Mädchenfresser

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Prolog

Als er erwachte, spürte er ein unbestimmtes Verlangen. Gier beherrschte sein Denken und Handeln, als er aufstand und an das Fenster trat. Die Dunkelheit hatte sich wie ein Leichentuch über die verfallenen Gebäude der Stadt gesenkt. Er hatte lange geschlafen und war erst am Abend erwacht. Während er durch das fast staubblinde Fenster hinaus in die Nacht blickte, stellte er fest, welch düstere Wolken sich vor den Mond geschoben hatten. In den letzten Stunden hatte Schneefall eingesetzt, und die Stadt schien unter einer unsichtbaren Schallglocke zu stecken. Es war totenstill draußen, und er versuchte sich daran zu erinnern, wann es zuletzt im November geschneit hatte.

Heute Nacht war es endlich so weit.

Er würde dem Verlangen nachgeben. Tun, was er tun musste.

Wochenlange Arbeit lag hinter ihm, nun würde er die Früchte seiner Mühen ernten. Ein teuflisches Grinsen huschte um seine blutleeren Lippen, als er sich abwandte und ruhelos durch die Räume schlich. Er war zu einem Wesen der Nacht geworden und er war sicher, dass sich sein Wille, so zu leben, heute Nacht manifestierte. Komplett aufgegeben hatte er sich in den letzten Wochen. Für verrückt hatte man ihn erklärt, ein Arzt hatte ihn sogar einweisen wollen. Er hatte sich enttäuscht und verbittert zurückgezogen. Dann würde er sein Ziel eben anders erreichen.

Nein, er war nicht verrückt.

Er war anders.

Lange hatte er nach einer geeigneten Räumlichkeit für sein Vorhaben gesucht und sie schließlich in einer leer stehenden Fabrikhalle am Ufer der Wupper gefunden. Der Besitzer – sollte es ihn tatsächlich noch geben – hatte das Gebäude offenbar längst aufgegeben, und so ruhte die alte Fabrik in einer Art Dämmerschlaf und wartete darauf, ihm für seine große Tat zur Verfügung zu stehen. Es war eine Kleinigkeit für ihn gewesen, das Schloss der eisernen Eingangstür im Hof auszutauschen. Niemand interessierte sich mehr für das verfallene Gebäude, hier war seit Wochen kein Mensch mehr gewesen. Also hatte er sich die Räume im oberen Stockwerk der alten Fabrik für ein ungestörtes Treffen hergerichtet. Meist hatte er nachts gearbeitet, wenn alle schliefen und das Viertel noch verlassener als tagsüber war. Die Nacht war seine Zeit, lange schon nicht mehr der Tag. Einem Schatten gleich glitt er durch die einsame Halle, die mit Zwischenwänden in kleinere Räumen aufgeteilt worden war.

Er war ein Geschöpf der Finsternis geworden.

Nun hatte er den Raum erreicht, in dem es heute Nacht geschehen würde. Eine fiebrige Erregung ergriff von ihm Besitz, als seine Finger beinahe liebevoll über das kalte Leder der Bahre glitten. Hier würde sie schon in ein paar Stunden liegen und ihm gehören. Sie wusste ja nicht, worauf sie sich einließ. Er spürte die feinen Vertiefungen des Leders an seinen Fingerkuppen und erschauderte.

Mit einem Ruck wandte er sich ab, trat wieder an eines der hohen Fenster, die mit eisernen Sprossen in kleine, gläserne Felder unterteilt waren, und blickte hinaus. Um diese Zeit verirrte sich kaum ein Mensch in dieses Viertel. Niemand wusste, dass er hier hauste, sogar Obdachlosen war diese Bleibe zu heruntergekommen, oder sie hatten schlicht Angst davor, eine Nacht in diesem unheimlichen Gebäude zu verbringen, in dem das Dach undicht war und nachts Ratten über den Boden huschten und die Räume mit ihrem schrillen Fiepen erfüllten, stets auf der Suche nach Beute. Nein, hierhin trieb es niemanden freiwillig. Normalerweise. Doch die Hallen mit den hohen Decken waren wie geschaffen für seine Arbeit. Als er den Raum durchschritt, hallten seine Schritte von den schwarz gestrichenen Wänden zurück. Er liebte den morbiden Charme dieses Stadtteils. Leer stehende Gebäude, heruntergekommene Wohnblöcke und verlassene Fabriken. Kneipen, die schon vor Jahren für immer geschlossen hatten. Seit langem ging das Gerücht um, dass hier bald die Abrissbirne zum Zuge kommen und die geschichtsträchtigen, aber baufälligen Gebäude am Ufer der Wupper dem Erdboden gleichmachen würde. Wahrscheinlich würden sie hier ein weiteres Einkaufszentrum errichten. Oder ein Parkhaus, vielleicht auch beides.

Doch noch war es nicht so weit.

Wer hier nach Einbruch der Dunkelheit durch die engen Straßen schlich, konnte sich kaum vorstellen, dass kaum einen halben Kilometer weiter das Leben der Großstadt brodelte. Einkaufspassagen, hektische Menschen, die auf der Suche nach einem Geschenk waren. Das Weihnachtsfest, für ihn die größte Lüge der Menschheit, stand bevor und beherrschte das Denken und Handeln der Sterblichen. Jedes Jahr fielen die Leute auf den Schwindel herein, mühten sich in überfüllten Innenstädten ab, um sich an Heiligabend nicht zu blamieren. Er grinste in Vorfreude auf das Geschenk, das er sich heute schon machen würde. Gut, bis Weihnachten waren es noch ein paar Wochen hin. Aber er feierte das Fest der Christen schon lange nicht mehr.

Es gab noch viel vorzubereiten.

 

Dienstag

19.05 Uhr

Der Winter im Bergischen Land kotzte ihn wirklich an. Wenn es mal schneite, dann kam gleich der komplette Verkehr zum Erliegen. Feine Schneeflocken wirbelten gegen die Windschutzscheibe, um dort zu schmelzen, noch bevor die Scheibenwischer die Flocken fortwischen konnten. Das Wischergestänge quietschte bei jedem Hub, und er umklammerte den abgewetzten Lenkradkranz des alten Opel. Die Schneedecke auf dem Asphalt glitzerte im Scheinwerferlicht, das dem Wagen vorauseilte und die Nacht mit breiten Lichtbalken durchschnitt. Aus dem Radio ertönte leise Musik. Sie hörten beide nicht zu, hingen ihren Gedanken nach. Die Musik wurde fast vollständig vom monotonen Summen des Heizgebläses geschluckt, das auf Hochtouren lief und so verhinderte, dass die Scheiben des Autos beschlugen. Er seufzte unmerklich und schüttelte immer wieder den Kopf.

Auf der Straße herrschte kaum Verkehr. Seine markanten Gesichtszüge schimmerten im Widerschein der Armaturenbeleuchtung. Fest lagen seine Hände auf dem Lenkrad, den Blick hatte er starr nach vorn gerichtet. Die Kieferknochen mahlten, ein Zeichen dafür, dass er angestrengt nachdachte.

Dann hatten sie die angegebene Adresse erreicht. Eine enge Straße mit heruntergekommenen Fabrikgebäuden, die am wolkenverhangenen Himmel über Wuppertal zusammenzuwachsen schienen. Die Anfahrt über die Wesendonkstraße hatte sich wegen chaotisch abgestellter Autos als schwierig erwiesen. Er stoppte den Wagen am Straßenrand und blickte zu ihr herüber. „Hier ist es“, bemerkte er überflüssigerweise.

Sie nickte und löste den Sicherheitsgurt. „Fünf Minuten zu spät.“

„Er kann froh sein, dass du bei diesem Scheißwetter überhaupt zu ihm kommst“, knurrte er.

„Das ist mein Job.“

„Tolle Gegend.“ Die Häuser in dieser Straße waren marode. Altbauten, die ihrem Namen alle Ehre machten. Staubblinde Fenster, Putz, der von den Fassaden bröckelte, und überquellende Mülleimer sowie Unmengen von Unrat in den Hofeingängen prägten das Straßenbild. Auch die teils anzüglichen Graffitis an den Hauswänden vermochten es nicht, mehr Farbe in dieses Viertel zu bringen.

Unterwegs hatten sie sich angeschwiegen. Natürlich passte es ihm nicht, dass sie abends zu einem anderen Kerl ging. Er machte keinen Hehl aus seinem Unmut und seiner Eifersucht. Dass er sie begleitete, hatte sie vehement abgelehnt. Und ihn damit in seiner Eifersucht bestärkt.

„Es ist doch nur ein Job“, hatte sie immer wieder versucht ihn zu beruhigen.

Doch er war anderer Ansicht. „Jobs macht man tagsüber. In Studios, in Agenturen, bei Castings. Nicht zu nachtschlafender Zeit in irgendwelchen leer stehenden Fabrikgebäuden.“

„Er ist Künstler, kein Fotograf, der im Atelier arbeitet und spießige Hochzeitspaare oder Schul- und Kommunionskinder ablichtet. Er ist anders, kreativ und …“ Jetzt lachte sie. „Ja, er ist auch ein Spinner. Wie alle Kreativen halt. Er lässt sich nicht in ein Atelier zwängen, hält sich nicht an feste Arbeitszeiten und fotografiert dort, wo er am besten arbeiten kann – was ist so schlimm daran, dass das Studio in einer Fabrikhalle liegt?“

Jetzt war es an ihm zu lachen. Doch es klang nicht amüsiert, sondern verbittert. „Was so schlimm daran ist? Die Uhrzeit zum Beispiel. Der Ort zum Beispiel. Und die Tatsache, dass ich den Kerl nicht kenne.“ Nervös trommelte er auf dem Lenkrad herum.

„Ich geh jetzt da rein und mach mein Ding. Es dauert ein, zwei Stunden, dann bin ich durch, habe mein Geld verdient und gehöre wieder dir.“ Sie lächelte ihn sanft an und ergriff seine Hand. Als er nicht reagierte, stieß sie die Wagentür auf. Kalte Luft und Schneeflocken wirbelten ins Wageninnere.

„Also gut. Hol mich in anderthalb Stunden ab – wenn du magst. Wenn nicht, auch gut. Dann nehm’ ich mir ein Taxi und fahr nach Hause.“

„Wie du meinst.“ Er blickte stur geradeaus.

Sie beugte sich zu ihm hinüber und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, doch er reagierte nicht. Gut, dachte sie, dann eben nicht. Mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung im Bauch stieg sie aus. Beinahe wäre sie auf der Schneedecke des Bürgersteigs ausgerutscht. Sie klammerte sich mit der rechten Hand am Rahmen der Wagentür und mit der linken am Autodach fest, als sie sich noch einmal ins Wageninnere beugte.

„Wir telefonieren dann.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, warf sie die Beifahrertür zu und wandte sich zum Gehen. Ein wenig nachdenklich blickte sie an der stuckverzierten Fassade des Altbaus hoch. Nur hinter einem der schmalen Fenster brannte noch Licht. Da musste es sein, dachte sie, als hinter ihrem Rücken der Wagen ihres Freundes anfuhr.

Er war wütend und gab zu viel Gas. Prompt drehten die Antriebsräder des Opel durch. Sekundenlang schlingerte der alte Kombi, dann hatte er den Wagen wieder unter Kontrolle und fuhr in gemäßigtem Tempo weiter. Er verfuhr sich in dem Labyrinth aus Einbahnstraßen, bog irgendwann in die Bembergstraße ab und passierte die alte Wupperbrücke. Schwarz glitzerte der Fluss im Zwielicht. Die rot glühenden Rücklichter des Opel verschwanden in der Nacht.

Als auch das Motorengeräusch verebbt war, griff die Stille der Winternacht mit ihren eisigen Klauen nach ihr. Eigentlich liebte sie diese paradiesische Stille, die es nur in verschneiten Winternächten gab. Es war, als würde die Welt unter einer Schallschutzglocke aus frischem, weißem Schnee versinken. Jedes Geräusch wurde geschluckt, die Landschaft wirkte friedlich wie im Märchen. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann es zum letzten Mal in der Gegend einen derartigen Winter gegeben hatte. Das Klima ist im Eimer, dachte sie. Die Sommer waren tropisch heiß und die Winter wurden von Jahr zu Jahr härter und länger. Es gab nur noch Extreme, keinen normalen Winter und keinen normalen Sommer mehr.

Als sie den Kopf in den Nacken legte und an dem Haus emporblickte, sah sie einen hochgewachsenen Schatten hinter einem der Fenster auftauchen.

Er erwartete sie also schon.

Ihr Weg führte in einen kleinen Hof. Rechts eine Laderampe, die seit Jahren vor sich hin rostete, links der Eingang. Eine nackte Birne warf ihr Licht in den Schnee. Sie betrat den Hauseingang, brauchte nicht nach der richtigen Klingel zu suchen, da er oben bereits den Türöffner betätigte. Als sie sich gegen die schwere Haustüre warf, fiel sie fast ins Innere des Altbaus. Oben wurde das Treppenhauslicht eingeschaltet, und sie fand sich neben einer Reihe blecherner Briefkästen wieder. Wahrscheinlich waren zu besseren Zeiten mehrere Firmen in diesem Gebäudekomplex untergebracht gewesen. Eine ausgetretene Betontreppe führte am Lastenaufzug vorbei nach oben. Es roch muffig, und sie rümpfte angewidert die Nase.

„Nimm den Aufzug, erster Stock!“, hallte seine Stimme von oben durch das nackte Treppenhaus.

„In Ordnung“, rief sie hoch und wandte sich nach links. Sie öffnete die schwere Tür des Lastenaufzugs und drückte auf die glühende Eins. Knarrend und rumpelnd setzte sich die große Kabine in Bewegung. Das Mauerwerk schien an ihr vorüber zu kriechen. Witzbolde hatten die Wände mit Fußabdrücken versehen. Die Seile, die den Aufzug nach oben zogen, ächzten bedenklich, und unwillkürlich fragte sie sich, wann der Aufzug zum letzten Mal gewartet worden war. Das Licht an der Decke flackerte und beschleunigte ihren Herzschlag. Ein Stromausfall in der Kabine des alten Aufzuges wäre so ziemlich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Im Schneckentempo erreichte der Lift die obere Etage. Eine große, handgemalte Eins an der Eisentür verriet ihr, dass sie angekommen war. Sie stemmte sich mit dem Gewicht ihres Körpers gegen die Tür, die mit einem ohrenbetäubenden Quietschen nachgab. Auf dem Gang schleuderte ihr eine einzelne Birne ihren grellen Lichtschein entgegen. Ihr war egal, wie ihr Auftraggeber hier hauste. Sie wollte hier nicht einziehen – sie wollte hier einen Job machen und dann wieder verschwinden. Schnell verdientes Geld, ohne Bürokratie und ohne Finanzamt. Und ganz nebenbei konnte sie ihre Neigung ausleben. So mochte sie es.

Leise Musik drang ihr entgegen. Sie zögerte einzutreten und klopfte gegen das vergilbte Holz einer Tür, die nur angelehnt war.

„Hallo?“, rief sie nach drinnen.

Schritte näherten sich. Die Tür wurde weiter geöffnet, und sein Gesicht erschien im Rahmen. Tiefe Ringe lagen unter wachsamen Augen, die Wangenknochen waren hoch und kantig, die Lippen schmal, aber dennoch sinnlich. Ihr kam es sofort so vor, als könne er zum tiefsten Grund ihrer Seele vordringen. In seinem Blick lag die Erfahrung eines reifen Mannes, doch er war nicht wesentlich älter als sie. Er betrachtete sie aufmerksam, während er den Eingang freigab und sie hereinbat.

„Hallo, du musst Mandy sein.“

Freundlich, sympathisch, stellte sie einigermaßen erleichtert fest. Er gab den Eingang frei.

„Ja, die bin ich. Und du bist …“

„Clay.“

Nachdem sie eingetreten war, drückte er die Tür ins Schloss und legte den Riegel vor. „Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch“, kommentierte er sein Verhalten, als er Mandys fragenden Blick sah.

„Oder besser: Ich bin ein vorsichtiger Mensch.“

Sie nickte und streifte den langen Mantel ab. Darunter trug sie ein kurzes, enganliegendes Kleid mit tiefem Ausschnitt. Ihre vollen Brüste wölbten sich unter dem Stoff. Dazu trug sie schwarze Nylonstrümpfe und kniehohe Stiefel. Seine lüsternen Blicke blieben ihr nicht verborgen.

Sie lächelte. „Gefalle ich dir?“

„Siehst gut aus, wie auf den Fotos im Internet.“ Er nahm ihr den Mantel ab, um ihn an der einfachen Garderobe aufzuhängen. Anscheinend war er ein ordnungsliebender Mensch, er benutzte einen freien Bügel und strich den Stoff glatt, bevor er den Mantel aufhängte. Sie betrachtete ihn so unauffällig wie möglich. Clay trug ein schwarzes Hemd, dazu eine ebenso schwarze Jeans und leichte Schuhe, natürlich auch in Schwarz. Wie hießen diese Typen doch gleich? – Gruftis? Sie trieben sich nachts auf Friedhöfen herum. Er passte in diese düstere Gegend. Doch im Gegensatz zu den Typen, an die sie dachte, ging von Clay eine unbeschreibliche Faszination aus. Seine Augen zogen sie förmlich in ihren Bann. Ein Schauer rann ihren Rücken hinunter.

„Und du bist also ein Freund der Finsternis?“ Sie lächelte ihn kokett an.

„Möglich. Die Dunkelheit fasziniert mich, deshalb liebe ich es, mit dem Licht zu experimentieren. Fotografie ist die Kunst, mit Licht und Schatten zu arbeiten.“ Seine Lippen bildeten ein schmales Lächeln. Ein unheimlicher Typ, dachte sie und erschauderte. Ihr Gastgeber war unwesentlich älter als sie, vielleicht um die dreißig, hatte pechschwarzes, langes Haar, das er zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er trug einen fein gestutzten Kinnbart. Der Blick seiner grünen Augen lag auf ihr, als wolle er sie abtasten. Sie sah sich in dem langen, schmalen Korridor um. An den Wänden hingen Fotografien in halterlosen Glasrahmen. Sie zeigten nackte Frauenkörper. Erotische Fotografie, sehr ästhetisch, meist in Schwarz-Weiß. Die Gesichter der Frauen blieben dem Betrachter verborgen – sie lagen entweder nicht im Bildbereich oder drehten dem Künstler den Rücken zu. Er beherrschte das Zusammenspiel von Licht und Schatten, verstand es, die Konturen des weiblichen Körpers vorteilhaft zu betonen, das erkannte sie auf den ersten Blick.

„Gefallen dir meine Arbeiten?“ Er war hinter sie getreten und folgte ihren Blicken. Sie bemerkte seinen Atem in ihrem Nacken und spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Unwillkürlich trat sie einen Schritt vor und nickte. „Allesamt Kunstwerke“, sagte Mandy bewundernd.

„Du wirst auch zu einem meiner … Kunstwerke“, erwiderte er und führte sie in eine Art Wohnzimmer. Ihr fiel auf, dass er anscheinend aus einem großen Raum mehrere kleine gemacht hatte. Hier brannten Kerzen. Die Einrichtung war einfach, aber geschmackvoll. Es gab eine bequeme Ledercouch, einen hölzernen Tisch davor, einen passenden Sessel, ein Regal mit Bildbänden und einen hochmodernen, sicherlich sündhaft teuren Fernseher, der fast eine ganze Wand des quadratischen Zimmers einnahm.

Sie blickte sich um. „Willst du … ich meine, wollen wir … hier?“

„Nein, die Fotos machen wir gleich drüben in meinem Atelier“, antwortete er lächelnd. „Ich dachte, wir trinken erst einmal etwas, um uns kennenzulernen. Um warm zu werden.“

„Einverstanden.“ Sie sank auf das Sofa. Der Saum ihres Kleides rutschte höher, und sie bemerkte sofort, dass er ihre Beine betrachtete. Schnell zupfte sie ihr Kleid zurecht und schlug die Beine übereinander.

„Du bist schön“, stellte er fest, bevor er in der Küche verschwand. „Leider ist meine Getränkeauswahl nicht sehr groß. Magst du Wein, Cola oder Whisky?“

„Dann gerne einen Whisky.“

„Geht klar“, antwortete er aus der Küche, die dem Wohnzimmer gegenüber lag. Sie hörte ihn mit Gläsern und einer Flasche hantieren, dann erschien er mit den Getränken im Wohnzimmer. Nachdem er ihr das Whiskyglas gereicht hatte, ließ er sich auf dem gegenüberliegenden Sessel nieder. Er hatte sich eine Cola mitgebracht. Schweigend tranken sie.

Mandy nahm einen tiefen Schluck und bemerkte, wie er sie über den Rand seines Glases hinweg betrachtete.

„Wer war das eben?“, brach er schließlich das Schweigen.

Mandy verstand nicht sofort und legte fragend den Kopf schräg. „Wer?“

„Der Mann, mit dem du gekommen bist. Ich habe gesehen, dass ein Mann den Wagen gefahren hat.“

„Ach das“, lachte sie und bemerkte, dass ihre Stimme aus einem ihr unbegreiflichen Grund zitterte. „Das war Tom, mein Freund.“

Clay nickte. „Ist er … seid ihr schon lange zusammen?“

„Seit vier Monaten.“ Das Thema war ihr unangenehm. Üblicherweise trennte sie Privat- und Geschäftsleben voneinander. Mandy trank schnell, vielleicht zu schnell, denn sie merkte schon die Wirkung des Alkohols.

„Ist er eifersüchtig?“ Der mysteriöse Fotograf betrachtete sie mit ernster Miene und drehte das Glas zwischen den Händen.

„Ziemlich, ja. Er mag es nicht, dass ich mich vor anderen Männern ausziehe, um mich fotografieren zu lassen.“

„Hast du jemals daran gedacht, ihn zu belügen?“

Mandy stutzte. Warum stellte er ihr diese Frage? Sie hatten sich im Internet kennengelernt. Er war ambitionierter Fotograf, und sie ein recht erfolgreiches Model. Bislang verdiente sie ihr Geld zwar fast ausschließlich mit Nacktfotos, aber bald schon, da war sie sicher, würde sich eine der großen Agenturen für sie interessieren. Das Modeln war ihr Job, nicht mehr und nicht weniger. Mandy nutzte jeden Auftrag, um in ihrer Karriere einen Schritt weiterzukommen. So hatte sie sich in mehreren Internetforen eingetragen, um an möglichst viele Aufträge zu gelangen. Eigentlich arbeitete sie in einem Drogeriemarkt, doch das war kein Job, in dem sie alt werden wollte, deshalb träumte sie von einer Karriere als Model. Und damit verdiente sie sich etwas dazu. Ganz nebenbei konnte sie sich so ausleben. Doch davon musste Tom nichts wissen. Sie sagte ihm noch lange nicht alles.

„Warum sollte ich ihn belügen? Er hat mich als Model kennengelernt und wusste vom ersten Tag an, was ich beruflich mache.“

„Hm.“ Clay nickte nachdenklich und erhob sich. Trat ans Fenster und blickte hinaus in die verschneite Nacht. „Ich habe euch vom Fenster aus beobachtet. Verzeih meine Direktheit: Sehr verliebt scheint ihr nicht zu sein.“

„Wie gesagt, er ist eifersüchtig.“ Mandy leerte ihr Glas. „Aber das ist sein Problem. Damit muss er klarkommen. Können wir jetzt mit der Arbeit anfangen?“ Sie wollte mit dem Job durch sein, bevor sich die Wirkung des Alkohols voll entfaltet hatte. Es erschien ihr unprofessionell, betrunken zu posieren. Bereits als sie sich erhob, spürte sie, dass ihre Knie weich wurden. Sie fühlte sich benommen, fast so, als hätte sie die ganze Whiskyflasche allein geleert. Was war nur los mit ihr?

Clay drehte sich zu ihr um. „Natürlich. Je früher, desto besser. Eins noch: Hast du ein Handy?“

„Natürlich.“

„Würde es dir etwas ausmachen, es abzuschalten? Diese Dinger klingeln in den unmöglichsten Situationen, und das kann bei der Arbeit sehr störend sein.“

„Klar – kein Problem.“ Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und schaltete es ab.

„Danke.“ Er lächelte höflich. „Ich geh schon mal nach nebenan, in mein Atelier. Zieh dich aus.“

Sie zögerte. „Dein Studio ist hier in deiner Wohnung?“

„Sag nicht Studio, das klingt so technisch. Fotografieren ist eine Kunst, deshalb nenne ich es mein Atelier.“

Es war beileibe nicht das erste Mal, dass sie Aktaufnahmen mit einem fremden Fotografen machte, aber irgendetwas war diesmal anders. Sie spürte es, aber sie reagierte nicht auf die Alarmglocken, die in ihr schrillten. Sie streifte sich das Kleid ab und stand in Unterwäsche und Strümpfen vor ihm.

„Die Nylons und die Stiefel kannst du anlassen, das passt zum Motto.“

„Was ist denn das Motto?“

„Fetisch“, erwiderte er kurz angebunden und verschwand aus dem Zimmer. In einem anderen Teil der Wohnung hörte sie ihn an der Ausrüstung herumhantieren. Zögernd legte sie ihre Kleider zusammen und folgte ihm.

Diesmal kam sie sich besonders nackt vor.

Ausgeliefert.

Klein und verletzlich. Dennoch versuchte sie, ihre Empfindungen zu unterdrücken, als sie sein Atelier betrat. Schließlich war das alles nur ein Job.


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Seit 1999 schreibt Andreas Schmidt Kriminalromane und Kurzgeschichten. Den Kontakt zu seinen Lesern sucht – und findet – er auf seinen Lesereisen, die ihn quer durch die Republik führen. Sein liebster Tatort: Die bergische Metropole Wuppertal!