Eine Teestube zum Verlieben

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Kapitel 1

W wie Weihnachten

Walnuss-Macarons

Verführerisch duftet es nach einer Ganache aus vanilliger Weihnachtsschokolade mit gehackten und gerösteten Esterhazy-Walnüssen zwischen zimtigen Macaronhälften.

Es mag sein, dass der Teufel Prada trägt. Aber die Teufelin trägt definitiv ein Dirndl – vermutlich nicht von Prada, so doch bestimmt von Edelweiß.

Dirndl – ja mei, wird so manch einer sagen, des is doch nix bsonders. Nein, nicht in Bayern und Umgebung, vermutlich nicht einmal in der unteren Hälfte Deutschlands, wenn man es horizontal halbiert, aber hier, in Berlin, auf jeden Fall. Des glaub i ned, wäre vermutlich die nächste Erwiderung. Doch, es ist so. Regelmäßig quetsche ich mich in den Berliner Nahverkehr in Form von Bussen und Bahnen – dreiundfünfzig Minuten hin zu meiner Arbeit und neunundsiebzig Minuten zurück nach Hause. Dabei begegne ich mehr Leuten samt ihren individuellen Geruchsnoten, als mir lieb ist.

Alles, aber keine Dirndl!

Nur hier, bei mir, in der Redaktion, sehe ich Tag für Tag ein Dirndl. Mal in Limettengrün, mal in Himmelblau, hin und wieder in Altrosa, selten in Weiß, doch immer adrett mit gebügeltem Blüschen und Schürze. Und darin steckt meine Chefin Constanze. Constanze Mol, ihres Zeichens Chefredakteurin des Lifestylemagazins WeSelf, bei dem ich als Leiterin des Backressorts arbeite.

Und in dieser Funktion schlage ich gerade das neunte Eiweiß zu einem weißen Fluff für meinen Angel Food Cake auf. Eigentlich haben wir für die betreffende Ausgabe geplant, klassisch herbstlichen Kuchen einen überraschenden Touch voller Genuss zu verpassen und damit unsere Leser zu einem zweiten und dritten Stück zu verführen. Aber nein, zu laaangweilig – O-Ton Constanze Mol. Wir wollen modern sein, frisch, anders – Pflaumenkuchen, Traubentörtchen – wir doch nicht. Nur leider waren der Pflaumenkuchen und die Traubentörtchen vor sechs Wochen in unserer Monatskonferenz noch völlig in Ordnung. Dazu, das möchte ich ausdrücklich betonen, backe ich nicht nur schnöden Pflaumenkuchen. In meinen Probeversionen habe ich sorgfältig entkernte und polierte Pflaumen, die ich zuvor in Riesling-Traubensaft sanft gegart habe, auf ein Polster aus Maronencreme gebettet und dieses mit buttrigem Blätterteig umhüllt. Dazu zwei, drei Esterhazy-Walnussstreusel für den perfekten Crunch.

Mit der richtigen Dosis aus Kraft und Gefühl schlage ich weiter die Eiweiße auf. Die Masse glänzt wie frisch gefallener Schnee im Vollmondlicht.

Nur noch 121 Tage bis Weihnachten! Gibt es etwas Schöneres als die Wochen und Monate davor? Als die Vorfreude, gepaart mit der dunkler werdenden Jahreszeit, die sich wie ein Vorhang senkt, um an Weihnachten mit Schwung emporgezogen zu werden? All die goldenen Lichter und Weihnachtsdüfte nach gebrannten Mandeln und Zimt und – all die Geheimnisse.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen und lasse den Eischnee für einen Moment in Ruhe. Aus dem Backofen duftet es nach dunklem Tannenhonig mit einem Hauch Ceylon-Zimt. Meine ersten Honigkuchen der Saison! Golden wölben sich die breiten Stangen in der Wärme nach oben, noch ein, zwei Minuten und sie sind perfekt. Ich spüre schon den zarten Schmelz auf meiner Zunge, die Melange aus Honig und Zimt.

»Sag nicht, es ist schon wieder so weit.«

Vor Schreck beiße ich mir auf die Zunge und wirbele herum. »Sarah!«

»Habe ich dich erschreckt? Sorry. Aber wie du so vor deinem Backofen meditierst und wartest, herzallerliebst. Das kann nur heißen, Tusch und Trommelwirbel, die Lebkuchensaison ist eröffnet.«

Vorsichtig reibe ich meine Zunge am Gaumen. Alles heil. »Das müsstest du aber schon draußen auf dem Gang erschnuppert haben.«

»Ich habe Schnupfen.« Unbekümmert steckt Sarah einen Finger in den Eischnee und schleckt ihn ab.

»Im August?«

»Na und, du bäckst Lebkuchen im August.«

Wir lachen beide. »Wohl wahr. Aber immerhin haben wir schon die letzte Augustwoche.« Ich gebe Sarah einen Klaps auf die Finger, die sie schon wieder in die Schüssel tauchen will. »Was kann ich für dich tun, außer ein wenig Meringue Creme?«

»Die Mol hat unsere Monatskonferenz vorgezogen. Vermutlich hast du hier unten in deiner Backenklave nichts mitbekommen.«

»Davon war nicht einmal heute früh die Rede, als sie mich noch vor dem Backofenanwärmen nach oben zitiert hat. Sie teilte mir nur mit: Kleine Planänderung für die nächste Ausgabe, wir wollen kein wurmstichiges Zwetschgenzeugs, wir wollen eine moderne Interpretation des Angel Food Cakes«, äffe ich meine Chefin nach. Noch immer genervt von dieser Ansage, klemme ich mir nachdrücklich eine verrutschte Locke hinters Ohr.

»Oh, wie entzückend, die liebe Constanze sorgt bereits für die ersten weißen Haare in deinen Herbstlocken. Ich wusste gar nicht, dass du schon so weit jenseits der Dreißig zu finden bist.« Sarah deutet auf die Haarsträhne, die ich mir gerade mit Eiweißmasse verkleistert habe. Mit einem Küchenhandtuch rubbele ich an dem klebrigen Zeug herum und verdrehe die Augen. Ich kann es gar nicht leiden, wenn sich jemand über mein Alter lustig macht, schon gar nicht, seit ich vor Kurzem die dritte Null kassiert habe.

»Wann muss ich hoch?«

Sarah hüpft von der Arbeitsplatte, auf der sie es sich bequem gemacht hat. Eigentlich erstaunlich, wie sie in ihren ultraengen Jeans überhaupt die Beine anwinkeln kann. Auf einem unserer Shopping-Ausflüge habe ich auch einmal solch eine Art von Zweiter-Haut-Hose anprobiert und, was soll ich sagen, als ich darin steckte, ging nichts anderes mehr. Und gehen meine ich wörtlich. Millimeter für Millimeter musste ich dieses gemeine Ding nach unten abrollen. Dann lieber meine geliebten Fünfzigerjahre-Kleider, da passt alles von mir rein.

Sarah linst auf ihre Armbanduhr. »Abzüglich unseres Gespräches, in genau viereinhalb Minuten.«

»Das ist nicht dein Ernst!« Meine Stimme schrillt durch den Raum.

»Mein Ernst nicht, aber Madame Hulks.« Sarah sprintet aus der Backstube, um schnellstens jeglicher Erwiderung zu entgehen. Was nicht schwer ist, denn mit ihren Anderthalb-Meter-Beinen – pro Seite! – macht sie zwei Schritte, wo ich sechs brauche.

Na toll, ich habe in der vergangenen Dreiviertelstunde neun Eiweiße in liebevoller Handarbeit zu einem perfekten Schnee aufgeschlagen, um diesen mit sieben Mal gesiebtem Mehl zu vereinen, und nun das!

Ein bitterer Geruch trifft meine Nase. Die Honigkuchen! Ich fahre in meine Cupcake-Ofenhandschuhe, reiße die Backofentür auf, schnappe mir das Blech und versenke es in der Spüle. Gratulation! Die ersten Lebkuchen der Saison, dunkelbraun und brüchig. Aber für die Meute da oben in den Büros gerade noch essbar, allen voran die IT-Jungs. Ich glaube, die haben immer nur leere Kühlschränke zu Hause. Vielleicht haben sie auch gar keine Kühlschränke, sondern nur Computer?

Mit spitzen Fingern klaube ich die heißen Honigkuchen vom Blech auf ein Tablett, lege großzügig ein paar Walnuss-Macarons dazu und will eben die Küche verlassen, als Taylor Swift in Gestalt meines Mobiltelefons losshaked. Diesen Klingelton habe ich auf Geheiß meiner Großmutter Elionore auf meinem Telefon installiert. Damit ich immer sofort Bescheid weiß, wenn meine quirlige Gramsie mich erreichen möchte.

Ich habe noch siebenunddreißig Sekunden, um aus meiner Küche hinaus, in die dritte Etage nach oben und in den Konferenzraum neben Constanzes Büro zu gelangen. Ignoriere ich jetzt dieses Klingeln, was das Vernünftigste im jobmäßigen Sinn wäre, wird Gramsie jedes Telefon in diesem Häuserkomplex anklingeln, bis sie mich erwischt. Meine Großmutter kennt Leute, von denen ich nicht einmal weiß, dass sie existieren. Zielsicher würde sie eine von Constanzes Mobilfunknummern herausfinden. Keine verlockende Idee.

Ich sehe es vor mir: Constanzes Telefon, exakt ausgerichtet fünfzehn Zentimeter neben ihrem Laptop liegend, der sich im rechten Winkel vor ihr befindet, blitzt auf. Sie greift danach – selbstverständlich mit perfekt manikürten, farblich zu ihrem Dirndl passenden Nägeln – und im Display steht: Bitte verbinden Sie mich sofort mit meiner Enkeltochter Miela, ich möchte sie sprechen. Hochachtungsvoll Elionore Ladur, Mielas Großmutter.

Mit nach wie vor klebrigen Fingern nehme ich das Gespräch an und wie immer werde ich mein Telefon am Ende des Tages polieren dürfen.

»Hi, Gramsie! Es tut mir leid, aber es ist gerade total ungünstig. Kann ich dich nachher zurückrufen?«

»Nein, kannst du nicht, meine liebe Miela!«

Mist, falsche Frage. Ich hätte einfach sagen sollen, dass ich sie zurückrufe.

»Im Übrigen ist dies eine sehr unhöfliche Art, an das Telefon zu gehen!«, schimpft sie mit mir, aber in sehr gesetztem Ton. Ich vermute, weil sie noch etwas möchte. Jetzt aber schnell.

»Gramsie, was kann ich für dich tun?«

»Bei dir, in der Nähe deiner Arbeit, gibt es diesen fabelhaften Künstlerbedarfladen, das Lunis. Bitte sei so lieb und bringe mir ihre spezielle Anfertigung des Mittellichtblaus heute noch vorbei. Ich arbeite gerade an dieser wundervollen Abendstimmung des schwedischen Sommers und dieses Blau ist es, mit dem ich mein Meisterwerk vollkommen machen werde.«

Blau? Meine Großmutter braucht noch heute ein Blau von mir? »Kannst du nicht ein anderes Blau nehmen?«

Gramsie atmet so entrüstet ein, dass mir die Luft knapp wird.

»Miela! Bäckst du etwa Macarons mit Mandeln aus dem Supermarkt anstelle von Marcona-Mandeln?«

»Selbstverständlich nicht!« Ups! Jetzt hat sie mich. Aber ganz ehrlich, wer würde schon Supermarktmandeln für Macarons nehmen!

»Da siehst du es. Und wenn du es pünktlich bis neunzehn Uhr schaffst, kannst du gern das Abendessen mit uns einnehmen. Adele wickelt schon den ganzen Tag Rouladen auf, mehr muss ich doch nicht sagen, meine Liebe?«

In der Tat, für eine von Adeles Rouladen würde ich sogar zwei Mal durch die Stadt nach Lichtenrade fahren.

»Okay. Aber ich muss jetzt wirklich los.«

»Bis nachher, mein Schatz, und denk an das Mittellichtblau.«

Mit einem Supersprint, der mich vom Fleck weg in jeden olympischen Kader dieser Welt katapultieren würde, treffe ich im Konferenzraum ein. Offensichtlich hat das Constanze-Ritual bereits begonnen und wird nun leider für mich durch eine Madame-Hulk-Einlage unterbrochen. Meine Chefin und dreizehn Augenpaare mustern mich.

»Das Fräulein Ladur! Wie schön, dass es sich auch zu uns gesellt. Etwas derangiert, aber immerhin nun anwesend.« Constanzes Blick scannt mich von oben bis unten und wieder zurück. Verlegen balanciere ich mit der einen Hand das beladene Tablett, während ich mit der anderen meine Schürze glatt streiche. Moment, hier brauche ich sie doch gar nicht. Egal, mit so viel Würde wie möglich stelle ich das Gebäck auf den Tisch und nehme raschelnd Constanze gegenüber am Konferenztisch Platz. Der zweilagige Petticoat unter meinem Tellerrockkleid war heute Morgen, akustisch gesehen, nicht die beste Entscheidung.

Ich habe noch nicht einmal die Beine übereinandergeschlagen, da ist schon ein Drittel der semiverbrannten Honigkuchen in den Mündern diverser Männerkollegen verschwunden, während die Frauen seufzend die beigefarbenen Walnuss-Macarons bewundern und dann sanft auf ihren Zungen schmelzen lassen.

»Wenn wir dann bittschön wieder zur Ruhe kommen könnten.« Constanze rollt das R so, wie nur echte Bayern das R rollen können, richtig voll und lang und mit vibrierender Zunge. Schade nur, denn diese Kunst wird bei uns hier oben im Norden nicht als solche erkannt. Aber ich muss zugeben, ihr Bayrisch ist ansonsten ziemlich deutsch. Leider hat sie zusammen mit ihrem Dialekt auch die berühmte bayrische Herzlichkeit in ihrer Heimat zurückgelassen. Und ich kann ja echt, absolut und total verstehen, dass ausgerechnet Constanze vor einem Jahr von unserem Mutterverlag in München ausgewählt wurde, unser müdes Berliner Blatt wieder wehen zu lassen. Denn arbeitstechnisch veredelt sie alles, was sie anpackt, und dass dabei der eine oder andere Mitarbeiter auf der Strecke bleibt, verbucht sie halt unter Nebenkosten. Im Rechnen ist sie richtig gut. Trotz allem, hätten sie sie nicht einfach behalten können? Schließlich ist sie eine von ihnen.

»Da ich nicht viel Zeit habe, möchte ich mit euch nur ganz kurz die Weihnachtsausgabe besprechen.«

»Warum trommelt sie uns dann an so einem hektischen Vormittag zusammen, wenn sie so wenig Zeit hat?«, grummelt Harry neben mir und pickt einen Honigkuchenkrümel von seinem weißen T-Shirt. Sarah, die neben ihm sitzt, knufft ihm ins Bein. Harry lässt sich von Constanze nicht gern herumscheuchen und sagen wir so, sie weiß das. Doch mehr als einen Blick unter ihren Frida-Kahlo-Augenbrauen hat sie heute nicht für ihn übrig.

»Unsere aktuellen Marktanalysen ergeben einen ganz klaren Trend für den Ausklang heurigen Jahres. Und wir werden dabei natürlich mitmachen. Selbstverständlich in eigener Form, modern, frisch, anders.«

Constanze hält inne. Ich persönlich finde Trends ziemlich überbewertet. Was ist falsch an Altbewährtem, noch dazu, wenn das Altbewährte so lecker schmeckt wie Marzipanstollen oder Spekulatius oder Zimtsterne? Nun gut, die verkleinerten Formen von allerlei Kuchenkreationen, wie sie gerade modern sind, bringen auch viele appetitliche Varianten mit sich und erst die federleichten Macarons. Was auch immer, es wird schon passen. Schließlich lassen sich aus frischen Eiern, guter Butter und Honig allemal Köstlichkeiten zaubern. Bei meinen Ressort-Zutaten geht das gar nicht anders.

Gespannt verfolge ich, wie sich Constanze erhebt und neben die Leinwand stellt. Respekt, ihr tannengrünes Dirndl mit der weihnachtssternroten Schürze passt perfekt zum Thema.

Der Beamer surrt los und ein Bild mit dem Logo von WeSelf leuchtet auf. Vom Cover prangen uns, vor einem lodernden Kamin, auf einem goldenen Teller angerichtete Kekse entgegen. Und eine Überschrift.

Constanze vollführt eine gekonnte Werbegeste. Die Kollegen diverser Shoppingsender könnten das nicht besser. »Voilà! Das vorläufige Cover unserer Weihnachtsausgabe: Vegan for Christmas.«

Wie jetzt vegan? Vegan als Abkürzung für:

Vanillekipferl

Esskastaniengelee

Granatapfel-Macarons

Anisplätzchen

Nugattürmchen?

Das Tuscheln meiner Kollegen übertönt den Beamer, der tapfer dagegen anbrummt, je länger er zum Betrieb gezwungen wird.

Gesundheit und Bücher ereifern sich bereits in Details und ihrer Begeisterung nach, begehren die beiden Ressorts in der Weihnachtsausgabe doppelt so viele Seiten. Kosmetik und Reisen kürzen wohl gerade ihre Beiträge auf eine halbe Spalte, gemeinsam. Essen und Trinken schwankt noch.

Nach einem Kopfnicken von Constanze erhebt sich ihr Schatten, ich meine natürlich Assistent Gorden, und verteilt hellgraue Mappen an uns. Igitt, wenn er sich noch einmal den Zeigefinger ableckt, bevor er sich eine Mappe vom Stapel nimmt, sehe ich mich gezwungen, die Damentoilette aufzusuchen. Es könnte aber auch sein, dass der Papiereimer herhalten muss, falls ich den Weg nicht mehr schaffe.

Beim Austeilen meine ich fast, so etwas wie ein Lächeln auf Gordens Strichlippen zu entdecken. Vermutlich resultiert dieses Weihnachtsdesaster nicht nur aus den Statistiken der IT-Jungs. Gorden ist allseits dafür bekannt und manchmal auch hinter vorgehaltener Hand bewundert, dass er in den Jahren bei WeSelf noch nie dabei beobachtet wurde, sich auch nur ein Zuckerkörnchen genehmigt zu haben. Und kein Weißmehl und kein Fleisch und keine Butter und überhaupt. Vermutlich ernährt sich Gorden von klingonischen Superpillen.

»In den Mappen findet ihr alle Details unserer Planung. Bittschön schaut euch alles genau an, nächste Woche in den Einzelmeetings der Ressorts gehe ich dann auf die Details ein. Und wenn ich Ressorts sage, meine ich ALLE Ressorts!« Schon schreitet Constanze zur Tür und beendet ihre Audienz. Zurück bleibt ein Raum voller aufgekratzter Untergebener.

»Tja, Jungs und Mädels«, Harry erhebt sich und grinst in die Runde, »vermutlich bin ich der Einzige hier, dem dieses Thema nicht die Weihnachtsausgabe verhagelt.« Er schnappt sich seine Lederjacke von der Stuhllehne und klemmt sich die unsägliche Mappe unter den Arm. Dann drückt er Sarah einen Kuss auf deren blonden Scheitel und verabschiedet sich von ihr. »Wir sehen uns später, Babe. Ich muss noch die Rezension von dem Indie-Musikfestival im Mauerpark fertig schreiben.«

»Ich bin ja echt ein aufgeschlossener und neugieriger Mensch, Miela«, wendet sich Sarah an mich, ohne dabei Harrys Kehrseite aus den Augen zu lassen. »Aber muss es vegane Mode sein? Ausgerechnet zu Weihnachten?«

Seufzend streiche ich ihr über den Arm und sehe dabei zu, wie die Gedankenblase über ihrem kreativen Modeköpfchen platzt: hier eine elegante Seidenbluse zum Fest, dort eine sexy Lederhose für danach.

Gemeinsam stehen wir auf und schlappen hinaus auf den Flur.

»Und, was habt ihr vor?« Vera aus dem Kulturressort gesellt sich zu mir und Sarah und legt jeder von uns einen ihrer massigen Arme auf die Schulter. »Für euch beide wird es wohl mit am schwierigsten.«

»Ach, wisst ihr, ich habe mir sagen lassen, dass sich aus Kichererbsenwasser ganz hervorragender Eischnee zaubern lässt.« Damit ducke ich mich unter meinen Kolleginnen weg und lasse sie mit offenen Mündern zurück.

»Oh, tu uns das bitte nicht an!«, ruft mir Vera hinterher und sie klingt echt verzweifelt.

Kapitel 2

E wie Erdbeerverführung

Erdbeer-Macarons

Eine Creme aus frischen Walderdbeeren, Alpensahne und weißer Vanilleschokolade vereint sich zwischen zartrosa Macaronschalen mit einer Puderschicht aus getrockneten Honeoye-Erdbeeren zu einem kulinarischen Gedicht.

Bevor ich in die Backstube zurückkehre, schlendere ich die Treppe hinauf in den vierten Stock. Hier befindet sich neben Sarahs Klamottenparadies das Fotostudio von WeSelf. Und wie es manchmal so passiert am Arbeitsplatz, ist der Fotograf unseres Magazins mein Lebensgefährte. Ach, was sage ich, Lebensgefährte, das klingt so langweilig, nein, wir sind nicht langweilig. Nils Gunter ist mein Freund und Mitbewohner – und eben mein Lebensgefährte.

Die Tür zum großen Fotostudio ist nur angelehnt und ich verstehe dies als Aufforderung einzutreten. Leise versteht sich. Nils lässt sich nicht gern bei der Arbeit stören, er hat sich da immer etwas, es hemme seine künstlerische Entfaltung oder so. Deshalb schwänzt er auch ab und zu Constanzes Termine, was ihn bei ihr nicht unbedingt beliebt macht.

Vorsichtig linse ich um eine mannshohe Studioleuchte. Nils kniet mit dem Rücken zu mir auf dem Boden und knipst im Nanosekundentakt das Fräuleinchen vor sich. Dieses wird wahrscheinlich erst volljährig, wenn ich jenseits der Fünfzig meine grauen Haare zu einem Dutt aufdrehe.

»So ist’s gut Baby! Ja, so will ich’s. Zeig’s mir.«

Jetzt mal ehrlich, ist das wirklich Kunst? Oder kann das weg?

Das jungfräuliche Mägdelein auf dem Hocker über meinem Freund spitzt mittlerweile seinen Kussmund so sehr, dass ich um die Lippen fürchte. Nicht auszudenken, wenn diese einfach abfallen. Das weiße Seidentuch, mit dem die Schülterchen halb bedeckt sind, rutscht bei der Luftkussnummer immer tiefer. Wenn ich nicht wüsste, dass dies hier ein Fotoshooting für einen neuen Hightech-Lippenstift ist, würde ich es glatt für die Busenwerbung eines Schönheitschirurgen halten.

Bei Nils’ schräger Lage machen offensichtlich seine nicht vorhandenen Bauchmuskeln schlapp, denn er kippt wenig elegant zur Seite. »Großartig Baby, diesen Schuss wollte ich noch haben!« Er rappelt sich auf und ich höre es leise in seinen Knien knacken. Mit einer Hand steckt er sich sein verrutschtes Hawaiihemd zurück in den Jeansbund, während er mit der anderen die Kamera an eine Assistentin weiterreicht.

Das ist meine Gelegenheit und ich räuspere mich dezent. Nils dreht sich zu mir herum. »Ach, du.«

Ja, ich. »Magst du mal kurz Pause machen?«

»Du kannst lockerlassen, entspann deinen sexy Mund«, wendet er sich an die Lippenstiftprinzessin, die ihm prompt gehorcht und die Lippen in ihre natürliche Position zurückschnappen lässt. Das dazugehörige Ploppgeräusch ist laut und deutlich zu hören.

Nils nimmt mich am Arm und läuft mit mir in Richtung Tür. »Hier dauert es noch eine Weile, Süße. Ich komme heute später heim.«

»Das trifft sich gut. Constanze hat mein Backprojekt quasi vom Blech gefegt und Gramsie mich gebeten, ihr noch etwas vorbeizubringen.«

»Bleibst du über Nacht dort?« Nils lässt meinen Arm los und streicht sich über seine kurzen braunen Haare. Er ist einen Zentimeter kleiner als ich, was er immer durch extremes Geradestehen auszugleichen versucht.

»Wollte ich eigentlich nicht, aber …«

»Bleib ruhig da«, unterbricht er mich. »Ich hole mir unterwegs eine Pizza und ein paar Bier und hau mich ins Bett.«

Ist es nicht schön, so vermisst zu werden? Allerdings gebe ich zu, dass es nicht die schlechteste Idee ist, bei meiner Großmutter zu nächtigen. So würde ich mir einige Wege sparen.

Nils fixiert mich mit seinen sandfarbenen Augen. »Denk nur an den weiten Weg. Lass dich lieber von den alten Leutchen dort verwöhnen und komm dann morgen frisch und ausgeruht zur Arbeit. Ich schaffe es schon mal eine Nacht ohne dich.« Nils drückt mir einen Kuss ins Gesicht, der irgendwo zwischen meiner Nase und meinem Mundwinkel landet. »Natürlich vermisse ich dich.«

Mit einem Grinsen verwuschelt er meine Haare, winkt mir kurz zu und verschwindet in einem Wäldchen aus Softboxen.

Nun gut, dann zurück in die Backstube. Vermutlich ist mein Eischnee mittlerweile zusammengefallen wie ein Soufflé im Wind. Aber ich bin guter Dinge, dass unser Chefkoch Christian daraus noch etwas Leckeres zaubern wird.

Mit wehendem Rock hüpfe ich die Treppen hinab in die Backstube. Gerade in meinem Beruf als Zuckerbäckerin nutze ich jede Gelegenheit, mich mehr als nötig zu bewegen. Wer will schon Nein sagen zu einem Stück Sachertorte oder einem Aachener Printen. Da versuche ich das Ja doch lieber mit Bewegung auszugleichen. Gut, ich gebe zu, dass das Verhältnis zwischen Naschen und Sport nicht ideal ausgewogen ist, aber immerhin bemühe ich mich, meinen inneren Schweinehund hin und wieder mit einer kleinen Joggingeinheit auf Diät zu setzen. Nils hat mir auch schon mal Appetitzügler von irgend so einer Werbekampagne mit nach Hause gebracht, denn er findet mich grenzwertig genusssüchtig. Zweifellos ist seine Perspektive durch den täglichen Blick durch die Kamera sehr verschoben, denn mehr als Striche bekommt er meist nicht zu sehen.

Genuss hin oder her, jetzt heißt es erst wieder neun Eier sauber trennen und das Eiweiß steif schlagen. Hierbei bin ich genauso altmodisch wie bei meinen Fünfzigerjahre-Kleidern, denn ich zerreiße das Eiweiß nicht brutal mit einem heulenden Mixer, sondern benutze meinen Schneebesen aus bestem V4A Edelstahl.

Da in vier Monaten bereits Weihnachten ist, wir also quasi schon fast in der Adventszeit sind, lege ich meine Evergreen Christmas CD in den CD-Spieler über der Arbeitsplatte. Bing Crosby beginnt, von weißer Weihnacht zu träumen, und ich mit ihm.

Das Eiweiß gehorcht meinem Willen und nach einem Drittel der CD halte ich inne. Perfekt.

Mehrere Locken aus meinem geflochtenen Zopf schwingen um meine Augen herum und mir ist heiß. Nach einem Glas Wasser verlasse ich die Küche und sprinte hinauf in den dritten Stock. Das Bad dort ähnelt eher einem Boudoir, im Gegensatz zu dem WCchen neben meiner Backstube, wo es nicht einmal einen Spiegel gibt.

An einem der Waschbecken erfrische ich mir das Gesicht und setze mich anschließend auf den Hocker vor dem bodentiefen Spiegel gegenüber der Tür. Ich löse den Zopf, bürste meine Haare und flechte sie wieder zusammen.

»Na, des werden wir net!« Die Eingangstür fliegt auf und Constanze stürmt samt Handy am Ohr herein. Ihre Lippen sind fest aufeinandergepresst und zwischen ihren Brauen hockt eine Zornesfalte, tief wie der Grand Canyon. Als sie meiner gewahr wird, bleibt sie mitten in der Bewegung stehen. Aber nur für einen Moment. »Ich rufe zurück«, schnappt sie, während ich mich erschrocken zu ihr umdrehe.

»Miela, wie schön. Ich wollte eben zu dir kommen.« Pling, schwebt ein strahlendes Lächeln in Constanzes Gesicht. Es ist immer wieder ein faszinierendes Schauspiel. Leider geht es auch ganz schnell andersherum.

»Ich habe soeben erfahren, dass die Sweetie in ihrer aktuellen Ausgabe ein Special zu Ehren des Angel Food Cakes als Aufmacher bringt. Es war falsch, dass du dich von deinem ursprünglichen Plan hast abbringen lassen, moderne Herbsttörtchen zu kreieren.«

Ich habe mich abbringen lassen? Sie hat es mir befohlen! »Ich hatte die ersten Varianten bereits fertig«, verteidige ich mich.

»Und wo, bittschön, sind diese jetzt? Ich möchte sie probieren.«

»Ähm, weg.«

»Wie weg?« Constanze klopft mit dem Handy auf ihre Hand und funkelt mich an. War da nicht eben noch ein Lächeln?

»Ich habe sie in der Redaktion verteilt. So wie immer, wenn wir die Proben nicht mehr brauchen.«

»Na super! Erst willst du moderne Herbstklassiker backen, dann plötzlich einen altmodischen Schwammkuchen und nun verfütterst du auch noch Redaktionseigentum an alle und jeden!«

»Du hast mich doch zu dir zitiert und mir befohlen, alles wegzuschmeißen und unverzüglich mit dem Angel Food Cake anzufangen.«

»Und du bist die Ressortleiterin unserer Backabteilung und musst wissen, was die Konkurrenz veranstaltet. Da muss erst ich wieder kommen!«

Nein, ich lasse mich nicht weiter provozieren. Nein, nein, nein! Aber gefallen lassen ist auch nicht richtig. Wie ich diese Reibereien hasse! Ich will doch nur backen! »Morgen Nachmittag bringe ich dir eine Auswahl nach oben.«

»Morgen Mittag«, sagt’s und rauscht zur Tür hinaus.

Ich mag meinen Job bei WeSelf, ehrlich. Meine Kollegen sind toll und ich darf in einer Küche backen, in der mir alles zur Verfügung steht, was es im Backuniversum gibt. Aber diese Machtspielchen mit Constanze laugen mich aus. Egal, wohin ich mich wende, sie ist vor mir da. Egal, was ich anfasse, ich fasse es falsch an. Egal, was ich denke, sie denkt das Gegenteil.

Ich spritze mir erneut kaltes Wasser ins Gesicht. Vielleicht sollte ich noch einen kleinen Abstecher zu Nils machen. Auf ihn kann ich mich verlassen. Er verdreht mir nicht meine Welt, bis sie verkehrt herum läuft. Nils ist geradeheraus und eindimensional. Morgens ein Marmeladenbrötchen, mittags ein Schnitzel mit Kartoffelsalat und abends eine Stulle mit Emmentaler Käse. Constanze hingegen verlangt es in der einen Minute nach Lebkuchenbrot und im nächsten Moment nach Crème Brûlée aus Ziegensahne, dazwischen will sie Orangen-Süßkartoffeln mit mariniertem Fenchel.

Die Tür zum großen Fotostudio ist verschlossen und das Nicht-stören-Schild prangt mir entgegen. Für einen Moment schwebt meine rechte Hand, bereit zum Klopfen, vor der Tür.

Ach was soll’s. Ich drehe mich weg und erspähe Sarah in ihrem Modetempel, die mich zu sich hereinwinkt.

»Hey, du siehst aus, als hättest du mit der Mol eine Zitrone geteilt.« Während Sarah mich angrinst, wurschtelt sie sich mit einem Haargummi die blonde Mähne zu einem Knäuel auf dem Kopf und öffnet dann einen Kleidersack, der vor ihr auf einer Stange hängt.

»Eine Zitrone garniert mit unreifen Granatapfelkernen und ich hatte den größeren Anteil.«

Aus Sarahs Kleidersack ergießt sich ein bordeauxrotes Seidenkleid. Solch ein Kleid habe ich das letzte Mal an Barbie in der Weihnachtsgeschichte gesehen. »Das Kleid ist unglaublich! Ist das für die Weihnachtsausgabe?«

Sarah streicht sanft über den schimmernden Stoff. Doch ihr Lächeln verwandelt sich in eine Grimasse, als würde sie sich jetzt selbst einen Zitronencocktail genehmigen. »Das sollte in der Tat mein Weihnachtsprunkstück werden. Aber die Cuiteseide wird nun mal von süßen Räupchen gespendet, die sind selten vegan.«

»Das habe ich bei diesem ganzen Herbstthema-Hin-und-Her total vergessen. Kannst du nicht so tun als ob?«

Vorsichtig nimmt Sarah den Kleidertraum aus der Hülle und hält ihn mir an.

»Das Kleid sieht aus, als wäre es für dich gemacht. Sieh mal im Spiegel, wie dieser Rotton mit deinen goldbraunen Haaren harmoniert, und das Bernstein in deinen Augen leuchtet geradezu.« Sie schiebt mich vor den Zweimeterspiegel in der Mitte des Raumes und ich muss zugeben, dass mir gefällt, was ich sehe.

»Eigentlich wollte ich ein schwarzhaariges Model für das Kleid haben, aber wenn ich dich damit so sehe …« Sarah läuft um mich herum und zuppelt mal an meinen Haaren und mal an dem Kleid, dann zieht sie einen Flunsch. »Aber es ist egal. Ich muss jetzt versuchen, einen veganen Modetraum aufzutreiben. Vermutlich wird es ein sandfarbener Bambuskaftan mit einer schlammbraunen Leinenhose.«

»Du machst das schon.« Tröstend streiche ich Sarah über den Arm. »Ich muss wieder runter und das dritte Mal heute Teig ansetzen, vielleicht schafft es der ja bis in den Ofen.«

An der Tür drehe ich mich zu Sarah um, die sich gerade im Schneidersitz vor das Weihnachtskleid auf den Boden setzt. »Hast du zufällig Nils gesehen, bevor er sich ins Studio zurückgezogen hat?«

Sarah schüttelt den Kopf und das Haarknäuel darauf schwankt bedenklich hin und her. »Nö. Ich dachte eigentlich, er wäre schon gegangen. Das hat sich vorhin zumindest so angehört.«

Ich zucke mit den Schultern. »Wer weiß, was du gehört hast. Er will heute länger arbeiten und das Schild hängt ja auch draußen.«

»Dann klopf doch und geh rein.«

»Das mag er gar nicht.«

Sarah legt ihre Stirn in tausend Falten. »Miela! Ganz ehrlich, Nils mag vieles nicht. Ihr zwei lebt miteinander! Also bitte!«

»Ich muss runter. Bis dann.«

»Du lässt dir zu viel gefallen!«, ruft sie mir hinterher, doch da bin ich schon die Hälfte der Treppe hinuntergehüpft.

So ein klitzekleines bisschen hat Sarah ja recht. Und das wurmt mich.

Mit mehr Schwung als nötig öffne ich die Tür zur Backstube und knalle ein paar saubere Schüsseln auf die Edelstahlarbeitsfläche. Ich suche mir Eier, Butter, Zucker, Mehl, Hefe und Gewürze zusammen und rühre drei verschiedene Grundteige an, die ich über Nacht im Kühlschrank ruhen lassen will. Morgen werde ich daraus herbstliche Köstlichkeiten backen, die Constanzes um den Kopf gewickelte Bauernzöpfe vor Freude aufrichten werden.

Kurz vor sechs binde ich mir die Schürze ab und nach einem letzten Blick auf die blitzblanke Küche sprinte ich hoch in den vierten Stock. Es hängt weiterhin das Nicht-stören-Schild an der Studiotür. Doch dieses Mal überwinde ich mich, klopfe leise und, da mich niemand anpflaumt, öffne vorsichtig die Tür. Die großen Studioleuchten sind aus, doch im hinteren Teil des Raumes höre ich Stimmen. Um nicht zu stören, schleiche ich hin.

Leider finde ich nicht Nils im Gespräch vertieft vor, sondern nur ein Radio, das offensichtlich vergessen wurde auszumachen.

Da war er wohl schneller fertig als geplant. Nun gut, dann hole ich jetzt das kostbare Dingsbums-Blau für meine Großmutter und fahre zu ihr.

Froh, mich heute Morgen gegen Bus und Bahn und für meinen tornadoroten Käfer entschieden zu haben, fädele ich mich kurz darauf in den Berliner Stau ein. Bis nach Lichtenrade mit Bus und Bahn ist kein Vergnügen, dann lieber mit dem Auto durch die gestaute Berliner Innenstadt. Begleitet von Sarah Connor ergattere ich eine Miniparkplatzlücke fast vor dem Künstlerbedarfladen. Wenn das weiter so gut läuft, könnte ich in einer Stunde vor dampfenden Rouladen sitzen. Doch mit dem Parkplatz endet meine Glückssträhne auch schon wieder. Im Laden stapeln sich die Kunden und jeder einzelne wird bedient, als wäre er der einzige.

Nach einer Dreiviertelstunde halte ich ein Fünf-Milliliter-Tübchen kostbares Mittellichtblau in den Händen und bin nun voll informiert über Azurit und Ultramarin und Smalte oder Smolto oder so.

Genau in dem Moment, in dem ich den Laden verlasse, blitzt es aus steingrauen Wolken und Tropfen groß wie Cake-Pops klatschen auf den Gehweg. Mein Auto steht siebzehn Meter von mir entfernt, aber es reicht, um mein Kleid, meine Lieblingsunterwäsche und auch mich zu durchnässen.

Igitt, ich hasse nasse Sachen am Leib! Mit einem Sprint rette ich mich ins Auto und zerre an dem feuchten Stoff auf meiner Brust herum, dabei fingere ich einen sommerlichen Paschminaschal aus der Handtasche. Ich habe immer einen dabei, man kann ja nie wissen. Wie jetzt zum Beispiel, als ich damit versuche, meine Haare zu trocknen.

Der Verkehr ist leider nicht weniger geworden und ich quetsche mich zwischen einen BMW, der dreimal so groß ist wie mein Käfer, und einen antiken Toyota in die verstopfte Fahrspur.

Nach einer weiteren halben Stunde habe ich mich so weit aus dem Blechstau herausgearbeitet, dass ich auch mein Gaspedal benutzen kann.

Wieder shaked Taylor Swift auf dem Handy und dank der neuen Freisprechanlage muss ich meinen Fahrschwung nicht unterbrechen. »Hallo Gramsie. Ich bin bald da.«

»Hallo, meine liebe Miela. Ich rufe nur an, weil es für dich nicht mehr notwendig ist herzukommen.«

»Das ist nicht dein Ernst!«, schreie ich mehr mir selbst als meiner Großmutter zu.

Pikiert spricht meine Großmutter daraufhin extra leise und ich muss scharf hinhören, um sie zu verstehen. »Meine liebe Enkeltochter! In dieser Lautstärke spricht man nicht mit anderen Leuten, schon gar nicht mit seiner eigenen Großmutter. Ingbert war so galant, für mich in die Stadt zu fahren und mir mein Mittellichtblau zu besorgen. So konnte ich schneller wieder meiner Inspiration folgen. Das verstehst du doch sicherlich. Denk nur an die Nacht, als du mich um drei Uhr morgens aus dem Bett geklingelt hast, weil du unbedingt meine Butterblumenbackform für eine deiner Kreationen gebraucht hast.«

»Das hat doch jetzt gar nichts damit zu tun.« Mit einem halben Schulterblick fahre ich an den Straßenrand und stelle den Motor aus.

»Wie auch immer. Vielen Dank für deine Hilfe. Wenn du dennoch herkommen möchtest, bist du natürlich herzlich eingeladen, allerdings sind die Rouladen verbrannt. Leider lief Fantasy Island im Fernsehen und Adele war wohl abgelenkt.«

»Gramsie, deine Rentner-WG macht mir manchmal echt Angst.«

»Wir sind keine Rentner! Wenn schon, sind wir Pensionäre. Und wir sind auch keine WG, wir sind eine wohlsituierte Wohngemeinschaft. Nun entschuldige mich bitte, meine Farben verlieren ihre Geschmeidigkeit. Sehen wir uns dann heute noch?«

Ich schweige einen Augenblick. Nils hat mich vorhin fast gedrängt, bei meiner Großmutter zu nächtigen. Dort bin ich auch wirklich gern, ich habe ein riesiges Zimmer für mich allein, mit einem altmodischen Himmelbett, in dem ich schlafe, als wäre ich in Watte gewickelt. Aber da Nils anscheinend doch früher Schluss gemacht hat, könnte ich ihn überraschen. Es ist sowieso mal wieder Zeit für ein bisschen mehr Pfeffer in unserer Beziehung. Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal mit Leidenschaft geliebt? Der Routine-Beischlaf nach Nils’ Tatort-Auszeit sonntags hat mit Leidenschaft ungefähr so viel zu tun wie staubsaugen unter der Couch.

»Ich fahre nach Hause, Gramsie. Wir sehen uns nächste Woche zum Kartenspielen.«

Beladen mit Bio-Erdbeeren, Sahne und einer Flasche sortenreinem Chardonnay-Traubensaft stehe ich vor unserer Wohnungstür und taste nach dem Schlüssel in meiner Handtasche. Ursprünglich hatte ich Champagner statt Traubensaft in der Hand, aber ganz ehrlich, das Zeug schmeckt wie etwas, das schon jemand anderes im Magen gehabt und dann – sagen wir mal – wieder ausgespuckt hat.

Durch die Tür dringt klassische Musik. Der Bolero? Ich wusste nicht einmal, dass wir dieses Stück irgendwo haben.

Unsere Wohnung liegt im obersten Stockwerk einer umgebauten Stofffabrik. Eigentlich besteht sie nur aus einem einzigen Raum, lediglich das Bad liegt ein wenig versteckt direkt neben dem Eingang hinter einer Backsteinmauer. Ansonsten läuft man offen in unsere Koch/Ess/Wohn/Schlafhalle hinein, die zu beiden Seiten von bodentiefen Fenstern flankiert wird.

Unser Domizil gehört Nils. Als wir vor drei Jahren beschlossen, zusammenzuwohnen, bin ich bei ihm eingezogen, da er – wie er mir glaubhaft versicherte – niemals wieder in einer spießigen Drei-Raum-Wohnung leben würde. Egal, dachte ich damals, schließlich fühlt man sich dort daheim, wo man wohnt. Mittlerweile muss ich zugeben, dass dem nicht so ist. Ich würde sehr gern in einer spießigen Drei-Raum-Altbau-Wohnung leben.

Als ich die Tür endlich aufgesperrt habe, überfällt mich die nervige Musik in voller Lautstärke.

Im Wohnzimmerteil unserer Bleibe liegen Klamotten auf dem Boden verstreut, darunter ein Spitzen-BH ungefähr in der Größe meiner Pobacken.

Ein Stück weiter rekelt sich auf unserem riesigen Bett eine Frau – nackt. Ihrer Bestückung nach zu urteilen, ist sie die Besitzerin des Megabusenhalters.

»Komm schon, Kleiner«, gurrt sie und stützt sich nach hinten auf ihren Unterarmen ab. Dabei spreizt sie ihre Beine und gewährt mir damit Einblicke, wie ich sie nie haben wollte. In dem Moment nimmt ein brunftiger Nils mit aufgereckter Lanze Anlauf und springt zu der paarungsbereiten Nymphe aufs Bett. Er ruckelt ein wenig mit seinem nackten weißen Hintern und – ich würde sagen, Treffer versenkt.

Kapitel 3

I wie Intuition

Ingwer-Macarons

Man rühre unter die glänzende Macaronmasse ein, zwei Messerspitzen frisch geriebenen Ingwer. Für die Ganache empfiehlt sich mitternachtsdunkle Schokolade aufgelöst in heißer Sahne mit kandierten Ingwerstückchen.

Die Saftflasche knallt auf den Boden mit den schiefergrauen Riesenfliesen, Erdbeeren und Sahne folgen. Doch die Geräusche gehen in dem Stakkatogekreische von Herrn Ravel unter.

Ich würge und schaffe es gerade noch ins Bad neben der Tür. Was das rammelnde Knäuel auf dem Bett nicht stört, die sind beide nicht bei Sinnen.

Nachdem ich mein Mittagessen und den Kuchen vom Nachmittag von mir gegeben habe, erfrische ich mich am Waschbecken. Meine Hände zittern, meine Knie wabbeln und dabei rumpelt mein Herz.

Was passiert hier?

Das alles bilde ich mir doch nur ein, oder?

Wie soll ich jetzt die Sauerei aus Traubensaft und ausgelaufener Sahne aufwischen? Die Erdbeeren sind auch hin oder kann ich sie noch aus dem Scherbenhaufen pulen? Doch wer will die jetzt noch?

Wo ist mein Koffer? Wann bin ich eigentlich das letzte Mal verreist? Nils fährt öfter mal für ein Wochenende weg – mit den Fußballjungs! Ein ekliges Lachen entsteigt meiner Kehle.

Ich muss hier weg. Mein Wohnungsschlüssel steckt noch, meine Handtasche mit Autoschlüssel, Geld und Papieren liegt in der offenen Eingangstür. Mehr brauche ich erst einmal nicht.

Okay, Miela. Du gehst jetzt ganz locker zurück in diesen Saustall, du schaust nicht hin und ignorierst alles um dich herum. Kümmere dich um nichts.

Wieder muss ich würgen, doch ich kämpfe es nieder.

Wie auf Glatteis laufe ich aus dem Badbereich heraus. Mittlerweile kniet sie vor ihm. Ihre Brüste klatschen hin und her und er grunzt Worte, wie sie vermutlich nur Eingeweihten der Pornoindustrie geläufig sind.

Mit fünf großen Schritten stürme ich zum Bett hin. »Wieso tust du das?«, schreie ich Nils von hinten an. Was für eine blöde Frage. So viel zu meiner Coolness.

Als wäre meine Wut, die sich auf die beiden entlädt, mit hunderttausend Volt geladen, fahren sie auseinander. Nils dreht sich mit einem Bocksprung zu mir herum. »Das ist nicht das, wonach es aussieht!«

»Wenn du meinst, es sieht nicht nach Pizza essen und Bier trinken aus, dann hast du recht!« Meine Stimme jagt mir selbst Gänsehaut den Rücken herab, so kalt habe ich noch nie geklungen. Ihm geht es anscheinend ähnlich, denn sein männliches Teilchen schrumpelt auf Dattelgröße zusammen.

»Was soll der Scheiß?«, blafft das Busenwunder Nils an. »Du hast geschrieben, wir wären ungestört. Wenn mir heute nach Zuschauern gewesen wäre, hätte ich auch in irgendeinen Club gehen können.«

»Geschrieben?« Ich habe Mühe, den Blick auf ihr Gesicht mit dem verschmierten, blutroten Lippenstift zu konzentrieren.

»Tinder. Schon mal gehört, Püppchen?«

Mein Verstand nimmt die sechs Buchstaben auf, doch es gelingt ihm nicht, diese zu prozessieren.

Ohne Nils anzusehen wende ich mich ab, hebe meine Tasche auf, ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und verlasse die Wohnung.

„Wo ist meine Hose! Verflucht, stell dieses Gejaule aus!“, höre ich Nils seiner Gespielin zuschreien, nur um mir kurz darauf im Treppenhaus Entschuldigungen hinterher zu wimmern.

Doch am Auto angelangt, hat er sich schon wieder gefangen und beschimpft mich als unkooperativ und kindisch. Schließlich gelingt es mir nach zwei vergeblichen Versuchen, den Motor zu starten und loszufahren. Im Rückspiegel wird Nils immer kleiner und der Schmerz in mir umso größer.

Durch meinen Tränenschleier kann ich gerade noch auf die grünen und roten Farben der diversen Ampeln reagieren, die meinen Weg kreuzen. Vielleicht nicht immer auf die richtige Art und Weise, aber immerhin ignoriere ich sie nicht völlig.

Was nun? Wohin?

Eine Straßenbahn klingelt kreischend neben mir. Vor Schreck reiße ich am Lenkrad, zum Glück in die entgegengesetzte Richtung. Mein Herz klopft einen wilden Techno Beat, während ich mir eine Parklücke am Straßenrand suche und schräg darin stehen bleibe. Die Scheibenwischer bleiben auf halbem Weg stehen, während ich den Motor abwürge.

Mit zitternden Fingern reibe ich mir die Augen, doch die Tränen hören nicht auf zu fließen.

Warum? Warum passiert mir so etwas? Gibt es das nicht nur in Filmen?

Hinter meiner Stirn beginnen Kopfschmerzen und mein geschundener Magen revoltiert noch immer. Doch zumindest muss ich mich nicht wieder übergeben.

Na wenigstens etwas.

Ich atme tief in meinen Bauch und nachdem ich für einen Moment die Luft angehalten habe, atme ich tief wieder aus. Und ein. Und aus. Immer wieder. Meine Schultern entspannen sich, mein Kiefer lockert und meine Fäuste öffnen sich.

Damals, in dem Yogakurs, in den mich meine Freundin Caro geschleppt hat, habe ich die Atmerei bestenfalls belustigend gefunden. Schließlich atmen wir Menschen von ganz allein, da muss ich nicht zusätzlich Luft und Liebe einsaugen, ommm summen und zusammen mit dem CO2 hinderliche Gedanken auspusten. Doch hier, allein in meinem Auto, mit einem Herzen schwer wie die Zugspitze und einem Gedankenkarussell, das sich der Lichtgeschwindigkeit nähert, beruhigt es mich.

»Danke Caro«, flüstere ich.

Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf das Piksen hinter meiner Stirn. Mit jedem Ausatmen versuche ich den Schmerz loszuwerden. Doch er bleibt hartnäckig. Ich aber auch.

Schließlich gebe ich auf. Anscheinend bin ich doch kein Naturtalent-Yogi. Wenigstens sind meine Augen wieder trocken. Ich wühle in der Handtasche nach einem Taschentuch und putze mir die Nase.

Am einfachsten wäre es, zu Gramsie zu fahren, dort würde man mich sicherlich betüddeln und umsorgen. Aber genau das brauche ich gerade gar nicht. Vermutlich würde sich die ganze Rentner-WG – ich meine natürlich Pensionärs-Wohngemeinschaft – auf mich stürzen und mir Kräutertee, Kräuterschnäpse und mit Kräutersud getränkte Spitzentaschentücher reichen. Wenn die vier Damen zusammen mit ihrem Herrn auf Kurs sind, kann sie kein Verbotsschild stoppen, und wäre es so groß wie ein Wolkenkratzer. Nein, das ist eindeutig zu viel Aufmerksamkeit.

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und suche Caros Nummer. Es ist blöd, das ist mir klar, aber vielleicht ist sie ja schon aus Wien zurück.

Draußen ist es bereits dunkel. Wie spät ist es eigentlich? Kurz nach zehn. Da Caro einer der Menschen ist, die pro Nacht nur eine halbe Stunde Schlaf benötigen, kann ich sie locker noch anrufen. Und selbst wenn, meine beste Freundin wäre auch um drei Uhr nachts für mich da. Genauso wie ich für sie.

Caro, meine kluge, rationale, Ich-hab-so-viel-Schwung-Caroline.

»Hey, Miela! Du glaubst nicht, was gerade vor mir steht!« Caros rauchige Stimme vibriert vor Freude.

»Mmh, ein gut gebauter Wiener mit ordentlich Schmäh?«

»Miela, was ist passiert?« Ich höre Caro wispern, dann raschelt es kurz. »So, jetzt sind wir ungestört. Was ist los?«

»Warum glaubst du, dass etwas los ist? Ich habe doch gar nichts gesagt.«

»Nicht mit Worten, meine Liebe. Aber du klingst total nasal, und es hört sich nicht nach Schnupfen an. Außerdem war gerade so überhaupt gar kein witziger Ton in deiner Stimme, obwohl du ja wahrscheinlich mit dem schmähigen Wiener einen bescheidenen Lacher landen wolltest.«

Caros Trefferquote liegt bei einhundertzwanzig Prozent, was sie soeben einmal mehr bewiesen hat.

»Nils betrügt mich«, flüstere ich und jedes Wort ätzt sich wie Salzsäure meine Stimmbänder entlang.

»Bist du dir sicher oder vermutest du es nur?«

»Ich war dabei.«

»Oh.« Caro schweigt für einen Augenblick. »Ich nehme an, das war kein Anblick, der einen Lieblingsplatz in deinem geistigen Erinnerungsalbum belegt?«

Ein winziges Lächeln stiehlt sich auf meinen Mund. »Ich war noch nie scharf darauf, andere Menschen dabei zu beobachten. Manchmal stammen nicht nur meine Kleider aus den Fünfzigern.«

»Miela …«

»Ja?«

»Vermutlich ist dies der blödeste Zeitpunkt, dir das zu sagen und wahrscheinlich willst du es auch gar nicht hören, aber Nils ist ein eingebildeter Idiot. Nicht nur, weil er dich so schrecklich verletzt, sondern er ist es schon immer.«

Ich muss bei Caros Worten schlucken. Aber ich weiß auch, dass sie von Anfang an mit meiner Wahl nicht einverstanden war.

»Miela, sag etwas«, bittet sie.

»Es ist okay.« Und irgendwie ist es das auch wirklich.

»Wir kriegen das wieder hin. Und weißt du was, ich nehme morgen den ersten Flieger nach Berlin. Der Filmdreh ist so gut wie fertig und die restlichen Einstellungen schaffen die anderen Make-up Artists, wenn ich ihnen meine Vorlagen dalasse. Dann bekommst du das ganze Programm von mir. Angefangen bei Gigatonnen von Schokoladeneis über Tequila in eimergroßen Gläsern bis hin zu einem Ausflug in eine Karaokebar auf dem Land.«

Jetzt muss ich wirklich lachen. Denn wenn es etwas gibt, was Caro nicht trinkt, dann ist es Alkohol und wenn sie etwas nicht isst, dann ist es Eis, und über Karaoke hatte sie bisher eine extrem dezidierte Meinung. »Du und Eis mit Alkohol und deutschem Schlagergut?«

»Nicht ich, meine Liebe, nicht ich. Du bist diejenige mit Liebeskummer, ich werde nur deine Kummerkastentante und dein Taschentuch sein.«

»Und ich dachte schon, du stellst für mich deine Prinzipien auf den Kopf.«

»So schlimm steht es nun auch wieder nicht um dich.« Ich sehe Caro vor mir, mit ihrem fein geschwungenen Mund, der sich zu einem Caro-Lächeln formt, bei dem einen ganz warm ums Herz wird. »Es ist doch so, Miela, oder?«

Die zwei nackten Leiber von vorhin schieben sich wieder in meine Erinnerung und schnüren mir kurz die Kehle zu. »Ich fange mit dem Schokoeis an, dann sehen wir weiter.«

»Das ist mein Mädchen. Jetzt fährst du zu mir nach Hause, gönnst dir ein Bad mit meinem Vanilleschaum aus Tahiti und kuschelst dich in das Gästebett. Ruh dich aus.«

»Das hört sich gut an. Nur leider hängt dein Schlüssel in der Wohnung, die ich soeben fluchtartig verlassen habe und sie ist der letzte Ort, wo ich hinwill.«

»Unschön. Dann klingele bei Armin und Umberto, die beiden sind garantiert da, sie haben einen Ersatzschlüssel.«

»Meinst du, ich kann sie um diese Zeit noch stören?«

»Sie werden es lieben, sich von dir stören zu lassen.«

»Danke, Caro.«

»Jederzeit. Und beim nächsten Mal hoffentlich unter besseren Umständen. Bis morgen und versuche, ein wenig zu schlafen.«

»Caro!«, rufe ich noch, ehe sie die Verbindung beenden kann. »Was steht denn nun so Tolles vor dir?«

»Ein originales Stück Sachertorte! Ich war eben im Begriff, ein Foto davon zu machen und dir zu schicken, als du angerufen hast. Ein wenig Neid unter Freundinnen sollte hin und wieder schon erlaubt sein, finde ich. Aber unter diesen Umständen sehe ich davon ab und bringe es dir morgen als Trösterli mit.«

»Du bist die Größte.«

»Ich weiß. Schlaf gut.«

Caros Nachbarjungs sind mir mehr als wohlgesinnt. Offensichtlich wurden sie bereits von ihr über meine missliche Lage unterrichtet, denn als ich an dem Haus ankomme, in dem sie wohnen, steht bereits Armin in der Haustür.

»Meine bezaubernde Miela, ich grüße dich.« Ehe ich auch nur Pieps sagen kann, reißt er mich in seine Arme und drückt mich an sein gut genährtes Wohlstandsbäuchlein, mein Kopf landet knapp unter seinem Kinn. »Folge mir, mein Schatz, folge mir. Umberto und mir ist es ein Vergnügen, dir zu Diensten zu sein.«

Armin greift nach meiner Hand und tätschelt sie den ganzen Weg durch die marmorne Eingangshalle hindurch. Wir stiefeln gefühlte 127 knarzende Stufen hinauf in die oberste Etage des vornehmen Altbaus in Berlin Mitte. Bei jedem Besuch hier rätsele ich erneut darüber, warum bei der Sanierung vor ein paar Jahren ein netter, kleiner Fahrstuhl ausgespart wurde. Caros Kommentar dazu besteht stets nur aus einem eleganten Heben ihrer perfekt geschwungenen schwarzen Augenbrauen, während Armin bei dieser Frage jedes Mal seine Hände zusammenschlägt und gen Himmel reckt. Von Umberto gibt es nur: »Madonna, ich dich bitte.«

In der Wohnungstür steht Umberto und übernimmt mich von Armin. Dieses Mannsbild ist eine Mischung aus Brad Pitt (ohne Bart und in jüngeren Jahren) und David Beckham (die aktuelle Version) mit einem Schuss der Hemsworth-Brüder, garniert mit Hugh Jackman und Chris Pine. Eigentlich möchte ich den ganzen Tag nur dastehen und ihn anstarren. Doch daraus wird nichts. Die beiden scheuchen mich zu einer opulent gedeckten Tafel in ihrem Speisezimmer. Auf einer weißen Damast-Tischdecke umrahmt schweres Silberbesteck edles, fast durchsichtig scheinendes Porzellan. In der Mitte des Tisches thront eine Schüssel, in der dem Duft nach zu urteilen sich nur eines befinden kann: handgemachte Spaghetti von Umberto. Diese Köstlichkeit durfte ich schon mehrmals genießen und zu diesem Gedicht benötigt man weder Soße noch geriebenen Käse, nicht einmal Hunger. Diese feine, zartgelbe Pasta geht immer.

Wir widmen uns schweigend dem Essen, im Hintergrund erklingt dezente Klaviermusik von Mozart. Nur Caruso, der Jack Russell Terrier von Armin und Umberto, kommt ab und an durch das Speisezimmer gefegt, gefolgt von Mamsellchen, Caros Siamkatze.

»Sollte es nicht eher andersherum sein?« Grinsend sehe ich den beiden Fellknäueln hinterher.

»Sie sind Hähne des Streites, aber im Herzengrund lieben sie sich.« Umbertos italienischer Blick erhitzt die Spaghetti in meinem Bauch fast bis zum Siedepunkt. »Wo wir wären ohne Amore?« Er wendet sich an Armin und drückt dessen Hand. Bei ihrem Anblick steigt die Wärme aus meinem Bauch auf und wärmt mein frierendes Herz. Solange die beiden sich haben, ist die Welt für alle anderen in Ordnung.

Nach einem Espresso, der mich vermutlich die nächsten hundert Jahre wach halten wird, beenden wir unser Mahl. Die altmodische Standuhr schlägt bereits die zwölfte Stunde und trotz des Koffeins, welches in meinem Blut zirkuliert, fühle ich mich von Müdigkeit niedergedrückt. Ich erhebe mich träge und Armin und Umberto folgen mir zur Wohnungstür.

»Du bist sicher, Schatz, dass du nicht in unserem Gästezimmer nächtigen möchtest?« Armin sieht mich mit gerunzelter Stirn an. »Wir hätten dich sehr gern bei uns.«

»Ihr seid so großzügig zu mir und ich danke euch vielmals. Aber ich denke, ich wäre jetzt gern ein wenig allein.«

»Du möchtest etwas Mamsellchen mitnehme, zu dir?« Schnurrend kuschelt die schneeweiße Katze in Umbertos Armen, lässt sich jedoch ohne größeres Protestmiauen von mir entgegennehmen.

»Gute Nacht, Jungs.« Ich drücke beiden einen Kuss auf die Wange und schließe Caros Wohnungstür auf. Mit einem dumpfen Laut fällt sie hinter mir ins Schloss. Mamsellchen windet sich aus meinen Armen und entfernt sich Richtung Wohnzimmer.

Nach der doch sehr männlichen Wohnung der Jungs, die hauptsächlich von schwarzem Leder und Palisanderholz dominiert wird, befinde ich mich in Caros Wohnung auf der anderen Seite der Farbskala. Honigfarbene Holzdielen glänzen unter meinen Füßen, weiße Möbel schmiegen sich an cremefarbene Wände und in Dutzenden von Kristallvasen in allen Größen setzen Blumensträuße bunte Akzente.

Nach einem Umweg übers Bad lasse ich mich auf Caros Gästebett fallen. Wie immer ist alles tipptopp und mit einem i-Tüpfelchen in Form eines schokoladigen Gute-Nacht-Grußes auf dem Kopfkissen vorbereitet.

Ich hole mein Handy aus der Handtasche und atme bis zu meinen Zehenspitzen durch. Hoffentlich hat sich Nils nicht gemeldet, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Bis auf zwei Nachrichten von Caro hat mir mein Telefon nichts Neues zu vermelden.

Unglaublich! Nils hat nicht einmal versucht, mich anzurufen! Wie abgebrüht ist dieser Kerl eigentlich! Vermutlich muss er erst noch mit seiner Nacktbekanntschaft neue Tinder-Anbiederer nach links oder nach rechts schieben! Oder in welche Richtung auch immer.

Und da sind sie wieder. Literweise heiße Tränen, die ich fließen lasse, damit sie den Schmerz kühlen, der mein Herz perforiert. Ich rolle mich auf dem Bett zusammen, wie einst als Kind, wenn draußen ein Gewitter tobte und mich mit seinem Donner vom Schlafen abhielt.

Irgendwann, als mein Schluchzen abebbt, legt sich Mamsellchen zu mir. Sie schiebt mir ihr Köpfchen an den Hals und beginnt zu schnurren. Langsam entgleiten mir die quälenden Gedanken und ich lasse mich von dem gleichmäßigen Brummen einlullen.

Es scheint mir nur ein paar Augenblicke später, als Mamsellchen mit ihren Vorderpfoten auf meiner Brust auf und ab drückt. Ich öffne mühsam die Augen, die sich dick und verquollen anfühlen. Doch es ist später, als es sich anfühlt, denn die Sonne geht bereits auf.

»Ist gut, du kleine Frühaufsteherin.« Ich streichele dem weißen Fellknäuel sanft über das Köpfchen. »Ich habe vergessen, dass dein Frauchen mit den Singdrosseln aufsteht.«

Es ist still im Haus und durch das geöffnete Fenster höre ich nur gelegentlich ein Auto unten die Straße entlangfahren.

»Na komm, wir schauen mal, was Caro Gutes für dich zum Fressen hat.« Etwas wackelig erhebe ich mich aus dem Bett, dabei schmerzen meine Glieder mit meinem Kopf um die Wette.

Ich will es nicht und dennoch sehe ich auf mein Handy.

Nichts.

Nachdem ich die Katze bezüglich ihres Morgenmahls zufrieden gestellt habe, gönne ich mir eine kalte Dusche. Es ist ein kläglicher Versuch, meinen Kummer wegzuspülen. Ich rubbele mich mit einem Flauschhandtuch wieder warm und schlüpfe in das Kleid von gestern. Unglaublich, war es wirklich erst gestern, dass ich in diesem Kleid die Schmach meines bisherigen Lebens kassiert habe?

»Du kannst nichts dafür!« Trotzig streiche ich den purpurfarbenen Stoff über dem dazu passenden Petticoat glatt. Sicherlich könnte ich mir allerhand Nettes aus Caros Kleiderschrank ausborgen, nur liegen zwischen ihrer Sportfigur von einem Meter fünfundsiebzig und meiner rund zehn Zentimeter kleineren, eher weiblichen Figurvariante modisch mindestens drei Welten.

Da es gerade mal sechs Uhr morgens ist, beschließe ich, zu Fuß zu den Räumen der WeSelf zu laufen. So wäre ich vermutlich noch immer eine der Ersten dort, mit Sicherheit nicht die Erste, denn dieser Titel gebührt immer Constanze. Immer.

Nils trifft meist im Lauf des Vormittages in der Redaktion ein. Ob er sich wohl zu mir in die Backstube verirrt? Was soll ich bloß tun, wenn wir uns über den Weg laufen? Will ich ihm überhaupt über den Weg laufen?

Mit jedem Schritt in Richtung der WeSelf erhöhen meine Gedanken ihr Schusstempo. Trotz der bereits warmen Sonne kriecht mir Gänsehaut an den Armen empor.

An den Hackeschen Höfen regt sich das Berliner Leben. Fahrradkuriere mit strammen Waden fädeln sich durch den langsamer werdenden Verkehr. Erste Anzugmenschen hasten mit Kaffee-zum-Gehen-Bechern auf den Gehwegen in alle Richtungen. Was noch fehlt, sind die waschechten Mitte-Mütter mit ihren Bugaboo Kinderwagen und die Touristen, gut zu erkennen an I-Love-Berlin-Shirts.

Eine Gruppe kreischender Teenager mit an den Händen angewachsenen Telefonen drängt mich ab und ich halte kurz in einem Torbogen inne, um den Pulk vorbeizulassen. In diesem Moment erreichen Sonnenstrahlen die winzigen Mosaikfliesen, mit denen der Torbogen geschmückt ist. Azurblau leuchten sie auf und lenken meinen Blick auf das Kunstwerk. Wie funkelnde Saphire umspannen sie den ganzen Bogen, dazwischen schimmern goldene Steinchen. Der Anblick erinnert mich an die Abende, wenn der Schnee meterhoch liegt, die Luft frostig knistert und die Weihnachtstage Ruhe in unsere Seelen bringen. Wenn es früh dunkel wird und der Sternenhimmel sich so unendlich über uns wölbt.

Mein Kummer löst sich für einen Moment auf und ich atme zum ersten Mal seit gestern Abend ohne schmerzhaften Gegendruck ein. Selbst mein Kopfweh hält inne.

Neugierig gehe ich durch den Torbogen und bleibe mit pochendem Herzen stehen. Vor mir erstreckt sich ein Garten, den ich bisher nur aus meinen Träumen kannte.


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Nadin Maari – Eine Teestube zum Verlieben

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Nadin Maari ist das Pseudonym der Autorin Nadin Hardwiger. Sie wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.