Palast der Träume – Um der Liebe Willen

1

Visionen

 

In einem schnellen, gleichmäßigen Rhythmus treffen meine Laufschuhe auf den unebenen Waldboden. Hin und wieder springe ich über abgebrochene Äste von Waldkiefern und Rotbuchen, die meinen Weg behindern. Die Bäume und Sträucher rasen an mir vorbei, doch ich nehme sie kaum wahr. Meine Gedanken poltern mir wie ein Flummi durch den Kopf. Eine Pause gönne ich mir nicht – im Gegenteil. Ich bestrafe meinen Körper mit dieser Anstrengung für etwas, woran er gar keine Schuld trägt. Meine Muskeln protestieren schmerzhaft gegen diese immer wiederkehrende Belastung. Seitenstiche kündigen sich an. Der Schweiß läuft mir über die Stirn und brennend in die Augen, doch ich kann nicht anders. Mein Wille ist stärker als mein müder Leib. Nur so bekomme ich endlich den Kopf frei, der jedes Mal vor lauter Schlafmangel in der Berufsschule auf die Tischplatte plumpsen könnte. Das heißt, eigentlich schlafe ich genug, aber ich träume so wild und intensiv, dass ich danach völlig gerädert bin. Das Joggen durch den Wald, beim Erwachen des Tages, gibt mir die frische Luft und Klarheit, die ich brauche. Die Vögel begleiten mich mit ihren Liedern und schenken mir Normalität. Meine Klamotten kleben mir bereits auf der Haut. Der schwache Wind lässt mich etwas frösteln. Ich verlasse den Waldweg und laufe einen Hang hinauf.

Wusch.

Oh nein! Nicht schon wieder.

Das Licht der Morgensonne verändert sich, beginnt zu flackern, bricht in grelle Farbspektren, der Boden unter meinen Füßen wird weich, und ich falle schier endlos. Das pure Adrenalin wie bei einem Free-Fall-Tower jagt durch meinen Körper.

Eine Vision hat mich gepackt, und ich finde mich in einer mittelalterlichen Zelle wieder. Es riecht nach Schimmel, Kot, Urin und Erbrochenem. Verängstigt und neugierig zugleich drücke ich mich an die Mauer. Sie fühlt sich rau und kalt an, viel zu real. Spinnweben und Schmutz bedecken den Kerker. Es gibt weder Tisch noch Stuhl oder ein Fenster. Für die Notdurft steht ein Eimer in der Ecke, doch es fehlt an Wasser zum Waschen oder Trinken. Schmutziges Stroh auf dem Boden stellt das Bett dar. Die Tür wird geöffnet. Beduinenähnliche, dunkel gekleidete Männer mit Säbeln am Gürtel stoßen eine junge Frau herein und schubsen sie auf das Stroh. Das lange, schwarze Haar klebt ihr im Gesicht, das vor lauter Blessuren kaum zu erkennen ist. Nur eine zerschlissene Kutte verhüllt ihren schmutzigen, blutigen Körper. Sie ist mir mittlerweile so vertraut wie eine alte Bekannte. Ich kenne jede Wunde an ihrem Körper, jeden blauen Fleck. Ich will ihr helfen, weiß aber von vergangenen Visionen und Träumen, dass ich es nicht kann. Zum x-ten Mal frage ich mich, wie diese Männer so grausam sein können, eine Frau zu foltern. Die Stahlfesseln haben ihr die Haut an den Handgelenken aufgeschürft, dennoch machen sich die Dreckskerle einen Spaß daraus, an dem Metall herumzuzerren. Die Pein steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Eine weitere Person betritt das Verlies und zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Edle Kleidung, Schmuck und eine Krone lassen keinen Zweifel aufkommen, wer oder was der Neuankömmling ist.

Na wunderbar. Ein Arschloch-König, der zulässt, dass Frauen misshandelt werden.

Mein Zorn wächst. Ich balle die Fäuste, kann aber nichts tun, als zuzusehen.

Der Herrscher wäre ein attraktiver Mann gewesen, mit seinen aristokratischen Zügen und den gepflegten braunen Haaren. Allerdings verraten ihn seine unerbittlichen blauen Augen.

Die geschlagene Frau kämpft sich wie eine Löwin zurück auf die Beine.

„Warum hasst Ihr mich so?“, flüstert sie mit schwacher und ausgedörrter Stimme.

Ein grausames Lächeln erscheint auf des Königs Lippen. Er streichelt ihr über die Wange, was so gar nicht zu seinem gehässigen Gesichtsausdruck passen will.

„Habe ich Euch und Eurer Familie nicht stets einwandfrei gedient?“, fragt die Gefangene weiter, während einer der Krieger ihr die Fesseln abnimmt. Ihre verzweifelte Stimme berührt mich.

„Meine hübsche kleine Kriegerin. Den Grund für dein Verderben werde ich mit ins Grab nehmen. Niemand wird je erfahren, was mit dir passiert ist, und eines Tages wird auch keiner mehr nach dir – elendige Ratte – fragen.“

Schreie von anderen Häftlingen, die gefoltert werden, dringen in die Zelle. Vor Schreck zucke ich zusammen.

Oh bitte. Ich will raus aus dieser Vision. Das Ganze jagt mir eine Scheißangst ein.

„So unwichtig kann ich nicht sein, wenn Ihr Euch die Mühe macht und mich persönlich besucht.“

Höre ich da aus ihrer selbstsicheren Stimme das letzte Zusammenkratzen von Mut?

Der König packt die Frau an der halb zerfetzten Kutte und zieht sie nah an sein Gesicht.

„Das wird ein Abschied für immer. Dein Sarkasmus und deine Aufmüpfigkeit werden schneller verflogen sein, als du dir vorstellen kannst. Ich werde dich ganz langsam und elendig richten lassen. Dein Flehen und Betteln wird keiner hören. Niemand wird kommen, um dich zu befreien. Du wirst dich nach dem Tod sehnen und um ein schnelles Ende flehen. Dein qualvoller Tod wird meine stille Genugtuung sein. Eigentlich schade, dass es kein Publikum geben wird. Nun ja, man kann nicht alles haben, nicht wahr? Hach, was für ein Jammer. Du bist … warst eine schöne Frau.“

Der Herrscher drückt ihr einen brutalen Kuss auf die Lippen. Mit letzter Kraft – zu der sie noch fähig zu sein scheint – reißt sie sich los und verpasst dem König eine gewaltige Ohrfeige.

„Ihr seid ein Monster und nicht würdig, diese Krone zu tragen“, schreit sie ihm krächzend entgegen.

Mit einem kräftigen Schubs stößt der König die Todgeweihte von sich und blickt sie angewidert an. Sie taumelt zurück, und ihr blanker Fuß landet auf dem Schwanz einer Ratte, die jaulend davonstürmt. Ihr Kopf knallt neben mir an die Mauer, und sie sackt bewusstlos zusammen.

 

2

Attacke

 

Ich liege auf dem Waldboden. Kiefernnadeln piksen mich. War klar, dass ich den Hang nicht hinaufschaffe, wenn mein Kopf für kurze Zeit auf Reisen geht. Stöhnend krabbele ich auf allen vieren, diese Vision hat verdammt viel Kraft gekostet. So würdevoll wie möglich komme ich wieder auf die Beine. Ich habe längst aufgehört zu hinterfragen, warum mich diese Visionen heimsuchen. Wer sollte mir die Antwort dafür geben? Beunruhigend ist, dass sich die Visionen und Träume häufen, wiederholen und sich immer realer anfühlen. Seit meiner Kindheit habe ich seltsame und unklare Träume von Menschen in mittelalterlich oder wikingerähnlich aussehender Kriegskleidung, die in einer Arena mit Schwertern und Speeren kämpfen. Fische, die durch wassergefüllte Glassäulen zischen. Frauen in fließenden Gewändern. Die Träume waren wie ein Nebel, der sich immer mehr lichtet. Später kamen Visionen dazu. Zunächst waren sie schemenhaft, werden jedoch zunehmend klarer und wiederholen sich ebenfalls. Diese Szene im Kerker hat sich heute zum ersten Mal erweitert.

Jedoch habe ich nicht nur von dieser Gefangenen geträumt oder sie in Visionen erlebt. Nein. Ich sah öfter einen Mann mit langen, dunkelblonden Haaren und fantasievoller Lederrüstung, der immer wieder vorkam. Sobald ich von ihm träume, flattert mein Herz. Ich fühle eine Verbundenheit zu ihm, die ich nicht verstehe. Wie kann ich Sehnsucht zu einem Mann spüren, den es überhaupt nicht gibt?

Ich verdränge die Gedanken fürs Erste, klopfe mir den Schmutz von der Sportkleidung und binde mir den Zopf neu. Am liebsten würde ich in dem kristallklaren Flüsschen, der sich durch den Wald schlängelt, barfuß nach Hause gehen, da der herrliche, grüne Wald hinter dem Mietshaus, in dem ich wohne, endet.

Allerdings wird es Zeit, dass ich nach Hause jogge, sonst komme ich zu spät zur Berufsschule.

 

Zurück zu Hause bin ich fest davon überzeugt, dass mich nicht einmal meine heiß geliebte Schokodroge – übertrieben süßer Kakao – zum Laufen kriegt. Dafür bin ich zu aufgewühlt. Meine Gefühle kochen über, wenn ich an die gepeinigte Frau denke.

Zügig esse ich mein Müsli, springe unter die Dusche und lasse mir zu viel Zeit dabei.

Aber ich brauche das jetzt, ich will den Schmutz der Vision abwaschen. Dieser Kerker beschert mir eine widerliche Gänsehaut. Dagegen helfen nur heißes Wasser und viel Seife.

Während ich mir einige Zeit später am Waschbecken die Zähne putze, schweifen meine Gedanken ab, da die letzte Nacht auch viel Stoff zum Nachdenken aufwarf. Unruhig hatte ich mich herumgewälzt, geplagt von seltsamen, skurrilen und vor allem beängstigenden Träumen, die dermaßen real waren, dass sie morgens nur schwer abzuschütteln sind. Ich spucke die Zahnpasta ins Waschbecken. Mit einem Mal wird mir speiübel, und ich schwanke. Letztendlich wird mir schwarz vor Augen.

Faustschlägen ähnlich prallen in meinem Kopf Bilder auf mich ein, sodass sich meine Hände um den Waschbeckenrand krallen, damit ich nicht den Halt verliere. So kurz hintereinander haben mich die Visionen noch nie attackiert. Dass ich Schmerzen fühle, als würde ich verprügelt, ist mir ebenfalls neu.

 

Es ist Nacht. Fackeln erleuchten einen sandigen Weg. Ich erkenne wieder die Frau aus dem Kerker. Bisher habe ich nie ihr Gesicht gesehen, aber meine Träume und Visionen sind oft so real, als befände ich mich in ihrem Körper. Mein Herz rast wie verrückt aus Angst um diese schreiende Frau. Sie schlägt um sich, kann aber ihren Peinigern in altägyptisch aussehenden Rüstungen, die sie mit brachialer Gewalt mit sich zerren, nicht entkommen. Ihre alte Kutte hängt ihr in Fetzen vom Leibe, und ihr bis zum Gesäß reichendes schwarzes Haar verdeckt fast das gesamte Gesicht. Brutal wird sie herumgeschleudert, geschlagen und von diesen Kriegern ohne Pardon mitgeschleift. Sie hat keine Chance, ihnen zu entkommen.

Auf einmal stoßen die Krieger sie in eine steinerne Grube und schieben eine schwere Steinplatte über die Öffnung.

Lebendig begraben.

Kurz bevor der massive Stein die Grube für immer verschließt, leuchtet einer der Männer mit einer Fackel hinein und winkt der Frau zu, begleitet von grausamem Gelächter. Ein erster, aber auch letzter Blick auf das vor Todesangst gepeinigte Gesicht lässt mich vor Schock zurücktaumeln. Das bin ich! Diese Frau aus der Vision hat mein Gesicht! Meine grünen Augen. Fassungslos schnappe ich nach Luft. Nicht einmal der sanfte Klang von Panflöten-Musik, die aus meiner Bluetooth-Box erklingt, kann mich wieder beruhigen.

Dieses Erlebnis stellt alles bisher Gesehene in den Schatten. Noch nie hatte ich eine Vision, die mich dermaßen schockierte und aus der Fassung brachte. Was hat das bloß alles zu bedeuten?

Ich schließe die Augen und versuche ruhig durchzuatmen. Die Sekunden und Minuten vergehen. Schweißperlen rinnen über meinen Rücken. Schließlich traue ich mich, die Lider wieder zu öffnen. Mein Blick fällt auf die Baduhr.

„Oh, verdammter Mist! Jetzt hab ich mehr als zehn Minuten verloren.“

In Eile werfe ich mir die Klamotten über – dabei wäre ich lieber noch mal duschen gegangen – und schlüpfe in meine Ballerinas, schnappe mir meine Schultasche, schließe die separate Haustür meiner Erdgeschosswohnung ab und eile hinaus zu meinem Auto. Ich liebe diesen alten knallblauen Fiat Punto.

Natürlich sind alle Ampeln in dieser verfluchten Kleinstadt rot. Ich habe es ja überhaupt nicht eilig.

Kopfschmerzen kündigen sich an, ich schließe kurz die Augen und reibe mir die Schläfen. Vor meinem inneren Auge flackert ein Bild auf. Kristallblaue Augen. Ein liebevoller Blick. Mein Herz beginnt wild zu pochen. Da ist er wieder. Der Mann, der so viele Jahre in meinen Träumen auftaucht. Sein Wikinger-Krieger-Aussehen strahlt etwas Rohes, Starkes aus mit einer Prise Anmut.

Wieso tauchst du ständig in meinen Gedanken, Träumen und Visionen auf? Was soll mir das sagen? Warum fühle ich eine schmerzhafte Sehnsucht, wenn ich dich sehe?

Das Hupkonzert holt mich zur Ampel zurück. Im Rückspiegel sehe ich wild gestikulierende Arme. Was der Fahrer schimpft, kann ich mir wortwörtlich vorstellen. Zur Entschuldigung hebe ich die Hand und nehme Kurs auf die Berufsschule, die nur noch zwei Straßen von mir entfernt liegt.

Mit quietschenden Reifen donnere ich auf den Schülerparkplatz, wo ich schon sehnsüchtig erwartet werde.

„Jaislyn, what the fuck! Wo warst du denn so lange?! Ich muss doch noch die Hausaufgaben in Kundenorientiertes Verkaufen von dir abschreiben!“

Verstimmt zerre ich meine Mappe heraus und reiche sie meiner Freundin Mayli. Eigentlich heißt sie Mayleen, wird von mir jedoch liebevoll Mayli Monet genannt, weil sie irre gut malen und zeichnen kann. Meinen seltenen Namen verdanke ich meiner Mutter, die sich Hobbyautorin nennt, doch ich bin glücklich damit. Julia, Marie, Leonie und so weiter gibt es wie Sand am Meer, hat sie immer gesagt – um sich zu rechtfertigen, wenn die Leute sie bei meinem Namen schief ansahen. „Das konservative Volk“, schimpft sie immer.

Es klingelt. Mayli und ich eilen über den Schulhof in den dreigeschossigen, hässlichen Betonklotz, der sich Schulgebäude schimpft. Natürlich befindet sich unser Klassenraum im dritten Obergeschoss. Während wir die Treppen hinaufflitzen, wirft mir Mayli besorgte Seitenblicke zu.

„Du siehst blass aus, hast du einen Geist gesehen?“

Die furchtbare Vision mit der Ermordungsszene kommt mir in den Sinn. „Ich glaube eher, ich sehe zu viele Filme, anders kann ich mir meine seltsamen Träume nicht erklären.“

Mayli rümpft die Nase und sagt sarkastisch: „Wenn ich wie du zum Frühstück die Saw-Filme gucken würde, hätte ich auch Albträume.“

Ich boxe ihr sanft mit dem Ellenbogen in die Seite. „Ich bin ein abgebrühter Filmfan und hatte nie Probleme mit Albträumen. Aber mittlerweile sind es sogar Tagträume, die mich regelrecht überfallen und umhauen.“

Nachdenklich fährt sich Mayli durch das lange, dunkelblonde Haar. „Vielleicht bedeuten diese Visionen ja etwas. Wir treffen uns nachher, dann erzählst du mir alle Einzelheiten, und ich fertige Skizzen davon an. Alle außergewöhnlichen Träume schwarz auf weiß zu haben, kann hilfreich für dich sein. Ich meine … falls du dir nicht alle Visionen merken kannst.“

Ich bin dankbar, dass mir meine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel diese Freundin beschert hat. Ich lächle sie an und betrete den Klassenraum. Mayli ist sichtlich froh, dass der Tag mit dem Fach Steuerung und Kontrolle startet, so hat sie neunzig Minuten Zeit, meine Hausaufgaben abzuschreiben. Allerdings kassieren wir einen ungehaltenen Blick von unserer Lehrerin, Frau Böttcher, weil wir zu spät sind.

Wir sind bereits im dritten Ausbildungsjahr, und es sind nur noch wenige Wochen bis zur Prüfung. Für mich ist es die zweite Ausbildung, daher bin ich mit meinen einundzwanzig Jahren schon eine alte Schachtel in der Klasse. Als Bäckereifachverkäuferin verdiente ich einfach zu wenig, und deshalb wollte ich mich noch etwas weiterbilden. Mayli und ich arbeiten sogar im gleichen Geschäft. Schwerpunkt: Lebensmittelbranche. Wirklich miserable Arbeitszeiten. Im nächsten Leben werde ich Beamtin, das schwöre ich mir hoch und heilig.

„Ich werde das mit dem Rohgewinn und Reingewinn nie kapieren“, flüstert mir Mayli seufzend zu. Kaum zu glauben, dass sie so viele Schwierigkeiten hat, dabei sieht sie mit ihrer Brille echt intellektuell aus. Dazu finde ich sie wirklich respekteinflößend mit ihrer stattlichen Größe von bestimmt eins achtzig. Dagegen sehe ich aus wie ein Hobbit mit meinen hundertsiebenundfünfzig Zentimetern. Meiner Größe verdanke ich es auch, dass ich ein wenig rundlich wirke. Ich bilde mir immer ein: alles Muskeln vom Fahrradfahren und gelegentlichem Kickboxen sowie Selbstverteidigungskursen, worauf ich auch ein wenig stolz bin. Mich macht keiner so schnell fertig. Attraktiv finde ich an mir mein langes, glänzend schwarzes Haar, das mir über das Gesäß reicht, und die tiefgrünen Augen. Meine Brüste sind auch nicht ganz ohne, aber das möchte ich nicht weiter erörtern.

„Pause. Komm, wir gehen zu unserem Lieblingsplatz“, sagt Mayli und zieht mich vom Stuhl.

„Okay, aber nicht zu weit ins Dunkle. Sonst kriege ich wieder Panik.“

„Es ist nur ein Kellergeschoss, Jaislyn, da tut dir keiner was.“ Ich seufze. Ja, das weiß ich auch. Die Beklemmung vor dunklen Schächten, Kammern oder stinknormalen Kellergeschossen kann ich mir selbst nicht erklären. Liegt vielleicht an Träumen und Visionen von Verliesen und dem Lebendig-begraben-Werden. Hmpf.

Wir setzen uns auf den Stufen zum Kellergeschoss mit dem Rücken an der Wand. Hierhin ziehen wir uns gerne zurück. Niemand hört zu. Wenn ich ehrlich bin, gehen wir den anderen Mitschülern mehr oder weniger aus dem Weg. Nicht weil wir in der Klasse unbeliebt sind, sie akzeptieren unsere Zweisamkeit.

Meine Gedanken schweifen wieder ab, dieses Mal jedoch etwas verträumter. Während sich Mayli ihrem Käsebrötchen widmet und Cola trinkt, bekomme ich keinen Bissen hinunter. Mayli stupst mich mit ihrer Cola-Flasche an und sagt mütterlich: „He, bei deiner Dauerdiät fällst du mir noch vom Fleisch.“

Das entlockt mir ein Lächeln. „Wohl kaum.“

Maylis schmatzende und schlürfende Geräusche erfüllen den Treppenabgang „Musst du mich immer so anstarren?“

Mayli zuckt die Schultern, die in einem schwarzen Rammstein-Shirt stecken, und fragt: „Denkst du wieder an diesen Typen?“

Ich sehe ziellos zum Kellergeschoss hinab. „Er ist nicht echt“, sage ich eine Spur zu bissig.

„Na aber in deinen Träumen schon. Und du bist so was von verknallt.“ Ein breites Grinsen schwingt in ihrer Stimme mit.

Verärgert werfe ich ihr einen Blick zu, der sie nicht wirklich einschüchtern kann, und sage: „Man kann keine Gestalten aus seinen Träumen lieben.“

Mayli wechselt zu einem schwärmerischen Ausdruck. „Du schon.“

Ich vermeide es lieber, sie anzublicken, und flüstere halbherzig: „So sonderbar findest du mich also?“

„Na hör mal! Ich wäre auch über beide Ohren verschossen, wenn ich heiße Träume von einem Wahnsinnsmann hätte, der Thor aus den Marvel-Filmen ähnlich sieht.“

Verstimmt ziehe ich die Augenbrauen hoch. „Ich hatte nie heiße Träume von ihm.“

Mayli wackelt mahnend mit dem Zeigefinger. „Na, na. Er hat dich im Traum gestreichelt.“

Ich verschränke abwehrend die Arme vor der Brust. „Er hat mein Gesicht berührt. Das ist doch keine heiße Stelle.“

Mayli fährt sich spielerisch, aber erotisch mit dem Zeigefinger von ihrer Stirn über die Wange zu den halb geöffneten Lippen und hinab zu ihrem Brustansatz. Wie es der Zufall so will, kommt ein Lehrer um die Ecke, der die Treppen hinabsteigen will. Bei seinem verwunderten Blick richtet sich Mayli kerzengerade auf und lässt die Hand in der Hosentasche verschwinden. Der Lehrer schüttelt den Kopf und geht weiter. Trotz ihres geschockten Blickes muss ich lachen.

„Toll! Jetzt hält er uns für lesbisch.“

Von Mayli kommt ein „Hmpf“. „Wie auch immer, als er dich in seinen Armen hielt, hast du bestimmt was zwischen deinen Beinen gespürt“, behauptet Mayli weiter.

Blitzschnell krame ich aus meinem Rucksack eine Taschentuchpackung heraus und schmeiße sie ihr an den Kopf.

„Ich habe nichts dergleichen gespürt.“

Mayli deutet an, die Packung zurückzuwerfen.

„Du hast mal gesagt: Die Träume seien so real, als hättest du alles wirklich gesehen und gefühlt. Du benimmst dich wie eine alte Jungfer. Was für einen Mauerblümchen-Sex hast du bisher getrieben?!“

Ich schnappe nach Luft und bedenke sie mit einem bitterbösen Blick. „Sehe ich so aus?!“

Na gut, den Sex, den ich bisher hatte, kann ich an einer Hand abzählen. Und mein erstes Mal mit sechzehn war der totale Reinfall. Ich glaube, ich bin beziehungsunfähig, solange mich diese Träume begleiten. Kein Typ fühlt sich richtig an.

Mayli grinst lasziv und neckt mich weiter: „Ich fertige eine Skizze deines Sexgottes an, dann hast du wenigstens was Festes in der Hand.“

Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. Bei meinem traurigen Gesichtsausdruck wird Mayli jedoch wieder ernst und tätschelt mich am Oberarm.

„Wünsch dir niemals, jemanden zu lieben, den es nicht wirklich gibt“, sage ich und spüre, wie eine Träne meine Wange hinabrinnt.


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Nicole Lange wurde 1983 in Bielefeld geboren und schreibt seit ihrem achten Lebensjahr. In der Schule war sie die, die immer schrieb und las. Seit ihrer Ausbildung zur Bäckerin backt sie wortwörtlich ihre Brötchen selber. Nach erfolgreichem Abschluss absolvierte sie noch eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel und macht diesen nun zusätzlich unsicher.