Das Schicksal – Mystery Girls

4. September 1907

Heute Nacht wird etwas Entsetzliches geschehen.

Ich kann es nicht beweisen, aber ich fühle es.

Ich kann auch niemandem davon erzählen, denn wer würde mir schon glauben?

Ich spüre, dass es die letzte Nacht meines jungen Lebens sein könnte.

Es ist so fürchterlich still im Haus. Der Doktor hat mir frühe Nachtruhe verordnet. Vater und Richard sind zu einer Kartenrunde ausgegangen und werden erst nach Mitternacht heimkehren.

Aus dem Dienstbotengeschoss dringt kein Laut. Miss Landon und Mr Barts haben ihren freien Abend. Das Küchenmädchen hat sich am Nachmittag grell geschminkt, offensichtlich geht sie tanzen.

Gesagt hat es mir niemand, aber es besteht kein Zweifel: Ich bin allein im Haus. Völlig allein mit meinem treuen Tagebuch, meinem einzigen Begleiter in dieser verzweifelten Zeit. Vielleicht vertraue ich ihm gerade die letzten Zeilen an, die ich in diesem Leben schreiben werde.

Himmel! Das Knacken der vierten Treppenstufe! Ich habe es genau gehört, jemand kommt nach oben. Wer ist es? Wer hat sich ins Haus geschlichen?

Was steht mir bevor?

Wie kann ich mein Leben retten?

An dieser Stelle endete die Eintragung. Pia blätterte hastig um, aber die nächste Seite war leer, die folgenden auch. Sie strich mit den Fingerspitzen über das gelbliche Papier, als könnte sie auf diese Weise wie eine Blinde ertasten, was Philippa in jener Nacht zugestoßen war.

Langsam ließ Pia das Buch in ihren Schoß sinken. Ihre Augen brannten von der engen, kleinen Handschrift, die so schwer zu entziffern war. Sie massierte sich die Nasenwurzel.

Es war gespenstisch. Vieles, was Philippa vor hundert Jahren aufgeschrieben hatte, traf auch auf Pia zu. Besonders unheimlich aber waren die letzten Zeilen.

Pia befand sich im selben Haus.

Es war Nacht. Es war fast der gleiche Monat.

Auch Pia war allein. Allein in ihrem Zimmer und allein in dem Haus, in dem sie seit ihrer Ankunft einen kalten Hauch gefühlt hatte, den selbst die größte Sommerhitze nicht hatte vertreiben können.

Die vierte Treppenstufe hatte noch immer die Eigenart zu knacken, wenn jemand seinen Fuß darauf setzte. Es nützte nichts, nahe bei der Wand oder außen am Geländer auf das Holz zu treten. Die Stufe knackte trotzdem. Es war ein dreifaches Knacken. Schnell hintereinander. Knack-knack-knack. Wie Zahnräder in einem riesigen alten Uhrwerk, das aufgezogen wurde.

Mit angehaltenem Atem lauschte Pia in die Stille.

Nichts.

Nur in der Ferne das Geräusch eines Autos.

Sie atmete erleichtert auf.

Knack-knack-knack.

In ihrem Körper spannten sich alle Muskeln an.

Bildete sie sich das Geräusch nur ein, weil sie gerade darüber gelesen hatte?

Nein! Sie täuschte sich bestimmt nicht. Die Stufe meldete wie vor hundert Jahren, dass jemand durch das Haus schlich.

Pia umklammerte krampfhaft den Bucheinband. Sie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden.

Jemand kam die Treppe herauf. Genau wie Philippa hatte sie keine Ahnung, wer es sein konnte. Es musste sich um einen Einbrecher handeln. Wie war er hereingekommen? Die Alarmanlage war doch aktiviert! Hätte sie nicht sofort aufgeheult, wenn ein Fenster eingeschlagen oder eine Tür aufgebrochen worden wäre? Nein, fiel Pia ein, sie war ja wegen einer Störung ausgeschaltet worden.

Wo war ihr Handy? Sie musste die Polizei rufen.

Voller Entsetzen fiel ihr ein, was am Nachmittag geschehen war. Ihr Handy war von der Waterloo Bridge in die Themse gefallen und im braunen Wasser versunken.

Zum Glück hatte sie einen Telefonapparat in ihrem Zimmer. Ihre Hand zitterte heftig. Als sie den Hörer ans Ohr presste, stockte ihr der Atem. Die Leitung war tot.

Vom Flur kam ein hohes, singendes Rufen. „Prinzessin? Wo ist meine Prinzessin?“

Wer war das?

Wen meinte er mit Prinzessin? Sie?

Natürlich, so musste es sein. Außer ihr war niemand da.

Bitte mach, dass das ein Scherz ist, flehte sie stumm.

Ihr Herz hämmerte. In ihren Ohren rauschte das Blut. Es gab aus ihrem Zimmer nur zwei Fluchtwege: durch die Tür auf den Flur oder durch das Fenster in den Garten, der mehrere Meter unter ihr lag. Doch sie war nicht schwindelfrei.

Die säuselnde Stimme hob wieder an. „Wo ist meine Prinzessin? Meine böse kleine Prinzessin?“ Sie klang wie die eines Irren, eines Kranken. Es war die Stimme eines Menschen, dessen Gedanken nicht mehr in dieser Welt weilten.

Pia hielt die Luft an und bewegte sich mit angespannten Muskeln leise und vorsichtig in den Bereich des Zimmers, der hinter der Tür lag.

Der Messingknauf wurde von außen gedreht. Er klickte dabei wie das Nummernrad eines Tresors. Die Tür öffnete sich langsam.

Pia presste die Fäuste vor den Mund.

Der einzige Lichtschein im Zimmer kam von der Stehlampe mit dem halbkugelförmigen Stoffschirm, unter der sie vorhin gesessen und gelesen hatte.

Eine Hand erschien. Sie steckte in einem Handschuh aus dünnem Leder. Der Schreck schnürte Pia die Kehle zu.

„Prinzessin, komm zu deinem Prinzen“, lockte die verstellte, hohe Stimme.

„Philippa“, flehte Pia tonlos. „Philippa, hilf mir.“

 

1

Die perfekten Ferien, dachte Pia, während sie beim Gepäckband stand und auf ihre Taschen wartete. Ungeduldig stellte sie sich immer wieder auf die Zehenspitzen. Wann setzte sich dieses Förderband endlich in Bewegung? Es kam ihr vor, als wartete sie schon mindestens eine Stunde hier.

Wer von den Coopers würde in der Ankunftshalle stehen und sie willkommen heißen? Ganz sicher Claire. Sie war ein Jahr älter als Pia, aber was machte das schon? Bestimmt war Claire genauso neugierig auf Pia wie umgekehrt. Vielleicht war ihr Zwillingsbruder auch mitgekommen. Er hieß Nathan, das war alles, was Pia von ihm wusste. Mrs Cooper war natürlich auch dabei, weil sie die Geschwister hergebracht hatte. Wie Pia von ihrem Vater erfahren hatte, lag das herrliche Haus der Coopers fast eine Stunde vom Flughafen Heathrow entfernt in Hampstead, einer noblen Wohngegend Londons.

Drei Wochen würde Pia bei den Coopers verbringen, London unsicher machen – natürlich gemeinsam mit Claire – und dabei ihr Englisch vertiefen. Das war sicher besser als jede Sprachschule. Und machte auch mehr Spaß. Eine von Pias Klassenkameradinnen hatte ihr eine Karte aus einem winzigen Nest irgendwo an der englischen Küste geschickt. Sie wohnte bei einer spießigen Familie, bei der es nur weiße Bohnen in Tomatensoße aus der Dose gab, und musste jeden Morgen vier Stunden lang eine Schule besuchen, in der gelangweilte Lehrer peinliche Rollenspiele veranstalteten.

Nein, da hatte Pia es viel besser getroffen. Sie war durch und durch zufrieden und genoss das Glücksgefühl in ihrer Brust.

Da sich das Kofferband noch immer nicht in Bewegung setzte, holte sie ihr Handy aus der Umhängetasche. Sie hatte es sofort nach dem Aussteigen aus dem Flugzeug eingeschaltet, aber keinen Empfang gehabt. Mittlerweile hatte sich das geändert. Aber leider erwartete sie keine Nachricht. Das enttäuschte sie ein klein wenig.

„Der Klügere gibt nach“, murmelte sie vor sich hin und begann zu tippen. Ihre Nachricht lautete: „Tatze an Tatze. Nase an Nase. Ein Fell zum Streicheln. Bye.“ Die Telefonnummer des Empfängers konnte sie mittlerweile auch mit verbundenen Augen aus der Liste der gespeicherten Nummern herausfinden. Sie tippte auf ‚Senden‘ und drückte das Handy kurz an die Wange, als könnte sie auf diese Weise denjenigen spüren, für den die Botschaft bestimmt war.

Die Antwort kam, als endlich die gelbe Warntafel in der Mitte des Kofferkarussells aufleuchtete und ein blecherner Warnton die Reisenden aufforderte, die Füße vom Gepäckband zu nehmen, die sie während des langen Wartens lässig aufgestützt hatten.

„Du fehlst mir schon sehr. Wann kommst du wieder? Ted“

Pia lächelte den Text auf der Anzeige des Handys an. Du fehlst mir auch, dachte sie. Bestimmt wäre es schön gewesen, die restlichen drei Ferienwochen auch noch bei ihrer Tante zu bleiben, weiter im Tiergarten als Hilfspflegerin bei den Pandas zu arbeiten und jeden Tag in Teds Nähe zu sein. Gleichzeitig aber fand Pia es besser, einige Zeit hier in London zu verbringen. Dabei ging es ihr nicht nur um die Aufregung, die sie hier erwartete, das Neue, die vielen Menschen, sondern auch darum, ein wenig Abstand zu bekommen.

Auf dem lautstark rumpelnden Förderband glitten Gepäckstücke an ihr vorbei.

Im Augenblick war Pia der Abschiedsschmerz und die leise Sehnsucht nach Ted angenehmer, als mit ihm zusammen zu sein. Warum das so war, darüber wollte sie eigentlich gar nicht weiter nachdenken. Jetzt galt es, erst einmal ihre beiden vollen Reisetaschen ausfindig zu machen und auf den Gepäckwagen, den sie sich besorgt hatte, zu stellen.

Immer mehr Leute, die mit Pia angekommen waren, verließen die Halle. Schließlich standen nur noch sie, ein Mann in einem dunklen Anzug mit schwarzem Aktenkoffer sowie eine Frau in einem altmodisch geblümten Sommerkleid an Band Nummer drei. Mit einem leichten Knirschen stoppte es.

„Nicht schon wieder„, stöhnte der Mann, wandte sich ab und ging auf ein kleines Büro zu, über dem der Schriftzug der Fluglinie prangte. Die Frau kam zu Pia und rief aufgebracht: „Weißt du, was das bedeutet?“

„Nein“, antwortete Pia wahrheitsgemäß.

„Unsere Koffer sind nicht mitgekommen. Wir müssen eine Verlustanzeige aufgeben. Mir passiert das schon das dritte Mal in diesem Jahr. Mein Gepäck von einem Flug im Januar ist nie wieder aufgetaucht. Der einzige Trost ist, dass man sich neue Sachen kaufen kann. Die Fluglinie zahlt dafür. Dauert aber auch wieder Monate, bis sie das Geld zurückerstatten.“

Pia schluckte. Gut hörte sich das nicht an. Natürlich hatte sie Geld dabei. Ihre Mutter hatte ihr Taschengeld für die drei Wochen gegeben, und von ihrem Vater hatte sie am Flughafen noch verstohlen einen Umschlag zugesteckt bekommen. Dazu hatte er gesagt: „Bei den Coopers könntest du ein bisschen mehr brauchen.“ Pia hatte im Umschlag das Dreifache des Betrags gefunden, den ihre Mutter als Taschengeld vorgesehen hatte. Trotzdem unternahm Pia Einkaufsbummel lieber freiwillig und nicht, weil ihre Sachen verloren gegangen waren.

In dem kleinen Büro war es stickig heiß. Sie musste warten, bis der Geschäftsmann und die Frau ihre Meldungen abgegeben hatten. Dann erst hatte der kahlköpfige Mann mit den großen Schweißflecken unter den Achseln Zeit für sie. Pia reichte ihm die kleinen Abschnitte mit den Nummern der beiden Taschen. Die gleichen Nummern standen auf den Schleifen, die beim Einchecken am Gepäck angebracht worden waren. Müde tippte der Mann auf seinem Computer herum.

„Fehler am Münchner Flughafen“, sagte er, ohne vom Bildschirm aufzublicken. „Genau wie bei den anderen beiden Passagieren. Das Gepäck ist fälschlicherweise auf eine Maschine nach Los Angeles verladen worden. Kommt frühestens in London an …“, wieder klapperten die Tasten, „… am Montag.“

„Heute ist Donnerstag!“, rief Pia entsetzt.

Der Mann nickte gleichgültig. „Sie können in Höhe von dreihundert Pfund Ersatzkleidung kaufen.“

Danach musste Pia die Adresse der Coopers angeben, eine Telefonnummer, unter der sie zu erreichen war, und eine Beschreibung der Taschen.

Seit ihrer Landung war mehr als eine Stunde vergangen. Ob die Coopers überhaupt noch auf sie warteten? Oder waren sie schon wieder nach Hause gefahren, weil sie dachten, Pia sei nicht angekommen?

Die blaue Umhängetasche geschultert, lief Pia durch die Zollkontrolle. Aus Versehen hatte sie den Ausgang mit dem roten Schild genommen, was bedeutete, sie hätte etwas zu deklarieren. Der stämmigen Beamtin, die ihr in den Weg trat, erklärte sie aufgeregt den Irrtum. Aus lauter Nervosität fielen ihr die richtigen Vokabeln nicht ein. Pia war wütend über ihr hilfloses Gestottere.

Endlich! Geschafft!

Sie legte das letzte Stück des gewundenen Ganges zurück und trat durch einen breiten Ausgang in die helle Ankunftshalle. Hinter einem Metallgeländer standen dicht gedrängt Leute und hielten Pappschilder mit daraufgemalten Namen hoch. Eine pakistanische Großfamilie war – offensichtlich vollzählig – erschienen, um einen weißbärtigen Mann zu begrüßen. Da und dort wurde gewinkt, Namen ertönten, durch die Luft schallten Freudenschreie und gedämpfte Stimmen von Menschen, die einander umarmten.

Suchend reckte Pia den Kopf. Was würde sie tun, wenn die Coopers nicht mehr warteten? Ihr fiel ein, dass sie mehrere Telefonnummern der Familie hatte, und sofort beruhigte sie sich wieder. Sie musste einfach nur anrufen.

Vor ihr bildeten einige asiatische Flugbegleiterinnen in bonbonrosa Uniformen eine Wand. Als sie sich auseinanderbewegten, gaben sie den Blick auf ein Schild frei, auf dem in schwungvollen Blockbuchstaben PIA BECKER geschrieben stand. Pias Augen wanderten vom Schild am dünnen Arm, der es hochhielt, hinunter zum Gesicht einer sehr schlanken, sehr jungen Frau. Pia schätzte sie auf Anfang zwanzig. Sie bemerkte Pias Interesse an dem Schild und hob fragend die Augenbrauen. Die junge Frau lächelte.

„Pia Becker?“, rief sie durch den Lärm.

Pia nickte.

Mit einem erleichterten Seufzer nahm die Frau das Schild herunter und schüttelte Arm und Schulter aus. Mit bedauernder Miene deutete sie links und rechts zu Pias Füßen. „Wirklich Pech, dass deine Koffer in die USA unterwegs sind.“

Woher wusste sie das? Und wer war sie?

Die Frau schien ihre Gedanken zu erraten. Sie streckte ihr eine zarte Hand entgegen. „Jenny Lumley, ich bin die PA von Mrs Cooper.“

„P-A?“, wiederholte Pia. Es klang, englisch ausgesprochen, fast wie ihr Name.

„Personal Assistant“, erklärte Jenny schnell. „Mrs Cooper hat mich geschickt, dich abzuholen. Unser Wagen wartet im Parkhaus. Komm, wir gehen.“

An der Seite von Jenny durchquerte Pia die lange Halle. Das Glücksgefühl von vorhin war restlos verschwunden. Das verloren gegangene Gepäck hatte den ersten Teil gelöscht, die unerwartete Abholerin den Rest. Personal Assistant war doch nichts anderes als eine Sekretärin. Pia war wirklich enttäuscht, dass ihre Gastfamilie eine Sekretärin geschickt hatte, statt selbst zu kommen.

„Ich dachte schon, du hättest vielleicht die Maschine versäumt, weil du so lange nicht herausgekommen bist“, redete Jenny in einem fort. „Deshalb habe ich deine Eltern angerufen. Du sollst dich bitte sofort bei ihnen melden. Sie machen sich jetzt natürlich Sorgen.“ Sie tippte eine Nummer in ihr Handy, drückte die Sendetaste und reichte Pia das Gerät. „Die Verbindung ist gleich da.“ Bis dahin erzählte sie weiter. „Als ich wusste, dass du im Flugzeug warst, habe ich im Büro von Mr Cooper angerufen. Es befindet sich hier auf dem Gelände. Seine Sekretärin konnte dann schnell das Missgeschick mit deinem Gepäck herausfinden.“

Pia hörte das Freizeichen. Gleich nach dem ersten Klingelton wurde abgehoben.

„Pia, bist du das?“

„Ja, Mami. Alles in Ordnung!“, versicherte Pia. Ihre Mutter war im Normalfall die Ruhe selbst. Ging es aber um Pia, so fürchtete sie alle möglichen Katastrophen und Unglücksfälle. Pia musste schildern, wieso sie sich so verspätet hatte. Erleichtert atmete ihre Mutter auf. Sie wünschte Pia alles Gute und beendete das Gespräch recht schnell wieder.

Das Parkhaus war ein schmutziger Betonbau. Nachdem Pia Jenny das Handy zurückgegeben hatte, wählte diese eine andere Nummer und erklärte knapp: „Erste Etage bei den Kassenautomaten.“ Als sie eine Minute später dort ankamen, fuhr ein dunkler Mercedes um die Ecke und hielt. Der Fahrer sprang heraus und öffnete die beiden hinteren Wagentüren. Nachdem Pia und Jenny eingestiegen waren, schloss er sie wieder.

Die Fahrt begann.

„Das ist Joseph“, stellte Jenny den Chauffeur vor.

Joseph lächelte Pia über den Rückspiegel zu. Er war dunkelhäutig, und keiner seiner Zähne stand gerade im Mund. Pia mochte ihn auf Anhieb. Sein Lächeln hatte etwas Herzliches.

Während sie über die Autobahn fuhren, sah Pia neugierig aus dem Fenster. Draußen flogen Bäume vorbei, ein Meer roter Ziegeldächer, dann wieder Bürogebäude, von denen eines die Form einer Arche hatte. Riesige Plakate kündigten Rockkonzerte im Wembley-Stadion an.

„Bist du zum ersten Mal in London?“, wollte Jenny wissen.

Pia nickte.

Jenny griff in eine Tasche zu ihren Füßen und holte eine dünne Mappe heraus.

„In diesem Fall möchtest du bestimmt die allgemeinen Sehenswürdigkeiten besichtigen. Ich habe hier eine kleine Liste zusammengestellt. Du musst nur auswählen. Joseph steht dir, wenn ihn Mrs Cooper nicht benötigt, gerne zur Verfügung.“

Verwirrt schüttelte Pia den Kopf. Sie fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch ihr rotblondes, wuscheliges Haar, das sie vor der Abreise eigentlich noch hatte schneiden lassen wollen. Für einen Frisörbesuch aber war keine Zeit geblieben. Sie hatte lieber mit Ted zusammengesteckt.

„Ich … ich verstehe das nicht ganz. Meinen Sie, ich soll allein im Wagen durch London fahren?“

Jenny lachte verlegen. „Es war nur ein Angebot. Drei Wochen sind eine lange Zeit. Mrs Cooper hat mir aufgetragen, ein kleines Programm für dich zusammenzustellen.“

„Aber ich werde doch bestimmt viel mit Claire unternehmen, nicht wahr?“

Einen Moment zögerte Jenny und strich das Leinen des Hosenanzugs glatt, der ihr etwas sehr Professionelles, Geschäftliches verlieh.

„Natürlich wirst du auch mit Claire unterwegs sein. Ganz bestimmt.“

Irgendetwas störte Pia an der Art, wie Jenny das sagte.

„Wie ist ihr Bruder Nathan? Über ihn hat sie mir gar nichts geschrieben!“

Nachdem die Einladung nach London von den Coopers ausgesprochen worden war, hatte Pia eine lange E-Mail an Claire geschickt, sich bedankt, ein wenig vorgestellt und natürlich viele Fragen gestellt. Erst zwei Wochen später war eine Antwort gekommen. Die E-Mail war nicht sehr lang gewesen, und im Wesentlichen lautete der Inhalt, dass Claire vor Pias Besuch zwei Wochen bei einer Freundin und ihren Eltern in deren Landhaus auf Ibiza verbringen würde. Claires Eltern müssten in diesem Sommer arbeiten. Mr Cooper habe ein Unternehmen, das die Mahlzeiten fast aller Fluglinien zubereitete, die von London starteten. Außerdem sei er an einer Kette von Luxus-Hotels und zahlreichen Restaurants beteiligt.

Noch immer suchte Jenny nach einer Antwort auf Pias Frage nach Nathan.

„Woher weißt du von ihm?“, fragte sie zurück.

„Mein Vater hat mir erzählt, dass Claire einen Zwillingsbruder hat.“

„Ach ja. Du wirst ihn bestimmt bald einmal sehen.“

Wieso sagte sie sehen und nicht kennenlernen?, fragte sich Pia.

Ihr Aufenthalt begann mit vielen Fragen.

 

2

Manchmal zog er sich hierher zurück. Manchmal wollte er vergessen, was dort draußen war. Manchmal brauchte er diese Minuten, die nur ihm gehörten. Ihm und dem abgestoßenen Lederkoffer mit den goldenen Schlössern.

Der Boden unter seinen Schuhsohlen war uneben und rau. Es knirschte bei jedem Schritt. Staub tanzte in der abgestandenen Luft, die an diesen Tagen erhitzt und stickig war.

Behutsam hob er den Koffer aus der untersten Schublade einer dunklen Kommode. Mehrere sehr starke Männer wären nötig, um das Möbelstück von der Stelle zu bewegen. Aber wer wollte das schon? Der schwere Schrank aus Eichenholz stand seit vielen Jahren hier, von einer dicken, klebrigen Staubschicht bedeckt und mit Spinnweben überzogen.

Die unterste Schublade hatte ein Schloss in der Mitte, in dem ein Schlüssel gesteckt hatte. Deshalb hatte er sie als Versteck ausgewählt. Den Schlüssel nahm er niemals mit, sondern hängte ihn an einen kleinen Nagel, den er an einer verborgenen Stelle eines Holzbalkens eingeschlagen hatte. Dort würde niemand nach ihm suchen.

Mit beiden Händen hob er den Koffer in die Höhe und stellte ihn vorsichtig auf der Kommode ab. Den kleinen Schlüssel für die Schlösser trug er an einer dünnen Silberkette um den Hals. Er nahm sie ab, um den Koffer zu öffnen. Zuerst kam immer das linke Schloss, danach das rechte. Dann ließ er das linke klickend aufspringen, danach das rechte. Erst nachdem er die Kette wieder über den Hals gestreift hatte, klappte er den Deckel auf.

Was ihm am allerwichtigsten war, hatte er an der Innenseite des Kofferdeckels angebracht: das Foto und daneben die anderen Andenken. Im Koffer, säuberlich verpackt in zwei Säckchen aus festem, durchsichtigem Plastik, lagen die anderen Stücke. Jedes Säckchen hatte einen Schiebeverschluss, der es luftdicht versiegelte. Öffnete er eines und hielt das Gesicht knapp darüber, konnte er den Geruch noch wahrnehmen.

In der rechten oberen Ecke hatte er auf jedes Säckchen ein Etikett geklebt und dieses in seiner etwas kindlichen Handschrift mit Datum und Ort versehen. Auch im Kofferdeckel, unter dem Foto, klebte ein solches Etikett.

13. April stand darauf.

28. Mai und die Jahreszahl des darauffolgenden Jahres auf dem linken Säckchen.

21. Juni des nächsten Jahres auf dem rechten.

Fast vierzehn Monate waren seit diesem 21. Juni vergangen.

Das war eine lange Zeitspanne. Zu lange für sein Empfinden. Hatte er sich nicht geschworen, immer nur zwölf Monate vergehen zu lassen? Bisher hatte er das noch nie geschafft. Immer waren es mindestens dreizehn gewesen.

Ihn störte das. Es gab ihm ein unbehagliches Gefühl, vielleicht vergleichbar mit einem kleinen Stein im Schuh. So ein kleiner Stein konnte eine große Wirkung haben und ein heftiges Hinken auslösen.

Du kannst es nicht erzwingen, versuchte er sich zu beruhigen. Es muss passen. Es muss genau die Richtige sein. Nur wenn es seine Prinzessin war, konnte er tun, was ihm so wichtig war, was ihn beruhigte und ihm ein Gefühl von Zufriedenheit verschaffte.

Den Kofferdeckel in den Händen und den Blick fest auf die Fotos gerichtet, sagte er leise, fast beschwörend: „Wo bist du, meine Prinzessin? Zeig dich mir. Ich habe dir so viel zu bieten! Komm doch, komm zu mir, Prinzessin.“

Mindestens eine halbe Stunde stand er unbeweglich da.

Mit der gleichen Sorgfalt, mit der er den Koffer geöffnet hatte, schloss er ihn wieder. Behutsam legte er ihn in die Schublade zurück und schob sie zu. Das alte Holz leistete manchmal Widerstand, und er nahm sich vor, das nächste Mal Seife mitzunehmen und die Leitschienen damit zu schmieren. Zweimal drehte er den großen Schlüssel, hängte ihn an den verborgenen Nagel und kehrte danach zurück in die andere Welt.


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Lucy May lebt in London und ist eine begeisterte Fußgängerin und Radfahrerin. Menschen, Gebäude, Denkmäler und Tiere, die sie unterwegs sieht, bringen sie auf Ideen. Sie arbeitet einen Teil der Woche in der Online-Redaktion eines Lifestyle-Magazins. An den übrigen Tagen schreibt sie an ihren Büchern, oft in einem winzigen Cottage am Meer in Margate/Kent. Ihr Freund und ihr Kater Prince sind immer dabei.