Die wilde Rose

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1. Kapitel

Yorkshire, England, 1860

Lord Edward Rawlings, zweiter und einziger überlebender Sohn des verblichenen Herzogs von Rawlings, war nicht glücklich.

Yorkshire war nicht gerade der angenehmste Ort, den Winter zu verbringen; manchmal kam es einem wochenlang so vor, als schiene die Sonne überhaupt nicht mehr. Doch das war nicht der Grund. Es lag auch nicht daran, dass Lady Arabella Ashbury — deren Gatte ein Anwesen in unmittelbarer Nachbarschaft von Rawlings Manor besaß — gegenwärtig zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um ihm ihre werte Aufmerksamkeit zu schenken.

Nein, Edward war aus Gründen unglücklich, die er wahrscheinlich nicht in Worte zu fassen vermocht hätte, selbst wenn er es gewollt hätte. Und er wollte nicht, denn die einzige momentan verfügbare Person war eben die Vicomtesse von Ashbury. Obschon bekannt in ganz England für ihre feineren Attribute, beispielsweise ein elfenhafter Teint und elegante Fesseln, gehörte ein verständnisvolles Ohr nicht zu ihren Vorzügen.

»Ich werde Mrs. Praehurst anweisen, genügend Leberpastete für fünfzig Personen zu bestellen«, sagte Lady Ashbury und machte ein Häkchen auf ihrer Liste ausgewählter Dinge; diese war dazu bestimmt, von Edward zwecks Beschaffung der gewünschten Güter an seine Haushälterin übergeben zu werden, bevor ihre gemeinsamen Freunde aus London zur Jagd am Wochenende in Yorkshire einträfen. »Ich habe festgestellt, dass sich die Leute auf dem Lande oft nichts aus Leberpastete machen. Die Herbert-Töchter könnten keine Leberpastete von einem Hackbraten unterscheiden.«

Edward, ausgestreckt auf der Chaiselongue vor dem Kaminfeuer im goldenen Salon, entfuhr ein Gähnen. Er versuchte, es zu unterdrücken, aber es war zu spät. Zum Glück hatte es Lady Ashbury, die es keinesfalls gewohnt war, dass Männer in ihrer Gesellschaft gähnten, nicht mitbekommen.

»Ich sehe gar nicht ein, warum du die Herbert-Töchter einladen solltest«, fuhr Lady Ashbury fort. Sie klang zwar nicht verdrießlich, aber auch nicht leichthin. »Ihr Vater mag zwar dein Verwalter sein, aber ich kann nicht behaupten, das Gefühl zu haben, dass er dir gute Dienste erweist.«

Edward beugte sich auf der Chaiselongue nach vorne, um sich aus der Karaffe einen weiteren Schwenker Brandy zu genehmigen. Die Karaffe hatte er in Reichweite auf dem Beistelltisch platziert. Er war schon ziemlich betrunken und hatte vor, diesen Zustand noch zu steigern, bevor der Nachmittag in den Abend überging. Eine der angenehmen Eigenschaften der Vicomtesse von Ashbury war, dass sie ein derartiges Benehmen offenbar nicht störte.

»Schließlich, Edward«, fuhr Lady Ashbury fort, »wenn Sir Arthur Herberts sogenannten unermüdlichen Anstrengungen im Dienste des Rawlings-Anwesens nicht wären, dann wärst du jetzt Herzog anstelle dieser Brut deines Bruders.«

Edward lehnte sich zurück, nippte an seinem Brandy und richtete den Blick himmelwärts. Die Decke des goldenen Salons war von gedämpftem Gelb, passend zu den schweren Samtvorhängen der Fenster. Er räusperte sich lautstark und sagte in seiner tiefsten Stimmlage — derjenigen, welche die Stalljungen von Rawlings Manor in Angst und Schrecken versetzte: »Jedermann scheint zu vergessen, dass Johns Sohn der rechtmäßige Erbe des Titels und auch des Anwesens ist.«

Lady Ashbury war nicht anzumerken, dass sie seinen warnenden Ton zur Kenntnis nahm. »Aber niemand hatte überhaupt eine Ahnung, wo der Junge steckt, bis Sir Arthur anfing, seine abscheuliche Nase in die Sache …«

»Auf meine Anweisung, erinnerst du dich, Arabella?«

»Oh, Edward, behandle mich nicht so herablassend.«
Lady Ashbury warf ihren Stift auf die polierte Oberfläche des Sekretärs und erhob sich unter lautem Rascheln ihres blassblauen Satinkleids. Sie schritt Richtung Chaiselongue, wobei ihr blasser Teint und die weißblonden Korkenzieherlocken ein recht hübsches Bild des Kontrastes zu den goldbraunen Vorhängen im Hintergrund abgaben. Das war natürlich auch der Grund, warum die Vicomtesse stets darauf bestand, dass sie sich hier trafen statt im komfortableren blauen Morgensalon, der die Vorzüge ihres Teints jedoch nicht angemessen hervorhob.

Arabella seufzte. »Es wäre doch ein Kinderspiel für dich gewesen, dem Herzog einfach zu sagen, dass Johns Sohn — wie seine Mutter und sein Vater — ebenfalls tot ist, und dann hättest du den Titel selbst annehmen können.«

Edward hob spöttisch eine Braue. »Die leichteste Sache in der Welt, was, Arabella? Meinen Vater auf dem Sterbebett anlügen? Nachdem er seine letzten zehn Jahre damit verbracht hat, John dafür zu verfluchen, die Tochter eines schottischen Vikars geheiratet zu haben, und er den Waisen später nicht einmal hier in Rawlings Manor sehen wollte, obwohl er der rechtmäßige Erbe ist. Und dann, als er auf dem Sterbebett weich wurde und nachgab … Also bitte, Arabella! Es wäre doch höchst unehrenhaft von mir gewesen, nicht einmal zu versuchen, dem alten Herrn seinen letzten Wunsch zu erfüllen.«

»Ach, zum Teufel mit der Ehre!«, rief Lady Arabella. »Du hast den Jungen doch noch nicht einmal gesehen!«

»Nein«, stimmte Edward zu. Er war mit dem vierten Brandy fertig und schenkte sich einen fünften ein. »Aber das werde ich, wenn Herbert morgen mit ihm zurückkehrt.« Mit nach innen gewandtem Lächeln sinnierte er: »Was du anscheinend nicht in dein hübsches Köpfchen bekommen willst, Arabella, ist, dass ich überhaupt nicht Herzog werden will. Anders als dir, und — da bin ich sicher — deiner Mama, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, dir einen Ehemann mit Adelstitel zu verschaffen, reicht es mir völlig aus, nur ein ›Mister‹ zu sein.«

Lady Ashbury entfuhr ein ärgerliches Schnauben. »Und wie, bitte schön, willst du dir von dem Gehalt eines bloßen Misters, die Sorte von Pferden erlauben, die in deinen Ställen steht, Lord Edward? Oder das Haus auf der Park Lane in London? Ganz zu schweigen von dieser zugigen Monstrosität, die du als Landgut bezeichnest. Der einzige mir bekannte Mister, der sich ebenfalls leisten kann, was du besitzt, ist Mr. Alistair Cartwright, und — wie du genau weißt — sein Reichtum ist genauso ererbt wie deiner. Nein, Edward, du bist der Sohn eines Herzogs, und folglich hast du auch den entsprechenden Geschmack. Dein einziges Unglück ist, dass du nicht vor deinem missratenen Bruder John geboren wurdest.«

Edward warf ihr mit hochgezogener Braue einen süffisanten Blick zu. »Verdammt, Arabella. Glaubst du ernsthaft, mir würde es Spaß machen, Herzog zu sein? Den ganzen Tag über die Angelegenheiten der Anwesen grübeln? Ständig auf der Flucht vor Männern wie Herbert, die meine Zeit mit Buchhaltung verplempern wollen? Mich unablässig mit den Pächtern rumschlagen, dafür sorgen zu müssen, dass ihre Dächer jedes Jahr ausgebessert werden, ihre Kinder was lernen, ihre Ehefrauen glücklich sind?« Seine breiten Schultern hoben sich, geschüttelt von Abscheu. »Diese Art zu leben hat meinen Vater zu einem alten Mann gemacht, hat ihn vor seiner Zeit ins Grab gebracht. Ich werde nicht zulassen, dass mir das auch passiert. Soll doch dieses Balg von meinem dahingeschiedenen Bruder den Titel haben. Herbert wird schon aufpassen, dass Rawlings in der Zwischenzeit nicht vor die Hunde geht, und in zehn Jahren, wenn der Junge mit Oxford fertig ist, kann er herkommen und seinen rechtmäßigen Platz in diesen heiligen Hallen antreten.«

»Und was, Edward, willst du mit dir selbst anfangen?«, fragte Arabella, ihre Schroffheit kaum verhehlend. »Jagen kannst du nur von November bis März, und London ist im Sommer widerwärtig. Was du brauchst, Liebling, ist eine Beschäftigung.«

»Was glaubst du, was ich bin? Ein Amerikaner?« Edward lachte hämisch und leerte sein Glas. »Ich bewundere es immer, wenn du so gnädig bist, mir Ratschläge zu erteilen, Arabella. Es führt mir unseren Altersunterschied so deutlich vor Augen. Sag mal, stört es deinen Gatten eigentlich nicht, wenn du ständig übers Moor davoneilst, um einen Mann zu besuchen, der halb so alt ist wie er und eine Dekade jünger als du?«

»Musst du immer so viel trinken?«, schnappte die Vicomtesse, und Edward subtrahierte mit einem resignierten Seufzer eines ihrer Attribute. »Es ist ziemlich abstoßend, einen jungen Mann dabei zu beobachten, wie er immer aufgedunsener und pummeliger wird.«

Edward ließ den Blick über die weiße, fachmännisch gebundene Krawatte gleiten und betrachtete seinen kraftvollen Brustkorb und den flachen Bauch, der von einer Weste bedeckt war.

»Pummelig?«, echote er ungläubig. »Wo?«

»Du hast Tränensäcke unter den Augen.« Arabella trat vor und schnappte ihm den Brandyschwenker aus der Hand. »Und es ist klar zu erkennen, dass du Hängebacken bekommst, genau wie dein Vater.«

Edward fluchte und sprang von der Couch auf. Der Brandy hatte ihn etwas wacklig auf den Beinen werden lassen. Größer als sechs Fuß war Edward immer eine beeindruckende Erscheinung, und das galt umso mehr im goldenen Salon von Rawlings Manor. Seine große, kraftvolle Erscheinung ließ die zierlichen vergoldeten und mit grünem Samt bezogenen Möbel zwergenhaft erscheinen. Seine Füße — in glänzenden schwarzen Reitstiefeln — wirkten auf den sorgsam gekämmten Perserteppichen schwer. Nach wenigen Schritten stand er vor dem Wandspiegel mit den schräg geschliffenen Kanten und suchte sein Ebenbild nach Zeichen von Pummeligkeit ab.

»Ernsthaft, Arabella«, sagte er und sah vom Spiegel zur Vicomtesse hinüber, »ich weiß nicht, wovon du redest. Was für Hängebacken?«

Er war sicher, dass es nicht Eitelkeit war, die ihn für sichtbare Konsequenzen seiner Ausschweifungen blind machte. Wenn sie da wären, würde er sie auch bemerken. Edward machte sich nicht viel aus seinem Aussehen, obwohl er — weil viele Frauen es ihm gesagt hatten — wusste, dass es angenehm war. Natürlich wusste er auch, dass er trotz seiner exquisit geschneiderten Kleidung in jedem Salon fehl am Platz wirkte, ob vergoldet oder nicht. Er hatte den dunklen Teint und die finstere Ausstrahlung eines Piraten oder Brigadiers, dazu längeres, pechschwarzes Haar mit der Tendenz, sich widerspenstig auf dem Mantelkragen zu kräuseln. Im scharfen Gegensatz zu Lady Ashbury, deren ganze Erscheinung so licht war wie die eines Lamms, waren bei Edward nur die Augen hell; von einem Grau wie die Nebelschwaden, die beständig aus dem an Rawlings Manor angrenzenden Moor waberten.

»Ich habe nicht direkt gemeint, dass du schon Hängebacken und Doppelkinn hast«, sagte die Vicomtesse von Ashbury, die plötzlich mit irgendetwas, das auf dem elfenbeinverzierten Schreibtisch lag, ziemlich beschäftigt war. »Ich meinte nur, dass, wenn du nicht aufpasst …«

»Das hast du nicht gesagt.«

Edward war nicht sicher, was er bestürzender finden sollte; die Tatsache, dass sie ihn dazu gebracht hatte, von der Couch aufzustehen, oder den Gedanken, dass er — wo er schon einmal stand — auch gleich nach oben gehen könnte. In der gemütlichen Atmosphäre seiner Bibliothek könnte er seinem Unglück frönen viel besser, oder gar im Billardzimmer, wo er rauchen und trinken konnte, wie es ihm gefiel. Und zwar ohne lamentierende Weibsbilder in der Nähe, die ihn vor seinem körperlichen Verfall warnten.

Doch bevor ihm eine Entschuldigung einfiel, mit der er die leicht beleidigte Vicomtesse beschwichtigen könnte – mit der er am Vormittag immerhin schon einige anregende Stunden in einem Gästezimmer im dritten Stock verbracht hatte —, trat Evers in den Salon und räusperte sich lautstark.

»Sir Arthur Herbert möchte Sie sehen, Mylord.« Der Butler, der Edwards Vater fünfzig Jahre lang gedient hatte und dem neuen Herzog von Rawlings zweifelsohne weitere zwanzig Jahre schenken würde, hob nicht einmal die Braue ob des alkoholisierten Zustands seines Arbeitgebers so früh am Nachmittag.

»Herbert?«, echote Edward ungläubig. »Warum ist der denn schon so früh zurück? Ich habe ihn frühestens morgen erwartet. Ist das Balg … ähem, Seine Lordschaft, der Herzog, bei Sir Arthur, Evers?«

Evers’ Blick haftete die ganze Zeit auf einem Punkt oberhalb der marmornen Kaminuhr. »Sir Arthur ist allein, Mylord, und – wenn ich hinzufügen darf — in einem Zustand beträchtlicher Erregung.«

»Verdammt!« Edward hob die Hand und rieb sich das Kinn, welches bereits rau von dunklen Stoppeln war. Wenn Herbert allein war, konnte das nur heißen, dass der Bericht, den sie aus Aberdeen eingeholt hatten, falsch gewesen war — wie all die anderen davor. Und Herbert hatte geschworen, dass die Quelle verlässlich war! Jetzt musste Edward wohl mehr Anstrengung — und Geld — in die Suche nach dem Erben des Herzogtitels investieren. Wie konnte es sein, dass ein zehnjähriger Junge einfach so vom Erdboden verschwand?

»Verdammt«, sagte Edward verärgert. »Dann hol ihn rein, Evers. Hol ihn rein.« Die Vicomtesse stieß einen übertriebenen Seufzer aus, kaum dass der Butler außer Hörweite war.

»Oh, Edward, wirklich. Musst du diesen ekligen Mann hier empfangen? Hättest du nicht veranlassen können, dass er in der Bibliothek auf dich wartet? Es ist nicht gerade so, als ob es mir Spaß machte, euch beiden bei eurem Gefasel über dieses elende Kind zuzuhören …«

»Ja genau, elend!« Sir Arthur, stattlich und jovial wie immer, eilte in den Raum. Er wartete kaum darauf, dass Evers ihm die Türen weit genug öffnete, bevor er sich an dem Butler und dessen steif emporgezogenen Augenbrauen vorbeidrängelte. »Oh, in der Tat ein völlig erbärmliches Kind, Lady Ashbury! Treffendere Worte sind gar nicht möglich!«

Sir Arthur war so aufgewühlt, dass er nicht einmal einem Lakaien gestattete, ihm Mantel und Hut abzunehmen. Nun glitt der Schnee an den hängenden Schultern des Mannes herab, der sich in mittleren Jahren befand.

Evers lauerte in nächster Nähe, das Gesicht eine schmerzlich verzogene Maske, während sich die nassen Flecken auf dem Teppich unter den Galoschen des Anwaltes ausdehnten.

»Guter Gott, Mann«, platzte es aus Edward heraus, der von dem zerzausten Aussehen seines Gutsverwalters erschreckt war. »Sind Sie gerade aus Schottland zurückgekehrt, Sir, oder aus der Hölle?«

»Letzteres, Mylord, Letzteres, das kann ich Ihnen versichern.«

Bevor Evers es verhindern konnte, sank Sir Arthur auf die grüne Samtcouch nieder, die Edward gerade verlassen hatte. Schnee fiel auf die dicken Kissen und schmolz in der Wärme des Kaminfeuers.

»Nie, in all diesen Monaten der Suche nach dem Erben Ihres Vaters, bin ich in eine derart unangenehme Situation geraten.«

Die Vicomtesse war den Vorgängen mit leicht geschürzten Lippen und delikat emporgehobenen Brauen gefolgt. Sie warf dem Butler einen Blick zu. »Evers, ich glaube, Sir Arthur braucht einen Brandy.«

»Nein, nein«, rief Sir Arthur und streckte eine dickliche Hand empor. »Nein, vielen Dank, Mylady. Ich trinke nie Schnäpse vor Mittag. Lady Herbert wäre gar nicht damit einverstanden, ganz und gar nicht.«

»Aber Sir Arthur«, Arabellas Lächeln war eindeutig spöttisch, »schließlich ist es schon nach eins.«

»Ah, in dem Falle …« Evers war bereits mit einem gefüllten Cognacschwenker zur Stelle. »Oh, danke schön, Evers, guter Mann. Ah, das tut gut … Und es gibt ja gar keinen Grund, dass Virginia davon erfährt, oder?«

Edward, der in Gegenwart des Beraters, dem sein alter Vater am meisten vertraut hatte, stets Lust bekam, etwas Zerbrechliches zu zerschlagen, fragte mit zusammengebissenen Zähnen: »Kann ich aufgrund Ihres völligen Verlusts an Haltung davon ausgehen, dass wir schon wieder übers Ohr gehauen wurden?«

Sir Arthur sah von seinem Schwenker auf; sein plumpes, sanftes Gesicht wirkte fast erheitert. »Was? Übers Ohr gehauen? O nein, Mylord. Ganz und gar nicht. Nein, das ist der richtige Junge. O ja, wir haben endlich den richtigen gefunden.« Er hob die Brust zu einem zitternden Seufzen, das genauso dramatisch wie lautstark hervorkam. »Es ist schlimmer.«

Als Sir Arthur eine zittrige Hand ausstreckte, um sich einen weiteren Brandy aus der Karaffe einzugießen, die auf einem Tisch mit vergoldeten Beschlägen stand, traten sowohl Edward als auch Evers vor, um ihn aufzuhalten. Der Butler aus aufgeregtem Pflichtbewusstsein heraus und Edward aus purer Frustration. Edward war nicht zu betrunken, um sowohl mit einem fünfzigjährigen Vater von fünf Kindern als auch einem siebzigjährigen Butler fertig zu werden. Er sank neben der Couch auf ein Knie, seine Finger griffen nach dem Hals der Brandykaraffe. Er war so groß, dass er kniend dem sitzenden Sir Arthur in die Augen sehen konnte, und das tat er nun, sich nicht der Tatsache bewusst, dass seine grauen Augen vor unterdrücktem Ärger gefährlich glitzerten.

»Was«, begann Edward und sprach die Worte sorgfältig aus, »ist … in … Schottland … geschehen?«

Sir Arthur hörte auf, traurig auf den Grund seines Schwenkers zu starren; sein Blick war von Edwards drohend glühenden Augen gefesselt. »Nun, ich, äh«, stammelte der Anwalt. »Nun, sehen Sie, Mylord, es liegt an ihm. Dem Herzog, Mylord. Der junge Jeremy von Rawlings …«

»Sie haben ihn gefunden?« Edwards Erleichterung war offensichtlich. »Gott sei Dank.« Doch die Erleichterung verwandelte sich allmählich in Ungeduld. »Aber wenn Sie ihn doch gefunden haben, warum, zur Hölle, haben Sie ihn nicht mit nach Rawlings gebracht?«

»Er wollte nicht mitkommen.« Sir Arthur zuckte nur mit den Achseln.

Edward war nicht sicher, den Anwalt richtig gehört zu haben. »Es tut mir leid, Sir Arthur. Könnten Sie das wiederholen?«

»Er wollte nicht mitkommen«, sagte Sir Arthur erneut. »War darin auch ziemlich unnachgiebig, Mylord. Er wollte sich nicht vom Fleck bewegen ohne …«

»Er wollte nicht kommen?«, bellte Edward. Er sprang auf die Füße, die Hände zu Fäusten geballt und in die Seiten gestemmt. Er bemerkte, dass Arabella ihn alarmiert betrachtete, aber er konnte das plötzliche Verlangen, wie ein Käfigtier im Raum auf und ab zu schreiten, nicht unterdrücken.

»Er wollte nicht kommen? Der Junge hat erfahren, er sei der Erbe eines Vermögens, der Besitzer eines Gutes, das das Juwel von Yorkshire darstellt, dass er sogar in der Tat ein Herzog ist, und er wollte nicht mitkommen? Ist dieses Kind vollkommen verblödet?«, brüllte Edward und erschreckte Evers, der versuchte, die mittlerweile leere Karaffe zu entfernen. Einen idiotischen Erben zu produzieren, hätte genau zu John gepasst, dachte sich Edward wütend.

»O nein, Mylord«, schreckte Sir Arthur zurück. »Eher das Gegenteil. Gesund wie ein Pony, zehn Jahre alt, den Schalk im Nacken. Knallte mir ein rohes Ei an den Hinterkopf, kaum dass ich aus der Kutsche steigen konnte.«

Edward kämpfte um Geduld. »Also, warum wollte er dann nicht mit Ihnen kommen?«

»Nun, es lag nicht so sehr an dem Jungen, Mylord, als vielmehr an seiner Tante.«

»Tante?« Arabella hielt in der eingehenden Untersuchung ihrer Fingernägel inne und sah auf. »Der Junge hat eine Tante?«

»Ja, Mylady – er ist ein Waise, wissen Sie nicht, Lord Johns vorzeitiges Ableben vor zehn Jahren. Ich glaube, seine Mutter, Lord Johns unglückliche Ehefrau, ist kurz danach gestorben. Der Herzog wurde von der Schwester seiner Mutter und seinem Großvater mütterlicherseits aufgezogen, der nun seinerseits vor ungefähr einem Jahr gestorben ist. Schreckliche Sache, wie ich es verstanden habe. Ist auf der Kanzel tot umgefallen. Er war Vikar, wissen Sie.«

Edward bekam langsam das Gefühl, der einzige Mensch im Raum zu sein, dem noch ein wenig Realitätssinn geblieben war.

»Was ist denn mit dieser Tante?«, verlangte er in dem Versuch, das Gespräch wieder auf den springenden Punkt zu bringen. »Die Tante will den Jungen nicht gehen lassen?«

»Nicht ganz, Mylord. Der Junge will nicht ohne seine Tante kommen. Er hängt ziemlich an ihr. Das ist recht bewegend in diesen Zeiten zu sehen, wie ein Junge so nah an seiner …«

»Hölle und Verdammnis, Herbert«, polterte Edward. »Warum haben Sie der verdammten Tante nicht einfach gesagt, dass sie auch mitkommen kann?«

Sir Arthur blickte erschrocken drein. »Das habe ich, Mylord. Wirklich! Ich habe die Einladung auf sie ausgedehnt und gesagt, sie könne auf Rawlings Manor leben, so lange sie wolle. Für den Rest ihres Lebens, wenn sie das wünscht.« Der Anwalt brach ab und begann unvermittelt, sich seines Mantels zu entledigen. »Ist es nicht warm hier, Evers? Ich glaube, dieses Feuer ist etwas zu stark.«

»Und?« Edward hatte mit dem Herumlaufen aufgehört und lehnte sich mit einem Ellbogen an den Kamin. Er fand das Feuer überhaupt nicht zu stark. »Was hat diese verrückte Tante dazu gesagt?«

»Oh, sie hat meine Einladung entschieden zurückgewiesen. Wollte nichts davon hören. Und ohne sie war der Junge zu nichts zu bewegen.« Herbert zuckte die Achseln. »Tja, und nun sitze ich hier.«

»Hat Ihre Einladung abgelehnt?« Edward war nun wirklich danach, seine Fäuste zu gebrauchen. Evers hatte just einen Ofenschirm zwischen Herbert und dem Kamin aufgestellt, also ließ er seine Wut eben daran aus und schmetterte das feine, handbemalte Glas mit einem kraftvollen Schlag zu Boden.

Arabella entfuhr ein kleiner, verschreckter Schrei, und Herbert blickte wie vor den Kopf gestoßen. Evers sammelte unbewegt die Überbleibsel des Ofenschirms auf und bedachte seinen Brotgeber mit einem missbilligenden Blick.

»Ist dann die Tante idiotisch?«

»O nein, Mylord, eher das Gegenteil.« Sir Arthur schwitzte mittlerweile deutlich, entweder wegen der Hitze oder aus Nervosität ob Edwards Benehmen. Vielleicht überlegte er, dass eine dieser großen Fäuste bald in seine Richtung geschossen käme. Jedenfalls beeilte er sich fortzufahren; sein breites Gesicht glänzte vor Schweiß. »Nein, Mylord, sie ist nicht verblödet. Sie ist eine Liberale.«

Hätte der stattliche Anwalt aufs Parkett gespuckt, Edward hätte kaum verblüffter sein können. »Eine was?«, keuchte er.

»Eine Liberale.«

Sir Arthur lächelte dankbar in Evers’ Richtung, der gekommen war, um das nasse Bündel aus Mantel und Hut zu entfernen, welches er auf der Chaiselongue neben sich deponiert hatte. »Eine ziemliche Antiroyalistin, Mylord. Will nichts mit dem Adelsstand zu tun haben.

Sie sagt, der Adel ist verantwortlich für den Reformstau und schadet den einfachen Leuten. Und dass die Konservativen die Massen in elender Armut halten, damit ein Prozent der Bevölkerung neunundneunzig Prozent des Reichtums besitzen kann. Sie sagt, Landbesitzer wie Sie sind Taugenichtse mit nichts im Kopf außer der Jagd und den Huren …« Peinlich berührt brach Sir Arthur ab und schielte Richtung Vicomtesse. »Ich bitte um Vergebung, Lady Ashbury.«

Arabella zog eine Braue empor und sagte nichts.

In einem Zustand der Fassungslosigkeit hörte Edward dem Anwalt zu. Das konnte doch nicht wahr sein. Der Erbe des Herzogs von Rawlings war gefunden, aber der Junge wollte nicht herkommen, weil seine durchgeknallte Tante eine Liberale war? Wie war das möglich?

»Ich versteh das nicht«, sagte Edward und kämpfte um Beherrschung. Er hatte Angst, dass sein Temperament wieder mit ihm durchginge. Es gab nichts mehr, um darauf einzuschlagen, außer Sir Arthurs dickes, grinsendes Gesicht. Aber weil er den alten Windbeutel wirklich gern hatte, wollte ihm Edward nicht wehtun. Nicht sehr jedenfalls. »Sie sagen also, diese Frau hat die Einladung abgelehnt, in einem der glänzendsten Häuser Englands zu wohnen, und das wegen ihrer politischen Neigungen?«

»Ganz recht, ganz recht«, kicherte Sir Arthur. »Und natürlich wollte der Junge nicht ohne sie gehen.«

»Aber diese …« Edward schluckte hart. »Diese Frau. Hat sie keinen Ehemann, mit dem man vernünftig reden könnte?«

»O nein, Mylord. Miss MacDougal ist unverheiratet.«

»Miss MacDougal?«

»Ja, Mylord. Pegeen MacDougal. Sie hat auf einem Gehöft in der Nähe des Pfarrhauses gelebt, seit ihr Vater starb — sie und der Junge. Ich glaube, sie leben von einem kleinen Erbe, das ihre Mutter hinterlassen hat. Bei Gott, der Vikar hat ihnen nichts hinterlassen …«

»Eine alte Jungfer«, zischte Edward durch zusammengepresste Zähne. »Abgeblitzt bei einer altjüngferlichen Tante mit liberalen Neigungen. Hölle und Verdammnis, Mann!« Edward war so weit, sich die Haare zu raufen, aber stattdessen brüllte er seinen Verwalter so laut an, dass sogar der unerschütterliche Evers erschrak.

»Sie konnten eine alleinstehende Tante, die von einem Almosen lebt, nicht davon überzeugen, dass es das Beste für ihren Neffen ist, wenn sie ihn in einem herrschaftlichen Anwesen in Yorkshire in Luxus leben lässt?«, verlangte er ungläubig zu wissen. »Sind Sie närrisch, Mann? Was könnte leichter sein? Wissen Sie denn gar nichts über Frauen? Konnten Sie sie nicht bestechen? Oder becircen? Sie mit Schmeicheleien überzeugen? Gibt es denn nichts auf der Welt, was die verdammte Frau  zum Austausch für den Jungen haben will?«

Sir Arthur hatte sich zwar so weit wie möglich auf der Chaiselongue zurückgelehnt, aber er konnte dem drohenden Blick nicht entkommen, der ihn heißer werden ließ, als ein Feuer das vermocht hätte. Er steckte einen plumpen Finger unter seine Krawatte, zerrte vergeblich daran und schnappte nach Luft.

»Aber Mylord! Ich hab’s doch gesagt! Sie wollte nichts mit mir zu tun haben! Vor die Tür gesetzt hat sie mich. Sogar einen Topf hat sie nach mir geworfen!« Sir Arthur wimmerte schon fast. »Und der Junge, Mylord! Gar kein wohlerzogenes Kind, sondern ein Höllenjunge. Hat ein verdammtes Wiesel in meine Tasche gesteckt und einem der Kutschpferde einen Kieselstein unter das Geschirr geschoben. Ich dachte, ich käme nie heil nach Hause zu Lady Herbert!«

Abrupt drehte Edward seinem Anwalt den Rücken zu, die breiten Schultern herabhängend. Nun, es war ziemlich klar, was jetzt zu tun anstand. Sein Fehler war gewesen, einen Agenten für eine Aufgabe, die passenderweise er selbst hätte erledigen müssen, vorzuschicken. Hatte sein Vater ihm nicht immer gesagt, dass es ungleich einfacher sei, eine Aufgabe selbst zu erledigen, anstatt einem Lohnempfänger zu erklären, was zu tun sei? Dies war ein klassisches Beispiel. Was wusste Sir Arthur trotz seiner fünf Töchter schon über Frauen? Er hatte nicht viel Erfahrung im Umwerben von Frauen, denn er hatte die erste geheiratet, die ihn wollte; und obwohl Virginia Herbert eine feine Frau war, so war sie ihrem ungeschickten Ritter doch sicher keine große Herausforderung gewesen.

Nein, es gab nur noch einen Weg. Edward musste sich selbst nach Aberdeen aufmachen und den Jungen sowie die verrückte Tante holen.

Eine Liberale! Gott behüte ihn vor gebildeten Frauen! Was hatte sich der Vikar dabei gedacht, seine Tochter die Zeitung lesen zu lassen? Sie sollte noch nicht einmal den Unterschied zwischen Liberalen und Konservativen kennen. Kein Wunder, dass sie eine alte Jungfer war, und sie sollte auch dazu verdammt sein, eine zu bleiben, wenn die Art, wie sie mit Herbert umgegangen war, ihre übliche Art der Konversation darstellte.

Evers stand im Flur und räusperte sich. »Entschuldigung, Mylord, aber war das jetzt alles?«

Edward, der mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Kamin gestanden hatte, drehte sich um.

»Nein, in der Tat noch nicht, Evers. Informieren Sie meinen Kammerdiener, dass wir schleunigst nach Schottland aufbrechen werden. Ich brauche ausreichend Hemden für mindestens drei Tage. Lassen Sie Roberts den Brougham vorfahren. Ich reise ab, sobald gepackt ist.«

Drüben beim Sekretär legte Arabella ihren Stift nieder.

»Edward, bist du verrückt? Hast du etwa vor, diese schreckliche Frau selber zu treffen?«

»Warum nicht?«, erwiderte Edward. »Traust du mir nicht genug Überzeugungskraft zu? Liegt eine liberale schottische alte Jungfer jenseits meiner Möglichkeiten?«

Lady Ashbury lachte. Ihr Lachen hatte — wie Edward bereits festgestellt hatte — einen kalten, klirrenden Klang, wie ein Tischglöckchen, fordernd und ohne Resonanz. »O nein, Mylord. Wir alle wissen, wie überzeugend du sein kannst, wenn du wirklich willst.« Ihr Blick huschte an ihm entlang, und Edward entging das Leuchten ihrer hübschen Augen nicht, als sie auf der leichten Wölbung an der Vorderseite seiner Hose ruhten. »Aber du musst schon verzweifelt sein, Liebling, wenn du bei diesem Wetter die ganze Strecke nach Schottland fahren willst. Warum bloß die Eile? Wir wissen doch jetzt, wo dieser Junge ist, und offensichtlich wird er dort auch bleiben.«

»Ich will diese Angelegenheit erledigt haben«, sagte Edward ruhig und drehte sich wieder zum Feuer. »Mein Vater ist schon fast ein Jahr tot und seitdem dümpelt Rawlings ohne Herzog vor sich hin. Das geht jetzt lange genug so, denke ich.«

Arabella lachte wieder. »Seit wann machst du dir Sorgen um Rawlings? Wirklich, Sir Arthur, Sie haben einen schlechten Einfluss auf ihn. Als Nächstes wird er noch die Schafweiden inspizieren wollen!«

Sir Arthur blickte entsetzt ob Edwards geplanter Schottlandreise. »Ich bitte Sie, Mylord, lassen Sie’s sein! Lassen Sie’s ruhen. Vielleicht kommen sie in ein, zwei Monaten, wenn sie sich an den Gedanken gewöhnt haben, von alleine. Wissen Sie, Miss MacDougal war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass der Junge Ihrem Vater vollkommen egal war, und sie war überrascht, dass der Junge überhaupt im Testament bedacht war …«

»Ich habe nicht die Geduld, einen Monat zu warten, Sir Arthur«, gab Edward zurück. »Ich werde heute aufbrechen und ich wette, dass ich beide — den Jungen und die jungfräuliche Tante — innerhalb der nächsten vierzehn Tage hier in Rawlings einquartiert haben werde.«

»Wenn du noch mehr Lust hast zu wetten, dann kannst du ja deinen alten Kumpel Mr. Cartwright wecken«, bemerkte Arabella trocken. »Er schläft seinen Rausch vom Billardspielen gestern Abend noch in der Bibliothek aus. Nimmst du ihn mit, Edward? Du kannst dir vorstellen, wie er es genießen würde, mit einer schottischen Jungfer zu streiten.«

Edward funkelte sie an. »Auf dieser Reise werde ich ohne Alistairs zweifelhafte Hilfe auskommen. Du kannst ihn, so lange ich weg bin, zu deiner Unterhaltung hierbehalten, Arabella. Pass auf, dass er nichts Wertvolles zerbricht, und falls er das tut, sieh zu, dass er es ersetzt.«

»Mylord, ich muss doch bitten, das zu überdenken.« Sir Arthur war so in Sorge, dass er sich aus der Chaiselongue hochwuchtete und an Edwards Seite trat. »Ich befürchte, Sie ahnen nicht, welch unberechenbares Temperament diese Frau besitzt. Sie hegt absolute Verachtung für alles Aristokratische und weigert sich hartnäckig …«

Edward lachte und legte eine schwere Hand auf Sir Arthurs Schulter. »Herbert, alter Junge, lass mich dir etwas über Frauen sagen. Sie sind alle gleich.« Der Blick, den er der Vicomtesse schenkte, war voller Spott. »Sie alle wollen etwas. Was wir herausfinden müssen, ist, was diese Miss MacDougal will, und dann kriegt sie es eben im Austausch für ihren Neffen. Es ist alles ganz einfach.«

Sir Arthur sah nicht überzeugt aus. »Das Problem, Mylord, ist — ich glaube, was Miss MacDougal will, ist …«

»Nun, Herbert?«

»Ihren Kopf, Lord Edward. Und zwar aufgespießt.«

2. Kapitel

Pegeen wiegte das neugeborene Baby in ihren Armen, schaukelte es leicht und versuchte, es zu beruhigen, während es weinte.

»Na, na«, sagte sie; ihr Atem bildete Wölkchen in der eisigen Luft. »Es ist alles in Ordnung. Ich weiß, es ist bei Weitem nicht so nett hier draußen, wie es dort drin war, aber du musst dich eben dran gewöhnen, weißt du.«

Vom Bett, das nicht viel mehr war als ein Stapel vergammelter Lumpen und Stroh, sah die Mutter des Neugeborenen mit einem schwachen Lächeln zu ihr hoch. »Er sieht gesund aus, nicht, Miss MacDougal? Alle Finger und Zehen dran?«

»Zehn und zehn«, sagte Pegeen viel fröhlicher, als ihr zumute war. »Wie wollen Sie ihn nennen, Mrs. MacFearley?«

»Ach Gott, ich hab keine Ahnung.«

»Keine Namen mehr auf Lager, was?« Mrs. Pierce, die Hebamme, drehte dem mickrigen Feuer, das sie und Pegeen seit einer Stunde mit wenig Erfolg in Gang zu bekommen versucht hatten, den Rücken. Ohne Kohle, nur mit ein paar feuchten Stückchen Torf unterlegt, erzeugte ein solches Feuer nicht viel Wärme, aber die MacFearleys waren immer noch besser dran als einige ihrer Nachbarn. Deren windige Hütten hatten nicht einmal einen Kamin. »Ich kann nicht behaupten, dass mich das überrascht. Das wievielte Kind ist er, Ihr sechzehntes?«

Mrs. MacFearley nickte stolz. »Der achte Sohn, wenn man die drei nicht mitzählt, die tot zur Welt kamen.« Während Gedanken an ihre Totgeborenen das erschöpfte Gesicht der Frau verdunkelten, murmelte sie: »Was meinen Sie, Miss MacDougal, wäre es falsch, ihn genauso zu nennen wie einen der Totgeborenen? Ich mag den Namen James sehr gern, aber der letzte, der gestorben ist, hieß James …«

Pegeen sah auf das heulende Bündel mit den roten Fäustchen in ihren Armen herab und konnte das alles nicht eine Minute länger ertragen. Es schien, als rückten die verrußten, schwärzlichen Wände der Hütte näher auf sie zu, und der Geruch — normalerweise eine unangenehme Mischung aus Kohl und menschlichen Exkrementen — war jetzt zehnmal schlimmer, besonders wegen des Gestanks der Nachgeburt.

Pegeen fühlte, wie ihr Frühstück, das aus Haferbrei bestanden hatte, ihr im Hals emporstieg; mit einem kleinen Stöhnen stieß sie das Baby in die hastig ausgestreckten Arme der Hebamme und stürzte hinaus auf den Hof.

Blindlings durch den Schnee stolpernd, schaffte sie es gerade bis zum Komposthaufen, bevor sie sich erbrach. Als sie fertig war, klammerte sie sich an den Wäscheständer, legte die Wange an das kalte, raue Holz und schloss die Augen, das Gesicht in die strahlende Wintersonne gereckt. Hier draußen vor der Hütte roch es auch nicht viel besser, aber immerhin war sie fort von diesem ermatteten Gesicht und dem klapperdürren Körper, der verbraucht war vom Kinderkriegen, eins nach dem anderen.

Die Tür der Hütte öffnete sich und Mrs. Pierce kam heraus. Sie trug einen Eimer, dessen Inhalt in der Kälte dampfte. Pegeen suchte hastig in ihrer Handtasche nach ihrem Taschentuch und wischte sich über den Mund, wobei sie auch etwas sauberen Schnee vom Boden aufhob und zur Hilfe nahm.

Mrs. Pierce näherte sich Pegeen und dem Komposthaufen, während sie vor sich hin murmelte. Als sie nahe genug war, um zu sehen, was die junge Frau im Schnee gemacht hatte, schnalzte sie missbilligend mit der Zunge.

»Ich weiß nicht, warum Sie jedes Mal darauf bestehen, mit mir zu kommen«, erklärte die Hebamme, »wenn es Ihnen davon doch nur elend wird.«

Unvermittelt drehte Mrs. Pierce den Eimer um und leerte seinen Inhalt über das Erbrochene. Pegeen, die den vertrauten Geruch der Nachgeburt erkannte, merkte, wie sich ihr Magen wieder umdrehte, und griff schnell nach dem Wäscheständer, als ob das Festklammern daran ihre Übelkeit vertreiben könnte. Sie presste sich das Taschentuch auf die Lippen.

»Oh, Mrs. Pierce«, seufzte Pegeen jämmerlich. »Es ist so schrecklich. Wie halten Sie das nur aus? Diese Frau bringt sich damit um, jedes Jahr ein Kind zu bekommen. Irgendjemand muss mit den Männern in diesem Dorf reden. Können Sie das nicht machen?«

»Es steht mir nicht zu, so etwas zu tun, und das wissen Sie, Miss MacDougal«, erklärte Mrs. Pierce abweisend. »Das ist die Pflicht des Vikars. Und wenn Sie glauben, dass sich unser neuer Vikar im Umgang mit Leuten wie Myra MacFearley die Hände schmutzig macht, dann sind Sie genauso weltfremd, wie Ihr Vater es war.«

Anstatt an Mrs. Pierces Anspielung auf die exzentrischen Interessen ihres Vaters Anstoß zu nehmen, seufzte Pegeen bloß und stopfte ihr Taschentuch zurück in die Tasche. »Ich schätze, Sie haben recht. Es ist nur so ungerecht. Sechzehn Kinder in ebenso vielen Jahren, und ein Drittel davon tot. Und Mrs. MacFearley ist erst dreißig, Mrs. Pierce! Diese Frau da drin ist nur zehn Jahre älter als ich und sieht aus …«

»So alt wie ich?« Mrs. Pierce zwinkerte; ihr breites Gesicht strahlte. »Keinen Tag über fünfzig?«

»Sie wissen, was ich meine.« Pegeen sah düster auf ihre Stiefelspitzen hinab. Der Saum ihres braunen Wollkleids war feucht vom Schnee. »Vielleicht, wenn ich mit Mr. Richlands rede«, schlug sie vor, klang allerdings nicht sehr hoffnungsfroh.

»Sie?« Die Hebamme warf den Kopf zurück und lachte. Der satte Klang war merkwürdig gedämpft in dem verdreckten Hof. »Sie wollen mit dem Vikar über die Dorfhure sprechen? Oh, das ist groß, Miss MacDougal, also wirklich!«

Pegeen runzelte die Brauen. »Was ist daran so komisch? Schließlich sind wir beide erwachsen. Es ist die Pflicht von Mr. Richlands, mit seinesgleichen über solche Dinge zu sprechen. Gott weiß, dass mein Vater das versucht hat.«

»Mr. Richlands wird grün im Gesicht und verliert sein Frühstück, wenn Sie solche Themen zur Sprache bringen.« Mrs. Pierce schüttelte den Kopf. »Nein, meine Liebe. Es ist unpassend für eine junge unverheiratete Frau, mit einem Junggesellen – auch wenn er Vikar ist – über so etwas zu reden. Besonders für eine Frau wie Sie.«

»Was meinen Sie damit, eine Frau wie ich?«, forderte Pegeen beleidigt.

»Nun schauen Sie nicht so verletzt«, lachte Mrs. Pierce. »Ich meine, eine Frau, die aussieht wie Sie. Hören Sie, Sie sind hübscher als die Schauspielerinnen, die man in der Zeitung sieht. Also, eine schöne Frau wie Sie versucht, mit einem Mann wie dem Vikar über Dinge zu sprechen, die die meisten Ehefrauen nicht wagen würden, vor ihren Männern zu erwähnen … Nun, das kann einfach nicht angehen, Miss MacDougal, auch nicht für Sie. Ich weiß, dass Ihr Vater das nicht gut gefunden hätte, trotz der schlauen Bücher, die er Ihnen immer zu lesen gegeben hat …«

Pegeen fühlte sich nun etwas besser und ließ den Wäscheständer los. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Mrs. Pierce. Ich gehe jetzt besser zurück. Jeremy kommt bald zum Essen nach Hause, und ich hab noch nichts auf der Feuerstelle. Bitte sagen Sie Mrs. MacFearley, dass ich heute Abend mit ein wenig Brot und Brühe für sie und die Kinder kommen werde.«

»Das mache ich, meine Liebe.« Mrs. Pierce zwinkerte erneut und klopfte Pegeen auf die Schulter. »Mache ich.«

Von dem Teil des Dorfes, in dem die ärmeren Familien lebten, bis zum Pfarrhaus war es kein langer Weg, wenn man die Abkürzung über den Friedhof nahm. Das tat Pegeen auch, die ohnehin nicht abergläubisch war. Sie schritt zügig aus, um sich von der eisigen Kälte abzulenken. In ihrer Eile, vor der Geburt im Haus der MacFearleys einzutreffen, hatte sie ihr Häubchen vergessen, und so blieben ihr jetzt nur die lose hängenden braunen Haare, um ihre Ohren zu schützen. Sie schob die Arme ineinander verschränkt unter ihren abgewetzten, pelzverbrämten Umhang und horchte auf das Geräusch, das ihre Füße beim Durchbrechen der Schneekruste machten. Nachlässig überflog sie die Grabsteinsprüche, die sie alle auswendig kannte; ein Nebeneffekt, wenn man sein ganzes Leben in einem Dorf verbracht hatte.

Hier ruht Enid, lautete einer, der Pegeen immer beunruhigt hatte. Meine Frau, meine Liebe, mein Leben. Wie würde es sein, fragte sich Pegeen oft, wenn jemand für einen so wichtig war? Sie konnte sich nicht vorstellen, dieses Gefühl für einen Mann zu empfinden. Natürlich liebte sie Jeremy, und sie war sich sicher, dass sie im Notfall ihr Leben für ihn geben würde. Aber für einen Mann so tief zu empfinden — jemand außerhalb der Familie —, dass sie ihn als ihr Leben bezeichnen würde? Wie beängstigend, jemanden so stark zu lieben! Sie hatte ziemlich Mitleid für Enids armen Ehemann, der durch den Verlust seiner Frau so seines Lebenssinns beraubt war. Wie viel vernünftiger wäre es für ihn gewesen, sie vielleicht ein bisschen weniger zu lieben.

»Miss MacDougal!«

Pegeen erstarrte mitten im Ausschreiten. O nein. Das konnte doch nicht wahr sein.

»Miss MacDougal!«

Das war es aber. Sie sah, wie er hinter einem großen Grabstein hervorkam und sich Schnee von den Knien strich. Was hatte er dort gemacht? Hatte er sie vorher am Pfarrhaus vorbeigehen sehen und nun ihre Rückkehr abgewartet? Seltsamer Mann. Sie überlegte, vorwärts zu eilen und so zu tun, als habe sie ihn nicht gesehen, aber er war schon bei ihr, und sie musste sich ein Lächeln abringen.

»Guten Morgen, Miss MacDougal!«

Mr. Richlands riss sich den hohen Hut vom Kopf und machte eine komisch übertriebene Verbeugung, obwohl sich Pegeen bei seinem Anblick ohnehin ein Lachen verkneifen musste. Er war schließlich der Nachfolger ihres Vaters und der geistige Vorsteher der Gemeinde. Es war nicht Mr. Richlands’ Fehler, dass er Pegeen mit seiner schlaksigen, unbeholfenen Figur und den plumpen Bewegungen zuweilen an eine Marionette erinnerte.

»Wie gut Sie aussehen an diesem kalten Wintermorgen«, zischte der Vikar; sein Atem kam stoßweise in weißen Wölkchen hervor.

Pegeen lächelte gezwungen. »Guten Morgen, Mr. Richlands. Ich wünschte, ich hätte Zeit zu einem Besuch, aber ich muss zurück ins Haus und Jeremys Essen vorbereiten.«

»Dann müssen Sie mir gestatten, Sie zu eskortieren«, erklärte der Vikar und hielt Pegeen den Arm zum Einhaken hin. »Der Weg ist rutschig, und ich würde es mir nicht verzeihen, wenn Sie fallen und sich vielleicht die Fessel stauchen.«

Pegeen war nicht gerade erfreut, den Vikar über ihre Fesseln sprechen zu hören. Er war ein großer, junger Mann — Pegeen ging ihm nur bis zur Schulter — und, obwohl tollpatschig, war er gut gebaut; er hatte blaue Augen und rostbraune Haare. Aber im Gegensatz zu jeder anderen unverheirateten Frau im Dorf fand Pegeen ihn nicht attraktiv und konnte nicht verstehen, warum alle so einen Wirbel um ihn machten.

Da sie einsah, dass sie kaum seinen Arm ablehnen konnte, ohne dass es ruppig wirken würde, ließ Pegeen ihre behandschuhten Finger in des Vikars Ellbogenbeuge gleiten und erlaubte ihm, sie über den Friedhof zu geleiten. Während sie gingen, erzählte ihr Mr. Richlands ausführlich von den Veränderungen, die er in ihrem Geburtshaus vorgenommen hatte, dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Nach ihres Vaters Tod war das Haus dem neuen Vikar übergeben worden. Obwohl sie mit ihrer eigenen kleinen Behausung am entfernten Ende des Kirchengrundstücks durchaus zufrieden war, konnte sie doch einen gewissen Besitzerinstinkt gegenüber dem Pfarrhaus nicht unterdrücken, und es ärgerte sie, zu hören, dass Mr. Richlands die Wände im Wohnzimmer tapeziert hatte. Dummer Kerl. Wusste er nicht, dass der Kamin rußte und die Tapete übers Jahr wieder verfärbt wäre?

Mr. Richlands dämliches Geschwätz dauerte fast bis zur Friedhofsmauer. Pegeen, die seit einigen Metern mit sich gekämpft hatte, platzte plötzlich heraus, »Mr. Richlands, ich war gerade bei den MacFearleys unten im Dorf und habe der Geburt von Myra MacFearleys sechzehntem Kind beigewohnt …«

Bevor sie weiterreden konnte, merkte sie, wie Mr. Richlands sich versteifte und verblüfft von ihr zurücktrat. »Was?«, rief er und sah nicht sehr erfreut aus. »Machen Sie Witze, Miss MacDougal? Obwohl ich sagen muss, wenn das ein Witz ist, zeugt er von Geschmacklosigkeit.«

Pegeen starrte zornig zu ihm empor. »Nein, es ist kein Witz, Mr. Richlands. Ich habe mit Mrs. Pierce, der Hebamme, darüber gesprochen, und wir finden, es ist Ihre Pflicht als Vikar, mit den Männern von Applesby zu sprechen. Sie sollen für mindestens ein Jahr nicht mehr zu Mrs. MacFearley gehen. Anderenfalls kommt sie so nie wieder zu Kräften. Und wir müssen natürlich ihren Einkommensverlust so gut wie möglich aus dem Klingelbeutel ersetzen.«

»Miss MacDougal!« Mr. Richlands’ blasses Gesicht war um eine Nuance bleicher geworden und glich schon fast dem sie umgebenden Schnee. Pegeen erkannte mit sinkendem Mut, dass Mrs. Pierce recht gehabt hatte. Sie hatte den Vikar vollkommen schockiert und jetzt musste sie die Konsequenzen tragen.

»Ich bin völlig perplex, ja befremdet zu hören, dass Sie, eine junge, unverheiratete Frau, einer Entbindung beiwohnen! So etwas habe ich noch nie gehört! Und dann noch die Geburt eines unehelichen Kindes der Dorfhure! Was mag sich die Hebamme dabei gedacht haben, Ihnen das zu erlauben? Ich werde mit der Frau reden müssen. So etwas ist derart würdelos, dass ich – nun, ich weiß gar nicht, was ich denken soll!«

Der Anblick von Myra MacFearleys mattem Gesicht war Pegeen noch immer deutlich vor Augen, genau wie die Erinnerung an den unerträglichen Geruch der Nachgeburt. Sie stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf, wütend, dass sich der Vikar über die Tatsache, dass sie bei einer Geburt dabei war, so aufregen konnte, wenn es so viel wichtigere Dinge gab, um die er sich kümmern sollte.

»Oh, kommen Sie, Mr. Richlands. Jung und unverheiratet bin ich vielleicht, aber ich bin kein Kind und auch nicht unaufgeklärt. Ich weiß, wie Babys entstehen und wie sie geboren werden, und ich bitte Sie, als Vikar der Gemeinde, Mrs. MacFearley zu helfen …«

»Ich werde nichts dergleichen tun«, rief Mr. Richlands aus. »Ich würde mich niemals dazu herablassen, einer Frau zu helfen, die so unzüchtig ist und ihre Beine nicht lange genug zusammenhalten kann, um sich von einer Entbindung zu erholen.«

»Aber es ist Ihre Pflicht, das zu tun! Mein Vater …«

»Ihr Vater! Ihr Vater! Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sehr ich es leid bin, von Ihrem Vater zu hören, Miss MacDougal? Ihr Vater war wohl kaum der aufgeklärte Denker, für den Sie ihn anscheinend halten. Wenn er so vorausdenkend war, warum hat er Sie und Ihren Neffen dann am Ende mit nichts als den Almosen der Kirche — meinen Almosen —, um Sie vor dem Arbeitshaus zu bewahren, allein gelassen?«

Pegeen blinzelte zu ihm empor; ihre Augen waren plötzlich mit Tränen gefüllt, die sie ärgerlich wegwischte. »Wenn Sie so denken, Mr. Richlands«, sagte sie in einer leisen, knappen Stimme, die sie kaum als ihre eigene wiedererkannte, »dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag.«

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging steif davon. Was fiel dem ein? Vor dem Arbeitshaus bewahrt durch seine Güte! Hatte keine Lust mehr, von ihrem Vater zu hören, was? Nun, er sollte kein Wort mehr hören, nicht ein Wort. Pegeen würde nie mehr mit diesem aufdringlichen Kerl reden. Jede Wette.

Der Vikar rief ihren Namen; die Aufgeregtheit in seiner Stimme war immens. Er stolperte hinter Pegeen her, und als sie nicht anhielt, legte er plötzlich seine beiden behandschuhten Hände auf ihre Schultern und drehte sie herum, sodass sie ihn ansehen musste. Von dieser Geste war Pegeen überrascht. Der Vikar hatte immer gewissenhaft vermieden, sie zu berühren, auch bei den Abendgesellschaften, die sie ab und an besucht hatten. Die fanden meist in den Heimstätten wohlmeinender Nachbarn statt, die sich wünschten, dass die attraktive Tochter des verstorbenen Vikars und der gut aussehende neue Vikar sich zusammentäten.

»Miss MacDougal«, keuchte der Vikar, während seine Finger durch den Stoff ihres Umhangs drückten. »Ich bitte um Verzeihung, Sie beleidigt zu haben, aber bitte hören Sie mir zu. Schon lange denke ich, dass Ihr Vater, obwohl sicherlich ein guter Mann, viel zu liberal mit den Angelegenheiten der Gemeinde umgegangen ist, und besonders mit Ihrer Erziehung …«

Als Pegeen Luft holte, um dies empört abzustreiten, fuhr der Vikar hastig fort: »Was jedoch für ein junges Mädchen unziemlich zu wissen ist, sind aber unerlässliche Kenntnisse für die Frau eines Vikars, also bin ich gewillt, diesen geschmacklichen Ausrutscher zu übersehen, den Sie sich geleistet haben …«

Pegeen starrte zu ihm hoch. Ihre Kinnlade fiel herab. »Mr. Richlands«, konnte sie gerade noch japsen. »Wollen Sie etwa …«

»Ja, das habe ich vor. Ich glaube nicht, dass es Sie besonders überraschen kann, Miss MacDougal. Denn seit einiger Zeit bewundere ich Sie, und das mehr als nur als Freundin. Ich hoffe, Sie tun mir den Gefallen, meine Frau zu werden.«

Pegeen war dermaßen überrascht, dass das Lachen beinahe aus ihr herausgeplatzt wäre, aber sie konnte sich im letzten Moment zusammenreißen. Gütiger Himmel, hier wurde ihr der erste Heiratsantrag ihres Lebens gemacht, und ihre erste Reaktion war, lachen zu wollen! Wie ungehörig.

Mr. Richlands’ Gesicht jedoch war todernst. Sie überlegte, dass die Ursache dafür eher in dem Thema lag, welches sie zuvor zur Sprache gebracht hatte, als in der Frage, ob sie seinen Antrag annehmen würde oder nicht. Was natürlich keinesfalls ihre Absicht war.

Sie reichte hinauf, um seine Finger von ihren Schultern zu lösen, und sagte: »Mr. Richlands, Sie liegen vollkommen falsch, wenn Sie glauben, ich hätte jemals die wahre Natur Ihrer Gefühle für mich erahnt. Es tut mir leid, falls ich den Eindruck vermittelt haben sollte, meine eigenen Gefühle Ihnen gegenüber wären mehr als nur freundschaftlich. Und weil sie eben nur das sind, fürchte ich, kann ich Ihren großzügigen Antrag nicht annehmen. Jetzt lassen Sie mich bitte los.«

Weil er sich immer noch resolut weigerte, sie frei zu lassen, begann sie sich in seinem Griff zu winden. »Haben Sie mich gehört, Mr. Richlands?«

»Nenn mich Jonathan«, sagte der Vikar und beugte sich herab, um sie zu küssen. »Pegeen.«

Pegeen war so überrumpelt, als sich sein Mund über dem ihren schloss, dass sie für den Moment erstarrte und sich sowohl der heißen Trockenheit ihrer Lippen als auch des überraschenden Auftauchens seiner Zunge bewusst war, die versuchte, sich zwischen ihre fest zusammengepressten Lippen zu zwängen.

Ihre nächste Reaktion war allerdings nicht so unbeholfen. Sie nahm einen ihrer Füße zurück und trat mit der scharfen Spitze ihres Stiefels gegen das Schienbein des Vikars.

Mit einem Aufschrei ließ er sie los; Pegeen hob ihre Röcke und rannte los. Sie lief den Friedhofspfad hinab, so schnell ihre schlanken Beine sie trugen. Sie hörte ihn nach ihr rufen und rannte trotz der vereisten Oberfläche des Schnees weiter. Aus Angst, er könne sie einholen und versuchen, sich zu entschuldigen, wagte sie nicht, langsamer zu werden. Obwohl sie an diesem Morgen bereits ihr Frühstück verloren hatte, war sie nicht sicher, ob ihr Magen dies ertragen könne.

Sie rannte weiter, und der kalte Wind pfiff ihr durch den offenen Mantelkragen; ihre Augen begannen zu tränen. Auf der Dorfstraße stieß sie fast mit Mrs. MacTurley, der Frau des Bäckers, zusammen, rief aber nur ein kurzes »Entschuldigung!« über die Schulter. Es war ihr egal, ob das ganze Dorf ihre Waden zu sehen bekam. Sie war auf der Flucht. Sie rannte am Pfarrhaus vorbei, durch ihr Gartentor hindurch und hätte es bis zu ihrer Haustüre geschafft, wäre sie nicht kurz davor auf ein großes, dunkles Hindernis gestoßen. Sie schleuderte mit vollem Schwung hinein, und es gab ein verwundertes Japsen von sich.

Völlig perplex wäre Pegeen von dem Aufprall zu Boden gegangen, aber starke Hände fingen sie auf, und eine dunkle Stimme sprach amüsiert: »Hoppla, Schätzchen. Wohin denn so schnell mit so einem Affenzahn?«

Keuchend und nach Atem ringend, schob Pegeen ihre dunklen, zerzausten Haare aus den Augen und sah auf in das erstaunlichste Gesicht, das sie je erblickt hatte.

Klare graue Augen sahen lachend auf sie herab; sie waren umgeben von kleinen Fältchen in leicht gebräunter Haut, die Pegeen sofort an Sommertage denken ließ, an die violette Heide, die sich sanft im Abendwind wiegte. In starkem Kontrast zu den hellen Augen stand jedoch pechschwarzes Haar, welches ein kantiges, mit seinen schweren, dunklen Brauen und sinnlichen Lippen irgendwie finsteres Gesicht umrahmte.

Atemlos zu dieser Erscheinung emporsehend, dachte Pegeen, dass dieser Mann wie einer der Piraten aus den Büchern aussah, die Jeremy immer von ihr vorgelesen bekommen wollte. Sie war sich der starken Arme, die sie festhielten, übermäßig bewusst; ebenso bemerkte sie die breiten, von einem dunklen Mantel umhüllten Schultern, die in ihrem Ausmaß den Blick auf alles andere verstellten. Sie nahm den männlichen Geruch wahr, der von seiner Weste herzukommen schien. Er enthielt Leder, Tabak und ein wenig Pferd.

Plötzlich wurde ihr klar, dass der grauäugige Blick dreist an ihr bis zu der Stelle hinabglitt, wo das pelzbesetzte Revers ihres Umhangs offen stand und so den Blick auf ihre schlanke Taille und die festen Brüste freigab, welche sich heftig hoben und senkten, denn sie rang noch immer nach Atem.

Mit einem leichten Kopfschütteln kam sie wieder zu Sinnen. Was tat sie hier bloß? Sie ließ sich von einem vollkommen Fremden auf eine Art und Weise festhalten, für die sie den Vikar gerade erst getreten hatte. Mit einem Keuchen machte Pegeen eine schnelle Bewegung frei zu kommen, und der leise lachende Fremde ließ sie sofort los.

»Brennt’s irgendwo, Schätzchen?«, fragte der Mann mit einem kurzen Emporzucken dieser dunklen Brauen. »Oder werden Sie von irgendeinem liebeskranken Gemischtwarenhändler verfolgt?«

Pegeen starrte zu ihm hoch, noch immer zu atemlos, um zu sprechen. Sie wusste, dass sich die Farbe ihrer Wangen in ein tiefes Rot verwandelt hatte und war dankbar, dass er wegen der Kälte kaum schließen konnte, sie sei vor Scham errötet. Denn das war sie natürlich.

Er war der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war. Wie sollte sie da nicht erröten?

»Was ist denn los, Kind? Hat es dir die Sprache verschlagen?«

Er grinste auf sie herab, und der Anblick seiner spöttisch gekräuselten Lippen ließ ihr Herz in der Brust springen.

»Ich stehe hier schon eine Zeit lang und habe versucht, Ihre Herrin zu erreichen«, fuhr er fort. »Wenn sie nicht zu Hause ist, könnten Sie mich dann nicht wenigstens hineinlassen, um mich während des Wartens aufzuwärmen? Ich glaube, ich habe mich erkältet, weil ich schon so lange hier draußen stehe und an diese Tür klopfe …«

Pegeen hörte jemanden von der Straße her rufen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um über den ausgestreckten Arm des dunklen Gentlemans sehen zu können. Mr. Richlands kam, mit dem Hut winkend, auf sie zu gehumpelt.

»O nein«, ächzte sie.

Ihr Besucher warf einen lässigen Blick über die Schulter und sprach in seiner tiefen Stimme: »Dieser Mann scheint etwas von Ihnen zu wollen.«

»Ich weiß«, stöhnte sie. »Das ist das Problem.«

Sie warf sich gegen die Tür, die sie nie abschloss, und stolperte über die Schwelle hinein. Während sie durch den Flur eilte, machte sie sich mit einer Hand an den Verschlüssen des Umhangs zu schaffen und warf mit der anderen ihre Handtasche zur Seite.

»So ein Mist«, murmelte Pegeen und nahm kaum wahr, dass ihr der breitschultrige Fremde ins Haus gefolgt war und jetzt am Fenster stand. Er beobachtete Mr. Richlands, der am Gartentor stehen geblieben war und plötzlich erkannt zu haben schien, dass seine Anwesenheit unerwünscht war. »Jeremy wird jeden Moment nach Hause kommen!«

»Belästigt Sie dieser Mann, meine Liebe?«, fragte der dunkelhaarige Gentleman. »Denn wenn das der Fall ist, werde ich ihn gerne für Sie los.«

»Oh«, stöhnte Pegeen, legte ihren Umhang auf die Lehne einer Bank und eine Hand an ihre Stirn, als müsse sie einen plötzlichen Kopfschmerz verscheuchen. »Sie können ihn nicht loswerden. Glauben Sie mir, ich hab’s versucht.«

Der große Mann sah noch einmal aus dem Fenster. »Seit dem College habe ich mit niemandem mehr gekämpft — jedenfalls nicht mit Fäusten —, aber der Kerl macht als Gegner nicht viel her. Er könnte ein wenig jünger sein als ich, aber das ist auch alles. Wie gut, glauben Sie, kommt er bei Morgengrauen mit der Pistole zurecht?«

Pegeen blickte ihn an und lachte; es war ein helles, gluckerndes Geräusch, das aus ihr hervorzuquellen schien. Sie hatte keine Ahnung, wo dieses Lachen auf einmal herkam. »Das können Sie nicht ernst meinen! Er ist Mr. Richlands, der Vikar.«

»Ich meine es todernst. Es wäre mir egal, wenn es der Erzbischof von Canterbury wäre. Mit Freuden würde ich ihn für Sie töten. Sagen Sie nur ein Wort.«

Sie beobachtete, wie seine grauen Augen über die freundliche, doch kärgliche Einrichtung des Raums glitten, bis sein Blick sich dann auf sie richtete. Pegeen dachte plötzlich an das feuchte, braune Wollkleid mit schneebedecktem Kragen und einer eng geschnittenen Taille, das sie trug.

»Bei näherer Überlegung«, sprach der Fremde nachdenklich, »anstatt ihn umzubringen, wäre es wohl besser, wenn ich ihn verjagen würde. Dann können wir beide ein Feuer anmachen, uns hinsetzen und ein wenig kennenlernen. Jedenfalls, bis Ihre Herrin zurückkehrt.«

»Meine Herrin?«, echote Pegeen. »Wovon reden Sie bloß?«

In diesem Moment flog die Tür auf, und der Vikar humpelte ins Zimmer. Er warf die Schultern zurück und sagte mit verletzter Würde: »Entschuldigen Sie mein Eindringen, aber ich glaube, ich muss Sie um Verzeihung bitten, Miss MacDougal.«

»Miss MacDougal?«, wiederholte der Fremde, der Pegeen einen scharfen Blick zuwarf.

Bevor sie antworten konnte, fuhr Mr. Richlands fort. »Es ist, wie mir bekannt ist, nicht ungewöhnlich, dass junge Damen den ersten Antrag eines Gentleman ablehnen, und so werde ich mir Ihre Zurückweisung nicht so sehr zu Herzen nehmen. Ich werde meinen Antrag jedoch wiederholen, keine Angst, wieder und wieder, bis Sie mir die Ehre erweisen, meine Frau zu werden.«

Jetzt wurde Pegeen wirklich rot. Nie in ihrem Leben hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Wie konnte der Vikar in Anwesenheit eines Fremden so reden?

»Ich versichere Ihnen, Mr. Richlands«, begann sie erhitzt, »es wird völlig unerheblich sein, wie oft Sie fragen. Meine Antwort wird immer die gleiche sein. Halten Sie mich für ein dummes junges Ding, für das die Zuneigungen der Männer ein Spiel ist, wie Trophäen? Wenn das so ist, liegen Sie falsch.« Gebieterisch wies sie mit einem Finger Richtung Tür. »Jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie das Haus verlassen.«

Mr. Richlands tat zunächst, wie ihm geheißen, hielt aber plötzlich inne und starrte den großen Fremden an.

»Dürfte ich wohl erfahren, was diesen Gentleman in Ihre Kate führt?« Die Stimme des Vikars klang vor lauter unterdrücktem Gefühl nörglerisch. »Es ist unpassend von Ihnen, Sir, eine junge, unbeaufsichtigte Frau wie Miss MacDougal alleine aufzusuchen.«

Der grauäugige Mann sah überrumpelt aus, und erst jetzt begann sich Pegeen zu wundern, was er eigentlich wollte. Niemand kam sie oder Jeremy je besuchen, außer einigen der Gemeindefrauen, die Pegeen bei ihrer Wohltätigkeitsarbeit unterstützten. Wer konnte dieser gut aussehende Fremde sein? Wegen ihrer Empörung über Mr. Richlands Antrag war es ihr noch nicht in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken.

Dem Gentleman hatte es eindeutig die Sprache verschlagen. »Da scheint irgendein Irrtum vorzuliegen«, sagte er gedehnt.

»Irrtum?« Pegeen starrte ihn an. Er war gut gepflegt, in den feinsten Mantel gekleidet, den sie je gesehen hatte, und seine hohen Stiefel waren so schön poliert, dass sie eindrucksvoll glänzten. Seine Krawatte war schneeweiß und elegant gebunden. Alles in allem war er ein außergewöhnlich attraktiver Mann, aber plötzlich merkte Pegeen, dass ihr etwas an ihm irgendwie bekannt vorkam. Irgendwas an diesen grauen Augen …

»Ich suche nach einer Miss MacDougal«, sagte er unsicher. »Aber die Miss MacDougal, die ich suche, ist die Tante eines gewissen Jeremy Rawlings …«

Pegeen spürte einen plötzlichen Druck in der Mitte ihres Brustkorbs. »Ja, das bin ich«, seufzte sie und ließ müde die Schultern hängen. »Was hat Jeremy denn jetzt angestellt? Was immer es ist, ich schwöre, wir machen es wieder gut. Ist jemand verletzt worden, Sir? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir tut …«

»O nein, Sie missverstehen mich.« Der Fremde sah ihr geradewegs in die Augen, und sein Unbehagen war offensichtlich. »Ich glaube, Madam, ich bin Ihr Schwager. Edward Rawlings.«

 

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Patricia Cabot ist das Pseudonym der amerikanischen Autorin Meg Cabot, die in Bloomington, Indiana geboren ist. Ihre über 80 Romane und Jugendbücher haben sich weltweit über fünfundzwanzig Millionen Mal verkauft, darunter mehrere internationale Bestseller. Meg Cabot lebt mit ihrem Mann und mehreren Katzen in Key West.