Selfie mit Zuckerguss

Die Zebras, der Elefant und Johannes

Schon bevor ich überhaupt zugesagt hatte, wusste ich, dass diese WG-Party wahrscheinlich ein Reinfall werden würde. Aber ich hatte Mia hoch und heilig versprochen, sie an ihrem Geburtstag zu besuchen, auch wenn das eine dreistündige Autofahrt für mich bedeutete. Ziemlich viel freundschaftlicher Einsatz für eine mittelprächtige Party, wie ich fand. Aber um ehrlich zu sein, kam mir selbst die kleinste Aussicht auf ein wenig Spaß und Ablenkung gerade recht.

Ich musste raus hier.

Raus aus dieser verfluchten Stadt, die mich als motivierte Master-Studentin aufgenommen und als irgendwas, das nicht wiederzuerkennen war, wieder ausgespuckt hatte. Früher hatten sich die Kerle nach mir umgedreht. Früher wäre ich nie versetzt worden. Heute drehte sich niemand um. Heute war ich versetzt worden. Auf dem Weihnachtsmarkt. Vergessen, wie ein belangloser Zahnarzttermin. Wobei man den meistens nicht vergisst, denn der nächste freie Termin ist häufig so weit in der Ferne, dass die Zahnschmerzen sich von selbst erledigt haben, weil es bis dahin keinen Zahn mehr gibt. Solche Termine vergisst man selten. Menschen dagegen schon.

Ich brauchte also Aufmunterung, und mein Ego brauchte Beifall. Am besten tosenden, wenn’s geht. Weniger wertgeschätzt zu werden als ein Zahnarzttermin, ist kein gutes Gefühl. Man will es loswerden, man will es vergessen. Man will wissen, dass man noch da ist und fort, nicht genauso entbehrlich ist, wie ein weißbekittelter Mann, der einem die Mundhöhle nach Karies absucht. Und das so schnell es geht. Noch bevor dieses Gefühl die Selbstzweifel so gut genährt hat, dass sie groß, massig und muskelbepackt sind und das Selbstbewusstsein auf dem Schulhof locker kopfüber in die Tonne kloppen können. Und wenn es dafür den existenzbekundenden Applaus einer mittelprächtigen Partygesellschaft bedurfte – bitte schön. Dann machte ich mich eben schick für eine Party, von der ich ahnte, dass sie beschissen werden würde.

Für gewöhnlich waren zwar alle Partys ihrer WG the place to be in dieser popeligen, kleinen Studentenstadt, die kaum eine anständige Kneipe, geschweige denn einen nur halbwegs akzeptablen Klub vorzuweisen hatte. Aber diese Facebook-Veranstaltung ging alles andere als steil. An einem verlängerten Wochenende seine Geburtstagshausparty in einer Stadt zu feiern, deren sämtliche Bewohner sich völlig verständlicherweise wünschten, sie so häufig wie nur möglich gen Urlaub verlassen zu können, war nicht sehr schlau gewesen.

Ich checkte die Liste der Einladungen. Nur zweiundzwanzig Zusagen. Innerlich verdrehte ich die Augen. Nicht nur, dass sämtliche unserer gemeinsamen Freunde sich eine lächerliche Ausrede hatten einfallen lassen, um nicht den weiten Weg nach Schießmichtot-Stadt machen und dort auch noch nächtigen zu müssen – anstatt derer hatte sich auch noch „die Gang“ angemeldet.

„Die Gang“ war eigentlich nichts weiter als eine ziemlich große Horde junger Männer, die zufälligerweise allesamt aus demselben kleinen Dorf kamen, allesamt im gleichen Alter waren und allesamt eine niedrige Toleranz gegenüber Leuten außerhalb ihres Rudels aufwiesen. Und was gab es schon Schöneres auf einer Party, als ein zusammengerottetes Pack bulliger Jungs, die sich gegenseitig „Möse“ und „Schwengel“ nannten und einen mit verächtlichen Blicke straften, wenn man ihre Lieblingsband scheiße fand oder – Gott bewahre – sie nicht kannte.

Wer glaubt, sich verlesen zu haben, den muss ich enttäuschen: ja. Sie hatten alle stets dieselbe Lieblingsband.

Später sollte sich herausstellen, dass auch „Möse“ und „Schwengel“ nicht umhin kamen, wie alle anderen erwachsen werden zu müssen und dass die gegenseitige Abstinenz, die ihnen durch verschiedene Studienorte aufgezwungen worden war, die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und einer selbstständigen Gehirnfunktion, abseits des Rudeldenkens, geradezu beflügelte. Aber damals … damals ähnelte der Versuch einer Anbandlung mit „der Gang“ einem Elefanten, der versuchte, sich in eine Herde Zebras zu integrieren. Klar, Zebras sind keine aggressiven Tiere. Aber sie starren. Sie stehen da, mampfen Gras und starren den Elefanten an.

Genauso wie Timmy jetzt starrte – eines der wenigen „Gangmitglieder“, die auf einen tatsächlich existierenden, nicht der Fäkalsprache entlehnten Namen hörten.

„Wie, du isst das nicht?“, kam es aus ihm heraus. Er stopfte sich eine der Pizzaschnecken in den Mund und glotzte mich weiter ungläubig an, während die Teigteilchen einen bedenklichen Ruck gen meines Dekolletés machten, als er mir den Teller an die Brust drückte, als hoffte er, der Inhalt könnte auch durch meinen Busen absorbiert werden.

„Nein, ich bin Vegetarier“, stellte ich nun zum dritten Mal klar und wünschte, ich hätte einfach eine der Schnecken genommen, nur um sie dann wieder zurückzulegen. Die zwei Promille, die Timmy mindestens innehatte, hätten mir diesen Betrug mehr als erleichtert.

„Aber die sind echt lecker!“, beharrte Timmy und ich spürte eine große Ladung Krümel in meinen Ausschnitt rutschen. Schnell nahm ich ihm den Teller aus der Hand. Mit nur zwei Promille hatte ich mich wohl grob verschätzt.

„Ich esse kein Fleisch, aber danke“, sagte ich und hoffte, die Diskussion damit beendet zu haben. Wo zum Teufel steckte Mia, wenn man sie mal dringend brauchte? Wahrscheinlich war sie mir schon einige Party-Schritte voraus und wurde in irgendeiner Ecke der Bude befummelt. Da ihr fester Freund ebenfalls zur Feiergesellschaft gehörte, war das Duell allerdings nicht ganz fair. Ich hatte keinen festen Freund. Stattdessen hatte ich Timmy.

„Salami ist doch kein Fleisch!“ Er riss den Teller wieder an sich. „Hey, Penis! Glaubst du das, die isst keine Salami!“ Ich stöhnte, es war so klar gewesen. Ein Rat des Rudels wurde einberufen, um sich in seiner einheitlich stupiden Meinung gegenseitig zu bestätigen. Bald würde man mich auf der Party nur noch unter einem lächerlichen Pseudonym kennen und ich konnte die Aussicht auf ein wenig Spaß vollkommen begraben.

„What?! Du bist so ’ne Tofu-Fotze?“ Penis alias Thomas war dem Ruf seines Gangmitglieds brav gefolgt und gesellte sich zu uns. Das war nicht die Art Aufmerksamkeit, die ich mir von dieser Party erhofft hatte. Sein Atem roch nach Hochprozentigem und es fiel ihm zusehends schwer, mein Gesicht zu fokussieren. Ich fürchtete, dass sich zu den Krümeln in meinem Ausschnitt bald auch noch Erbrochenes gesellen würde.

Um das bestmöglich zu vermeiden, machte ich einen Schritt zurück. Die beiden folgten nach. Es war geradezu absurd: Ein Elefant, der von Zebras in die Ecke gedrängt wurde. Ich musste kichern bei dem Gedanken, was meine beiden Gegenüber fälschlicherweise als Auflösung eines Scherzes deuteten: „Die hat uns verarscht! Die hat uns verarscht!“, brüllte Timmy vor Lachen. Ich verzichtete lieber darauf, ihn zu verbessern. Die Möglichkeit, den beiden Hornochsen in ihrem Zustand kurz vorm Nirvana argumentativ die Vorteile von Vegetarismus darstellen zu können, war verschwindend gering. Außerdem sah ich meine Chancen wieder steigen, die Party doch noch unter meinem eigenen Namen hinter mich zu bringen. So verlockend Tofu-Fotze auch klingen mochte.

Ich griff zur nächsten Bierflasche. „Jungs, wer hat Lust auf eine Runde Bierpong?“, rief ich und erntete johlende Zustimmung. Ein paar mehr Bier intus waren unabdingbar, um aufzugeben und die Hoffnung über Bord werfen zu können, auf dieser Party noch einen anregenden Gesprächspartner zu finden. Anregende Gespräche hatten auf WG-Partys einfach nichts verloren.

Wir enterten also grölend die Abstellkammer, in der die Tischtennisplatte aufgestellt worden war – zumindest Timmy und Thomas grölten, bei mir war es eher ein zaghaftes, mädchenhaftes Johlen, das nur ein weiterer Beweis dafür war, dass ich mir nun so schnell wie möglich einen reinlöten musste. Anpassung ist der einzige Weg, als Elefant in einer Zebraherde unterzutauchen. Also nichts wie her mit den Streifen.

Um den Tisch in der Mitte der Kammer hatte sich eine beträchtliche Menge Zuschauer gebildet. Sie feuerten die beiden sich duellierenden Mannschaften an. Ich drückte mich durch die Menge. Den zehn in Pyramidenform aufgestellten und bis zum Anschlag mit billigem Bier gefüllten Plastikbechern auf jeder Seite der Platte nach zu urteilen, hatte das Spiel gerade erst begonnen. Am anderen Kopfende entdeckte ich Mia, wie sie mit hochrotem Kopf und einem Tischtennisball in der Rechten auf einen der Becher der gegenüberliegenden Seite zielte. Offensichtlich hatte ich mit meiner Fummelvermutung falsch gelegen. Meine Entscheidung war schnell gefasst.

„Mia! Ich bin in deinem Team!“, verkündete ich lauthals und richtete meinen Zeigefinger demonstrativ auf meine Freundin. Very Uncle Sam. Ich konnte regelrecht fühlen, wie sich die Lebensgeister in mir regten. Hätte aber auch nur das Bier sein können. Belassen wir es bei den Geistern.

Ein bisschen zeitlich versetzt – gerade noch so, dass es glaubwürdig auch als Folge einer natürlichen, langsamen Reaktionsfähigkeit ausgelegt werden konnte – löste sie sich aus ihrer Konzentrationsstarre. Als sie mich erkannte, war die Freude groß: „Wohooo! Luisa! Die machen wir fertig!“, rief sie mir zu und sprang mich voll trunkener Motivation an. Das Bier in meiner Hand schwappte mir aufs T-Shirt. So langsam würde man aus meinem Ausschnitt eine Probe entnehmen können, die mehr Dreck enthielt als jegliche Toilette dieser WG. Und das war eine Leistung.

Ich ließ mich von Mia an die Tischtennisplatte zerren und mir den Ball in die Hand drücken. Unser Team hatte noch ein weiteres Mitglied, das ich allerdings nur kurz mit einem Auge musterte. Den Typ hatte ich noch nie zuvor gesehen. Egal, für Formalitäten war auch später noch Zeit. Jetzt hieß es erst mal den kleinen weißen Plastikball in einem der Becher des gegnerischen Teams zu versenken. Vom Kampfgeist gepackt, ging ich leicht in die Knie und visierte die Spitze der Becherpyramide an.

„Hey! Über den Tisch beugen ist verboten!“, protestierte sofort mein Gegenüber. Ich blickte hoch. „Möse“. Wer sonst.

Widerwillig machte ich einen Schritt zurück. Der würde noch staunen, wie gut ich zielen konnte. Ob über den Tisch gebeugt oder nicht.

Dong.

„Aua! Mann, was soll das?“, brüllte „Möse“ und hielt sich die Stirn. „Ups. Da habe ich mich wohl vertan“, antwortete ich trocken. Wütend bückte er sich, um auf dem Boden nach dem Ball zu suchen und riss dabei fast die halbe umstehende Menge mit sich.

„Guter Schuss“, flüsterte mir Mia ins Ohr. Ich verkniff mir ein lautes Lachen und stupste sie stattdessen verschwörerisch mit dem Ellenbogen. „Ich weiß nicht, was du meinst. Werfen ist einfach nicht mein Ding.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie auch Teammitglied Nummer drei schelmisch zu mir rübergrinste. Sympathisch. „Hey, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Luisa“, stellte ich mich vor und streckte ihm die Hand entgegen. Irgendwie hatte ich verdrängt, dass wir uns hier auf einer WG-Party und nicht in der normalen Welt befanden, in der man unter Fremden höfliche, aber distanzierte Gesten austauschte. Statt meine Hand zu nehmen, drückte er mich mit einer festen Umarmung an sich.

„Klar kennen wir uns! Ich wohne hier seit drei Jahren. Habe wohl nicht so einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, lachte der mindestens um einen Kopf größere Mitspieler. „Ich bin Johannes.“ Es fühlte sich an, als würden meine Gedärme einen mächtigen Peinlichkeitssamba hinlegen. Vielleicht war es auch nur ein Biersamba, aber wer weiß das schon. „Das tut mir echt leid“, entschuldigte ich mich. Wie zum Teufel konnte es sein, dass dieser Typ jahrelang völlig unbeachtet von mir, Tür an Tür mit einer meiner besten Freundinnen zusammenwohnte?

„Ich feiere heute übrigens auch meinen Geburtstag“, legte er nach. Schlag-mich-einer-mit-dem-Beil-tot-und-brat-mich-statt-dem-Storch. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Ihn schien meine Ignoranz nicht im Geringsten zu stören, bester Miene wandte er sich wieder dem Spiel zu. Wie er das so locker wegsteckte, beeindruckte mich. Ich an seiner Stelle wäre zumindest kurz beleidigt gewesen – auch wenn ich das laut nie zugegeben hätte. Gesicht wahren und so. Ganz schön selbstsicher, dieser Johannes.

Lautes Gebrüll riss mich aus meinen Gedanken: „Möse“ hatte in eines unserer Biere getroffen und vollführte etwas, das wohl ein Freudentanz sein sollte, aber aussah als hätte eine Ente schwere Verdauungsstörungen. Nun war es an uns, das Bier zu leeren. Ein Blick zu meiner Linken verriet mir, dass der Drink meine dünne, kleine Freundin schnurstracks unter den Tisch befördern würde. Wir brauchten sie aber noch oben drüber. Ich war in Wirklichkeit nämlich alles andere als der gute Schmeißer für den ich mich ausgab … oder Schießer … oder Werfer … oder wie das heißt. Dafür ein sehr guter Trinker. „Ich mach das!“, statuierte ich also und leerte den Inhalt des Bechers in einem einzigen Zug. Ein erhabenes Gefühl durchströmte mich. Die Menge klatschte tosenden Beifall als hätte ich das 1:0 für Deutschland geschossen. Die Zebrastreifen standen mir mittlerweile ganz gut, fand ich.

Die nächsten Biere fielen dann Johannes zu, der mit seiner beachtlichen Größe auf jeden Fall mehr davon vertrug als Mia und ich zusammen. Als die letzte Runde angebrochen war, wurde es ungemein spannend. Neun von zehn Bechern waren auf jeder Seite schon getroffen und ausgetrunken worden, jetzt ging es um den Sieg. Alles oder nichts, dachte ich. Dabei hatte ich mit zunehmendem Alkoholgehalt im Blut Schwierigkeiten, einen sicheren Stand zu behalten, ohne mich an der Tischtennisplatte festhalten zu müssen. In meinem angetrunkenen Übermut hatte ich aber trotzdem keinen Zweifel daran, den letzten Becher von „Möse“ und Co. auf jeden Fall treffen zu können. Eine angespannte Stille machte sich im Raum breit, während ich wie ein Golfanfänger meinen Hintern in die Luft reckte, meinen Stand so gut es ging sicherte und die Augen zum Zielen zusammenkniff.

Zu aller Leute Erstaunen und nicht weniger zu meinem eigenen, sollte mein tollkühnes Ich recht behalten. Mit einem leichten Schnips landete der Ball in der mittlerweile Zimmertemperatur warmen Brühe. Mir und „Möse“ fiel gleichzeitig die Kinnlade herunter und Jubel brach aus. Wie aus dem Nichts fand ich mich in den Armen von Johannes durchs Zimmer wirbeln. „Das war ja mal ein richtig geiler Ball. Respekt!“, meinte er, als er mich wieder absetzte und mir zuzwinkerte.

Meine Integration in die Zebrahorde war nunmehr so weit, dass ich sogar anfing, ihr Sozialverhalten zu adaptieren: Denn nun war ich diejenige, die blöd starrte. Ob es an meiner vom Bier verzerrten Wahrnehmung lag oder an dem überraschend angenehmen, selbstbewussten Auftreten dieses Typen – in der Sekunde, als er mir zuzwinkerte, wusste ich eins: Das ist mein Mann.

Meine Eroberungspläne hatten aber erst einmal Pause. Mia zog mich in die Küche. Wie immer, wenn man schon sehr stramm ist, meinte sie auch jetzt, sie sei noch lange nicht stramm genug. „Komm, wir trinken noch eine Runde Kurze!“ Ich widersetzte mich nicht. Auch ich dachte, ich sei noch lange nicht stramm genug. Und so fischten wir aus der Spüle zwei dreckige, kleine Gläser und füllten sie, ohne sie zu spülen, mit etwas Knallgelbem, Klebrigem, das aussah als wäre seine ursprüngliche Konsistenz eher sogar fester Natur gewesen.

„Nimm 2-Schnaps“, meinte Mia auf meinen fragenden Blick hin. Ich hatte also recht gehabt. Das Zeug sah aus wie Kleister. Ich traute der Sache nicht: „Wie hast’n du die Bonbons da reinbekommen?“ Ich zeigte auf die Flasche.

„Zerstampft und mit Wodka aufgefüllt“, erklärte sie bereitwillig. „Und ein bisschen Saft dazugemischt.“

„Aber nur ganz ein bisschen!“, lallte es vom anderen Ende der Küche. „Ich war dabei!“ Timmy bahnte sich seinen Weg zu uns. Angetrunken konnte ich seine Gesellschaft schon wesentlich besser ertragen. „Na, dann trink doch du zuerst“, forderte ich ihn auf. Sollte er doch das Versuchskaninchen spielen für die Spirituosenexperimente meiner Freundin. Ohne zu zögern griff er sich statt dem Gläschen, das ich ihm anbot, die Flasche und sog den halben Inhalt in sich hinein. Als er absetzte, schwer schluckte und sich in meine Richtung drehte, ahnte ich es kommen. Einem lauten Rülpser folgte sodann auch gleich der Inhalt und landete beinahe vollständig in meinem Ausschnitt. Zur Salzsäule erstarrt, fühlte ich, wie die Flüssigkeit an meinem Bauch herunterlief. Ich konnte es nicht mehr aufhalten.

„Hoppala“, sagte Timmy.

Da man in solchen Situationen genau zwei Möglichkeiten hat zu reagieren und ich für eine Szene, die ihn in Grund und Boden stampfen würde, noch nicht betrunken genug, beziehungsweise schon zu angeheitert, war, brach ich in Gelächter aus. Davon angesteckt fingen auch Mia und Timmy wie Irre an zu lachen und wir kugelten uns fast auf dem Boden, während sich bei unserem Lachflash das Erbrochene in der ganzen Küche verteilte.

„Was ist denn hier los?“ Johannes steckte den Kopf durch die Tür und musste kurz würgen. Meinen Eroberungsplan konnte ich fürs Erste wohl knicken. „Wir wollen noch rüber ins Donkey’s. Wie schaut’s bei euch aus?“ Er musterte mich vielsagend von oben bis unten bis ihm auffiel, dass die Pizzaschnecke-Bröckelchen nicht etwa in meinem, sondern in Timmys Gesicht hingen. Ganz Mann der Stunde packte er ihn an der Schulter und manövrierte ihn aus der Küche. „Ich bring den mal ins Bett. Geht ruhig schon vor, wenn ihr“, er schluckte angewidert, „euch umgezogen habt.“

„Komm, ich hab da ein Oberteil für dich“, sagte Mia. Ich grinste in mich hinein. Sie musste schon sehr betrunken sein zu glauben, ich hätte nicht noch vier weitere Outfits im Gepäck. Keine fünf Minuten später stiegen wir mit einem überschaubaren Rest an Feierwütigen die Treppe in den Donkey’s Klub hinab. Es war ein ziemlich dunkler Keller, an den Wänden hing noch Lametta von Silvester und die Barbeleuchtung warf grünes Licht auf die Tanzfläche. Edel war anders. Das hier war abgenutzt, aber ehrlich. Man versuchte nichts zu sein, was man nicht halten konnte. Authentisch ist eben das neue edel.

Ich fragte mich, ob es klug war, jetzt noch einen Eroberungsversuch zu starten. Es war drei Uhr morgens und ich musste dementsprechend aussehen. Ganz davon abgesehen, dass der vorige Anblick von mir, über und über mit Erbrochenem bedeckt, vermutlich sein Übriges in Puncto Anziehungskraft getan hatte. Da meine Aufmerksamkeitsspanne im Moment aber der eines Goldfischs glich und Johannes ohnehin noch damit beschäftigt war, den volltrunkenen und protestierenden Timmy („Isch kommit! Kann noch rischtigut zanzen, du Penis!“) ins Bett zu kriegen, gab ich mich vorerst damit zufrieden, mit Mia zu unserem Lieblingslied von Mando Diao die Tanzfläche leerzufegen. Wenn Down in the Past gespielt wird, ist es ein Naturgesetz auf dem Planeten Mia-Luisa, völlig durchdrehen zu müssen. Und so sprangen, drehten und headbangten wir, bis uns zum Glück für alle Umstehenden die Puste ausging und bevor noch jemand durch herumfliegende Mädchenfäuste zu Schaden gekommen wäre. Irgendein lahmer Interpret aus den Siebzigern löste die schwedische Band ab.

Kurz vorm Erstickungstod wuchtete ich mich auf einen der zerschlissenen Hocker um den Holztresen und winkte einer Barkeeperin.

„Ein Bier, bitte.“ Meinem Durst nach hätte ich auch gleich zwei bestellen können. Meinem Pegel nach keins.

Ein paar Stühle weiter entdeckte ich Johannes wie er versuchte, die Barkeeperin auf sich aufmerksam zu machen, die gerade mein Bier zapfte. Zum zweiten Mal diesen Abend schoss mir ,jetzt oder nie‘ durch den Kopf und ich drängte mich zu ihm durch. Ich musste es versuchen. Johannes war mein Mann. Und dieser Mann würde mir nicht entkommen. Dieser Mann würde mich ganz sicher nicht auch noch vergessen, dafür würde ich schon noch sorgen.

Hier, in diesem durchgerockten Keller, wo das Licht so schummrig war, dass man sein Gegenüber kaum erkannte und die stickige, stinkende Luft einen wünschen ließ, das Rauchverbot in Klubs sei niemals durchgesetzt worden, fühlte ich meine Chancen steigen. Zu meinem Erstaunen wirkte er, als habe er mich ebenfalls gesucht und hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als ich bei ihm ankam. Vielleicht hatte ich die Situation richtig eingeschätzt und sie würde sich so entwickeln, wie ich es mir erhofft hatte. Das Blatt vor dem Mund hatte mir der Alkohol schon geklaut und ich schoss einfach drauf los: „Dein Drink geht auf mich, du hast dich vorhin so heldenhaft um Timmy gekümmert.“ Ich reichte ihm seinen Jacky-Cola und fühlte mich schon wie Mr. James Bond höchstpersönlich. Fast hätte ich Pierce-Brosnan-mäßig meine Augenbraue keck nach oben gezogen, da meinte mein Held: „Gut, dass du ihn erwähnst. Ich soll dir was von deinem Freund ausrichten. Er hat absolut nichts dagegen, wenn du nachher bei ihm im Bett pennst.“ Ich riss schockiert die Augen auf. Dieses Gesicht hatte Pierce Brosnan sicher nicht auf Lager. „Danke für den Drink! Ich nehm’s als Geburtstagsgeschenk!“ Johannes prostete mir zu und ging. Wow. Ich hatte offensichtlich einen neuen Partygag: Ein Elefant, der glaubt, er sei James Bond, aber in Wirklichkeit ein Zebrakostüm anhat. Applaus, Luisa, Applaus.

Als ich mich am nächsten Tag auf den Heimweg machte – ich hatte dankend darauf verzichtet, Timmys großzügiges Angebot anzunehmen und lieber bei Mia geschlafen – hieß es, Johannes sei mit seiner Mannschaft bei einem Fußballspiel. Dass dieser lässige Typ auch noch Fußballer war, machte ihn nur noch interessanter. Warum genau, kann ich bis heute nicht sagen. Vermutlich löst das Bild von Sport treibenden, muskulösen Männern immer Hormonsprünge bei Frauen aus. Aber der Nachteil war, dass ich ihn heute demnach nicht mehr zu Gesicht bekäme, um das Missverständnis der vergangenen Nacht in einem beiläufigen Nebensatz aufklären zu können.

Dabei fragte ich mich immer noch, wie zur Hölle Timmy auf die wahnwitzige Idee gekommen war, wir beide würden beim Matratzensport ein gutes Paar abgeben. Oder dass ich überhaupt bereit wäre, einen Teil dieses Paares zu stellen. Aber auch die Klärung dieser Frage musste wohl vertagt werden, denn der vermeintliche Womanizer versprühte den ganzen Morgen lang seinen Charme lieber auf dem Klo und kuschelte in innigster Umarmung mit der Toilettenschüssel.

Zwar stimmte mich der offene Ausgang dieses Besuchs nicht gerade freudig, aber ich musste zugeben, dass es vermutlich besser war, zunächst Gras über alles wachsen zu lassen und stattdessen einen Plan für die nächste WG-Party zu schmieden. Die stand nämlich schon zwei Monate später zum Semesterabschluss an. Ich sagte sofort zu. Die Gästeliste war mir diesmal scheißegal. Ich hatte mir einen Mann in den Kopf gesetzt. Und ich würde ihn diesmal verdammt noch mal kriegen!

Zu Hause ließ ich mich erst einmal halbtot aufs Bett fallen. Solche durchfeierten Nächte nahmen mich durchaus mehr mit als noch vor ein paar Jahren. Wo ich früher einfach ausgeschlafen, eine Pizza gegessen und mich für die nächste Feier frisch gemacht habe, versuchte ich jetzt lieber ein wenig Haltung zu bewahren und nicht auf meinen Leopardenteppich zu kotzen.

Mein kraftloser Arm tastete auf der Matratze herum und fand, was er suchte. Ich griff mir mein Handy und überbrückte die Zeit bis zur Linderung meiner Übelkeit mit dem Maximum an körperlicher und geistiger Funktion, zu der ich gerade noch so fähig war: Ich checkte meine sozialen Netzwerke.

Mia war fleißig gewesen, Facebook quoll nur so über von Fotos der Party. Ich klickte mich gerade durch die Bildergalerie, da ploppte eine Benachrichtigung auf. Und noch eine. Und noch eine.

„Mia hat dich auf einem Foto verlinkt“, verriet mir mein Smartphone. Mir schwante Böses.

Die Benachrichtigungslinks führten zu Porträts meiner Wenigkeit, deren Augenlider von Bild zu Bild immer tiefer über die immer roter werdenden Augäpfel hingen. Auf dem letzten meinte ich, Sabber aus meinem Mundwinkel tropfen zu sehen. Zu wirklichem Ärger war ich nicht mehr fähig, daher entschied ich mich, einseitig unter jedes Bild „Mach das raus“ zu kommentieren. Diese Fotos überhaupt ins Netz zu stellen, zeugte schon von einer mangelnden Sensibilität gegenüber der Privatsphäre von anderen Leuten, aber diese dann auch noch namentlich darunter zu verlinken, das grenzte an dreiste Respektlosigkeit. Verdammt! Jetzt war ich doch stinkwütend. Wie ein Käfer auf dem Bett liegend, alle Viere von mir gestreckt, nicht einmal fähig, mir die Schuhe oder Jacke auszuziehen, grollte ich vor mich hin und versuchte, nun nicht nur meinen Mageninhalt, sondern auch meinen Ärger wieder herunterzuschlucken.

Viel half es nicht. Leicht säuerlicher Geschmack bahnte sich seinen Weg über meine Speiseröhre in meinen Mund hoch und ich konnte nicht anders, als aufzuspringen und mich in das nächste Behältnis zu übergeben, das ich in die Finger bekam: meine Handtasche.

Herzlichen Glückwunsch zu dieser Übersprunghandlung.

Natürlich hätte es nicht das einen Meter weiter stehende Waschbecken getan oder einfach der Mülleimer nebendran. Von mir selbst angewidert, fischte ich den Inhalt heraus, der glücklicherweise aus nicht mehr als einem Make-up-Täschchen, meinem Geldbeutel und meinem Schlüssel bestand und fing an, das Malheur mit fließendem Wasser, Seife und Lappen wieder in Ordnung zu bringen. Wenigstens hatte ich mein Handy schon herausgeholt. Gott weiß, was damit geschehen wäre, wenn es in einem Liter Alkohol-Frühstücksmüsli-Galle-Gemisch ein Bad genommen hätte.

Es fiepte. Ich warf einen Blick darauf, Facebook hatte schon wieder eine Benachrichtigung für mich. Egal, jetzt musste ich zuerst noch Zähne putzen. Es war ohnehin sicherlich nur Mia, die entweder die entwürdigenden Fotos gelöscht oder eine Diskussion über Bildrechte oder unterschiedliches Peinlichkeitsempfinden losgetreten hatte und auf Letzteres war ich ohne sauberes Mundgefühl definitiv nicht vorbereitet. Fast schon zur alten Form gelangt, schrubbte ich mir wütend alle Überreste des gestrigen Abends aus dem Mund und stach mir dabei vor Übermut fast ein Auge aus. Zahnpasta gehört da definitiv nicht hin, das weiß ich nun auch. Wegen meines verheulten Sehorgans nicht gerade besser gelaunt, tippte ich energisch auf den Bildschirm. In meinem Kopf wirbelten bereits diverse Schlagfertigkeiten umher, da merkte ich, dass das Fiepen mich auf eine Freundschaftsanfrage hinweisen wollte.

Diesen Timmy muss endlich mal jemand von seinen Halluzinationen uns betreffend befreien.Empört klickte ich auf das Profil des Antragstellers. Es war Johannes. An dieser Stelle möchte ich mich vorher für die folgende kitschige, flache und überhaupt nicht zu mir passende Phrase entschuldigen: Mein Herz machte einen Sprung. Igitt. Aber ich schwöre, es war so.

Zumindest war ich also nicht vergessen worden, selbst wenn ich als die vollgereierte Braut von „Timmy dem Kotzer“ im Gedächtnis geblieben war. Dieser Spitzname würde sich in „der Gang“ ganz schnell durchsetzen, dafür würde ich auf der nächsten WG-Party schon sorgen. Mein Shirt musste gerächt werden. Nachdem es getrocknet war, hatte der Fleck die alte Konsistenz der Nimm 2-Bonbons angenommen: klebrig, bockelhart und damit absolut nicht entfernbar. Auf allzu großen Widerstand seitens „Möse“ und „Schwengel“ würde ich mit meiner Pseudonym-Einführung sicher nicht stoßen.

Was meine Eroberung von Johannes anging, sah es schon anders aus. Mein momentanes Ich eignete sich vielleicht wunderbar, um Fische wie Timmy an Land zu ziehen. Aber für dicke Karpfen, wie Mr. Perfect hier, war der Haken offenbar nicht groß genug. Ich hatte mich zu einem belanglosen Zahnarzttermin entwickelt, hatte mich die vergangenen Monate wohl derart gehen lassen, dass kein anständiger Mann noch Notiz von mir nahm – also als Frau, nicht als Partygag. Eigentlich konnte ich es ihnen auch nicht übel nehmen. Das letzte Mal, als meine Nägel Nagellack gesehen hatten, war Glitzer noch the Shit gewesen, meine letzten Shopping-Ausbeuten waren ein Onesie, flauschige Hausschuhe und ein Bierkühler. Und das, was ich auf dem Kopf mit mir herumtrug, könnte man eher als schlammfarbene, filzige Hippie-Kopfbedeckung identifizieren denn als Haare. Es musste definitiv mein altes, glänzendes Ich her.

Face it, bitch.

Wenn es ums Haareschneiden geht, vertraue ich nur Roman. Niemand schneidet wie Roman. Als ich heulend bei Roman auftauchte, weil mir irgend so ein bescheuerter Vorstadtfriseur eine Jackie-Kennedy-Gedächtnisfrise verpasst hatte, richtete Roman das. Als mein Cousin sich kurzerhand überlegte, mir als Retourkutsche den Pony abzuschneiden, richtete Roman das. Ich war fest davon überzeugt, dass Roman das auch diesmal richten würde.

„Was ist denn hier passiert?!“, war absolut nicht das, was ich zu hören erwartet hatte. Ein wenig verunsichert strich ich durch mein Haar.

„Wie lange warst du bitte schön nicht mehr bei mir?“, fragte er eher rhetorisch, während seine Finger schon an meinen Haaren herumzupften. Ich schwieg. Gleich würde es kommen.

„Und dieses Dingsda, das du mir als Schnitt verkaufen möchtest, habe sicher nicht ich verbrochen.“ Na also.

„Ich bin Studentin“, sagte ich und versuchte möglichst vorwurfsvoll zu klingen. Dass ich neben meinem Studium noch arbeitete und von meinen Eltern unterstützt wurde, musste er ja nicht wissen. Ich gab mein Geld eben gerne für andere Sachen aus, statt für überteuerte Friseure. Alkohol und Partys zum Beispiel. Und davon hatte ich in letzter Zeit offenbar eine Menge gehabt, denn wie ich so in den großen Frisierspiegel blickte, bekam ich unweigerlich einen Eindruck davon, was täglicher Biergenuss verursachen konnte: Ich sah aus wie Arnold Footballschädel.

„Wir schneiden erst ab Kinnhöhe“, erklärte Roman. „Das macht das Gesicht schmaler.“

Verfluchte Scheiße. Verfluchte Oberscheiße. Ich hatte ja schon geahnt, dass ich mich seit meinem Umzug in die neue Stadt hatte gehen lassen: Ein neuer Ort bedeutete immer, dass man sich auch einen neuen Freundeskreis suchen musste. Und bei Studenten ging das am besten auf einer Party oder in der Kneipe und nicht auf dem Heimtrainer. Aber das. Würde ich mir eine weiße Naht auf die Stirn malen, müsste ich Angst haben, Leute könnten versuchen, meinen Kopf zu kicken.

Eine Stunde später und um einiges ärmer als zuvor, verließ ich den Haarsalon zufrieden – Roman hatte es trotz allem wieder geschafft. Auf zur Shoppingmeile, eine neue Attitude brauchte nun mal ein passendes Outfit. Immerhin wollte ich Johannes im Sturm erobern und nicht seicht anplätschern. Und ich wagte zu bezweifeln, dass sich Brad Pitt von Angelina Jolie durch einen Onesie, einen Bad-Hair-Day-Dutt und eine Laissez-faire-Haltung hatte einnehmen lassen. Der Vergleich hinkte ein wenig, denn soweit die Yellow Press das durchschaut hatte, war der eigentliche Grund ihr gemeinsamer Wunsch nach einer Großfamilie gewesen. Mir egal. Ich stiefelte los, das alte Ich hinter mir lassend, Angelina vor Augen.

Mit einem Berg voller Klamotten drückte ich mich, die Mitarbeiterin, die mir „Nur sechs Teile, Fräulein!“ hinterherrief, ignorierend, in die Umkleidekabine. Puh. Ich hatte vorsorglich alle Kleider schon mal eine Nummer größer als gewohnt mitgenommen. Mein Gefühl sagte mir, ich würde sie brauchen. Und falls es nicht passte: Später doch zu einer kleineren Größe greifen zu müssen war deutlich angenehmer als andersherum. Das erste Kleid war schon mal ein Hingucker. Violett, glatter, fließender Stoff, Wasserfallausschnitt. Und der Beinausschnitt erst! Dass ich kaum eine Gelegenheit finden würde, dieses extravagante Teil anzuziehen, verdrängte ich erst mal. Was ich aber nicht verdrängen konnte, war der Reißverschluss: Er klemmte. Ich zerrte, rüttelte und machte, aber das Ding hatte keine Gnade mit mir.

Schließlich ergab ich mich. „Entschuldigung, könnten Sie mir helfen? Der Reißverschluss klemmt.“ Die vorhin noch zeternde Mitarbeiterin kam widerwillig angestapft, ihre zotteligen Locken wippten dabei. Kaum hatte ich ihr den Rücken zugewandt, spürte ich, wie sie sich aggressiv an dem Reißverschluss zu schaffen machte. Da ich kurz zuvor an ein und derselben Methode gescheitert war, sah ich es nicht kommen, dass sie bei ihr funktionieren würde. Tat sie auch nicht.

„Fräulein, das liegt nicht am Reißverschluss. Das Kleid ist zu klein“, sagte sie trocken. Ich war erstarrt. Zu klein?

„Hören Sie, ich bringe Ihnen einfach eine Nummer größer“, bot sie freundlicherweise an, aber ich hörte nur zu klein … zu klein … zu klein. Was ich anhatte, war ja schon „eine Nummer größer“. Verdammte Hacke, bevor ich mich in eine 44 quetschte, liefe ich lieber nackt aus dem Laden. Meine Mutter trug eine 44.

„Nein, danke“, antwortete ich schnell und verschwand hinter dem Vorhang. Vielleicht fiel das Kleid einfach kleiner aus. Ich schlüpfte in eine Jeans oder versuchte es zumindest, denn über meinen Po schaffte sie es leider nicht. Mir fielen vor Unglauben fast die Augen aus. Diese Größe hatte ich vor einem Jahr doch noch gehabt! Diese Größe hing zigmal in meinem Schrank! Wenn ich ehrlich zu mir war, hatte ich die vergangenen Monate allerdings nicht ein einziges Mal eine Jeans getragen. Stattdessen Leggins und luftige Kleider, immerhin war es Sommer gewesen. Scheiße. Dass bequeme Klamotten bedeuteten, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben, hatte Karl Lagerfeld schon immer gewusst. Hätte ich doch nur auf Karl gehört. Nun hatte ich den Salat. Ich war verdammt dazu, nur noch flatternde Stoffe und Kleidung mit extra hohem Stretchanteil zu tragen. Zwar hatte ich das die letzte Zeit durchgehend schon getan, aber jetzt, da mich die Umstände dazu zwangen, fand ich den Gedanken ungefähr so würdevoll, wie mit einer Ledermaske, angekettet an eine Domina, in eine Bankfiliale spazieren zu müssen.

Ich drehte und wendete mich zwischen der Spiegellandschaft der Umkleidekabine. Es half nichts. Ich hatte deutlich zugelegt. Zu lange hatte ich weder auf Ernährung noch Sport geachtet. Was früher mal ein ansehnlicher Hintern gewesen war, sah nun aus wie der verdammte Mond. Nach einem Meteoriteneinschlag.

Verfluchte Scheiße noch mal. Mir war zum Heulen. Ich wollte schöne Kleider tragen. Ich wollte ihren Reißverschluss zubekommen und ich wollte in ihnen fabelhaft aussehen. Ich wollte ins Regal greifen, ein Kleid herausholen und es kaufen, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob es an Problemzonen problemhafte Problemfalten aufwarf. Ich wollte, dass ich wusste, dass es wahnsinnig gut an mir aussah, weil ich wahnsinnig gut aussah. Ich wollte das unbedingt.

Denn nur so würde ich mir meinen Mann angeln können. Natürlich wusste ich, dass dazu mehr gehörte als ein fabelhaftes Aussehen. Aber das war der Anfang, das Fundament. Ohne war ich weder sympathisch, noch charmant, noch locker und auch nicht selbstbewusst. Wer war das schon, wenn er sich in seiner Haut unwohl fühlte? Stattdessen war ich frustriert, unsicher und zuppelte an Stellen, von denen ich dachte, das Problemkleid würde an ihnen problemhafte Problemfalten werfen. Und obendrein tat es das tatsächlich.

Langsam verstand ich, warum ich versetzt worden war. Langsam verstand ich, warum Johannes mich keines Blickes gewürdigt hatte. Ich selbst hatte für in Scheißigkeit verpackte Unzulänglichkeit wenig übrig. Sie lief mir häufiger über den Weg: in Bars, in Restaurants, auf der Straße, in der Uni. Machte mich an, dachte, sie müsste es probieren. Ich dachte, sie sollte es besser lassen.

Es gibt nun mal Äußerlichkeiten, über die kann man nicht hinwegsehen, selbst wenn sich die innere Unzulänglichkeit im Nachhinein als pure Mutmaßung herausstellen sollte. Schon mal das Innere eines von außen völlig verschimmelten Brotes gegessen? Eben.

Der Grad der vom Gegenüber empfundenen Abneigung ist natürlich immer unterschiedlich. Manche finden das Brot zumindest interessant anzusehen, andere können es nicht einmal anfassen und wieder andere packt sofort der Würgereiz bei seinem Anblick. Schönheit ist eben subjektiv und liegt im Auge des Betrachters. Aber einen groben gemeinsamen Konsens gibt es dennoch. Die meisten Angehörigen einer Kultur finden optisch im Großen und Ganzen dasselbe attraktiv. Pickel findet zum Beispiel niemand schön. Ausnahmen gibt es immer. Aber flächendeckende Schönheitsideale halten sich nach wie vor hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Meinem eingeschlossen.

Und so verglich ich mich mit unserem allergrößten gemeinsamen Nenner, der als optisches Idealbild in allen Hochglanzmagazinen und Social-Media-Kanälen zu sehen war, und versuchte dabei so ehrlich wie möglich mit mir ins Gericht zu gehen. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung – das ist ausgelutscht, stimmt aber.

Die Zeit der Täuschungsmanöver für meine Selbstwahrnehmung war vorbei. Ich hatte es zu lange erfolgreich verdrängt, dass ich mich seit geraumer Zeit selbst immer weniger toll fand und mich immer weiter entfernt hatte von der schlanken, langhaarigen, stilsicheren und gepflegten Person, die ich mal gewesen war und die ich so gut hatte leiden können. Also würde ich mich ändern. Das gepflegte Äußere war auf einem guten Weg – die Haare waren fertig, wieder eine Make-up- und Pflegeroutine einzuführen war ein Kinderspiel – und die stilsichere Garderobe würde kommen, sobald ich mich des Schwabbels entledigt hatte. Ich hatte einen Plan. So würde ich es angehen.

Ohne die Verkäuferin eines Blickes zu würdigen, verließ ich schnurstracks den Laden in Richtung Zuhause. Es gab eine Menge zu tun.


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Emma Simon will weder die Welt bewegen, noch das Sprachrohr ihrer Generation sein. Von vielen Dingen hat sie keine Ahnung und zu noch mehr Dingen nur gefährliches Halbwissen. Und wenn ihr etwas auf den Zeiger geht, dann sind es schwulstige Umschreibungen. Nachdem man eines ihrer Bücher gelesen hat, ist man vermutlich nicht sonderlich schlauer, aber wenigstens war man ein paar Stunden bestens unterhalten – Emma Simon alias Petra Xayaphoum hat zumindest ihren Spaß beim Schreiben ihrer Geschichten.