Mein Traummann, seine Exfreundinnen und ich

Kapitel 6

Ein paar Tage später ergab sich bereits die Aussicht auf nahtlose Rundum-Beschattung.

Allerdings hatte Max sein Versprechen bezüglich Freunde vorstellen offensichtlich wieder verdrängt und erzählte ganz beiläufig, dass er sein Ticket nach Madrid buchen müsse.

Ticket nach Madrid?

„Ich treffe mich mit ehemaligen spanischen Studienkollegen in Pedraza zum Dorffest. Das ist ein kleines Nest in der Nähe von Madrid. Ich war nämlich ein Semester an der Universidad Complutense.“

„Darf ich auch mit?“

Max sah mich zweifelnd an. „Eigentlich möchte ich lieber alleine hinfahren. Dieses Fest ist wirklich nichts Besonderes. Eine Band, eine Bar, das isses dann auch.“

„Klingt toll! Warum würde ich da stören?“

Er erklärte, dass er sich seit 13 Jahren regelmäßig für ein verlängertes Wochenende im August mit seinen spanischen Kumpels zu diesem Dorffest traf. Wichtigste Regel dabei war: Keine Frauen mitbringen.

Wie jetzt? Hatte er etwa auch in Spanien eine Titten-Barbie sitzen, die er auf Biegen und Brechen verheimlichen wollte? Ich schmollte. Doch er ließ sich nicht beirren.

„Ich glaube auch gar nicht, dass es dir dort gefallen würde, Klara. Es geht extrem leger zu.“

Max versuchte mir weiszumachen, dass alle auf Strohlagern in einer verlassenen Scheune schliefen und ein Ziehbrunnen die einzige Waschgelegenheit sei. Darüber konnte man nur lachen. Max war der größte Style-Freak auf Erden und verbrachte Stunden vor seinem Kleiderschrank, um das Outfit des Tages zusammenzustellen. Das sagte ich ihm ins Gesicht.

„Bei meinen Kunden kann ich nicht in zerbeulten Jeans auflaufen“, verteidigte er sich. „Deshalb finde ich die vier Tage in Pedraza jedes Mal so entspannend. Da kümmert es keinen, wie man rumläuft.“

Wir diskutierten die halbe Nacht. Ich hatte viele schlagkräftige Argumente parat, warum ich in Pedraza nicht fehlen durfte, und erinnerte ihn an sein Versprechen, aber Max blieb hart. Also weinte ich wieder ein bisschen und warf ihm vor, dass er mich nicht wie eine vollwertige Freundin behandelte. Und siehe da, Max wurde weich. Er haderte noch etwas wegen dieser albernen Unter-Männern-Regel. Aber gegen vier Uhr morgens sagte er, dass er sich freue, wenn ich mitkäme. Na also, warum nicht gleich.

Dann bläute er mir noch ein, dass schicke Klamotten im Bergdorf fehl am Platz seien. Ich solle nur Schlafsack, Decken, Jeans und alte T-Shirts mitnehmen, weil bei den Trinkgelagen schon mal ein Glas Wein im Kragen landete. Außerdem etwas Warmes für die kühlen Nächte.

Aber das war sicher übertrieben. Max übertrieb ja oft.

 

Trotzdem hielt ich mich an seine Anweisungen und packte Jeans ein. Die neuen von Dolce, irre chic. Dazu ein paar hübsche Tops mit Spagettiträgern, zarte Sommerkleider und Bikinis, viele Bikinis. In Spanien ist es ja immer total warm, noch dazu im August. Ich dankte Helene im Geiste, weil sie kurz zuvor meine Garderobe überarbeitet und mich dann durch ihre Lieblingsboutiquen geschleift hatte. „Kann ja wohl nicht sein, dass Max mehr Klamotten hat als du“, war ihr Argument gewesen, für das ich mein Konto plünderte. Seitdem war ich pleite, hatte aber einen beachtlichen Kleiderschrank. Auch mein neues cremefarbenes Wildlederwestchen durfte mit, sündige Spitzenunterwäsche und natürlich eine Auswahl an elegantem Schuhwerk.

Wenn wir schon zusammen in Kurzurlaub flogen, wollte ich schließlich nicht wie ein Bauerntrampel daherkommen. Was würden seine Freunde sonst von mir denken! Es ist ja bekannt, dass Spanier ausgesprochen modebewusst sind und sehr viel Geld in Klamotten investieren. Deshalb hatte ich mir für meinen großen Auftritt beim Dorffest auch noch eine Abendrobe von Helene geliehen. Dunkelroter Organza mit einem Rückendekolleté bis zur Po-Ritze. Ein Traum! Max würde stolz auf mich sein.

Ich war sehr zufrieden. Immerhin war ich die erste Frau, die Max auf diesem heiligen Spanien-Trip begleiten durfte, die Erste, die er seinen spanischen Ex-Kommilitonen vorstellen wollte. Die Erste in 13 Jahren! So eine Aktion veranstaltet man doch nur, wenn es einem total ernst ist, oder? Also: Bye-bye Sandy, bye-bye Mandy! Ganz hatte ich zwar nicht verstanden, was die Jungs da von Freitag bis Montag trieben, aber es würde sicher herrlich sein, in diesem beschaulichen Bergdorf unterm Sternenhimmel zu feiern. Ganz herrlich.

 

Als wir uns 90 Minuten vor Abflug an der Check-in-Schlange des Iberia-Schalters trafen, machte Max ein langes Gesicht. Wegen meines Gepäcks. Manchmal ist er extrem kleinlich. Dabei hatte ich nur zwei Taschen dabei. Eine winzige – wog kaum sechs Kilo – als Handgepäck und eine etwas größere mit praktischen Rollen dran. Die Rollentasche wog 17 Kilo. Ich hatte etwas Mühe, sie auf das Gepäckband zu wuchten.

„Was um Himmels Willen hast du mitgenommen?“, fragte Max bestürzt. „Wir bleiben nur vier Tage und du hast Klamotten für eine Weltreise dabei. Das kann doch nicht wahr sein.“

Er selbst hatte nur ein winziges Rucksäcklein über der Schulter und unter dem Arm einen zusammengerollten Schlafsack. Mist! Schlafsack! Den hatte ich vergessen. Und auch das Bettzeug, das ich hätte mitnehmen sollen. Ich vermied es, dies anzusprechen und setzte stattdessen eine gekränkte Miene auf.

„Du hast selbst gesagt, dass die Nächte oben in den Bergen recht frisch werden können.“

„Ach, du hast warme Sachen eingepackt?“

„Jede Menge“, nickte ich stolz und war heilfroh, dass ich meinen rosa Pashmina-Schal doch noch neben die fünf Bikinis geworfen hatte. Ansonsten war ich ja ganz auf knisternd-heiße spanische Nächte eingerichtet.

 

Der Flug nach Madrid verlief heiter, obwohl ich einigermaßen angespannt war. Max gestand mir, dass er bis zuletzt große Bedenken gehabt hatte, mich mitzunehmen.

„Nicht böse sein, aber wir kennen uns ja noch nicht so lange. Ich hatte den Eindruck, dass du manchmal etwas etepetete bist. Aber jetzt, wo ich weiß, dass du schon mehrere Treckingtouren durch Burma und Borneo gemacht hast, sieht das natürlich anders aus.“ In seinem Blick lag echte Bewunderung.

Bescheiden zuckte ich die Schultern. „Ich bin total naturverbunden.“

Max gab mir einen Kuss.

„Super übrigens, dass du nicht nur Bettwäsche eingepackt hast, sondern auch Taschenlampen und Regenjacken. Das hab ich nämlich vergessen.“

Er winkte der Stewardess und bestellte zwei Gläser Prosecco. Als wir anstießen, blickte er mir tief in die Augen.

„Du bist eine unheimlich tolle Frau, und ich bin ein Glückspilz, dass ich dich getroffen habe.“

Mir wurde heiß. Weil ich in seinen blauen Augen fast versank, aber vor allem, weil meine Lügen schon bald auffliegen würden. Irgendwie ging alles ein bisschen schief, obwohl ich mich so bemühte, alles richtig zu machen.

Die Borneo-Story konnte ich sicher eine Weile aufrechterhalten. Ich hatte das Geo-Heft mit dem Reisebericht der Schreckens-Tour zu Hause. Aber mein realer Kofferinhalt würde in wenigen Stunden auffliegen: kein Schlafsack, keine Decken, kein Bettzeug und natürlich keine Taschenlampen oder Regenjacken. Wozu auch? Dafür jede Menge Party-Outfits und dergleichen. Ich war fast sicher, dass Max dafür kein Verständnis aufbringen und sauer sein würde. Er hatte im Flieger nämlich noch mal betont, wie relaxt es im spanischen Dorf zuging, und dass Camping im Vordergrund stand.

Ich wollte aber nicht, dass Max sauer auf mich war. Ich wollte, dass er mich toll fand. Eben die perfekte Frau für jede Lebenslage.

Also, was tun? Ich konnte meine Reisetaschen zum Beispiel auf dem Flughafen von Madrid verlieren. Aber solche Riesendinger verliert man nicht so schnell. Ich konnte vielleicht auch einen Kofferdieb engagieren, der mir die Taschen klaute. Keine schlechte Idee. Problematisch nur, dass ich kein Spanisch kann. Das würde die Konversation mit potenziellen Räubern stark erschweren. Außerdem wären dann meine teuren, neuen Klamotten futsch. Auch blöd. Als die Stewardess den Anflug auf Madrid ankündigte, hatte ich noch immer keine Lösung parat.

Nachdem wir das Gepäck vom Band geholt hatten, eilte Max sofort zum Avis-Schalter, um unseren Leihwagen in Empfang zu nehmen. Das Bergdorf lag gut zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Unser gebuchter Mittelklasse-Wagen entpuppte sich als Toyota Corolla in Spinatgrün, aber die Sorgen über meinen Tascheninhalt machten mir so zu schaffen, dass mir kein lustiger Spruch zur Farbe des Autos einfiel. In ein paar Stunden würde unsere junge Liebe stark angeschlagen sein. Ich sah sein ungläubiges Gesicht vor mir, wenn ich statt der erwarteten Wolldecken nur ein hauchdünnes Negligé zur Nachtruhe in der Scheune beisteuern konnte.

Neben uns belud eine Familie aus Holland einen Opel Corsa. Sie waren schwer bepackt und hatten Mühe, ihren ganzen Krempel in den kleinen Kofferraum zu quetschen. Zwei der holländischen Taschen waren dunkelblau. Auch meine Reisetaschen waren dunkelblau. Als das holländische Kleinkind, das bereits in seinem Kindersitz auf der Rückbank angeschnallt war, anfing wie am Spieß zu schreien, und die Eltern panisch zu ihrem Nachwuchs stürzten, handelte ich. Beherzt nahm ich die beiden Holland-Taschen, wuchtete sie in unseren Kofferraum und machte die Klappe zu. Dann schob ich meine Taschen die zwei Meter weiter vor den Opel. Das Elternpaar war ganz mit dem brüllenden Kind beschäftigt, und Max hatte die Nase in die Straßenkarte gesteckt. Keiner hatte etwas bemerkt. Jetzt nichts wie weg.

Ich sprang auf den Fahrersitz und ließ den Motor an.

„Los Max, einsteigen, oder willst du auf dem Parkplatz Wurzeln schlagen?“

Er hatte die Tür noch nicht geschlossen, da fuhr ich schon mit quietschenden Reifen los, schoss wie der Blitz aus dem Flughafengelände und gab alles, um schnell auf die Autobahn zu kommen. Lange würde es nicht dauern, bis die Käsköppe den Taschen-Tausch bemerkten. So ein Kind schreit ja nicht ewig. Bis dahin musste ich einen guten Vorsprung herausgefahren haben.

„Weißt du überhaupt, wohin wir müssen?“ Max sah mich besorgt an. „Geht’s dir gut? Du fährst ja, als wäre der Teufel hinter dir her.“

„Alles okay. Ich fahre immer zügig. Und ich kann es gar nicht erwarten, zu dem Bergdorf zu kommen und deine Freunde kennenzulernen. Es sind sicher wunderbare Menschen!“

„Ja, aber hier ist ein Limit von 60 und du fährst 110. Außerdem in die falsche Richtung. Überlass mal mir das Steuer. Du kannst dann später wieder fahren.“

Wir wechselten die Plätze. Max wendete – für meinen Geschmack viel zu langsam – und fuhr in Richtung Segovia. Ich spähte ständig nach hinten und auf die Gegenspur, um zu sehen, ob ein roter Corsa mit wütenden Insassen die Verfolgung aufgenommen hatte.

„Ist irgendwas? Du zappelst so.“

„Nein. Mir wird nur manchmal schlecht, wenn ich nicht selber fahre.“

„Oh Gott, dann fahre ich besser langsamer.“

„Bloß nicht! Fahr schneller. Mir wird vor allem bei langsamer Geschwindigkeit schlecht.“

Max trat aufs Gaspedal. Als nach 30 Minuten immer noch kein Opel hinter uns zu sehen war, begann ich, mich zu entspannen. Unserem harmonischen Kurzurlaub stand nichts mehr im Wege.

Ich war auch sicher, meine Sachen wiederzubekommen. Schließlich hatte ich Namen und Adresse an den Gepäckanhängern. Also, alles kein Problem. Blöd nur, dass ich meine Party-Klamotten jetzt nicht auftragen konnte. Aber Max hätte das sowieso nicht zu schätzen gewusst. War sich der Mann überhaupt bewusst, welchem Stress ich mich seinetwegen aussetzte. Natürlich nicht!

Als wir Madrid um etwa 16:00 Uhr verlassen hatten, brannte die Sonne vom Himmel. Gut zwei Stunden und viele Höhenmeter später brauten sich Wolken zwischen den Gipfeln zusammen. Max zog die Brauen hoch.

„Da ist schlechtes Wetter im Anmarsch.“

„Echt? Am Flughafen war doch alles paletti. Fast 30 Grad.“

„Ja, aber in den Bergen sieht das ganz anders aus. Wenn da die Wolken drinhängen, wird es schnell ungemütlich.“ Er sah mich aufmunternd an. „Ist aber für uns kein Problem. Wir sind schließlich bestens ausgerüstet.“

Ich hoffte sehr, dass sich im Leih-Gepäck das eine oder andere brauchbare Stück finden würde.

Als wir in Pedraza ankamen, war es schon dämmrig. Das Nest schien ausgestorben zu sein, kaum ein Mensch war in den engen Gassen zu sehen. Von Party-Stimmung keine Spur. Als wir ausstiegen, pfiff uns ein eisiger Wind um die Nase. Vorwurfsvoll sah ich Max an.

„Es ist kalt und ungemütlich. Und dies hier ist eine Geisterstadt. Wo sind die Party-People?“

Max spähte in die Dämmerung.

„Scheint so, dass das Fest erst morgen startet. Das weiß man in Spanien nie so genau. Spanier sind total spontan. Die feiern, wenn sie Lust dazu haben“, erklärte er fachmännisch.

„Vielleicht feiern sie auch erst nächstes Wochenende oder in einem anderen entzückenden Bergdorf?“

„Nein. Der Termin steht. Und der Ort auch. Ich werde mal meine Freunde anrufen. Die chillen sicher schon in einer Bar.“

Chillen? Bar? Es hätte mich stark gewundert, wenn es in diesem Kaff auch nur einen Krämerladen gab.

Misstrauisch beäugte ich, wie Max auf seinem Handy herumtippte. Nach fünf Minuten hatte er alle Freunde durchtelefoniert, war aber nur auf Mailboxen gestoßen.

„Max, ich friere.“

„Zieh dir doch was Wärmeres an. Ich hole deine Tasche.“

Bloß nicht!

In diesem Moment näherte sich ein klappriger Seat Ibiza und hielt mit quietschenden Bremsen direkt neben uns. Heraus sprangen vier unrasierte Männer in sackartigen Parkas. Panik ergriff mich. Ein Überfall! Die Meute stürzte sich auf meinen Max — und mit lautem „Hola“ fielen sich Max und die Typen um den Hals. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass dies die sagenhaften spanischen Freunde waren.

Nachdem sie von Max abließen, war ich an der Reihe und bekam stachelige Küsse. Na ja, Spanier sind eben heißblütig. Max stellte mir alle vor.

„Das ist Americo, der hier ist der Jesus, daneben Manuelito und Juan.“

Wieder Küsse, dann Palaver, von dem ich keine Silbe verstand. Max dolmetschte mir, dass das Dorffest, wie vermutet, erst morgen starten würde. Für den heutigen Abend war ein gemütliches Sit-in in der Scheune vorgesehen, in der sich die Freunde bereits häuslich eingerichtet hatten. Wir stiegen wieder ins Auto und folgten dem Rost-Seat über hubbelige Feldwege, bis wir eine verfallene Siedlung mitten in einem Wäldchen erreichten. In der Dunkelheit konnte ich ein schwach beleuchtetes Gebäude erkennen, davor einen Brunnen mit Zugvorrichtung. Das mit der Scheune war leider kein Witz gewesen.

Als wir ausstiegen, setzte wieder Hola-Geschrei ein und der restliche Spanien-Trupp, der um ein Feuer lagerte, galoppierte auf uns zu. Wieder Küsse und Umarmungen. Einer der Bärtigen nahm Max auf die Schultern und sprang mit ihm ums Feuer. Ich meine, man kann Wiedersehensfreude auch übertreiben und kam mir reichlich deplatziert vor. Da mich keiner beachtete, schnappte ich mir eine Flasche Corona und wanderte um die Scheune. Sehr baufälliger Schuppen. Aber die Luft war gut. Ein nächtlicher Vogel tschilpte in einem Baum, ansonsten absolute Stille, bis auf das Gegröle. Ich wurde ein bisschen abenteuerlustig und schlenderte in das Wäldchen. Silbrig schimmerte der Mond am Himmel, die Nacht war sternenklar. Wunderschön. Vielleicht war es doch keine schlechte Idee, ein paar Tage mitten in der Natur zu verbringen, fernab jeder Zivilisation, mit entspannten Menschen, alles ganz leger. Ich würde mich als einzige Frau in der Männerrunde natürlich auch nützlich machen, Leckereien kochen, Geschirr spülen, Schlafsäcke aufschütteln, die Jungs ein bisschen verwöhnen. Und vor allem würde ich Max verwöhnen. Vier ganze Tage und Nächte am Stück mit dem tollsten Mann der Welt lagen vor mir. Ich legte den Kopf in den Nacken, drehte mich im Kreis und fühlte mich gut. So einfach kann Glück sein. Dachte ich, bis sich mein Stiefelabsatz in einer Wurzel verhakte und ich der Nase lang hinfiel.

Der Tümpel war nicht tief, aber schlammig. Ich schrie wie am Spieß.

Obwohl Max in Rekordtempo bei mir war und mich aus der Pfütze rettete, war ich stinksauer. Stehend reichte mir das Wasser kaum bis zur Wade, trotzdem troff ich von Kopf bis Fuß.

„Was machst du denn! Man kann dich wirklich keine fünf Minuten alleine lassen“, scherzte er erfolglos.

„Ich nehme ein Moorbad! Soll ganz toll für die Durchblutung sein.“

Er legte mir seine Jacke um die triefenden Schultern und rubbelte kräftig. Die Madrilenen standen lässig daneben. So ein Mist, meine einzigen Klamotten konnte ich fürs erste vergessen. Schlecht gelaunt ließ ich mich zur Scheune zurückführen. Bei jedem Schritt quoll grünlicher Schlamm aus meinen Wildlederstiefeletten. Aha, und mein einziges Paar Schuhe war reif für den Müll.

Vor dem Lagerfeuer drückte mich Max auf eine umgedrehte Bierkiste und legte mir eine Decke um die Schultern. Erst jetzt registrierte ich, dass sich unter den spanischen Freunden auch vier Frauen befanden. Was hatte das denn zu bedeuten? Galt die gute alte Unter-Männern-Regel überhaupt nicht mehr? Eine der Frauen reichte mir eine dampfende Tasse. Nette Geste. Ich lächelte dankbar. Sie lächelte nicht.

„Trink einen Schluck Tee, Klara“, sagte Max, „und dann raus aus den nassen Klamotten.“

Beim zweiten Niesen scheuchte er mich zum Umziehen. Das Gepäck hatte er bereits in der Scheune deponiert.

Beklommen nestelte ich am Reißverschluss der größeren Tasche. Aha, Kleidungsstücke. Wenigstens hatte ich nicht die Baby-Utensilien erwischt. Mit spitzen Fingern griff ich in die Textilien. Eine senfgelbe Jogging-Hose in XL, ein sackartiges grünes Frottee-Kleid, geblümte Shorts, drei große T-Shirts, weiße Sandalen, Bundfalten-Jeans, ein gemusterter Rock und ein graues Sweatshirt. Alles sehr schrecklich, bisschen 80er-Jahre-Stil. Aber da. Ein Schlafsack! Außerdem verwaschenes Baumwollzeug, das man mit etwas Phantasie als Bettwäsche bezeichnen konnte. In den Tiefen der Tasche kam Unterwäsche zum Vorschein, die ich allerdings lieber nicht anfassen wollte. Weiter unten dann Nähzeug, Mückenspray, ein Roman auf Niederländisch – den musste ich verschwinden lassen – und eine Taschenlampe! Diese Holländer waren mir plötzlich ganz sympathisch. Ein sehr pragmatisches Völkchen.

In der zweiten Tasche fand ich Lebensmittel. Fisch in Dosen, Wurst in Dosen, Erbsen in Dosen, dazu abgepacktes Vollkornbrot, Schokolade und Wodka. Meine Retter schienen eingefleischte Selbstversorger zu sein. Leider alles ausnahmslos mit holländischen Etiketten, aber ich konnte ja sagen, dass ich das Zeug noch von meinem letzten Amsterdam-Trip übrig hatte. Amsterdam klingt immer recht lässig.

Ich genehmigte mir einen Schluck Wodka und stellte dann mein neues Outfit zusammen. Mit der Beute durfte ich nicht unzufrieden sein. Ansatzweise war es der Inhalt, den ich Max vorgelogen hatte. Ich beschloss, die Taschen vorläufig zu adoptieren.

Da mir inzwischen kalt war, entschied ich mich für die Jogging-Kluft. Dass ich darin wie eine gelbe Tonne aussah, war auch ohne Spiegel klar. Ich musste den Bund drei Mal umkrempeln, um zu verhindern, dass mir die Hose in Richtung Kniekehlen absackte. Das zugehörige Sweatshirt schlackerte mir verwaschen um die Schenkel — und war vorne mit der peinlichen Aufschrift „Sexy Girl“ bedruckt. In dem Zeug hätte ich zu Hause nicht mal den Müll runtergetragen.

Unlustig ging ich zurück zum Lagerfeuer und ließ mich zwischen Max und Jesus auf einen Bierkasten plumpsen. Eine Rotweinflasche und ein überdimensionaler Joint kreisten bereits in der Runde. Max drückte mir einen Kuss aufs Haar.

„Na, geht’s dir besser? Hab mich schon gewundert, wo du so lange bleibst. Du konntest es wohl nicht lassen und hast dich für unser rustikales Abendessen noch heimlich schön gemacht.“

Langsam wanderte sein Blick über meine gelbe XL-Tracht und blieb beim „Sexy Girl“ hängen.

„Das kenne ich ja noch gar nicht. Ist das ein Jogginganzug? Sehr nett, aber ist der nicht eine Nummer zu groß?“

„In meiner Freizeit trage ich gerne bequeme Kleidung“, bemerkte ich sachlich. „Da ist es mir wichtig, dass der Bund nicht kneift.“

„Tatsächlich? Ich kenn dich bisher nur in engen Jeans, auch in der Freizeit. Die stehen dir fast besser. Aber toll, dass du dich auch in solchen, äh, Wohlfühlklamotten so – na ja – wohlfühlst.“

Es war klar: Max fand, dass ich scheiße aussah. Ich sah ja auch scheiße aus. Wahrscheinlich schämte er sich sogar vor seinen Hippie-Freunden für mich. Da schleppte er zum ersten Mal eine Frau an, und die kam dann wie eine Obdachlose daher. Momentan hatte ich aber wenig Alternativen zu bieten. Meine eigenen Sachen trieften über einem Scheunenbalken vor sich hin. Und die holländischen Blümchen-Shorts hätten meinen Look auch nicht verbessert. Ich ärgerte mich sehr, dass ich diesen Taschen-Tausch-Zirkus veranstaltet hatte. Literweise Angstschweiß, und wofür? Dafür, dass Max von mir abrückte.

Denn er rückte ab. Nahm seine Zigaretten und setzte sich damit zu Anna, der Frau, die mir vorhin den Tee gereicht hatte.

Die beiden hatten sich offensichtlich eine Menge zu erzählen und schlugen sich auf die Schenkel vor Lachen. Anna schaute immer wieder zu mir rüber. Ich rang mir ein Lächeln ab, um sympathisch zu wirken, aber sie lächelte wieder nicht zurück. Blöde Kuh.

Nach zwanzig Minuten, ich hatte inzwischen drei Stücke Tortilla gegessen, wurde ich ungehalten. Sehr liebenswürdig, mich hier einsam herumhocken zu lassen. Ich fühlte mich total ausgegrenzt. Und Max amüsierte sich blendend ohne mich. Das störte mich. Außerdem störte mich, dass Anna offensichtlich die einzige Solo-Frau in der Runde war. Die anderen drei hatten ihre Kerle dabei. Außerdem war Anna die einzige, die halbwegs passabel aussah. Beileibe keine Schönheit. Für meinen Geschmack viel zu dürr. Aber, nun ja, rassig nannte man das wohl. Sie hatte lange dunkle Locken, sehr dunkle Augen und eine laute, dunkle Stimme. Ordinäres Organ. Max schien es aber zu mögen, denn er lauschte ihr hingerissen.

Ich hätte ihm gerne eine winzige Szene gemacht, traute mich jedoch nicht in dieser Runde. Außerdem war ich dafür völlig unpassend gekleidet. Deshalb beschloss ich, mich zur Nachtruhe auf mein Strohlager zu begeben. Max würde dann sicher auch bald kommen.

Er hielt mich nicht auf, gab mir nur ein flüchtiges Küsschen und vertiefte sich gleich wieder in sein Gespräch.

Gegen vier Uhr morgens wachte ich auf. Das Strohlager neben mir war leer. Von draußen drangen ein paar Stimmen in die Scheune. Das Sit-in schien immer noch im Gange zu sein. Ich schlief wieder ein und wurde irgendwann von der Sonne geweckt.

In Erwartung seiner breiten, wärmenden Brust kuschelte ich mich eng an Max’ Schlafsack. Aber Max war nicht da, sein Nachtquartier unberührt. Das war ja wohl die Höhe! Ich sprang auf und stieg zornig in meine Jeans. Sie waren noch feucht und würden wahrscheinlich bald Moos ansetzen. Egal, als gelbes Sexy Girl würde mich hier keiner mehr sehen. Bevor ich Max die Hölle heißmachte, wollte ich mich aber noch kurz frischmachen. Nur wo? Ein Badezimmer gab es offensichtlich nicht.

Ich hasse es, wenn ich morgens nicht gleich ins Bad gehen kann. Erstens brauche ich immer eine heiße Dusche, um richtig wach zu werden, zweitens bin ich morgens immer etwas schlecht gelaunt und froh, wenn ich eine Tür hinter mir zusperren kann. Und drittens bin ich direkt nach dem Aufstehen nicht wirklich eine Schönheit. Ich benötige zwei bis drei Dinge, um präsentabel auszusehen. Dazu gehören mein Fön und meine Rundbürste, mein Concealer, um Augenringe und den einen oder anderen Pickel abzudecken, meine hautstraffende Gesichtscreme und mein gesamtes Schminktäschchen. Der Großteil dieser Survival-Utensilien befand sich leider in meinem Gepäck, das momentan in holländischem Besitz war. Lediglich mein Puderdöschen hatte ich in die Handtasche gesteckt. Mist.

Die einzige Waschgelegenheit, die diese Einöde zu bieten hatte, war der alte Ziehbrunnen, an dem sich Americo gerade die Zähne putzte. Von morgendlicher Intimsphäre konnte keine Rede sein. Ich beschloss, meine Toilette auf später zu verschieben und schritt mürrisch das Gelände ab, um Max zu finden. Der saß, bester Laune, mit Anna an einem windschiefen Holztisch und trank Kaffee.

„Na Schlafmütze, auch schon wach? Komm, setz dich zu uns. Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?“

„Ich sehe keinen freien Stuhl“, bemerkte ich spitz.

Max erhob sich, um eine weitere Sitzgelegenheit und eine neue Tasse zu holen.

Anna musterte mich kühl von Kopf bis Fuß.

„Hola“, sagte ich betont locker. Denn das war das einzige Wort, das ich auf Spanisch kann.

„Hola.“ Sie zündete sich eine von Max’ Zigaretten an, blies den Rauch durch die Nase und warf mir einen arroganten Blick zu. Ich schaute arrogant zurück.

Max kam mit frischem Kaffee, Salami und einem Weißbrot wieder. Dann wetzte er noch mal los und kehrte mit einem Stuhl für mich zurück.

„Na, habt ihr euch nett unterhalten?“

„Ich kann kein Spanisch!“

„Nein. Aber Anna spricht ja ausgezeichnet Deutsch.“

Wir setzten uns und schwiegen uns an.

Dann stand Anna auf und küsste meinen Max auf den Mund.

„Hasta luego guapo. Tu chica está de bastante mal humor. Mejor que la dejesen casa la próxima vez. Y no le vendría mal ponerse ropa limpia.“[1]

(„Bis später, Süßer. Deine Trulla ist ja ziemlich schlecht gelaunt. Lass die in Zukunft besser zu Hause. Und frische Klamotten könnte sie auch mal anziehen.“)

Er zwinkerte und sah ihr nach, wie sie mit wiegenden Hüften davon schritt.

„Was hat die gesagt?“

„Nichts Besonderes.“

„Was!“

„Sie hat uns Guten Appetit gewünscht und meinte, dass sie noch ins Dorf muss, weil Eier und Butter ausgegangen sind.“

Das konnte er seiner Großmutter erzählen.

„Wo warst du die ganze Nacht?!“

Max sah mich erstaunt an.

„Na, hier. Wir saßen am Lagerfeuer und haben uns unterhalten.“

„Du und Anna!“

„Nein, José, Manuelito, Africa, Jesus, wir alle zusammen eben.“

„Du willst mir also weismachen, dass zwischen dir und dieser kastilischen Schnepfe nichts läuft?“

„Spinnst du? Da läuft absolut nichts! Sie ist bloß eine alte Bekannte von mir.“

Ich lachte höhnisch.

„Klara, jetzt mach mal einen Punkt. Ich habe Anna ein Jahr lang nicht gesehen. Da habe ich wohl das Recht, ein paar Worte mit ihr zu wechseln.“

„Erzähl keine Märchen, die Frau ist scharf auf dich. Seit wir angekommen sind, pappt sie an dir dran wie ein Kaugummi.“

Max verdrehte die Augen.

„Und mich hasst sie wie die Pest. Du solltest mal sehen, wie die mich anschaut. Außerdem hat sie kein einziges Wort mit mir gewechselt, obwohl sie doch angeblich so toll Deutsch spricht.“

Max legte die Finger an die Nasenflügel und überlegte.

„Vielleicht ist Anna tatsächlich ein bisschen enttäuscht, weil ich nicht alleine angereist bin.“

„Was gibt ihr das Recht enttäuscht zu sein?“

„Na ja, wir hatten vor Jahren mal eine kurze … Liaison, nichts Ernstes. Während meines Semesters in Madrid durfte ich umsonst in ihrer WG wohnen. War super, weil ich sehr knapp bei Kasse war.“

Ich lauschte seiner Schilderung missmutig.

Nach Ende des Semesters war Max nach München zurückgekehrt und hatte die Liebschaft beendet, weil Fernbeziehungen „zu kompliziert“ wären.

„Hätte sowieso nicht funktioniert. Bis auf das Tanzen hatten Anna und ich keinerlei gemeinsame Interessen. Aber seitdem treffen wir uns einmal im Jahr hier, und darauf freut sie sich eben.“

Tanzen?

Anna war Flamencotänzerin, nebenberuflich, wie Max nicht ohne Stolz berichtete, und hatte ihn ein paar Monate lang in diese Kunst eingeführt.

„Beim Tanzen geben wir zusammen eine ganz gute Figur ab. Das wirst du heute Abend auf dem Fest selber sehen. Kann sein, dass mich Anna da ein bisschen in Beschlag nimmt. Aber dann bitte nicht eifersüchtig sein, Klara. Jetzt weißt du ja, dass nichts dahintersteckt.“

„Ich bin nicht eifersüchtig!“

Das würde heiter werden. Ich sah mich bereits in meinen angeschimmelten Jeans, mit schrecklichen Haaren und ohne Make-up mutterseelenallein auf einem Stühlchen sitzen, während Max mit Anna ekstatisch tanzte. Vom tosenden Beifall der Zuschauer begleitet.

Ich musste ihn unbedingt von diesem Fest fernhalten. Aber wie?

Da ich keinen Kulturbeutel mehr hatte — Max war sprachlos ob dieser Tatsache — borgte ich mir ein paar Sachen für die Morgentoilette zusammen. Die Ausbeute war mager. Zahnbürste und Zahncreme von Max, Kamm und Seife von Juan, Nivea Bodylotion von Africa. Anna steuerte nichts bei, obwohl sie mit ihren achtfach getuschten Wimpern offensichtlich über dekorative Kosmetik verfügte. Geizige Person.

Ich wusch mich im eiskalten Brunnenwasser, riss mir den kleinen Plastikkamm durchs struppige Haar und tupfte vorsichtig ein paar Tropfen der zähen Lotion auf Stirn und Wangen. Fertig war das fettglänzende Naturkind.

Es würde nicht lange dauern, bis rote Pickel mein Gesicht bevölkerten. Ich habe sehr empfindliche Haut, und diese Nivea-Keule würde meine Poren unwiederbringlich verstopfen. Ein kritischer Blick in den Spiegel meiner Puderdose bestätigte mir, dass helle Wimpern — so die meinen — ohne Wimperntusche nicht existierten.

In der irren Hoffnung, doch noch etwas Brauchbares zu finden, durchwühlte ich Max’ Kulturbeutel. Aber außer einem alten Pflaster, Ohrenstäbchen und abgelaufener Mückenstich-Creme fand ich nur zwei Präservative. Na warte, Freundchen! Diesen Party-Spaß würde ich zu verhindern wissen.

Als ich vom Ziehbrunnen zurückkam, saß Max schon wieder mit Anna beim trauten Talk. Mit unterdrücktem Stöhnen ließ ich mich auf den Hocker neben ihm plumpsen.

„Ist was?“

„Nein, nein, geht gleich wieder“, keuchte ich und presste mir die Hände auf den Unterleib. Max stand unschlüssig auf.

„Hast du Schmerzen?“

Ich nickte leidend. „Seit gestern schon. Kurz nachdem ich in den Tümpel gefallen bin, hat es angefangen.“

Max runzelte die Stirn. „Warum hast du denn nichts gesagt?“

„Wollte ich ja, aber du warst nicht da. Ich hab die ganze Nacht vor Schmerzen kein Auge zugetan. Und jetzt ist es noch schlimmer geworden.“

Er guckte betreten, holte eine Decke und bettete mich in einen klapprigen Campingstuhl.

„Ruh dich ein bisschen aus, damit du für das Fest wieder fit bist.“

„Daraus wird wohl nichts werden“, röchelte ich. „Ich fürchte, ich habe mir eine handfeste Nierenbeckenentzündung zugezogen. Mindestens.“

„Was machen wir denn da? Möchtest du heute Abend lieber in der Scheune bleiben?“

Das war doch wieder typisch! Wenn Max den leisesten Anflug eines Schnupfens verspürte, schrie er sofort nach dem Notarzt. Vor nicht langer Zeit hatte ich ein ganzes Wochenende an seinem Lager gewacht, um ihm stündlich Kraftbrühe und Aspirin einzuflößen. Erst als seine Temperatur von lebensbedrohlichen 37,5 C° auf 36,9 C° gesunken war, durfte ich mich kurz entfernen, um seinen Lieblingspudding einzukaufen.

Aber ich sollte hier todkrank und alleine in einer Scheune verrecken.

„Vielleicht sollte ich besser einen Doktor aufsuchen“, presste ich hervor. „Die Schmerzen sind schlimm.“

Max rief seine Freunde zur Beratung zusammen. Da keiner einen Internisten in der Gegend empfehlen konnte, riet man ihm, mit mir nach Madrid zu fahren. Fabelhafter Vorschlag. Wenn wir sofort losfuhren, kalkulierte Max, konnten wir am späten Nachmittag wieder zurück sein. Ich bestand darauf, mein Gepäck mitzunehmen, für den Fall, dass man mich unverzüglich in ein Krankenhaus einweisen würde. Und Max’ Rucksack verstaute ich auch gleich im Kofferraum.

Als wir ins Auto stiegen, warf Anna mir einen bitterbösen Blick zu. Ich strahlte zurück und war plötzlich so gut gelaunt, dass ich Mühe hatte, weiterhin die Leidende zu mimen. Aber es gelang. Und kurz bevor wir in Madrid beim Hospital ankamen, war ich den Tränen nahe.

„Max, bitte fahr zum Flughafen!“

„Wieso?“ Er sah mich entgeistert an. „Du wolltest doch zum Arzt!“

„In diesem Land kann ich mich nicht verständigen. Wer weiß, was die mit mir anstellen. Ich will zu einem Arzt meines Vertrauens, zu Doktor Kerner. Der kennt mich, seit ich zehn bin. Bitteee!“

Am Flughafen schlug ich großmütig vor, alleine zurückzufliegen, damit Max das schöne Dorffest nicht verpasste. Er zögerte einen Moment und buchte dann beide Tickets um. Im Flieger organisierte er eine Viererbank für uns alleine und hielt die ganze Zeit meinen Kopf im Schoß. Max schien wirklich ein schlechtes Gewissen zu haben. Er streichelte dauernd meine Nierengegend und betonte mehrmals, wie unwichtig dieses Fest in Anbetracht meiner Gesundheit sei. Und dass er in Zukunft besser auf mich aufpassen würde.

Sehr gut. Unser Kurzurlaub im schönen Spanien war ein voller Erfolg gewesen. Und eine Ex-Freundin hatte ich schon schachmatt gesetzt. Zumindest vorläufig.

 


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Daniela Braith wuchs in München auf, ging nach ihrem Germanistik- und Französischstudium ins Ausland und arbeitete als Medien-Journalistin, Redakteurin und Pressesprecherin beim Fernsehen. Sie ist verheiratet und lebt heute wieder in München.