Just not married

W wie Wetter

Entweder die Sonne lacht von einem strahlend blauen Himmel oder es wird regnen.
Das hängt ganz vom Wetter ab

Kapitel 8

Wir

Ich bin schon seit einer Weile wach, doch möchte ich meine Augen noch nicht öffnen, denn solange ich sie geschlossen halte, beginnt der Tag noch nicht. Soll es heute nicht ein ganz besonderer Tag werden, der Tag der Tage? Da kann ich schließlich nicht wie an jedem beliebigen anderen Tag die Augen aufreißen und aus dem Bett springen. Nun gut, auch an normalen Tagen reiße ich nicht unbedingt die Augen auf und von aus dem Bett Springen kann in der Regel auch nicht die Rede sein, aber das Prinzip ist klar.

Von Björn neben mir ist ebenfalls nichts zu hören, so irritierenderweise gar nichts. Vorsichtig taste ich die Betthälfte rechts neben mir ab. Sie ist leer!

Nun reiße ich doch die Augen auf und sehe, was meine Hand schon entdeckte: Björn liegt nicht mehr neben mir. Gerade heute!

Meine kribbelnde Unruhe treibt mich schließlich auch aus dem Bett und in meinem Nachtshirt gehe auf den Balkon hinaus in den warmen Morgen.

Weich fällt das Licht über unseren Garten und die Tautropfen auf den Blumen, die sich bereits der Sonne entgegenstrecken, funkeln in Regenbogenfarben. Sanft rauscht der Kastanienbaum in der morgendlichen Stille. An den Baumstamm gelehnt, sitzt Björn mit überkreuzten Beinen unter dem Blätterdach und winkt mir zu.

Über einen Umweg in die Küche, um mir einen Kamillentee für meinen nervösen Magen aufzubrühen, schlendere ich zu Björn unter die Kastanie und setze mich ihm gegenüber in das kühle Gras.

»So schlimm?« Björn schaut auf meine Teetasse und lächelt.

Ich schüttele leicht den Kopf. »Und bei dir? Für einen Frühaufsteher bist selbst du heute früh aufgestanden.«

»Zumindest habe ich über einen Kamillentee nur nachgedacht.«

»Glaube nur nicht, dass ich dir etwas abgebe. Wenn du nervös bist, bin ich wenigstens nicht das einzige Nervenbündel hier.« Leicht puste ich in die dampfende Tasse in meinen Händen und schon der honigsüße Duft der Kamille beruhigt meinen flatterhaften Magen für einen Moment.

»Da muss schon mehr passieren als eine läppische Hochzeit, damit ich dir deinen Kamillentee streitig mache, meine Liebe.«

»Es ist deine Hochzeit.«

»Oh nein! Warum hast du mir das nicht früher gesagt?« Völlig unvorhergesehen beugt sich Björn nach vorn und nimmt mir die Tasse aus der Hand. Er tut so, als würde er trinken und gibt mir die Tasse dann zurück. »Besser.«

Lächelnd nippe ich an dem Tee. »Die letzten Wochen sind ziemlich schnell vergangen, finde ich.«

»Viel schneller als sonst.« Björn lehnt sich mit verschränkten Armen hinter dem Kopf an den zerfurchten Eichenstamm und streckt die Beine von sich. Für ein paar Momente sieht er mich ernst an.

»Was?« Ich fühle mich unwohl unter seinem Blick, denn er fühlt sich so fremd an.

»Geht es dir gut?«, fragt er zweifelnd.

»Sicher, warum nicht?«

»Du warst gestern ziemlich durch den Wind, als du von deinem Großvater zurückgekommen bist.«

»Und du bist so still, seitdem ich dir den Ring gezeigt habe. Immerhin hatten wir die Trauringe total vergessen.« Ich ziehe eine Goldkette aus dem Ausschnitt meines Shirts und lasse den Ring daran gemächlich kreisen.

»Du lässt Winnie Puuh auf deinen zukünftigen Ehering aufpassen?« Björn grinst und neigt den Kopf ein wenig.

Würdevoll streiche ich über den dicken Bären auf meinem geliebten Schlafshirt. »Ich habe ihn mit Honig bestochen.«

»Na, dann hast du ja nichts zu befürchten.«

Langsam trinke ich den Tee aus und halte meinen Blick in die leere Tasse gesenkt. »Glaubst du, wir haben noch mehr vergessen?«

»Nein. Also zumindest ich habe nichts vergessen, denn ich habe alles.«

Ich sehe zu Björn auf, der die Arme hinter dem Kopf hervornimmt und sie vor der Brust verschränkt. Wieso sagt er das? Und wieso hört es sich für mich so sehr nach einem Vorwurf an? Ich kann doch nichts dafür, dass wir ständig etwas Wichtiges für die Hochzeit vergessen und ich diejenige bin, die es entdeckt!

Mit einem Ruck stehe ich auf. Wenigstens fühlt sich dieser Anflug von Wut besser an als die nervige Nervosität. »Wir sollten hineingehen und frühstücken, damit wir uns rechtzeitig fertigmachen können, nur für den Fall, dass ich noch etwas vergessen habe. Dir passiert das natürlich nicht.«

 

Kaum sind wir mit dem Frühstück fertig, klingelt auch schon Nora an der Tür, im Schlepptau Sina und meine Friseurin. Doch bevor sie mich in Richtung Schlafzimmer und Björn aus dem Haus schieben können, fange ich ihn an der Haustür ab. »Lass dir von Ole mit der Krawatte helfen, du bist das Ding ja nicht so gewohnt.«

Zärtlich streicht mir Björn über die Wange. »Du möchtest also, dass ich mit gerader Krawatte mit dir vor den Traualtar trete?«

»Das fände ich durchaus reizend.« Ich lehne mich an ihn und umschlinge seine Taille.

Fest nimmt er mich in die Arme. »Wir sehen uns.«

Hinter mir klatscht jemand in die Hände und neben uns taucht Sina auf.

»Schluss, ihr Turteltäubchen, hebt euch das Geschmuse für heute Abend auf, jetzt müssen wir aus unserer Ineke erst einmal eine Braut machen! Und du, mach nicht allzu viel Quatsch mit deinem Bruder«, wendet sie sich mit dem Finger drohend an Björn. »Seid pünktlich in der Lindeschen Villaund seht zu, dass die Kinder wenigstens bis zum Beginn der Trauung sauber bleiben.«

Nach einem letzten schnellen Kuss lösen Björn und ich uns aus unserer Umarmung und er geht zum Auto, um erst zu Ole und von dort aus dann zum Standesamt zu fahren.

Mit heftig pochendem Herzen drehe ich mich zu Sina um und blinzele sie mit feuchten Augen an. »Tun wir das Richtige?«

»Du meine Güte, Ineke! Wenn du dich das jetzt fragst, ist es wohl ein bisschen zu spät, meinst du nicht?« Ihr Stirnrunzeln geht über in ein Lächeln, als sie mich so verzagt in der offenen Haustür stehen sieht. »Das ist nur die normale Nervosität der Braut. Du wirst sehen, in ein paar Stunden lachst du über all das hier.«

»Björn ist mein bester Freund.«

»Und du seine beste Freundin. Also, bessere Voraussetzungen für eine Ehe gibt es doch gar nicht. Und nun komm, dein Secondhand-Hochzeitskleid wartet auf dich.« Damit zieht sie mich augenzwinkernd ins Haus hinein und bugsiert mich ins Schlafzimmer.

Die nächsten beiden Stunden sind ein Rausch aus Anweisungen, Gegenanweisungen, Haarspangen, Gezupfe hier und Gezupfe dort und literweise Kamillentee.

Schließlich enthüllen die Mädels den Standspiegel, den Nora extra mitgebracht hat und ich stehe mir selbst als Braut gegenüber. Das schlichte weiße Kleid aus schimmerndem Stoff schmiegt sich an meinem Körper entlang bis kurz unter das Knie. Ein breiter Gürtel in dem gleichen Stoff betont meine Taille und aus den breiten Trägern lugt als kurzer Ärmel ein wenig Spitze hervor. Die Schuhe sind höher als es die Physiotherapeutin in mir erlauben sollte und harmonieren perfekt mit den feinen Spitzenärmeln.

Meine Haare wickeln sich um ein Band aus weißen Jasminblüten und ein paar Strähnen kringeln sich von der Schläfe über meine geröteten Wangen.

Ich sehe mich und ich sehe meine Zukunft mit Björn in diesem Spiegelbild und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Hochzeit mit ihm will, egal, ob wir an alles gedacht haben oder nicht.

Unter Applaus steige ich aus Sinas familienfreundlichen Volvo Kombi, den sie heute extra für mich von sämtlichem Krimskrams befreit hat. Einzig ein angefutterter Keks befindet sich noch im Fach der Beifahrertür.

Björn kommt auf mich zu und reicht mir die Hand, in die ich zitternd meine lege. Doch ich zwinge mich, wie eine Braut aus diesen glänzenden Brautmagazinen zu strahlen und meine Vorfreude aufleuchten zu lassen. »Deine Krawatte sieht gut aus.«

»Du siehst gut aus, wunderschön.« Björn küsst mich unter lautem Gejohle und ich möchte die Zeit anhalten.

»Wollen wir?«, flüstere ich. Mein Herz schlägt heftig gegen den schweren Stoff an der Brust und eine unangenehme Hitze legt sich über mich.


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Nadin Hardwiger wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.