Zwei Volltreffer sind einer zu viel

Endlich ist es soweit! D-Day!

Geplant und vorbereitet wie der Sturm auf die Normandie, inklusive Zeitplan und Checkliste, Bahn-Ticket, Peterchens altem Handy, drei Taxinummern, genügend Geld (man kann ja nie wissen, wo man ausgesetzt wird) und Haarspray zum Stylen, wahlweise zur Selbstverteidigung. Sehr zu Luises Ärger habe ich auf das Pfefferspray verzichtet, weswegen sie mich dann genötigt hat, das Haarspray einzupacken. Im Notfall könne ich es anstelle von Pfefferspray verwenden. Brennt auch in den Augen und würde mir im Kampf ums nackte Überleben zumindest einen kleinen Vorsprung verschaffen. Ich sag’s ja, BKA-Agentin!

Ansonsten packe ich das übliche Survival Package für ein ganz normales Date ein. Bis auf die Augenbinde, die dafür auch nicht ganz so üblich ist.

Ein bisschen nervös bin ich nun doch. Aber nur, weil ich Angst habe, aus irgendeinem Grund nicht rechtzeitig aus dem Haus zu kommen. Könnte mir ja ein Bein brechen. Oder eins der Kinder bricht sich ein Bein. Oder meine Mutter. Oder der Blitz trifft mich. Oder ein Meteorit erschlägt mich. Oder der Himmel steht in Flammen! Schließlich hat Wolfgang Petry das mit dem brennenden Himmel ja schon prophezeit. Könnte alles passieren, und das sind ja auch nur ein paar der Katastrophenbeispiele.

Aber nichts dergleichen geschieht. Ich schaffe es sogar, meinen Zeitplan einzuhalten und die Haustür ohne jeglichen Zwischenfall hinter mir ins Schloss zu werfen.

Meine Mutter passt wieder einmal auf die Kinder auf. Was täte ich nur ohne meine Mutter? Gerade schaut sie mit ihren Enkelkindern ‚The Big Bang Theory‘, während ihre Tochter auf den Weg in ein Fetisch-Appartement ist – mit der Deutschen Bahn. Die Bahn kommt. Ich hoffentlich auch.

Das Abteil ist voll. Die meisten Reisenden haben den Arbeitstag hinter sich und freuen sich auf den Feierabend. In meinem Cocktailkleid und den hochhackigen Schuhen wirke ich zwischen all den Fahrgästen in Alltagskleidung absolut deplatziert. Ich fühle mich, als wäre ich eine Statistin in einem Film. Als wäre das, was ich gerade erlebe und später vielleicht auch erleben werde, gar nicht Wirklichkeit. Ich spiele nur eine Rolle – in ‚Shades of Grey‘ oder ‚’Eyes wide shut‘. Und in dieser Rolle bin ich weit entfernt von Fanny Fritzmaier aus einem Vorort Münchens.

Plötzlich vermisse ich Fanny Fritzmaier. Ich vermisse den Sergej aus meiner Fantasie, und ich vermisse die Natürlichkeit unserer Begegnung. Unser Date ist nicht mehr als eine Inszenierung. Aber ist es nicht sogar das, was es reizvoll macht? Eine Aufführung nur für mich …

Ich nehme die S-Bahn zum Stachus.

Die Adresse ist leicht zu finden, was auch daran liegt, dass ich mir den Weg eine Million Mal über Google angeschaut und eingeprägt habe. Mein Orientierungssinn lässt mich nur allzu gerne im Stich.

Plötzlich stehe ich vor einem Wohnblock. Er sieht grau und spießig aus, ganz und gar nicht wie ein Haus, in dem man eine luxuriöse Dachterrassenwohnung vermuten würde. Der Putz bröckelt ab, die Farbe an den Fensterrahmen ist verblasst, im Vorgarten stehen klapprige Fahrräder und auf den Balkonen hängen volle Wäscheleinen.

Ratlos stehe ich auf dem Gehweg und überprüfe die Adresse, da öffnet sich die Haustür. Eine alte Frau in Leo-Leggings tritt heraus, einen dicken Dackel hinter sich herziehend.

„Wolfi, kumm! Weiter gäht’s!“ Sie wirft mir einen missbilligenden Blick zu, während sie ein verächtlich schnaubendes Geräusch von sich gibt. Verschämt blicke ich zu Boden. Bestimmt weiß sie, was ich heute Nacht in ihrem heimischen Wohnblock vorhabe. Ihrem Blick nach findet sie das nicht so toll wie ich.

Die Adresse ist korrekt. Ich rufe Odette an. Sie wohnt nur einen Block weiter und wird in ein paar Minuten hier sein.

Ich warte. Eine Fußgängerin kommt auf mich zu. Sie ist jung, hübsch und sexy und sieht wie eine Odette aus. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, marschiert diese Odette, die ganz offensichtlich nicht meine Odette ist, an mir vorbei.

Ein Mann mittleren Alters kommt mir entgegen. Er hat eine Glatze und einen Bierbauch und sieht erst recht nicht wie eine Odette aus. Er wirft mir einen gelangweilten Blick zu. Nicht lüstern, nicht neugierig, nur gelangweilt. Und das, wo ich heute doch wirklich wie eine ‚femme fatale‘ aussehe! Ts …

Plötzlich bringt eine ältere Radfahrerin im geblümten Oma-Kittelschurz ihr Klapprad vor mir zum Stehen. Sie ist vollkommen aus der Puste. Über dem Kittelschurz trägt sie eine dicke Daunenjacke, aus der sie einen Schlüsselbund herauszieht. Außer Atem erklärt sie mir verärgert, das Gulasch sei ihr gerade angebrannt, und sie möchte deswegen so schnell wie möglich wieder zurück in ihre Wohnung.

Ich sehe ihr kleines Apartment schon vor mir. Der Franzl, ihr Mann, sitzt am gedeckten Tisch und wartet ungeduldig auf sein Essen, weil die Gattin noch schnell zum Tante-Emma-Laden radeln musste, um Ersatz für das verbrannte Gulasch zu kaufen.

Aber weit gefehlt! Wenn der Franzl hier in diesem Haus ist, dann nicht, weil er auf sein Essen wartet. Das wird mir schlagartig bewusst, als die Frau mir die Hand reicht.

„I bin d‘ Odette.“

Es braucht drei lange Sekunden, bis ich diese Tatsache verarbeitet habe und meine Sprache wiederfinde.

Während des Händeschüttelns kann ich Odette näher in Augenschein nehmen. Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich. Sie wirkt bieder und humorlos, gar nicht wie die sexy Domina, die in meinem Kopf ihre Kunden und Sergej peitschenschwingend verführt, und sie ist weit entfernt von der Frau, auf die ich die letzten Tage so eifersüchtig war. Alle möglichen Fragen schießen mir durch den Kopf.

Hat Odette das Penthouse geerbt? Vielleicht sogar von ihrem Mann, dem Franzl, der, anstatt in der heimischen Küche auf sein Gulasch zu warten, schon längst drei Meter tief unter der Erde liegt? Oder ist das noch gar nicht der Fall, und dieses kleine Nebengewerbe wird von dem ansonsten gemütlich vor sich hinlebenden Paar nur zwecks Altersvorsorge betrieben? Irgendwie muss man die staatliche Rente ja aufpeppen …

Vielleicht aber leben Odette und Franzl zwei Leben: eins als Mutti und Vati, eins als Domina und Sklave.

Weiter komme ich nicht mit meinen Überlegungen. Mit einem tatkräftigen „Pack ma’s“, unterbricht Odette meine tiefschürfenden Gedanken und drängt mich in den Hausgang hinein.

Auf der Treppe begegnet uns ein Herr mittleren Alters. Er zieht seinen Hut und grüßt uns. Sein Blick ist keineswegs angewidert, sondern freundlich und höflich, ganz so, als würden in Odettes Penthouse nicht ständig sexhungrige Kunden ein- und ausgehen, sondern eine nette, kleine Familie samt ordentlicher Hausfrau wohnen, die montags das Treppenhaus putzt, mittwochs ins Mutter-Kind-Turnen geht und sonntags in die Kirche.

Oben angekommen, raubt mir der Blick über München den Atem. Ich sehe den Alten Peter, die Türme der Frauenkirche, sogar die Berge kann ich in der Ferne erkennen. Welch ein grandioser Ausblick!

Odette dagegen ist nicht sonderlich beeindruckt. Hektischen Schrittes marschiert sie den Flur entlang, um dann einen schweren Schlüsselbund aus ihrem Kittelschurz zu ziehen und eine geheimnisvolle Tür am Ende des Flurs zu öffnen. Odette, die Kerkermeisterin.

Ich bin gespannt, was mich erwartet. Hoffentlich ist die Wohnung nicht so, wie ich es aufgrund von Odettes Erscheinung befürchte – altbacken und schmuddelig, mit einem Hang zum Grotesken.

Als sie die Tür aufstößt, dieses Tor in eine andere Welt, halte ich die Luft an …

Bitte, lieber Gott, lass diesen Abend nicht in einem Fiasko enden …

Nein, kein Fiasko, denn was ich auf den ersten Blick im sanft gedimmten Licht erkenne, macht auf mich einen geschmackvollen und edlen Eindruck.

Ich würde mich gern in Ruhe umsehen, mich langsam akklimatisieren und dieses kleine Abenteuer gemächlich beginnen lassen, aber ruckzuck kommt Odette zur Sache, der verbrannte Topf will schließlich gesäubert und der Franzl beruhigt werden.

Mit schnellem Tempo wetzt sie durch das Appartement.

„Des do ist nachad die Stereo-Anlage. Super Sound und ganz nei. CDs hamma a da. Am liebsten mögen d‘ Leut was Klassisches.“

Abwartend taxiert sie mich, also tue ich, was sie allem Anschein nach von mir erwartet. Mit gebührendem Respekt bewundere ich die Stereo-Anlage.

„Toll, toll, wirklich toll!“

Eine Flasche Rotwein steht auf dem Tisch, daneben zwei wunderschön geschliffene Gläser.

„Die Gläser für den Wein“, erklärt sie überflüssigerweise.

Wieder Stille, also wieder Bewunderung meinerseits.

„Schöne Gläser.“

Odette ist zufrieden mit meinem Einsatz und zeigt mir als nächstes Küche und Bad. Und dann kommen wir auch schon zum Wesentlichen.

Das Schlafzimmer und das Bett mit besagtem rüschenvorhanglosem Himmel. An den Schlafzimmerwänden sind Haken befestigt, an denen allerlei Utensilien angebracht sind, die ich auf den ersten Blick nicht so recht identifizieren kann.

„Sie känna alles benutzen, aber bittschön wieder zrücktun, wo’s grad hängt. Saubermachen und desinfizieren dua i dann.“

Mir wird bewusst, dass diese Utensilien nicht nur von mir und Sergej benutzt werden – sollten wir sie heute Abend benutzen –, sondern auch von anderen Gästen. Bei diesem Gedanken überkommt mich nicht gerade große Lust, die Gerätschaften auszuprobieren.

Als nächstes zeigt mir Odette voller Stolz einen Käfig aus Holz. Sieht aus wie eine Hunde-Transportbox oder wie ein umgedrehter Laufstall. Da könnte ich nur in gebückter Haltung reinkriechen. Das ist nichts für meinem schmerzenden Ischiasnerv. Auch ich habe meinen Stolz! Manchmal zumindest.

„Und da drüben können’s Ihr Zeug aufhängen“, sagt Odette und deutet auf eine Garderobe, an dem ein Kittel und ein Staubwedel hängen.

„Ja, manchmal müssen es die guten alten Putz-Spiele sein“, gebe ich von mir, auch wenn ich ganz sicher nicht auf solche Spiele stehe. Putzen tue ich zu Hause schon genug, und erotisch finde ich das nun wirklich nicht.

Odette sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

„Na, des iss mei Schürzen, wenn i die Wohnung putz! Bittschön hängen lassen, ned benutzen.“

„Ja, klar … klar … verstehe“, stammele ich.

Weiter geht’s in die dunkle Büßerkammer.

Im ersten Moment erinnert mich die Ausstattung an einen Fitnessraum, aber Odette nimmt mir schnell meine Unwissenheit. „Des is unser Superior Dungeon Equipment. Gibt nix Besseres.“

Ein Gewirr von Gerätschaften springt mir ins Auge. Seltsame Konstruktionen aus Edelstahl, mit schwarz glänzendem Leder gepolstert, daran befestigt hängen Ketten, Ösen, Hebel und Fesseln. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich das hoch gelobte Superior Dungeon Equipment – ein Andreaskreuz, einen Strafbock und einen Pranger. Einen Gynäkologenstuhl gibt es auch. Fehlt nur noch, dass Dr. Vielriecher, mein moppeliger Frauenarzt, hereinspaziert, sich die Untersuchungshandschuhe überstülpt und mich wie immer in mild-väterlichen Ton fröhlich bittet, jetzt ganz locker zu lassen.

Zwei Wände sind weiß, zwei schwarz gestrichen. Die Vorhänge sind zugezogen und ebenfalls schwarz, das Leder ist schwarz, der Teppich ist schwarz.

„Schwarz ist ja das neue Weiß“, gebe ich zum Besten. Keine Ahnung warum, aber ganz offensichtlich fehlt mir der nötige Ernst, mit dem ich all das betrachten sollte. Dabei finde ich BDSM eine spannende Sache … in der Fantasie. Aber diese Situation und die Wohnung erscheinen mir so surreal. Oder vielleicht sogar humoristisch. Karl Valentin kommt mir in den Sinn. Jedes Ding hat drei Seiten, eine Positive, eine Negative und eine Komische.

Eine positive Seite, wenn sich hier zwei Gleichgesinnte finden, eine Negative, wenn diese Wohnung und das, wofür sie steht, die beiden trennt …und eine Komische, die man in jeder Lebenssituation erkennen sollte, wenn man nicht den Verstand verlieren will.

Ich muss unbedingt mal wieder ins Karl-Valentin-Museum gehen. Das Isartor wäre gar nicht mal so weit weg von hier. Ich müsste nur in die U-Bahn steigen und dann …

Odette reißt mich aus meinen Gedanken. Sie will mir die Kaffeemaschine erklären. Ich höre ihr nur mit halbem Ohr zu. Muss schon wieder grübeln.

Warum hat Sergej diesen Ort als Treffpunkt ausgewählt, wenn wir doch womöglich gar nichts von diesen Sachen benutzen werden? Die Wohnung kostet ein Vermögen! Ist Sergej sich seiner so sicher? Wird er mir vielleicht gar keine Wahl lassen? Glaubt er, er könne mich problemlos überzeugen, seine Welt sei auch die meine? Und wenn nicht, dann hätte er dieses Date auch billiger haben können. Zum Beispiel im Karl-Valentin-Museum. Nur so als Alternative zu einer Fetisch Wohnung.

Odette begutachtet mich mit einem besorgten Blick. Ich bin mir nicht im Klaren, ob wegen meines offensichtlich nicht ganz gesunden Geisteszustandes, meiner Bildungslücken bezüglich BDSM, meines Desinteresses an der Kaffeemaschine, oder weil sie Sergejs Vorlieben kennt, und es ihr jetzt schon graust, all das Blut fachmännisch zu entfernen, damit die Spurensicherung auch wirklich keine Spuren findet.

Endlich ist die Führung beendet, und Odette verabschiedet sich mit einem laschen Händedruck.

Ich wünsche ihr noch viel Erfolg mit dem angebrannten Gulasch. Sie dankt mir mit einem säuerlichen Lächeln. Das Leben einer Hausfrau ist eben nicht immer spaßig.

Hoffentlich wird mein Abend spaßiger werden. Für den Fall, dass er es nicht wird, muss ich schnell meine Vorkehrungen treffen und meine beiden Handys und das Pfefferhaarspray griffbereit platzieren.

Dann schnell aufs Töpfchen, Lippenstift nachziehen, Augenbinde aufsetzen … Augenbinde absetzen. Hab‘ vergessen, Sergej zu schreiben, dass Odette mit der Führung fertig ist und ich bereit bin für seinen Auftritt. Sicher wartet er schon irgendwo da draußen und friert sich den Hintern ab.

Dinner is served, come and get it, tippe ich mit einem Schmunzeln in mein Handy. Dann stehe ich erst mal blöd in der Gegend rum. Soll ich jetzt mit der Binde über den Augen mitten im Raum verharren? Da sehe ich ja wie bestellt und nicht abgeholt aus. Besser, ich setze mich irgendwo hin, vielleicht auf das Bett.

Nein, das ist zu plump, als würde ich nur darauf hinarbeiten, dass es schnellstmöglich zur Sache geht. Ich sollte besser ein bisschen hard to get spielen.

Hard to get in einer SM Wohnung?

Ich könnte mich auf einen der Stühle setzen. Wie langweilig!

Vielleicht besser auf den Tisch und die Beine sexy übereinanderschlagen? Gesagt, getan!

Jetzt noch schnell die Augenbinde aufsetzen, während ich ein breites Grinsen und ein fröhliches Kichern nicht unterdrücken kann. Ich wundere mich über mich selbst. Wie kann ich in so einem Moment lachen? Aber ich fürchte mich nicht vor Sergej. Ich habe keine Angst vor diesem Fremden, der mir so vertraut scheint. Ganz im Gegenteil: Ich freue mich auf ihn.

Ich höre, wie die Tür aufgesperrt wird.

Sergej tritt ein. Ich hoffe zumindest, dass er es ist. Der Gedanke, es könne jemand anderes sein, kommt mir tatsächlich erst jetzt in den Sinn. Ein anderer Mann oder sogar mehrere Männer, ein ganzes Team! Denn Sergej ist Enthüllungsjournalist und dreht gerade eine Doku über das geheime Doppelleben sadomasochistisch veranlagter Frauen. ‚Cinderella im Kerker‘ oder so ähnlich.

Na bravo! Dank Frühstücksfernsehen weiß schon morgen, pünktlich zum Sonnenaufgang, die ganze Nachbarschaft über mich und meine Vorlieben Bescheid. Und dabei hatte ich weder meinen Spaß in dieser Wohnung, noch weiß ich, ob ich hier je Spaß haben könnte. Cinderella, Doku-Soaps, Karl Valentin … was ist nur los in meinem Kopf? Und überhaupt: Was um alles in der Welt mache ich hier? Will nur noch weg! Dieser Abend wird ganz sicher der Reinfall des Jahrhunderts werden!

Aber dann, durch dieses Sinne vernebelnde Gefühlschaos hindurch, vernehme ich plötzlich Sergejs Stimme, und auf einmal fällt jegliche Anspannung und Überdrehtheit, jegliche Angst von mir ab.

„Ich grüße dich, meine Liebe. Endlich lernen wir uns kennen.“

Seine dunkle, satte Stimme umhüllt mich mit Zuneigung. Ihr Klang ist voller Herzenswärme und Sehnsucht.

„Hallo Sergej“, freue ich mich. Ich lächele das breiteste Grinsen, das ich je gelächelt habe. Bestimmt sehe ich jetzt wie ein bescheuertes Honigkuchenpferd aus! Aber ich kann nicht anders. Trotz dieser Situation bin ich einfach nur überwältigt, Sergej endlich in meiner Nähe zu haben. Das ist doch verrückt, oder?

Ich höre seine Schritte, wie er sich auf mich zubewegt. Plötzlich steht er neben mir. Ich spüre seine Wärme und nehme seinen herb parfümierten Geruch wahr, als er mir mit sanften Lippen einen Begrüßungskuss auf die Wange haucht.

„Du siehst bezaubernd aus! Sehr hübsch und sinnlich! Genau so habe ich dich in meinen Träumen erlebt.“

„Ich seh‘ wie eine Witzfigur aus!“, nöle ich rum, während meine Hände prüfen, ob ich dank der langsam nach oben rutschenden Augenbinde überhaupt noch so was wie eine Frisur habe. Seide ist nicht unbedingt der geeignete Stoff für eine Augenbinde, das erkenne ich leider viel zu spät.

„Schön dran lassen. Geduld ist wirklich nicht deine Stärke, Liebes. Das müssen wir ändern.“

Sein bestimmender Ton ist väterlich und beruhigend. Ist es das, was ich will? Eine Vaterfigur? Jemand, der mich lenkt, mir die Entscheidung abnimmt, was ich tun soll, wie ich sein muss, was ich denken soll?

Dieser Gedanke verunsichert mich. Ich versuche, meine Nervosität mit einem Lachen zu kompensieren. Sergej stimmt mit ein, und mir wird ganz warm ums Herz. Hätte es je ein Eis zwischen uns gegeben, wäre es jetzt gebrochen.

„Ich mag dein Lachen. Das Highlight meiner Tage ist stets deine Fröhlichkeit. Kaum schlage ich morgens die Augen auf, freue ich mich auf dich, auf unseren Austausch und auf dieses Lachen. Eine Freude, ungebrochen bis zum Abend, bis wir endlich telefonieren. Und nun stehst du tatsächlich vor mir.“ Eine berauschende Lebenslust überwältigt mich, mein ganzer Körper kribbelt. So fühlt sich also Glück an!

„Wir sollten auf unseren ersten gemeinsamen Abend anstoßen, meine liebe Fanny. Odette hat einen ganz besonderen Jahrgang für uns bereitgestellt.“

Ich höre, wie Sergej mit den Gläsern hantiert und den Korken mit einem Plopp aus der Flasche zieht. Dann nimmt er meine Hand in seine. Seine Berührungen und Bewegungen sind langsam und voller Bedacht. Ich erschaudere, als ich die Wärme seiner Haut spüre. Zärtlich, aber bestimmt drückt er mir das bauchige, kalte Glas in die Handfläche. Als er es mit Wein füllt, hält er meine Hand weiterhin sicher in seiner.

„Auf einen neuen Lebensabschnitt, auf die Erfüllung unserer Wünsche und auf die Liebe“, prostet mir Sergej zu, bevor er meine Hand vorsichtig, beinahe widerwillig loslässt. Langsam hebe ich das Glas an meine Lippen und nippe daran. Viel lieber würde ich weiterhin den Druck seiner führenden Hand spüren, den Druck seiner küssenden Lippen auf meinen. Jetzt wäre der passende Moment für unseren ersten Kuss. Stattdessen entfernt Sergej sich von mir. Ich vernehme ein klickendes Geräusch und einen brummenden Ton.

„Ich hoffe, du magst klassische Musik?“, fragt er mich. Odette hatte recht mit der Musikwahl. Aber sie ist schließlich auch die Fachfrau. Leise, aber kraftvoll erfüllen die Klänge der Klassik den Raum und verleihen diesem Moment eine theatralische, sinnliche Note.

„Und später werden wir beide tanzen. Den Paso Doble.“

Schon bei einem unserer ersten Telefonate hat er versprochen, mir die lateinamerikanischen Tänze beizubringen. „Der Paso Doble ist eine Offenbarung. Die Verruchtheit der fließenden Bewegungen, das aufregende Spiel des Lockens und des Zurückstoßens, die Unterwerfung der Frau im Tanz, wenn sie sich dem Rhythmus der Musik, der Kraft und Führung des Tanzpartners, der Lust an seiner Nähe hingibt.“

Ich höre ihm gern zu, wie er gekonnt mit Worten jongliert. Sergej ist eloquent. Aber es ist nicht nur seine Redegewandtheit, die mir imponiert. Er strahlt eine Präsenz aus, die den Raum erfüllt, die mich erfüllt. Obwohl er neben mir steht, ohne mich zu berühren, fühle ich mich von ihm umarmt. Allein seine Gegenwart schenkt mir ein Gefühl von Geborgenheit und Liebe, während seine Stimme mich liebkost.

Er soll nur nicht aufhören zu reden!

Sprich mit mir, mein Liebster! Sprich mit mir! Erzähl mir mehr über diesen Tanz, mehr über diese Sinnlichkeit.

Ich spüre eine Anziehungskraft, die mir den Verstand zu rauben droht. Liebend gern würde ich jetzt meine Hand auf seinen Arm legen oder sie ihm einfach nur entgegenstrecken, in der Hoffnung, er würde sie berühren. Aber Sergej meidet jeglichen Körperkontakt. Stattdessen tun wir das, was wir schon während der letzten beiden Wochen getan haben: Wir reden. Stundenlang. Über Politik, über Konzerte und Events, über unsere Arbeit, über unsere Kinder. Über das Leben.

„Heute früh war ich noch in New York. Wir hatten einen Termin mit einem wichtigen Kunden.“

Sergej erzählt mir von seinem Arbeitstag, von seinem Flug und von seinen geschäftlichen Plänen für die Zukunft. Eine ganz normale Unterhaltung, in der er mit keiner einzigen Silbe die vielen Frauen seiner Vergangenheit oder seine Gelüste fern des Blümchensexes im Ehebett erwähnt. Plötzlich spüre ich seine Fingerspitzen sanft wie eine Feder auf meiner Wange. Er streicht mir er eine Strähne aus dem Gesicht. Seine Stimme wird zu einem Flüstern, als er mir berichtet, dass er nach der Landung in München gleich zur Notaufnahme gefahren ist und erst von dort aus hierher.

„Notaufnahme? Oh nein! Was ist denn passiert?“, frage ich entsetzt.

„Ein Bruch. Genauer gesagt, eine Bauchhernie. Sie wollten schon operieren, aber ich habe mir stattdessen Schmerzmittel geben lassen. Operieren können sie morgen auch noch. Unseren gemeinsamen Abend wollte ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen.“

„Hast du große Schmerzen?“

„Gerade nicht, die Tabletten werden sicher noch einige Stunden wirken.“

Ich bin gerührt. Sergej ist unser Treffen wichtiger als alles andere, sogar wichtiger als seine Gesundheit. Um mich zu sehen, nimmt er bereitwillig Schmerzen in Kauf.

„Ich wollte dich unbedingt kennenlernen, dich endlich in meine Arme schließen“, flüstert Sergej mir ins Ohr. Ich spüre seine Nähe mit all meinen Sinnen.

„Aber du siehst mich doch gar nicht“, entgegne ich. Wieder fummele ich unbeholfen an der Augenbinde herum.

„Doch, ich sehe dich, Liebes. Ich sehe dich.“

Und dann, ganz sanft, spüre ich seine Hand auf meinem Oberschenkel – endlich. Stundenlang neben diesem Mann zu sitzen, ohne ihn zu berühren, ist eine Herausforderung. Mit zärtlicher Langsamkeit schiebt er das Kleid meinen Schenkel hoch. Ich bin wie elektrisiert, richte mich auf, wie eine Blume zur Sonne, strecke ihm meine Lippen entgegen. Ich will nur eins: mit ihm verschmelzen, mit oder ohne Augenbinde, mit oder ohne all diese Gerätschaften. Ich will nur Sergej. Aber nichts passiert. Kein Kuss, seine Hand bleibt schwer und reglos auf meinem Schenkel liegen.

Obwohl ich nüchtern bin, bin ich trunken vor Verlangen. In diesem Moment weiß ich, dass ich alles für Sergej tun würde, alles. Auch meine Prinzipien über Bord werfen, um ihn als seine devote Spielgefährtin glücklich zu machen. Letztendlich wird die Emanzipation doch nur überbewertet. Hä? Hab‘ ich das gerade allen Ernstes gedacht? Was ist nur los mit mir?

Aber ich kann nicht anders! Ich will ihn spüren, ihn schmecken. Ich will mehr, ich will alles! Andererseits will ich den Bann auch nicht brechen, sondern mit Sergej die Langsamkeit der Zeit zelebrieren.

Ich strecke mich ihm noch weiter entgegen. Lege meinen Kopf in den Nacken, öffne leicht meine Lippen. Ich spüre, wie mein Gesicht sich seinem nähert. Ich fühle seinen warmen, feuchten Atem auf meiner Haut. Wann wird er mich endlich küssen? Ich will keine einzige Minute mehr mit Reden verschwenden. Ich will ihn spüren, seinen Duft einsaugen, ihn schmecken!

Mein Gesicht an seinem, lasse ich meine immer noch geöffneten Lippen zärtlich über seine Wange streifen und langsam zu seinem Mund gleiten. Sanft lege ich meine Lippen auf seine, regungslos und wartend. Sekunden vergehen, bis er endlich meinem Drängen nachgibt und mich küsst. Lustvoll zelebrieren wir unser Zusammenfinden. Unsere Münder verschmelzen zu einem einzigen Mund, unsere Seelen zu einer gemeinsamen Seele, unsere Lippen, unsere Zungen erforschen, saugen, lecken und liebkosen sich. Ich schmecke den Wein und sein Pfefferminzbonbon, atme seinen Atem. Ich möchte in ihn hineintauchen wie in das weite Meer, um freudig in unserer gemeinsamen Lust zu ertrinken.

Aber dann, ganz abrupt und für mich vollkommen unerwartet, unterbricht Sergej den Kuss. Mit einem entschlossenen Schritt nach hinten zieht er sich von mir zurück. Ich spüre eine plötzliche Kälte im Raum. Ich möchte meine Hand nach ihm ausstrecken. Ich möchte ihn zu mir heranziehen, damit er mich und mein Herz auch weiterhin erwärmt. Aber bevor ich

irgendetwas unternehmen kann, gibt er dem Abend eine vollkommen unerwartete Wendung.

„Liebes, es wird Zeit zu gehen“, erklärt er mit rauer Stimme. „Ich werde dich jetzt allein lassen.“ Er streicht mir über die Wange. „Ich begehre und vermisse dich schon jetzt.“

Hä? Wie jetzt?

Er wird mich verlassen, begehren, vermissen? Mich allein in dieser Wohnung zurücklassen? Unser Kuss hat doch gerade erst begonnen! Vor zwei, vielleicht drei Minuten! Sicher habe ich mich nur verhört.

„Dein Taxi steht schon vor der Tür.“

Okay, ich hab‘ mich nicht verhört. Das ist ja mal eine Abfuhr!

In der einen Sekunde werde ich inniglich geküsst, in der anderen hinauskomplimentiert.

Aber warum? Habe ich ihn durch meinen Kuss brüskiert? Seine Regeln unerlaubterweise geändert? Welche Regeln? SM-Regeln? Sicher gibt es einen Knigge für Subs. Oberstes Gesetz: Dom erst küssen, wenn er dich küsst. Und jetzt bekomme ich die Quittung für meine Ignoranz.

Aber Abfuhr bleibt Abfuhr. Ich fühle mich, als hätte Sergej mich höchstpersönlich unter eine eiskalte Dusche gestellt.

Und überhaupt – wann hat er denn das Taxi bestellt? Schnell zwischen zwei Gläsern Wein gesimst, als ich mit verbundenen Augen vor ihm saß und nichts sehen konnte, auch nicht seinen gelangweilten Gesichtsausdruck?

Und trotzdem hat er es so lange neben mir ausgeharrt. Warum?

„Sergej?“

Er beugt sich zu mir herunter. Seine Lippen kitzeln mein Ohr. „Geduld, meine Liebe, Geduld“, flüstert er mir zu. „Wir haben Zeit. Wir müssen nichts überstürzen. Es war ein wundervoller Abend und es werden noch viele wundervolle Abende folgen.“

„Und der Paso Doble?“, hake ich nach, in der Hoffnung, ihn doch noch umstimmen zu können. Meine Stimme ist hoch. Sicher klinge ich wie ein verzweifelter Backfisch. Da höre ich seine Schritte auf dem Parkett. Sie entfernen sich von mir. Ich höre, wie die Tür ins Schloss fällt.

„Sergej?“, rufe ich in die Stille hinein. Aber er ist verschwunden – einfach so. Als wäre er nie da gewesen. Und vielleicht war er das auch nie.

Nehme ich jetzt meine Augenbinde ab, befinde ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach in meinem großen Doppelbett, einsam und allein und mit der bitteren Erkenntnis, nur geträumt zu haben. Nur geträumt …

Um mich herum ist es ganz still, ich spüre einen kalten Luftzug an meinen Beinen.

Ich bin allein in dieser fremden Wohnung, allein in dieser großen Stadt. Mein Herz klopft wie wild. Schnell nehme ich die Augenbinde ab und atme erst mal tief durch. Meinen Verstand habe ich glücklicherweise doch noch nicht verloren – das Penthouse existiert wirklich. Aber der Zauber, der ist verflogen. Ich fühle mich zurückgewiesen.

Verlassen. Ungeliebt.

Und einsam. Furchtbar einsam.

Mein Herz will nicht mehr wild klopfen. Es will stehenbleiben und aufhören zu schlagen, vor Kummer. Ich will so schnell wie möglich weg von hier.

Mit einer unbedachten Bewegung hüpfe ich vom Tisch herunter. Prompt verstauche ich mir den linken Fuß.

Mist!

Mein Bein war eingeschlafen. Ich humpele zum Bett, schlüpfe aus meinen High Heels und reibe meinen schmerzenden Knöchel, während mich eine traurige Erkenntnis überkommt: Sergej würde es nicht die Bohne interessieren, wenn ich hier mit einem gebrochenen Bein liegen würde. Nicht die Bohne! Odette vielleicht, aber nur weil sie dann den ganzen Formalismus mit der Berufsgenossenschaft am Hals hätte.

Ich stehe auf und humpele zum Fenster.

 

Na bravo! Kein Taxi vor der Tür. Nur eine schwarze Limousine. Mit Chauffeur.

Limousine? Chauffeur?

Und ganz plötzlich ist mein Ärger verfolgen. Die Abfuhr ist also gar keine Abfuhr!

Es sei denn, Sergej ist der wohlerzogenste Mann auf der ganzen Welt, der für eine sichere Heimfahrt seines drögen Dates sorgt, anstatt die Unglückselige orientierungslos in der nächtlichen Stadt zurückzulassen und ihr nahezulegen, gefälligst die U-Bahn zu nehmen. Aber in dem Fall hätte er doch ein Taxi bestellen können anstatt einer teuren Limousine. Also ist Polen doch noch nicht verloren? Polen? Was interessiert mich Polen!

Vielleicht wartet der schicke Chauffeur in dunkler Uniform ja auch gar nicht auf mich. Vielleicht wartet er auf das Frauchen von ‚Wolfi – weiter gäht’s‘. Oder auf Odette und ihren Franzl. Einen Chauffeur könnten sich die beiden mit Sicherheit leisten – bei den Preisen, die sie für das Appartement verlangen.

Plötzlich höre ich meine innere Stimme. Egal, ob Chauffeur oder nicht! Dich mit Augenbinde allein in dieser Fetisch-Wohnung zurückzulassen, so verhält sich doch kein erwachsener Mann! Willst du wirklich so einen Kerl an deiner Seite haben?

Ja, eigentlich schon. Sergej ist anders als andere Männer. Und deswegen stehe ich auch so auf ihn.

Schnell packe ich meine Sachen zusammen und werfe einen Blick zurück, um mich von dem Ort zu verabschieden, an dem ich die letzten Stunden sehr, sehr glücklich war. Nun ja, bis auf die letzte Viertelstunde.

Der Chauffeur zieht seine Mütze und öffnet mir die Autotür. „Guten Abend, gnädige Frau.“ Ich fühle mich wie eine waschechte Prinzessin, steige in die elegante Limousine ein und versinke im Ledersitz, versinke in meinen Träumen, versinke in Sergej. Sergej. Es wird immer Sergej sein …

Entspannt lehne ich mich zurück, während die dunkle Szenerie am Straßenrand der Autobahn in rasender Geschwindigkeit an mir vorbeirauscht. Sie verschmilzt mit meinen Erinnerungen, die Sergejs Gesicht immer und immer wieder vor mir auftauchen lassen. Das Gesicht, das ich nur von Fotos kenne.

Ich bin ganz bei ihm, mit Leib und Seele, wo immer er sich gerade befindet.

Ich werde nie mehr so sein, wie vor unserer Begegnung, denn Sergej hat mich zum Leben erweckt. Mit seinen Worten, seiner Berührung, seinen Gedanken und Fantasien.

Zuhause angekommen, öffnet mir der Chauffeur die Autotür und zieht seine Mütze. „Wünsche einen angenehmen Abend, gnädige Frau.“

Das ‚gnädige Frau‘ kann er sich jetzt echt mal sparen, aber ansonsten ist er der perfekte Chauffeur! Nicht, dass ich schon viel Erfahrung mit Chauffeuren hätte. Ich wünsche ihm ebenfalls einen schönen Abend, dann rollt die Limousine schwer und elegant durch die engen Straßen meiner Siedlung davon. Verträumt blicke ich ihr hinterher. Ich will jede Sekunde dieses Abends auskosten, jede Sekunde als Geschenk, als eine Offenbarung feiern.

Das war der aufregendste Abend meines Lebens! Die Wohnung, die Augenbinde, unser Kuss, der Chauffeur. Wenn ich das Luise erzähle! Die wird tot umfallen!

Ach Luise, ich hab‘ dir ja so viel zu erzählen …

Luise!!!

Oh mein Gott, ich hab‘ total vergessen, Luise ein Lebenszeichen zu schicken! Sie hätte mich nicht mal erreichen können, da ich ja beide Handys auf lautlos gestellt hatte.

Schnell schließe ich die Haustür auf. Noch im Flur hole ich mein Handy aus der Tasche. Eine Million WhatsApp-Nachrichten. Zwei Millionen SMS. Und unzählige Emails und Telefonanrufe. Darunter auch eine von Odette, die mir schreibt, so einen Scheiß könne sie nicht gebrauchen! Die Polizei in ihrem Haus! Sowas sei ihr noch nie passiert.

Die Polizei? Wieso die Polizei?

Aber Odette muss warten. Zuerst muss ich Luise erreichen. Ich schäme mich in Grund und Boden. Ich habe ihr versprochen, mich um Punkt zwölf bei ihr zu melden. Wie habe ich das nur vergessen können?

Schnell schlüpfe ich aus meinen Highheels und husche ins Wohnzimmer. Ich will nicht, dass die Kinder mich hören.

Luise ist sofort am Apparat.

„Fanny, was ist passiert?! Soll ich dich abholen? Hat er dir was angetan, dieses Schwein?“

„Schatzi, nein, alles in bester Ordnung.“

„Wie – alles in bester Ordnung? Warum hast du dich dann nicht gemeldet?“ Ihre Stimme überschlägt sich.

„Die Zeit ist einfach nur so verflogen … es tut mir furchtbar leid!“

„Es tut dir leid?!“

Oh oh … Luises strenger Mutter-Ton verspricht nichts Gutes.

„Ich war krank vor Sorge!“, schimpft Luise. „Ich hab‘ diese Odette angerufen und sie auf dem Anrufbeantworter zur Sau gemacht! Und dann habe ich die Polizei gerufen. Die ganze Geburtstagsfeier war im Eimer, die Stimmung futsch. Selbst Klara und Daniel waren ratlos, was ich tun soll.“

Daniel ist Luises Mann, Klara ihre Schwester. Heute Abend waren sie zu Klaras Geburtstagsfeier eingeladen. Wie ich erfahre, war mein SM-Date der absolute Gesprächsstoff der Party, weil Luise in ihrer Aufregung nicht wusste, was sie tun sollte und so ungefähr jeden bis dahin von den Abgründen dunkler Gelüste unbehelligten Gast um Rat gefragt hat. Wie gern würde ich jetzt im Erdboden versinken.

Luise hat Odette genauso wenig erreichen können wie mich. Sicher hatte der eingebrannte Gulaschtopf Odettes ganze Aufmerksamkeit beansprucht, da konnte sie beim besten Willen nicht ans Telefon gehen.

Luise wollte nach München zur SM-Wohnung fahren, aber ihre Schwester wohnt in Kufstein. Bis sie München erreicht hätte, hinge ich bereits leblos in den Seilen – in den Sadomaso-Fesselseilen. So ihre Auffassung und auch die der einst fröhlichen Runde.

„Also habe ich die Polizei gerufen“, überschlägt sich Luises Stimme erneut. „Allerdings kannte ich nur die Straßennummer. Die Nummer des Appartements hast du mir ja nicht mitgeteilt!“

Der aufnehmende Beamte versuchte meine liebe Freundin zu beruhigen. Nachdem er allerdings erfuhr, dass das Opfer kein schutzbedürftiges, wehrloses, junges Mädchen sei, sondern eine 41jährige Frau, die sich an manchen Tagen sogar in vollem Besitz ihrer geistigen Kräfte befindet und sich wissentlich und aus freien Stücken in das Fetisch-Penthouse begeben hatte, hatte er für mein Unglück nicht mehr als ein hämisches Lachen übrig.

Fazit des Beamten: Die Voraussetzungen für einen Notfalleinsatz seien nicht gegeben – hi, hi, hi, ha, ha, ha –, aber er würde eine Streife vorbeischicken, um nach dem Rechten zu sehen –  hi, hi, hi, ha, ha, ha.

Na bravo! Nicht nur, dass man jetzt in Kufstein von meiner vermeintlichen Leidenschaft für Peitschen, Lack und Leder weiß, München weiß nun ebenfalls Bescheid, und obendrein darf ich mich rühmen, die Lachnummer des gesamten Münchner Polizeipräsidiums zu sein.

Loch – wo bist du?


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Anne Gard glaubt an die Liebe. Da man aber auch die Liebe oft mit Humor nehmen sollte, schreibt sie freche Frauenromane mit einer Prise Komik und einem Augenzwinkern. Sie ist Mitglied der „Romance Alliance – Bücher mit Herz“. Mit der neuen Reihe „Love Shots“ bieten dp und die Romance Alliance eine vielfältige Auswahl an Liebesgeschichten im Kurzroman-Format, die sich speziell für unterwegs eigenen.