Tödliche Zeilen

Hazel schreckte aus dem Schlaf und sah auf den Wecker. Draußen prasselte der Regen gegen ihr Fenster wie Trommelwirbel. Halb drei Uhr nachts. Wer kam auf die Idee, mitten in der Woche um diese Zeit anzurufen? Kurz überlegte sie, das Klingeln zu ignorieren. Doch vielleicht war es etwas Wichtiges? Sie griff nach dem Hörer.

»Hallo?«

»Hey Zel, noch wach?«

Hazel erkannte die Stimme ihres Bruders.

»Neil? Hast du noch alle Tassen im Schrank? Ich hab schon längst geschlafen. Weißt du, wie spät es ist?«

»Hör zu. Ich muss dich unbedingt sprechen. Hab ’ne Entscheidung getroffen. Ist wichtig. Brauche unbedingt deine Meinung dazu. Ich komm jetzt rüber, okay?«

Neil hatte die Worte gelallt. Hazel war schlagartig hellwach.

»Sag mal, lallst du? Bist du etwa betrunken? Verflucht! Bleib, wo du bist. Setz dich bloß nicht ans Steuer! Schon gar nicht bei dem Wetter.«

»Bin schon auf dem Weg. Ich hab das im Griff, Zel«, verkündete Neil. »Ist doch nicht weit.«

Hazels Herz jagte. Sie sprang aus dem Bett, lief in den Flur und riss ihre Jacke vom Haken.

»Neil! Leg sofort das Telefon weg und fahr rechts ran. Ich komme und hole dich.«

»Lass gut sein. Bin gleich bei dir, ja?«

Hazel zog hastig die Jacke über den Pyjama und schlüpfte in ihre Schuhe, während sie in der Kommodenschublade nach dem Autoschlüssel wühlte.

»Neil! Ich meine das ernst! Fahr ran und bleib, wo du bist! Ich komme sofort.«

Sie öffnete die Haustür und blickte hinaus. Der Regen fiel in dichten Fäden.

»Scheiße, Neil. Da draußen geht gerade die Welt unter. Halt sofort an, ich komme und hole dich! Ich lege jetzt auf, okay?«

»Mann, scheiße, ich seh überhaupt nicht … «

»Neil!! Bist du okay? Du hältst sofort an und ich lege auf. Okay?«

»Verdammt, was … «

»Okay, Neil? NEIL!?«

» …«

»NEIL!!«

 

 2 

Eine leichte Brise kräuselte das Wasser und die Nachmittagssonne glitzerte auf den Wellen, als die CalMac Fähre Douart Castle passierte und auf den Fähranleger von Craignure zuhielt. Es hätte ein Bild aus einem Urlaubskatalog sein können. Doch das sommerliche Idyll passte genauso wenig zum Anlass ihres Besuchs wie der Schal mit dem leuchtend pinkfarbenen Blumenmuster, der fröhlich im Seewind flatterte. Agnes stand an der Reling und beobachtete die Isle of Mull beim Anlegen, während sie sich im Kopf zurechtzulegen versuchte, was sie sagen sollte. Sie hatte nie gewusst, was man in so einer Situation Tröstliches sagen konnte. Sie hasste Kondolenzbesuche, die Floskeln, das traditionelle Schwarz. Doch dieses Mal war es anders. Es ging um Neil, Effys Sohn. Sie würde sich zusammenreißen und für ihre Freundin da sein, so wie Effy für sie dagewesen war. Aber wie konnte man einer Mutter Mut machen, die gerade ihren Sohn verloren hatte? Was sagte man seinem Vater, seiner Schwester? Neil war doch gerade erst 27 gewesen, kerngesund. Eigentlich sollte man sein Leben da noch vor sich haben.

Auf dem Anleger entdeckte Agnes Hazels roten Haarschopf, der schon von weitem in der Sonne leuchtete. Agnes holte tief Luft. Zurück auf die Insel zu kommen, war für sie ohnehin mit einem Gefühl der Beklemmung verbunden. Zu viele schmerzhafte Erinnerungen lauerten hier auf sie und nun würden weitere dazukommen.

Sie folgte den anderen Passagieren von Bord. Hazel hatte die Hand an die Stirn gehoben und balancierte auf den Fußballen, um über die Köpfe hinwegzusehen. Als sie Agnes entdeckte, winkte sie.

Wieder fiel Agnes auf, wie erwachsen Hazel aussah. Noch zu gut erinnerte sie sich an das kleine, sommersprossige Mädchen mit dem Pferdeschwanz. Es fühlte sich an, als sei seitdem nicht viel Zeit vergangen, doch nächstes Jahr würde es dreißig Jahre her sein, dass sie ihr Patenkind zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Agnes wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, als könne sie damit den unangenehmen Gedanken verjagen. Sie mochte sich nicht alt fühlen und es löste Unbehagen in ihr aus, darüber nachzudenken.

Auf dem Anleger nahm Agnes die junge Frau in den Arm und streichelte wortlos ihren Rücken. Vielleicht hatte sie sich zu viele Gedanken gemacht. Manchmal brauchte es keine Worte, um auszudrücken, was man fühlte.

Hazel drückte Agnes noch einmal und löste sich aus der Umarmung.

»Lieb, dass du so schnell gekommen bist.«

Ihre Stimme klang kratzig.

»Lass nur, ich kann den Koffer selbst nehmen«, wehrte Agnes ab, als Hazel nach ihrem Gepäck griff, und hakte sich unter. »Wie geht es jetzt zu Hause?«

Hazel seufzte.

»Dad ist erstaunlich gefasst. Wahrscheinlich kann er es nur nicht so zeigen. Du kennst ihn ja, Charlie Thorburn, der Unerschütterliche. Mum macht mir ernsthafte Sorgen. Sie hat sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert und möchte nicht mit uns sprechen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es ist, als ob wir ihr egal wären. Glaubt sie, sie ist die Einzige, die trauert?«

Ihre letzten Worte klangen wütend und verzweifelt zugleich.

Agnes zog Hazel fest an ihre Seite.

»Das darfst du nicht denken, Hazel. Deine Mum liebt euch sehr, und ihr seid ihr gewiss nicht egal. Sie kann nicht anders. Deine Mutter hat Probleme schon immer zuerst mit sich allein ausgemacht. Wenn sie aus ihrem Schneckenhaus herauskommt, wird sie euch dafür umso mehr brauchen.«

»Vielleicht hast du recht, Tante Agnes. Mum war noch nie gut darin, sich helfen zu lassen.«

Hazel wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

»Ach lass doch das Tante weg, Hazel. Es klingt so altmodisch, findest du nicht?«

Hazel lächelte kurz. »Ich finde altmodisch schön. Und du bist doch meine Patentante.«

»Aber du bist doch kein Kind mehr.«

»Vielleicht finde ich genau deshalb den Klang so schön.« Hazel strich eine rote Haarsträhne hinter das Ohr. »Das erinnert mich an eine Zeit, in der die Welt noch viel einfacher schien.«

»Wenn es so ist, darfst du natürlich gern dabei bleiben.« Agnes drückte liebevoll Hazels Arm, als sie den Parkplatz erreichten.

Eine Weile schwiegen beide, während sie die schmale zweispurige Straße entlangfuhren, die sich an die Küstenlinie schmiegte, vorbei an Weiden, moosbewachsenen Felsen und Gruppen von dürren Birken, bis Hazel schließlich das Schweigen brach.

»Ich habe für dich das Gästezimmer hergerichtet. Es wird dir gefallen. Wir haben es erst vor einem Monat renoviert.«

»Meinst du nicht, es wäre besser, wenn ich vielleicht ins Hotel …« Weiter kam Agnes nicht, denn Hazel widersprach vehement.

»Kommt gar nicht in die Tüte, Tante Agnes. Du bleibst bei uns.«

Agnes lächelte.

»Danke. Aber dann übernehme ich das Einkaufen und Kochen.«

»Das nehmen wir gern an. Ich schlafe zurzeit auch bei Mum und Dad. Ich kann sie jetzt nicht allein lassen. Bei mir würde ich ohnehin nur herumsitzen und die Wände anstarren.«

Die Straße verengte sich auf eine Spur und wand sich durch einen schmalen Streifen Kiefernwald. Hazel drosselte das Tempo und blickte konzentriert auf die Straße. Ein Großteil der Straßen auf der Insel war immer noch einspurig, oft schwer einzusehen, und man musste mit Schafen und Rindern auf der Fahrbahn rechnen. Tödliche Unfälle jedoch waren selten.

»Wie ist es denn passiert? Ein Tier?«

Diese Frage spukte Agnes im Kopf herum, seit sie aus der Zeitung von dem Unfall erfahren hatte. Details hatte der Bericht nicht genannt.

Hazel schüttelte den Kopf und presste für einen Moment die Lippen zusammen.

»Nein. Kein Tier. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist, aber Neil hatte allem Anschein nach getrunken. Es kommt mir alles so surreal vor. Er kam von Dervaig. Die Sicht war schlecht, die Straße rutschig. Es hatte den ganzen Tag geregnet und schüttete immer noch.«

Hazel hielt das Lenkrad fest umklammert und rang sichtlich um Fassung.

»Warum ist er bloß mitten in der Nacht bei so einem Wetter ins Auto gestiegen? Ich begreife das nicht!«

»Wie schrecklich, Hazel! Ich kann mir das auch überhaupt nicht vorstellen.«

Agnes zupfte an ihrem Schal. Ihr war unangenehm bewusst, dass es einfach nichts Passendes zu sagen gab, wenn ein so junger Mensch starb.

»Sie haben ihn noch nach Craignure gebracht, aber dort konnte man nichts mehr für ihn tun.«

Hazels Stimme zitterte. »Ich habe dir erzählt, dass er zu mir wollte?«

Agnes wandte ruckartig den Kopf und starrte Hazel ungläubig an.

»Nein, das wusste ich nicht. Hast du eine Ahnung, warum?«

Hazels Finger trommelten nervös auf dem Lenkrad herum. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich weiß nur, dass er zu mir wollte. Er hat mich aus dem Auto angerufen.«

Ein entsetzter Laut entfuhr Agnes und sie schlug die Hand vor den Mund. Gleichzeitig bereute sie es. Es musste schlimm genug für Hazel sein. Ihr sichtbares Entsetzen machte es ganz sicher nicht besser. Sie schluckte.

»Du meinst, bevor …?«

»Natürlich habe ich gesagt, er solle sofort anhalten. Aber er klang ganz aufgeregt, sagte, er habe eine wichtige Entscheidung getroffen und müsse dringend mit mir sprechen.«

»Oh Hazel, das ist ja furchtbar! Hast du irgendeine Ahnung, worum es ging?«

»Keinen Schimmer. Ich zerbreche mir schon die ganze Zeit den Kopf darüber. Vielleicht war es gar nichts Wichtiges. Schließlich war er betrunken.«

Hazel schluckte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.

»Ich werde es wohl nie mehr erfahren.«

Stumm legte ihr Agnes die Hand auf den Unterarm, während Hazel den Wagen in eine Ausbuchtung lenkte, um einen entgegenkommenden Transporter passieren zu lassen.

»Wann soll die Beerdigung stattfinden?«, wollte Agnes wissen. »Kann ich euch dabei irgendwie helfen?«

»Darüber haben wir uns bisher kaum Gedanken gemacht. Sobald die Polizei seine … seinen … sobald sie ihn zur Beisetzung freigegeben haben, schätze ich. Sie untersuchen noch, ob es wirklich ein Unfall war oder er womöglich …«

Hazel sprach nicht weiter und lenkte den Wagen wieder auf die Straße.

»Verstehe. Sie glauben, er könnte den Unfall absichtlich verursacht haben? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Agnes strich sich eine Strähne ihres aschblonden Pagenkopfes hinter das Ohr. Sie war selten um Worte verlegen, aber das Gehörte machte sie zunehmend sprachlos. Sie hatte Effys Sohn seit Jahren nicht gesehen, doch sie erinnerte sich an ihn noch als fröhlichen, stets etwas frechen Teenager, und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er einfach aufgehört hatte zu existieren. Wie mochte es erst für Effy, Charlie und Hazel sein, die ihm so viel näherstanden?

Hazel zog die Schultern hoch. Sie wischte sich erneut über die Augen. Ihre Stimme klang kraftlos.

»Neil hatte seine Phasen. Nachdem er nach Glasgow gegangen war, gab es immer mal wieder richtig schwarze Zeiten. Und getrunken hat er auch zu viel. Aber er hat sich immer irgendwie gefangen. Seit er zurück auf der Insel war, hatte ich den Eindruck, er wäre wirklich auf einem guten Weg. Er wollte ganz neu durchstarten, hatte Pläne. Können wir uns denn alle so getäuscht haben?«

»Das glaube ich nicht. Die Untersuchung ist sicher bloß Routine«, versuchte Agnes die junge Frau zu beruhigen.

»Hätte er doch auf mich gehört! Wenn er nur das verfluchte Telefon zur Seite gelegt und angehalten hätte.«

Hazel fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.

»Ich hätte auflegen sollen, anstatt auf ihn einzureden. Wer weiß, vielleicht wäre er dann noch am Leben.«

»So etwas darfst du nicht einmal denken!«

Agnes fühlte sich ohnmächtig. Zu gern hätte sie Hazel diese Gedanken ausgeredet. Doch sie wusste, dass es wenig Zweck hatte. Die quälenden Fragen in Hazels Kopf würden so schnell nicht verstummen.

»Es ist nicht deine Schuld, Liebes.«

»Ich weiß.« Hazel nickte, und eine rote Strähne fiel ihr in ihre Stirn. Sie verzog den Mund.

»Glaube ich jedenfalls. Ich denke bloß ständig darüber nach, ob ich es nicht irgendwie hätte verhindern können, wenn ich anders reagiert hätte. Das Gespräch brach irgendwann einfach ab. Vielleicht hatte er aufgelegt, vielleicht war es ein Funkloch. Der Handyempfang ist hier schließlich nicht besonders zuverlässig, wie du weißt.«

Agnes versuchte, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, um Hazel nicht noch mehr aufzuwühlen.

»Das Problem hatte ich noch nicht, als ich hier gelebt habe. Aber ich bin auch immer froh, wenn die Zivilisation mich wiederhat.«

»Wann bist du weggezogen? Ich erinnere mich nicht mehr so genau. Ich muss so ungefähr zehn gewesen sein. Kurz nach der Jahrtausendwende, oder?«

»Oktober 2001. Mein erstes Handy habe ich mir erst zwei Jahre später gekauft. Und jetzt kann ich nicht mehr ohne.« Sie klopfte auf ihre Handtasche. Ein auffälliges Stück in Apfelgrün mit einem pinkfarbenen Griff.

»Das ist eine starke Tasche, Tante Agnes.«

Hazel lächelte kurz. Sie hatte sich immer für den extravaganten Modestil ihrer Patentante begeistern können.

»Die hab ich auf einem Kunstgewerbemarkt erstanden. Ich konnte einfach nicht dran vorbeigehen. Du kennst mich ja.« Sie seufzte.

»Fünfzehn Jahre schon. Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Und jetzt sieh dich an: eine erwachsene Frau. Die Welt hat sich ganz schön verändert, nicht wahr? Manchmal habe ich das Gefühl, ich komme da gar nicht mehr mit«, sagte Agnes nachdenklich.

»Das ist aber keine Sache des Alters. Wenn ich die Nachrichten ansehe, glaube ich auch, ich bin in so einer Art Paralleluniversum gelandet.«

Ein Mutterschaf mit Lamm kreuzte gemächlich die Straße. Hazel bremste ab und hupte kurz.

»Nur hier schien die Welt noch vollkommen in Ordnung, bis …« Sie sprach nicht weiter.

Es war eigentlich nicht Agnes‘ Art, darüber zu jammern, dass früher alles besser gewesen sei. Doch in letzter Zeit ertappte sie sich häufiger dabei. Vielleicht setzte ihr einfach die Pensionierung zu, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Sie hatte immer noch so viele Pläne, so viele Projekte und Ideen gehabt, und jetzt kam es ihr manchmal so vor, als laufe alles nur noch auf das Ende zu. Der Gedanke machte ihr Angst.

Die weißen, schiefergedeckten Häuschen der Ortschaft Salen huschten am Fenster vorbei, und die Straße verlief eine Weile parallel zur Küste. Rechts trennte sie nur ein schmaler Streifen Salzwiese von der Salen Bay, einzelne Schafe grasten dort und bildeten weiße Tupfen vor dem Blau der Bucht. Die verwitterten Überreste einiger Fischerboote ragten wie Skelette in den Sommerhimmel und verliehen der Landschaft etwas Melancholisches.

 

 3 

Über zwanzig Jahre lang war ihr Zuhause keine fünf Minuten Fußweg von hier entfernt gewesen, und doch fühlte sich Agnes seltsam fremd, als sie vor dem hübschen, orange gestrichenen Haus in der Breadalbane Street anhielten. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Charlies Van parkte in der Einfahrt und aus dem Schuppen neben dem Haus drangen Scheppern und Klappern.

»Dad?«, rief Hazel. »Agnes ist hier.«

Das Scheppern hörte auf und die kräftige Gestalt von Charlie Thorburn erschien in der Schuppentür. Er wischte mit dem Handrücken einige Schweißperlen von der Stirn. Die wenigen verbliebenen roten Haare wirkten wie ein Flammenkranz um die immer lichter werdende Mitte. Er stellte seinen Werkzeugkoffer neben dem Van ab, um Agnes zu begrüßen.

»Gut siehst du aus, Agnes. Du hast dich kaum verändert.« Charlie brachte ein kurzes Lächeln zustande. Dann deutete er mit dem Kinn auf eines der Fenster im zweiten Stock. »Effy schläft endlich. Ich konnte sie überreden, eine von den Pillen zu nehmen, die Doktor McInnes ihr verschrieben hat.«

Mit seiner bulligen Gestalt wirkte Charlie wie ein unverrückbarer Fels. Doch wer ihn gut kannte, konnte sehen, dass auch er angeschlagen war. Er wirkte kraftlos, weniger aufrecht, als Agnes ihn kannte.

»Das wird ihr guttun«, entgegnete Agnes. »Und wie geht es dir?«

Charlie zuckte beinahe hilflos mit den Schultern.

»Ehrlich gesagt, habe ich es noch gar nicht richtig begriffen, weißt du? Ich mach` halt irgendwie weiter, nicht?«

Agnes zog die Brauen zusammen und drückte noch einmal seine Hand.

»Es tut mir so leid, Charlie. Wenn ich irgendetwas für euch tun kann, lasst es mich bitte wissen, ja?«

»Danke, Agnes. Ich bin froh, dass du kommen konntest. Effy wird es guttun. Es vergeht noch immer kein Tag, an dem sie dich nicht vermisst.«

»Ich vermisse euch doch auch. Aber … na ja, es war für mich leichter so.«

Charlie nickte.

»Sollte auch kein Vorwurf sein. Ich hoffe, das weißt du. Ich meine nur, es wird Effy schon helfen, dass du da bist.«

Hazel hatte die Stirn in Falten gelegt und deutete auf den Werkzeugkasten neben dem Wagen.

»Gehst du arbeiten?«

»Bei Hendersons regnet es rein. Ich hab versprochen, ich gucke mir das mal an.«

»Du bist nicht der einzige Dachdecker auf der Insel, weißt du?« Hazels Ton war vorwurfsvoll.

Charlies breite Schultern zuckten in einer Geste der Resignation.

»Deine Mutter schläft jetzt, und dass ich zu Hause herumsitze, während es bei Jean Henderson durchs Dach tropft, macht die Dinge auch nicht besser, nicht wahr?«

»Schon gut. Tut mir leid, Dad.«

Hazel malte mit der Schuhspitze einen Halbkreis in den Kies der Einfahrt. Sie tauschte einen Blick mit ihrem Vater, der ihre tiefe Vertrautheit erkennen ließ. Sie schien begriffen zu haben, dass dies einfach Charlies Art war, mit Neils Tod umzugehen.

»Komm. Wir gehen ins Haus«, wandte sie sich an Agnes. «Ich trage deinen Koffer hoch.«

»Lass nur, Hazel. Ich kann das selbst.«

Agnes mochte es nicht, zum Nichtstun verurteilt zu werden. Sie war es gewöhnt, immer irgendeiner mehr oder weniger sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Schon allein deshalb graute ihr vor dem Rentnerdasein. Resolut griff sie nach dem Koffer, doch Hazel ließ den Griff nicht los.

»Wie du dich vielleicht noch erinnerst, kann ich genauso stur sein wie mein Vater.« Hazel deutete zu Charlie, der inzwischen damit begonnen hatte, den Van zu beladen.

»Dann koche ich uns in der Zwischenzeit einen Tee.«

Agnes füllte den Wasserkocher und klappte einige Schranktüren auf, bis sie gefunden hatte, was sie suchte. Viel hatte sich im Haus ihrer Freundin nicht verändert. Es war immer noch so altmodisch und spießig, wie sie es in Erinnerung hatte. Bloß, dass sie es heute mit anderen Augen betrachtete.

Effys Haus war bis in den letzten Winkel mit Wärme und Liebe gefüllt. Sie steckten in den akkurat in Falten gelegten Vorhängen, dem kitschigen, geblümten Geschirr, jedem hässlichen Häkeldeckchen. Es war nicht nur ein Haus, es war ein Zuhause und es hatte Zeiten gegeben, da hatte Agnes ihre Freundin um all das beneidet. Wer weiß, wie ihr Leben heute ausgesehen hätte, wenn sie und John Eltern geworden wären?

Agnes, die gedankenverloren die Kette aus buntem Muranoglas um ihren Finger gewickelt hatte, ließ sie los und schüttelte kurz den Kopf, als wolle sie sich selbst zur Ordnung rufen. Es war müßig, über all die Wenns und Hättes des Lebens nachzudenken.

Sie goss Wasser in die Kanne, und während der Tee zog, nahm Agnes sich des traurigen Hortensiensträußchens an, das auf dem Küchentisch vor sich hinwelkte. Die vertrockneten Blüten beförderte sie in den Abfall und wusch die Vase aus. Später würde sie im Garten ein paar frische holen. Bunte Blumen würden ein bisschen Normalität ins Haus bringen.

Während sie das Teetablett in den Wintergarten trug, konnte sie Hazels Schritte auf der Treppe hören.

»Ich mache mich nur schnell frisch und bin dann gleich bei dir, Tante Agnes.«

Agnes stellte das Tablett auf dem Couchtisch ab und schaute hinaus. Gras und Büsche waren saftig grün und in den sorgsam gepflegten Blumenbeeten überboten sich die Blüten in ihrem sommerlichen Farbenrausch. Über das glitzernde Wasser der Bucht hinweg konnte man die in Nebel gehüllten Hügel von Morvern erkennen. Dieser Blick war eines der Dinge, die sie in Edinburgh vermisste.

Effy würde allerdings auch der atemberaubende Blick nicht trösten können. Agnes konnte ahnen, wie es ihr gehen mochte. In fünfzehn Jahren an einer Schule mit Internatsbetrieb konnte man nicht vermeiden, oft wie eine Mutter zu fühlen, auch wenn man keine eigenen Kinder hatte. Man nahm dort deutlich mehr Anteil am Leben der Schüler.

Hazel erschien in der Tür und Agnes machte sich daran, Tee in Effys geblümte Tassen zu gießen.

»Nimmst du Milch oder Zucker?«

»Nur etwas Milch, bitte.«

Hazel setzte sich und zog ein Bein unter ihren Körper.

»Egal, was ich tue, ich komme mir irgendwie unanständig vor. Es erscheint mir so banal, all diese Dinge zu tun, während Neil tot ist. Verstehst du, was ich meine?«

Agnes setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand.

»Nur zu gut. Man glaubt, die Welt müsste aufhören, sich zu drehen. Doch das Leben geht einfach weiter.«

»Wie hast du das damals nur geschafft?«

Agnes fühlte einen Kloß im Hals. Auch nach Jahren fiel es ihr schwer, an die Zeit direkt nach Johns Tod zu denken.

»Es ist anfangs schwer auszuhalten, dass die Welt einfach weitermacht, als sei nichts geschehen. Aber davon, dass ihr aufhört, euer Leben zu leben, wird Neil nicht wieder lebendig. Es klingt platt, aber die Zeit macht es besser. Konzentrier dich auf die Lebenden. Es gibt immer Menschen, die dich brauchen und Leute, die jetzt für euch da sind. Ich hatte deine Mutter. Sie war einfach da. Auch wenn ich manchmal regelrecht eklig zu ihr war. Ich war so wütend und verzweifelt. Sie hat es verstanden und mich nicht allein gelassen mit all dem.«

Hazel wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Das Schrecklichste ist für mich die Vorstellung, er könnte es absichtlich getan haben.«

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verdrängen.

»Als er nach dem Schulabschluss nach Glasgow ging, haben wir den Draht zueinander verloren. Gerade hatten wir damit begonnen, uns wieder anzunähern, weißt du? Er hat davon gesprochen, dass er ganz neu durchstarten wolle. Er wirkte optimistisch, nicht lebensmüde.«

»Die Polizei muss eben jeden Zweifel ausräumen. Sicher werden sie zu dem Schluss kommen, dass es ein Unfall war.« Agnes nahm einen Schluck Tee.

»Trotzdem frage ich mich, ob wir Neils depressive Phasen unterschätzt haben. Warum steigt man mitten in der Nacht ins Auto? Allerdings klang er nicht resigniert, eher aufgekratzt, beinahe enthusiastisch. Ich kann mir bloß keinen Reim darauf machen, was er mir so Dringendes erzählen wollte. Es hätte doch Zeit gehabt.«

Agnes zog die Stirn kraus. »Hat er mit euch über seine Pläne gesprochen? Ich erinnere mich, dass eure Mutter sich Sorgen gemacht hatte, weil er ihr orientierungslos schien.«

»Er hätte hier wohnen können, aber er wollte auf eigenen Füßen stehen. So ist er bei Peggy Morgan untergekommen. Du kennst sie sicher noch. Sie hat ihm günstig ein Zimmer vermietet. Sie ist einsam und hat Platz. Es war für beide ein guter Deal. Neil hat ihr im Garten und mit Reparaturen geholfen. Zusätzlich hat er sich ein bisschen Geld mit Gelegenheitsjobs verdient, im Café Fish und in Craig Kirkpatricks Bootsverleih. Mir kam es vor, als hätte er dieses Mal die Kurve gekriegt. Konkrete Pläne hatte er keine, soweit ich weiß. Doch er hat davon geträumt, Schriftsteller zu werden.«

»Wirklich? Das wusste ich gar nicht.« Agnes stellte die Teetasse ab. »Was hat er denn geschrieben?«

»Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht so genau. So einen Fantasy-Kram. Er war ja immer ganz verrückt auf diese Sci-Fi und Fantasy-Schinken. Ich muss zugeben, dass ich seine Pläne nicht ganz ernstgenommen habe. Im Nachhinein fühle ich mich schrecklich deswegen. Neil hätte jemanden gebrauchen können, der ihn aufbaut und an ihn glaubt. Er hatte immer diese Selbstzweifel. Warum habe ich ihn nicht mehr unterstützt oder ihn mal danach gefragt, woran er gerade arbeitet?« Agnes konnte wieder Tränen in Hazels Augen sehen.

»Fang gar nicht erst an, dich ständig zu fragen, was wäre wenn. Du wirst dich nur mit Selbstvorwürfen zerfleischen, Hazel.«

Hazel schniefte und schaffte es, kurz zu lächeln.

»Es tut gut, über alles zu sprechen, Tante Agnes. Aber diese Fragen in meinem Kopf kann ich einfach nicht ausblenden.«

»Leider müssen wir lernen, mit unseren Fragezeichen zu leben, denn es gibt nicht auf alles eine Antwort.«

»Ich werde es versuchen.« Hazel presste die Lippen zusammen und nickte.

»Weißt du was?«

Agnes hatte beschlossen, dass tatkräftige Unterstützung den Thorburns die größte Hilfe sein würde.

»Ich schaue gleich mal, was euer Kühlschrank und der Vorratsschrank noch hergeben. Danach gehe ich einkaufen und koche euch für heute Abend eine kräftige Hühnersuppe. Vielleicht kann ich deine Mutter überreden, ein bisschen zu essen. Schließlich muss sie bei Kräften bleiben.«

Hazel nahm das Tablett und folgte Agnes in die Küche. Sie drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

»Du bist die Beste, Tante Agnes. Ich bin froh, dass du da bist.«

Es war eigentlich nur ein kurzer Fußweg zu dem kleinen Supermarkt am Fisherman’s Pier, doch Agnes brauchte eine halbe Stunde, weil sie immer wieder stehen bleiben musste, um alte Bekannte zu begrüßen. Das blieb nicht aus, wenn man fast ein Vierteljahrhundert an der einzigen weiterführenden Schule im Ort unterrichtet hatte. Viele, die ihr heute begegneten, hatte sie schon als naseweise Knirpse mit aufgeschürften Knien und schmutzigen Gesichtern gekannt. Später hatten sie dann mit ihren blaugestreiften Krawatten bei ihr im Unterricht gesessen. In einem Ort mit knapp unter tausend Einwohnern verbreiteten sich Nachrichten schneller als ein Buschfeuer, und natürlich hatten alle bereits von dem Unfall gehört.

Im Laden nahm Agnes sich einen Einkaufskorb und zog die Liste aus ihrer Jackentasche.

»Guten Abend, Mrs Munro! Wie schön, Sie mal wieder hier zu sehen.«

Agnes blickte von ihrem Zettel auf und erkannte Norman Willies, den Inhaber des Ladens, der früher ebenfalls bei ihr im Unterricht gesessen hatte.

»Was verschlägt Sie denn so schnell wieder …«

Norman unterbrach sich und schob mit dem Zeigefinger die kleine Nickelbrille hoch.

»Natürlich. Wie taktlos von mir. Schlimme Sache, das mit Neil Thorburn. Er war noch gar nicht so lange wieder hier und dann das! War noch eine ganze Ecke jünger als ich, möchte ich meinen. Tragisch so etwas. Wie geht es Effy, Charlie und Hazel?«

Agnes zog die Schultern nach vorn.

»Nicht besonders gut, fürchte ich. Ich bin hier, um die drei ein wenig zu unterstützen.«

»Das ist gut, Mrs M. Das ist wirklich gut, wenn Sie den Thorburns ein bisschen unter die Arme greifen in so einer schweren Zeit. Kann ich irgendwas für Sie tun?«

»Ehrlich gesagt ja. Es würde mir helfen, wenn jemand die Milch und die Getränke liefern könnte. Ich bin zu Fuß und kann nicht mehr so schwer tragen.« Sie rieb über ihre Schulter. »Tja, der Zahn der Zeit nagt wohl auch an mir.«

»Hören Sie auf, Mrs Munro. Sie sehen topfit aus und schick wie eh und je. Ich schicke Ihnen gleich Tom rauf, wenn er aus der Pause zurück ist. Wissen Sie schon, wann Neils Beerdigung ist?«

»Nein. Leider nicht. Die Polizei hat die Untersuchungen offenbar noch nicht ganz abgeschlossen.«

»Verstehe. Glauben Sie, Effy würde sich über ein paar Blumen freuen? Dann gebe ich Tom nachher einen Strauß mit.«

»Ehrlich gesagt habe ich Effy noch gar nicht gesprochen. Als ich ankam, schlief sie. Aber frische Blumen hat sie schon immer gern gehabt. Schaden können sie bestimmt nicht. Danke, Norman.«

An der Kasse ließ Agnes die schwereren Artikel für die spätere Lieferung in einen Karton packen und machte sich mit den Zutaten für die Hühnersuppe und ein paar Kleinigkeiten in der Einkaufstasche auf den Rückweg.

Das Haus war ungewöhnlich still. Charlie schien immer noch unterwegs zu sein, und Hazel hatte sich in den Wintergarten zurückgezogen. Offenbar war ihr gerade auch nicht nach Gesellschaft zumute. Agnes packte derweil die Einkäufe aus und machte sich ans Kochen.

Etwas später köchelte die Suppe auf dem Herd und verströmte einen Duft, den Agnes aus Kindertagen kannte. Immer wenn sie krank oder traurig war, hatte ihre Mutter eine kräftigende Suppe gekocht. Eine der wenigen mütterlichen Anwandlungen, die sie überhaupt gehabt hatte.

Vielleicht konnte sie ihre Freundin damit zum Essen bewegen. Sie stieg die steile Treppe in den ersten Stock hoch und klopfte zaghaft an die Schlafzimmertür.

»Effy? Bist du wach? Ich bin es, Agnes.«

Von drinnen waren das Rascheln der Bettdecke und das Klicken der Nachttischlampe zu hören.

»Agnes?«

Effys klang müde, ihre Stimme heiser.

»Komm herein.«

Agnes betrat das abgedunkelte Zimmer und blieb kurz vor dem Bett stehen. Ihre Freundin hatte sich aufgesetzt und die Decke zurückgeschlagen. Ihr ohnehin schmales Gesicht war blass und wirkte hohlwangig. Das von feinen, grauen Strähnen durchzogene braune Haar stand wirr vom Kopf ab. Effy machte einen erbärmlichen Eindruck, der Agnes das Herz zusammenzog.

Schweigend setzte sie sich auf die Bettkante und nahm die Hände ihrer Freundin. Feingliedrig und schmal wie Effy selbst, fühlten sie sich kraftlos an zwischen Agnes` warmen, kräftigen Handflächen. Effy war immer zart gewesen, doch strahlte sie sonst Zähigkeit und Stärke aus, die ihr nun fehlten.

Noch nie war Agnes ihre Freundin so zerbrechlich erschienen. Effy war noch drei Jahre jünger, gerade einmal Anfang sechzig. Doch in diesem Moment sah sie wirklich aus wie eine alte Frau. Eine ganze Weile saßen die Freundinnen einfach nur da.

»Ich bin froh, dass du da bist«, sagte Effy leise.

Agnes lächelte und drückte ihre Hände.

»Du solltest etwas essen. Ich habe eine Hühnersuppe gemacht. Soll ich dir einen Teller bringen?«

Effy schüttelte den Kopf.

»Ich kann mich nicht ewig hier verkriechen, nicht wahr?« Agnes konnte spüren, wie ihre Freundin die Schultern straffte. Als sie jetzt wieder sprach, klang ihre Stimme merklich kräftiger.

»Du findest, ich sollte mich zusammenreißen, nicht?«

Agnes schüttelte den Kopf.

»Nein. Wie käme ich dazu? Ich habe doch selbst weiß Gott keine Tapferkeitsmedaille verdient. Aber Hazel hat sich Sorgen gemacht. Sie braucht dich. Genau wie Charlie.«

»Erinnerst du dich noch, wie viel Hazel und ich früher gestritten haben? Als sie ein Teenager war?«, fragte Effy.

»Oh ja. Da ging es manchmal rund.« Agnes lachte kurz.

»Sie war so rebellisch und hat mich immer auf die Palme gebracht. Und du hast immer zu ihr gehalten!«

»Das ist nicht wahr!«, protestierte Agnes. »Nicht immer.«

»Du warst einfach gelassener. Ich habe mir immer schreckliche Sorgen um meine beiden gemacht, dass sie mal auf die schiefe Bahn gelangen könnten. Man glaubt, man kann seine Kinder beschützen, und dann passiert so etwas.«

»Effy, du bist eine tolle Mutter. Das warst du immer schon. Ich hätte mir so eine gewünscht.«

»Bloß wie viel Zeit habe ich damit verschwendet, mit Neil und Hazel zu streiten? Dabei sind sie beide tolle Kinder. Ich bin so stolz auf sie. War … ich wünschte, dass ich es Neil öfter gesagt hätte. Und jetzt ist es zu spät dafür.«

Effy atmete tief ein und wischte sich über die Augen.

»Er war immer so verschlossen, vielleicht hat er das von seinem Vater. Wir haben nie viel über Gefühle gesprochen. Ich habe ihn damit verschont, weil ich dachte, es ist ihm unangenehm. Und jetzt frage ich mich, ob ich ihm nicht öfter hätte sagen müssen, dass ich ihn liebe und dass ich stolz auf ihn war – trotz aller Schwierigkeiten.«

»Er wusste das. Du hast es ihn immer spüren lassen. Außerdem glaube ich fest, dass er dich auch jetzt noch hört – wo immer er ist.«

»Reverend Fletcher war hier. Ich habe ihn weggeschickt, wollte nicht mit ihm sprechen. Hab mir ja nie viel aus der Kirche gemacht. Und plötzlich wünsche ich mir jemanden, der mich überzeugen kann, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass wir uns dort alle wiedersehen. Vielleicht sollte ich ihn anrufen.«

»Schaden kann es jedenfalls nicht«, fand Agnes. »Andrew hat mir damals in der schweren Zeit sehr geholfen. Aber erst einmal musst du wirklich etwas essen. Und du solltest Hazel sagen, was du mir gerade gesagt hast. Sie braucht dich, Effy.«

»Du hast recht. Gib mir eine Viertelstunde.« Effy deutete auf ihren Kopf. »Ich sehe sicher aus wie eine Vogelscheuche.«


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Die gebürtige Westfälin Dorothea Stiller entdeckte schon früh ihre Liebe zum geschriebenen Wort und zur Sprache. Nach dem Studium der Anglistik und Germanistik arbeitete sie zunächst fünfzehn Jahre als Lehrerin, bis sie ihre große Leidenschaft zum Beruf machte und seither als freiberufliche Autorin, Lektorin und Übersetzerin sowie Dozentin für Kreatives Schreiben und Literatur ihre Brötchen verdient. Die zweifache Mutter lebt mit ihrer Familie und Katze »Schnappi« am Rande des Ruhrgebiets und fühlt sich in verschiedenen Genres – ob Liebesroman, Historisches, Krimi oder Jugendbuch – zu Hause.