Verlieben verboten

1
A wie Ankunft

Ganz ruhig, ich habe keinen Grund, nervös zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich zitternd in meinem Mini vor einem Gefängnis sitze, in das ich gleich eingesperrt werde.

Nein, es handelt sich nur um ein Haus. Und ich liebe dieses Haus, den Kontrast zwischen seinen himbeerroten Holzbalken und der sandfarbenen Fassade. Vor den Fenstern hängen Großpapas handgeschmiedete Blumengefäße, aus denen sich Großmamas bunte Zauberglöckchen ergießen. Wie jeden Sommer tanzen Zitronenfalter auf den Blüten in der Morgensonne.

Leider wohnt meine Mutter mit ihren beiden Töchtern darin, meinen Schwestern also. Stiefschwestern, um genau zu sein.

Ein Fluchtinstinkt zwingt meine Vernunft in die Knie und meine Füße streiten sich darum, welcher zuerst auf das Gaspedal treten darf. Sie wollen hier schnellstmöglich wieder verschwinden. Auch meine Hände mischen mit. Hektisch stecke ich den Autoschlüssel zurück in die Zündung.

Ich bin so was von feige.

»Kann ich Ihnen helfen?« Ein fremdes Männergesicht mit schokobraunen Wuschelhaaren taucht im geöffneten Fenster der Fahrertür auf. Vor Schreck drehe ich am Schlüssel, was der Motor mit Geheul beantwortet. Mein rechter Fuß malträtiert nervös das Gaspedal und erhöht den Lärm nicht unbeträchtlich.

Mein Auto springt nach vorn und der Mann zur Seite.

Für einen Moment überlege ich, unerkannt zu türmen. Ich könnte lügen, ich hätte mich verfahren. Doch noch ehe ich mit diesem Gedanken fertig bin, wird ein Fenster in der zweiten Etage der alten Gutsvilla aufgerissen.

»Lucinda Lynette! Wer auch sonst!« Die Stimme meiner Mutter nimmt es locker mit dem Röhren des Minis auf. Ihr Drillton passt so gar nicht zu ihrer aparten Erscheinung.

Okay, unerkannt zu türmen, erledigt sich gerade, jetzt bleibt mir nur noch, zu türmen.

Ich würge den Motor ab. Bleiben wäre vernünftiger. Und bin ich nicht die Vernunft in Person? Ich schnalle mich stets an, bevor ich mein Auto starte, und ich trage einen Helm, wenn ich Fahrrad fahre. Zumindest mit meinem Rennrad, mein altes Damenrad für zwischendurch zählt nicht so richtig. Schließlich passt meine meist hochgesteckte Lockenflut nicht unter den Helm. Aber wenn es eine Helmpflicht gäbe, würde ich mich natürlich daran halten.

Der Fremde öffnet die Fahrertür und wartet, dass ich aussteige. Nun gut, ich bin erwachsen, ich bin selbstständig und ich weiß, was ich kann.

Hilfe, ich will nicht! Denn ich weiß genauso gut, was ich nicht kann: Ich kann mich nicht mit meiner Mutter und meinen Stiefschwestern innerhalb eines Bundeslandes aufhalten.

»Komm endlich!«, fordert meine Mutter. »Es gibt genug für dich zu erledigen!«

Ungelenk wie eine Marionette kraxele ich aus dem Auto und versuche es bei dem Fremden mit einem Lächeln. Meine Gesichtsfarbe toppt mit Sicherheit das Chilirot des Minis.

»Sie sind also Lucinda.« Sein Grübchenlächeln heizt meinem Teint noch mehr ein. Das sind nur die Nerven, beruhige ich mich selbst. Und diese moosgrünen Augen!

»Cinda«, murmele ich.

»Und Herr Priens«, fährt die Stimme meiner Mutter auf uns herab, »wenn Sie sich bitte in das Arbeitszimmer meines Schwiegervaters begeben würden? Sie haben dort einen Termin. Jetzt!«

Rumms. Das Fenster knallt zu und ein paar rote Zauberglöckchenblüten aus dem Blumenkasten davor rieseln herab.

Der Gerügte schiebt den Ärmel seines weißen Hemdes ein wenig nach oben, blickt auf seine Armbanduhr und verzieht den Mund. »Ich fürchte, Ihre Mutter hat recht.« Er reicht mir seine Hand und sieht zu mir herunter. Normalerweise bin ich die Große, aber bei ihm könnte ich sogar meine höchsten High Heels tragen, ohne wie eine Giraffe zu wirken, die mit dem Zoowärter kuschelt. »Sie bleiben hoffentlich, nachdem ich schon so wagemutig Ihren Fluchtversuch vereitelt habe.« Seine Augen unter den dunklen Wimpern glitzern und verhindern, dass sich mein hüpfendes Herz beruhigt.

»Wenn ich schon mal hier bin …«, stammele ich.

Zögernd lässt er meine Hand los. »Wir sehen uns später?«

»Sicher.« Oh toll, sicher, mehr fällt mir nicht ein? Innerlich klatsche ich mir mit der Hand gegen die Stirn. »Ich meine, natürlich gern.« Klasse, ich werde immer eloquenter.

Sein Lächeln verstärkt sich und zaubert ihm ein weiteres Grübchen ins Gesicht. Er nickt mir zum Abschied zu und läuft ein paar Schritte rückwärts, dabei streicht er sich eine Schokohaarsträhne aus der Stirn, wendet sich um und verschwindet durch den Haupteingang ins Haus.

Wer ist er nur?

Ein neuer Angestellter, ein neuer Sommelier, der Sohn des Bürgermeisters, ein Prinz?

Der rüde Ton meiner Mutter scheint ihn nicht zu stören oder er hat sich schon daran gewöhnt. Obwohl – ich habe mich in siebenundzwanzig Jahren noch nicht daran gewöhnt. Aber möglicherweise bin ich ja nur zu empfindlich und ein klitzekleines bisschen voreingenommen.

Vielleicht wird es ja gar nicht sooo schlimm. Immerhin feiern wir die siebzigsten Geburtstage meiner Großeltern. Zu dem großen Galaessen und dem anschließenden Ball am Sonntag werden viele Gäste auf dem Weingut von Grafenberg erwartet. Darunter Politiker und Weingourmets, deren Geldbeutel mindestens den Umfang des Weihnachtsmannsackes haben, und nicht zu vergessen die A-, B- und C-Promis. Die zu umgarnen – ob sie wollen oder nicht – zählt zu den Hobbys meiner Mutter und meiner Stiefschwestern. Das sollte die drei genug von mir ablenken.

Schwungvoll öffne ich den Kofferraum, um mein Gepäck auszuladen.

Da kommt es bereits schlimmer.

In ungebührendem Abstand zu mir bremst ein Auto und die aufgewirbelten Kieselsteine spritzen gegen meine nackten Beine. Aus der fahrenden Flunder, in die laut Fahrzeugschein sicher nur ein Fahrer, ein halber Beifahrer und eine XXS-Luxushandtasche passen, entfalten sich meine beiden Stiefschwestern.

Wie immer, wenn wir uns eine Weile nicht gesehen haben, kann ich kaum glauben, dass die beiden Schwestern sind. Zumindest äußerlich lässt nichts auf ihren gemeinsamen Genpool schließen. Mozartkugel versus Zuckerstange – mit angeklebten Macadamianüssen.

»Da bist du ja endlich!« Asta, die älteste von uns, zuppelt an dem Riesenausschnitt ihres Oberteiles, das kaum bis zu ihrem solariumbraunen Bauchnabel reicht. Dann streicht sie sich ihre blondgefärbten Spaghettihaare glatt. »Die Schneiderin hat totalen Mist gebaut. Sieh zu, dass du mein Kleid bis heute Abend wieder in Ordnung bringst.« Sie stapft auf dreizehn Zentimeter hohen Designerabsätzen in Richtung Haus. Wie kann sie solch schönen Schuhen nur so viel Gewalt antun!

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, rufe ich ihr nach. »Und natürlich kümmere ich mich gerne um deine Robe.«

Ricarda zieht aus ihrer Umhängetasche in der Größe eines Kinderzeltes einen Strohhut und setzt ihn sich auf ihren erdbraunen Schopf. Das ist wahrscheinlich die beste Lösung, denn ihr neuer Bob betont exakt die Konturen ihres vollmondrunden Gesichtes.

Sie nickt mir huldvoll zu. »An meinem Kleid sind bei der Anprobe ein paar Nähte aufgeplatzt. Wehe, das passiert mir wieder!« Ein zweites Nicken, dann watschelt Ricarda an mir vorbei zum Haus. Der Hosenstoff rund um ihren Kugelpo dehnt sich dabei bis zum Äußersten.

»Dann solltest du anstatt Kakaobohnen lieber grüne Bohnen mampfen«, murmele ich für Ricarda unhörbar.

Warum tue ich mir das an? Nach all den Jahren attackieren sie mich noch genauso wie früher.

Ich trete von einem Bein auf das andere und starre in den geöffneten Kofferraum. Klappe zuschmeißen und nach Hause fahren oder Koffer rausholen und bleiben?

Für einen Moment schließe ich die Augen. Der Wind raschelt neben mir durch die Blätter des Kastanienbaumes, der die Gutsvilla überragt. Die Sonne wärmt meinen Nacken und ich rieche den erdigen Duft der Weinberge um mich herum. Unzählige Male habe ich als Kind mit meinem Großpapa die langen Gänge zwischen den Spalieren durchstreift. Noch heute kann er die Geschichte jedes einzelnen Rebstockes erzählen.

An diesem Wochenende geht es um den Ehrentag meiner Großeltern – eigentlich Stiefgroßeltern, aber das spielt keine Rolle. Die beiden wurden am selben Tag geboren und sind nicht nur in dieser Hinsicht ein außergewöhnliches Paar.

Ich werde es mir nicht nehmen lassen, mit ihnen zu feiern. Mein Großpapa und meine Großmama sind meine wahre Familie, die anderen sind mir egal, sind mir egal, sind mir egal.

Ach, wem erzähle ich das. Sie sind mir nicht egal.

Aber ich könnte so tun als ob.

 

2
S wie Staub

Ich stelle die beiden Rollkoffer vor meinem Zimmer im Flur ab. Hier könnte man ohne Teller vom Boden essen, wenn man dabei nicht krümeln würde, genau wie im Rest des Hauses. Dafür sorgt meine Mutter als Dirigentin von einem halben Dutzend Haussklaven, ich meine natürlich: Hausangestellten.

Langsam betrete ich meine alte Stube unter dem Dach. Mein Bett gegenüber der Tür, Großpapas Lesesessel unter dem Dachflächenfenster, mein Nähtisch neben dem Kleiderschrank – es sieht alles unverändert aus. Nur die Staubschichten erinnern daran, wie lange ich schon nicht mehr hier gewesen bin. Vor neun Jahren habe ich meine Möbel mit Laken abgedeckt; das war drei Tage nach meinem Abitur und der Tag, an dem ich quer durch das Land nach Berlin geflohen bin, um Modedesign zu studieren.

Ich entferne ein angegrautes Laken von meinem Nähtisch und der Staub, den ich dabei aufwirbele, vernebelt mir die Sicht. Ich muss niesen, einmal, zweimal, dreimal.

Auf Zehenspitzen stemme ich meine ausgestreckten Arme gegen den Querriegel des Dachflächenfensters und nach zwei erfolglosen Versuchen gelingt es mir, das Riesending hochzudrücken. Das Sonnenlicht flutet herein und bahnt sich seinen Weg durch die tanzenden Staubflocken, dabei erreicht es auch die versteckteste Ecke meines Minizimmers. Interessanterweise scheint selbst an trüben Tagen in meinem Zimmer die Sonne und dennoch bleibt es immer angenehm warm, genau so, wie ich es gerne mag.

Ich liebe das alte Weingut und ich fühlte mich in meinem kleinen Reich unter dem Dach immer geborgen – wenn mich meine Verwandtinnen ersten und zweiten Grades nicht gerade aufstöberten. Was gnädigerweise selten passierte, denn zwischen ihnen und mir befinden sich zwei mal zwei Treppen mit je zwölf Stufen.

Dennoch gehöre ich nicht hierher. Ich habe noch nie hierhergehört. Kurz nach der Hochzeit meiner Mutter mit meinem Stiefvater Frank wurden Asta und Ricarda eingeschult, zwei Jahre später auch ich, allerdings in einem Internat, etwa zwei Stunden von Grafenburg entfernt. Während meiner Grundschulzeit fuhr ich an den Wochenenden mit dem Zug nach Hause, doch im Laufe der Jahre wurden die Besuche weniger, bis ich irgendwann nur noch in den Ferien und zu den Geburtstagen meiner Großeltern heimkehrte.

Dafür besuchten die beiden mich regelmäßig und manchmal blieb einer von ihnen sogar für ein paar Tage bei mir. Diese Tage hüte ich in meiner Erinnerungsschatzkiste. Und noch heute füge ich ihr wertvolle Tage hinzu.

»Hier sieht es ja aus!« Ich wirbele herum und stehe Asta gegenüber, die pikiert ihre Nase rümpft. Wie immer hat sie sich nicht mit Anklopfen aufgehalten und wie immer sehe ich darüber hinweg, zumindest äußerlich. Innerlich lodern ein paar Flämmchen in mir auf. »Du solltest wirklich schneller aufräumen. Mein Kleid kannst du schlecht in diesem Dreckzimmer fertig nähen.«

Mit einem pinken Kleidersack auf dem Arm dreht sie sich um sich selbst und hinterlässt dabei eine Spur in dem Staub auf den Holzdielen. Sie hat ihre High Heels gegen Cowboyboots getauscht. Schwitzt sie sich darin nicht ihre Füße käsig?

»Dann hilf mir doch«, schlage ich ihr vor.

»Sei nicht albern.« Asta zwirbelt eine ihrer Wasserstoffsträhnen und lugt in meinen Kleiderschrank. Doch auch darin stapeln sich Wollmäuse. Da Asta partout keinen Platz für ihr Kleid findet, verlässt sie mein Zimmer wieder. Einzig der Geruch ihres Zuckerparfums bleibt im Raum kleben. »Ich komme in einer Stunde zurück, sieh zu, dass du dann fertig bist«, ruft sie mir aus dem Flur noch zu.

Na, das wollen wir doch mal sehen. Ich werde ihr Kleid kreuz und quer zunähen. Die Zeiten, in denen sie mich hin und her gescheucht hat, sind vorbei, jetzt bin ich erwachsen, jawohl, ich bin eine erwachsene, selbstbewusste Geschäftsfrau.

»Und denk dran«, Asta steckt noch einmal ihre teure Nase in mein Zimmer. »Die Großeltern legen viel Wert auf unser Familienessen heute Abend. Großvaters Herz hüpft in letzter Zeit öfter mal außer Takt. Du solltest besser nichts machen, was ihn aufregt.«

»Großpapa ist krank?« Mein starker Bärengroßpapa? Doch Asta feixt nur und verschwindet – und die erwachsene, selbstbewusste Geschäftsfrau verschwindet mit ihr.

Mein Magen gefriert zu einem Eisklumpen. Ich muss mich zwingen, Asta hinterherzulaufen. Im Flur stoße ich mit unserer Hausdame zusammen – nur gut, dass sie so weich gepolstert ist.

»Cindalein«, begrüßt sie mich und drückt mich an sich, schiebt mich wieder weg, runzelt die Stirn und umarmt mich erneut. Ich verschwinde fast in ihrer walkürenhaften Umarmung. »Ich will dir rasch helfen, dein Zimmer zu richten. Eigentlich wollte ich längst hier sein, aber ich musste einiges anstellen, um der jungen Frau von Grafenberg zu entwischen. Grade bin ich im Keller, um die Weinflaschen abzustauben. Als ob ich je ein Körnchen Staub an die guten Flaschen lassen würde!« Sie malt bei dem Wort ‚bin’ Anführungsstriche in die Luft und schüttelt den Kopf, sodass ihre silbernen Löckchen hin und her schwingen. »Und danach bekommst du einen schönen Braten von mir, mit ordentlich Specksoße. Du bist zu dünn!« Ja, ja, wie immer.

»Das ist nett, Hilla, danke. Aber ich muss erst mal zu Großpapa.«

»Die alten Herrschaften von Grafenberg sind nicht im Haus, Schätzelchen.« Hilla streicht sich ihre schwanenweiße Spitzenschürze glatt und geht an mir vorbei in meine Stube.

»Er hat doch eine Besprechung in seinem Arbeitszimmer?« Ich laufe ihr hinterher.

»Da findet ein Treffen mit dem Gutsverwalter statt, aber ohne den alten Herrn von Grafenberg. Er und die alte Frau von Grafenberg sind in die Stadt gefahren, sie haben einen Termin in der Klinik.«

Es stimmt also, was Asta gesagt hat. Für einen Moment lehne ich mich an die Zimmerwand, da meine Knie nicht mehr den Rest meines Körpers tragen wollen. Mein Magen schrumpft auf Linsengröße und mein Herz verhundertfacht sein Gewicht.

»Ach Schätzelchen.« Hilla streicht mir über die Wange, ihre rauen Hände riechen vertraut nach Weinbeeren. »So schlimm ist es schon nicht. Heute Abend zu eurem großen Familienessen seht ihr euch dann.«

Ich nicke steif und richte mich auf. Wie ich meinen Großpapa kenne, wissen die Angestellten nichts von seinen Gesundheitsproblemen. Also atme ich tief durch und ziehe meine Mundwinkel nach oben.

»Danke für deine Hilfe«, flüstere ich und beginne mit ihr, mein Zimmer wieder bewohnbar zu machen.

Ich hänge gerade das letzte Teil meiner Garderobe in den blitzsauberen Kleiderschrank, als Asta und Ricarda mein Zimmer stürmen. Beide werfen sie ihren Kleidersack auf mein Bett.

»Was ist das?« Asta drängt sich neben mich, ich ziehe gerade noch rechtzeitig meinen Fuß zur Seite, bevor sie ihn mit ihren Stöckelschuhen durchbohren kann. Wechselt sie eigentlich stündlich ihre Schuhe? Vielleicht nach einer Schuhuhr?

Asta reißt einen Kleiderbügel von der Stange und betrachtet mein silbernes Kleid durch ihre wasserblauen Kontaktlinsen. Das echte Braun darunter lässt ihre Augen immer ein wenig fleckig wirken.

»Mein Kleid für den Geburtstagsball übermorgen.«

»Wo hast du das her?«

»Aus meiner Boutique natürlich.« Woher auch sonst. Schließlich lebe ich davon, Kleider zu entwerfen, und ich bin stolz darauf, sie selbst zu nähen.

Vor zwei Jahren habe ich mein eigenes Geschäft in Berlin eröffnet, mit meinen eigenen Kleiderkollektionen. Ich spüre, was in den Kleiderschränken der Frauen fehlt, damit sie sich gut angezogen, weiblich und schön fühlen. Diese Begabung beschert mir einen treuen Kundinnenstamm. Es erfüllt mich mit tiefer Befriedigung, wie die Frauen strahlen, wenn sie bei mir IHR Kleid finden. Und es ist für jede etwas dabei, egal ob Apfelpo, Wespentaille oder Schwimmerschultern.

»In das Kleid passt doch keine richtige Frau rein«, urteilt Asta und lässt es samt Bügel fallen. »Ups. Na macht nichts, bügeln gehört bekanntlich zu deinen Stärken.« Und da ein Schlag für Asta nicht ausreicht, stöckelt sie mit ihren Pfennigabsätzen noch einmal ordentlich darüber. Mit verschränkten Armen lehnt sie sich dann an meine Kommode neben dem Bett.

Wut schießt mit Schallgeschwindigkeit durch meinen Körper und entzündet ein Feuer. Ich meine fast, den Brandgeruch riechen zu können. Wie kann sie es nur wagen, mein Kleid so zu behandeln? Falsch – wie kann sie es nur wagen, mich so zu behandeln?

Normalerweise weiche ich jeglichem Streit aus, denn Streit verursacht mir körperliche Schmerzen, von meinen Haarwurzeln bis zu meinen lackierten Fußnägeln. Doch dieses Mal verbrennt die Hitze in mir den Schmerz.

Nach drei großen Schritten stehe ich vor Asta und richte mich vor ihr zu meiner vollen Größe auf. Trotz des Duells meiner nackten Füße gegen ihre High Heels sehe ich ihr direkt in die Augen.

»Ach, Ricarda«, wendet sich Asta an ihre Schwester, die derweil mit einem Schokokeks mein Bett vollkrümelt. »Findest du es nicht niedlich, wie sehr sich Großvater und Großmutter auf unser Familienessen freuen? Wir alle mal wieder zusammen, an einem Tisch, friedlich miteinander vereint. Wer weiß schon, ob es nicht das letzte Mal sein wird.« Astas Blick schmerzt mich, als würde sie Messer nach mir werfen – und sie trifft.

Das Feuer in mir erstickt augenblicklich.

Wieso hält meine Wut nicht ein Mal so lange an, wie ich brauche, um einen Streit für mich zu entscheiden? Ich hasse es, dass ich Streit so hasse. Vielleicht zeigt sich hierbei das Erbe meines namenlosen Vaters. Immerhin verließ er meine Mutter kommentarlos, wenige Minuten nachdem sie ihm von ihrem Verdacht erzählte, sie könnte schwanger sein. So kann man Streitereien auch aus dem Weg gehen.

Ich gehe von Asta weg und hebe mein Ballkleid vom Boden auf, langsam glätte ich die Atlasseide, die sich wie geschmolzenes Silber über meinen Arm ergießt. Zart streiche ich über die Kristallranken, mit denen ich das enge, schulterfreie Oberteil bestickt habe, und ziehe es über einen Samtbügel. Die kleine Schleppe lege ich über einen zweiten Bügel und hänge beide zurück in den Schrank. In dreifacher Zeitlupe schließe ich die Türen. Erst dann habe ich mich beruhigt und die Tränen der Wut über mich selbst weggeblinzelt.

Ich drehe mich zu meinen Stiefschwestern um. Ricarda pickt sich die Kekskrümel von ihren Händen und Asta lehnt weiterhin an der Kommode, ihr Grinsen reicht von hier bis nach Eastwick. »Was kann ich für euch tun?« Und ich tue es nicht für euch, sondern für meinen kranken Großpapa. Aber das werde ich euch nicht auf die Nase heften. Meine Herzfrequenz gleicht noch immer der eines Kolibris.

Asta schnappt sich ihren pinken Kleidersack vom Bett, dabei rutscht Ricardas hinunter. Ohne sich darum zu scheren, drückt sie mir ihren in die Arme. »Die dumme Schneidertrine hat mein Kleid völlig vermurkst. Es ist viel zu lang und der Ausschnitt ist winzig. Ich will, dass mein Dekolleté zur Geltung kommt.« Asta ruckelt an ihrem XXL-Busen. »Schließlich wird an unserem Essen das wichtigste Mitglied meiner zukünftigen Familie teilnehmen.« Bei dem Wort Glied zwinkert sie ihrer Schwester zu. Wieder ziert ein Teufelsgrinsen ihr überschminktes Gesicht, ehe es sich zu einer Grimasse verzieht. »Mist, wäre ich bloß noch schnell nach Paris geflogen, aber nein, ich war leider unpässlich.«

»Dann hättest du deine Brust-OP lieber nach den Geburtstagen durchgeführt.« Ricarda legt ihren Kleidersack zurück auf das Bett und streicht sich über ihre Brust. »Mein Busen sitzt perfekt.«

»Du mit deinen runden Dingern«, schießt Asta zurück. »Die taugen höchstens zum Milchgeben. Meine Mädels und ich, wir beschäftigen uns mit anderen Dingen.« Asta schleckt sich mit ihrer spitzen Zunge über die Lippen. Ich muss mich schütteln und Ricarda verdreht die Augen.

»Also gut«, räuspere ich mich. »Kürzen und Ausschnitt vergrößern, das wird eine Weile dauern.«

»Und vergiss nicht mein Kleid, die Nähte sind echt Schrott«, mümmelt Ricarda, die sich doch tatsächlich aus ihrer Hosentasche einen Schokoriegel gezerrt hat.

»Warum hast du dich nicht für eine Nummer größer entschieden? Dann hätten die Nähte sicher gehalten.«

»Ich trage genau die Nummer, die mir passt. Wenn ihr Schneiderinnen immer alles so eng nähen müsst, ist das euer Pech.« Und schon landet der nächste Haps in ihrem Mäulchen.

»Tja, meine Liebe, die stärksten Nähte halten nicht aus, was Schokolade schafft«, murmele ich.

»Wie bitte?« Ricarda hört für einen Moment auf zu kauen, während Asta gehässig lacht. Wobei sie bei dem Thema nichts zu lachen hat, schließlich lebt sie in einer Art Dauerdiät, die sie lediglich für Orgien mit Gummibärchengästen unterbricht, so zwei-, dreimal in der Woche. Das war schon während unserer Teenagerzeit ein offenes Geheimnis und daran hat sich bis heute nichts geändert, wie mir Hilla lachend erzählt hat.

»Da seid ihr ja!« Meine Mutter rauscht in das Zimmer mit drei weiteren Kleidersäcken in den Armen. Ihr französischer blonder Zopf windet sich an ihrem Hals entlang über die Schulter bis zum ersten Knopf ihrer Kostümjacke. Wer braucht schon Schmuck, wenn er solch eine Haarpracht sein Eigen nennt? Ein zartes Honigaroma verbreitet sich im Raum. Die Luft fühlt sich plötzlich so aufgeladen an, wie in den Minuten vor dem ersten Blitzschlag eines Sommergewitters. Feine Gänsehaut überzieht meine Arme und die Härchen in meinem Nacken richten sich auf. Ich kann Gewitter überhaupt, absolut und gar nicht leiden!

»Soeben sind unsere Ballkleider aus Paris eingetroffen«, donnert sie auch schon los. »Da François leider nicht persönlich Maß nehmen konnte, wird Lucinda Lynette die notwendigen Anpassungen vornehmen.«

Meine Mutter fordert mich mit einem Kopfnicken auf, ihr die Kleidersäcke abzunehmen. Sie öffnet meinen Kleiderschrank, nimmt nacheinander die Hälfte der Kleiderbügel mit meinen Sachen von der Stange und schmeißt sie über den Nähtisch. Die restlichen Bügel schiebt sie zusammen, nimmt mir ihre Kleidersäcke wieder ab und hängt sie hinein. Dann sieht sie mich heute zum ersten Mal direkt an. Wie ein Spiegelbild stehen wir uns gegenüber – nur glänzt ihre Seite makellos und meine wirkt verschmiert.

»Wie du aussiehst! Deine Haare sind völlig eingestaubt! Und selbst dein Gesicht ist fleckig. Ich hoffe nur, in deinem Schneiderladen in Berlin wühlst du nicht ebenso in der Kaminasche. Ich muss mich wirklich für dich schämen. Wag es nicht, so verdreckt unsere Kleider in Ordnung zu bringen. Geh und wasch dich! Wir kommen gegen fünf zurück, das sollte wohl genügen, die Kleider meiner Mädchen zu richten. Dann probieren Asta Aimée und Ricarda Romainé die Ballkleider an und wir besprechen die Änderungen.«

Jeder Satz meiner Mutter knallt wie ein Peitschenhieb auf mich herab und ich stehe einfach nur da, erdulde die Schmerzen und warte auf das Ende ihrer Tirade. Anschließend nehme ich dies alles und stopfe es in die hinterste Ecke meines Gedächtnisses. Schnell schiebe ich meine Erinnerungsschatzkiste davor.

Nur leider wird es immer enger in meiner Kopfrumpelkammer.

»Und ihr«, wendet sie sich schließlich an meine Stiefschwestern, »kommt mit mir.«

Ricarda hangelt sich vom Bett, Kekskrümel bleiben dort zurück, wo ihr Po eine Kuhle in meine Decke gedrückt hat. Sie folgt mit Asta meiner Mutter bei Fuß. Erhobenen Hauptes verlassen sie mein Zimmer und ich beginne langsam wieder zu atmen.

 

3
C wie Café au sommeil

Das Bad grenzt an mein Zimmer. Früher musste ich eine Etage nach unten, wenn ich auf die Toilette oder mich waschen wollte. Doch meine Großeltern haben mir ein eigenes Bad einbauen lassen. Eigentlich sollte ich wie meine Geschwister und meine Mutter in der dritten Etage wohnen, das hätte aber einen größeren Umbau bedeutet und ich wollte meinen Großeltern die Zankerei mit meiner Mutter ersparen. Ich war ja kaum anwesend auf dem Gut. So versicherte ich meiner Großmama glaubhaft, wie wohl ich mich in meiner kleinen Stube unter dem Dach fühlte. Außerdem verbrachte ich die meiste Zeit ohnehin in den Zimmern meiner Großeltern.

Frustriert stütze ich mich auf dem Waschbecken ab und starre mein Spiegelbild an. Normalerweise strahlen meine Haare karamellblond, doch jetzt gerade sehen sie gräulich aus. Ich löse die Spange an meinem Hinterkopf und meine herabfallenden Locken wirbeln erneut Staub auf. Selbst meine Augen, die meine Großmama mit Kornblumen vergleicht, wirken gräulich.

Ich muss wieder niesen und beschließe, für eine Weile unter der Dusche abzutauchen.

Ich habe keinen Grund, Astas und Ricardas Kleider für heute Abend zu ändern. Dieser ungeheuerliche Gedanke setzt sich während des Duschens in meinem Kopf fest.

Und nun, mit frisch gewaschenen Haaren und einem sauberen Sommerkleidchen, fällt mir auch kein Gegenargument ein. Na ja, fast keins. Meine Stiefschwestern und meine Mutter würden mir die Hölle heiß machen, allein davon schleicht schon Übelkeit in mir herum.

Unschlüssig stehe ich vor den beiden Kleidersäcken, die ich an die Hakenleiste neben der Zimmertür gehängt habe. Was sie sich wohl ausgesucht haben? Bestimmt exquisite Stoffe, denn das können sie wirklich gut. Seidenduchesse? Kaschmir? Moiré?

Meine Finger nesteln an dem Reißverschluss von Astas Kleidersack herum. Nur ein winziges Blickchen?

Ich pfeife anerkennend. Pantherschwarzer Brokat quillt hervor – und um der Schneiderin zu ihrem Recht zu verhelfen: Das Kleid wurde erstklassig genäht.

Wenn ich den Ausschnitt diagonal vergrößern würde, könnte ich … Halt! Stopp!

Allerdings würde meine Weigerung nur für Unruhe beim Abendessen sorgen. Großpapa würde versuchen zu schlichten und sich grämen. Das will ich nicht. Außerdem empfinde ich nähen nicht als Arbeit, also warum sollte ich die Kleider nicht anpassen? Keine Übelkeit, kein Streit und dazu Wahnsinnsstoffe. Eigentlich mache ich das doch nur für mich!

Das Surren der Nähmaschine verstummt und ich durchtrenne den letzten Faden. Fertig.

Zufrieden wende ich Astas Kleid hin und her. Wie sie es wollte, habe ich den Brokatstoff gekürzt. Aus dem kleinen Schwarzen wurde ein winziges Schwarzes. Der Ausschnitt ist vorschriftsgemäß vergrößert und durch die Brüsseler Spitze, die ich an die Ränder genäht habe, fließt der Stoff und müsste Astas Riesendekolleté immer an genau der richtigen Stelle abdecken. Schließlich soll niemand seinen Appetit verlieren. Auch wenn Asta anscheinend für jemanden der Appetitanreger sein will. Was hatte sie doch gleich gesagt? Ihre zukünftige Familie würde heute Abend mit uns essen? Wen sie wohl damit meint?

Bei dem Gedanken an das Abendessen in ein paar Stunden knurrt mein Magen schon jetzt fordernd. Ich durchforste meinen Essensrucksack mit der Survival-Nahrung nach einem nachmittäglichen Menü: eine Handvoll Gummibärchen, zwei Riegel Pfefferminzschokolade und einen dunklen Schaumkuss richte ich auf meinem Teller mit den bunt aufgemalten Cupcakes an. Und fürs Gewissen lege ich noch einen Apfel dazu.

Über meinen Lesesessel hinweg klettere ich durch das Fenster hinaus und rutsche ein wenig auf dem Dach hinunter bis zu einem kleinen Vorsprung. Von hier oben überblicke ich den Vorplatz des Hauses mit der gewundenen Auffahrt, die Sonne scheint mir dabei warm auf die Nase und ein Sommerlüftchen streicht durch meine Haare. Die Weinberge des Gutes Grafenberg erstrecken sich bis zum Horizont, wo in der Ferne die Grafenburg thront. Die Großeltern meines Großpapas ließen die alte Burg einst in ein Museum umbauen, nachdem sie sich hier in dem komfortableren Gutshaus niedergelassen hatten.

Stück für Stück schleckere ich meine Süßigkeiten, wohl wissend, dass ich hineingehen müsste, denn es ist bereits kurz nach fünf. Ich zucke mit den Schultern, meine Stiefschwestern werden schon nach mir kreischen, wenn sie nach ihren Kleidern verlangen.

Vor meiner Abreise haben mich meine Freundinnen zu Hause ermahnt. Allen voran Viktoria, die toughe Unternehmensberaterin: »Sobald sie unverschämt zu dir werden, stell dich aufrecht vor sie, blicke ihnen in die Augen und sage ‚Nein’. Egal was sie von dir wollen. Kein ‚Nein, danke’ und schon gar kein ‚Nein, vielleicht’!« Worauf Rosanna, unsere Romantikerin, widersprach: »Sie haben sich ganz sicher geändert, sie sind jetzt reif und erwachsen. Vielleicht werden sie sich sogar bei dir entschuldigen. Du schaffst das.« Augenrollen von Viktoria. Zu guter Letzt zwinkerte mir Felina zweimal zu und hinterließ nach ihrer Umarmung ein wenig Orchideenstaub auf meiner Bluse. Dabei umschwirrte uns ein Aurorafalter. »Hör auf deinen Herzenswunsch.«

Statt meines Herzenswunsches höre ich vom Eingang unter mir Stimmen. Neugierig beuge ich mich nach vorn. Seite an Seite läuft der Fremde von heute Morgen mit Merle, Großpapas Sekretärin, zu ihrem weißen Corsa. Er öffnet ihr die Fahrertür und sie steigt ein.

Wer ist er nur? Wenn er ein Kunde wäre, würde Merle ihn begleiten und nicht andersrum.

Während er sich zu Merle hinunterbeugt, streicht er sich seine Wuschelhaare nach hinten. Eine sinnlose Geste, denn sie fallen ihm gleich wieder zurück in die Stirn.

Wie es sich wohl anfühlt, ihm seine Haare zu zausen?

Die beiden lachen, ich kann nur leider nicht verstehen worüber. Ich habe Merle noch nie so herzhaft lachen hören, sie ist immer so furchtbar ernst – wie eine Gouvernante aus früheren Zeiten. Unter ihrem strengen Blick heftet sogar mein Großpapa gelegentlich seine herumflatternden Dokumente ab.

Ich rutsche noch ein wenig näher an den Rand des Dachvorsprungs. Und das war es. Mein geliebter bunter Cupcaketeller mit dem halben Schaumkuss darauf segelt durch die Luft und landet klirrend, in mehrere Teile zersprungen, auf dem Kies.

Merle steigt wieder aus ihrem Auto und sieht mit offenem Mund zu mir hoch. Ihr Begleiter sieht ebenfalls hoch, grinst jedoch bei meinem Anblick, als würde ich allein zu seinem Vergnügen Teller vom Dach schmeißen.

»Brauchen Sie Hilfe, Fräulein Cinda? Ich rufe die Feuerwehr. Halten Sie sich gut fest.« Merle wühlt in ihrer Handtasche, doch der Fremde legt ihr beruhigend seine Hand auf den Arm.

»Ich denke, sie kommt allein klar«, sagt er lauter als nötig zu ihr und wendet sich dann an mich. »Sie finden den Rückweg sicherlich allein, Fräulein Cinda?«

Nein, nein, nein! Ich träume bestimmt nur. Ich bin doch sonst nicht so ungeschickt! Zumindest nicht so doll.

»Cinda!«, kreischt nun auch noch Asta aus dem Fenster über mir. Hätte ich mich heute Morgen bloß weiter schlafend gestellt, als mich der Wecker aus dem Schlaf riss.

Tippelschritt für Tippelschritt klettere ich zurück in Richtung Dachflächenfenster, fest entschlossen, in dieser Tragikomödie nicht noch eine Zugabe zum Besten zu geben. Irgendwie juckt es mich am Rücken, genau dort, wo ich Merles Blick und den ihres Begleiters vermute.

Verschwitzt lasse ich mich schließlich in den Sessel unter dem Fenster plumpsen. Den Flecken auf meinem lichtgelben Kleid nach zu urteilen, ist das Dach alles andere als sauber. Dazu haben sich ein paar Strähnen aus meinem Pferdeschwanz gelöst und hängen mir ins Gesicht. Mit klebrigen Schaumkussfingern klemme ich sie zurück in die Spange.

Vor mir stehen aufgereiht meine Mutter, Ricarda und Asta. Ich bin mir sicher, meine Mutter würde ihre Stirn runzeln, wenn sie sich nicht wegen ihrer nicht vorhandenen Falten zusammenreißen würde. Asta mustert mich mit ihrem Grinsen à la Diabolik und Ricarda knetet nervös ihre Finger. Vermutlich fehlt ihr das übliche Schokoladenspielzeug in den Händen.

»Lucinda Lynette!«, tönt meine Mutter, »manchmal frage ich mich wirklich, ob du meine Tochter bist.«

Wenn es nach mir ginge … So schnell, wie der Gedanke in meinem Kopf aufflackert, so schnell erwürge ich ihn. Ich bin nicht ihretwegen hier, ermahne ich mich und entspanne meine Hände, die ich zu Fäusten balle.

»Ich gehe mir die Hände waschen. Dort neben der Tür hängen eure Kleider.« Rasch stehe ich auf und laufe an ihnen vorbei ins Bad.

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Ich weiß, ich habe die Kleider tadellos umgearbeitet, dennoch richte ich mein Schutzschild gegen ihr Gemoser neu aus.

»Deine Nähte waren auch schon mal gerader«, brummelt Asta dann auch sogleich, als ich zurückkomme, und hält sich ihr Minikleidchen an den Körper. »Für heute Abend muss es wohl genügen.«

Ricarda streicht über die dreieckigen Seidenstücke, mit denen ich ihren Rock gerettet habe. Das Kleid entspricht nun eher ihrer natürlichen Kleidergröße.

»Und ich passe doch in eine Zweiundvierzig«, murmelt sie.

Meine Mutter breitet indessen die drei Ballkleider für die große Geburtstagsfeier übermorgen auf meinem Bett aus.

Nur – leider kann man nicht direkt von Kleidern sprechen. Ich sehe lediglich einzelne Stoffbahnen, die stellenweise lose mit einem Faden zusammenheften. Hier liegen zweifelsohne wunderbare Stoffe, aber eben nur Stoffe und keine Kleider.

»Das schaffe ich nicht bis zum Ball.«

»Sei nicht albern«, schnappt meine Mutter. »Du sollst nichts weiter tun als drei Kleider ein wenig anpassen. Heute Abend kannst du noch genug erledigen und dann steht dir morgen der ganze Tag zur Verfügung und übermorgen auch.«

»Ich bin aber hier, um Zeit mit meinen Großeltern zu verbringen.« Tränen steigen mir in die Augen. Oh bitte nicht, bitte nicht vor meiner Mutter.

»Du siehst sie nachher beim Abendessen. Außerdem weihen sie morgen im Burgmuseum einen umgestalteten Trakt ein und an ihrem Geburtstag kümmern sie sich um ihre Gäste.« Die Stimme meiner Mutter klirrt so eisig, dass die Tränen in meinen Augen gefrieren.

Doch das schmerzt mich nicht am meisten, ich habe gelernt, mit ihrem Eisatem umzugehen. Vielmehr sticht mich die Tatsache, dass meine Großeltern sich keine Zeit für mich nehmen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ob Großpapa kränker ist, als ich denke? Vor Sorge balle ich meine Hände wieder zu Fäusten.

»Mutter, was …«

Sie fällt mir in den Satz. »Hör auf zu heulen und passe die Kleider an.«

Es bringt nichts, sie würde mir eh nicht die Wahrheit über Großpapa sagen. In ein paar Stunden sehe ich ihn wieder, dann werde ich alles erfahren. Bis dahin halte ich auch noch durch. Ergeben greife ich deshalb nach meinem Maßband.

»Ich benötige nur deine Maße, Mutter. Astas und Ricardas habe ich noch von ihren Kleidern von vorhin.« Meine Stimme scheint einer Fünfjährigen zu gehören, die gerade in die dunkle Nacht ausgesperrt wird.

»Meine Maße sind seit deiner Geburt unverändert, du kennst sie«, spuckt sie mir entgegen. Sie winkt ihre Stieftöchter zu sich und rauscht mit ihnen aus dem Zimmer.

Eine Sturmflut aus Müdigkeit fegt über mich hinweg und ich rolle mich auf meinem Bett ein. Meine Mutter wird mir meine Geburt nie verzeihen. Sie war erst siebzehn und stand in Paris am Anfang einer beispiellosen Modelkarriere. Mit mir in ihrem dicken Bauch wurde sie fallengelassen. Sowohl von den Luxusdesignern als auch von ihrem Modelfreund, der nichts mehr mit ihr und diesem Balg in ihr zu tun haben wollte. Ihre eigenen Eltern hatten ihr schon vorher die Tür gewiesen. Nämlich als sie Ambitionen zeigte, als Model zu arbeiten, anstatt wie geplant auf die Haushaltsschule zu gehen und anschließend den ihr versprochenen Burschen aus dem Dorf zu heiraten. Ich glaube, da wo meine Mutter herkommt, ticken noch Analoguhren. Einer meiner Theorien zufolge wurzeln unsere aufwendigen Namen in diesem Dorf. Denn dort gibt es nur Lauras und Annas und Ritas und Danielas und das kam für meine Frankreich liebende Mutter nicht infrage, selbst wenn es nur der Name für mich war. Sogar Astas und Ricardas Namen wurden von meiner Mutter neu definiert – obwohl sie nicht einmal ihre leiblichen Töchter sind!

Am liebsten würde ich mich in den Schlaf sinken lassen. Doch wenn ich nicht gleich mit den Kleidern anfange, schaffe ich es nicht mehr. Außerdem will ich das Abendessen nicht versäumen.

Was ich jetzt brauche, kann mir nur ein Kaffee geben, ein großer Kaffee, ein doppelter großer Kaffee.

In der Gutsküche wirbeln die Köche für das abendliche Menü, während Hilla das makellose Silberbesteck poliert.

»Ich brüh dir frischen Kaffee, Schätzelchen.« Hilla nimmt mir den Becher aus der Hand, in den ich mir aus der Thermoskanne einschenken wollte, und drückt mir stattdessen ein Schmalzbrot in die Hand. »Der Kaffee ist noch von heut Morgen. Ich hab für dich eine besondere Bohne von einer kleinen Rösterei in Süditalien. Ich bring ihn dir hoch. Eine kleine Pause von dem Bienenstock hier kommt mir grad recht.« Dankbar nehme ich Hillas Angebot an und ein wenig froher gestimmt verlasse ich die Küche, um weiterzunähen.

»Hier, dein Kaffeezeug.« Asta steht mit einem Tablett in meiner Zimmertür. Ich knie gerade auf dem Boden, um ein Schnittmuster zu zeichnen. »Lass Hilla ihre Arbeit machen und belästige sie nicht mit deiner Koffeinsucht.« Sie knallt das Tablett mit der dampfenden Tasse auf die Kommode und stolziert aus dem Zimmer.

Was war das denn? Noch nie ist Asta zu mir gekommen, ohne etwas von mir zu wollen, und noch nie hat sie mir etwas gebracht.

Aber egal. Vielleicht wollte sie nur wegen der Kleider spionieren. Sie könnte mich ja dabei erwischen, wie ich faul im Bett liege und mein Tagewerk verschlafe.

Ich muss über mich selbst grinsen. Asta, Ricarda und meine Mutter sorgen schon dafür, dass mir nicht langweilig wird, dieses Spiel betreiben sie mit dem größten Eifer. Aber ich bin ja auch eine dankbare Zielscheibe!

Nun verkrümelt sich mein Grinsen. Ich halte einfach zu gerne die zweite Wange hin. Vielleicht habe ich ja eine Art Aschenputtelgen in mir? Ich kann gar nicht anders auf die äußeren Umstände reagieren. Immer das liebe Mädchen, das sorgfältig die Linsen aus der Asche aufliest. Nur dass meine Linsen die Stoffe sind und meine Asche die Nähmaschine.

Oder ich bin einfach nur feige.

Der verführerische Kaffeeduft bannt erfreulicherweise meine Gedanken. Gemütlich setze ich mich im Schneidersitz auf das Bett und halte die Tasse eine Weile einfach nur in den Händen, um das Aroma in all seiner Vielfalt zu genießen. Schluck für Schluck trinke ich dann die herbe Flüssigkeit.

Nach der Hälfte des Kaffees legt die Tasse an Gewicht zu. Und nach weiteren zwei, drei Schlucken entgleitet sie meinen Händen.


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Nadin Hardwiger wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.