Ria Hellichten im Interview

Worum geht es in deinem Buch Der Glanz des blauen Bandes?

Im Prinzip geht es darum, mit sich selbst Frieden zu schließen. Meine beiden Protagonisten Clio und Vincent wollen ihre Vergangenheit verarbeiten und mit sich ins Reine kommen. Heute ist alles schnelllebig und oft lässt man Menschen zurück, die einem viel bedeuten und fragt sich dann, was aus ihnen geworden ist. Vincent ist krank und hat nicht mehr viel Zeit, um „aufzuräumen“. Er schreibt seiner Jugendliebe Clio einen langen Brief und dieser flattert mitten in ihr neues Leben, das ohnehin schon kompliziert ist. Es hilft nichts und ihr bleibt nur die Flucht nach vorne und die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, um dann ganz neu anfangen zu können.

 

Du beschreibst im Roman starke innere Wünsche und ebenso starke Gefühle, die deine Figuren antreiben. Was hat dich beim Schreiben besonders angetrieben?

Den fernen Wunsch, einmal ein Buch zu schreiben, hatte ich schon solange ich denken kann – aber er schien so unerreichbar. Ich habe seit meiner Kindheit viele Texte angefangen und einige nicht zu Ende gebracht. Als dann 2016 mein erster Sohn geboren wurde, wusste ich, dass ich jetzt wirklich etwas auf der Welt hinterlassen will und es einfach versuchen muss. Da habe ich das Rohmanuskript geschrieben – Tag für Tag, Stück für Stück. Ich hatte all meine großen Ziele erreicht – das Studium abgeschlossen, geheiratet, ein Kind bekommen. Aber die eine Sache fehlte eben noch. Ich hatte großen Respekt davor, war aber gleichzeitig sehr motiviert.

 

Wie würdest du deine Hauptfigur Clio beschreiben?

Clio ist kein einfacher Mensch, denn sie steht sich oft selbst im Weg. Eigentlich hat sie alles zum Glücklichsein – einen gut bezahlten Job und einen netten Ehemann. Aber sie hat so viel Zeit damit verbracht, nach diesem perfekten Glück zu suchen, dass sie sich selbst dabei ein bisschen verloren hat. Vor allem gibt es in ihrer Vergangenheit ein dunkles Kapitel, mit dem sie nie abgeschlossen hat. Und irgendwann funktioniert es nicht mehr, einfach weiterzumachen …

 

Gehört zum Lieben auch zwangsläufig das Loslassen?

Auf jeden Fall. Lieben ist das Selbstloseste, was man tun kann – man muss also alles loslassen und vor allem sich selbst. Damit meine ich nicht, dass man für den Partner alles aufgeben soll. Aber ich denke, es ist wichtig, immer wieder über seinen Schatten zu springen, einen Schritt zurückzutreten und erst dem Partner und dann sich selbst zu verzeihen. Das erlebe ich in meinem Familienalltag mit Mann und zwei kleinen Kindern immer wieder 😉

 

Ein unerwarteter Brief verändert Clios Leben. Schreibst du selbst noch Briefe oder lieber E-Mails?

 Ich schreibe zwar leider nicht mehr so oft Briefe, aber wenn ich es tue, dann mit Leidenschaft. Ich habe auch eine kleine Sammlung mit Briefen, die ich bekommen habe, und die mir sehr wichtig sind. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als einen Brief von einer Person, die ich liebe. Auch über E-Mails freue ich mich und schreibe sie gerne, aber nach ein paar Monaten verschwinden diese im Daten-Nirvana meines Providers. Ein Brief bleibt – über Jahrzehnte und Jahrhunderte, das fasziniert mich!

 

Wie lange hat die Arbeit an diesem Roman gedauert?

Für die Rohfassung: zwei Monate. Ich habe ausnahmslos jeden Tag geschrieben, egal ob ich unausgeschlafen war (das kam mit einem Säugling oft vor) oder erkältet, ob ich zuhause oder irgendwo zu Besuch war. Als das Rohmanuskript nach gut zwei Monaten fertig war, blieb es erst eine Weile liegen, weil ich beruflich viel zu tun hatte. Dann kam mein Roman als Selfpublishing-Titel heraus, wofür ich ihn überarbeitet habe. Und schließlich folgte natürlich das professionelle Lektorat im Rahmen der Neuauflage bei dp. Vom ersten Wort bis zur Veröffentlichung waren es insgesamt also doch zwei Jahre. Die Recherche hat wiederum schon vor drei Jahren begonnen, als ich im Auslandsjahr das zauberhafte Oxford kennenlernen durfte, wo Teile des Buches spielen.

 

Hast du Rituale beim Schreiben, etwa eine Lieblings-CD oder eine bestimmte Teesorte, die für dich unbedingt dazugehören?

Eigentlich brauche ich nichts als meinen Laptop und ein wenig Ruhe. Meist schreibe ich, wenn beide Kinder im Bett sind und ersetze sozusagen das Feierabend-Fernsehprogramm. Mein Mann ist auch oft dabei, liegt auf dem Sofa in meinem Arbeitszimmer, hört ein Hörbuch und gibt mir Tipps, wenn ich mal nicht weiter weiß. Musik lenkt mich ab, aber eine Tasse Chai-Tee Schoko ist immer gut für die Motivation.

 

Schreibst du gerade an einem neuen Manuskript?

Tatsächlich habe ich schon viele weitere Ideen im Kopf und gerade ein neues Manuskript beendet. Darin geht es ums Erwachsenwerden, darum, aus seiner Komfortzone herauszukommen und auch mal etwas Verrücktes zu tun und außerdem um die Frage, wie man den eigenen Erwartungen an das Leben gerecht werden kann. Meiner Protagonistin Mona steht nach dem Abitur die Welt offen, aber sie fühlt sich wie gelähmt. Ihre Mutter, die immer ihr größtes Vorbild war, ist bei einem plötzlichen Unfall ums Leben gekommen und sie muss das erste Mal eigene Entscheidungen treffen. Ein mysteriöses Erbstück führt sie schließlich nach Irland und Wales, wo sie diesen Menschen, der ihr so nah war, ganz neu kennenlernt. Ihre Welt muss erst auf den Kopf gestellt werden, bevor sie erkennen kann, was ihr wirklich wichtig ist.

 

Was würdest du deinen Lesern gern mit auf den Weg geben?

Ich freue mich über jeden, der das Buch liest und vielleicht auch etwas daraus mitnehmen kann. Mir geht es selbst oft so: Ich lese einen Roman oder sehe einen Film – und eine Figur, eine Szene oder die Stimmung berührt mich so, dass sie sich einprägt und durch mein Leben begleitet. So kann man immer wieder innehalten und sich darauf besinnen, was wirklich wichtig ist – für mich sind das auf jeden Fall meine Familie und meine Freunde. Daher würde ich sagen: Lest, was euch berührt und lasst diese Gefühle an euch heran, denn das Leben ist zu kurz für Oberflächlichkeiten.

 

Und was liest du selbst gerade?

Irgendwie habe ich einen Hang zum Dramatischen und gerade „Die Flockenleserin“ von Mike Powelz beendet. Die Geschichte um die todkranke Minnie, die bei mysteriösen Mordfällen in einem Hospiz ermittelt, hat für mich alles, was ein gutes Buch braucht – vor allem einen spannenden Plot, eine einfühlsame Erzählweise und eine überraschende Wendung. Mehr möchte ich nicht verraten, aber es ist ein Buch über ein ernstes Thema, das trotzdem voller Leichtigkeit ist und das Leben mit allen Facetten bejaht, da sage ich: Chapeau!und gucke mir vielleicht das ein oder andere ab …

Die ersten Geschichten dachte sich Ria Hellichten schon zu Grundschulzeiten aus. Bis heute blieb ihr diese Leidenschaft erhalten. Nach ausgedehnten Studienjahren an drei Universitäten in zwei Ländern und der Arbeit als Deutschlehrerin, freier Texterin und Übersetzerin kam sie schließlich zum Schreiben ihres ersten Romans, auf den, wie sie hofft, noch viele weitere folgen werden.