Glitzer im Kopf

1

Am Tag vor ihrer Hochzeit war Sofia Fitz geplagt von Liebeskummer, und sie hasste sich dafür. Was war sie doch für ein dummes Ding. Verliebte sich in einen anderen, obwohl ihr Verlobter der wohl wunderbarste Mann dieser Welt war. Himmelhoch jauchzend hätte sie diesen Tag verbringen sollen!

Stattdessen dümpelte Sofia an diesem Morgen in trüber Stimmung herum und zog sich die Decke über den Kopf. Auf gar keinen Fall würde sie ihrem bescheuerten Herzen nachgeben. Oder gar demjenigen, nach dem es sich sehnte. Es hatte sich ausgeschwankt! Gerade um diese Zeit würde bereits eine Armada von Floristen die Location mit Tausenden weißen Rosen schmücken. Die Gäste hatten schon vor Wochen ihr Fisch-oder-Fleisch-Kreuzchen gesetzt, die Band stimmte wahrscheinlich schon ihre Instrumente und ihr maßgeschneidertes Hochzeitskleid hing bereit, um alle Gäste zum Staunen zu bringen.

Nein! Sofia Fitz würde morgen heiraten und somit der Ära der Verwirrung und Verirrung ein Ende setzen. Jawohl!

Beflügelt von diesem mutigen Gedanken schwang Sofia die Beine aus dem Bett und trat an das Fenster heran. Der Anblick des blauen Himmels über ihrem Garten weckte in ihr zumindest den leisen Wunsch, den heutigen Tag doch nicht im Bett zu verbringen. Sie liebte die Aussicht auf dieses Fleckchen Grün.

Genau wie David fühlte Sofia sich der Natur verbunden – aber keine zehn Pferde würden sie in ein verdammtes Zelt auf eine Gummimatte bekommen! Das überließ sie dann doch lieber dem Sonnyboy, der sich aus Mücken in seinem Müsli nichts machte. Antonio war da schon eher Sofias Meinung. Auch der nächtigte lieber in einem Luxushotel als unter dem nackten Sternenhimmel.

Sie verwünschte beide Männer in ihrem Kopf, ging ins Badezimmer und richtete sich für den Tag her. Nachdem Make-up, Outfit und eine ganze Weile später auch die Frisur saßen, stieg Sofia die Treppen hinab in die Küche.

Ihr Verlobter war bereits bei der Arbeit und sie hatte den Tag wie üblich zur freien Verfügung. Auf dem Programm standen ein Spray-Tan, ein Friseurbesuch sowie Maniküre und Pediküre. Der Tag konnte also einfach nur wunderbar werden und würde sie sicher von den Aufregungen der letzten Tage ablenken. Nur kurz dachte sie an den hässlichen Streit auf ihrer Verlobungsparty mitten im Schnee. Ein Glück, dass sie sich dabei keine Blasenentzündung zugezogen hatte. Das hätte nun gerade noch gefehlt! Andererseits hätte der physische Schmerz sie womöglich von ihrem zerrissenen Herzen abgelenkt …

„Du bist heute nicht bei der Sache, Schätzchen.“ Diesel, ihr winziger irokesischer Friseur, schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ein volles Glas Champagner für meine Lieblingskundin, und zwar vite, vite!“

Eilig hastete die blutjunge Assistentin mit einem kleinen Tablett heran. Diesel war zuckersüß zu seiner Kundschaft, zu seinen Bediensteten nicht unbedingt. Sein Salon aber war die beste Adresse der Stadt und die Arbeit dort eine hervorragende Schule für Mädchen wie die kleine Vanessa, die Sofia gerade ein Glas befüllte.

„Und nun husch, husch“, scheuchte Diesel das arme Ding davon. „Schau zu, wie Leylani ihre Blondierung anmischt. Da kannst du wirklich noch was lernen, ma petite.“

„Musst du so gemein zu ihnen sein?“, fragte Sofia und schüttelte belustigt den Kopf.

Diesel seufzte theatralisch. „Schätzchen, die Welt da draußen ist kein Ponyhof. Was denkst du, wie ich hierhergekommen bin?“

„Deine Eltern haben dir den Salon gekauft“, gab Sofia zurück und prustete beim Anblick seiner Schnute beinahe ihren Champagner über den Spiegel.

„Sofia!“ Diesel fuchtelte bedrohlich mit dem Glätteisen herum. „Gut. Ja, meine Alten haben mir die Bude gekauft. Aber das Handwerk, das habe ich buchstäblich auf der Straße gelernt! Denkst du, ich habe mich durchbeißen können, weil alle nett zu mir waren? Nein! Ich habe es allein geschafft, weil ich genau wusste, was ich wollte.“

Sofia schwieg. Das hatte gesessen, und sofort dachte sie an sich selbst. Wusste sie, was sie wollte? Andererseits – wenn der winzige Diesel es in dieser großen Welt geschafft hatte, dann würde auch Sofia Fitz ihr Ding durchziehen können.

Sofia verließ den Salon beschwingt und mit fliegenden Fahnen. Diesel hatte so was von recht! Wenn man weiß, was man will, muss man alles daransetzen, es auch zu erreichen. Und sie hatte schon immer Ehefrau werden wollen.

Am Nachmittag besuchte sie ihre beste Freundin Tina Hoffmann in deren Kosmetiksalon. So konnten sie jede Woche Zeit miteinander verbringen, ohne sich den Abend freischaufeln zu müssen.

„Wo ist mein Süßkeks?“, dröhnte es aus dem fliederfarbenen Flur. Der Stimme folgte eine weiblich gebaute Frau Ende vierzig, deren schwarze Krause zu jedem ihrer energischen Schritte auf und ab wippte. Sofia sagte immer, Tina sei der kompetenteste Mensch, den sie kenne. Dieser Frau hätte sie auch die Steuerung einer Rakete anvertraut – ohne eine einzige Flugstunde.

„Hallo, mein Liebling!“, rief Sofia lächelnd und ließ sich in eine Wolke von Tinas pudrigem Duft einhüllen. Sie verströmte seit jeher einen Hauch von blumigem Parfum, vermischt mit dem Aroma der Räucherstäbchen in ihrem Büro und Handdesinfektionsmittel.

Tinas Salon war ein exklusives Schmuckstück in einem alten Backsteingebäude. Sie hatte aus den ursprünglich industriell anmutenden Räumen eine in Weiß und Flieder gehaltene, taghelle Oase geschaffen, in der die verwöhntesten Damen der ganzen Stadt die Verantwortung für ihr taufrisches Aussehen in äußerst vertrauenswürdige Hände legten.

„Komm, wir gehen nach hinten.“ Tina schob Sofia den Gang hinunter bis zum Pediküre-Raum. Dieser nahm die gesamte Rückseite des Salons ein und erinnerte mit seinen Mosaikfliesen, den Steinbecken im Boden und den Baldachinen über den Badewannen an eine Szene aus Tausendundeiner Nacht. An der Wand zur Rechten standen gemütliche, aufwändig gearbeitete Sessel vor den Pedikürebecken und geradeaus lag die Fensterfront, durch die man einen entspannenden Blick in den grün bewachsenen Hinterhof genießen konnte. Zur Linken befand sich der Durchgang zu zwei ausladenden Badewannen, in denen die Kunden Schlamm-, Milch- und Ölbäder allein oder auch zu zweit genießen konnten. Dort lagen auch die Massagekabinen, von denen Sofia jede einzelne kannte.

„Hallo“, grüßte Sofia die beiden Damen, deren frisch lackierte Zehennägel bereits von zwei Angestellten auf Hochglanz poliert wurden. Sie grüßten höflich zurück und taxierten Sofia mit demselben schnellen Scan, den auch sie bei anderen durchführte. Frisur, Outfit, Accessoires.

Haute Couture.

„Willst du etwas essen?“, wollte Tina wissen und ließ warmes Wasser in eins der Fußbecken ein.

„Nein, danke.“

„Dann vielleicht was trinken? Gurkenwasser? Oder einen Spritz?“

„Oh, ein Spritz wäre fein“, rief Sofia und streifte sich die Pumps von den Füßen.

Tina ging zur Sprechanlage und bellte einige Befehle ins Mikrofon. Mit dem Getränk kam auch ein junges Mädchen in den Raum, um sich an Sofias Maniküre zu begeben.

„Und, wie geht es dir so vor dem großen Tag?“, fragte Tina, während sie ein Wattepad in Stücke riss und mit Nagellackentferner tränkte.

„Ach ja …“ Sofia seufzte und blickte sich verstohlen um. Dann raunte sie: „Das kann ich doch hier nicht so offen erzählen.“

Tinas Löckchen wippten lustig auf und ab, als sie nickte. „Verstehe, verstehe. Dann sag mir nur: Hat er sich noch mal gemeldet?“

„Nein“, wisperte Sofia und nahm einen großen Schluck Spritz. „Das habe ich aber auch nicht erwartet.“

„Und wie geht es dir damit?“

Sofia war versucht, ihrer Freundin ihr Herz auszuschütten und zu gestehen, wie verletzt sie war. Doch dann dachte sie an Diesel und seine flammenden Worte über Zielstrebigkeit. Sie war fast am Ziel. Nur ein Verlierer hätte so kurz vor der Linie das Handtuch geworfen.

„Gut“, sagte sie daher mit fester Stimme. „Ich habe eine Entscheidung getroffen und ich freue mich wahnsinnig auf morgen.“

Überrascht blickte Tina von ihren Zehen auf. „Ach, echt?“, fragte sie verblüfft.

„Echt.“ Sofia nickte bestimmt und deutete dann auf die Farbpalette der Schellacke. „Heute hätte ich gern Grau, an Händen und Füßen.“

Tina schien für den Rest des Termins in Gedanken versunken. Sie plauderten über Belanglosigkeiten, Sofia bekam einen zweiten Spritz und die tuschelnden Damen neben ihr verabschiedeten sich, bevor der Lack auf Sofias Nägeln getrocknet war.

„Mira, du kannst dann gehen“, sagte Tina zu dem Mädchen, das Sofias Nägel wirklich sorgfältig lackiert hatte. „Hast du super gemacht“, fügte sie hinzu und kniff wohlwollend die Augen zusammen.

Mira trollte sich und nahm umsichtig auch das leere Glas mit hinaus.

„Und jetzt sag mir die volle Wahrheit“, hob Tina an, nachdem die Tür geschlossen war. „Was geht da bei euch ab?“

„Nichts“, antwortete Sofia defensiv und sah unsicher zur Seite.

„Süße, ich will dich doch nicht angreifen oder so. Aber dieser Zoff auf deiner Party mit ihm! Draußen im Schnee, in verdammten Riemchenpumps. Du warst total neben der Kappe. Bist du dir ganz sicher, dass du das morgen durchziehen willst?“

„Ja“, murrte sie unwillig. „Sonst würde ich doch wohl nicht hier sitzen und mich hübsch machen lassen. Ich habe mir das genau überlegt.“ Sie atmete tief durch und fügte hinzu: „Ich weiß genau, was ich will. Und das schon mein ganzes Leben lang. Ich werde heiraten und Ehefrau sein.“

Tina seufzte und begann mit der Pediküre. Etwas so Persönliches hätte sie niemals einer Fremden überlassen. „Dagegen ist ja überhaupt nichts einzuwenden. Aber jemand, dem das Heiraten so wichtig ist wie dir, der will doch auch nur einmal im Leben heiraten. Oder?“

„Was soll das denn bitte heißen?“, erzürnte sich Sofia. Allmählich machte sie dieses Kreuzverhör wütend. „Ich bin kein kleines Kind, okay? Ja, ich habe auf dem Weg ein bisschen geschwankt, aber das tun doch alle. Die Ehe ist eine mordsmäßige Verpflichtung! Aber ich will das so.“ Sie verschränkte die Arme und funkelte Tina beleidigt an.

„Maus, du musst es selbst wissen. Es ist dein Leben. Ich will ja nur …“

„Ich weiß“, unterbrach Sofia ihre Freundin. „Und ich danke dir. Aber ich kann solche Reden über Zweifel jetzt absolut nicht gebrauchen.“

„Ich verstehe. Entschuldige bitte.“

Damit war das Thema erledigt. Sofia nickte und betrachtete ihre betongrau glänzenden Nägel. „Sehr schön“, konstatierte sie und hielt die Hand prüfend ins Licht.

Sie herzten sich zum Abschied und Tina küsste ihre blonde Freundin auf die Wange. „Wenn doch etwas sein sollte, egal was: Ich bin an deiner Seite.“

Sofia drückte sie noch fester. „Ich weiß. Danke, mein Schatz.“

 

2

Am Morgen der Hochzeit hing der Himmel bleigrau und schwer über den Hügeln. Sofia hatte es schon immer geliebt, in die Wolken zu schauen, und es störte sie nicht, dass diese sich heute von ihrer dunklen Seite zeigten. Im Gegenteil. Dass das Wetter fortfuhr wie gewohnt, verschaffte ihr angesichts des aufrührenden Tages ein wenig willkommene Normalität. Bald würde der Regen in einem grauen Schleier über den tiefgrünen Hügeln niedergehen.

Sofia stand an einem der hohen Fenster, die sich über die gesamte Breite des Wohnzimmers ihrer zukünftigen Schwiegereltern zogen. Sie blickte in die bleiernen Wolken, ohne in Gedanken zu versinken. An ein Abschweifen war auch kaum zu denken, während die Brautjungfern unentwegt auf ihren Rücken einredeten …

„Lass mich doch noch einmal dein Make-up kontrollieren, Mäuschen“, rief ihre Stiefmutter Maria in diesem Moment lauter als alle anderen.

Sie wandte sich um und ihr Herz füllte sich mit Dankbarkeit. In diesem Raum waren ihre engsten weiblichen Vertrauten versammelt. Wie Schneeflocken hatten sie sich auf verschiedenen Möbelstücken niedergelassen und waren allesamt aufgeregter als Sofia selbst.

„Du hast doch eben erst meine Stirn nachgepudert, Maria, und Nita hat meine Frisur zum x-ten Male einbetoniert. Es riecht hier immer noch nach Haarspray, als wären wir backstage bei einer Modenschau“, protestierte die Braut.

„Natürlich, aber sicher ist sicher. Ich möchte doch nur, dass du dir auf den Fotos später auch gefällst“, gab Maria Fitz zurück. Sie war seit über fünfzehn Jahren mit Sofias Vater verheiratet, der kurz nach dem zweiten Geburtstag seiner Tochter verwitwet war.

„Man heiratet schließlich nur einmal im Leben“, warf ihre zukünftige Schwiegermutter mit einem rauen Lachen ein.

Sofia bemühte sich um ein zuversichtliches Lächeln. „Das habe ich vor. Aber bevor es losgeht, wäre ich gern noch einen Moment allein. Seid mir bitte nicht böse.“

„Natürlich, mein Schatz.“ Die Stiefmutter lächelte breit und hauchte ihr einen Kuss zu. „Aber verheule mir ja nicht diesen perfekten Lidstrich, bevor du an den Altar trittst.“

Sofia erwiderte das Lächeln. Wie sehr sie diese Frau doch mochte. Sie hatte sie vom ersten Tag an warmherzig und liebevoll behandelt und war ihr wie die Mutter gewesen, an die Sofia sich nicht mehr erinnern konnte.

Die Brautjungfern winkten ihr freudig zum Abschied und bummelten schwatzend hinter den beiden Frauen aus dem Raum. Währenddessen hatte Sofia Gelegenheit, ihre Vertrauten genau zu betrachten. Sie war immer noch hoch zufrieden mit ihrer Idee, für alle Gäste den Dresscode Weiß vorzugeben, während der Bräutigam und sie in Schwarz vor den Altar traten.

„So muss niemand überlegen, was er anziehen darf. Und ich wollte schon immer eine pompöse schwarze Robe tragen, wie ein Filmstar“, hatte sie zu ihm gesagt. Er war sofort einverstanden gewesen und hatte ihr diesen schwer verliebten Blick zugeworfen, der sie jedes Mal aufs Neue in seinen Bann zog.

„Ich liebe es, dass du mich immer wieder mit deinen kleinen Verrücktheiten überraschen kannst“, hatte er geflüstert, seine Hand in ihrem Haar vergraben und sie geküsst. „Ehrlich. Du bist so was von überhaupt nicht langweilig.“

Sofia erinnerte sich noch genau, wie sie während des anschließenden Sex daran gezweifelt hatte, dass das ein echtes Kompliment gewesen war.

Mit einem leisen Klicken schloss sich die schwere Holztür hinter den Frauen und augenblicklich kehrte Ruhe ein. Sofia griff nach der Schleppe ihres traumhaften Kleides. Ihr Magen fühlte sich schrecklich leer an, wie immer in den letzten zehn Wochen. Sie hatte sich einer strengen Diät unterworfen, um auf den Fotos des heutigen Tages bis in alle Ewigkeit makellos auszusehen. Eine wahre Tortur für eine Frau, deren Lieblingsmahlzeit hausgemachte Lasagne war (am besten üppig mit Käse überbacken).

Seufzend und zugleich steif wie eine Kleiderpuppe sank Sofia auf die Chaiselongue nahe der Fensterfront. Trotz ihrer Diät und des qualvollen Trainings im Fitnesscenter war die herrliche Robe dann doch nur eine Größe 36 geworden, in die sie nach all ihren Mühen haargenau hineinpasste, anstatt darin unterzugehen.

Kurz verlor sich ihr Blick in der Schönheit der Hügel im tanzenden Regen, dann griff Sofia nach ihrem Handy. Eine Nachricht war eingegangen.

Guten Morgen. Sieht so aus, als ziehst du es wirklich durch. Wünsche dir alles Gute, kleiner Pfirsich.

Ihr Herz zog sich zusammen. Kleiner Pfirsich.

Dieser Mann war ein wunderbarer Freund. Konnte man so jemanden nennen, der in eine Frau verliebt war und sich mit ihrer Freundschaft zufriedengab?

Ja, beschloss sie, das kann man.

Er war in den letzten Jahren stets für sie da und dabei immer ehrlich und integer gewesen. Ein Freund, der es von Herzen gut mit ihr meinte.

Sofia war es seit jeher leichtgefallen, Freunde zu finden, denn sie war stets gut aufgelegt. Das Konfetti auf jedem Fest, der heiße Kakao bei schlechter Laune. Die wenigsten bemerkten, dass sie bloß an der Oberfläche der schönen Blondine kratzten, ohne ihr wirklich unter die Haut zu gehen. Sofia hatte ein gutes Herz, das jedoch seit dem frühen Tod ihrer Mutter von einer harte Schale geschützt wurde.

Waren die Leute um Sofia herum fröhlich und sorglos, war ihr die Gesellschaft angenehm. Doch wenn einer ihrer vielen Bekannten mit einem Problem zu ihr kam, half sie ihm vor allem aus Pflichtgefühl – und in den seltensten Fällen aus Nächstenliebe. Denn im Grunde machte sie sich nichts aus Leuten, die sich in ständigem Selbstmitleid suhlten, anstatt die Ärmel hochzukrempeln.

Die Ausnahmen bildeten ihre Eltern, ihr besten Freundinnen Emma und Tina – und selbstredend ihr Verlobter. Die Sorgen dieser Menschen waren auch Sofias Sorgen, genauso wie sie sich für ihre Erfolge freute, als hätte sie selbst dieses Hindernis überwunden. Und ja, sowohl David als auch Antonio gehörten zu diesem sehr engen Kreis.

Sofia: Danke, mein Lieber. Ich wünschte, du wärst …

Nein, das konnte sie ihm nicht schreiben.

Sofia: Danke, mein Lieber! Gleich geht’s los. Geschminkt bis zur Unkenntlichkeit. xo

Der treue Freund würde nicht zur Hochzeit kommen. Mit seinen sarkastischen Kommentaren hätte er die ganze Stimmung kaputtgemacht, sagte Sofia sich immer wieder. Es war gut, dass er gar nicht kommen wollte. Ihr Verlobter wusste nichts von den Gefühlen eines anderen für seine Verlobte, genauer gesagt hatte Sofia ihm gleich zu Beginn erzählt, dass ihr bester Freund schwul und somit keine Konkurrenz sei. Die schlichte Wahrheit war, dass sie nicht auf dessen Gesellschaft verzichten oder seine Nachrichten vor ihrem Zukünftigen verbergen wollte. Andersherum hatte Sofia ihren treuen Gefährten erst in ihre ernste Liebesbeziehung eingeweiht, als schon feststand, dass sie zusammenziehen würden …

„Sofia, mein Mäuschen, kann ich reinkommen?“

„Aber ja, Papa.“ Sofia blickte auf beobachtete, wie ihr Vater in seinen besten Schuhen in den Raum trat. Seine Schritte hallten auf dem Marmorboden, den Sofia schrecklich ungemütlich fand.

„Ist alles in Ordnung?“ Er küsste seine Tochter sanft aufs Haar, wie er es schon tat, seit sie denken konnte. Sofia liebte ihn über alles. Er war ihr Held, ihr Beschützer und größter Halt.

„Alles in Ordnung, Papa. Ich wollte einfach mal einen Moment Ruhe von den Hühnern.“

Lächelnd ließ er sich auf dem Sessel neben ihr nieder. „Das kann ich gut verstehen. Mich würde das auch in den Wahnsinn treiben.“

„Wie geht es dir denn, Papa? Bist du aufgeregt?“

„Das fragst du mich? Du bist doch die Braut, die gleich einen Traumprinzen heiraten wird. Vermeintlich jedenfalls.“ Er blickte sie prüfend und besorgt über den Rand seiner Brille hinweg an.

Sie dachte daran, dass er noch nie in seinem Leben eine andere Brille getragen hatte. Dieses runde Modell mit Horngestell ließ ihren Papa genauso intellektuell wirken, wie er war.

„Was meinst du?“, fragte sie gekünstelt.

„Das weißt du doch, Schatz. Ich mag kein Mann großer Worte sein, dafür bin ich ein umso besserer Zuhörer und Beobachter. Mir sind Dinge zu Ohren gekommen, die mich nicht sehr glücklich machen.“

„Was denn für Dinge?“ Ihr Herz zog sich zusammen. Sie wusste genau, wovon er sprach, aber es schmerzte sie, dass auch er davon erfahren hatte. Sie hasste es, wenn ihr Papa sich sorgte, er hatte weiß Gott genug Sorgen in seinem Leben hinter sich. Der Tod ihrer Mutter und dann die Erziehung einer halbverwaisten Tochter, die ihm während ihrer Jugend mehr als nur ein paar graue Haare beschert hatte, waren nur zwei davon. Daher versuchte Sofia, ihm stets nur Positives aus ihrem Leben zu erzählen.

„Dinge, aufgrund derer man eine Hochzeit mit so einem Mann womöglich nicht in Betracht ziehen sollte“, sagte er langsam.

„Damit fängst du eine Stunde vor der Trauung an, Papa?“ Sie vermied mit ihrer Gegenfrage bewusst eine Antwort.

„Es heißt doch immer in der Predigt ‚Der möge sprechen, oder für immer schweigen‘“, fuhr ihr Vater fort. „Das Recht zu sprechen nehme ich dann doch lieber vorher wahr.“

Sofias Herz begann schneller zu schlagen. Sie war hin- und hergerissen zwischen Ärger und dem Bedürfnis, ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Wieso hatte er dieses Gespräch nicht vor einer Woche oder vor einem Monat mit ihr geführt?

Gerold Fitz lehnte sich mit roten Wangen vor. „Sofia“, begann er eindringlich. „Ich kann mir vorstellen, dass es dich ärgert, das jetzt besprechen zu müssen. Es ist dein Leben und es sind deine Entscheidungen, in die ich mich nicht einmischen will. Deshalb habe ich dazu nichts gesagt. Ich dachte, wenn du das mit mir teilen möchtest, würdest du schon auf mich zukommen.“

Das leuchtete ein. Sofia fühlte sich beschwichtigt, doch das Verlangen, die Rechtmäßigkeit ihrer Einstellung zu verteidigen, war groß. Sie hatte sich in der Rolle des unwissenden und auf Ratschläge angewiesenen Kindes noch nie wohlgefühlt.

„Das stimmt“, gab sie zurück und blickte auf ihre grau lackierten Fingernägel.

„Du bist dir also ganz sicher, dass du vor diesem Hintergrund heiraten möchtest?“ Er fuchtelte nun wild mit den Armen herum. Meistens fand Sofia das lustig, weil es ihn aussehen ließ wie einen intellektuellen Dirigenten in der Oper. „Schatz, ich muss dich das zumindest einmal ganz offen gefragt haben, sonst könnte ich nicht damit leben. Auch wenn ich Konflikte ebenso verabscheue wie du …“ Er durchschnitt die Luft energisch mit der Hand. „Wir sollten wenigstens einmal darüber gesprochen haben, bevor du ihn tatsächlich zum Mann nimmst.“ Erschöpft von seinem hitzigen Vortrag lehnte Papa Fitz sich in dem Sessel zurück. Er sah plötzlich sehr müde aus.

„Das ist lieb von dir, Papa.“ Sie strich mit dem Zeigefinger über ihren Verlobungsring mit dem herrlichen Diamanten und bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall. Mehr kluge Worte wollten ihr dazu in diesem Moment nicht einfallen.

„Wenn du mir nichts darüber sagen möchtest, musst du es nicht. Doch ich bin es mir und auch dir schuldig, dich zumindest darauf hinzuweisen, dass es immer eine Alternative gibt“, sagte der Vater und ließ beinahe kraftlos die Arme sinken.

„Danke, Papa. Das weiß ich zu schätzen. Aber ich habe mir das alles genau überlegt.“ Sie schmiegte sich enger an die Chaiselongue und legte das Gesicht auf der Armlehne ab. Wie oft sie diesen Satz in den letzten Tagen doch schon gesagt hatte.

„Na gut, meine Kleine. Dann … lasse ich dich noch ein wenig allein.“ Ihr Vater sah sie nachdenklich an. „Es sei denn, du möchtest, dass ich bleibe?“

„Lies doch deine Zeitung hier, wenn es geht“, murmelte Sofia. „Jemand bringt dir sicher eine Ausgabe und deinen Earl Grey mit Milch.“

Gerold Fitz nickte und erhob sich. Er lugte aus der Tür, hinter der sich die geräumige Wohnküche befand, und bestellte seinen Tee. „Möchtest du auch etwas, Schatz?“

„Gern“, entgegnete sie dankbar.

Kurz darauf schlüpfte eine Angestellte in den Raum und brachte eine kleine Kanne schwarzen Tee, ein zauberhaftes Kännchen Milch und eine dazu passende Zuckerdose. Außerdem platzierte sie zwei Tassen und ein Tellerchen mit winzigem italienischem Gebäck vor ihnen und legte für Gerold Fitz gleich mehrere druckfrische Tageszeitungen auf den Kaffeetisch.

Ihr Vater schenkte ihnen den heißen, nach Zitrone duftenden Earl Grey ein, lehnte sich mit der Tageszeitung zurück und leistete seiner Tochter wohltuend zurückhaltende Gesellschaft, während diese in ihren Tagträumen versank.

„Herzchen? Ach Gerold, hier bist du.“

Sofia schreckte auf und erkannte, dass Maria den Kopf zur Tür hereingesteckt hatte.

„Liebling.“ Gerold Fitz legte die Zeitung beiseite und bedeutete Maria, näher zu kommen.

„Macht ihr es euch hier gemütlich?“

„Wir hatten ein kurzes Gespräch über Sofias Absichten“, statuierte der Vater. „Aber sie ist sich sicher, dass sie die Trauung vollziehen will.“

Sofia hätte beinahe die Augen verdreht, hielt sich jedoch respektvoll zurück.

„Ach Gerold, das Mädchen ist erwachsen.“ Ihre Stiefmutter ließ sich neben ihrem Mann nieder und schenkte sich in Gerolds Tasse einen Tee ein.

„Danke, Maria.“

„Dank nicht deiner Stiefmutter mit ihren romantisch verklärten Gefühlen. Denk doch nur daran, was du im letzten halben Jahr alles durchmachen musstest wegen dem Kerlchen!“, redete der Vater geradezu flehend auf seine Tochter ein.

„Papa, ich bitte dich. Du hättest dieses Gespräch so oft mit mir führen können. Heute ist es nicht nur unpassend, sondern auch zu spät. Ich habe mir das gut überlegt. Das wird schon.“ Während sie ihrer eigenen Stimme lauschte, fühlte sich Sofia wie ein naives Mädchen. Ein kleines Kind, das seinen Eltern erklärte, den Lolli nicht gestohlen zu haben, während es ihn hinter dem Rücken versteckte.

„Da hat Sofia recht, mein Schatz“, wandte sich nun Maria an ihren Mann. „Wieso fällt es dir gerade heute ein?“

„Das ist doch überhaupt nicht der springende Punkt“, ereiferte sich der Papa. Marias Nähe hatte ihm wohl einen neuen Energieschub verpasst. „Sofia kann auch jetzt noch entscheiden, die Hochzeit abzusagen.“

„Bist du verrückt?“, rief Maria entsetzt. „Absagen, wieso denn? Sofia sagt doch selbst, dass sie diese Hochzeit möchte. Nein, nein, Gerold.“ Seine Frau hob den Zeigefinger. „Du hast kein Recht, dich hier und heute so aufzuführen. Geh dir doch die Beine vertreten, mein Lieber.“

„Das wird wohl das Beste sein.“ Papa legte die Zeitung unwirsch beiseite und ging mit schnellen Schritten aus dem Raum.

Sofia war traurig, als sich die Tür hinter ihm schloss.

„Schon gut, mein Liebes.“ Maria lächelte ihr aufmunternd zu. „Dein Vater meint es nicht böse. Auch wenn er sich dabei anstellen kann wie der Elefant im Porzellanladen.“

„Ich kann einfach gerade keine Zweifel gebrauchen“, lamentierte Sofia und nippte an ihrem bereits kalten Tee.

„Möchtest du darüber reden?“, bot die gute Stiefmutter an. Sanft strich sie ihrer Stieftochter eine perfekt blondierte Strähne hinters Ohr.

In diesem Augenblick leuchtete das Display von Sofias Handy auf.

Ohne Make-up hast du mir schon immer am besten gefallen. Letzte Chance für einen Kurswechsel.

Foto.

Sie öffnete seine Nachricht und erkannte einen norwegischen Fjord, auf dessen glasklarer Oberfläche sich die umliegenden Gipfel und Wälder spiegelten. Sofia hatte ganz vergessen, dass er am Vorabend ihrer Hochzeit nach Skandinavien abreisen wollte.

Sofia: Wow, genauso habe ich es mir vorgestellt. Norwegen, meine ich.

„Wer schreibt dir, Liebling?“

Sofia presste die Lippen aufeinander und hob die Schultern.

„Ah, der beste Freund. Wie geht es ihm denn? Zu schade, dass er heute nicht hier sein kann.“

Sofia warf ihrer Stiefmutter einen ungewollt giftigen Blick zu.

„So meinte ich es doch nicht!“, verteidigte die sich augenblicklich. „Er ist einfach ein wichtiger Stützpfeiler in deinem Leben und fehlt heute im Kreise deiner Vertrauten.“

„Er hatte eben beruflich zu tun“, wiederholte Sofia Davids ‚Entschuldigung‘ zum hundertsten Mal. Es war nicht leicht gewesen, Antonio glaubhaft zu erklären, wieso der angeblich schwule beste Freund seiner Verlobten nicht zur Hochzeit kommen konnte.

Und noch viel schwieriger war es, nicht immer wieder an David zu denken …

 

3

Erst drei Monate vor der Hochzeit hatte Sofias bester Freund David von den jüngsten Ereignissen in ihrem Leben erfahren.

Sie war gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte endlich wieder einmal Zeit, um mit ihm zum Yogakurs in der Innenstadt zu gehen. Es war ihr gemeinsames Ritual, danach einen Smoothie im Bananas zu trinken, das gleich neben dem kleinen Studio lag. Sie standen in der Schlange vor der Theke, der Mixer dröhnte und es roch nach Orangensaft, Erdbeeren und Bananen.

„Ich habe jemanden kennengelernt“, sagte Sofia beiläufig und vermied es dabei, ihm in die Augen zu sehen.

Ruckartig wandte David sich ihr zu. „Was?“

„Ich habe jemanden kennengelernt. Auf der Arbeit“, gab sie diesmal etwas lauter zurück. „Er heißt Antonio.“

David erwiderte ihren festen Blick. Verwirrung und Enttäuschung kamen in ihm auf, doch er blieb gefasst und strich sich mit der rechten Hand das dunkelblonde Haar aus der Stirn.

„Okay“, sagte er mit fragendem Unterton. „Und …“

„Hallo! Wie geht’s euch heute? Smoothies wie immer?“, unterbrach ihn Betty, die Barista.

„Ja“, gab David abwesend zurück, ohne den Blick von seiner blonden Begleiterin zu wenden. „Also. Wann ist das denn passiert?“

Sofia grinste. „Vor sechs Monaten. Er ist Seniorpartner in unserer Kanzlei.“

„Aha“, sagte David nur. Ihm fiel dazu nichts Besseres ein. Er wusste, dass Sofia nur freundschaftliche Gefühle für ihn hegte, und doch hatte ein kleiner verborgener Teil seines Herzens immer gehofft, dass sie ihn nur auf die Probe stellte. Dass sie eines Abends wie gewohnt mit ihm ausgehen und sie über einem Mojito sitzend die Erleuchtung ereilen würde, dass er der Richtige sei.

In dem Moment, als sie von diesem Antonio erzählte, verpuffte dieser vertraute, entfernte Traum wie eine Staubwolke auf dem Feldweg vor seinem Haus.

„Das ist alles?“, riss ihn Sofia aus seinen Gedanken. Sie hatte bereits die Smoothies bezahlt – Spinat, Apfel, Banane, Ananas, wie immer – und drückte ihm den kühlen, feuchten Plastikbecher in die Hand. Dann lenkte sie ihn ungefragt zu einem der kleinen Tische am Fenster, der soeben frei geworden war.

Eigentlich hatte David in diesem Augenblick überhaupt keine Lust auf eine Unterhaltung mit ihr, wollte sich nicht von Sofias rauer, mädchenhafter Stimme ablenken lassen. Es fühlte sich an, als hätte sie ihm den zarten Ellbogen in den Magen gestoßen. Jetzt gerade wollte er nichts lieber, als sich in Clive, seinen uralten, geliebten Clio, zu flüchten und die Stadt samt ihrer Bewohner hinter sich zu lassen. Aufs Land, nach Hause, durchatmen.

Während sich Sofia vor ihm her zu dem Tischchen durchwand, musterte er ihren kleinen, wohlgeformten Hintern in den engen Leggings, bevor sein Blick zurück zu ihrem Gesicht wanderte.

„Setz dich doch einen Moment“, bat sie und ließ sich auf dem Holzstuhl nieder.

David seufzte und nahm ihr gegenüber Platz.

„Ich hätte es dir ja schon eher gesagt. Aber ich wollte erst abwarten, ob das wirklich etwas Festes ist.“ Sie hob entschuldigend die Schultern und saugte mit Kulleraugen an ihrem Strohhalm.

„Ich verstehe“, antwortete er. Kurz dachte er daran, es einfach darauf beruhen zu lassen, doch dann legte er die Unterarme flach auf den Tisch und beugte sich vor. „Was ich aber nicht kapiere: Wieso kommst du erst nach einem halben Jahr damit? Sonst erzählst du mir doch auch von jedem Internetdate und jeder Anmache im Büro. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wieso du mir gerade diese Sache verheimlicht hast.“

Sofia legte den Kopf zur Seite und sah ihn durchdringend an. „Ich weiß. Ich hatte auch ein ganz schlechtes Gewissen“, sagte sie und verfiel in den mädchenhaften Tonfall, den sie immer anschlug, wenn ihr etwas leidtat. „Ich wollte diesmal einfach für mich schauen, wohin das Ganze führt, und dir nicht schon wieder mit einer verpatzten Geschichte auf die Nerven gehen. In den ersten Wochen war alles noch ganz zwanglos.“

„Du gehst mir nicht auf die Nerven. Wir sind Freunde, da hört man sich zu.“

„Du bist lieb“, sagte sie nur. Ihr Köpfchen ruckte von einer Seite zur anderen, wie bei einem kleinen Vogel.

Du bist lieb.

Friendzone for Life.

„Ich weiß”, gab er mürrisch zurück.

„Jedenfalls hat er mich letzte Woche gefragt, ob ich ihn heiraten will.“

Sie ließ einfach nicht von ihm ab. Wie ein Terrier, der sich im Hosenbein festgebissen hat. David ballte unter dem Tisch die Fäuste.

„Und da dachte ich, hey, es muss ihm echt ernst mit mir sein. Deshalb erzähle ich es dir jetzt auch sofort.“ Sie verzog die vollen Lippen zu einem Schnütchen und sah ihn abwartend aus dunkelgrünen Augen an. „Ich weiß, dass das jetzt eine Riesenüberraschung für dich ist. Wer hätte gedacht, dass mir so was wirklich passiert? Aber, ich meine, mit deinen Kolleginnen bist du ja schon ausreichend beschäftigt und …“

„Lass doch diese Rechtfertigungen, Sofia“, unterbrach David sie genervt. „Du weißt ganz genau, dass ich nie etwas mit jemandem von der Arbeit anfangen würde.“

„Na danke für den Seitenhieb“, warf sie ein.

David schnaubte. „Was soll der Kindergarten? Ich bin einfach … enttäuscht, dass du einen so wichtigen Teil deines Lebens ein verdammtes halbes Jahr lang vor mir verheimlicht hast. Das ist echt mies, Sofia. Und ihr seid auch noch verlobt …“ Die Luft entwich seinen Lungen, als sei er ein Ballon, den keines der Kinder von der Party mitgenommen hatte. Erst als er dieses Wort selbst aussprach, wurde ihm die volle Bedeutung bewusst. Sie war verlobt.

„Es tut mir leid, David.“ Sie griff nach seiner Hand und suchte seinen Blick. „Es tut mir so leid. Weißt du, es ist auch für mich nie leicht, mit dir über andere Männer zu reden. Du weißt schon, weil …“

„Weil ich Gefühle für dich habe? So ein Quatsch!“ Entschlossen zwang er sich zur Selbstsicherheit und wischte ihre Aussage mit der freien Hand lässig vom Tisch. Wie immer. „Das Thema ist doch lange durch. Denkst du echt, ich würde so lange den Kumpel mimen, in der Hoffnung, dass du irgendwann deine Meinung änderst?“

Ja. Genau so war es. Und auch wenn sie es beide wussten, sagte Sofia zufrieden: „Gut.“

Fassungslos sah David sie an. „Gut?“

„Ja“, sagte sie und hob die Schultern. „Dann weiß ich nicht, was das Problem ist.“

„Du bist eine richtige Zicke.“ Er schüttelte den Kopf. Eine verlobte noch dazu.

„Ich bin keine Zicke.“ Sofia verschränkte die Arme. „Du bist doch derjenige, der sich eigentlich für mich freuen sollte, als guter Freund. Stattdessen meckerst du mich an.“

„Sofia. Du hast mir ein halbes Jahr lang einen Haufen Lügen erzählt, während du dich mit diesem Arturo getroffen hast. Das ist für mich ein riesengroßer Vertrauensbruch. Verstehst du das nicht?“

Sie lehnte sich auf dem unbequemen Holzstühlchen zurück. Dabei funkelte der klobige Stein an ihrem Ringfinger und zog Davids Blick auf sich. Er konnte das alles nicht glauben.

„Doch“, presste sie mühsam zwischen den gebleichten Zähnen hervor. „Ich versteh das. Und ich habe gesagt: Es tut mir leid.“

Es war Sofia noch nie leichtgefallen, Unrecht einzuräumen oder sich gar zu entschuldigen. Jetzt gerade erkannte David, wie die Rädchen in ihrem rauchenden, unreifen Köpfchen ratterten. Wenn sie in dieser Stimmung war, kam man nicht weiter. Unrecht und Kindergarten hin oder her. Also holte er tief Luft und tat, was er immer tat.

„Das wird schon“, lenkte er ein. „Ich … muss das einfach erst mal verarbeiten.“

„Aber du bist mir nicht böse?“, hakte seine Freundin nach. Sie öffnete den Pferdeschwanz und fuhr sich mit beiden Händen durchs honigblonde Haar.

Für einen Moment beobachtete er sie gedankenlos. Sie wirkte wie ein kleines Vögelchen, das sich im Wasserbad putzt und die zarten Federn aufplustert.

Dieses Verhalten, das den meisten anderen Erwachsenen schlicht auf die Nerven ging, war typisch für Sofia: Zuerst handelte sie auf eigene Faust, oft gegen jeden Rat ihrer Freunde. Dann kam sie hinterher mit schlechtem Gewissen und aus großem Harmoniebedürfnis wieder an, ohne sich jedoch aufrichtig entschuldigen oder in die Position des anderen hineindenken zu können (oder zu wollen).

Neben all ihren guten Eigenschaften war Sofia Fitz eine eitle, kleine Egozentrikerin. Auch jetzt wollte sie zwar reinen Tisch machen, doch verstand sie nicht wirklich, wofür David eine Entschuldigung erwartete. Um so etwas machte sich dieses Vögelchen keine Gedanken. Es wollte lieber frei herumflattern, landen, wo, und tun, was ihm gerade passte. Und das bitte schön ohne unangenehme Konsequenzen. In diesem Augenblick wollte Sofia lediglich seine Absolution, um mit diesem Typen zusammen zu sein, ohne dass Treffen wie ihr Yogakurs und nächtliche Party- und Pizza-Ausschweifungen wegfielen.

„Nein“, brummte David und fischte demonstrativ seinen Autoschlüssel aus der Jackentasche. „Alles gut. Bin froh, dass du es mir gesagt hast. Ich muss jetzt aber echt los, die Hunde warten zu Hause.“

„Oh, okay.“ Sie sah ihn mit großen Augen an. „Dann lass uns später noch mal telefonieren, ja?“

Er nickte und schob den Stuhl zurück. „Machen wir.“ Sanft griff David nach ihrer Schulter, als er sich zu seiner Freundin hinunterbeugte und die Wange an ihre legte. „Bis dann, Peaches.“

Er trat auf die Straße und wurde von tröstender, nüchterner Kälte empfangen. Es begann zu schneien, und für einen Moment legte er den Kopf in den Nacken, um den Ursprung der tanzenden Schneeflocken auszumachen.

Dann setzte David sich in Bewegung, den kalten Smoothie immer noch unangerührt in der Hand. Verdammt. Er hätte sich jetzt einen heißen Kakao gewünscht, anstatt die Pfoten an einem blöden Saft zu kühlen. Missmutig warf er den vollen Becher mit einem dumpfen Geräusch in den nächsten Mülleimer und ging mit langen Schritten zu seinem Auto, das zwischen all den SUVs und Limousinen hier stets auffiel, weil es so abgenutzt und unscheinbar wirkte. Ein Gegenstand, dessen Wert sich nur dem Besitzer offenbart. Wie ein tröstendes altes Plüschtier, das sich plötzlich zwischen der Playboysammlung und den billigen Parfums eines Heranwachsenden wiederfindet.

David stieg ein, warf seine Sporttasche auf den Beifahrersitz und setzte den Blinker.

Dieser verdammte kleine Pfirsich! Wäre sie doch nie in sein Leben getreten.

Den Kosenamen hatte er Sofia in der ersten Nacht gegeben, die sie zusammen im Bett verbracht hatten, nach jenem verhängnisvollen Abend in der Bar. Eigentlich, so überlegte er, war es überhaupt ihre allererste Begegnung gewesen …

Sofia war mit einer Freundin da gewesen, als David wie an jedem Freitagabend mit seinen Freunden im O’Connery saß, seinem Lieblingspub in der Altstadt. Sie hatte ihn während des Kartenspiels immer wieder von der Theke aus angelächelt und dabei ein Real Ale nach dem anderen bestellt. In einer Spielpause hatte er sich dann getraut sie anzusprechen und nach einem berauschenden Abend hatte die süße, freche Blondine ihn mit zu sich nach Hause genommen. Sie liebten sich mehrfach in dieser Nacht, und er schlief mit ihr im Arm völlig erschöpft im Morgengrauen ein.

Dieser Morgen hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt, so oft er die Erinnerung und das Schicksal auch deswegen verfluchte. Es war ein Moment absoluten Friedens gewesen. Er nahm damals kein Geräusch wahr. Weder Wasser, das durch eine Leitung im Haus rauschte, noch die brummenden Motoren draußen auf der Straße. Abgesehen davon hatte er ohnehin keine Ahnung gehabt, in welchem Teil der Stadt sich die Wohnung seines One-Night-Stands befand. David hatte sich auf die Seite gedreht, um die Frau besser betrachten zu können, die friedlich und sorglos neben ihm in der Morgensonne schlief. Erleichtert hatte er festgestellt, dass sie nicht nur im schummrigen, vernebelten Licht der Bar hübsch ausgesehen hatte. Daisy – falls sie denn so hieß – war auch bei Tageslicht ein schönes Mädchen. Er schätzte damals richtig, dass sie ungefähr dreißig Jahre alt sein musste. Daisy besaß ein grades Näschen und eine geschwungene Oberlippe, als hätte der liebe Gott mit einem feinen Pinsel ein Herz in ihr puppenhaftes Gesicht malen wollen. Die kantigen Kiefer und hohen Wangenknochen ließen Daisy jedoch keineswegs wie ein kleines Mädchen wirken.

Sein Blick war ihren Hals entlang zu dem Laken gewandert. Sie waren nach dem irren Sex erschöpft eingeschlafen und sie war, genau wie er, immer noch nackt gewesen. Die blassgoldene Sonne beschien zarte Haut, über die sich ein hauchfeiner Flaum zog. Wie bei einem Pfirsich.

Bis heute erinnerte er sich daran, wie die Morgensonne ihn geweckt hatte. Die blonden Härchen auf ihrem Arm schimmerten in dem Lichtkegel, der durch die Vorhänge aufs Bett drang. Sogar den feinen Flaum auf ihren Wangen hatte er im Morgenlicht betrachten können, während Sofia in seinen Armen schlief. Ihr Atem war ganz ruhig gegangen, während sich das Laken auf ihrer Brust hob und senkte. Vorsichtig hatte er den Stoff beiseitegezogen, um sie in ihrer gesamten Nacktheit betrachten zu können.

David Becker ging nie einfach so mit einem Mädel nach Hause, das er in einer Bar kennengelernt hatte. So ein Typ war er nicht. Doch dieses Mädchen war anders. Daisy war nicht nur bildschön (und verdammt, sie sah nackt wahnsinnig gut aus), witzig und clever, sondern hatte damals auch einen seiner Freunde unter den Tisch getrunken. Das perfekte Mädchen von nebenan.

*

Die Erinnerung an den Morgen, an dem Sofia Fitz zum ersten Mal neben David aufgewacht war, ließ sie jedes Mal ein wenig zusammenschrecken. Nicht, dass es unangenehm oder gar schlecht gewesen wäre – im Gegenteil. Der Sex mit David hatte ihr Spaß gemacht. Er war einfühlsam gewesen, hatte die richtigen Stellen mit dem richtigen Maß an Aufmerksamkeit bedacht und sich nicht allzu viel Zeit gelassen. Genau so, wie sie es mochte. Vielleicht schreckte sie eher zusammen, gerade weil diese Nacht ihr so gut gefallen hatte.

Sofia erinnerte sich noch, dass sie sich am Morgen eine Weile länger schlafend gestellt hatte, in der Hoffnung, er möge einer von den Jungs sein, die im Morgengrauen verschwinden. Kein Frühstück, keine Namen, Adieu, Monsieur.

Doch anstatt leise zu verschwinden und die Tür hinter sich für immer zu schließen, hatte dieser Mann begonnen, sanft mit dem Finger die Kontur ihrer Brust nachzuziehen. Er wanderte über die kleine Knospe am höchsten Punkt, dann zog er abrupt und beinahe schüchtern die Hand zurück.

In diesem Moment hatte sie die Augen aufgeschlagen und ihn unter schweren Lidern angesehen.

„Beobachtest du mich beim Schlafen?“, hatte sie ihn mit ruhiger Stimme gefragt. Er umschloss ihre Brust mit einer großen, schlanken Hand und drückte sie sanft.

„Du bist schön“, hatte er schlicht geantwortet und auf sie heruntergeblickt.

„Danke.“

Einen Moment lang verharrten sie schweigend und reglos in der Morgensonne. Ein letzter Moment der Intimität, des Weltvergessens.

Dann unterbrach sie den Blickkontakt und schlüpfte aus dem Bett. Sie spürte seinen Blick auf sich, während sie nackt durch den Raum zum Schminktisch ging und sich einen schlichten schwarzen Kimono überstreifte.

„Ich habe gleich eine Verabredung zum Frühstück“, sagte Sofia und ordnete mit einem Blick in den Spiegel beiläufig das zerwühlte, blonde Haar. „Es war schön gestern Nacht. Danke.“ Sie lächelte ihn durch den Spiegel an und blickte dann beinahe scheu nach unten.

David verstand. Er setzte sich auf die Bettkante und begann sich anzuziehen. „Das war es“, gab er zurück und ließ den Blick suchend durch den Raum schweifen.

„Hier.“ Sie fischte sein T-Shirt von einer Kommode neben der Tür und schnupperte kurz daran. „Ich mag dein Parfum“, hatte sie aus einem Impuls heraus zu ihm gesagt. Irgendwie duftete er nach Cool Water und … Kaffee?

Er hatte wortlos gegrinst wie ein verschlafener, zufriedener Kater, und sich angezogen.

Sie verabschiedete ihn mit einem letzten Kuss an der Wohnungstür.

„Bis dann.“

„Mach’s gut, Fremde.“

Sofia vergaß den One-Night-Stand mit dem hübschen Typen aus der Bar bald im Trubel ihres Alltags. David blieb ihr lediglich eine blasse Erinnerung an eine angenehme Nacht. Auch wenn nette und aufmerksame Bewerber heutzutage eine Seltenheit waren, so interessierte sie sich nicht dafür. Die Männer, die ihre Aufmerksamkeit erregten, waren die Pfauen im Anzug. Jene, die in der Mittagspause im Bankenviertel herumstolzierten, den Blick aufs Smartphone geheftet. Arrogant, erfolgreich und am besten augenscheinlich unerreichbar.

David hingegen war durch und durch … nett. Ein netter, netter Typ, der einem am nächsten Morgen eher das Frühstück ans Bett brachte, als wortlos zu verschwinden. David hatte ihr an dem Abend im Pub erzählt, dass er Barista in einem Café und damit sehr zufrieden sei. Er besaß zwei Hunde und ein kleines Häuschen am Rande der Stadt und fotografierte in seiner Freizeit gern in der Natur. Er hatte ein so liebes, freundliches Gesicht. Mit blauen Augen, die beinahe kindlich glänzten, wenn er an etwas Schönes dachte.

Tja. Das hatte bisher kein Feuer in Sofia Fitz entfacht. Je unerreichbarer ein Mann erschien, desto stärker fühlte sich sie zu ihm hingezogen. Wenn Menschen sie vor jemandem warnten, weckte das erst recht ihren Jagdtrieb. Als könnte sie einen bindungsunwilligen Playboy in einen braven Hausmann verwandeln – den sie ursprünglich gar nicht gewollt hatte …


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Maddie Fuchs kam während der Zeit auf dem Gymnasium durch einen Schreibwettbewerb mit dem Journalismus in Verbindung. Sie gewann einen Preis und wurde kurz nach dem Abitur neben der Uni als Reporterin bei einer lokalen Zeitung eingestellt. Bald jedoch merkte sie, dass es ihr wichtiger ist über Dinge zu schreiben, die sie wirklich bewegen als fremde Geschichten zu erzählen. So kam Maddie zu ihrem ersten eigenen Roman.