Eine Sehnsucht im Herzen

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Kapitel 1

 

Shetlandinseln, Mai 1833

 

Emma Van Court Chesterton hatte einen schlechten Tag.

Nicht, dass dieser Tag wesentlich schlimmer gewesen wäre als jeder andere, wohlgemerkt. Sie kannte jetzt seit fast einem Jahr nichts anderes. Oh, es hatte innerhalb dieser zwölf Monate den einen oder anderen guten bis mittelmäßigen Tag gegeben, aber im Großen und Ganzen hatten die schlechten überwogen.

Sie wusste nicht genau, was sie getan hatte, um eine solche Pechsträhne zu verdienen. Sie hatte jeden einzelnen Halfpenny aufgehoben, den sie gefunden hatte, und darauf geachtet, unter keiner Leiter hindurchzugehen.

Nicht etwa, dass sie an solche Sachen glaubte. So etwas war rückständig und abergläubisch.

Aber um ganz sicher zu gehen, war sie erst in der vergangenen Woche zum Wunschbaum gegangen und hatte Stuarts Hausschuhe an den Stamm genagelt. Von ihren eigenen Schuhen konnte sie kein Paar entbehren, und Stuart würde seine ohnehin nicht mehr brauchen.

Aber als sie am nächsten Morgen aufwachte, stellte sie fest, dass die Schuhe kein bisschen genützt hatten. Ihre Pechsträhne ging unerbittlich weiter.

Der Hahn war wieder einmal ausgerissen.

Sie wurde vom Pech verfolgt, das war die einzige Erklärung. Ein Blick aus ihrem Schlafzimmerfenster verriet ihr, dass der Tag schon weit fortgeschritten war. Der bleierne Himmel war hell genug, um darauf hinzuweisen, dass der Morgen schon mindestens vor einer Stunde angebrochen war, aber es hatte sie kein Hahnenschrei geweckt.

Sie war also spät dran. Wieder einmal.

Die Vorstellung, die Bettdecke zurückzuschlagen und den Tag in Angriff zu nehmen, war nicht unbedingt verlockend. Emma blieb nach dem Aufwachen eine volle Minute liegen und fragte sich, ob es sich überhaupt lohnte, einen Fuß aus dem Bett zu setzen. Erst das ungeduldige Winseln ihres Bettgenossen – ein freundlicher Hund unbestimmter Rasse, aber mit unleugbarem Charme, den Emma vor einer Woche von den Docks gerettet hatte – trieb sie schließlich aus den Federn.

Besser, sich einem wenig vielversprechenden Tag zu stellen, dachte sie bei sich, als zu riskieren, dass ihrem neuen Gast ein Malheur passierte.

Hastig schlüpfte Emma in Hausschuhe und Morgenmantel, während der Hund – eigentlich eine Hündin, die in Emmas zugegebenermaßen unerfahrenen Augen jeden Moment Junge bekommen würde –, aufgeregt um ihre Knöchel herumwuselte, wobei er in freudiger Erregung, endlich nach draußen zu dürfen, mehrmals an die Schienbeine seiner neuen Herrin stieß.

Als Emma die Haustür öffnete, um den Hund hinauszulassen, stellte sie fest, dass alles noch schlimmer – viel schlimmer – war, als sie erwartet hatte. Nicht nur, dass ihr Hahn weggelaufen war, fiel noch dazu Regen, schwerer, undurchdringlicher Frühlingsregen, der den Garten um ihr Häuschen in eine Sumpflandschaft verwandelte. Während der Nacht war auf See ein Sturm aufgezogen, der jetzt mit aller Kraft über die kleine Hebrideninsel tobte.

Nach einem halben Dutzend Schneestürmen seit Oktober war der Anblick von ganz normalem, kräftigen Regen nicht direkt unwillkommen. Emmas Freude über den Frühlingsschauer wurde allerdings durch die Vorstellung getrübt, dass sie sich durch dieses Unwetter kämpfen musste, um ins Dorf zu gelangen, wo ein Dutzend Kinder in der Schule darauf warteten, dass sie ihnen Unterricht gab.

Emma war nicht die Einzige, die den strömenden Regen mutlos betrachtete. Ihr kleiner Gast setzte zögernd eine Pfote in den Matsch und drehte sich dann zu Emma um, als wollte er sagen: Muss ich? Muss ich wirklich?

Aber genau in diesem Moment wurde der vertrauensvolle, leicht ratlose Gesichtsausdruck misstrauisch, und ein tiefes Knurren drang aus der Kehle der Hündin, das Emma anzudeuten schien, dass nicht nur die Abneigung gegen die Nässe der Grund war. Sie folgte der Blickrichtung des Tieres und entdeckte eine massige Gestalt, die reglos im Schatten unter dem Vorsprung des Strohdachs stand.

»Du lieber Gott«, murmelte Emma und legte eine Hand auf ihre Brust. Ihr Herz fing laut zu pochen an. Wirklich, sagte sie sich, das ist einfach zu viel! Dass man mir vor meinem eigenen Cottage auflauert, während ich noch im Morgenmantel bin … du meine Güte! Und es passierte auch nicht zum ersten Mal. So geht es nicht. So geht es ganz einfach nicht, dachte sie.

Sie öffnete die Augen, die sie geschlossen hatte, um ein kurzes, stummes Dankgebet zu sprechen, dass sie diesen speziellen Eindringling zumindest kannte, und sah die unbewegliche Gestalt an.

»Also wirklich, Mr. MacEwan«, sagte sie mit leicht schlaftrunkener Stimme. »Was machen Sie hier draußen im Regen? Sie haben mich beinahe zu Tode erschreckt.«

Der Riese – denn das war er tatsächlich, ein Riese von eins achtundneunzig, der zusammen mit seiner betagten Mutter auf einem benachbarten Bauernhof lebte – neigte den Kopf. Das Regenwasser, das sich in seiner Hutkrempe gesammelt hatte, ergoss sich in einem Schwall über die Kappen seiner schweren Stiefel.

»Morgen, Mrs. Chesterton«, sagte er in seinem breiten schottischen Akzent und machte ein betretenes Gesicht. »Ich wollte Ihnen keine Angst machen. Ich … ich bringe Ihnen Ihren Hahn zurück.«

Erst jetzt fiel Emma auf, dass ein magerer, leicht zerzauster Vogel unter Cletus MacEwans Arm steckte.

»Ach herrje«, sagte sie. »War er wieder hinter Ihren Hennen her, Mr. MacEwan? Es tut mir ja so leid …«

»Schätze, er hat vergessen, dass er nicht mehr dort lebt.«

Cletus setzte den Hahn auf den Boden. »Aber ich glaube nicht, dass er wieder weglaufen wird. Unser Charlie hat ihm ganz schön Beine gemacht. Wundert mich, dass Sie das Gekreische der beiden nicht bis hierher gehört haben.«

Emma musterte den Hahn, der unter den dürftigen Schutz des Vordachs flüchtete und dann hochmütig im harten Boden scharrte, als hätte er keine Ahnung, dass von ihm die Rede war, finster.

»Nein, ich habe nichts gehört«, erwiderte Emma, »und deshalb bin ich heute spät dran. Ich danke Ihnen herzlich, Mr. MacEwan, dass Sie ihn mir zurückgebracht haben.«

Cletus nickte. »Tja, ich denke, ab jetzt bleibt er hier, nach den Hieben, die Charlie ihm versetzt hat.« Dann streckte er verlegen den anderen Arm aus, an dem ein Korb hing, dessen Inhalt mit einem blau-weiß-karierten Tuch bedeckt war.

»Hätte ich fast vergessen«, sagte er. »Meine Mam hat sie gerade gemacht. Scones. Ganz frisch aus dem Backofen.«

Emma nahm den Korb aus seinen schwieligen, wettergeröteten Händen und stellte fest, dass er wieder einmal seine Handschuhe vergessen hatte. Der erste wärmere Frühlingstag und schon ließ Cletus MacEwan seine Handschuhe zu Hause, ohne wie Emma daran zu denken, dass sich das Wetter auf den Shetlands nicht immer an den Kalender hielt. Es konnte mitten im Winter sommerlich warm sein und mitten im Mai kalt wie im Februar, so wie heute.

»Oh, Mr. MacEwan«, sagte sie, wobei sie die Stimme hob, damit er sie trotz des stetigen Rauschens des Regens verstehen konnte. »Vielen, vielen Dank. Aber ich wünschte, Sie hätten das nicht getan …«

Emma wollte nicht einfach höflich sein. Sie wünschte wirklich, er hätte es nicht getan. Obwohl ihr Mrs. MacEwans Gebäck eindeutig lieber war als das Präsent der vorigen Woche – ein frisch geschlachtetes Schwein –, war es trotzdem zu viel. Cletus MacEwan war Emmas ergebenster und körperlich eindrucksvollster Verehrer, aber auch der, dem es am meisten an gesundem Menschenverstand mangelte.

»Sie werden mit Ihrer Arbeit nicht nachkommen, wenn Sie mir jeden Morgen etwas zum Frühstück bringen«, tadelte sie ihn milde.

Cletus lächelte sie nur, mit dem vertrauensvollen, freundlichen Lächeln eines Kindes an. Und er war tatsächlich noch sehr jung, achtzehn Jahre alt, und somit ein Jahr jünger als Emma.

»Meine Mam sagt, wir müssen schauen, dass Sie ordentlich essen«, antwortete Cletus. »Sie sagt, dass Sie zu dünn geworden sind und dass Sie noch ganz von Kräften kommen, wenn Sie nicht …«

»Ja, ja, schon gut«, unterbrach Emma ihn. Mrs. MacEwans düstere Prophezeiungen kannte sie zur Genüge. Mit Emmas Gesundheit stand alles zum Besten, aber Cletus’ Mutter prahlte gern vor ihren Freundinnen in der Stadt mit ihren Bemühungen, die »arme Witwe Chesterton« aufzupäppeln. Es konnte kein Zweifel bestehen, dass gute Nachbarschaft nicht der einzige Grund war, der hinter Mrs. MacEwans Fürsorge steckte. Sie hatte ein handfestes Motiv, und dieses Motiv stand jetzt eben vor Emmas Augen und zitterte in seinen nassen Sachen wie ein Lamm vor der Schlachtbank.

Unter normalen Umständen zeigte Emma keinem ihrer zahlreichen Verehrer besonderes Entgegenkommen. An diesem Tag jedoch beschloss sie, eine Ausnahme zu machen. Vielleicht lag es an dem Anblick von Cletus MacEwans aufgesprungenen Händen, vielleicht auch an dem köstlichen Duft der Scones, die seine Mutter gebacken hatte. Wie auch immer, Emma entschied, ihn ins Haus zu bitten, und sagte deshalb freundlich: »Wollen Sie nicht hereinkommen, Mr. MacEwan?« Sie trat beiseite, um ihn eintreten zu lassen.

Cletus MacEwan brauchte keine weitere Aufforderung. Schnell wie der Blitz duckte er sich unter dem niedrigen Türrahmen hindurch und baute sich in ihrem Wohnzimmer auf.

»Sehr nett von Ihnen, Ma’am«, sagte er und neigte erneut den Kopf, wobei es ihm gelang, einen Schwall Wasser auf ihrem sauberen Holzboden zu verteilen. »Vielleicht kann ich auf eine Tasse Tee bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

Emma beobachtete lächelnd, wie ihr Nachbar dem Kamin zustrebte. Cletus MacEwan war zwar nicht sehr aufgeweckt, aber als Nachbar ganz nützlich, hatte sie festgestellt, vor allem, wenn es darum ging, ein Hühnchen für ihr Abendessen zu schlachten, eine Aufgabe, für die Emma weder Talent noch Neigung hatte.

Aber diese Eigenschaft erweckte in ihr nicht den Wunsch, ihn zu heiraten. Emma hatte nicht den Wunsch, überhaupt zu heiraten.

Und das war die Wurzel all ihrer gegenwärtigen Probleme – den Hahn nicht eingeschlossen.

Der hellbraune Mischling, den Emma am Vorabend beschlossen hatte, nach der Figur eines Romans, den sie gerade las, Una zu nennen, hatte sein Geschäft erledigt und kehrte eilig in die Wärme des Hauses zurück. Emma trat beiseite, um nicht von den Wassertropfen besprüht zu werden, die in alle Richtungen spritzten, als Una ihr Fell ausschüttelte.

Als Emma in ihrem Schlafzimmer gerade damit kämpfte, ihr Haar zu bändigen – ein Kampf, der Tag für Tag zwischen den dicken blonden Locken, die ihren Kopf wie ein Heiligenschein umrahmten, und der steifen Rosshaarbürste stattfand, die dieser Aufgabe nicht im Geringsten gewachsen zu sein schien –, blickte sie zufällig auf und bemerkte etwas Ungewöhnliches.

In ihrem Gemüsegarten stand ein Leichenwagen.

Emma, die mehrere Haarnadeln, mit denen sie den Knoten auf ihrem Kopf zu befestigen versuchte, zwischen den Zähnen hielt, hätte diese beinahe verschluckt, als sie das lange schwarze Gefährt entdeckte. Die schäbige Kutsche – das einzige Fahrzeug des entlegenen Inseldorfes, das über eine Art Dach verfügte – wurde von einem Zweiergespann gezogen und beide Pferde schnupperten an Emmas Kohlköpfen, die eben erst zaghaft aus dem Boden sprossen.

Emma, deren Hände vor Überraschung wie festgefroren über ihrem Kopf verharrten, starrte den Wagen an. Was in aller Welt hatte der Leichenwagen des Dorfes in ihrem Gemüsegarten verloren? Hier in der Gegend hatte es keine Todesfälle gegeben – zumindest keine, von denen Emma gewusst hätte. Emmas Cottage lag auf einer einsamen Klippe über der See. Ihre nächsten Nachbarn, Cletus MacEwan und seine Mutter, lebten beinahe eine Meile weiter unten an dem steilen Abhang, der zum Anwesen der Chestertons führte. Mr. Murphy, der Besitzer des Wagens, konnte unmöglich glauben, dass einer der beiden MacEwans tot war. Und auch sie selbst war ganz offenkundig am Leben.

Zugegeben, Stuart, Emmas Ehemann, war gestorben, aber das lag sechs Monate zurück. Und auch wenn Mr. Murphy gern ein Glas zu viel trank, konnte nicht einmal er vergessen haben, dass er diese schicksalhafte Fahrt bereits gemacht hatte.

Außer – Emma ließ die Arme sinken, als sich ein kaltes Grauen in ihr regte – außer, Samuel Murphy wäre aus einem ganz anderen Grund hier. Nicht, um eine Leiche abzuholen, sondern um sich der Schar von Verehrern anzuschließen, die ihr wie Cletus MacEwan so eifrig den Hof machten, seit sich die Kunde von ihrer ungewöhnlichen Erbschaft auf der Insel herumgesprochen hatte.

»Oh nein!«, sagte Emma laut. Una, die zu ihren Füßen lag und glaubte, Emma spräche mit ihr, wedelte freudig mit dem Schwanz. »Nicht Mr. Murphy! Oh, bitte nicht auch noch Mr. Murphy!«

Schlimm genug, dass Cletus MacEwan jeden Morgen auf ihrer Türschwelle stand. Schlimmer noch, dass sie jedes Mal, wenn sie ins Dorf kam, von heiratswilligen Junggesellen aller Altersgruppen und Arten belagert wurde, von denen etliche Fischer waren und versuchten, sie mit ihrem Tagesfang zu beeindrucken.

Aber all das wäre nichts, rein gar nichts, im Vergleich zu der Aussicht, tagein, tagaus von einem großen schwarzen Leichenwagen verfolgt zu werden, dessen Dach noch dazu mit einer schwarzen Rüsche verziert war!

Wild entschlossen, diesem Schicksal zu entgehen, trat Emma an ihr Bett, wo sie am Vorabend ihren Schal abgelegt hatte. Während sie das schwere Wolltuch um ihre Schultern warf, marschierte sie aus dem Schlafzimmer und ging direkt zur Haustür, ohne dem Hünen, der vor dem munteren Feuer in ihrem Kamin kauerte, auch nur einen Blick zu gönnen.

Die Vordertür ihres Häuschens war in der Hälfte unterteilt, sodass Emma den oberen Teil öffnen konnte, um im Frühling und Sommer die frische Brise vom Meer zu genießen, ohne zu riskieren, dass die Tiere, die sich in ihrem Garten herumtrieben, ins Haus kamen. Auch jetzt stieß sie die obere Hälfte auf und spähte durch den Regen zu dem schwarzen Gefährt und dem einsamen Lenker auf dem Kutschbock, dem die Nässe nichts auszumachen schien.

Emma holte tief Luft und schrie durch das unablässige Prasseln des Regens: »Samuel Murphy! Was haben Sie da zu suchen? Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund dafür, mein Gemüsebeet mit Räderfurchen zu durchziehen!«

Sie hörte, wie sich Cletus MacEwan hinter ihrem Rücken bewegte.

»Murphy?«, rief er ungläubig. »Was will der denn hier?« Obwohl er die Frage nicht gehört haben konnte, tippte Mr. Murphy, der auf dem Kutschbock des Wagens saß, höflich an die Krempe seines durchnässten Hutes und rief zurück: »Ich hab hier Besuch für Sie, Mrs. Chesterton!«

Erst jetzt fiel Emma auf, dass jemand im Wagen saß. Da in Faires niemand mit diesem traurigen Vehikel fahren würde, wenn er nicht gerade der Länge nach in einer Kiste aus Fichtenholz lag und in der Angelegenheit nichts mehr zu sagen hatte, war es verständlich, dass Emma diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen hatte. Aber bei einem wahren Wolkenbruch wie dem, den sie gerade erlebten, würde jemand, der nicht bis auf die Haut nass werden wollte, auf das einzige geschlossene Fahrzeug in dieser Gegend zurückgreifen müssen.

Und dieses Fahrzeug war natürlich Samuel Murphys Leichenwagen.

»Es ist MacCreigh.« Cletus richtete sich auf. Er musste den Kopf einziehen, um nicht an die Dachbalken zu stoßen. Emma, die Angst um ihre Porzellanteller hatte, die auf den oberen Regalen der Anrichte in der Ecke standen und dazu neigten, bedrohlich zu klappern, wenn Cletus MacEwan über den Boden stapfte, streckte beide Arme nach ihm aus.

»Bitte, Mr. MacEwan«, sagte sie begütigend. »Setzen Sie sich doch. Es gibt keinen Grund zu der Annahme …«

Angesichts seines verstörten Gesichtes und der Tatsache, was er von Lord MacCreigh hielt, der sie ein-, zweimal in ihrem Cottage besucht hatte – wenn auch nicht so früh am Morgen –, überraschte es Emma nicht sonderlich, als er ihr ins Wort fiel.

»Es ist MacCreigh, sage ich Ihnen!«, beharrte Cletus, gehorchte jedoch, indem er blieb, wo er war. »So sicher, wie ich hier stehe. Zu verweichlicht, dieser Dandy, um wie normale Menschen im Regen auf seinem Pferd zu reiten, und deshalb musste er Murphys Leichenwagen mieten!«

Emma stellte fest, dass sie unverzüglich handeln musste, um ihr Porzellan zu retten. Bei einer Pechsträhne wie der ihren, durfte sie kein Risiko eingehen. Daher wandte sie ihr Gesicht wieder dem Regen zu und rief dem Passagier in der Kutsche zu: »Also wirklich, Lord MacCreigh, ich bin sehr erstaunt. Ich dachte, ich hätte unmissverständlich klar gemacht, dass meine Antwort …«

Noch während sie sprach, schwang der Wagenschlag langsam auf und gab den Blick auf das Innere der Kutsche und einen großen Mann in einem schweren, pelzbesetzten Mantel frei. Er stieg etwas steifbeinig aus, was nicht weiter verwunderlich war, da das Innere von Murphys Wagen nicht dem Komfort der Lebenden, sondern dem der Toten diente.

Emma stellte fest, dass ihr Besucher keineswegs Lord MacCreigh war.

Abgesehen von der Tatsache, dass Lord MacCreigh entgegen Cletus’ Behauptung durchaus nicht so verweichlicht war, um wegen eines kleinen Schauers, Murphys Kutsche zu mieten – er war ein passionierter Reiter, dem schlechtes Wetter nichts auszumachen schien –, sah dieser Mann ganz anders aus als ihr unerbittlichster Verehrer. Der Mann hier war, im Gegensatz zu Geoffrey Bain, Baron von MacCreigh, der rote Haare hatte und einen Schnurrbart trug, dunkelhaarig und glattrasiert, und unter seinem Mantel trug der Mann beige Hosen und eine grüne Satinweste; Geoffrey Bain hingegen kleidete sich, seit er im Vorjahr von seiner jungen Verlobten verlassen worden war, stets in Schwarz. Obwohl das Alter – dreißig – und die Größe – ein wenig über eins achtzig – ungefähr hinkamen, waren die beiden Männer in jeder anderen Hinsicht absolut gegensätzlich.

Dieser Mann war Emma fremd. Und das an sich war schon seltsam, da nie Fremde nach Faires kamen.

Und schon gar nicht, um sie zu besuchen.

Hier musste ein Irrtum vorliegen. Ja, natürlich, das musste es sein. Denn falls sich die Neuigkeit ihrer Erbschaft nicht auf dem Festland verbreitet hatte, und Emma betete inständig, dass es so wäre, gab es keinen, nicht den geringsten Grund, warum ein Fremder sie aufsuchen sollte.

Der Mann ging auf das Cottage zu, und Emma, die zum ersten Mal sein Gesicht sehen konnte, stellte mit sinkendem Mut fest, dass dieser Tag einer der schlechtesten zu werden versprach.

Der Mann war kein Fremder, ganz und gar nicht.

 

 

Kapitel 2

 

»Oh Gott«, murmelte Emma, und ihre Hände, die auf der unteren Türhälfte lagen, verkrampften sich.

Sie erkannte ihn sofort. Die Ähnlichkeit zwischen diesem Mann und ihrem verstorbenen Gatten war schon immer verblüffend gewesen: Die unangenehm durchdringenden grünbraunen Augen, das dunkle Haar, eine Spur länger, als es der Mode entsprach – oder zumindest bei Emmas letztem Aufenthalt in London der Mode entsprochen hatte – und das, was bei einem Mann im Allgemeinen als auffallend gutes Aussehen galt … eine breite, glatte Stirn, schmale, markante Kiefer, Grübchen im Kinn.

Obwohl James von jeher der größere von beiden gewesen war – beinahe einen Kopf größer als Stuart und mit entsprechend breiteren Schultern –, war es Stuart gewesen, hinter dessen schmächtigeren äußeren Erscheinung die geistig gefestigtere Seele wohnte. Das hatte Emma jedenfalls geglaubt.

»Oh mein Gott«, sagte sie wieder. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet.

Cletus, der immer noch hinter ihr stand, kam in Bewegung. Das Porzellan auf dem Regal schepperte laut. »Das reicht«, verkündete der junge Landmann. »Er ist ein toter Mann, Baron hin oder her.«

Emma merkte zu spät, dass sie laut gesprochen hatte. Und obwohl es ihr vielleicht nicht unangenehm gewesen wäre, wenn der Earl von Denham eine anständige Tracht Prügel von ihrem kräftigen jungen Nachbarn bezogen hätte, würde sich der Mord an einem Mitglied des Hochadels in ihrem Wohnzimmer vor den hiesigen Gesetzesvertretern möglicherweise schwer erklären lassen – und sie wollte wirklich nicht noch eine Leiche auf dem Gewissen haben.

Emma wirbelte herum und hob beide Hände, um Cletus, der im Sturmschritt zur Tür stapfte, aufzuhalten. Ihre Finger prallten auf eine Mauer von Fleisch. Genauso gut hätte man versuchen können, einen gereizten Bullen aufzuhalten, wie Cletus MacEwan daran zu hindern, genau das zu tun, was er wollte. Dennoch stemmte Emma beide Füße fest auf die Bodendielen und rührte sich nicht von der Stelle.

»Nein, nein, Mr. MacEwan«, sagte sie schnell. »Das ist nicht Lord MacCreigh. Er ist es wirklich nicht.«

Cletus’ dunkle Augenbrauen stießen über seiner Nase zusammen. »Ach, ist er nicht?«, fragte er ungläubig. Offensichtlich dachte er, dass sie ihn beschwindelte. »Wenn es nicht MacCreigh ist, wer dann?«

»Niemand«, sagte sie. »Niemand, der Sie etwas angeht, meine ich.«

Gott, war er stark! Wie eine Dampfwalze drohte er sie zu überrollen. Cletus MacEwan war viel zu sehr Gentleman, um sie ohne ihre Erlaubnis zu berühren, aber in seinem Eifer, es dem Mann zu zeigen, in dem er einen Rivalen sah, packte er sie bei den Schultern und versuchte, so gut er es konnte, ohne ihr wehzutun, sie aus dem Weg zu schieben. Emma, die entschlossen war, ihn nicht durchzulassen, wich keinen Zentimeter.

»Wirklich, Mr. MacEwan«, sagte sie. Sie sprach jetzt mit zusammengebissenen Zähnen und ihre Arme zitterten von der Anstrengung, ihn daran zu hindern, den Earl umzubringen, sowie er das Haus betrat. »Sollten Sie jetzt nicht lieber nach Hause gehen? Ich bin sicher, Ihre Mutter macht sich schon Sorgen um Sie …«

Die tiefe Stimme ertönte früher, als sie erwartet hatte. Und es war tatsächlich eine tiefe Stimme, viel tiefer, als sie sie in Erinnerung hatte, ein grollender Bass, der keinen Widerspruch duldete. Diese Stimme schien die Bodenbretter genauso heftig zu erschüttern wie Cletus MacEwans Füße.

»Was«, dröhnte James Marbury, »hat das zu bedeuten?«

Emma hob den Kopf. Durch ein Gewirr von Locken hindurch sah sie den Earl von Denham mit ungläubiger Miene auf der anderen Seite der Tür stehen. Mit einem kleinen Stöhnen senkte Emma den Kopf und mühte sich nach Kräften ab, Cletus zu bändigen.

Und dann, noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, wurde sie aus Cletus MacEwans Umklammerung gerissen und höchst unsanft auf die Kissen ihrer Sitzbank gedrückt.

Wirklich. Genau so war es … oder zumindest kam es ihr so vor. Gerade hatte sie noch versucht, Cletus daran zu hindern, den Verwandten ihres Ehemannes umzubringen, im nächsten Moment saß sie auf der Bank, und Una kläffte die beiden Männer wütend an.

Cletus MacEwan, der seit vier Jahren Meister im Baumstammwerfen war, der größte und kräftigste Mann der Insel, geriet unter einem Schlag ins Gesicht ins Wanken und taumelte …

Direkt in Emmas Anrichte.

»Nein!« Emma sprang auf und stürzte sich auf den Earl von Denham, der gerade zum zweiten Schlag ausholte. Er hielt inne, um ihr ein Lächeln zu schenken, ein charmantes Lächeln, das durch den unerwarteten warmen Schimmer in seinen grünbraunen Augen noch überzeugender wirkte.

»Keine Angst, Emma«, sagte James Marbury galant. »Ich werde diesem jungen Tölpel beibringen, seine Hände bei sich zu behalten.«

»Aber …«

Zu spät. Cletus, der vom ersten Schlag noch immer benommen war, sah den zweiten nicht einmal kommen. Starr vor Entsetzen beobachtete Emma, wie ihre Anrichte unter seinem enormen Gewicht zusammenbrach. Die Porzellanstapel schwankten hin und her und krachten dann zu Boden.

Als Erstes fielen die Suppenteller. Dann war der Gewürzständer an der Reihe, gefolgt von den Speisetellern und Desserttellern und schließlich in einem einzigen Rutsch die Teetassen mitsamt Untertassen.

Emma hatte den Eindruck, dass dieses Werk der Zerstörung eine ganze Reihe von Stunden in Anspruch nahm, aber in Wirklichkeit konnten es nur Sekunden gewesen sein, sonst hätte der Earl vermutlich mehr aufgefangen als eine einzelne Teetasse, die er im Flug erwischte, kurz bevor sie sich zu den anderen gesellte, die in einem Scherbenhaufen rund um den der Länge nach ausgestreckten Cletus MacEwan lagen.

Als das letzte Stück Porzellan mit lautem Klirren zerbrach, stützte sich Cletus stöhnend auf seine Ellbogen und sah sich verdattert um. »Was war das?«, fragte er, während er Porzellansplitter von sich abschüttelte.

Emma starrte auf den Trümmerhaufen, der einmal ein komplettes Service für acht Personen gewesen war, schönes weißes Porzellan, an den Rändern mit einer handgemalten Rosengirlande verziert. Abgesehen von der Tasse, die der Earl in der Hand hielt, war kein einziges heiles Stück übrig geblieben. Una schnüffelte zu ihren Füßen herum, bevor sie sich setzte und die beiden Männer missbilligend fixierte.

James brach das Schweigen. Er drehte die Tasse um und musterte mit hochgezogenen Augenbrauen die Unterseite.

»Limoges«, las er. »Eine schöne Arbeit.«

Mehr als diese beiläufige Bemerkung war nicht erforderlich. Emma explodierte. Weil es so typisch für ihn war. Es war typisch für James Marbury, den neunten Earl von Denham, das Einzige von Wert, das sie besaß, zu zerstören, so wie er es schon einmal getan hatte, vor einem Jahr.

Sie stürmte vor und riss ihm die Tasse aus den Fingern.

»Ja«, schrie sie. Sie schrie tatsächlich, aus voller Kehle. »Es war wirklich eine schöne Arbeit! Zumindest, bis Sie hier hereinplatzen und alles zu Bruch schlagen mussten!«

Der Earl blinzelte sie an. Sie hatte den Eindruck, dass er einigermaßen verblüfft war, aber sie war zu wütend, um sich Gedanken um seine Verfassung zu machen.

»Hereinplatzen?«, echote er, als hätte sie ihn bis ins Mark getroffen. »Ich bitte um Verzeihung, Emma, aber als ich zur Tür kam, hatte ich den Eindruck, dass Sie angegriffen wurden. Entschuldigen Sie, wenn ich mich wie ein Ehrenmann verhalten und versucht habe, Sie zu beschützen!«

Emma starrte ihn vernichtend an. »Ich habe versucht, Sie zu beschützen, Sie ahnungsloser Engel! Sie wollte er angreifen, nicht mich.«

»Mich?« James zog die Augenbrauen hoch und musterte Cletus, der sich gerade aufsetzte und zusammenzuckte, weil er sich an einer Scherbe verletzt hatte. »Warum in aller Welt wollten Sie mich angreifen?«, herrschte der Earl ihn an. »Ich kenne Sie nicht einmal!«

Cletus blickte erschrocken auf. »W… was?«, stammelte er. Er hatte sich noch nicht ganz von den Schlägen erholt und schüttelte sich ein paar Mal, bevor er weitersprechen konnte. »Ich … ich wusste nicht, dass Sie es sind, Sir. Ich dachte, es wäre Lord MacCreigh.«

»Lord MacCreigh?« James wandte sich zu der Witwe seines Cousins um. »Wer ist dieser MacCreigh?«

Aber Emma schüttelte nur den Kopf und starrte niedergeschlagen auf den Trümmerhaufen auf ihrem Fußboden.

»Das Service war ein Hochzeitsgeschenk«, sagte sie bekümmert, »das einzige Hochzeitsgeschenk, das Stuart und ich bekommen haben, wie ich vielleicht hinzufügen darf. Und jetzt ist es kaputt, ruiniert, dank Ihrer Borniertheit!«

»Borniertheit!«, platzte der Earl heraus. »Also wirklich!«

»Es ist kaputt. Es ist alles kaputt. Sehen Sie doch.«

Emma war nicht unbedingt der Typ Frau, der über zerbrochenes Porzellan weinte, aber es ließ sich nicht leugnen, dass einen Moment lang Tränen in ihre Augen traten, als sie auf die Teetasse in ihrer Hand starrte. Sie erinnerte sich noch lebhaft an den Tag, an dem das Service in einer Holzkiste mit dem Stempel »Limoges, France« eingetroffen war, und wie aufgeregt und glücklich sie gewesen war, als sie jedes einzelne wunderschöne Stück behutsam aus der Holzwolle gehoben hatte.

Stuart hatte sie deswegen natürlich getadelt. Ihm hatte an materiellem Besitz nie etwas gelegen. Das war einer der Gründe, warum Emma sich in ihn verliebt hatte, eine der vielen Eigenschaften, die ihn so hoch über jeden anderen Mann stellten, dem sie in ihrem Leben begegnet war. Stuart war immer ein wahrhaft vergeistigter, wahrhaft gebender Charakter gewesen. Nie hatte sie jemanden kennengelernt, dem es so viel bedeutete, den weniger vom Glück Gesegneten zu helfen und nach dem Wort des Herrn zu leben, wie Stuart. Sie hatte sich verzweifelt bemüht, wie Stuart zu werden, ihre Gedanken auf geistige, nicht materielle Dinge zu richten …

Aber wie in so vielem, was Stuart betraf, hatte sie auch darin versagt.

Das Limoges-Porzellan war ein gutes Beispiel. Wie sehr hatte sie es geliebt, ihre neuen Teller in den Himmel zu halten, damit die Sonne hindurchscheinen konnte. Es war wie Zauberei, hatte sie gefunden. Und wenn Stuart anfing, ihr die chemischen Prozesse bei der Herstellung von Porzellan zu erklären, hatte sie ihre Ohren verschlossen – natürlich nicht so, dass Stuart es merkte – und stattdessen lieber weiter an Zauberei geglaubt.

Nur, dass jetzt dank James Marbury der Zauber verschwunden war.

Der Earl von Denham räusperte sich. »Sagen Sie mir den Namen des Dekors, Emma«, sagte er, »und ich sorge dafür, dass das Service ersetzt wird.«

Zornig auf sich selbst, weil ihr so viel an diesem albernen Service lag, noch mehr aber, weil sie sich eine Schwäche vor James anmerken ließ, einem Mann, mit dem sie nie wieder hatte sprechen wollen, wie ihr jetzt einfiel, tupfte sie sich die Augenwinkel an ihrem Ärmel trocken.

»Vergessen Sie es«, sagte sie. »Es ist nicht wichtig.«

James beharrte eigensinnig: »Es ist wichtig. Wenn Sie mir einfach …«

»Ich habe doch gesagt, es ist nicht wichtig. Nur …« Emma, deren Tränen getrocknet waren, blickte auf. »Was machen Sie eigentlich hier? Ich dachte …«

Ein Stöhnen von Cletus unterbrach sie. Er hatte es geschafft, die Porzellanscherben aus seinen Sachen zu klopfen, und versuchte jetzt etwas unsicher auf die Beine zu kommen. Emma stellte die verbliebene Teetasse auf den Kaminsims und eilte zu ihm, um ihm zu helfen.

»Alles in Ordnung, Mr. MacEwan?«, fragte sie. »Sind Sie verletzt?«

»Nein, nein.« Cletus, der sich eher in seinem Stolz verletzt fühlte, drehte sich um und begutachtete den Trümmerhaufen, der einmal Emmas Anrichte gewesen war. »Mrs. Chesterton!«, rief er erstaunt. »Bin ich das etwa gewesen?«

Emma sagte: »Keineswegs. Das war der da.« Sie warf einen vernichtenden Blick in James’ Richtung, der dem Landmann allerdings völlig entging, da er die Trümmer immer noch entsetzt anstarrte.

»Oh Mann«, hauchte Cletus. »Ich bau Ihnen etwas Neues, Mrs. Chesterton. Ehrenwort. Eine brandneue Anrichte. Die wird besser als die alte, mein Wort drauf.«

»Danke, Mr. MacEwan.« Emma bückte sich, um seinen Hut aufzuheben, klopfte ihn ab und reichte ihn Cletus. »Und jetzt gehen Sie lieber, denke ich.«

Cletus nahm seinen Hut, dankte ihr aber nicht. Stattdessen richtete er einen feindseligen Blick auf den Earl. »Was ist mit ihm?«, fragte er grob.

Emma verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: »Was soll mit ihm sein, Mr. MacEwan?«

»Na ja.« Cletus scharrte verlegen mit seinen riesigen Füßen. »Wer ist das überhaupt?«

»Das ist der Cousin des verstorbenen Mr. Chesterton«, antwortete Emma. »Der Earl von Denham.«

»Oh Mann!« Der kräftige junge Mann wirkte beeindruckt. Er fing an, seinen Hut nervös in den Fingern zu drehen. »Ein Earl«, murmelte er ehrfürchtig. »Ich hätte beinahe einen Earl niedergeschlagen.«

»Ja.« Emma presste die Lippen zusammen, nahm Cletus beim Arm und versuchte ihn zur Tür zu lotsen. »Gehen Sie jetzt heim, Mr. MacEwan, und vergessen Sie nicht, alles Ihrer Mutter zu erzählen.« Damit sie ins Dorf laufen und es jeder Menschenseele weitersagen kann, die sie trifft, fügte Emma bei sich hinzu. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, in einem Ort von Faires’ Größe etwas geheimhalten zu wollen. Es war besser, alles so schnell wie möglich bekannt zu machen, und in dieser Beziehung war Cletus MacEwans Mutter sehr verlässlich, wie Emma in den letzten Monaten gelernt hatte.

»Ein Earl«, murmelte Cletus ein letztes Mal, als Emma ihn in den Regen hinaus drängte. Er hatte den Blick nicht ein einziges Mal von James gewandt, während sie miteinander sprachen, und er dachte auch nicht daran, seinen Hut aufzusetzen. Erst als Emma energisch die Tür hinter ihm schloss, schien er wieder zu sich zu kommen, und dann sah sie durch das Fenster, wie er langsam zum Leichenwagen schlurfte. Mr. Murphy, stellte sie fest, war in das elende Gefährt gestiegen, zweifellos, um es sich dort mit einer Flasche Whisky gemütlich zu machen, während er auf die Rückkehr seines begüterten Fahrgastes wartete. Diese illustre Persönlichkeit würde den beiden Inselbewohnern Mr. Murphy und Cletus MacEwan wahrscheinlich Gesprächsstoff für etliche Monate liefern.

Emma hingegen hätte ihr letztes heiles Stück Limoges-Porzellan geopfert, wenn James ihr Haus dafür für immer verlassen hätte. Ein verstohlener Blick in James’ Richtung verriet ihr, dass er nicht den Eindruck machte, als wollte er irgendwohin gehen. Er streifte gerade seine Handschuhe ab – Glacéleder, nahm sie an – und sah sich prüfend im Cottage um. Sicher registrierte er, wie klein es war. Nun, Stuart hatte sich mit seinem Gehalt als Kaplan kein größeres Haus leisten können. Und auch wenn ihr Cottage tatsächlich klein war, war sie stolz darauf, wie ordentlich und hübsch es war. Denn das war es mit seinem pittoresken Strohdach, der grünen Tür und den grünen Fensterläden wirklich. Wenn seine Lordschaft nicht so viel davon hielt wie sie, nun, das war nicht ihr Problem.

Der Esstisch – im Grunde nur eine dicke Holzplatte mit vier Beinen – schien offenbar den hohen Ansprüchen des Earls zu genügen, da James dort seinen Hut mitsamt den Handschuhen ablegte.

Noch eine Minute, dachte Emma, dann zieht er seine Stiefel aus und legt die Füße auf den Kaminrost! Nein, so nicht! Sie würde für diesen Mann nicht die Gastgeberin spielen, nicht nach der Art und Weise, wie er Stuart behandelt hatte. Ganz bestimmt nicht!

Daher sagte sie so kühl, wie es ihr möglich war: »Falls Sie wegen Stuarts Sachen gekommen sind, haben Sie sich für nichts und wieder nichts Umstände gemacht.« Sie ging in die Ecke, wo sie Besen und Schaufel verwahrte, nahm beides und fing an, die Scherben aufzukehren, die einmal ihr Service gewesen waren. »Ich habe seine Kleidungsstücke und alles andere der Kirche gegeben.«

Es schien ein, zwei Sekunden zu dauern, bis ihre Worte zu ihm durchgedrungen waren. Dann fragte James, als wäre er nicht sicher, ob er sie richtig verstanden hatte: »Der Kirche? Sagten Sie, Sie hätten Stuarts Sachen der Kirche gegeben?«

»Ja«, antwortete Emma. Sie begann das Porzellan zusammenzukehren. »Ganz recht.«

»Soll das heißen«, fragte James langsam, »dass jetzt irgendein Stammeshäuptling im tiefsten Afrika in den Hosen meines Cousins herumläuft?«

Emma schaffte es, ihm ein knappes Lächeln zu schenken. »Oh nein. Es gibt genug Bedarf an Männerkleidung unter den Armen hier in Faires.« James’ Blick flog zum Fenster. Aha, dachte sie mit einer Art Triumph. Er hat die karierte Weste also erkannt, die Samuel Murphy trägt.

»Verstehe«, sagte James. Er klang unangenehm berührt. Vielleicht, dachte Emma und ihre Stimmung hob sich ein wenig, vielleicht ärgert er sich so sehr, dass er sofort wieder geht!

Aber diese Absicht schien James nicht zu haben. Aus welchem Grund er auch hier sein mochte – oh, warum, warum bloß war er gekommen? –, es sah nicht so aus, als würde er gehen, bevor er bekommen hatte, was er wollte. Zumindest nicht, falls es als Hinweis gelten konnte, wie er nach einem der vier wackeligen Holzstühle griff und ihn herumdrehte, bis er in ihre Richtung zeigte.

»Lassen Sie das liegen, Emma«, sagte er, »und setzen Sie sich zu mir. Wir haben einiges nachzuholen, Sie und ich. Schließlich ist es ein Jahr her, seit wir einander zum letzten Mal gesehen haben.«

Emma starrte ihn an.

Jetzt, da sie ihn näher anschaute, entdeckte sie, dass die Ähnlichkeit zwischen ihrem Mann und seinem Cousin im Grunde oberflächlich war. Tatsächlich sah der Earl viel besser aus, als Stuart es je getan hatte. Sein Haar war dunkler, sein Blick intensiver, seine Kinnpartie kantiger. Ja, fast kam es Emma so vor, als wäre Stuart, obzwar der jüngere von beiden, ein Rohentwurf seines Cousins gewesen … als wäre ihr Mann Gottes Probeabzug für den Earl von Denham gewesen.

Aber James schien immer noch gleichermaßen von sich überzeugt zu sein. Wer sonst würde einfach unangemeldet vor ihrer Tür stehen und erwarten, dass sie alles stehen und liegen ließ, um ihn zu bewirten?

»Ich fürchte, dazu habe ich im Moment keine Zeit, Lord Denham«, sagte sie knapp, wobei es ihr nur mit Mühe gelang, ruhig und gelassen zu klingen. Sie hoffte aufrichtig, dass er das Bum-Bum-Bum ihres Herzens nicht hören konnte, das viel zu laut in ihren Ohren zu dröhnen schien, seit sie ihn draußen in ihrem Gemüsegarten entdeckt hatte.

»Ich bin ohnehin schon spät dran«, fuhr sie fort. »Also, wenn Sie nicht wegen Stuarts Sachen hier sind, warum dann?«

Er wirkte überrascht. Nun, warum auch nicht? Bestimmt kam es nicht jeden Tag vor, dass eine Frau die Einladung ablehnte, mit dem Earl von Denham zu plaudern.

Aber andere Frauen, dachte Emma, kannten ihn nicht so gut, wie sie ihn kannte.

»Ich bitte um Entschuldigung, Emma«, sagte James in täuschend beiläufigem Ton. »Ich hatte keine Ahnung, dass Sie gerade ausgehen wollten. Als ich hereinkam, sah es eher danach aus, als hätten Sie Besuch.«

Emma spürte, wie sie rot wurde. Sie wusste, was er damit andeuten wollte. Es zeigte sich an seinem Tonfall, seinem Gesichtsausdruck. Während sie die Überreste ihres kostbaren Porzellans in eine der wenigen Laden kippte, die nicht zerbrochen war, als Cletus in ihre Anrichte gestolpert war, sagte sie betont: »Das war mein Nachbar Mr. MacEwan. Er kam vorbei, um meinen Hahn zurückzubringen.«

»Ihren Hahn«, wiederholte der Earl ausdruckslos.

»Ja«, sagte Emma. »Er war weggelaufen.«

»Der Hahn war weggelaufen?«

»Ja.« Warum hörte er sich so an, als würde er ihr nicht glauben? »Das macht er öfter. Er war ein Geschenk, wissen Sie. Er scheint seinen alten Hühnerhof zu vermissen und versucht ständig, dorthin zurückzukehren.«

»Ein Geschenk von Mr. MacEwan?«, fragte der Earl interessiert.

»Keineswegs. Der Hahn wurde mir von Mr. MacEwans Mutter geschenkt.« Als sie sah, dass er die Augenbrauen hochzog, zeigte sie auf den Korb, der auf dem Tisch stand. »Sie hat heute Morgen diese Scones für mich gebacken. Nehmen Sie ruhig eins, wenn Sie wollen. Sie sind sicher noch warm.«

Lord Denham ignorierte den Korb. Stattdessen wandte er den Blick nicht von ihr, was seltsam beunruhigend war. Seine Augen hatten immer schon eine eigenartige Farbe gehabt, erinnerte sie sich, nicht wirklich grün, aber auch nicht braun. Sie schimmern beinahe golden, dachte Emma bei sich. Golden wie der Ehering, den sie vor so vielen Monaten abgenommen und jemand anderem gegeben hatte – sie wusste nicht mehr, wem. Irgendjemandem, der ihn nötiger gebraucht hatte als sie, daran konnte sie sich noch erinnern.

»Sie haben sehr … aufmerksame Nachbarn«, war alles, was James sagte, und wieder lag diese Andeutung von irgendetwas unbestimmten in seinem Ton. Emma konnte nicht genau sagen, was dieser Ton bedeutete. Sicher nichts Schmeichelhaftes. Nicht, wenn es von den Lippen des Earls von Denham kam.

»Ja«, sagte sie. »Mr. MacEwan und seine Mutter kümmern sich rührend um mich, seit Stuart gestorben ist.«

Die unausgesprochene Kritik, dass der Earl und seine Mutter seit dem Tod ihres Ehemannes nichts für sie getan hatten, blieb nicht unbemerkt … obwohl es gar nicht Emmas Absicht gewesen war, etwas dergleichen anzudeuten. Es wäre zutreffend, aber angesichts der Umstände nicht ganz fair gewesen. Dennoch reagierte James sofort.

»Na gut, aber Mr. MacEwan und seine Mutter wissen viel länger von Stuarts Tod als meine Mutter und ich. Ich habe es erst vor einer Woche erfahren. Wirklich, Emma, hätten Sie uns nicht früher verständigen können?«

»Nein, das konnte ich nicht«, erklärte sie ruhiger, als sie in Wirklichkeit war. »Wie Sie wissen, stand der ganze Bezirk unter Quarantäne. Sie wurde erst letzten Monat aufgehoben.«

»Trotzdem hätten Sie eine Nachricht senden können!«

»Sie wissen, dass Sie gekommen wären«, sagte sie, »Quarantäne oder nicht. Und ich wollte nicht Ihren Tod auf dem Gewissen haben.« Wie den von Stuart, hätte sie um ein Haar hinzugefügt. Sie drehte sich um und nahm ihre Haube von einem Wandhaken. »So, jetzt haben Sie mich gesehen und können zu Hause allen erzählen, dass es mir gut geht. Und nun, Mylord, wenn es Ihnen nichts ausmacht, muss ich wirklich gehen.«

»Gehen?«, fragte er. Die Frage stand ihm wohl zu. Schließlich war er eben erst gekommen. Und die Ankunft des Earls von Denham war im Allgemeinen ein großes Ereignis. Er war der Typ Mann. »Wohin?«

»Ins Schulhaus«, antwortete sie mit mehr Courage, als sie empfand. Sie wusste, wie er reagieren würde, wenn er die volle Wahrheit erfuhr. Er würde lachen … oder Schlimmeres.

»Ins Schulhaus?«, wiederholte er. »Aus welchem Grund? So früh am Morgen findet doch wohl kaum ein Treffen der Missionsgesellschaft statt?«

Trotz ihrer Nervosität musste Emma unwillkürlich ein Lächeln unterdrücken. »Nein. Die hiesige Missionsgesellschaft ist zwar sehr eifrig, aber so eifrig nun auch wieder nicht. Ich gehe zur Schule, weil ich die Lehrerin bin.«

»Die Lehrerin?« James starrte sie an. »Sie unterrichten, Emma? Was? Und wen?«

Na gut. Wenigstens hatte er nicht gelacht.

»Ich gebe ganz normalen Unterricht«, sagte sie. »Für Kinder. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, Mylord, ich bin sehr spät dran. Sie können natürlich gern hierbleiben, wenn Sie wollen – obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass Sie das möchten –, aber ich muss gehen. Das verstehen Sie doch, oder?«

Der Earl von Denham schien es ganz und gar nicht zu verstehen. Er schien immer noch genauso verwirrt, wie in dem Moment, als er über ihre Schwelle getreten war.

Trotzdem riss er sich zusammen, griff nach seinem Hut und sagte ernst: »Dann bringe ich Sie in den Ort, Emma.«

Emmas Augen weiteten sich. »Oh«, sagte sie. »Das ist nicht … Ich meine, das ist wirklich nicht nötig.«

James zog eine seiner Augenbrauen hoch und streifte seine Handschuhe über. »Sie möchten also lieber zu Fuß gehen? Zwei Meilen? Bei dem Regen?«

Emma starrte auf den strömenden Regen draußen vor der Tür. Una, die sie in ihrem vorgerückten Stadium der Schwangerschaft nicht allein zu lassen wagte, winselte leise zu ihren Füßen. Offenbar behagte ihr die Vorstellung, wieder in die Nässe hinauszumüssen, genauso wenig wie Emma.

Eine Fahrt. Das war alles, was der Earl ihr anbot. Eine Fahrt in die Stadt. Und mit etwas Glück ließ er sich vielleicht sogar überreden, die Mittagsfähre zu nehmen und abzufahren, ohne jemals die volle Wahrheit über Emmas unglückselige Situation zu erfahren.

Warum nicht? Ihre Pechsträhne konnte unmöglich ewig weitergehen. Irgendwann mussten sich die Dinge zum Besseren wenden. Warum nicht jetzt?

 

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Patricia Cabot ist das Pseudonym der amerikanischen Autorin Meg Cabot, die in Bloomington, Indiana, geboren ist. Ihre über 80 Romane und Jugendbücher haben sich weltweit über fünfundzwanzig Millionen Mal verkauft, darunter mehrere internationale Bestseller. Meg Cabot lebt mit ihrem Mann und mehreren Katzen in Key West.