Das Geheimnis der Tränen

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Saint-Malo, Mai 1688

»Lianne! In mein Arbeitszimmer!« Die Stimme des Hausherrn gellte durch die stillen Flure bis zur Küche. Ich ließ das Messer sinken.
Ist es jetzt so weit?
Zitternd erhob ich mich und zwang mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Werde ich jetzt eine …?
Ich verbot mir, das Wort zu denken. Mein Klopfen an der Tür, so zaghaft es war, klang in meinen Ohren wie Donnerhall.
»Nun komm schon herein!«, rief der Herr ungeduldig. Ich atmete tief ein und betrat das Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch lagen haufenweise Papiere wild durcheinander, und dahinter saß er, Monsieur Bellier, riesig selbst noch hinter dem mächtigen Möbel, mit gerunzelter Stirn über die Unordnung gebeugt. Er fischte mit spitzen Fingern ein Schriftstück heraus, rollte es zusammen und versiegelte es. Ich beobachtete, wie die blutroten Wachstropfen auf das gelbliche Papier trafen, einer neben dem anderen, bis sie einen Fleck bildeten, der groß genug für das Widderkopfsiegel des Handelshauses Bellier war. Als er es hineinpresste und das Wachs an den Seiten hervorquoll, musste ich an eine offene Wunde denken, und Übelkeit kroch in mir hoch. Diese Farbtöne, rot auf hell, Blut auf Haut – grässlich, und doch stellte ich mir vor, mit ihnen zu malen. Hätte ich solche Farben und Leinwand statt des gestohlenen Papiers, was könnte ich damit erschaffen!
Der Herr erhob sich, trat hinter dem Schreibtisch hervor und baute sich vor mir auf. Ich starrte auf die Spitzen der klobigen Stiefel, die die Köchin so verabscheute, da sie nicht der neuen Mode aus Paris entsprachen.
»Sieh mich an.« Widerwillig blickte ich auf. Mit einer schnellen Bewegung riss mir der Herr die Haube vom Kopf und löste mein Haarband. Ich fühlte, wie die schweren Strähnen herabfielen. Der große Mann begann, mit erstaunlicher Sanftheit darüber zu streicheln.
»Warum schaust du, als wärest du auf dem Weg zum Henker, Mädchen? Weißt du, wie viele Frauen sich glücklich schätzen würden, von mir begehrt zu werden?«
Ich konnte es mir vorstellen. Mehr als einmal hatte ich andere Dienstboten tratschen hören, wie beliebt Monsieur Bellier bei der Damenwelt war.
»Warum dann ich?« Hatte ich die Frage laut gestellt? Ich kniff die Augen zu, hielt den Atem an und wartete auf das Gewitter.
Es gab keines. Erst dachte ich, er würde nicht antworten, dann jedoch murmelte mein Herr: »Ich kann es mir selbst kaum erklären.«
Diese Worte und der Unterton in seiner Stimme brachten mich dazu, den Blick zu heben. Für einen winzigen Augenblick meinte ich, in dem vertrauten, angsteinflößenden Gesicht eine Spur von Traurigkeit zu erkennen.
Der Eindruck verflog, sobald mein Herr erneut den Mund öffnete und mich anfuhr: »Binde deine Haube, Mädchen. Leider erlaubt mir die Zeit nicht, mich näher mit dir zu beschäftigen. Diese Nachricht muss unverzüglich überbracht werden, ich kann auf keinen Boten warten.«
Ich beeilte mich, mein Haar unter das graue Tuch zu stopfen, denn der Herr streckte mir das versiegelte Papier entgegen und tappte ungeduldig mit dem Fuß. Als ob ich an der Verzögerung die Schuld trug!
»Hier, nimm. Bring dieses Dokument zum Hafen. Du weißt, wo das Handelshaus Duchamp ist? Schnell, die Nachricht wird dort eilig erwartet!«
Ich ergriff das Schriftstück und rannte aus dem Haus, ohne einen Umhang anzuziehen. Als ich auf die Straße trat, bemerkte ich erst, wie schön das Wetter an diesem frühen Sommertag war. Am liebsten hätte ich innegehalten und tief die frische Luft eingesogen, doch aus Angst vor meinem Herrn hastete ich voran. Dennoch nahm ich mir fest vor, rasch die Nachricht zu überbringen und dann die seltene Gelegenheit zu nutzen, einen Augenblick am Hafen zu verweilen und meine Nase in die Seeluft zu strecken. Vielleicht konnte ich dort für eine kleine Weile vergessen, was mich bei meiner Rückkehr erwartete.
Der Hafen summte und brummte vor Betriebsamkeit. Rufe gellten hin und her, aus den Luken der Lagerhäuser und von Bord der Schiffe. Fässer, Ballen und Kisten wurden ein- und ausgeladen, jedermann schien in Eile, denn die Flut war da. Die Kapitäne wollten sie um jeden Preis zum Auslaufen nutzen, um nicht noch einen halben Tag an Land festzusitzen. Ich ermahnte mich, an meinen Auftrag zu denken, doch mein Blick war gefesselt von der Vielzahl der großen und kleinen Handelsschiffe, die unter vollen Segeln auf ihre Abfahrt warteten. Sie schienen so unruhig, als seien es Lebewesen, schwankten auf und ab wie tänzelnde Pferde, jederzeit zum Aufbruch bereit. Der Himmel über dem Meer blitzte nur fetzenweise zwischen der Fülle von Masten, Tauen und Planen hervor.
Ich schloss die Augen und atmete tief. Der salzige Seegeruch drang in meine Nase, die unzähligen Geräusche um mich vereinten sich zu einem dumpfen Gemurmel, das nur vom Kreischen der Seemöwen übertönt wurde. Ich spürte die Sonne im Gesicht; sie wärmte schon, ohne jedoch zu brennen. Bunte Kreise tanzten hinter meinen Lidern, vermischten sich wie die Farben auf der Palette des Malers, den ich einmal voller Neid beim Porträtieren Javas beobachtet hatte. In mir breitete sich eine Ruhe aus, die zu empfinden mir selten vergönnt war.
Könnte ich doch nur ewig hier verweilen …
»Mädchen, schläfst du im Stehen?« Grob wurde ich angerempelt und riss die Augen auf. »Du bist im Weg!« Ein stämmiger Mann mit einem Sack auf den Schultern schob mich mit seinem Körper zur Seite, sodass ich gegen eine Frau taumelte, die sogleich zu keifen begann.
Verwirrt trat ich näher an die Hafenkante und lief ein paar Schritte nach rechts, um der Menschenmenge vor dem riesigen Frachtschiff zu entkommen. So kam ich vor einem anderen, kleineren Schiff zum Stehen, vor dem es ruhiger zuging. Ich reckte den Hals, um an der Bordwand hinaufzuschauen. An Deck eilten Männer hin und her, obwohl die Verladung abgeschlossen zu sein schien. Man machte sich bereit zum Ablegen, doch noch hielten dicke, straffe Taue das Schiff am Ufer fest. Wie sie sich wohl anfühlten? Ich streckte die Hand nach einer der Leinen aus – und bemerkte mit Schrecken das versiegelte Schriftstück darin. Mein Auftrag! Panisch wandte ich mich um und versuchte, über die wimmelnden Menschen hinweg zu erkennen, welches der Handelshäuser in der Straße das Haus Duchamp war. In welche Richtung musste ich laufen? Mein Blick raste die Gebäudereihe auf und ab, doch die Furcht lähmte mich so sehr, dass ich nichts erkannte. Ich hätte mich ohrfeigen können für meine Träumereien! Ich entschied, den nächstbesten Menschen anzusprechen und nach dem Handelshaus Duchamp zu fragen.
Der nächstbeste Mensch war ein wichtig dreinblickender Mann mit Papier und Stift in der Hand, der den Arbeitern an Deck Anweisungen zurief. Schüchtern tippte ich ihn am Arm an. Der Blick, der mich traf, war so ungeduldig, dass ich nur stottern konnte.
»Verzeiht, Herr. Ich – ich suche …« Hilflos hob ich die Hand und zeigte ihm das Schriftstück.
»Ah, endlich, die Nachricht für den Kapitän. Rasch an Bord mit dir, Mädchen.«
Diese Worte steigerten meine Verwirrung noch. Ich hob an, die Sache richtigzustellen, da packte mich der Mann am Arm und zog mich vorwärts.
»Los, hier entlang!« Er schob mich auf die Planke, die an Deck des Schiffes führte. »Nun geh schon, hurtig! Oder soll ich dir Beine machen?«
Erschrocken rannte ich die steile Stiege hinauf. »Links herum!«, brüllte mir der Mann nach, dann wurde er von jemandem abgelenkt und wandte den Blick von mir. Ich sah mich verzweifelt um. Wenn ich jetzt wieder herunterstiege, die Nachricht noch immer in der Hand, würde mich der Mann gewiss ins Wasser werfen!
Unschlüssig ging ich ein paar Schritte nach links, doch was sollte ich schon beim Kapitän? Die Botschaft war nicht für ihn bestimmt. Welch ein Zufall, dass er ebenfalls auf eine solche wartete!
Zufall? Oder etwas anderes? Mein Blick fiel auf die geöffnete Ladeluke, in der zunächst ein haarloser Kopf erschien und einen Augenblick später der ganze Mann, der sich scheinbar mühelos auf das Deck schwang.
»Alles verstaut!«, rief er seinen Kameraden am Bug des Schiffes zu und entfernte sich, ohne mich zu beachten – und ohne die Luke zu schließen. Ich starrte die Öffnung an. Sollte ich …? Ich umklammerte das Schriftstück. Was wäre, wenn Monsieur Duchamp es nie erhielt?
Was wäre, wenn die Botin einfach verschwinden würde?
Meine Gedanken rasten. Ich dachte an Monsieur Bellier und daran, was mich erwartete. An die Worte meiner Mutter, wenn ich ihr mehr Geld brachte. Wäre sie je zufrieden, oder würde sie mich zu weiteren Abscheulichkeiten zwingen?
Ich sah meine kleinen Geschwister vor mir, und mein Herz zog sich zusammen. Durfte ich sie alleinlassen? Doch wen hatte es geschert, als ich alleingelassen worden war? Was hielt mich in dieser Stadt, in diesem Leben, das keines war? Sollte ich, ich braves Dienstmädchen, meine Pflichten vernachlässigen und einfach …
Ja! Dies war kein Zufall. Es war mein Schicksal!
Ich huschte zur Luke, schwang mich hinab und fand mich in einem riesigen Laderaum wieder, der mit unzähligen verschnürten Ballen gefüllt war. Die Luft war stickig und roch nach Teer und Staub. Rasch schlüpfte ich zwischen der Ladung hindurch bis an die hintere Wand des Raumes. Dort hockte ich mich nieder und versuchte, meinen rasenden Atem zu beruhigen.
Mir wurde schwindelig. Was hatte ich getan? Ich spähte an den Ballen vorbei in Richtung Eingang. Eine schmale Stiege lehnte in der Luke und ermöglichte es mir, meinen törichten Plan eben noch selbst zu vereiteln. Doch wenn mich jemand aus dem Laderaum klettern sah, bekäme ich unweigerlich Ärger. Würde man meiner Beteuerung glauben, ich sei aus Unachtsamkeit hineingefallen? Ja, das könnte gelingen. Ich erhob mich, stopfte das gesiegelte Papier in den Beutel an meinem Kleid, um die Hände zum Hinaufklettern freizuhaben – nur um mich gleich darauf wieder auf den Boden fallen zu lassen. Ich konnte nicht zurück, denn wenn ich jetzt umkehrte, würde mich Monsieur Bellier zu seiner Mätresse machen. Ich hörte im Geiste schon seine Stimme. »Nun hab dich nicht so. Was soll daran schlimm sein? Selbst unsere geschätzten Könige erfreuen sich an anderen Bettgenossinnen als der eigenen Gattin, das ist vollkommen alltäglich!«
Ich schüttelte mich. Nein, diese Dienste sollte mein Herr von mir nicht erhalten! Ich hatte meine Flucht begonnen, nun musste ich sie zu Ende bringen!
Oder?
Ein Krachen ertönte, ich fuhr zusammen, und der Laderaum versank in Dunkelheit. Schrecken durchzuckte mich. Nun gab es kein Zurück in mein altes Leben. Es war zu spät.
Wohin würde mich mein Weg führen? Zum Glück hatte es mich auf ein kleineres Frachtschiff verschlagen, sodass ich zumindest nicht in Indien oder der Neuen Welt ankommen würde. Doch fuhr dieses Schiff nach Süden oder Norden? Wo würde sich die Gelegenheit ergeben, es zu verlassen? Käme ich überhaupt ungesehen an Land, oder – Ach! Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf und waren gänzlich sinnlos, denn ich hatte keine freie Entscheidung mehr. Ich musste abwarten, was mit mir geschah. So wie ich es bereits mein Leben lang tat.
Noch … Noch hatte ich keine freie Entscheidung. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass es schon in naher Zukunft so weit sein würde! Dass ich, sobald ich dieses Schiff verließ, zum ersten Mal in meinem Leben meinen Weg selbst bestimmen durfte, ja musste, ich, ich und niemand sonst! In welche Himmelsrichtung sollte ich meine Schritte lenken, diese Straße hinunter oder jene, links oder rechts herum? In der Stadt bleiben, weiter fortgehen, und wenn ja, wohin? Ich würde die Wahl treffen, ich allein! Frei!
Über meinem Kopf dröhnten Fußtritte an Deck. Dann erschollen Rufe, gedämpft durch die Bordwand.
»Leinen los!«
Ein Rucken ließ das Schiff und meinen Körper erzittern. Ich hielt den Atem an. Saint-Malo, die einzige Stadt, die ich in meinem Leben gekannt hatte, würde bald hinter mir liegen. Wohin ging die Reise? Wie lange musste ich in diesem Versteck bleiben? Fragen über Fragen, auf die mir niemand eine Antwort zu geben vermochte, am allerwenigsten ich selbst. Ich hoffte, dass ich weit genug fort an Land gelangen würde, sodass er mich nicht finden konnte, und doch nicht so weit weg, dass mir alles unbekannt wäre, die Menschen, die Sprache …
War es ein Abenteuer, oder war es tödlicher Leichtsinn, was ich tat?
Ich wartete; etwas anderes konnte ich nicht tun. Während mein Körper zur Untätigkeit verdammt war, wechselten meine Gedanken und Gefühle stetig die Richtung. Mal war ich voller Hoffnung, dass sich meine Lage zum Guten wenden würde, dann wieder nahm mir die Angst allen Mut. Wenn sich Schritte der Ladeluke näherten, zog sich mein Herz krampfhaft zusammen und ich hielt den Atem an. Entfernten sie sich, entspannte sich auch mein Körper.
Bald verlor ich jegliches Gefühl für die Zeit. Ab und zu trappelten winzige Pfoten an mir vorbei, und einmal streifte mich ein Rattenschwanz an der Hand, doch ich verspürte keine Angst vor den Tierchen. Selbst im vornehmen Hause Bellier waren sie nicht unbekannt. Der scharfe Teergeruch, den das Holz um mich herum ausströmte, betäubte meine Sinne. Die Wellen schwappten dumpf und gleichförmig gegen die Bordwand. Ich durfte den Gedanken nicht übermächtig werden lassen, dass ich mich unterhalb der Wasseroberfläche befand. Dass sich auf der anderen Seite dieser hölzernen Bohlen und unter meinen Füßen Fische und weiteres Meeresgetier tummelten. Denn sobald die Vorstellung zu bildlich wurde, begann mein Herz zu rasen, und ich schnappte nach Luft, als sei ich selbst ein Fisch auf dem Trocknen. War dieses Schiff stabil und vertrauenswürdig, alle Ritzen dicht? Ich tastete an der Bordwand entlang, um zu fühlen, ob nicht doch Wasser eindrang. Im nächsten Augenblick schalt ich mich ein törichtes Ding. Selbstverständlich war das Schiff sicher, denn sonst würde niemand seine kostbaren Stoffballen darauf verladen lassen!
Mein Geist schien mit dem Fortschreiten der Stunden schwächer und die Furcht immer größer zu werden. Auch meine Erschöpfung nahm stetig zu. Das regelmäßige Klatschen der Wellen ließ meine Augen zufallen. Ich lauschte auf die Geräusche um mich herum, das Rauschen des Meeres, die Schritte und Rufe der Männer, das Pfeifen des Windes, vertraut und beängstigend zugleich, und langsam, ganz langsam, entspannten sich Körper und Geist …
Ich schrak auf und starrte in die Dunkelheit. Der Wellenschlag war noch immer zu hören, doch alle menschlichen Laute waren verklungen. Es musste Nacht sein. Die Stickigkeit war gewichen, und eine unangenehme Kälte, die mich schaudern ließ, hatte sich im Laderaum ausgebreitet. Plötzlich knurrte mein Magen vernehmlich. Ich hatte zuletzt zum Frühstück ein wenig Brei gegessen und einen Schluck Wasser getrunken. Mein Mund fühlte sich ausgedörrt an, und mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich über so vieles nicht nachgedacht hatte. Selbst den nächsten Hafen zu erreichen, würde Tage dauern. Wie sollte ich überleben, ohne etwas zu trinken? Ich hatte jetzt schon Durst, und wir waren kaum einen halben Tag unterwegs. Und weit und breit nur fest verschnürte Ballen von Stoff.
Plötzlich schienen mich die Wellen auszulachen, schwappten gegen die Bordwand und murmelten: »Du willst Wasser? Hier draußen ist Wasser, jede Menge davon! Doch nicht zum Trinken!«
Verzweiflung ergriff von mir Besitz; ich begann zu weinen und konnte mich kaum beruhigen. Salzige Tränen rannen in meinen Mund und machten mich noch durstiger.
Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Als ob ich je frei sein würde! Ich dumme Gans!
Wütend auf mich selbst sprang ich auf. Auf und ab, wieder und wieder, rannte ich zwischen der Ladung umher, passte meinen Gang dem schwankenden Untergrund an. Die Bewegung tat mir gut, und die bösen Gedanken ließen nach. So stolperte ich durch das Dunkel im Bauch des Schiffes und vertrieb mir die allzu lange Zeit. Ich begann, die Schritte zu zählen, die ich von einer Bordwand zur gegenüberliegenden benötigte, um die Stoffballen herum, einen Fuß vor den anderen. Bei zwanzig musste ich von vorn anfangen, zwei Hände voll Finger, zwei Füße voll Zehen, weiter kannte ich die Zahlen nicht. Verfluchte Java, die Unterricht bekam und es hasste! Ich wäre dankbar gewesen.
Eins, zwei, drei, dem Herrgott bin ich einerlei, vier, fünf, sechs, immer vorwärts unter Deck, sieben, acht, die Ratten halten mit mir Wacht, neun, zehn, weiter geh’n.
Das Reimen hielt die Grübeleien fern, doch das Gehen machte mich müde, so müde … Bald musste ich mich hinlegen. Immerhin war mir warm geworden, der Durst jedoch war schlimmer als zuvor. Ich rollte mich zusammen und fuhr fort, mir Verse auszudenken. So war ich wenigstens beschäftigt.
Elf, zwölf, dreizehn, wenn er mich findet, wird’s mir schlecht ergeh’n. Vierzehn, fünfzehn, sechzehn, auch wenn mich niemand findet, wird dies nicht gut ausgeh’n. Siebzehn …
Siebzehn. So alt war ich im letzten Winter geworden. Würde ich einen weiteren Geburtstag erleben? Tränen stiegen erneut in mir auf, ich presste die Augenlider zusammen, damit sie nicht herausquellen konnten. Weinen hatte doch keinen Sinn, nichts hatte mehr Sinn, nichts! Alles war fort. Es gab nur noch das Rauschen des Meeres, das Schlagen der Wellen, das Schwanken des Schiffes, den Durst und die Schläfrigkeit. Dumme Gans. Armes Ding.
Durstiges, müdes, verlorenes Ding.

6
Saint-Malo, Mai 1688

Duchamp stand vor der Tür des Hauses Bellier und hämmerte mit beiden Fäusten dagegen.
»Aufmachen!«
Erbost stellte er fest, dass man ihn offenbar nicht einlassen wollte, und so malträtierte er die Tür noch ärger. Je mehr er polterte, desto heißer wurden seine Wangen. Schweiß tränkte bereits sein feines Rüschenhemd unter dem samtenen Wams, und er bereute seinen überstürzten Entschluss, Bellier persönlich die Meinung zu sagen, anstatt einen Boten zu schicken.
Ihm schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis endlich geöffnet wurde. Dies war seiner Laune nicht zuträglich, und so war er drauf und dran, die unverschämt träge Dienstmagd anzufahren. Er sah sich jedoch nicht der Magd, sondern der stämmigen Köchin gegenüber, die ihn mit gerunzelter Stirn und erhobenem Fleischmesser musterte. Ein einzelner Blutstropfen rann langsam an der langen Klinge herunter.
»Entschuldigung. Das Mädchen sitzt wohl auf seinen Ohren. Wie kann ich Euch helfen?«
Duchamp war so überrascht, dass er zunächst nur stottern konnte, während er beobachtete, wie der Tropfen die Hand der Köchin erreichte und eine rote Linie auf die Haut malte. Dann jedoch kehrte seine Wut zurück, und ungeachtet des Messers drängte er sich an der Frau vorbei und stürmte das Arbeitszimmer des Hausherrn.
»Bellier! Wo ist die Nachricht, die Ihr mir schicken wolltet? Es sind Stunden vergangen! Ihr hattet doch verstanden, dass dieses Schreiben äußerst wichtig ist. Mein Schiff! Es sollte eben ablegen, nun jedoch …«
Bellier sprang von seinem Schreibtischstuhl auf und starrte den Besucher an. Sein dunkles Gesicht wurde blass.
»Die Nachricht ist nicht bei Euch eingetroffen, Monsieur Duchamp?«
»Selbstverständlich nicht! Hätte ich sie erhalten, stünde ich keinesfalls hier, sondern würde mich meinen Geschäften widmen, wie es einem Handelsherrn gebührt!«
»Aber, werter Herr, ich schickte meine Dienstmagd schon vor Stunden zu Euch.« Ein verwirrter Ausdruck zeichnete sich auf dem Gesicht des Hausherrn ab.
»Eure Dienstmagd? Habt Ihr keinen besser geeigneten Boten gefunden?«
»Da die Nachricht so eilig war, entsandte ich die erstbeste Person, die mir über den Weg lief.«
»Seid Ihr sicher, dass Euer Mädchen weiß, wo sich mein Handelshaus befindet? Sie ist schließlich nur ein dummes Ding!«
»Sie weiß es, sie hat doch meine Tochter schon zu Euch begleitet.«
»Ah, die kleine graue Maus ist es, die Ihr zu mir geschickt hattet. Nun, vielleicht ist sie verloren gegangen. Oder ist sie gar – fortgelaufen?«
Bellier starrte auf Duchamp herab und ballte die Fäuste. »Das will ich ihr nicht raten! Fortgelaufen! Niemals! Sie hätte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte. Sie kennt nichts außer diesem Haus.«
»Ihr solltet Euren Weiberhaushalt besser unter Kontrolle behalten!«, feixte Duchamp in seiner Wut und fing sich einen flammenden Blick des Hausherrn ein. Rasch hob er die Hände. »Nun, nun … So etwas kommt in den besten Familien vor. Immer wieder läuft einer fort, obwohl die Dienerschaft genau weiß, welche Strafen drohen.« Dann verstummte er und fragte sich besorgt, ob er Bellier hatte besänftigen können.
Es hatte nicht den Anschein. Das Gesicht des großen Mannes war verzerrt mit einem Ausdruck, wie ihn Duchamp noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Er vermochte nicht zu deuten, ob der Hausherr schlichtweg wütend war oder etwas anderes hinter seinem seltsamen Verhalten steckte. Er meinte, in der Miene und der gesamten Körperhaltung seines Gegenübers eine Mischung aus Hass und Verzweiflung zu erkennen, die dem Ärger über einen entlaufenen Dienstboten nicht gerecht wurde.
Er fuhr zusammen, als Bellier unerwartet brüllte: »Marthe! Java!«
Die Köchin erschien kaum einen Wimpernschlag später in der Tür, was Duchamp der pummeligen Frau schwerlich zugetraut hätte. Und selbst die verwöhnte Tochter des Hauses sah sich durch den Tonfall ihres Vaters offenbar genötigt, sich schleunigst in das Arbeitszimmer zu begeben.
»Wo ist das Mädchen?«, presste Bellier zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Lianne? Ihr habt sie doch fortgeschickt, Monsieur.«
»Das weiß ich selbst! Sie sollte längst zurück sein, und die Nachricht, die ich ihr gab, ist nie angekommen. Wo ist das Mädchen? Java!«
»Ich sehe in ihrer Kammer nach, Herr Vater!« Java machte kehrt und rannte davon.
»Und du, Marthe, stellst notfalls das ganze Haus auf den Kopf. Ich will wissen, ob das dumme Ding zurück ist!«
Für einen Augenblick starrte Bellier den beiden Frauen hinterher, dann wandte er sich ab.
Sein Blick fiel auf Duchamp, der sich während des Ausbruchs seines Geschäftspartners wohlweislich im Hintergrund gehalten hatte. Nun aber traute er sich, zu sagen: »Nehmt es nicht so schwer, Bellier. Jeder hat einmal Ärger mit der Dienerschaft.«
»Habt Dank, Duchamp«, sprach der Hausherr mit beinahe gefasster Stimme, dann schritt er zu seinem Schreibtisch, wühlte die Papiere durch und fischte ein frisch beschriebenes Blatt heraus. »Dies ist meine Kopie des Dokumentes, das Euch zugestellt werden sollte. Ich benötige sie nicht, ich vertraue Euch. Die Urschrift wird mit der schwachköpfigen Magd zu mir zurückkehren. Nehmt, sodass Euer Schiff auslaufen kann.«
»Ich danke Euch, Bellier. Und ich bin Euch nicht übel gesinnt. Ich hoffe, Ihr könnt Eure Schwierigkeiten rasch in Ordnung bringen. Vielleicht ist das Mädchen ja nur mit einem hübschen Jungen durchgebrannt und kommt bald reumütig zurück?« Er brach in solch schallendes Gelächter aus, dass sein ganzer verschwitzter Leib bebte und die Rüschen an seinem Hemd auf und ab hüpften. Doch das Lachen blieb ihm im Halse stecken, als er sah, wie Belliers Gesicht urplötzlich flammend rot anlief und seine Hände sich zu Fäusten ballten. Duchamp murmelte einen Gruß und rannte mit seinem Schriftstück aus dem Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.
Im Stillen wünschte er dem armen Dienstmädchen, es möge tatsächlich fortgelaufen sein und nicht zurückkehren. Er wagte gar die Vermutung anzustellen, sie wäre besser bedient, wenn sie ins Meer gefallen und ertrunken wäre …

Java kehrte als Erste zurück in das Arbeitszimmer ihres Vaters und sah diesen auf- und abgehen, das Gesicht zu einer grimmigen Maske verzerrt. Entgegen ihrer Natur sprach sie ihn scheu an: »Herr Vater? Ich konnte Lianne nicht finden.«
Belliers rechter Fuß verharrte einen Augenblick in der Luft, dann fuhr er mit seinem Schreiten fort, ohne Java zu beachten. Während diese noch darüber nachdachte, ob sie erneut sprechen sollte, erschien Marthe im Türrahmen. Auch die Köchin trug einen seltenen, ängstlichen Gesichtsausdruck zur Schau.
»Entschuldigt, Herr. Das Mädchen ist nirgends zu entdecken.«
Ohne innezuhalten, sprach Bellier: »Danke, Marthe. Du kannst vorerst gehen.«
Das ließ sich die Köchin kein zweites Mal sagen. Sie machte augenblicklich kehrt und verschwand. Java sah ihr nach, wagte jedoch nicht, ebenfalls den Raum zu verlassen. Verwirrt betrachtete sie den Hausherrn in seinem ruhelosen Lauf. Was hatte all dies zu bedeuten? Sie hatte ihren Vater schon wütend gesehen, nicht zuletzt oft genug auf sie selbst, doch niemals hatte sein Gesicht einen derartigen Ausdruck getragen.
Je länger sie so dastand, desto mehr kehrte ihre gewohnte Selbstsicherheit zurück. Schließlich hatte sie nichts falsch gemacht! Und diese Wut in den Augen des Vaters konnte nur bedeuten, dass es Lianne an den Kragen ginge, sobald er ihrer habhaft würde! Java lächelte und wickelte sich eine goldene Haarsträhne um den Finger. Sie hatte das Mädchen von Anfang an nicht leiden können, dieses unscheinbare Ding, das so plötzlich und gänzlich ohne Grund in ihren Haushalt gekommen war. Ein weiteres Kind neben ihr selbst, älter zudem, wenngleich nur eine Dienstmagd. Und die Mutter hatte die blöde Gans auch noch gemocht und stets in Schutz genommen. Wenn sie nur häufiger ihr Zimmer verließe, dann würde sie sehen, was Java in letzter Zeit beobachtet hatte, und ihre Meinung schnell ändern. Wie der Vater das Mädchen ansah … Java wusste, was das bedeutete. Sie war schließlich nicht dumm und kein Kind mehr! Aber das war nun gewiss vorbei.
»Lianne ist also nicht zurückgekehrt. Was werdet Ihr tun, wenn Ihr sie in die Finger bekommt, Herr Vater?« Sie konnte ein schadenfrohes Grinsen nicht unterdrücken.
Mit einem Satz war Bellier bei ihr. »Schweig!«, brüllte er so nah vor ihr, dass ihr sein heißer Atem ins Gesicht schlug. Das Lächeln verging ihr gründlich, und sie senkte den Blick. Totenstille legte sich über den Raum.
Einen Augenblick später atmete Bellier tief ein und aus. Dann wies er seine Tochter mit eisiger Stimme an: »Durchsuche die Kammer des Mädchens. Sieh, ob du etwas finden kannst, das uns einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort geben könnte.«
»Vielleicht hat sich das dumme Ding nur verlaufen. Seid doch nicht ärgerlich auf mich! Ich habe schließlich nichts getan.« Java versuchte es mit ihrem üblichen Schmollmund, ihr Vater jedoch strafte sie nur mit einem abfälligen Blick, woraufhin sie sich beeilte, seiner Anweisung nachzukommen. Erneut schob sie die Tür der winzigen Kammer neben der Küche auf.
Jetzt ist Vater deinetwegen wütend auf mich. Na warte!
Java ließ bei ihrer Suche keine Sorgfalt walten. Zuerst trat sie das Nachtschränkchen um, sodass der kleine Handspiegel klirrend zu Boden fiel und sein Glas in tausend Stücke zersplitterte.
Er war ohnehin zu schön für das dumme Ding!
Die Tür des Schränkchens sprang auf, und Liannes wenige Kleidungsstücke kamen zum Vorschein. Java schüttelte die Schürzen und Kleider aus, konnte jedoch nichts Verdächtiges dazwischen finden. Dann riss sie die Laken vom Bett, musste aber zu dem gleichen Ergebnis kommen. Ihre Wut wuchs mit jedem Augenblick. Schließlich schleuderte sie die Matratze so heftig in eine Ecke des Raumes, dass die Strohfüllung herausquoll, und blickte durch das Bettgestell auf den Boden darunter.
»Was ist das?« Java zerrte die Gegenstände hervor, die sie zwischen den Holzlatten gesehen hatte. »Na so was – die sind ja meisterhaft!« Sie blätterte durch den Stapel Papier, den sie entdeckt hatte. Zuoberst lag das Bild eines Zweimasters, bereit zum Auslaufen. Java meinte, den Wind zu fühlen und die Rufe der Seeleute zu hören, die winzig klein an Deck abgebildet waren. Dann folgte eine Zeichnung der Kathedrale Saint-Vincent. Java blätterte weiter – und fuhr zurück. Das Dienstmädchen blickte ihr von dem Papier entgegen, so lebensecht, als stünde es vor ihr. Auch die folgenden Bilder zeigten Gesichter. Hübsche Kinder, eine verhärmte Frau, Marthes pausbackiges Antlitz – und dann sie selbst, Java, mit einer boshaft grinsenden Miene!
»Das ist ja ungeheuerlich! So sehe ich doch wohl nicht aus!«
Hat Lianne dies alles gezeichnet? Wie kann sie es wagen, mich zu zeichnen? Wie kann sie es überhaupt wagen? Wenn Vater das erfährt!
»Hast du sie gefunden, oder sprichst du mit dir selbst?«
Java fuhr zusammen, als der, an den sie eben gedacht hatte, nun zu ihr sprach.
»Mit mir selbst, Herr Vater. Seht, was ich entdeckt habe!« Eifrig hielt Java ihm die Zeichnungen hin. Er beachtete sie jedoch nicht, sondern blickte sich in der kleinen Kammer um.
»Was ist hier geschehen?«
»D-das war ich nicht, das mit dem Schrank!«, beeilte sich Java, ihm zu versichern. »Der war schon vorher umgefallen!«
Bellier antwortete nicht, denn inzwischen war sein Blick auf die Zeichnungen gefallen. Er riss seiner Tochter die Blätter aus der Hand und trug sie aus dem spärlich beleuchteten Raum, um sie in der Küche bei Licht zu betrachten.
»Das Papier muss sie Euch gestohlen haben, Herr Vater. Sie ist eine Diebin, Ihr müsst sie hart bestrafen!«
»Sei endlich still, sonst bestrafe ich dich!«, fuhr Bellier seine Tochter an. Java hütete sich, ein weiteres Wort zu sagen, bis ihr Vater jede der Zeichnungen eingehend betrachtet hatte. Dann konnte sie nicht mehr an sich halten, zu stark war der Wunsch, das entlaufene Dienstmädchen zu finden und ihre Züchtigung mit anzusehen.
»Wenn sie nicht bald zurückkehrt, könnten wir dieses Bild von ihr herumzeigen. Es hat sie sicherlich jemand gesehen, vielleicht spüren wir sie so wieder auf!«
Ruckartig wandte Bellier seiner Tochter das wutverzerrte Gesicht zu, und Java wollte schon die Flucht ergreifen, doch dann schienen ihre Worte bei ihrem Vater anzukommen.
»Das ist ein guter Gedanke, Kind. Vorher werde ich noch jemandem einen Besuch abstatten, aber wenn sie dort auch nicht ist, komme ich auf deinen Vorschlag zurück. Und nun bring dieses Zimmer in Ordnung.«
»Was – ich? Ach, Herr Vater! Kann das nicht das …«
»Das Mädchen machen?«, donnerte Bellier. »Das ist zurzeit wohl kaum möglich, nicht wahr? Und eine solche Unordnung in meinem Hause werde ich keinesfalls dulden, nicht einmal in der Kammer der Magd. Dies ist ein ordentlicher Haushalt! Deshalb werde ich die dumme Gans auch finden und zurückholen!« Seine Stimme überschlug sich, sodass er innehalten und tief durchatmen musste. Ruhiger fuhr er fort: »Mach dich an die Arbeit. Und übrigens: Sie hat dich auf der Zeichnung treffend abgebildet.« Damit wandte sich Bellier um und ließ eine beleidigt schnaufende Java zurück.

Marthe, die sich in eine Ecke der Küche verzogen hatte, konnte sich ein heimliches Lachen nicht verbeißen.

***

Krachend flog die niedrige Tür auf.
»Wo ist sie? Ist sie hier?«
Die polternde Stimme des Mannes schien den winzigen Raum erzittern zu lassen. Das jüngste der drei Kinder begann zu weinen und rannte zu seiner Mutter. Diese nahm das kleine Mädchen in den Arm und streichelte geistesabwesend über die goldenen Locken.
»Ist wer hier?«
»Wer schon, Lianne natürlich! Hältst du sie versteckt, Weib? Du weißt, sie gehört mir!«
»Das weiß ich. Hier ist sie nicht, zuletzt sah ich sie am Montag. Was hat das alles zu bedeuten?«
»Sie ist fort. Hast du Kenntnis davon?«
»Selbstverständlich nicht. Warum sollte ich etwas über ihren Verbleib wissen?«
»Du bist ihre Mutter!«
»Ja. Leider. Doch von mir hat sie das Fortlaufen nicht geerbt!«
Der Besucher lachte boshaft auf, wandte sich um und verließ das Haus. Krachend schlug die Tür hinter ihm zu. Die Frau atmete auf.
»Ganz ruhig, meine Kleinen. Es ist vorbei.«
Dann jedoch kam ihr zu Bewusstsein, was der Mann eben gesagt hatte. Lianne war fort? Wie sollte sie jetzt für die Kinder sorgen ohne den Verdienst ihrer Ältesten? Sie konnte es sich nicht leisten, dass Lianne auch nur einen Tag keinen Lohn erhielt!
Die Frau spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen, die der ihres Besuchers in nichts nachstand. Das sah dem dummen Ding ähnlich, seine Pflichten derart zu vernachlässigen. Genau dies war zu erwarten gewesen!
Hätte ich doch damals …
Das Kind in ihrem Arm begann zu weinen, da bemerkte sie, dass sie es in ihrem Hass beinahe zerquetschte. Rasch ließ sie los und küsste das lockige Haar.
Und aus ihrem Zorn wurde Verzweiflung, heiße Tränen rannen aus ihren Augen. Sie hatte Lianne fast so weit gehabt, ihre Forderungen zu erfüllen, das hatte sie beim letzten Besuch der Tochter deutlich gespürt. Bald hätte sie mehr Geld erhalten, hätte endlich einmal wieder etwas Gutes zum Essen auf den Tisch bringen können. Die Kleinen hätten neue Schuhe bekommen und sie selbst vielleicht ein Kleid. Der Herr wäre mit Sicherheit großzügig gewesen, und nun dieses Unglück!
Wie viele böse Streiche wollte ihr das Leben noch spielen?


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Marie Caroline Bonnet - Das Geheimnis der Tränen

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Marie Caroline Bonnet ist das Pseudonym der Autorin Jessica Weber. Sie ist Kielerin, gebürtig und überzeugt. Die gelernte Schifffahrtskauffrau liebt es, das Meer vor der Tür zu haben. Wenn sie nicht schreibt, arbeitet sie als Sekretärin sowie freiberuflich als Verlagslektorin. In ihrer Freizeit fertigt sie ausgefallene Motivtorten an, ist in der Mittelalterdarstellung aktiv und reist viel, gern auch zu Recherchezwecken. Sie ist Mitglied in zwei Autorenvereinigungen und im Verband der Schriftsteller in Schleswig-Holstein e. V.