Gefährliche Küsse

Ein stinknormaler Morgen, oder?

In den Bäumen schwitzten die Spatzen. Dabei war es erst sieben Uhr morgens.

Vicky schmetterte unter der Dusche laut – und ziemlich falsch – Weihnachtslieder. Als sie bei Rudolf, dem Rentiermit der roten Nase, angelangt war, drehte sie den Wasserhahn auf eiskalt. Statt dem tiefen Hohoho des Weihnachtsmannes war daraufhin Quieken und Prusten hinter dem Duschvorhang zu hören.

Mit den letzten Tönen des Liedes beendete sie ihre Morgendusche. Schwungvoll zog sie den Vorhang zurück und kletterte aus der Wanne. Neben der Waschmaschine türmten sich Handtücher, aus denen Vicky ein blau-gelb gestreiftes herauszog und sich darin einwickelte.

Über ihr auf der Leine, die kreuz und quer durch das winzige Bad gespannt war, baumelte Unterwäsche zum Trocknen. Die Waschmaschine brummte mit ihrem üblichen Schluckauf.

Um ihre Laune weiter zu steigern, sang Vicky, während sie sich abtrocknete und ihre wilde dunkle Mähne mit dem Föhn in die übliche stachelige Form brachte, lautstark „O du fröhliche“.

Die Tür wurde aufgerissen und Sally sprang mit einem übermütigen „Buh!“ herein. Da Vicky, dank der Weihnachtslieder, bei acht von zehn auf dem Stimmungsbarometer angekommen war, tat sie der kleinen Schwester den Gefallen und zuckte erschrocken zusammen. Sally gluckste vor Freude. Unter den Arm geklemmt hielt sie Frankie, den einzigen Frankenstein-Teddybär der Welt. Sein Körper war echt Teddybär, sein Kopf aber stammte von einem Plüschelefanten, dem ein fehlendes Tellerohr durch einen Hasenlöffel ersetzt worden war. Das linke Bein kam von einem Schlenkerschaf, der Schwanz von einem Kuschelkrokodil und die Augen waren unterschiedlich groß. Sally hing an Frankie, den ihre Mutter aus den Resten zu Tode geliebter Stofftiere genäht hatte.

„Sexy, sexy, sexy“, krähte Sally und schwang die Hüften.

„Lernst du solche Wörter im Kindergarten?“, wollte Vicky wissen.

„Schmusen, Busen, Zungenkuss!“, verkündete Sally, stolz darauf, dass sie diese Ausdrücke kannte.

Das Bad war nicht größer als eine Telefonzelle und mit Vicky und Sally bereits überfüllt. Trotzdem drängte sich auch noch Pru Cassady herein und begann den allmorgendlichen Kampf mit ihren dünnen Locken. Bei dem Versuch, sie zu einem Pferdeschwanz zu binden, entschlüpfte immer mindestens eine Haarsträhne.

„Zu spät, schon wieder zu spät, morgen stelle ich den Wecker zehn Minuten früher“, kündigte sie seufzend an. Sie tat das jeden Morgen. Sie gab den Kampf gegen die eine Strähne, die widerspenstig in die Stirn wippte, auf. Anschließend begann sie pinkfarbene Creme in ihrem Gesicht zu verreiben. Im ganzen Bad roch es zart nach Wassermelonen.

„Warum gibt‘s deine Creme nicht auch mit Pfirsichduft?“, regte Vicky an.

Ihre Mutter massierte Wangen und Stirn, schnitt wilde Grimassen und spannte alle Gesichtsmuskeln auf einmal an, was sie wie eine verschrumpelte Kartoffel aussehen ließ. Mit einem lauten „Bääää!“ entspannte sie sich wieder.

Sally quiekte vergnügt. Die Gesichtsgymnastik ihrer Mutter fand sie unterhaltsamer als jeden Zeichentrickfilm.

„Pfirsichduft! Guter Einfall!“, sagte Mrs. Cassady und drückte zum Abschluss an ihre Schläfen. „Sonnenschein, denkst du bitte dran, Sally um drei Uhr vom Kindergarten abzuholen?“, erinnerte sie ihre Tochter. Ein unsichtbarer Notizzettel mit einer Liste von Dingen, die erledigt werden mussten, schien auf ihrer Stirn zu kleben. Punkt für Punkt ging sie ihn nun durch, um nichts zu vergessen.

„Sally um drei abholen. Denk ich absolut dran!“, versprach Vicky.

„Sie geht heute auf einen Kindergeburtstag bei Niki. Oder bei Laura? Oder ist es Nicola?“ Pru wandte sich an Sally. „Herzblatt, wer hat Geburtstag?“

Sally dachte nach. „Harry. Nein, Paul. Nein, Curt!“

Mrs. Cassady nickte, als wüsste sie jetzt Bescheid. „Vicky, geh einfach den Müttern hinterher, die ein Geschenk tragen. Machst du das?“

„Absolut, genau so!“

„Ich komme heute erst spät. Und vergiss bitte nicht, Sally auch wieder vom Geburtstag abzuholen. Das ist mir einmal passiert. Sie hat zum Glück nicht geheult, dafür aber alles gegessen, was an Torten und Pizza übrig war.“

Vicky kam nicht dazu, etwas zu sagen, weil ihre Mutter schon weiterredete. „Du machst euch Abendbrot und steckst Sally dann ins Bett? Ja?“

„Absolut, genau so!“

„Ich komme frühestens um zehn Uhr, wenn Hopper nicht die Reifen streckt.“ Hopper war ihr giftgrüner Wagen, der älter war als Vicky. Ihre Mutter besprühte sich mit ihrem aus Rosen- und Orangenduft selbst gemischten Parfüm. Fragend drehte sie sich zu Vicky: „Gibt‘s hinter den sieben Bergen eine, die schöner ist als ich?“

„Absolut nicht!“, versicherte Vicky fast schon automatisch, da sie auch diese Frage jeden Morgen beantworten musste.

Pru küsste Vicky auf die Stirn, kniete sich dann auf den feuchten Boden und umarmte Sally. „Heute ist ein Prinzessinnentag“, erinnerte sie die Kleine. „Also nur Prinzessinnenbenehmen, abgemacht?“

Sally nickte mit ernster Miene. Gleichzeitig gab sie nach hinten einen knatternden Ton von sich, dem heftiger Gestank folgte.

Vicky verdrehte die Augen und richtete den Föhn auf den unsichtbaren Angreifer ihrer Geruchsnerven.

„Ich habe die zwei liebsten, besten und schönsten Töchter der Welt!“, erklärte Pru Cassady stolz, drückte und küsste die beiden erneut, hielt sie kurz von sich weg, musterte sie liebevoll, um dann mit dem Drücken-Küssen noch einmal von vorne zu beginnen.

„Du machst mich platt!“, ächzte Vicky gespielt leidend.

Die Waschmaschine hatte den Schleudergang erreicht und begann einen wackelnden Tanz. Vicky entwand sich der Umarmung ihrer Mutter und setzte sich vorsichtshalber oben drauf.

„Was täte ich nur ohne dich!“, sagte ihre Mutter dankbar. „Du bist ein Schatz, Vicky, wirklich. Ein Engel!“ Danach wirbelte sie davon.

Die Waschmaschine wackelte nun so heftig, dass Vicky sich am Rand des Gerätes festhalten musste, um nicht abgeworfen zu werden. Am Vortag hatte sich die Maschine wie ein Rodeo-Pferd aufgeführt und dabei den Wasserschlauch aus der Wand gerissen. Seither prangte im Wohnzimmer ein riesiger Wasserfleck an der Decke, der die Form von Engelsflügeln hatte.

Vicky hatte beschlossen, diesen Fleck als gutes Omen für Engel&Co zu sehen.

Bisher war die ganze Sache eine herbe Enttäuschung. Das musste sich dringend ändern. Vicky hatte schon einige Ideen, wie sie Engel&Co richtig in Schwung bringen könnte. Die wollte sie mit Nessa und Gloria besprechen.

„Jingle Bells“ summend schwang sich Vicky auf ihr Fahrrad. Wenn sie Glück hatte, würde sie es gerade noch zum Läuten der ersten Stunde in die Schule schaffen. Leider konnte sie keine Abkürzung nehmen. Sie musste die Hauptstraße hinunter und sich ihr Frühstück abholen.

Einerseits war es praktisch, einen Onkel zu haben, der Bäcker war. Andererseits war es reichlich mühsam, wenn dieser Onkel, der große Bruder der eigenen Mutter, nicht kapieren wollte, dass seine Schwester kein kleines Kind mehr war. Onkel Anthony traute Vickys Mutter nicht einmal zu, Wasser zu kochen, ohne es anbrennen zu lassen. Um zu überprüfen, ob Vicky und Sally noch lebten und Pru sie nicht mit ihren elenden Kochkünsten vergiftet hatte, musste Vicky jeden Morgen eine Tüte mit Frühstück für die Schule in seinem Laden entgegennehmen.

An diesem Morgen jagte Vicky in die kleine Bäckerei, in der es so herrlich nach frischem Brot duftete, riss ihrem Onkel die Tüte aus der Hand und rannte wieder hinaus zu ihrem Fahrrad.

„Absolut ja“, rief sie sicherheitshalber über die Schulter, ohne zu hören, was der Onkel genau gefragt hatte. Es war aber – da war sich Vicky sicher – eine der üblichen Fragen, ob das Haus noch stand oder Sally auch bestimmt alle zehn Finger an den Händen hatte.

Vicky ließ die Bremsen ihres Fahrrads quietschen und konnte gerade noch rechtzeitig bei der Abzweigung in einen schmalen Weg zwischen den Häusern abbiegen. Sie brauchte alle Konzentration, um nicht zu wackeln und mit den Ellenbogen die rauen Hauswände zu streifen, so eng war der Durchgang. Er mündete in einen verwilderten Park, wo Vicky als kleines Mädchen mit Nessa und Gloria „Gestrandet auf der einsamen Insel“ gespielt hatte.

Unter den ausladenden Baumkronen, auf einem Steinpodest, das an einer Seite leicht eingesunken war, stand ER. Wann genau er aufgestellt worden war, von wem und warum, hatte selbst die Lehrerin in der Grundschule nicht sagen können. Und das wollte etwas heißen, denn Vicky traute ihr zu, sogar zu wissen, an welcher Hausecke welcher Hund für gewöhnlich das Bein hob.

ER war aus schwarzem Marmor und bis auf ein locker fallendes Tuch nackt. Das Tuch reichte von einer Schulter über die Brust und den Bauch bis zum Oberschenkel und verdeckte seine Körpermitte. Andernfalls wäre er ein nackter Engel gewesen. Aber nackt wurden Engel nur dargestellt, wenn sie noch im Babyalter waren.

ER aber war kein kleines Kind mehr. Richtig erwachsen sah er jedoch auch nicht aus. Auf Vicky machte er den Eindruck eines Teenagers. Den rechten Arm hatte er wie ein Balletttänzer erhoben, das linke Bein leicht nach hinten abgewinkelt, als würde er laufen. Aus seinen Schulterblättern wuchsen die kräftigen Schwingen, deren oberer Rand bis zu seinem Nacken reichte, während die untersten Spitzen fast die Fersen kitzelten. Die Flügel waren leicht gespreizt wie kurz vor dem Abflug. Vicky musste bei diesem Anblick immer grinsen, denn in dieser Haltung ließen sie das knackige Hinterteil frei.

„Dieser Po macht froh“, hatte Nessa einmal gereimt.

Seit sie mit fünf Jahren den Park zum ersten Mal betreten hatte, war sie von der Statue fasziniert. Damals hatte sie im Kindergarten ein halbes Jahr lang nur noch schwarze Engel gemalt. Ihre Eltern, die zu der Zeit noch verheiratet gewesen waren, waren von der Leiterin des Kindergartens zu einem Gespräch bestellt worden. Sogar zu einem Seelenklempner schleiften sie Vicky, der Eltern und Kindergarten schließlich mitteilte, dass Vicky nicht besessen war und auch keinen geistigen Defekt hatte, sondern schlicht und einfach die Statue im Park verehrte wie andere Mädchen Ponys.

„Hi, Azi“, rief Vicky im Vorbeifahren. So viel Zeit musste sein. Die Statue nur anzusehen, verursachte ihr jedes Mal einen angenehmen, kribbelnden Schauer. Sie mochte den schwarzen Engel. Sie mochte ihn sehr. Gegenüber Nessa hätte sie niemals ein Wort darüber verloren, denn sie fürchtete ihre bissigen Kommentare, und über Azi und sie durfte sich niemand lustig machen.

„Bye, Azi!“, rief sie über die Schulter und radelte weiter. Am Ende der kleinen Grün-Oase, wo die Sonne einen hellen Fleck auf den Weg warf, fühlte sie angenehme Kühle. Da sie spät dran war – wie üblich –, genoss sie den erfrischenden Moment, schenkte ihm aber keine Beachtung.

Als Vicky wieder auf die Straße einbog, ging ein Mann an der Engelstatue vorbei. Er war jung, höchstens zwanzig, mit dichten, gewellten dunklen Haaren und gebräunter Haut. Sein offenes weißes Baumwollhemd flatterte. Er hatte es nicht in die Hose gesteckt. Über die Schulter trug er, lässig am Zeigefinger aufgehängt, ein schwarzes Jackett. Es war aus dem gleichen Stoff wie seine Hose. Schuhe hatte er keine an. Der Mann war barfuß. Im Vorbeigehen schenkte er der Statue einen kleinen Seitenblick. Ein überlegenes Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

Er musste aus derselben Richtung gekommen sein, in die Vicky geradelt war. Trotzdem war sie ihm nicht begegnet.


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Lucy May lebt in London und ist eine begeisterte Fußgängerin und Radfahrerin. Menschen, Gebäude, Denkmäler und Tiere, die sie unterwegs sieht, bringen sie auf Ideen. Sie arbeitet einen Teil der Woche in der Online-Redaktion eines Lifestyle-Magazins. An den übrigen Tagen schreibt sie an ihren Büchern, oft in einem winzigen Cottage am Meer in Margate/Kent. Ihr Freund und ihr Kater Prince sind immer dabei.