Raiko Oldenettel über seinen historischen Thriller Die Leichenzeichnerin

Worum geht es in deinem historischen Thriller Die Leichenzeichnerin?

Das kommt auf den Leser an. An der Oberfläche geht es sicherlich um den Ersten Weltkrieg, die Rolle einer Künstlerin in der angebrochenen Weimarer Republik, um Ehre, trockenes Brot und auch um Verlust. Aber es geht auch tiefer hinein in die Ohnmacht nach der deutschen Niederlage, die Verbitterung in den Herzen der Hinterbliebenen, um einen Zwischenzustand bei Leben und Tod, der die ganze Gesellschaft zu der Zeit ergriffen haben mochte. Sprich: Das volle Paket der ersten Zwischenkriegsjahre. Dort hinein habe ich Minna ersonnen.

 

Wie würdest du Minna, die Hauptfigur, beschreiben?

Minna ist für mich ein Sinnbild des Jahrhundertwechsels. Eine junge Frau, die sich von den Regeln ihres strengen Elternhauses loslöst, sich als Künstlerin beweisen möchte und Berlin für sich im Alleingang erobert. Sie ist mutig, ein wenig vorlaut, aber immer mit vollem Herzen dabei. Mit ihr könnte ich über Nitzsche und Freud streiten, aber auch eine Kneipenrunde durch die Gassen machen.

 

Du schreibst düster und stimmungsvoll – wie erweckst du die besondere Atmosphäre deines Romans zum Leben?

Beim Schreiben ist mir der Abstand wichtig, auch zu mir selbst. Die meisten Romane schreibe ich in einer Art andauernder Trance, aus der ich mit einer gewissen Scheu erwache. Ist das gut? Habe ich das so richtig eingefangen? Je länger ich in diesem Zustand bin, je dunkler es draußen wird, desto eher fange ich auch die urmenschlichen Gedanken von Angst und Schrecken ein, die ich so gerne an meine Figuren weitergeben möchte.

 

Wie hast du dich beim Recherchieren und Schreiben in die turbulente Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurückversetzt?

Das habe ich wahrscheinlich nicht aktiv getan, sondern Jahre vorher durch mein Studium mitbekommen. Ein besonderes Kapitel war für mich seit jeher die Beschreibungen der männlichen Künstler an der Front des Ersten Weltkriegs. Otto Dix, Max Beckmann, Franz Marc und August Macke – ihre schriftlichen und skizzierten Bilder von den neuen Ereignissen eines völlig industrialisierten Krieges waren albtraumhafter, aber lehrreicher Stoff. Insgesamt habe ich mich mehr als zehn Monate am Stück mit den Tagebüchern, Tageszeitungen und Bildern auseinandergesetzt, um ihr Handeln und Denken zu verstehen. Das Jahr darauf, 1919, war für mich ein gefühltes und kein erklärtes. Ich bewegte mich also intuitiv vorwärts, in eine ruinöse Situation hinein.

 

Was macht für dich das Jahr 1919 in Deutschland aus? Welche Ereignisse, welche Stimmung prägt dieses Jahr?

Zweifelsfrei ist es die Politik, die den Ton in der Zeit angab. Für mich jedoch kommt immer nur ein Ereignis auf Platz Eins: Die Spanische Grippe. Eine Pandemie, die im Buch einen prominenten Platz bekommt und die in ihren Ausmaßen heute nur wenigen bekannt ist. Verständlicherweise steht der Erste Weltkrieg als mehrjähriger Krieg mit traurigen Verlusten aller Beteiligten über dieser. Nur, wie kann es sein, dass unser kollektives Gedächtnis den Tod von 50 Millionen Leuten zwischen 1918 und 1920 so runterspielt? Ist es, weil eben ein Krieg vorherrschte und danach noch einer? Ist es, weil es so schnell ging und die Krankheit ein Mysterium bleibt? Die Besonderheit der Spanischen Grippe, dass eben Männer zwischen 20 und 40 Jahren ihr am häufigsten zum Opfer fielen, macht sie für mich auf makabre Weise interessant. Mein Dank gilt hier der verstorbenen Größe Oliver Sacks, ohne den ich niemals davon gehört hätte.

 

Minna ist fasziniert von toten Körpern und bannt sie auf Papier. Wie kamst du auf diese ungewöhnliche Idee?

Mit siebzehn Jahren besuchte ich, damals noch von der Idee selbst Künstler zu werden beseelt, die anatomische Wachs-Ausstellung im La Specola in Florenz. Seitdem lässt mich die Verschränkung von Medizin und Kunst irgendwie nicht mehr los. Ästhetik und Tod, Tabus und Regelkorsett – als ich Minna das erste Mal vor Augen hatte, war sie für mich eine Grenzgängerin, die ihren Kollegen die Schau stehlen wollte. Aber das reichte mir nicht. Minna brachte ein dunkles Geheimnis mit sich, das sie wahrscheinlich in besseren Kreisen angekommen Kopf und Kragen kosten würde. Dieses Geheimnis teilten zunächst nur wir beide und das macht natürlich paranoid. Ein wunderbares Gefühl, um ihr bei ihrem ungewöhnlichen Handwerk beizuwohnen.

 

Wie lange hast du an Die Leichenzeichnerin gearbeitet?

Ungefähr anderthalb Jahre. Mit Auf und Abs, Hin und Hers, dem Üblichen und dem Besonderen.

 

Sind die Schauplätze deines Romans fiktiv? Oder sind reale Schauplätze dabei und hast du diese auch besucht?

Keiner meiner Orte ist real, bis auf eben Berlin. Das gesamte Breitbachtal ist für mich ein Destillat aus meinen kindlich-jugendlichen Faszination von Wäldern und Bergen, einer Prise erwachsener Angst vor engstirnigen und überstolzen Menschen, sowie den Erinnerungen der Künstler, von denen ich so viel las.

 

An welchem Ort oder an welchen Orten ist der Roman entstanden?

Die Idee des Romans war letztlich aus meiner Arbeit an einem Katalog für eine Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld geboren. Mit aller Macht haben mir die Biographien der Künstlerinnen für „Einfühlung und Abstraktion: Die Moderne der Frauen in Deutschland“ vor Augen gehalten, wie blind ich bis dahin gewesen war. Hatte ich die Männer im Vordergrund, eben an der Front, unter die Lupe genommen, wusste ich nur wenig über die Künstlerinnen zwischen 1900 und 1930. Die Biographien sind atemberaubend. Das Schicksal kann so viele Wege gehen. Mit Paula Modersohn-Becker, Hannah Höch, Jeanne Mammen, Gabriele Münter … ich könnte so viele nennen und werde es hoffentlich noch tun. Geschrieben habe ich stets an nur einem Platz: Meinem Schreibtisch. Kataloge, Notizbücher und Zeichenstifte in Reichweite.

 

Zu guter Letzt: Hast du eine Fortsetzung geplant?

Das kommt auf Minna an. Wenn sie eines Tages bei gewitterschwerem Wetter an die Schranken meines Verstandes anklopft und mir von einem grausamen Verbrechen erzählt, das nur unserer Aufklärung harrt, würde ich ihr unbesehen hinaus in den Regen folgen …

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Raiko Oldenettel wurde 1986 in Ostfriesland geboren und wuchs inmitten friedlicher Natur und weiter Strecken auf. Mit dem Studium verschlug es ihn fernab der Heimat nach Trier und durch die Fächerwahl Japanologie und Kunstgeschichte noch ferner nach Tokyo, wo er für ein Jahr lebte. Seit seiner frühen Jugend begleiten ihn das Schreiben und Erfinden neuer Welten, angestachelt durch das Bücherregal seiner Eltern. Zwischen Fantasy, Krimi und Science-Fiction pendelnd entstanden so seine ersten Werke. Derzeit befindet sich sein Lebensmittelpunkt in Bielefeld, wo er mit seiner kleinen Autorenfamilie den Zauber des Schreibens und Lesens weiterträgt.