Mein Leben mit Anna von Ikea – Junggesellenabschied

Es hat schon mancher seine Ehe bereut – den Junggesellenabschied jedoch nur sehr wenige.

Unbekannt, kennt aber offensichtlich nicht Matthias Käfer

 

1

 

Ich blicke auf vier nackte Brüste.

Obwohl ich gerade aufgewacht bin und mein Kopf sich anfühlt, als befände sich darin ein aktives Braunkohleabbaugebiet, weiß ich ganz bestimmt, dass meine Verlobte Anna keine vier, sondern nur zwei Brüste hat.

Nein, ich sehe nicht doppelt, auch wenn neben mir zwei nackte Frauen schlafen, die aussehen wie Zwillingsschwestern.

Wie asiatische Zwillingsschwestern, um genau zu sein. Aber ich sehe das Bett nur einmal, und auch alles andere in diesem riesigen Raum.

Er ist vollgestellt mit irgendwelchen afrikanischen Holzfiguren, zwei Schaufensterpuppen, die mit Graffiti beschmiert sind und einem Pappaufsteller von George Clooney, an dessen Ohr ein Hamster knabbert. Rechts und links davon stehen ein paar ausgeschaltete Scheinwerfer, dahinter liegt ein großer Kühlschrank auf dem Boden, die Innenseite aufgeklappt.

Ich reibe mir die Augen, blicke an mir herab und stelle erstaunt fest, dass ich nackt bin. Irritiert schaue ich wieder zu den beiden schlafenden asiatischen Zwillingen; ihr Unterkörper ist von einer roten Decke verhüllt. Neben ihnen liegen mehrere benutzte Kondome. Sofort muss ich an das Versprechen denken, welches ich Anna gegeben habe.

Ich habe geschworen, ihr immer treu zu sein.

Ich richte mich auf und merke sofort, dass mir nicht nur der Schädel, sondern auch mein Hintern wehtut.

Erinnerungsfetzen ziehen vorüber, hastig lupfe ich die Decke über den Unterkörpern der Zwillinge.

»Verdammte Hamsterkacke!« Schnell ziehe ich die Decke wieder zurück.

Im nächsten Moment knarrt die Tür, sie wird aufgerissen und ein mir völlig unbekannter Mann torkelt volltrunken in das Zimmer. Er trägt eine blonde Fönfrisur, die aussieht wie ein aufgeplatztes Sofakissen. Schließlich bleibt er vor dem offenen, umgekippten Kühlschrank stehen und kotzt ansatzlos in das Gemüsefach.

Dann erst sieht er mich, wischt sich den Mund ab und hebt den Arm zum Gruß, als sei er die englische Königin. »War eine geile Party, oder?« Er torkelt zu mir und reicht mir einen zerknüllten Zettel. »Das ist die Kopie, die du … hicks … haben wolltest.«

Ich reibe mir die Stirn, hinter der immer noch alles dröhnt. »Kopie von was?«

Der blonde Mann mit der Sofakissenfrisur schwankt noch ein wenig herum, bevor er endlich antwortet. »Von dem Brief, den du gestern Abend … hicks … geschrieben hast.«

Ich falte den Zettel auseinander, die krakelige Schrift kenne ich nur zu gut. Es ist meine.

 

Liebe Alexa,

Du bist die Frau meines Lebens!

Bevor ich dich kennengelernt habe, wusste ich gar nicht, was Liebe ist. Alle anderen Frauen verblassen neben Dir.

Was immer auch passiert, eines darfst du nie vergessen:

Ich liebe Dich.

Dein Matthias

 

Geschockt starre ich auf den Namen in der obersten Zeile. »Alexa?«, rufe ich.

»Hallo, Matthias«, antwortet eine Frauenstimme. »Soll ich dir noch mal den Maiskolben grillen, du böser Delfin?«

 

 

 

 

 

24 Stunden früher

 

 

Viele Häschen sind des Junggesellen Tod.

Kuno Klaboschke, deutscher Gebrauchsphilosoph.

 

2

 

Diese verdammte Schnake hat mich schon in der Nacht genervt, doch anstatt sich im Schlafzimmer mit prallgefülltem Bauch auszuruhen, schwirrt sie jetzt auch noch in der Küche um uns herum.

Ich blicke ihr missmutig nach, Anna ignoriert sie und der Ober-Öko Morten hat sie wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt, denn sie ist kein Wal, den er retten könnte. »Warum feiert ihr schon euren Junggesellenabschied, wenn ihr noch nicht mal den Hochzeitstermin kennt?«, fragt er, richtet seinen grauen Pferdeschwanz und rollt seine Bibel zusammen, also das Greenpeace Magazin.

Morten ist der beste Freund von Anna, arbeitet bei Greenpeace als Aktivist und ist das wandelnde Weltgewissen.

Jedenfalls, wenn es um Anna und mich geht.

Plötzlich zischt es und das zusammengerollte Greenpeace Magazin knallt so laut auf unseren Küchentisch, dass ich hochschrecke.

»Morten!«, ruft Anna.

»Damit rechnet keine Schnake.« Morten lächelt triumphierend und entsorgt sie ökologisch korrekt im Bio-Abfall. »Es mag hinterhältig sein, aber es ist effizient.«

»Schnaken können nicht lesen«, widerspreche ich. »Es ist ihnen ziemlich egal, ob du sie mit der AUTO BILD oder dem Greenpeace Magazin erschlägst.«

Morten zuckt mit den Schultern und deutet auf das Rückcover. »Ich hab sie jedenfalls erwischt.« Er beißt in sein Stückchen Tigerkaka – also Marmorkuchen – und lächelt. »Wer sich immer nur total korrekt verhält, wird irgendwann verrückt. Mückenjagd ist meine Art des Frustabbaus.« Er bemerkt unseren irritierten Blick und zuckt entschuldigend mit den Schultern. »Außerdem hat diese Mückenplage, die Schweden jeden Sommer heimsucht, ihre natürliche Ausprägung weit überschritten.«

»Es ist Mitte März«, sage ich. »Kalendarisch ist das nicht mal Frühling.«

»Ich sag ja, die Mückenplage hat ihre natürliche Ausprägung überschritten.« Morten winkt ab, mustert Anna und mich. »Jetzt aber wieder zu euch. Findet ihr das eine gute Idee mit dem Junggesellenabschied? Das ist doch wieder so eine Tradition, die aus den USA kommt. In Deutschland und in Schweden feiert man eigentlich Polterabend am Vorabend der Hochzeit.«

»Und zerbricht dabei Kloschüsseln im Vorgarten der Braut«, sage ich. »Das wäre mir ja vielleicht egal, wenn wir nicht schon zusammenwohnen würden.« Ich grinse, doch niemand lacht.

»Das war ein Scherz«, erkläre ich schnell. »Die Eheleute müssen das ganze Porzellan ohnehin gemeinsam beseitigen, als erste Prüfung.« Ich blicke Morten an. »Aber denk doch mal an die Umweltfolgen.«

Morten seufzt. »In allem was ich tue, denke ich ständig an die Umweltfolgen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mir das auf den Sack geht.«

»Dann genieß den Junggesellenabschied doch einfach«, sage ich. »Du bist schließlich auch eingeladen.«

»Aber warum ist alles so kurzfristig?« Morten schaut uns fragend an. »Ich habe erst vor einer Woche die Einladung bekommen.« Er deutet auf seine Uhr. »Und in einer halben Stunde geht es schon los.«

»Ist es echt schon so spät?« Gestresst blicke ich auf mein Handy. Warum hat sich die verdammte Hamstersitterin noch nicht gemeldet?

»Also ich weiß schon seit über einem Monat, dass wir dieses Wochenende wegfliegen«, antwortet Anna. »Meine Trauzeugin Isabella hat sich tierisch ins Zeug gelegt.«

Morten seufzt. »Will sie jetzt kompensieren, dass sie dich fünfzehn Jahre nicht gesehen hat?«

»Sie ist nun mal in die USA ausgewandert«, entgegnet Anna. »Aber sie war sofort Feuer und Flamme und hat alles organisiert.«

»Mein Chef Kemal hat ein wenig Anlaufzeit gebraucht«, antworte ich. »Aber jetzt ist alles vorbereitet, oder?«

Morten nickt vorsichtig. »Ich verstehe immer noch nicht, dass dein Chef deinen Junggesellenabschied plant.«

»Er ist auch mein Freund«, antworte ich. »Außerdem kümmert er sich besser um meinen Junggesellenabschied, als dass er wieder irgendein Produkt erfindet, das am Ende niemand braucht. Ich sag nur: Dönereis.«

»Und wo fliegt ihr hin?«, fragt Morten und schaut Anna an. Klar, wo wir Männer hinfliegen, weiß er schließlich.

Im Gegensatz zu mir.

»Ich habe keine Ahnung.« Anna lächelt gespannt. »Ich weiß nur, dass wir morgen Abend gegen achtzehn Uhr wieder in Göteborg landen, eine Viertelstunde vor euch. Wenn alles klappt, sehen wir uns in nicht mal sechsunddreißig Stunden am Flughafen wieder.« Anna blickt mich verliebt an und ich gebe ihr einen Kuss.

Ich habe Anna in meiner alten Heimat bei IKEA kennengelernt. Nach einigen Verwechslungen mit der virtuellen Assistentin Anna von IKEA, sind wir schließlich ein Paar geworden, ich bin von Ludwigshafen-Oggersheim in die Göteborger Altstadt gezogen und habe Anna an Weihnachten einen Heiratsantrag gemacht.

Den sie freudestrahlend angenommen hat.

Vorher ist es zwar zu ein paar Komplikationen und Missverständnissen gekommen, aber die sind jetzt alle Geschichte.

Ich muss wieder an Weihnachten denken, es war wirklich schön, aber arschkalt.

Schweden eben.

Außerdem habe ich an Weihnachten noch George Clooney den Zweiten geschenkt bekommen, einen Hamster, der friedlich in der Wühlecke seines Indoorspielplatzes schläft. Den habe ich ihm eigenhändig gebaut. Und zwar ohne das Holz abzufackeln, an der falschen Stelle zu zersägen oder sonst etwas kaputt zu machen.

Okay, ich hab mit dem Hammer dreimal auf meinen Finger, statt auf den Nagel gehauen, aber für jemanden wie mich, der ein mehrfaches Diplom in Schusseligkeit besitzt, war der Bau des Hamsterspielplatzes eine Meisterleistung.

»Und wo fliegen wir hin?«, frage ich Morten. Hier herrscht immer noch tiefster Winter, schließlich ist März. Heute Morgen habe ich gesehen, wie ein Schneeglöckchen seinen Kopf aus dem Eis gereckt hat und sofort von der Kälte massakriert wurde.

Okay, kann auch sein, dass ich das geträumt hab, weil Anna mir in der Nacht manchmal die Decke wegzieht, aber ich hoffe inständig, dass wir in die Sonne fliegen.

Also nicht direkt in die Sonne, Mallorca würde mir schon reichen.

»Du weißt doch, ich musste hoch und heilig versprechen, nichts zu verraten«, sagt Morten. »Davon abgesehen war ich schon fast überall auf der Welt, aber an dem Ort noch nie. Also lasse ich mich genauso überraschen wie du.«


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Thomas Kowa ist Autor, Poetry-Slammer, Musikpro- duzent und manchmal Weltreisender. Wahrend in seinen Thrillern fleißig gestorben werden darf, ist es ihm in seinen absurd-komischen Romanen trotz mehrfacher Versuche noch nicht gelungen, jemanden umzubringen.
In seiner erfolgreichen Thriller-Trilogie REMEXAN, REDUX und REAKTOR ermittelt der charismatische Kommissar Erik Lindberg gemeinsam mit seinem Team. Drei packende, für sich stehende, aber doch miteinander verwobene Fälle, die in Basel auf ihre Auflösung warten.