Träumen verboten

1
D wie Dotterblume

Dottergelbe Tupfen auf grüner Wiese lassen Dich wissen, Du sollst Dich noch gedulden bei Deinem Warten.
Manche flüstern sich sogar zu, die Dotterblume hätte Zauberkräfte – nur welche, das musst Du selbst herausfinden.

Ganz ruhig, ich habe keinen Grund, nervös zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich gleich der bösen dreizehnten Fee gegenübertreten müsste.

Nein, es handelt sich nur um meine Cousine. Ich habe viele Cousinen. Allerdings ist die, die da gerade wie ein Supermodel auf meinen Rosenladen zuschreitet, meine dreizehnte Cousine. Nicht, dass ich abergläubisch wäre oder so, nein, nein. Nur, so richtig passt es eigentlich nicht mit uns beiden. Und ganz eigentlich macht sie mir ein bisschen Angst.

„Ach Kindchen! Sie hören mir ja heute gar nicht zu. Die Gelben hier vorne, die will ich haben.“

„Wie bitte?“ Ich blinzele meine Cousine Juta vor dem Laden weg und sehe auf meine Kundin hinunter, die mit ihrem Zeigefinger geradewegs eine zitronengelbe Rose aufspießt. „Oh, die Aurora. Selbstverständlich binde ich Ihnen die mit in den Strauß ein.“

„Dann wäre es das.“ Mit sich und ihrer Rosenauswahl zufrieden, schiebt sich die alte Dame mit ihrem Rollator an mir vorbei und steuert den Ladentisch an, an dem ich immer vor den Augen meiner Kunden deren Sträuße binde.

So früh habe ich gar nicht mit Juta gerechnet. Irgendwie war mir so, als würde sie erst morgen kommen oder nächste Woche oder nächstes Jahr. Oder es vielleicht gleich ganz bleiben lassen.

Meine Mum und ihre Überredungskünste! Wenn sie sich mit all ihrer Energie so vor einen stellt, die volle Konzentration auf ihr Ziel, ist ein Nein nicht mehr akzeptabel. In diesem Moment kennt die Zielperson dieses wichtige kleine Wörtchen nicht einmal mehr. Und da ich generell sehr sparsam mit diversen Neins umgehe, hat meine Mum bereits gewonnen, ehe sie überhaupt anfängt, mir einen ihrer Vorschläge, zu machen.

„Ach Kindchen, sie seufzen, als hätte Ihr Liebster eine andere geküsst.“

Wieder holt mich die alte Dame zurück in meinen Rosenladen. Sie sitzt vor mir auf ihrem Rollator wie in einer Kinovorstellung. Ihr Blick wandert abwechselnd von meinem Gesicht hinunter hin zu dem Rosenstrauß, den ich in meiner gedanklichen Abwesenheit zusammengebunden habe. Hübsch ist er trotzdem geworden. Die gelbe Aurora thront in der Mitte, umgeben von weißenWhitesnow und einem Kranz aus roten Holler. Ich rieche das feine Honigaroma und schließe für einen Moment die Augen. Vielleicht entschließt sich Juta ja gerade umzukehren und geht wieder dorthin, woher sie gekommen ist.

Ich linse über den grauen Schopf meiner Kundin hinweg. In der Tat, es klappt, Juta bleibt stehen. Okay, jetzt muss sie sich nur noch umdrehen. Stattdessen kramt sie ein Handy aus der Tasche und beginnt, ein lebhaftes Gespräch zu führen.

Na, was nicht ist, kann ja noch werden.

Mit Schwung überreiche ich der Dame ihren Rosenstrauß und suche mir aus der Geldbörse, die sie mir reicht, das Geld zusammen.

Während ich meine Kundin zur Tür begleite, wird diese von außen aufgerissen und ein Mann mit Telefon am Ohr stürmt herein. Er schnipst mit seiner freien Hand nach mir und zeigt mehrfach auf die teuersten Rosen in der obersten Reihe meines kaskadenartigen Blumenregales, gleichzeitig blafft er in sein Telefon.

„Also Kindchen, dieses impertinente Verhalten dürfen Sie sich nicht gefallen lassen!“ Empört richtet sich die alte Dame so gut es geht mit ihrem schmerzenden Rücken zu ihren vollen ein Metern und sechzig auf.

Ich lächele sie an und drücke sie kurz. „Wir sehen uns nächste Woche, Frau Winter. Und keine Sorge, er bekommt die allerpiksigsten Rosen von mir“, flüstere ich ihr zu.

Mit einer feinen Glöckchen-Melodie schließt sich die Ladentür hinter ihr und ich wende mich dem telefonierenden Rüpel hinter mir zu.

„Keine Kompromisse! Kannst du mir geistig folgen?“ Erneut fuchtelt er mit seinen schnipsenden Fingern in meine Richtung. Ich liebe meinen Job wirklich von Herzen, doch in solchen Momenten säße ich lieber in einem hübschen Büro und würde gern irgendwelche Akten abtippen. Obwohl, eigentlich nicht.

Ich überlege noch, wie ich auf die unnette Bitte dieses Herrn – oder was auch immer er ist – reagiere, wird die Ladentür schon wieder geöffnet.

Juta hat es sich nicht anders überlegt und stellt sich nun neben mich. Sichtlich irritiert lässt der Mann sein Handy ein Stück vom Ohr sinken und stellt auch das Gebell ein. „Ich melde mich gleich noch mal!“ Mit einem Wisch ist sein Gesprächspartner für den Moment erlöst.

Juta drückt mir ihre Tasche in die Hand und öffnet ihren Trenchcoat. Nicht zu fassen, der Kerl hilft Juta doch tatsächlich aus der Jacke, um diese mir gleich darauf über den Arm zu hängen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Juta blickt ihn schräg von unten herauf an und sieht dabei so aus, als würde nichts auf der Welt sie gerade mehr interessieren.

„Ich brauche Rosen“, artikuliert er sich in einem halbwegs normalen Satz. Trotz der Tatsache, dass dies ein Rosenladen ist und dieses Begehren somit schon mal klar sein dürfte.

„Selbstverständlich“, gurrt Juta. „Haben Sie eine Vorstellung der Farbe oder der Blütenform? Oder des Preises?“ Juta zieht ihre Augenbrauen in die Höhe und lächelt ihn verschwörerisch an.

„Ich sehe, wir verstehen uns. Ich brauche natürlich die Teuersten – ohne Schnickschnack und Firlefanz.“

„Sie haben einiges gutzumachen, vermute ich.“ Keck klimpert Juta mit den Wimpern. Ich verwette meine letzten Gummibärchen, die sich in der Ladentischschublade verstecken, dass sich nur Juta solche frechen Sprüche erlauben darf. Jeder andere, inklusive mir selbst, würde in hohem Bogen aus dem Laden fliegen, selbst wenn es der eigene ist. Wie macht sie das bloß immer?

Da mir das Schauspiel ungefähr so gut gefällt wie ein C-Movie mit mutierten Riesenspinnen, gehe ich nach hinten in die angrenzende Teeküche. Jutas Sachen, die ich noch immer in den Händen halte, lege ich über einen Stuhl. Ich würde sie ja zu gern in die Ecke pfeffern, aber das verbietet mir mein gutes Benehmen. Was können schließlich die Sachen dafür?

Mein Handy vibriert in der Schürzentasche und ich angele danach. „Hey, Viktoria“, begrüße ich meine Mitbewohnerin.

„Na, wie schaut es aus? Ist Miss Langbein schon da?“

„Sie ist gerade reingekommen“, flüstere ich.

Warum eigentlich? Ich öffne die Tür zum Ladenraum einen Spalt und spähe hinaus. Jutas Arme quellen über vor englischen Edelrosen, während sie gerade zum Ladentisch läuft, um den Strauß einzupacken.

„Nicht zu fassen“, murmele ich ins Telefon. „Sie verkauft gerade Rosen für mindestens dreihundert Euro!“

„Geschäftstüchtig ist sie schon immer gewesen“, lacht Viktoria in mein Ohr. „Wenn sie in dem Tempo weiter das Geld in den Laden holt, kannst du dich bald zur Ruhe setzen und bist sie wieder los.“

„Sehr witzig!“ Ich will mich überhaupt nicht zur Ruhe setzen. Mit meinem Rosenladen erfülle ich mir schließlich den Traum meiner Träume. Nur leider augenblicklich mit einem kleinen Albträumchen darin.

„Ich muss weiter Rosanna. Wir sehen uns heute Abend. Und dann will ich jedes Detail hören.“

„Bis nachher.“

Juta begleitet ihren Kunden noch zur Tür und mit einer gekonnten Haarwurfgeste ihrer perlblonden Mähne verabschiedet sie ihn. Diesen Mann haben wir definitiv als Stammkunden gewonnen, nein, wohl eher sie.

Nur zögerlich schiebe ich mich durch die Tür hinaus zu Juta in den Laden. Sie strahlt mich an und weist auf all die Rosenpracht um uns herum.

„Dein Laden ist echt ein Ereignis! Jedes Mal, wenn ich hier bin, fühle ich mich wie in einem verzauberten Rosengarten. Die vielen Farben und die Düfte …“ Juta schließt die Augen und atmet tief die süße Würze der Rosen ein. Dann schaut sie mich direkt an. „Danke, Rosanna.“

Meine Nase kräuselt sich, während ich nach Worten suche, die zu ihrer kleinen Ansprache passen.

„Gern“, höre ich mich schließlich piepsen und mein Magen verknotet sich zu einem Achtknoten.

„Im Ernst, Rosanna. Ohne dich wüsste ich jetzt nicht wohin. Es ist alles weg, mein Job, meine Wohnung, selbst mein Ruf hilft mir nicht mehr weiter. Kein Blumenladen in Berlin nimmt mich.“

Ich weiß, ich weiß. Und ich finde das alles auch ganz schrecklich, aber warum ausgerechnet ich? Hätte meine Mum nicht jemand anderen bequatschen können mit ihrem ‚Love, let’s talk’?

Mein Handy vibriert erneut in meiner Schürzentasche und ich nicke Juta entschuldigend zu, ehe ich wieder in die Teeküche flüchte.

„Na, wie läuft es mit deinem Cousinchen?“

Dieses Mal ist es meine andere Mitbewohnerin Lucinda, die vor Neugierde nicht auf meinen Bericht heute Abend warten kann.

„Sie hat gerade Rosen im Wert einer halben Tageseinnahme verkauft und schwärmt von meinem Laden.“

„Das hört sich doch gut an! Und du hattest so einen Bammel vor ihr …“

„Den habe ich noch immer. Sie führt doch bestimmt etwas im Schilde.“

„Was denn? Die feindliche Übernahme deines Rosengeschäftes?“ Cinda kichert mir fröhlich ins Ohr.

„Sehr witzig! Ich weiß es doch auch nicht. In ihrer Gegenwart fühle ich mich immer so … so klein. Du brauchst doch nur an deine Stiefschwestern zu denken. Die haben dir bisher immer ein Bein nach dem anderen gestellt.“

„Soweit ich es beurteilen kann, hat dir Juta weder Kleber in die Zahnpasta gemischt noch dich in einen Weinkeller gesperrt oder gar verhindert, dass du den Mann deiner Träume kennenlernst.“ Cinda klingt etwas verstimmt und ich kann ihr nicht einmal widersprechen.

„Nein, sie hat mir nichts getan. Aber sie mag mich nicht und ich sie auch nicht. Punkt.“

Cinda seufzt und ich mit ihr. „Du weißt, dass ich ein positiver und offener Mensch bin, Cinda. Aber im Moment, diese Situation, die ist irgendwie falsch.“

„Dann los! Streck deine kleinen 175 Zentimeter und sei positiv und offen. In ein paar Wochen hat Juta wieder einen eigenen Job und ihr geht getrennte Wege. Und wer weiß, vielleicht habt ihr ja doch mehr gemeinsam als du denkst.“

„Danke, aber mir reicht schon, mir mein Aussehen mit ihr teilen zu müssen.“

Wieder seufzt Cinda durch den Hörer.

„Das war ein Scherz“, beeile ich mich zu sagen. „Ein kleiner zumindest. Bis nachher.“

„Ich bin gespannt.“

Cinda hat ja recht. Wahrscheinlich sehe ich Schatten, wo keine sind. Aber ich fühle mich in Jutas Gegenwart einfach unwohl.

Zum dritten Mal, seitdem ich zum Telefonieren in der Teeküche abgetaucht bin, erklingt die Türglocke. Vor lauter Grübelei vernachlässige ich nun auch noch mein Geschäft.

Schluss damit! Ich bin erwachsen. Ich werde ja wohl für ein paar Wochen mit meiner Cousine zusammenarbeiten können …

Aber muss es denn unbedingt die Dreizehnte sein?

Bevor ich zurück in den Ladenraum gehe, hole ich aus dem Kühlraum nebenan einen Arm vollJacowil Rosen. Auf dieses Bouquet, welches ich daraus binden werde, freue ich mich schon seit Tagen. Die festen Blütenblätter verströmen einen anregenden Duft nach Honigvanille und die Farben changieren je nach Lichteinfall von einem hellen Blutrot bis zu einem tiefen Burgunderton.

Voller Vorfreude breite ich die Pracht vor mir auf dem Ladentisch aus. Kurz streife ich mit einem Blick die Gartenhandschuhe, die für solche Fälle bereitliegen. Doch wie immer verwende ich sie nicht. Meine Blumen mögen keine Handschuhe und ich möchte die Pflanze in meiner Hand fühlen. Die samtigen Blütenblätter, die glatten Stiele und dazugehörig, die piksenden Dornen.

Zuerst aber helfe ich Juta dabei, die Kunden zu bedienen. Halt Rosanna! Juta hilft mir.

Es dauert fast eine Stunde, ehe der Ansturm bewältigt ist und wir erst einmal fertig sind mit dem Auswählen, Beschneiden und Binden der Rosen. Ich muss zugeben, Jutas Rosenwahl für die jeweiligen Kunden ist exquisit und ihre Sträuße gleichen Kunstwerken. Egal, ob für den Kunden Typ ‚Mir ist vor zwei Minuten eingefallen, dass gestern mein Hochzeitstag war’ oder der ‚Was kostet die Rose da hinten? Und die da vorne? Und die daneben?’ Typ, Juta behandelt jeden von ihnen so, als wäre er der allerwichtigste Kunde des Tages.

„Du machst das richtig gern, nicht wahr?“ Ich sehe zu ihr hinüber, als sie gerade den lindgrünen Fliesenboden fegt.

„Ich wollte nie etwas anderes werden als Floristin.“

Genau wie ich. Schon merkwürdig, wie ähnlich wir uns sind.

„Es tut mir leid, dass du nicht mehr bei Fleurir arbeitest.“

Habe ich das wirklich gerade gesagt?

„Tja, so ist das Leben. Es verläuft nicht immer geradeaus.“

Juta wendet sich von mir ab und verschwindet samt Besen nach hinten in die Teeküche.

Wie es wohl ist, alles auf einmal aufgeben zu müssen? Den Job, die Wohnung, den Freund …

Doch so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich nicht in Juta hineinfühlen und das irritiert mich. Denn normalerweise fühle ich zu sehr mit meinen Mitmenschen. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich keinen Freund habe und dass es Juta gut geht. Ihre Mutter hat ihr sofort ein Gästezimmer in ihrer Wohnung angeboten und dank meiner Mum hat sie hier bei mir einen Übergangsjob.

Ich streiche über die zarte Jacowil Rose in meiner Hand und beobachte weiße Märzwolken, die über den Himmel jagen. Bald ist Frühlingsanfang und ein Schub frischer Energie rauscht durch meinen Körper. Vielleicht ist es ja auch gar nicht so schlecht, jemanden zum Helfen zu haben. Allein im Laden stupste ich schon so manches Mal an meine Grenzen.


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Nadin Hardwiger wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.