinem Clan. Das habe ich alles schon gehört. Jetzt redet er über die Comyns – als bräuchte die mächtigste Familie in ganz Schottland eine eheliche Verbindung mit uns! Ich werde mit dir nicht mehr über Dagmar reden und darüber, wen ich heiraten werde.«

»Ich hatte nicht vor, etwas dazu zu sagen«, erwiderte sie, und das entsprach der Wahrheit. Ihre Eltern hatten das Thema erschöpfend behandelt und ihrem Sohn ein Dutzend Mal erklärt, warum er seinem Clan gegenüber eine Verantwortung habe, sich gut zu verheiraten, und warum sie einer Hochzeit mit Dagmar niemals zustimmen würden.

Margaret hatte auch nicht vor, ihm zu sagen, was sie wusste, nämlich dass mehrere Versuche, einen Ehekontrakt für Rignor und eine wünschenswerte junge Frau zu knüpfen, ziemlich schnell an irgendeiner Dummheit Rignors gescheitert waren. Er hatte den Vater einer der bedeutendsten Familien des MacDonald-Clans beleidigt, eine Katastrophe, die noch immer nicht bereinigt war. Auf Besuch bei der nächsten guten Partie, war er im Bett der Zofe ertappt worden. Ihr Vater hatte versucht, die Sache scherzhaft abzutun, doch der Vater der jungen Dame hatte das anders gesehen und war nicht mehr bereit gewesen, diese Verbindung in Betracht zu ziehen. Rignor war, genau wie Margaret, kurz nach seiner Geburt versprochen worden, und einige Jahre später erneut, doch beide Mädchen waren noch als Kinder verstorben. Unter den Clanleuten wurde getuschelt, Rignor sei verflucht und werde nie eine Frau finden, und manchmal fragte sich Margaret, ob die Leute nicht vielleicht recht hatten.

»Rignor«, begann sie, doch er unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung.

»Lachlan Ross lieben sie natürlich. Jeder mag Lachlan.

Und du bist durchaus gewillt, ihn zu heiraten.«

»Ja, das bin ich«, sagte sie, doch er ließ sie nicht weitersprechen.

»Aber Lachlan ist nicht der Prachtkerl, als den sie ihn hinstellen, weißt du?«, sagte Rignor und beugte sich vor. »Ich habe Klagen von seinen Leuten gehört, dass er sie vernachlässigt, dass er seine ganze Zeit bei Hofe verbringt und all sein Geld für teure Gewänder für sich selbst ausgibt. Es wird ihm schwerfallen, in seinem Leben Platz für eine Ehefrau zu finden, Margaret.«

»Das stimmt nicht!«, rief sie aus. »Er war immer sehr freundlich zu mir. Und zu dir. Bei seinem letzten Besuch war er mit dir auf der Jagd.«

»Und was hat er da gefangen, hm?«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an. »Was soll das heißen?«

»Ich mag ihn nicht, Margaret. Das soll es heißen.«

Er verließ die Halle, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Margaret seufzte.

Ihr Vater ließ die Patrouillen an den Grenzen seines Landes verstärken, sandte Nachricht von dem Fund an die benachbarten Clans und verbrachte viele Stunden in ernster Unterhaltung mit seinem Kriegsherrn, der dem Clanoberhaupt in Kriegszeiten zur Seite stand, doch die beiden verstummten sofort, wenn sich ihnen jemand näherte. Den anderen sagte er nichts. Es wurden keine weiteren Köpfe gefunden. Die Boten, die von den anderen Clans kamen, brachten keine Nachricht von Überfällen oder Unruhen, und die Leute hörten wieder auf, ständig über die Schulter zu blicken und sich Sorgen zu machen. Ganz Somerstrath hielt den Atem an, doch als immer mehr Tage ohne einen Zwischenfall vergingen, legte sich die Aufregung. Allerdings nicht bei Margaret, die immer noch beunruhigt war, als hätte ihr Körper eine Veränderung gespürt, die in der Luft lag, ohne dass ihr Verstand sie genauer benennen könnte.

Sie redete sich ein, das sei die Nervosität einer Braut und sie sei so rastlos, weil dies ihre letzten Tage in Somerstrath waren. Sie war in ihrem Leben schon ein wenig herumgereist, hatte Anwesen der MacDonalds und der Ross’ besucht und die Familie ihrer Tante Jean, die Comyns. Sie hatte mit Adeligen, Clanoberhäuptern und einem König gespeist, doch den Großteil ihres Lebens hatte sie hier verbracht, auf dem kleinen Stück Land des MacDonald-Clans, über das ihr Vater gebot. Ihre Unruhe, so sagte sie sich, kam schlicht daher, dass sie bald alles und jeden zurücklassen würde, das und den sie kannte. So sehr sie sich auf ihre Hochzeit freute – ein Teil ihres Herzens würde immer hier in Somerstrath bleiben.

Sie würde nicht hier sein, um die Winterstürme mitzuerleben, die von Westen hereinbrachen, um die salzige Gischt zu spüren, die der Wind vom Wasser hochpeitschte und bis in die Burg trieb, würde nicht hier sein, um die Regenbogen zu sehen, die sich von den Bergen herabzogen oder hinter den blauen Inseln vor der Küste versanken, um den Geschichten zu lauschen, die an langen Winterabenden erzählt wurden, Geschichten vom mächtigen Somerled, von dem ihr Vater abstammte, Geschichten von den großen Kriegern vergangener Zeiten, die um der Ehre oder Liebe willen alles aufs Spiel gesetzt hatten, von Selkies und Banshees und Riesen. Sie würde nicht hier sein, wenn das neue Brüderchen oder Schwesterchen zur Welt kam, sie würde das Kind überhaupt nicht kennenlernen, würde nicht miterleben, wie ihre Brüder heranwuchsen und sich veränderten. Sie würde verheiratet sein, im Landesinneren leben, umgeben von Luxus und Bergen und Bächen, die vielleicht rauschten wie das Meer, aber weit fort von ihrer Heimat und ihrer Familie waren. Da war es nur natürlich, dass sie beunruhigt war.

Doch das sollte sie nicht sein, schalt sie sich. Schließlich heiratete sie nicht irgendeinen Fremden, sondern Lachlan. Das Leben mit ihm würde wunderbar sein. Und sie konnte Somerstrath besuchen; Lachlan war oft genug hier zu Besuch. Nell und ihre Brüder konnten sie besuchen. Und Fiona würde bei ihr sein, davon würde sie ihre Eltern schon noch überzeugen. Außerdem blieb ihr ja noch ein wenig Zeit hier, zwei Wochen, bevor sich alles verändern würde.


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Kathleen Givens, 1950-2010, gab ihr Schreibdebüt mit den gefeierten schottischen Historienromanen Die Rose von Kilgannon und Die Wälder von Kilgannon. Sie lebte im südlichen Californien und liebte es zu reisen, zu lesen und etwas über Geschichte zu lernen.