Mord mit Fischgeschmack – Darina Lisles zehnter Fall

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Kapitel Eins

Eine klauenartige Hand griff über den Tisch. „Haben Sie Erdbeeren da, Liebes?“ Die Hand wühlte zwischen den Honig- und Marmeladenpäckchen herum. „Bei Scones tut es nur Erdbeere, finden Sie nicht?“

Heitere Augen blinzelten unter wie mit einem Stift gezogenen Bögen von Augenbrauen hervor. Das Haar hatte einen geschmackvollen Violett-Ton und war in steife Locken gedreht. Lange Ohrläppchen trugen riesige Ohrringe mit falschen Diamanten. Die konnten nicht echt sein, dachte Darina.

„Sind Sie schon früher mit der Empress of India gefahren?“ Die forschenden Finger fanden eine Packung der gewünschten Marmelade. „Ich glaube, das machen sie absichtlich, die mit Erdbeere zu verstecken, meine ich. Nur um einen zu testen. Alfredo!“ Die Hand winkte gebieterisch einem beschäftigten Kellner zu. Allerdings war er nicht zu beschäftigt, um beinahe umgehend zum Tisch herüber zu gleiten.

„Mrs. Carter, die Dame?“

„Wo verstecken Sie die mit Erdbeere, hm? Sie wissen, dass ich Erdbeere mag.“
„Haben Sie denn keine, die Dame?“ Der Keller blickte betont auf die Packung auf ihrem Teller.

„Natürlich habe ich welche, Alfredo, aber der Rest des Tisches nicht. Bringen Sie mehr Erdbeere.“

Eine leichte Neigung des Kopfes und ein schmales Lächeln, als sich zwei Blicke aus braunen Augen im perfekten Einverständnis trafen. Ein paar Minuten später wurde in einer anmutigen Zeremonie ein Teller mit Erdbeermarmeladen-Päckchen in der Mitte des Tisches platziert.

„Alfredo weiß, was ich mag“, sagte die Frau zufrieden. Sie zerteilte ihren Scone und bestrich ihn großzügig mit Butter und Marmelade.

„Dann haben Sie schon zuvor eine Kreuzfahrt auf diesem Schiff gemacht?“, vermutete William Pigram, Darinas Ehemann, höflich.

„Acht Mal.“ Das Scone verschwand mit enormer Geschwindigkeit in kleinen, wirkungsvollen Bissen. „Sobald George, er war mein Ehemann, sich zur Ruhe setzte, sagte er: ‚Enid, mein Mädchen, ich habe mich von der Hetze des Geschäfts verabschiedet, wir machen eine Kreuzfahrt.‘ Und das taten wir. Beim ersten Mal rund um die Welt, das hat einen Haufen Geld gekostet“, fügte sie hinzu.

„Auf diesem Schiff?“, fragte William.

„Nein, das war auf der Catriona, sehr viel größer. Die Empress haben wir erst kurz vor Georges Tod vor drei Jahren ausprobiert. Er hat sie geliebt und seitdem fahre ich mit ihr.“

„Wir lieben die Empress auch“, sagte eine stille Frau neben Enid von sich aus. „Das hier ist unsere vierte Fahrt.“ Sie lächelte den Mann an, der sie begleitete. Sie schienen mindestens siebzig zu sein, ein unscheinbares Paar, ordentlich, aber nicht modisch gekleidet.

„Wir sind William und Darina Pigram“, sagte Darina fröhlich zu den fünf Personen am Tisch.

Enid Carter hatte sich vorgestellt, als sie sich zu ihr gesetzt hatten. Jetzt räumte das unscheinbare Paar ein, dass sie Mary und Jim French aus den Midlands seien. „Jim macht in Fenstern“, sagte Mary.

„Fenster bis zum Boden“, stimmte Jim mit einem strahlenden Lächeln zu, das den Anschein der Bedeutungslosigkeit vertrieb. „Das habe ich zu meinem Werbespruch gemacht, aber wir machen alle möglichen Fenster. Wir sind Spezialisten für das Baugewerbe. Wobei ich jetzt mehr oder weniger im Ruhestand bin – die Söhne haben das Geschäft übernommen.“ Und ihm damit reichlich Freizeit verschafft, war die Schlussfolgerung.

„Auf welchen Schiffen haben Sie Kreuzfahrten gemacht?“, fragte Mary Darina.

„Ich fürchte, das ist unsere erste“, sagte sie mit einem Lächeln.

„Sie sind sehr jung“, sagte die andere Frau argwöhnisch. „Die nördlichen Häfen ziehen normalerweise keine jungen Leute an, die fahren eher in die Karibik oder ans Mittelmeer. Sie lieben die Sonne, wissen Sie.“

„Werden wir auf dieser Kreuzfahrt nicht die Mitternachtssonne sehen?“, fragte William. „Die interessiert mich.“

„Das hängt vom Wetter ab“, sagte Jim freundlich. „Aber die Chancen stehen gut, ziemlich gut.“ Das Pärchen, das als letztes am Tisch eingetroffen war, sagte nichts. Sie sahen aus wie Ende fünfzig, vielleicht Anfang sechzig. Sie waren stabil gebaut und hatten Gesichter, die eher fürs Lächeln gemacht waren, als ihren momentanen, düsteren Gesichtsausdruck. Während es Marys und Jims Kleidern an Stil fehlte, sahen ihre aus wie aus einem wohltätigen Second-Hand-Laden – der Mann in einem abgetragenen Cardigan über einem Hemd ohne Krawatte, die Frau trug ein schlecht gemachtes, ärmelloses Oberteil, dass die Aufmerksamkeit unvorteilhaft auf ihre schlaffen Oberarme lenkte.

Darina Lisle ermahnte sich, nicht gehässig zu sein. Es gab wichtigere Dinge im Leben, als sich um die aktuellste Mode Gedanken zu machen. Aber warum in aller Welt hatte sie sich so lange mit ihrer Garderobe für die Kreuzfahrt gequält? Sie sah sich im Raum um. Wie viele Passagiere könnten in einer Modezeitschrift auftauchen? Wo waren Glanz und Glamour, wie sie es sich vorgestellt hatte? War ihre Vorstellung einer Kreuzfahrt ein Rückblick in ein goldenes Zeitalter von Luxus und Muße gewesen, in dem wenige Passagiere große Summen zahlten und alle schick gekleidet und gesellschaftlich versiert waren? Die Wirklichkeit reichte wie so oft nicht an die fortschrittliche Werbung heran. Doch eine gespannte Erwartung brodelte in ihr. Eine Kreuzfahrt würde eine völlig neue Erfahrung sein.

Sie wollte dieses Pärchen fragen, warum sie zu Beginn von vierzehn Tagen des Vergnügens so unglücklich aussahen. Ihre wettergegerbten Gesichter erinnerten sie an die Bauern aus Somerset, die sie häufig getroffen hatte, als sie nicht weit entfernt von Taunton aufgewachsen war, und wo sie und William ein Jahr in dem Cottage nahe seiner ersten Polizeistation, ein paar Kilometer vor Frome, gelebt hatten.

Darina hatte mittlerweile völlig vergessen, dass sie das Schiff erkunden wollte und dass es William gewesen war, der dringend eine Tasse Kaffee trinken wollte und vorschlug, ob sie ihre Tour nicht im Restaurant beginnen könnten. Ein Kellner in einer roten Jacke hatte sie an einem großen Tisch bei Enid Carter platznehmen lassen. Die anderen waren umgehend dazugestoßen, waren aber einer Unterhaltung nicht zugetan gewesen.

„Warum mögen Sie dieses Schiff so sehr?“, fragte William, als die Unterhaltung drohte, zum Erliegen zu kommen.

„Oh, die Empress ist wunderschön!“, rief Enid. „All die hölzernen Vertäfelungen und die Messing-Armaturen. So traditionell. Und nur siebenhundert Passagiere, es ist wirklich gemütlich.“

„Heutzutage bauen sie richtige Monster“, seufzte Mary French, während Jim fröhlich nickte. „Von Bug bis Heck kilometerlang und mit so vielen Decks und Salons. Man kann jemanden am ersten Tag kennenlernen und für den Rest der Kreuzfahrt nicht mehr wiedersehen.“

Darina betrachtete den Bereich des Speisesaals, den sie von ihrer leicht erhöhten Position auf einer Plattform neben einer Reihe von Bullaugen aus einsehen konnte. Draußen hatte man einen großartigen Blick auf die Docks von Southampton, das Schiff sollte erst in etwa einer Stunde ablegen. Ja, das Schiff war wunderschön, aber würde es sie kümmern, diese Menschen nicht mehr wiederzusehen? Neben ihnen wirkten sie und William mit Mitte dreißig unmöglich jung. Doch wie oft musste man erste Eindrücke später korrigieren. Es mussten Menschen an Bord sein, mit denen sie gerne Zeit verbringen würden. Immerhin waren es nur zwei Wochen und sie hatte William dabei.

Als Darina ihrem Ehemann von dem Angebot einer kostenlosen Kreuzfahrt erzählt hatte, war es unerwartet aufwändig gewesen, ihn zum Mitkommen zu überreden. Zu viele Menschen, nicht sein Ding, und außerdem gäbe es zu viel Arbeit, hatte er gesagt.

„Wer will denn immer wegfahren und entspannen und sagt dann, dass ihn Strandurlaub langweilt?“, fragte Darina. „Wer mag denn Abwechslung, will viele Orte besuchen und liebt Essen? Komm schon, du hast die Urlaubstage und du wirst mit niemanden reden müssen.“

Irgendwann hatte er zugestimmt und bislang keine Abneigung gezeigt, sich mit den anderen Passagieren zu unterhalten. Hier waren sie gemeinsam auf einem Luxusliner, und zwei Wochen lang konnte sie Williams Gesellschaft ohne die Gefahr genießen, dass er weggerufen würde. Zwei Wochen, in denen er nichts zu tun hatte, außer zu genießen. Zwei Wochen, in denen er am Ende des Tages nicht erschöpft sein würde und sich mit seiner Ehefrau unterhalten könnte, ohne dass ihnen die Arbeit dazwischenkam. Es sei denn, die Arbeit, für die Darina angeworben wurde, stellte sich als zeitaufwändiger heraus, als ihr beschrieben worden war. Sie hoffte inständig, dass es nicht viel Zeit in Anspruch nehmen würde. William und sie brauchten diesen Freiraum in ihrem Leben.

Enid musterte Mary French mit offener Neugier. „Haben wir uns nicht schon einmal getroffen?“, fragte sie unvermittelt. „Waren Sie nicht vor drei Jahren auf der Empress of China? Die Kreuzfahrt zu den Schätzen des Mittelmeers?“

Mary wirkte überrascht. Sogar nervös. „Ich, ich glaube wir waren dort“, sagte sie.

Enid sah zufrieden aus. „Dachte ich mir. Ich vergesse nie ein Gesicht. War das nicht die Kreuzfahrt, auf der das Gerücht umging, wir hätten einen Pädophilen unter uns?“

Jetzt wirkte Mary beunruhigt. „Ich glaube nicht. Ich erinnere mich an nichts dergleichen.“ Sie blickte zu ihrem Ehemann. Er trank Tee und schien von der Unterhaltung nichts mitzubekommen.

„Das war kurz nach diesem scheußlichen Gerichtsverfahren. Erinnern Sie sich, eine Enkelin warf ihrem Großvater vor, sie sexuell belästigt zu haben? Es wurde nichts bewiesen, aber das war alles sehr erschütternd. Dann sagte jemand, er würde unter anderem Namen mit uns reisen. Bestimmt erinnern Sie sich.“

Mary schüttelte bestimmt den Kopf. „Das muss eine andere Fahrt gewesen sein“, sagte sie endgültig.

„Was gefällt Ihnen so gut an Kreuzfahrten?“, fragte William sie.

„Was uns an Kreuzfahrten gefällt?“, wiederholte Mary. Sie sah sich am Tisch um, als könnte jemand anderem eine gute Antwort einfallen.

„Wir kamen her, um von allem wegzukommen, geht es bei Kreuzfahrten nicht genau darum? Irgendwo zu sein, wo einen niemand erreichen kann, während man umsorgt wird und nicht nachdenken muss? Es ist eine Flucht.“ Ihre Stimme zitterte leicht. Ihr Ehemann sah noch missmutiger aus.

Sie hatte einen breiten, ländlichen Dialekt, der aus den östlichen Midlands, Cambridge oder Norfolk stammen musste, dachte Darina. „Sind Sie Landwirte?“, fragte sie freundlich.

„Ja“, sagte die Frau und schien dann zu begreifen, dass sie die einzigen waren, die sich noch nicht vorgestellt hatten.

„Joyce und Michael Harwood“, sagte sie. „Zumindest“, fügte sie abgehackt hinzu, während sie zu ihrem Ehemann blickte, „waren wir Landwirte.“

„Wir wurden aus dem Markt gedrängt“, sagte der Mann barsch.

Mit diesem Eindringen der hässlichen Realität fiel Schweigen über den Tisch.

„Das tut mir so leid“, sagte Darina mitfühlend. „Ich weiß, dass es in der Landwirtschaft zurzeit schwierig ist. Haben Sie Vieh gehalten? War es BSE?“

In diesem Augenblick warf ein junger Mann die mit einem Fenster versehene Tür zum Restaurant auf, er war Anfang zwanzig und trug eine Jeans und ein T-Shirt, auf dem der Schriftzug „Set my Willie Free“ prangte. Er war unsicher auf den Beinen, obwohl das Schiff noch am Dock lag, klammerte sich an das kleine Geländer am Fuß der schmalen Treppenflucht, die hinauf ins Hauptgeschoss des Speisesaals führte, und betrachtete die Anordnung von Tischen. „Man bekommt noch was“, trällerte er über seine Schulter, während er sich weiter am Geländer festhielt. Er hatte einen Schopf prächtiger, dunkler Locken, dunkle Augen und Wimpern, für die jede Frau morden würde. Dazu ein Gesicht, das mit der mächtigen Nase und dem Mund, der fast wie Amors Bogen aussah, eine seltsame Mischung aus machohaft und feminin ergab. Er sah eindrucksvoll aus, während er sich auf das Geländer schwang, um auf den Rest seiner Gruppe zu warten, und leise eine Melodie pfiff.

Enid Carter sah ihn an und die herbe Realität verschwand zum Bullauge hinaus. „Oh, meine verlorene Jugend! Noch einmal zwanzig sein und zusammen mit diesem jungen Mann auf einem Schiff festsitzen“, sagte sie lüstern. „Bordromanzen – jeder sollte eine haben. Was für ein Traumschiff!“ Ihre dunklen Augen leuchteten vor Freude.

Mary French sah ausgesprochen empört aus. „Meine Enkelin hält Leonardo DiCaprio für wunderschön, aber ist Aussehen wirklich alles?“, fragte sie tugendhaft und tätschelte ihrem düster dreinblickenden Ehemann die Hand.

Die Harwoods sagte nichts.

William seufzte. „Ich glaube, er steht unter Drogen“, flüsterte er Darina zu.

„Du bist hier nicht im Dienst“, sage sie bedeutungsvoll in gedämpftem Ton.

Hinter dem jungen Mann erschien jemand, der nur sein Vater sein konnte – dieselben dunklen Locken, dieselben dunklen Augen, das Gesicht derber, ohne die feminine Note, aber trotzdem sehr attraktiv. Seine Lippen allerdings bildeten eine dünne Linie der Missbilligung. Er packte seinen Sohn an der Achsel, führte seinen Mund dicht an sein Ohr und stieß Worte durch die zusammengebissenen Zähne, die nur eine Warnung sein konnten.

Stets aufmerksam, ließ der Oberkellner sie an einem nahen Tisch Platz nehmen, ehe sie auch nur Luft holen oder der Rest der Gruppe die schmale Treppe herabsteigen konnte. Als erstes kam eine kleine, schlanke Frau mittleren Alters mit schmalem Gesicht und wachsamem Blick. Alles an ihr war kontrolliert; ihre Kleidung sprach dafür, dass sie sich sorgfältig um alles kümmerte, von dem kleinen Tuch, das sie sich ordentlich um den Kragen ihres gewöhnlichen, cremefarbenen Pullovers gebunden hatte, bis zu ihrem gut geschnittenen, aber sehr einfachen, marineblauen Hosenanzug. Das einzige Auffallende an ihr war ihr Haar. Es war früh silbergrau geworden und lag in kurzen Strähnen an ihrem Kopf, in einem Stil, der jugendlich wirkte und ihr sehr gut stand. Sie hielt auf der Treppe inne und griff nach hinten, um etwas zu betonen, das sie zu der Frau hinter ihr gesagt hatte, wobei sie ihre wohlgeformte Hand auf den Arm der Anderen legte. Es war etwas Leichtes und Vertrautes an dieser Geste – wir sind Freundinnen, vermittelte sie.

Lachend, über was auch immer gesagt worden war, zeigte sich das letzte Mitglied der Gruppe von ihrer besten Seite. Ebenfalls in mittlerem Alter, aber elegant und selbstbewusst, war sie auffallend attraktiv. Sie war durchschnittlich groß und ihr wehendes, blondes Haar rahmte ein begehrenswertes Gesicht ein, während exzellent geschnittene Jeans und ein Pullover in passendem Blauton, der mit cremefarbenen Blüten bestickt war, ihre gute Figur zur Schau stellten.

Der ältere Mann erhob sich, als sie sich dem Tisch näherten und zog der Frau mit silbergrauem Haar einen Stuhl heraus. Sie lächelte ihn mit ihrem plötzlich strahlenden Gesicht an. Die andere Frau warf dem Mann ein diskretes Lächeln zu und ignorierte bewusst den Jüngeren. Er saß krumm und beleidigt auf seinem Stuhl, hatte den Kopf zurückgeworfen, während eine Hand auf der Tischdecke mit einem Messer spielte.

„Mein Gott“, sagte Enid Carter in ehrfurchtsvollem Ton. „Das ist die Lottogewinnerin!“

„Wirklich? Welche?“, fragte Darina, die sich immer für solche Informationshappen über ihre Mitmenschen interessierte.

„Die Grauhaarige. Ich habe alles über sie gelesen. Das sind ihr Ehemann und ihr Stiefsohn. Sie ist Wissenschaftlerin und wird die ganzen sieben Millionen Pfund der Forschung spenden!“ Enid schmunzelte düster. „Ich frage mich, was ihre Familie davon hält!“

 

Kapitel Zwei

Phil Burell, Assistent des Chefstewards und Lademeister auf der Empress of India, ließ sich mit einem erleichterten Seufzer in seinen Drehstuhl fallen. Er streckte die Arme aus und lockerte seine Schultern. Das Laden und Verstauen der Lebensmittelvorräte für eine zweiwöchige Kreuzfahrt zu beaufsichtigen war der schlimmste Teil seiner Arbeit. Aber das war jetzt geschafft uns sie befanden sich auf See. Er konnte bereits spüren, wie eine leichte Dünung das Schiff bewegte. Aber das würde die gewaltigen Vorräte nicht ins Rutschen bringen, die er den ganzen Tag lang hatte verladen lassen. Er gähnte ausgiebig und ging in Gedanken noch einmal alles durch, was sie erreicht hatten. Unter den Decks befanden sich genug Lebensmittel in einer Reihe großer Backskisten, um eine kleine Stadt durch eine mehrmonatige Belagerung zu bringen. Die Passagiere der Empress of India würden das Meiste davon in zwei Wochen verspeisen.

Das war eine beängstigende Aussicht. Bei jeder Kreuzfahrt kam Phil an diesem Punkt nicht umhin, mit der Vorstellung wohlgekleideter Schweine zu spielen, die sich um Designer-Tröge drängten und unter unersättlichem, freudigem Quieken einen nicht enden wollenden Schwall an Feinkost hinunterschlangen. Dann fühlte er sich schuldig. Das musste die Erschöpfung sein, sagte er sich jedes Mal. Passagiere waren wichtig. Eines Tages wäre er Chefsteward eines Schiffes und müsste im Restaurant an einem Tisch den Gastgeber spielen. Und die Passagiere an diesem Tisch würden von ihm erwarten, weltmännisch, liebenswürdig und charmant zu sein.

Die Aussicht war beängstigend. Phil wusste, dass er gute Arbeit machte. Vorausgesetzt er würde weiterhin hart arbeiten und es gäbe keine Unfälle, könnte er seinen Traum erreichen. Aber gesellschaftliches Geplauder war nicht seine Stärke.

Seine Ex-Frau Lizzie hatte gesagt, dass das Leben mit ihm wie ein Leben mit einem Buch in einer fremden Sprache sei. Man müsse sich sehr anstrengen, um irgendwelche Informationen herauszuziehen und man habe dabei keinen Spaß. Phil fand das lächerlich, wenn man bedachte, dass ihr Gesprächstalent nicht einmal einen Vierjährigen herausfordern konnte. Aber immerhin habe sie ihn wissen lassen, was sie dachte, hatte sie gesagt. Phil war häufig unter der Kraft ihrer Gefühle ins Wanken geraten.

Sie hätten nie heiraten sollen. Phil stellte fest, dass es eine Büro-Romanze gewesen war, umso intensiver, weil sie zusammen auf einem Schiff gewesen waren. Aber sie hatte all ihre Anziehungskraft verloren, als sie in einer offiziellen Beziehung gefangen waren. Es war eine solche Erleichterung gewesen, als die Scheidung endlich überstanden war.

War er dabei, denselben Fehler noch einmal zu begehen? Nein, definitiv nicht! Karen war alles, was er sich von einer Frau wünschen konnte: liebevoll, herzlich, lustig und sie besaß gesunden Menschenverstand. Sie schaffte es, dass er positiv von sich dachte. Später, wenn sie ihre Pflichten für den Abend hinter sich hatte, würde er sie suchen. Vielleicht war heute die Nacht, in der ihre Beziehung wirklich Fahrt aufnehmen würde.

Sein Eifer vermischte sich sofort mit Lampenfieber. Was, wenn er die Zeichen falsch interpretiert hatte? Wenn er doch nur gleich zu ihr gehen könnte, um das herauszufinden. Warten war die Hölle. Während er an einem Finger knabberte, rief Phil auf seinem Computer „Solitär“ auf und versuchte sich in den Feinheiten der Kartenzüge zu verlieren, um eine weitere der Patiencen zu lösen, die er für die befriedigendsten ihrer Art hielt. Es kam so viel mehr auf das eigene Können an als darauf, wie die Karten ausgelegt waren. Doch beinahe sofort merkte er, dass er einen falschen Zug gemacht hatte. Er nagte an seinen Knöcheln, während er den Bildschirm betrachtete und herauszufinden versuchte, wie er das Spiel noch retten konnte.

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich. „Haben Sie eine Minute?“, fragte sein Assistent Roger Coutts gutgelaunt.

„Sechzig Sekunden, ja“, sagte Phil, winkte Roger herein und klickte auf das Feld, dass das Spiel in ein Icon am unteren Rand seines Bildschirms verbannte. „Eine Sekunde mehr und ich brauche einen Schnaps. Eigentlich ist das gar keine schlechte Idee.“ Er griff in die unterste Schublade seines Schreibtisches und zog eine Flasche Whisky mit zwei Gläsern heraus. „Wollen Sie einen?“

„Und ob!“ Roger ließ sich in den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches fallen. „Ich bin ausgebrannt!“ Er strich sich mit einer Hand durch sein kurzes, blondes Haar. Roger hatte ein breites, offenes Gesicht, das immer fröhlich wirkte, doch Phil fand, dass er noch etwas Feinschliff brauchte, wenn er mit seiner Karriere vorankommen wollte. Phil schenkte großzügig ein, gab einen Schuss Wasser hinzu und reichte ein Glas hinüber.

„Dennoch, wir haben jetzt alles verstaut“, sagte Roger und trank mehr als die Hälfte seines Drinks in einem Zug.

„Sie können morgen früh Zeit am Computer verbringen und die Inventarliste auf den neuesten Stand bringen“, sagte Phil mit einem leichten Lächeln.

Roger betrachtete den Bildschirm auf Phils Schreibtisch und nickte niedergeschlagen. „Trinken Sie heute Abend einen mit uns?“

Phil schüttelte den Kopf. „Ich hau mich früh aufs Ohr“, verdrehte er die Tatsachen.

„Ach ja? So nennen Sie das also?“

Phil errötete leicht. Wenn es eine Sache gab, die ihn nicht kalt ließ, dann war es, dass alle an Bord eines Schiffes immer alles über alle anderen zu wissen schienen.

„Das können Sie nicht verstecken, wissen Sie?“, fügte Roger unnötigerweise hinzu. „Aber wenn der himmelhohe Harry davon erfährt, ist das Ihr Untergang, das ist Ihnen klar, oder?“

Der erste Offizier hatte diesen Spitznahmen erhalten, lange bevor Phil von der Empress of China auf dem Schwesternschiff, der Empress of India, angeheuert hatte. Er hatte nie herausgefunden, woher er kam, fand aber, dass er Harry Summers gut beschrieb. Viel zu verbissen darauf, eine große Nummer zu sein.

Phil grunzte etwas in sein Getränk. Dann beschloss er, dass er nichts zu verbergen hatte. „Ich schaue später vielleicht, ob Karen frei hat“, gab er zu.

Roger schenkte ihm ein breites Grinsen. „So wird was draus!“, sagte er ermutigend. „Wer nicht wagt, und so weiter. Das soll aber nicht heißen, dass Sie nicht wagemutig wären, nicht nach der letzten Fahrt.“

Phil füllte ihre Gläser wieder auf und sagte nichts. Er hatte keinen Bedarf, diesen kleinen Zwischenfall erneut zu erörtern. Er hatte zur Genüge unter den Konsequenzen gelitten und würde sich nicht auf eine Wiederholung einlassen.

Roger hob anerkennend sein Glas. Das bedeutete wohl, dass er aus Dank für den Drink mit der Stichelei fertig war. Mehr Whisky verschwand in seinem geräumigen Hals, dann griff er hinter den Computer. „Ich dachte, das könnte Sie interessieren. Hat meine Schwester geschickt, sie hat es extra für mich aufgehoben.“ Er zog eine sechs Wochen alte Ausgabe einer Boulevardzeitung hervor. „Das fiese, alte Ding, das sie ist. Sie hätte es zu einem unserer Häfen schicken können, aber sie spart das Porto lieber. Ich hatte nur Zeit für einen kurzen Blick, nachdem wir heute Morgen reinkamen.“ Er faltete die Zeitung auf und reichte Phil die innere Seite.

Lotteriegewinner wählt Kreuzfahrt, verkündete die Schlagzeile.

Phil ließ den Blick über den Artikel schweifen und pfiff. „Also ist eine Berühmtheit mit uns an Bord, ja? Ich beneide Sie nicht um die Mitläufer, die versuchen werden, kostenlosen Champagner abzustauben, wenn sie bemerken, dass sich eine Millionärin unter ihnen befindet.“

„Klingt als wären Mitläufer schnell abgefertigt“, sagte Roger träge und leerte sein Glas. „Na ja, ich genehmige mir ein bisschen Entspannung, ehe ich in die Heia gehe. Danke für den Grog.“ Er verschwand zur Tür hinaus.

Phil hörte kaum, dass er ging. Seine Aufmerksamkeit war auf die Zeitung geheftet. Er vergaß völlig, seinen Computer auszuschalten, während sich die Puzzleteile zusammenfügten und er verstand, wer die Lottogewinnerin war. Entsetzen überflutete ihn, als er in Erinnerungen versank.

Er saß da und starrte auf den Artikel. Hatte ihn die Vergangenheit wirklich eingeholt?

 

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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie leitete Kochkurse, schrieb nebenbei regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne.