Jenseits der Nacht

Teil 1

Stromschnellen

Birds on the roof of my mother’s house 

I’ve no stones to chase them away 

Birds on the roof of my mother’s house 

Will sit on my roof someday

(Sting, The Lazarus Heart)

 

1

Lisas Job eignete sich hervorragend, um zu testen, wie lange man ohne Schlaf überleben konnte, bevor man durchdrehte. Die flirrenden Schatten, die ihr durch die Korridore der Virchow-Klinik folgten, waren keine zum Leben erwachten Fetzen der Dunkelheit, sondern Auswirkungen einer 16-Stunden-Schicht in der Notaufnahme. Ihre überreizten Nerven formten sie zu Geistern, die in den Eingeweiden des alten Gebäudes hausten. Vom Neid auf Licht und Lebendigkeit genährt, schienen sie jeden ihrer Schritte zu begleiten.

Die meisten ihrer Kollegen behaupteten, dass jenseits der Schwelle zwischen Leben und Tod nichts existierte. Als Unfallärztin hatte sie jedoch genug Erfahrungen mit Sterbenden gesammelt, um daran zu zweifeln. Vielleicht war der Tod nicht das Ende. Immer wieder hatten Patienten die letzte Grenze überschritten und waren zurückgekehrt. Danach blieben sie allein mit ihren Erlebnissen zurück, die zuweilen angsteinflößend und verstörend waren. Die meisten schwiegen, weil sie das mitleidsvolle Kopfschütteln der Ärzte fürchteten, die kühlen Erklärungen, die ihre Visionen als eine durch Sauerstoffmangel hervorgerufene Trance abtaten. Als eine Art letzte Firewall des Gehirns, mit der die Psyche die Unbegreiflichkeit der eigenen Nichtexistenz abzuwehren versuchte.

Ermutigte Lisa sie zum Reden, beschrieben sie Szenen der Operation oder Teile von Gesprächen, die im OP-Saal stattgefunden hatten. Sie hatte keine Erklärung dafür, woher die Menschen ihre Erinnerungen bezogen. Ihr Bewusstsein und damit auch ihre Sinne waren während der Narkose vorübergehend erloschen, daher konnten sie nicht wissen, was in dieser Zeit geschehen war. Und doch erinnerten sich manche von ihnen an verstörend präzise Einzelheiten.

Vor einigen Wochen hatte Lisa auf einem der Instrumentenschränke im OP-Saal 1 das Foto einer Katze versteckt. Es war nur zu erkennen, wenn man gegen alle Naturgesetze verstieß und körperlos unter der Decke schwebte. Bisher hatte es keiner der Wiederbelebten erwähnt. Waren die Nahtodberichte doch nur tröstende Bilder, die den Übergang ins Nichts erleichtern sollten?

„Frau Dr. Wegener?“

Kohlmeyers Bassstimme dröhnte von den Wänden des Korridors wider. Lisa eilte weiter, als hätte sie den Chefarzt nicht gehört. Er neigte zur Geschwätzigkeit, und ein Plausch unter Kollegen war das Letzte, was sie in diesem Augenblick gebrauchen konnte.

„Frau Dr. Wegener!“

Sie blieb stehen, denn selbst ein Taubstummer hätte Kohlmeyer nicht überhören können.

„Auf ein Wort“, sagte er.

Lisa ballte die Fäuste in den Taschen ihres Arztkittels und drehte sich um. „Was kann ich für Sie tun, Herr Professor?“

„Alles in Ordnung?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ja. Alles bestens. Warum fragen Sie?“

Er blieb dicht vor ihr stehen. Kohlmeyer war kantig wie ein Bauernschrank und beinahe zwei Meter groß. Seine graublauen Augen unter den dichten Brauen musterten sie besorgt.

„Sie sehen müde aus, ein bisschen blass um die Nase.“

„Das kommt vom Neonlicht. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?“

„Sie sind eine hervorragende Ärztin, Frau Dr. Wegener.“

„Danke. Ich tue, was ich kann.“

„Mehr als das, scheint mir. Machen Sie für heute Schluss.“

Der Piepser, der mit einer Klemme an der Brusttasche ihres Arztkittels befestigt war, meldete sich.

„Ich fürchte, der Feierabend muss noch etwas warten, ich muss in die Ambulanz. Wenn Sie mich entschuldigen?“

„Ich übernehme das. Sie sind für den Rest der Woche beurlaubt.“

„Ich brauche keinen Urlaub. Ich …“

„Keine Widerrede. Schlafen Sie sich mal richtig aus.“

„Ich komme gerade aus dem Ruheraum.“

Kohlmeyer stieß pfeifend den Atem aus. „Eine Stunde auf der Pritsche, was?“

„Mir reicht’s.“

„Mir auch. Das ist eine dienstliche Anweisung.“

Sie setzte zu einer Erwiderung an, aber der Professor kam ihr zuvor.

„Sie können nicht jedes Leben retten und auch keine Wunder vollbringen. Unsere Macht ist begrenzt. Auch die Ihre.“

„Das ist mir klar.“

„Tatsächlich? Ich hörte von Ihren Wetten.“

Verärgert presste sie die Lippen aufeinander. Woher wusste Kohlmeyer davon? Sie hatte niemandem etwas davon erzählt.

„Die Leute reden viel“, sagte sie hastig.

„Machen Sie mir nichts vor. Ich weiß genau, wie Sie empfinden. Als ich ein junger Arzt war, erging es mir genauso. Legen Sie Ihre Hybris ab, oder sie wird Sie zerstören. Wenn Sie mit dem lieben Gott um jede Seele kämpfen wollen, können Sie nur verlieren.“

Wütend verpasste sie einem leeren Gestellwagen einen Fußtritt. Plastiktabletts und Nierenschalen verteilten sich scheppernd auf dem Linoleumboden.

„Sie war erst neunzehn.“

„Lisa! Wo bleibt Ihre Beherrschung?“

Kohlmeyer sprach stets leise und wohl moduliert. Doch nun nahm seine Stimme einen schneidenden Ton an. „Sie gehen zu oft an Ihre Grenzen – und darüber hinaus. Warum nur laden Sie ständig viel zu schwere Lasten auf Ihre schmalen Schultern?“

„Ich weiß, was ich mir zumuten kann.“

„Tatsächlich? Und wenn Sie sich überschätzen? Heute haben Sie alles richtig gemacht und doch verloren. Aber irgendwann werden Sie aus Übermüdung einen Fehler begehen; in einem Moment, der alles entscheiden kann. Ich brauche Sie im Vollbesitz Ihrer Kräfte, mit einem scharfen und wachen Verstand. Eine ausgebrannte Ärztin stellt eine Gefahr für unsere Patienten dar … und für die Klinik.“

„Halten Sie mich für unprofessionell?“

„Wie würden Sie es nennen, wenn ein Mitarbeiter Ihres Teams die Decke des OP-Saals anbrüllt: Du kriegst sie nicht. Ich nehm sie dir wieder ab, du Arschloch!“ Er schüttelte den Kopf. „Woher rührt nur diese Verbissenheit in Ihnen?“

„Ich bin nicht … verbissen.“

Kohlmeyer schmunzelte. „Ein Terrier, der eine Fährte aufgenommen hat, steht Ihrer Entschlossenheit in nichts nach.“

„Haben Sie schon mal erlebt, wie ein Mukoviszidose-Patient erstickt, und Sie können nichts tun, um es zu verhindern?“, konterte Lisa.

„Wir sind Ärzte, keine Hexenmeister. Der Tod gehört zum Leben und …“

„Erzählen Sie das den Eltern des Mädchens.“

Er nickte bedächtig. „Das werde ich tun müssen. Gehen Sie jetzt nach Hause und spannen Sie ein paar Tage aus.“

Lisa bohrte mit ihrem Blick ein Loch in die Wand. „Wenn wir nur die Zeit für einen Patienten so lange anhalten könnten, bis wir ein Heilmittel gefunden hätten …“, überlegte sie. „Vielleicht werden wir irgendwann so weit sein.“

Kohlmeyer schüttelte bedauernd den Kopf. „Den Tod werden wir trotzdem nicht besiegen.“

„Wirklich nicht? Es gibt immer einen Weg.“

„Reden Sie von van Dyck?“ Sein Blick verdüsterte sich. „Er ist äußerst zielstrebig und ehrgeizig. Aber auch egozentrisch und unbeherrscht. Er hat etwas … Diabolisches an sich, finden Sie nicht?“

„Nein, ich finde ihn sehr sympathisch“, antwortete Lisa, „entschuldigen Sie mich jetzt bitte.“

„Warten Sie.“

Widerwillig blieb sie stehen.

„Was war vorhin in der Cafeteria los?“, fragte Kohlmeyer.

„Nichts.“

„Dieses Nichts hat aber eine Menge Lärm verursacht.“

„Der Junge, dessen Vater gestorben ist, war wieder da.“

„Ich hatte ihm Hausverbot erteilt“, sagte der Professor.

„Darum forderte ich ihn auf, die Klinik zu verlassen.“

Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Mir gefällt das nicht.“

„Er braucht jemanden, den er verantwortlich machen kann. Es ist seine Art, mit dem Tod fertigzuwerden. Ich würde seine Reaktion nicht überbewerten.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr“, sagte er. „Wollen Sie nicht lieber in der Klinik übernachten? Sie sehen müde aus.“

„Nein, ich bin okay.“

Sie wandte sich um und eilte den Korridor entlang. Ihre Schritte hallten hohl von den Wänden wider, ihr Schatten folgte ihr wie ein großer schwarzer Hund.

Gegen 22:30 Uhr trat sie aus dem Hauptportal der Klinik. Der Tag war drückend schwül gewesen, am späten Abend hatten sich kräftige Gewitter über der Stadt entladen. Am Horizont zuckten noch immer Blitze über den Nachthimmel. Im Schein der Natriumdampflampen fiel der Regen wie ein silbriger Vorhang zu Boden. Lisa sprintete über den Parkplatz zu ihrem Peugeot 207. Die Anstrengung half ihr, den Zorn aus ihrem Kopf zu vertreiben. Aber er würde wiederkommen, in einer Stunde oder morgen früh. Er war immer da und fraß jeden Tag ein Stück ihres Herzens auf. So wie Krebs und Mukoviszidose Sieger blieben, verlor Lisa den Kampf gegen die Wut in ihrem Bauch.

Woher wusste Kohlmeyer von ihren stummen Wettkämpfen mit einem Gott, den sie als erbarmungslos und kaltherzig empfand? An den sie nicht glaubte und der ihr lediglich als Sündenbock diente, wenn sie als Ärztin machtlos war? Seit Monaten trieb sie dieses nutzlose Spiel bei jedem Einsatz, bei jedem Patienten, der auf ihrem Tisch landete. Ihre Bemühungen, das Leben der Unfallopfer zu retten, verwandelten sich mehr und mehr in ein zwanghaftes Anrennen gegen einen Gegner, den sie niemals besiegen konnte. In gewisser Weise glich ihr Bestreben einem Geschicklichkeitsspiel, dessen Reiz darin lag, immer wieder zu versuchen, die Kugel ins Loch zu manövrieren. Ein Spiel, bei dem sie von vornherein wusste, dass sie verlieren würde, weil es die menschlichen Fähigkeiten überstieg.

Sie knallte die Wagentür zu, rammte den Schlüssel ins Schloss und lenkte den Wagen auf die Zufahrtsstraße. Die Scheinwerfer erzeugten gleißende Reflexe auf dem nassen Asphalt. Mit Blütenstaub vermischter Regen legte sich als schmieriger Film über die Windschutzscheibe. Lisa kniff die vor Müdigkeit brennenden Augen zusammen und trieb den Peugeot durch die Regennacht. Sie hätte bis zum Morgen in der Klinik bleiben können, aber der Ruheraum im Untergeschoss besaß den Charme einer Gefängniszelle. Das Brummen der Heizungsanlage und das Rauschen und Gluckern der Abflussrohre störten den Schlaf. Lieber nahm sie trotz ihrer Übermüdung die zwanzigminütige Fahrt nach Weilburg auf sich, wo sie eine Dachgeschosswohnung mit einem winzigen Balkon bewohnte.

Sie verließ Limburg über die B 54 Richtung Norden und beschleunigte, nachdem sie die Stadtgrenzen hinter sich gelassen hatte. Noch immer verfolgte sie das leichenblasse Gesicht des Mädchens, ihr verzweifeltes Ringen nach Luft und die Todesangst in ihren Augen … und ihre eigene Hilflosigkeit. Ein Leben mehr, das sie verloren hatte.

Die Medizin hatte unbestreitbar enorme Fortschritte gemacht, dennoch blieb der Kampf gegen den Tod oft genug aussichtslos. Irgendwann musste sich jeder Mensch der eigenen Endlichkeit stellen.

Lisa erinnerte sich an Kohlmeyers Erwähnung von Vincent van Dyck. Er hatte den Kampf gegen den größten Feind des Menschen aufgenommen. Der Professor hatte ihr den Wissenschaftler auf der Sommerparty im Garten seines Hauses vorgestellt, einem Fest, das er alljährlich für die Mitarbeiter der Virchow-Klinik veranstaltete. Er mochte van Dyck für einen ehrgeizigen Träumer halten, der unweigerlich scheitern würde, Lisa dagegen war von ihm beeindruckt gewesen. Van Dyck war Mitte vierzig, wirkte aber zehn Jahre jünger. Er war schlank und durchtrainiert und besaß einen agilen, federnden Gang. Dazu ein Paar wacher eisgrauer Augen, dichtes blondes Haar und scharf geschnittene, asketische Gesichtszüge. Nicht nur seine äußere Erscheinung zog sie in ihren Bann, sondern auch seine Zielstrebigkeit und die Leidenschaft, mit der er seine verwegenen Ideen vertrat. Van Dyck hatte eine Vision, für die er entschlossen kämpfte. Er wusste, was er erreichen wollte, und ließ sich nicht von Nörglern und Pessimisten aufhalten.

Lisa hatte sich über ihn erkundigt. Sein Start-up-Unternehmen Kryotec hatte ein cleveres Verfahren entwickelt, mit dem Spenderorgane billig eingefroren und selbst nach einem Jahr Lagerung ohne Zellschäden wieder aufgetaut werden konnten. Damit hatte er eine medizinische Revolution ausgelöst und den Börsenwert von Kryotec ins Astronomische gesteigert. Die Kryonik gewann nicht nur in der Medizin immer mehr an Bedeutung. In den USA entwickelte sich ein völlig neuer Wirtschaftszweig. Kryonikfirmen verdienten Millionen damit, Verstorbene einzufrieren. Todkranke erhofften sich, dass die Ärzte sie eines Tages wieder zum Leben erwecken und heilen könnten, wenn Wissenschaft und Technik weit genug fortgeschritten sein würden. Ob van Dyk in diesem Geschäft mitmischte? Lisa fand die Vorstellung absurd. Andererseits … wenn es jemandem gelingen könnte, den Tod zu besiegen, dann hieß er Vincent van Dyck.

Sie bog von der Schnellstraße ab und durchquerte ein dichtes Waldgebiet. Der Regen prasselte mit unverminderter Wucht aus dem pechschwarzen Nachthimmel und verwandelte die Landstraße in einen Tunnel aus waberndem Licht, in dem Abermillionen funkelnde Wassertropfen explodierten. Angestrengt starrte sie zwischen den hin und her pendelnden Scheibenwischern hindurch, die die Fluten kaum bändigen konnten. Der Lichttunnel lenkte ihre Gedanken unweigerlich wieder auf die Patientin, die sie nicht hatte retten können. Das Zischen der Reifen auf dem regennassen Asphalt und das fugenlose Dunkel jenseits der Scheinwerferkegel vermischten sich mit den Bildern des sterbenden Mädchens. Vielleicht, wenn sie sich mehr angestrengt hätte, wenn sie noch mehr gekämpft hätte …

Lisa tastete nach dem Päckchen mit Traubenzucker in der Mittelkonsole, erwischte aber das Handy. Sie fuhr mit dem Daumen über das Display, suchte nach dem Button für die Taschenlampe und hatte kaum einen Blick für die Straße übrig.

Unerwartet tauchte aus den Regenschleiern ein Hindernis auf, das die rechte Fahrspur zur Hälfte blockierte. Eine Hand, Hilfe suchend ausgestreckt, der flüchtige Eindruck einer schwankenden Gestalt, dann wieder Dunkelheit. Lisa riss das Steuer herum. Am Armaturenbrett flammte die Traktionskontrolle auf, als der Peugeot ins Schlingern geriet. Mit einem dumpfen Knall traf der Wagen auf Widerstand, rumpelte über ein Hindernis hinweg und kam auf der regennassen Fahrbahn nach zweihundert Metern zum Stillstand.

Hypnotisiert starrte sie auf die pendelnden Scheibenwischer, die Hände um das Lenkrad verkrampft. Niemals zuvor war sie in einen Unfall verwickelt gewesen, ihr Beruf brachte es mit sich, dass sie stets erst erschien, wenn ein Unglück bereits geschehen war. Erschrocken stellte sie fest, dass ihr Denken angesichts des Schocks ebenso blockiert war wie das jedes anderen Verkehrsteilnehmers. Sie hatte sich für abgebrüht und routiniert gehalten. Dass sie paralysiert hinter dem Steuer hockte, unfähig, eine Entscheidung zu treffen, verstörte sie zutiefst.

Mit zitternden Fingern stellte sie endlich den Motor ab und drückte mechanisch auf den Schalter der Warnblinkanlage. Das rhythmische gelbe Blinken verlor sich nach wenigen Metern in der Dunkelheit. Das Waldstück kurz vor Weilburg war als Unfallschwerpunkt bekannt, kein guter Ort, um nach Traubenzucker in der Mittelkonsole zu suchen.

Wovor Kohlmeyer sie gewarnt hatte, war eingetreten. Schneller und folgenreicher, als er es hätte vorausahnen können.

Lisa stieß die Fahrertür auf. Der Regen spritzte vom Asphalt auf und durchnässte ihre Jeans. Sie klappte den Deckel des Handschuhfachs auf und holte eine Taschenlampe heraus. Dann stieg sie aus und lief zu der Stelle, wo es zur Kollision gekommen war. Nach hundert Schritten stieß sie auf rote Plastiksplitter und einen abgerissenen Außenspiegel. Am Rand der Fahrbahn lag ein Motorrad. Die Wucht des Aufpralls musste die Maschine von der Straße geschleudert haben. Es stank nach Benzin, offenbar war der Tank aufgerissen worden.

Aber wo war der Fahrer? Sie erinnerte sich an den dumpfen Knall und das Holpern. Krampfhaft versuchte sie, die Ereignisse zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, und stellte bestürzt fest, dass sie sich nicht erinnern konnte. Da war kein Motorradfahrer gewesen, nur ein verschwommener Gegenstand auf dem Asphalt, die Ahnung einer Gestalt … die nun verschwunden war … nur ein Trugbild ihres überreizten Verstandes.

Der Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit und enthüllte eine Spur aus Plastiktrümmern und abgerissenen Metallteilen. Langsam ging sie weiter und fand den Fahrer. Er lag quer zur Fahrtrichtung auf dem Bauch. Seine Füße steckten in Motorradstiefeln, auf dem zur Seite geneigten Kopf saß ein schwarzer Integralhelm. Der Jeansstoff seiner Hose war von der Hüfte abwärts verdreckt und zerrissen, das rechte Bein stand in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab. Überall war Blut, sehr viel Blut.

Lisa kniete neben den Verletzten, öffnete vorsichtig dessen Helmvisier und leuchtete in das bleiche Gesicht eines Jungen von höchstens neunzehn Jahren. Seine Augen waren geschlossen, ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel, er atmete nicht. Sie kannte ihn, er hieß Jonah Grothe. Sie hatte sich vor einer Stunde mit ihm gestritten und ihn aus der Klinik geworfen.

2

Der Regen fiel durch das geöffnete Helmvisier und rann an den Wangen des Jungen herab. Es sah aus, als ob er weinte. Lisa verharrte in einer Schockstarre. Die Routine und die geübten Handgriffe der Notfallversorgung waren wie ausradiert, sie erinnerte sich an nichts, was sie gelernt hatte. Innerhalb einer Stunde hatte sie zwei Menschenleben ausgelöscht. Den Tod des Mädchens konnte sie widerwillig als boshaften Streich des Schicksals akzeptieren, aber nicht den Unfall, den sie aus Fahrlässigkeit, Selbstüberschätzung und Übermüdung verursacht hatte. Kohlmeyer hatte sie vor ihrer Hybris gewarnt. Zudem war sie mit dem Opfer in eine Auseinandersetzung verwickelt gewesen, die beinahe zu Handgreiflichkeiten geführt hatte. Jonah Grothe hatte als Praktikant in der Virchow-Klinik gearbeitet und Patientenakten gestohlen. Der Professor hatte auf eine Anzeige verzichtet, weil der Vater des Jungen einige Wochen zuvor nach einer Routineoperation wegen unerwarteter Komplikationen verstorben war. Jonah hatte genug durchgemacht.

Ihre eigene Zukunft wälzte sich wie eine schwarze Woge auf sie zu, so mächtig und dunkel, dass sie auf ihrem Weg alles verschlingen würde. Dass sie den Unfall aus Übermüdung verursacht hatte, war möglicherweise nicht ihr größtes Problem. Wenn die Polizei von dem Streit und Jonahs Anschuldigungen erfuhr, würde sie vielleicht sogar eine böswillige Absicht hinter dem Unfall wittern.

Lisa hatte die Opfer von rücksichtslosen Rasern nicht gezählt, die in der Notaufnahme unter ihren Händen gestorben waren. Stets hatte sie die Verursacher, die vom Unfallort flohen und sich nicht um die Folgen ihrer Gedankenlosigkeit kümmerten, scharf verurteilt. Doch plötzlich war alles anders, sie stand auf der anderen Seite. Adrenalin überschwemmte ihren Körper, sie zitterte und konnte nicht mehr klar denken. Schuldgefühle mischten sich mit der Angst vor den Konsequenzen. Sie trank so gut wie nie Alkohol, hatte aber am frühen Abend ein Aufputschmittel genommen, um die letzten Stunden ihrer hektischen und überlangen Schicht zu überstehen. Die Polizei würde ihr vermutlich eine Blutprobe entnehmen, vielleicht ein Drogenscreening machen, und Kohlmeyer würde aussagen, dass er sie vor der nächtlichen Fahrt gewarnt hatte. Dazu kam der Streit. Es ging jetzt nicht mehr nur um das Leben des Jungen. Es ging um ihre eigene Zukunft, die sie in einer einzigen Sekunde zerstört hatte. Niemand in der Virchow-Klinik konnte sich einen besseren leitenden Arzt als Kohlmeyer vorstellen, aber bei all seiner Fürsorge hatte er seine Prinzipien. Er würde sie entlassen, musste es unter Umständen sogar tun, um jeden Verdacht von seinem Haus fernzuhalten. Vielleicht würde man ihr die Approbation entziehen, es würde eine Untersuchung und ein Gerichtsverfahren geben und am Ende ein Urteil wegen fahrlässiger Tötung. Die Folgen konnte sie noch gar nicht abschätzen.

Lisa stand auf, ihre Beine gehorchten ihr kaum. Sie hatte das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein. Als wäre ein unbekannter Teil von ihr erwacht, der nun das Kommando übernahm und voller Panik auf den Peugeot zutaumelte, der mit eingeschalteter Warnblinkanlage am Straßenrand stand. Die fremde Stimme in ihr flüsterte, schrie und tobte und hämmerte ihr ein, dass dem Jungen nicht mehr zu helfen war. Dass sie sich selbst retten musste, ihre Karriere, ihre Zukunft. Sie erschrak zutiefst über die kriminelle Energie, die – aus Selbstschutz geboren – plötzlich in ihr aufstieg.

Die Stimme raunte ihr unentwegt zu: „Er hat zu viel Blut verloren, sein Herzschlag hat ausgesetzt. Du kannst ihm nicht mehr helfen. Rette dein eigenes, noch ungelebtes Leben. Steig in den verdammten Wagen und hau ab!“

Noch war sie allein mit dem Toten, konnte alles ungeschehen machen, wenn sie vor der Welt und sich selbst leugnete, dass sie an dem Unfall beteiligt gewesen war. Menschen erlebten so tiefe Traumata, dass ihr Unterbewusstsein die Erinnerung daran unterdrückte, um nicht den Verstand zu verlieren. Vielleicht würden die Bilder dieser Nacht irgendwann verblassen oder ganz verschwinden. Vielleicht … wenn sie nicht Lisa Wegener wäre, die mit einem unbesiegbaren, habgierigen Gott um jedes Leben stritt.

Sie hatte den Peugeot erreicht, ohne sich zu erinnern, wie sie dorthin gelangt war. Ihr Handy lag in der Mittelkonsole. Abwesend steckte sie es in die Tasche ihres Arztkittels und ging um die Front des Wagens herum. Der rechte Kotflügel war eingedrückt und mit fremden Lackspuren beschmiert. Lisa fuhr mit dem Finger über die Schrammen und hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Da war noch eine zweite, leisere Stimme in ihrem Kopf, die darum kämpfte, gehört zu werden. Sie war Ärztin, es war ihre Aufgabe, dem Jungen zu helfen. Sie dachte an das viele Blut auf dem Asphalt. Ein Laie ließ sich leicht davon täuschen und würde glauben, dass jede Hilfe zu spät kam, aber sie wusste es besser. Sie musste es versuchen, sonst waren die vergangenen fünf Jahre umsonst gewesen.

Lisa hob den Kopf und blickte zu der leblosen Gestalt hinüber. Zwei grelle Lichtfinger blendeten sie, ein Wagen näherte sich mit hohem Tempo. Es war zu spät.

Wie ein Computer, der nach einem Absturz wieder hochfährt, begann ihr Verstand zu arbeiten. Der schreckliche Augenblick der Versuchung, sich der Verantwortung zu entziehen, war vorbei. Plötzlich konnte sie nicht begreifen, wie sie hatte zögern können. Doch jetzt war nicht die Zeit für eine Selbstanalyse, sondern für schnelles Handeln. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass der Moment des Versagens sie noch lange verfolgen würde und dass ihr Verhalten ihr eine Höllenangst einjagte. Dass sie vielleicht nie wieder als Ärztin arbeiten könnte, weil sie gezögert hatte.

Sie öffnete den Kofferraum, nahm ihre Arzttasche heraus und lief zum Unfallort zurück. Als sie dort ankam, war der Fahrer des anderen Wagens bereits ausgestiegen. Zu ihrer Überraschung stand Vincent van Dyck vor ihr.

„Lisa. Was ist passiert?“

„Ich … ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern … da war ein Schatten … ein Schlag … und dann …“

Die Panik kehrte zurück, stärker diesmal, dunkel und lähmend wie Gift. All die Jahre der Stärke schrumpften zu einem Augenblick zusammen und bedeuteten nichts mehr. Jetzt, wo sie nicht mehr allein war, hoffte sie plötzlich, dass van Dyck wusste, was zu tun war. Dass er auf wundersame Weise alles ungeschehen machen würde.

Er beugte sich über den Motorradfahrer. Lisa wurde bewusst, dass sie steif wie eine Puppe neben ihm verharrte, unfähig zu handeln.

„Helfen Sie mir“, sagte van Dyck.

Lisa schämte sich für ihre Schwäche. Was war nur los mit ihr? Entschlossen, ihre Selbstkontrolle zurückzugewinnen, kniete sie sich auf den Asphalt, aber van Dyck kam ihr zuvor.

„Kümmern Sie sich um die Blutung“, sagte er.

„Aber …

„Beeilen Sie sich. Sonst verlieren wir ihn.“

Er begann mit einer Herzmassage und beamtete den Bewusstlosen. Lisa streifte ein Paar Latexhandschuhe über. Mit tausendmal geübten Bewegungen, die keiner besonderen Willensanstrengung bedurften, schnitt sie den Stoff der Jeans auf. Im Oberschenkel des Jungen klaffte eine tiefe Schnittwunde, die Beinarterie war zum Glück knapp verfehlt worden. Lisa legte einen Druckverband an. Verstohlen beobachtete sie van Dyck und bemerkte einen kaum verheilten Wundschorf auf den Fingerknöcheln seiner Hand, die Verletzung hatte durch seine Anstrengungen wieder zu bluten begonnen.

Er wusste, was er zu tun hatte, und kämpfte verbissen um das Leben des Verunglückten. Sie hätte es nicht besser machen können. Dass sie Jonah Grothe kannte, verschwieg sie. Von jetzt an musste sie sehr vorsichtig sein.

Trotzdem … ich bin schuld, wenn er stirbt, dachte sie.

Van Dyck pumpte den Brustkorb des Jungen und blies ihm seinen Atem in den Mund.

„Komm schon, du schaffst das!“, keuchte er.

Plötzlich verkrampfte sich Jonah unter seinen Händen und zitterte.

„Sein Herz schlägt wieder.“

Er strich sich das nasse Haar aus der Stirn und sah sie triumphierend an. Lisa hatte das unheimliche Gefühl, dass er von ihrem Versagen wusste.

„Niemand wird davon erfahren“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

Sie konzentrierte sich auf den Bewusstlosen und untersuchte ihn rasch. Beide Beine waren gebrochen, vermutlich hatte er sich innere Verletzungen zugezogen. Sein Zustand war kritisch, aber sie konnte nichts mehr für ihn tun, bis ein Notarzt eintraf.

Sie brachten den Jungen, der noch immer ohne Bewusstsein war, in eine stabile Seitenlage. Van Dyck holte eine Decke aus seinem Wagen und breitete sie über dem Verletzten aus. Lisa rief in der Virchow-Klinik an und orderte einen Krankenwagen. Danach informierte sie die Polizei. Ruhelos wanderte sie hin und her und wartete.

Van Dyck war ihr gefolgt. „Ich sah die Panik in Ihren Augen. Sie wollten sich aus dem Staub machen.“

Sie fuhr wütend herum. „Das ist nicht wahr.“

„Wirklich nicht? Warum sind Sie dann zu Ihrem Wagen zurückgelaufen?“

„Ich habe mein Telefon geholt und die Arzttasche.“

Van Dyck deutete auf den Jungen. „Ich bin über Jonah Grothe im Bilde, auch über Ihren Ärger mit ihm.“

Lisa starrte ihn an. Wie viele wussten noch davon? Kohlmeyer sowieso, aber mit wem hatte der Junge noch darüber geredet?

„Von mir erfährt niemand etwas, auch die Polizei nicht“, sagte van Dyck.

Er ging zu seinem Wagen und streifte eine Warnweste über.

„Ich habe nichts zu verbergen“, rief Lisa.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete er spöttisch. „Aber vielleicht wird die Polizei das glauben. Wir sollten die Unfallstelle absichern.“

Lisa biss sich auf die Unterlippe. Nicht einmal daran hatte sie gedacht. Verärgert über sich selbst lief sie zum Wagen und suchte nach dem Warndreieck. Sie riss es aus der Halterung im Kofferraum und bemühte sich vergeblich, es zusammenzustecken.

„Ich übernehme das, kümmern Sie sich um den Jungen.“

Van Dyck war ihr schon wieder nachgelaufen. Wütend schüttelte sie seine Hand ab, aber schließlich gab sie auf, warf ihm das Warndreieck zu und ging zu dem Bewusstlosen hinüber. In van Dycks Gegenwart fühlte sie sich unsicher und beging einen Fehler nach dem anderen, was sie noch mehr aufbrachte. Er dagegen strahlte eine Selbstsicherheit aus, die ihr auf die Nerven ging.

Die Minuten verstrichen quälend langsam. Sie hörte seine Schritte. Er hatte das Warndreieck aufgestellt und kehrte nun zurück.

„Es gibt keine Verbindung zwischen dem Rauswurf des Jungen und dem Unfall“, sagte Lisa.

„Mit ein bisschen Fantasie könnte man einen Zusammenhang konstruieren. Aber bis jetzt wissen ja nur wir beide davon. Und Kohlmeyer, aber der wird alles tun, um einen Skandal zu vermeiden. Und so wird es auch bleiben.“

Sie glaubte, in seinen Worten eine versteckte Drohung zu hören, aber wahrscheinlich war sie einfach nur hysterisch. Trotzdem, was würde van Dyck mit seinem Wissen wohl anfangen?

„Wie kommt es, dass Sie keine zwei Minuten nach dem Unfall hier eingetroffen sind?“, fragte sie.

„Nennen Sie es Fügung, ein Werk der Vorsehung.“

„An so einen Unsinn glaube ich nicht“, blaffte sie.

Blaulicht färbte die Regenschleier. Ein Notarztwagen näherte sich mit hohem Tempo und hielt an der Unfallstelle.

„Endlich“, rief Lisa erleichtert.

Zwei Sanitäter und Lisas Kollege Seidel begannen, den Motorradfahrer zu untersuchen, und hoben ihn vorsichtig auf eine Trage. Ein Streifenwagen hielt am Straßenrand, zwei Polizisten stiegen aus, einer der beiden sprach Lisa an. Er schien sichtlich genervt, weil er seine Frage zweimal wiederholen musste. Fahrig berichtete sie, was geschehen war. Noch immer konnte sie nicht begreifen, warum sie den Jungen übersehen hatte.

Ein Blitzlicht flammte auf, ein Beamter fotografierte ihren Peugeot, der andere baute einen starken Strahler auf und leuchtete die Straße aus. Die Sanitäter schoben die Trage in den Notarztwagen und schlugen die Hecktüren ein. Sekunden später raste der Wagen mit heulendem Martinshorn durch die Nacht. Das Geschehen um sie herum erschien Lisa so unwirklich wie ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab.

Uniformierte Polizisten bewegten sich um sie herum wie wabernde Schatten, die der Regen langsam auflöste.

„Wie lange brauchen Sie noch?“, fragte sie einen der Streifenpolizisten.

„Bis wir fertig sind.“

„Ich muss in die Klinik“, sagte sie, „alles ist besser, als hier nutzlos herumzustehen.“

„Der Junge wird gut versorgt. Sie dagegen stehen unter Schock und fahren nirgendwohin“, sagte der Polizist.

„Es geht mir gut.“

Im Aufblitzen des Blaulichts sah sie ihr eigenes Gesicht in der Heckscheibe des Polizeiwagens. Das schemenhafte Abbild strafte ihre Behauptung Lügen. Sie sah aus wie ein Gespenst, blass und durchscheinend, die Augen vor Schreck geweitet, die nassen Haare klebten an ihrem Schädel.

„Ich werde Sie fahren“, sagte van Dyck.

„Das ist nicht nötig.“

„Ich denke schon. Die Polizei wird Ihren Wagen beschlagnahmen.“

Sie fuhr herum. „Was? Wieso?“

Der Beamte nickte. „Der Wagen wird genau untersucht werden, um den Unfallhergang zu klären. Das dürfte auch in Ihrem Interesse sein. Außerdem brauchen wir eine Blutprobe.“

„Wozu?“

„Bei Unfällen mit erheblichen Personenschäden wird der Bereitschaftsstaatsanwalt eingeschaltet. Er ordnet in der Regel eine Blutprobe an, so auch in diesem Fall.“

Lisa ließ die Prozedur über sich ergehen, erlebte alles durch den Schleier des Schocks. Schließlich legte van Dyck seinen Arm um ihre Schulter und zog sie sanft fort. Sie ließ es geschehen. Es fühlte sich gut an, ihm die Führung zu überlassen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal einem anderen Menschen vertraut und ihm die Kontrolle über einen Teil ihres Leben überlassen hatte, mochte er auch noch so unbedeutend sein. Mit jedem Schritt spürte sie, wie der Schock sie lähmte und von ihrem Körper Besitz ergriff. Der Wunsch, sich fallen zu lassen, wurde immer stärker. Als van Dyck ihr die Beifahrertür öffnete, wurde ihr schwindelig. Alles drehte sich um sie, ihr war kalt und sie zitterte wie in einem Fieberschub.

Er darf mich nicht so sehen. Niemand darf mich so sehen. Stumm wiederholte sie den Satz und sank in den Sitz, bevor ihre Beine unter ihr nachgaben.

„Bringen Sie mich bitte in die Virchow-Klinik“, sagte sie.

Van Dyck betrachtete sie stirnrunzelnd. Lisa wusste wenig über ihn, das meiste vom Hörensagen, und das, was ihr von der Begegnung auf Kohlmeyers Gartenparty in Erinnerung geblieben war. Van Dyck war Mitte vierzig und somit etwa zwölf Jahre älter als sie. Trotzdem sah er keinen Tag älter aus als fünfunddreißig. Er war beruflich erfolgreich, klug und durchsetzungsstark und schwamm im Geld. Viele Frauen mochten ihn attraktiv finden, aber Lisa hatte bisher keinen Gedanken an ihn verschwendet. In ihrem Leben war ohnehin kein Platz für einen Mann. Fühlte sie sich wegen des Altersunterschieds in seiner Gegenwart geborgen? Weil sie unbewusst in ihm den Vater sah, der sie viel zu früh verlassen hatte? Sie musste zugeben, dass er ihr gefiel. Seine sonnengebräunte Haut bildete einen tiefen Kontrast zu seinem hellblonden Haar. Über seinen Augenbrauen wölbte sich eine markante Knochenplatte, die seinem Ausdruck Entschlossenheit verlieh. Die Augen lagen tief in den Höhlen und hatten die Farbe von schmutzigem Eis. Mit seinen scharfen Konturen und der schmalen Nase besaß er eine herbe Schönheit. Er strahlte Ruhe und Besonnenheit aus, als könne er jede Gefahr meistern, gleich wie bedrohlich sie auch sein mochte.

Van Dyck ließ den Motor an. Lisa fror trotz des warmen Luftstroms aus den Heizungsdüsen.

„Ich bin überzeugt davon, dass der Junge von Ihren Kollegen bestens versorgt werden wird“, sagte er. „Was Sie jetzt brauchen, ist vor allem Ruhe.“

„Ich kann jetzt nicht allein sein und die Wände anstarren. Vielleicht kann ich ja helfen.“

„Sie bekommen immer, was Sie wollen, nicht wahr?“, fragte van Dyck.

„Es geht um das Leben eines Menschen, nicht um das, was ich gerne hätte.“

Er seufzte. „Ich schätze, ich kann Sie ohnehin nicht davon abhalten. Besser, ich fahre Sie.“

Sie ließen die Halogenstrahler und das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge hinter sich und fuhren schweigend durch die Nacht.

„Sie sind sehr engagiert und zielstrebig“, sagte van Dyck nach einer Weile.

„Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Alles, was Sie von mir wissen, ist die Tatsache, dass ich einen Menschen schwer verletzt habe, der deshalb vielleicht sterben wird.“

„Kohlmeyer ist eine Plaudertasche“, antwortete van Dyck. „Und er lobt Sie in den höchsten Tönen.“

„Was verbindet Sie mit dem Professor?“

„Wie haben gemeinsame geschäftliche Interessen. Ich bin oft in der Virchow-Klinik. Dort bin ich Ihnen ein paarmal begegnet, aber Sie schienen mich nicht wahrzunehmen. Offenbar sind Sie so vertieft in Ihre Arbeit, dass Sie zuweilen nicht bemerken, was um Sie herum vorgeht.“

„Soll das eine Anspielung auf meine Fahrlässigkeit sein?“

Er lächelte. „Aber nein. Ich meine es, wie ich es sage. Ich glaube, Sie sind mit Leib und Seele Ärztin. Ich mag es, wenn Menschen mit Leidenschaft in ihrer Arbeit aufgehen. Wenn jemand dem Jungen helfen kann, dann sind Sie es.“

Lisa schloss die Augen und verdrängte die Vorstellung, dass er tatsächlich sterben könnte. Ihr Bestreben war es, Leben zu retten, nicht, es zu zerstören. Wie sollte sie mit dieser Schuld leben?

Van Dyck bog in die Zufahrt der Klinik ein und stoppte vor dem Haupteingang. Sie hatte kaum bemerkt, wie die Zeit verging.

„Ich danke Ihnen“, sagte Lisa.

„Ich werde auf Sie warten.“

„Das ist nicht nötig. Ich habe sowieso schon viel zu viel von Ihrer Zeit in Anspruch genommen.“

Sie sprang aus dem Wagen, ohne eine Antwort abzuwarten, und lief durch den strömenden Regen auf das Hauptportal zu. Auf keinen Fall wollte sie van Dyck die Gelegenheit geben, irgendeine Form von Dank einzufordern. Der kurze Sprint half ihr, die Panik zurückzudrängen und einen klaren Kopf zu bekommen.

Lisa durchquerte die Eingangshalle und nahm den Lift in das Untergeschoss, in dem sich die Notaufnahme und die Operationssäle befanden. Von einer Krankenschwester erfuhr sie, dass Jonah bereits im OP war. Sie betrat den Waschraum und begann, sich auf einen chirurgischen Eingriff vorzubereiten. Die Tür zum Korridor öffnete sich, im Spiegel sah sie Dr. Ketz, der Schutzkleidung und Maske trug. Lisa schrubbte ihre Hände mit Desinfektionsmittel. Wenn sie doch nur das schreckliche Unglück ebenso einfach abwaschen könnte.

„Wie geht es ihm?“, fragte sie.

Die Schutzmaske verbarg Ketz‘ Mienenspiel.

„Was tun Sie denn hier?“ Seine Stimme klang dumpf durch die Maske.

„Ich werde Ihnen assistieren.“

„Ganz sicher nicht. Sie sind seit über zwanzig Stunden auf den Beinen, davon zwölf im OP. Außerdem waren Sie in den Unfall verwickelt, wie ich hörte.“

„Ein Grund mehr, um zu helfen.“

Ketz schüttelte den Kopf. „Sie sind doch völlig durch den Wind.“

„In dieser Klinik gibt es keine bessere Gefäßchirurgin.“

„Ich kann verstehen, dass Sie sich verantwortlich für den Patienten fühlen. Aber Sie zittern wie ein Junkie auf kaltem Entzug“, sagte Ketz.

Lisa drehte den Wasserhahn mit dem Ellenbogen zu. „Sie können mir den Zugang zum OP nicht verwehren.“

„Mein Team ist komplett. Wenn Sie unbedingt warten wollen, dann tun Sie es draußen.“

„Sagen Sie mir wenigstens, wie es um ihn steht.“

„Sein Zustand ist kritisch. Er hat sehr viel Blut verloren und außerdem eine seltene Blutgruppe, AB negativ.“

„Hatte er einen Ausweis dabei?“

„Ja. Wir bemühen uns, genügend Konserven zu besorgen. Neben den Frakturen hat er starke innere Blutungen, die wir so schnell wie möglich stoppen müssen. Und jetzt verlassen Sie bitte den OP-Bereich.“

„Lassen Sie mich assistieren.“

„Nein. Ich kann keine übermüdete Chirurgin gebrauchen, die im entscheidenden Moment die Nerven verliert.“

Er stieß mit dem Fuß die Tür auf. Lisa fügte sich. Nun konnte sie nichts weiter tun, als zu warten.

Sie betrat das Schwesternzimmer der Intensivstation und hockte sich auf einen Stuhl. Nach dreißig Minuten überfiel sie trotz der Anspannung eine bleierne Müdigkeit. Sie verließ das Zimmer und trat auf den Gang hinaus, um sich einen Kaffee aus dem Automaten zu ziehen. Die Milchglastür zum OP-Bereich öffnete sich quietschend. Im Durchgang zum Wartebereich tauchte ein dürrer alter Mann auf. Er trug eine vom Regen durchnässte Jacke, die ebenso grau war wie sein Gesicht. Er stützte sich auf einen Gehstock und humpelte auf Ketz zu, der aus dem OP kam. Der Chirurg sprach leise auf ihn ein. Seine Worte ließen die Gestalt des Alten schrumpfen. Er schwankte und sank, von Ketz gestützt, auf einen Stuhl.

Ketz wandte sich an Lisa. „Tut mir leid. Er hatte zu viel Blut verloren. Durch die Hüftfraktur wurde die Arterie verletzt. Wir konnten ihn nicht retten.“ Ketz drückte ihre Schulter und lief dann weiter in Richtung Waschraum.

Lisa starrte ins Leere, sie bemerkte den Alten nicht, bis er dicht vor ihr stand.

„Erst nahmen Sie mir meinen Sohn und jetzt meinen Enkel. Dafür werden Sie bezahlen.“

Lisa erwachte aus ihrer Starre. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Sie werden bezahlen!“

Speicheltropfen des Alten trafen sie auf der Wange. Sie roch seinen schlechten Atem und sah die feinen roten Äderchen in seinen gelben Augen. Er musste mindestens neunzig sein und reichte ihr nur bis zur Schulter, entwickelte in seinem Schmerz aber ungeheure Kräfte. Er hob seinen Gehstock und begann, auf sie einzuprügeln.

„Hexe! Verfluchte Hexe!“

Lisa wich zurück. Das eisenbewehrte spitze Ende des Stocks sauste auf sie nieder und streifte ihr Ohr.

„Hören Sie auf!“

Der alte Mann dachte nicht daran. Er trieb sie vor sich her und schlug mit aller Kraft zu. Lisa schützte ihren Kopf mit den Armen und prallte mit dem Rücken gegen den Kaffeeautomaten. Der Alte zertrümmerte die Glasscheibe.

Plötzlich war van Dyck da. Er entwand ihm den Stock und baute sich schützend vor Lisa auf. Ketz trat auf den Gang hinaus, erfasste die Situation und rief nach Verstärkung. Zwei kräftige Pfleger brachten den Alten zum Lift.

„Wer war das?“, fragte van Dyck.

„Der Großvater des Jungen“, antwortete Lisa. „Sein Sohn ist vor sechs Monaten gestorben.“

„Hier in der Klinik?“

Ketz nickte. „Ein Unglück kommt selten allein. Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte er Lisa.

„Ja, danke.“ Der Piepser des Chirurgen meldete sich. Er eilte in den OP-Bereich.

Lisa drehte sich zu van Dyck um. „Sie sind ja immer noch hier.“

„Ich habe versprochen, auf Sie zu warten.“

„Ich brauche keinen Babysitter.“

„Das nicht, aber einen guten Anwalt. Ich werde Ihnen einen besorgen.“

 

3

Jan Wolzow tastete mit geschlossenen Augen nach seinem Handy. Er stieß eine halb volle Bierflasche um, deren Inhalt sich über den MP3-Player und drei Fahndungsakten ergoss. Das Telefon schwamm auf einer Lache aus abgestandenem Weizenbier unter dem wackeligen Turm aus Kisten und Umzugskartons und jaulte dabei wie eine amerikanische Polizeisirene. Wolzow robbte von der Matratze, rutschte aus und brachte einen Bücherstapel zum Einsturz. Irgendwo zwischen Dickens und Steinbeck fischte er das Handy aus dem Durcheinander und meldete sich verschlafen.

Matuscheks Stimme quäkte aus dem Lautsprecher: „Wann schaffst du dir endlich einen Wecker an wie andere Leute auch?“

„Ich hab einen … irgendwo.“

Wolzow kniff in dem regengrauen Morgenlicht die Augen zusammen und suchte in dem Chaos nach dem Radiowecker. Er entdeckte ihn auf der Fensterbank neben der winzigen Küchenzeile. Das Display war erloschen, wahrscheinlich hatten die altersschwachen Batterien den Geist aufgegeben.

„Ich bin in zehn Minuten da.“

„He, ich bin …“

Er schaltete das Handy aus, warf es auf die Matratze und fuhr sich über die Bartstoppeln. An der Tür läutete jemand Sturm. Wolzow fluchte und öffnete. Matuschek winkte mit seinem Telefon und grinste. Seine kleinen Augen verschwanden dabei fast vollständig hinter den Fettwülsten seiner Hamsterbacken.

„Hattest du eine kurze Nacht?“

Dunkel erinnerte sich Wolzow an den gestrigen Abend. Obwohl er enge, mit Menschen vollgestopfte Räume hasste, hatte er sich dazu überreden lassen, Matuschek nach Dienstschluss in dessen Stammkneipe in der Limburger Altstadt zu begleiten. Schwammige Bilder eines Würfelspiels und eines hochprozentigen Zeugs, das sich Basaltfeuer nannte, geisterten durch seinen Kopf. Da er normalerweise keinen Alkohol trank, hatte der Schnaps eine verheerende Wirkung entfaltet. Wolzow stöhnte und rieb sich den Nacken.

Der fette Matuschek suchte sich einen Weg zwischen Kartons und abgelegter Kleidung zur Küchenzeile. Dort stellte er zwei Coffee-to-go-Becher und eine Papiertüte ab, aus der er einen Donut fischte und mit drei Bissen in seinem Mund verschwinden ließ.

„Ich sag dir, du bist zu dürr, Wolzow“, sagte er schmatzend. „Deshalb verträgst du keinen Alkohol. Wenn du im Westerwald heimisch werden willst, muss sich das ändern.“

„Wer behauptet, dass ich mich hier niederlassen will?“

Matuschek holte einen zweiten Donut aus der Tüte und biss genießerisch hinein. Er wischte sich ein paar Zuckerkrümel von seiner Jacke und sah sich um.

„Mensch, wie kann man in einer solchen Bude hausen? Wie lange bist du jetzt in Limburg? Ein halbes Jahr?“

„Sieben Monate und zwölf Tage.“

Wolzow sammelte seine Klamotten auf, tappte ins Bad und schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Beim Gedanken an Matuscheks Vorliebe für Donuts und Schokocroissants wurde ihm übel. Aber den Kaffee konnte er gebrauchen.

Er stöberte in dem angelaufenen Spiegelschrank nach einer Kopfschmerztablette. Dann schlüpfte er in Jeans und T-Shirt und kehrte in den Wohnbereich des kleinen Appartements zurück. Matuschek hatte recht, das Zimmer sah aus wie der Abstellraum eines Messies. Da er nie vorgehabt hatte, länger in Limburg zu bleiben, hatte er es nicht für nötig befunden, sich wirklich einzurichten. Der größte Teil seiner Habe befand sich immer noch in diversen Umzugskartons und Koffern. Viel besaß er ohnehin nicht, denn er hasste jede Form von Ballast.

Wolzow schnappte sich einen Kaffeebecher, trank einen Schluck und blickte aus dem Fenster auf den Hof hinaus. Es regnete seit Wochen, und das im August.

„He, wo ist mein Pick-up?“, rief er über die Schulter.

„Der steht da, wo du ihn abgestellt hast, und verstopft die Altstadtgassen. Wir haben dich in ein Taxi gesetzt und dem Fahrer deine Adresse genannt. Er war nur schwer davon zu überzeugen, dass in diesem Gruselhaus jemand wohnt.“

„Ach, tatsächlich?“

Wolzow trank einen zweiten Schluck, langsam begann er sich besser zu fühlen. Aber an die nächtliche Taxifahrt hierher konnte er sich noch immer nicht erinnern.

Unten auf dem Hof erschien die alte Emmy, seine Vermieterin, und spannte einen Regenschirm auf. Der Regen trommelte gleichmäßig auf das Blechdach der Mansardenwohnung über der Garage des baufälligen Gründerzeithauses. Zum Glück hatte die alte Emilia Wollbeck einen Narren an ihm gefressen und ihm das Appartement günstig überlassen. Emmy, wie er sie insgeheim nannte, hoffte wohl, in ihm nicht nur einen Mieter, sondern zugleich auch noch einen Wachmann, Gärtner und Gesellschafter gefunden zu haben. Sie fürchtete sich in dem leeren Haus, das abseits des kleinen Limburger Vororts Eschhofen in einem Waldstück lag. Außerdem war sie vom Verbrechen fasziniert und las jeden Krimi, den sie in die Finger bekam. Als sie erfuhr, dass Wolzow Polizist war, hatte sie ihn begeistert als Mieter akzeptiert.

Matuschek warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Herrje, wir müssen uns beeilen. Frenck hat schon zweimal angerufen.“

„Er soll sich gedulden.“

„Auf dem Revier sitzt ein Typ, der etwas von einem Mord und einem Unfall faselt. Du weißt doch inzwischen, wie Frenck tickt. Er hat keine Lust, sich das Gestammel anzuhören.“

Wolzow trank seinen Kaffee aus. Das Aspirin begann zu wirken, er fühlte sich besser und nahm ein Croissant aus der Papiertüte, bevor Matuschek ihm nichts mehr übrig ließ.

„Ein Mord?“, fragte er zwischen zwei Bissen.

„Wahrscheinlich hat der Alte nur zufällig gesehen, wie eine Nachbarin ihren Teppich entsorgt hat. Aber man kann ja nie wissen.“

Wenigstens versprach die Sache ein bisschen Ablenkung. In den vergangenen Wochen hatte Wolzow nichts weiter getan, als sich Luft zuzufächeln und Akten zu sortieren. Schließlich hatte er sich von Matuschek dazu überreden lassen, mit einem Zivilfahrzeug Streife zu fahren, weil im Villenviertel ein paar Gartenzwerge gestohlen worden waren. Auf diese Weise lernte er wenigstens die Stadt kennen und entkam dem nörglerischen Frenck.

Wolzow streifte einen verblichenen Armeeparka über, der für diese Jahreszeit zu warm war, aber immerhin hielt er den Regen ab. Er verspürte keine Lust, sich mit neuen Klamotten einzudecken. Es fühlte sich zu sehr danach an, sesshaft zu werden, und das war das Letzte, was er wollte. Matuschek drängte zur Eile. Während der Fahrt nach Limburg plapperte er unentwegt. Wolzow lehnte den Kopf an die Nackenstütze, schloss die Augen und stellte seine Ohren auf Durchzug.

Matuschek rutschte in seinen Sessel, schaltete den Tischventilator ein und hielt ihn sich vor die fleischige Nase. Trotz des Dauerregens war es schwül und drückend. Von den Lorbeerbüschen vor dem Fenster stiegen Dampfschwaden auf wie in einem Dschungel. Wolzow warf seinen Parka über den Garderobenhaken, verfehlte ihn jedoch knapp.

Der alte Mann, von dem Matuschek berichtet hatte, war dürr und vertrocknet wie eine halb verhungerte Saatkrähe, sein Gesicht wurde von einer Geiernase und mürrisch herabhängenden Mundwinkeln beherrscht. Er hockte auf dem Besucherstuhl neben den beiden Schreibtischen, die sie mit den Vorderseiten gegeneinandergeschoben hatten, und stützte sich auf einen knorrigen Gehstock. Ungeduldig beobachtete er, wie Wolzow die Spitze seiner Cowboyboots unter den Parka schob und ihn aufhob.

„Ich warte seit einer halben Stunde“, krächzte der Alte.

„Gut Ding will Weile haben. Was können wir für Sie tun?“, fragte Wolzow.

„Ich will, dass Sie den Mörder meines Enkels hinter Gitter bringen.“ Er unterstrich seine Forderung, indem er mit dem Stock auf den Boden pochte.

„Ups“, machte Matuschek.

Wolzow zog sich seinen Bürostuhl heran.

„Und Sie werden mir jetzt sicher auch verraten, wer ihn umgebracht hat.“

Der Alte beugte sich vor und blitzte ihn aus seinen gelben Augen an.

„Sie sollten das, was ich Ihnen zu sagen habe, ernst nehmen. Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und weiß, wovon ich spreche. Ich hoffe, Sie sind gesund?“

„Glaub schon“, sagte Wolzow stirnrunzelnd.

Der Besucher lehnte sich wieder zurück. „Das hoffe ich auch für Sie, andernfalls könnten Sie das nächste Opfer sein.“

„Jetzt mal der Reihe nach. Sie heißen?“

„Pius Grothe.“

Wolzow kritzelte den Namen auf seine Schreibtischunterlage.

„Und wer ist Ihrer Meinung nach ermordet worden?“

„Mein Enkel, Jonah Grothe.“

„Welche Aussagen können Sie zum Tathergang machen?“

„Sie haben den Unfall doch aufgenommen. Aber ich sage Ihnen, es war Mord.“

Matuschek tippte mit zwei Fingern eine Anfrage in seinen Computer.

„Hab ihn. Grothe, Jonah. Er meint den Verkehrsunfall auf der L 320 in der Nähe von Weilburg vergangene Nacht.“

Der Alte deutete ein Nicken an.

Nun las auch Wolzow den Eintrag in der Datenbank und den Bericht der Beamten, die den Unfall aufgenommen hatten.

„Ich kann hier beim besten Willen keinen Anfangsverdacht für ein Verbrechen herauslesen“, sagte er. „Wie begründen Sie Ihre Annahme?“

„Jonah war gestern Abend in der Virchow-Klinik, um sich seine Papiere zu holen.“

„Papiere?“

„Er hat dort ein Praktikum absolviert und Dinge gesehen, die man vertuschen will. Es gab Streit, und sie haben ihn rausgeworfen.“

„Und Sie glauben, darum musste er sterben?“ Wolzow kippte seine Lehne zurück. „Ich will Ihnen ja gerne helfen, aber ein bisschen mehr müssen Sie schon auf den Tisch legen. Wenn jeder Streit tödlich enden würde, hätten wir eine Menge zu tun.“

„Nicht jeder, aber dieser.“

„Mit wem also hat sich Ihr Enkel gestritten?“

„Mit dieser Ärztin, Wegener heißt sie.“

Grothe lehnte seinen Stock an den Schreibtisch und öffnete umständlich eine abgegriffene, braune Aktentasche. Er legte einen Stapel Computerausdrucke auf den Tisch und ein Handy.

„Jonah hat mich angerufen, bevor er losfuhr.“

Er wischte über das Display und schien das Menü zu studieren. Wolzow streckte den Arm nach dem Telefon aus. Der Alte schloss seine knochigen Finger um Wolzows Hand und drängte ihn zurück. Wolzow bemerkte überrascht, dass in dem Alten trotz seiner mageren Gestalt enorme Kraft steckte.

„Sie sollten mich nicht für senil halten“, zischte er. „Ich verstehe diese Technik gut genug, um sie zu benutzen.“

Matuschek verkniff sich ein Grinsen, stopfte sich ein Karamellbonbon in den Mund und beschäftigte sich wieder mit seinem Ventilator. Grothe fand die Mailbox und aktivierte sie. Eine jugendliche Stimme drang aus dem Lautsprecher.

„Wenn ich um Mitternacht nicht zu Hause bin, geh zur Polizei, Opa.“

„Jonah fühlte sich bedroht. Sie hat ihn umgebracht.“

„Wer?“, fragte Wolzow.

„Die Ärztin.“

„Worum ging es denn bei diesem Streit?“, fragte Matuschek.

„Mein Sohn, Jonahs Vater, starb vor sechs Wochen in der Virchow-Klinik nach einer Operation. Die Ärzte hatten zuvor gesagt, es wäre ein Routineeingriff. Zwei Tage später erlag er einer Lungenembolie. Jonah war überzeugt davon, dass mehr dahintersteckte“, erklärte Grothe.

„Und hatte er Beweise für seinen Verdacht?“, fragte Wolzow.

Der Alte kramte in seiner Aktentasche und legte ein Bündel Computerausdrucke auf den Tisch. „Er gab mir das hier zur Aufbewahrung.“

Wolzow blätterte die Seiten durch. Es waren Kopien von Patientenakten, die sich der Junge wahrscheinlich nicht auf legalem Weg beschafft hatte.

„All diese Menschen sind in dem Krankenhaus gestorben.“ Grothe pochte mit seinem Stock auf den Boden und löste damit bei Wolzow neue Kopfschmerzen aus. Er legte die Kopien auf den Tisch.

„Also gut, ich werde mich mal in der Klinik umsehen“, sagte er. „Aber versprechen Sie sich nicht zu viel davon.“

„Ich weiß, was ich weiß.“

„Das glaube ich Ihnen gerne, und Sie können sicher sein, dass ein Unfall mit Todesfolge sehr genau untersucht wird. Aber um Ermittlungen in einem Tötungsdelikt aufzunehmen, brauche ich einen begründeten Anfangsverdacht. Wenn wir auf eine Spur stoßen, werden wir dem nachgehen.“

Der Alte hob ruckartig den Kopf. „Das ist alles?“

Wolzow zuckte mit den Schultern. „Was sollen wir Ihrer Meinung nach denn machen? Die komplette Belegschaft des Krankenhauses verhaften?“ Er hielt die Ausdrucke hoch. „Kann ich die behalten?“

„Ja.“

Langsam, steif wie eine Gliederpuppe, erhob sich der alte Mann. „Ich komme wieder.“

„Nicht nötig, wir melden uns bei Ihnen.“

Grothe stocherte mit seinem Stock in einer halb vertrockneten Birkenfeige herum. „Und geben Sie dieser Pflanze Wasser. Sie ist auf Sie angewiesen, also kümmern Sie sich gefälligst um sie.“ Damit verließ er das Büro.

Matuschek schüttelte sich. „Ich krieg ’ne Gänsehaut. Der Alte ist mir unheimlich.“

Wolzow nickte. „Ziemlich unangenehmer Bursche.“

„Meinst du, an der Geschichte ist was dran?“

„Keine Ahnung. Aber ich hab das Gefühl, der Alte wird uns noch eine Menge Ärger machen. Frenck ist der Boss, er soll entscheiden, womit wir unsere Zeit verplempern.“

Er wippte auf seinem Stuhl und blickte durch die Glasscheibe, die Frencks Büro von ihrem trennte. Der grauhaarige Kommissar saß hinter seinem Schreibtisch und tat so, als schaue er konzentriert auf seinen Bildschirm. Wolzow wusste inzwischen, dass Frenck die meiste Zeit döste und ab und zu planlos mit der Maus klickte, um den Anschein zu erwecken, als arbeite er. Auf eine merkwürdige Art verschwamm er mit dem Hintergrund. Alles an ihm war grau, das stoppelige Haar, seine von Nikotin vergilbte Haut und sein blassgraues Hemd. Wenn Wolzow sein Büro betrat, hatte er stets das Gefühl, in einen Schwarz-Weiß-Film zu geraten.

Er wandte sich seinem eigenen Bildschirm zu und las noch einmal das Protokoll der Unfallaufnahme. Jonah Grothe war nur neunzehn Jahre alt geworden. Die Unfallverursacherin hieß Lisa Wegener und arbeitete als Unfallärztin in der Virchow-Klinik. Er rieb sich die Bartstoppeln. Immerhin war das ein ungewöhnliches Zusammentreffen.

Die Kopien der Patientenakten steckten voller Fachchinesisch. Er quälte sich durch OP-Berichte und ärztliche Stellungnahmen und stutzte. Grothe hatte recht. Keiner dieser ehemaligen Patienten der Virchow-Klinik lebte noch. Alle waren während der Behandlung gestorben. Hatte der alte Mann am Ende doch keinen Unsinn dahergeredet?

Frenck schien inzwischen tatsächlich eingenickt zu sein, Matuschek klebte in seinem Sessel. Den Kopf in den Nacken gelegt, fächelte er sich Luft zu. Es war schwül und stickig im Büro, ihm fiel die Decke auf den Kopf. Es konnte nicht schaden, ein bisschen in dieser Klinik herumzuschnüffeln. Da fiel ihm ein, dass sein Pick-up noch in irgendeiner Altstadtgasse stand.

Er warf einen Blick auf den dösenden Matuschek. „Was hältst du davon, wenn wir uns diese Ärztin mal vornehmen?“, fragte er.

Der Dicke blinzelte träge. „Ich kann Krankenhäuser nicht ausstehen.“

„Dann wartest du eben im Wagen. Anschließend holen wir meinen Pick-up.“

Matuschek seufzte und stemmte sich aus seinem Stuhl hoch. Wolzow nahm seinen Parka von der Garderobe. Das war einer der wenigen Vorteile des Jobs in Limburg: Er konnte so ziemlich tun und lassen, was er wollte. Frenck zählte die Tage bis zu seiner Pensionierung, und Matuschek tippte am liebsten Berichte. Wolzow hingegen brauchte ab und zu das Gefühl, auf der Jagd zu sein.


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Volker Dützer – Jenseits der Nacht

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Volker Dützer, geboren 1964, lebt und arbeitet im Westerwald. Die Bandbreite seiner Romane reicht vom lupenreinen Kriminalroman über Science-Thriller bis zur Horror-Kurzgeschichte.