Tödliches Idyll

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen stand Evan neben Sergeant Watkins, einem Kriminalbeamten von der Nordwalisischen Polizei, der aus Caernarfon herbeigerufen worden war. In der vergangenen Nacht hatten sie die Leiche entdeckt, wegen des schwierigen Geländes bis Tagesanbruch aber nichts weiter unternehmen können. Der Wind zerrte an ihren Uniformen, während sie zusammen am Rand eines schmalen, steil abfallenden Felsvorsprungs standen und auf die tief unter ihnen ausgestreckt daliegende Leiche hinabblickten. Selbst aus dieser Höhe konnten sie den schwarzen Fleck auf dem Granit deutlich sehen, wo der Mann lag.

»Grässlicher Unfall«, bemerkte Sergeant Watkins und zog die Luft durch die Zähne. »Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie uns gerufen haben, Constable Evans. Wir haben im Präsidium gerade viel zu tun und keine Zeit, Bergunfälle zu untersuchen.«

Evan riss seinen Blick von dem schrecklichen Bild los und sah den Kriminalbeamten an. Der war ein kleiner, schlanker Mann in den Dreißigern mit einem blassen und humorlosen Gesicht, dessen Farblosigkeit durch sein leuchtend rotes Haar und einen rehbraunen Regenmantel noch verstärkt wurde.

»Sie meinen also, es war ein Unfall?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins erwiderte scharf: »Natürlich. Was denn sonst? Ein unerfahrener Bergsteiger verliert an einem Felsvorsprung den Halt oder die Nerven, ihm wird schwindlig und er stürzt ab.«

»Entschuldigung, Sarge, aber nicht mal ein verdammter Engländer könnte an dieser Stelle abstürzen«, sagte Evan. »Nachmittags frischt hier der Wind von unten derartig auf, dass man sich fast dagegenlehnen könnte. Und sehen Sie den Winkel des Felsens? Wenn man hier den Halt oder die Nerven verliert, würde man in die Felswand zurückfallen und nicht den Steilhang hinunter.«

»Was ist dann Ihre Ansicht, Constable?«

»Ich behaupte, dass jemand nachgeholfen haben muss.«

»Gestoßen, meinen Sie? Sie wollen mir erzählen, das war Absicht?«

Evan zuckte die Schultern. »Vielleicht auch nur ein Versehen, Sarge. Vielleicht hatte er einen Begleiter, der ausgerutscht ist und ihn versehentlich umgerissen hat – und der dann Angst hatte, sich zu melden und es zu gestehen. So etwas kommt vor, das wissen Sie. Aber wenn man jemanden loswerden wollte, wäre das keine schlechte Methode.«

Sergeant Watkins schaute Evan zweifelnd an und schüttelte dann ungläubig den Kopf.

»Ach kommen Sie, Constable«, sagte er. »Wie viele Leute waren Ihrer Meinung nach gestern hier oben? Da müsste doch jemand etwas gesehen oder gehört haben.«

»Es hätte nur eine Sekunde gedauert – ein kurzer Schubs …«, entgegnete Evan.

Sergeant Watkins schüttelte erneut den Kopf. »Sie haben zu viele Krimis gelesen«, sagte er. Dann wurde sein Ton sanfter. »Sehen Sie, ich kann das ja verstehen. Es muss langweilig sein, in so einem Nest zu hocken und sich mit alten Damen und ihren verschwundenen Katzen zu beschäftigen. Ein netter kleiner Mord würde das ein bisschen aufpeppen, nicht wahr?« Er machte eine Pause und räusperte sich. »Im Präsidium unten suchen wir gerade einen richtigen Mörder. Jemand hat an der A 55 die Leiche eines elfjährigen Mädchens in den Straßengraben geworfen. Sie wurde missbraucht und erwürgt. Ein kleines Mädchen von elf! Ich will den Schweinehund finden, der das getan hat, Constable Evans. Das ist alles, woran ich im Moment denken kann. Deshalb, fürchte ich, habe ich keine Zeit, die ich auf einen Bergsteiger verschwenden könnte, der den Halt verloren hat und einen Steilhang runtergestürzt ist.«

»Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir herausfinden, wer er ist, Sarge«, erwiderte Evan. »Falls er ein vermisster Erbe oder ein Polizeiinformant ist, werden Sie mir dann glauben?«

Dem Sergeant gelang ein Lächeln. »Sehr gut, Constable. Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir die Leiche geborgen haben, aber ich bezweifle es. Sie werden sicher kaum den Abdruck einer Hand auf seinem Rücken finden.«

»Jemand könnte etwas gesehen haben«, sagte Evan. »Sie könnten einen Aufruf veröffentlichen, dass sich Leute melden sollen, die etwas Verdächtiges bemerkt haben.«

Sergeant Watkins sah ihn an. »Ich wette, dass Sie es für Ihr Leben gern mit einem Mordfall zu tun hätten, Constable, aber Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich habe unseren Fotografen mitgebracht, damit er Aufnahmen macht, und dann müssen wir entscheiden, wie wir den Toten am besten bergen.«

Evan warf einen Blick auf die Leiche, die zwischen zerklüfteten Felsen am Fuße des Steilhangs lag. Darunter fiel das Gelände weiter ab und mündete in einen mörderisch steilen Geröllhang, der sich bis hinunter zum Westufer des Bergsees Glaslyn erstreckte.

»Und das wird nicht so einfach«, fuhr der Sergeant fort. »Möglich, dass ich im Präsidium anrufen und den Chef bitten muss, den Hubschrauber zu entbehren.«

»Meine Jungs schaffen das wahrscheinlich«, sagte Evan.

»Ihre Jungs?«

»Wir haben einen Bergrettungstrupp in unserem Dorf. Alle Männer sind hier groß geworden, als die Schieferminen noch in Betrieb waren. Sie sind es also gewöhnt, Steilhänge zu erklimmen. Sie sind geradezu dafür geboren und kraxeln in diesen Bergen herum, als würden sie übers freie Feld laufen – wenn es sein muss, sogar in ihren besten Sonntagsschuhen.«

»Soso«, sagte Sergeant Watkins und fischte sein Notizbuch aus der Tasche.

Ein Stück weiter vorn an der Felskante ertönte das Knirschen von Stiefeln. Ein junger Polizist kam, munter einen Fotoapparat schwenkend, auf sie zu.

»Hallo, Sarge. Ich habe die Aufnahmen, die Sie wollten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Sergeant Watkins scharf.

»Von wo haben Sie die denn gemacht?«

»Von dort drüben, über dem Llyn Llydaw, wo man auf die Leiche runtergucken kann. Wollten Sie das nicht so?«

»Über dem Llyn Llydaw? Wovon sprechen Sie überhaupt? Die Leiche befindet sich hier.«

Der junge Polizist lugte über die Kante. »Mein Gott«, stieß er aus. »Dann gibt es zwei!«

Es dauerte eine Viertelstunde, auf den Hauptweg zurückzugelangen und so weit um die Bergzunge herumzulaufen, bis sie den Llyn Llydaw überblicken konnten, den unteren der beiden Seen am Snowdon. Von dessen Gipfel aus schlossen sich die Bergrücken hufeisenförmig fast vollständig um die zwei Seen; an einer Stelle jedoch schob sich eine Art Vorsprung dazwischen, der den Glaslyn, den oberen der beiden Seen, vom unteren trennte. Der Grat dieses Vorsprungs war messerscharf, und seine Felswände waren gnadenlos steil.

»Dort unten«, sagte der Polizeifotograf. »Er muss über die Gratkante gestürzt sein. Abschüssig genug ist es ja, und tückische Windböen gibt’s auch. Es hat mir fast den Apparat aus den Händen gerissen, als ich versucht habe, die Aufnahmen zu machen. Ich hoffe, Sie wollen nicht, dass ich zu ihm runtergehe – ich bin kein Freund von großer Höhe.«

Auch der zweite Mann lag bäuchlings am Fuß einer Steilwand, die Arme ausgestreckt, als habe er verzweifelt versucht, seinen Fall zu stoppen.

»Ein Wunder, dass wir keine Meldung von jemandem haben, der gesehen hat, wie das passiert ist«, fuhr der junge Fotograf fort. »Gestern war herrliches Wetter, es muss in den Bergen von Wanderern und Touristen doch nur so gewimmelt haben.«

»Das ist keine der Hauptrouten auf den Berg«, bemerkte Evan, der noch immer hinuntersah. Sollte einer dieser beiden Männer der Bergsteiger sein, der im Everest Inn vermisst wurde, dann hatten sie nicht den schnellsten Aufstieg zum Gipfel genommen. »Der einzige richtige Pfad ist der, den wir gerade den Kamm entlang genommen haben. Er führt über den Gipfel des Lliwedd und dann ins Tal runter.«

»Vielleicht war er auf dem Gipfel und hat versucht, den Abstieg abzukürzen«, schlug der Fotograf vor.

»Abkürzen, hier runter?« Sergeant Watkins beäugte die steile Felswand unter sich. »Dann muss er ganz schön blöd gewesen sein, es sei denn, er hätte ein bisschen klettern wollen.« Evan schüttelte den Kopf. »Er war kein Kletterer. Schauen Sie sich seine Füße an, er hat ganz normale Joggingschuhe an. Damit hätte er nie zu klettern versucht. Wahrscheinlich ist er mit der Zahnradbahn raufgekommen. Außerdem hat er kein Seil bei sich.«

»Vielleicht hatte er sich in den Kopf gesetzt, es einfach mal zu probieren, auch ohne Ausrüstung«, bot Sergeant Watkins an. »Die Leute tun ständig die idiotischsten Dinge. Sie sehen was im Fernsehen, und dort wirkt es ganz einfach. Er hat versucht, diese Wand hochzuklettern, konnte sich nicht mehr halten und ist abgestürzt.«

Evan schüttelte wieder den Kopf. »Er ist vorwärts gefallen, Sarge. Wenn er versucht hätte raufzuklettern, wäre er auf dem Rücken gelandet.«

»Wie auch immer, es war Pech«, entschied Sergeant Watkins. Er war schon im Gehen. »Haben Sie genügend Aufnahmen gemacht, Dawson? Gut, dann lassen Sie uns zurückgehen und dem Präsidium durchgeben, dass man sie bergen soll.«

Evan schloss zu ihm auf. »Denken Sie immer noch, es sei Zufall, Sarge?«, fragte er. »Zwei Männer, die an einem Nachmittag am selben Berg abstürzen?«

Sergeant Watkins sah stur geradeaus. »Ja, ich glaube, dass es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände handelt, Constable Evans«, entgegnete er. »Wenn nicht, was wäre die Alternative? Glauben Sie, dass hier ein Verrückter rumläuft, der Leute von den Bergen schubst?«

Constable Dawson drängte sich zwischen sie. »Meinen Sie, es könnte Vorsatz im Spiel sein?«

»Constable Evans glaubt es«, sagte Sergeant Watkins. »Er führt hier oben zwischen all den Schafen aber auch ein einsames Leben und ist einfach scharf auf ein bisschen Aufregung.«

»Ganz bestimmt nicht, Sarge«, erwiderte Evan ruhig. »Ich hatte jede Menge Aufregung, als ich in Swansea zur Kriminalausbildung war. Da hatten wir eines Nachts einen Mord im Hafen.«

»Sie waren zur Kriminalausbildung unten in Swansea?«, fragte Constable Dawson mit Neid in der Stimme. »Und was um alles in der Welt hat Sie dazu getrieben, das aufzugeben und hierherzukommen?«

»Man kann von einer guten Sache auch zu viel bekommen«, sagte Evan. »Sagen wir einfach, ich habe einen Mord zu viel gesehen.«

»Das kann ich verstehen«, bemerkte Sergeant Watkins. »Nehmen wir nur den Fall dieser Kleinen. Ich glaube, ich werde niemals das Bild vergessen, wie wir sie da in dem Straßengraben gefunden haben. Dieses kleine Gesicht werde ich mein ganzes Leben nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Zuerst hat sie ausgesehen, als ob sie schliefe – genau wie unsere kleine Tiffany.«

Ihm versagte die Stimme, und er hielt sich die Hand vor den Mund und hustete, als sei es ihm peinlich, so viel Gefühl zu zeigen. Evan begann, ihn etwas freundlicher zu betrachten.

»Haben Sie schon irgendwelche Spuren, Sarge?«, fragte er.

»Eine scheint ganz vielversprechend zu sein. Wir haben herausgefunden, dass ein verurteilter Kinderschänder namens Lou Walters vorzeitig aus dem Gefängnis von Pentonville entlassen worden ist, seine Mutter lebt in Caernarfon. Haben Sie schon von dieser neuesten Verrücktheit gehört, die ihnen jetzt eingefallen ist? Sie haben stillschweigend Leute vorzeitig aus dem Knast entlassen, um der Überbelegung zu begegnen, und niemanden darüber informiert. Der Innenminister ist fuchsteufelswild. Da werden Köpfe rollen, das prophezeie ich Ihnen, aber jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.«

»Ist es Ihnen gelungen, diesen Kerl aufzuspüren?«, fragte Evan.

»Nein, aber wir beobachten das Haus seiner Mutter. Früher oder später wird er dort auftauchen. Außerdem schicken wir eine Personenbeschreibung an alle kleinen Polizeireviere, damit sie dort die Augen offen halten.«

»Ich hoffe, Sie schnappen ihn, bevor er noch weiteren Kindern etwas antut«, sagte Evan.

»Ich auch«, erwiderte Sergeant Watkins.

»Und was unternehmen wir wegen dieser beiden hier?«, wollte Evan wissen.

Sergeant Watkins schaute zurück. »Raufholen und die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Das ist wohl alles, was wir tun können.«

»Dann sollten wir uns besser beeilen, bevor das Wetter umschlägt«, sagte Evan. Er ließ seinen Blick über die Hügel bis zum Meer schweifen. Es schien zwar noch die Sonne, aber der Horizont war inzwischen eine harte Linie. Das bedeutete baldigen Regen.

»Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Leute die Leichen zu einer Stelle bringen, wo sie ein Hubschrauber aufnehmen kann«, meinte Sergeant Watkins. »Wir können die Toten ja schlecht zusammen mit den Touristen in der Bergbahn nach unten befördern.« Er legte Evan eine Hand auf die Schulter. »Vielleicht sollten Sie zu dem Hotel gehen, das den vermissten Bergsteiger gemeldet hat, und herausbekommen, wer er ist. Und bringen Sie den Hotelmanager runter ins Präsidium, damit er ihn zweifelsfrei identifiziert.«

»Darüber wird er nicht sonderlich erfreut sein«, sagte Evan grinsend.

»Schwieriger Kerl, wie?«, fragte Sergeant Watkins mit der Andeutung eines Lächelns.

»Könnte man sagen. Er tut gerade so, als würden die Berge ihm gehören«, erwiderte Evan.

»Und wissen Sie was, Constable«, sagte der Kriminalbeamte. »Wenn wir sie unten haben und rausfinden, dass beide die vermissten Erben desselben Vermögens sind, dann werden wir die Sache weiter verfolgen, okay?«

»Na schön, Sarge«, sagte Evan.

Es musste eine Verbindung geben, dachte er. Und irgendwie war er entschlossen, sie zu finden.

4. KAPITEL

Nachdem Sergeant Watkins gegangen war, um das Präsidium zu informieren, machte sich Evan an den Abstieg nach Llanfair. Er nahm den Pig Track, den steileren, aber schnelleren der beiden Hauptwege. Selbst jemand, der so gut in Form war wie Evan, brauchte eine gute Stunde, den Berg hinter dem Bwylch y Moch, dem Schweinepass, hinunterzusteigen. Was allerdings letztendlich genauso schnell ging, wie auf die nächste Bergbahn zu warten und damit auf der anderen Seite nach Llanberis hinunterzufahren. Im Übrigen war er ganz froh, eine Weile allein zu sein. Das verschaffte ihm Zeit zum Nachdenken. Der Anblick der Leiche hatte ihm gestern Abend ganz schön zugesetzt. Und heute Morgen festzustellen, dass die ganze Angelegenheit möglicherweise kein Unfall gewesen war, hatte ihn noch mehr durcheinander gebracht.

Er schaute zurück zu jenem Punkt, an dem, wie er wusste, eine der Leichen lag, und machte danach den einzigen Felsvorsprung aus, von dem aus der Mann abgestürzt sein konnte. Nur, was sollte jemand ausgerechnet dort gewollt haben? Oder, wie im anderen Fall, auf dem Grat? Keine der beiden Stellen bot eine besonders spektakuläre Aussicht für eine ungewöhnliche Aufnahme oder den Einstieg in einen bedeutenden Klettersteig. Es waren ganz gewöhnliche, wenn auch steile Felswände, etwas abseits gelegen. Dass zwei Menschen dort zu Tode gestürzt waren, überzeugte Evan davon, dass hier irgendetwas Seltsames vor sich ging.

Für Wanderer war es noch etwas früh am Tag, dennoch war Evan überrascht, auf dieser Seite des Bergs keiner Menschenseele zu begegnen. Er blieb stehen und schaute sich unbehaglich um. Zeit seines Lebens war er allein in den Bergen unterwegs gewesen, und gewöhnlich genoss er die Einsamkeit und das Gefühl, sich buchstäblich auf dem Dach der Welt zu befinden. Heute dagegen war ihm die Abgeschiedenheit außerordentlich bewusst. Es lag eine Spannung in der Luft, beinahe als sei der Berg selbst wachsam und auf der Hut. Evan musste an die Druiden denken. Er hatte einmal gelesen, dass sie an solchen hoch gelegenen Orten Menschenopfer dargebracht hatten. Ihn fröstelte. Was hatte Sergeant Watkins gesagt? Ein Verrückter, der durchs Gebirge läuft? Vielleicht hatte er ja recht.

Evan kämpfte gegen den Wunsch an zu rennen, während er den letzten Hügel hinunterstieg und den Damm auf die andere Seite des Llyn Llydaw überquerte. Der Anblick vertrauter Wegweiser und des unter ihm liegenden Dörfchens Llanfair beruhigte ihn wieder. Er verlangsamte seinen Schritt, schaute noch einmal zum Berg zurück und versuchte, irgendeinen Anhaltspunkt zu erkennen, den er an Sergeant Watkins weitergeben konnte.

Der Damm war vor langer Zeit gebaut worden, als es noch Kupferminen gab und man einen sicheren und schnellen Weg für die Esel gebraucht hatte, auf dem sie das Kupfererz zur Straße transportieren konnten. Was für ein unglaubliches Unternehmen, dachte Evan, während er den Berg betrachtete. Wie hatte sich das rentiert, da sie doch immer nur einen Sack auf einmal tragen konnten?

Jetzt tauchte das Everest Inn vor ihm auf, seine Lebkuchenbalkone glänzten im grellen Sonnenlicht. In spätestens einer Stunde würde es regnen, glaubte Evan. Er konnte das Salz vom Meer im auffrischenden Wind riechen. Hoffentlich hatten sie die Leichen geborgen, bevor es losging. Wenn es in Wales einmal anfing zu regnen, wusste man nie, wann es wieder aufhörte. Und sobald Wolken aufzogen, gäbe es keine Möglichkeit, einen Hubschrauber auch nur in die Nähe der Leichen zu bekommen.

»Üble Sache, Constable«, sagte Major Anderson und sog dabei wieder auf eine Weise geräuschvoll Luft durch die Zähne, die Evan auf die Nerven ging. »Verdammt tragisch.« Evan nickte mitfühlend, bis der Major fortfuhr: »Können Sie sich vorstellen, was das für unser Hotel bedeutet? Wir preisen uns als Familienurlaubsziel an, aber kein Mensch wird seine Kinder an einen Ort bringen wollen, wo Leute von Bergen abstürzen.«

Evan schwieg. Sinnlos, seinen Verdacht dem Major gegenüber zu erwähnen.

»Und wenn man bedenkt, dass die ganze Sache hätte vermieden werden können«, fuhr der Major fort und blickte Evan von seinem Schreibtisch aus an.

»Was meinen Sie damit, Major?«

»Wenn gleich ein Suchtrupp aufgebrochen wäre, als ich Hilfe angefordert habe …«

»Dann hätten wir ihn vor dem Sturz bewahren können – wollen Sie das damit sagen?«, fragte Evan.

»Möglicherweise.« Das rote Gesicht des Majors wurde noch eine Spur röter. »Vielleicht steckte er irgendwo fest, klammerte sich an einen Felsvorsprung und schrie um Hilfe, wurde schwächer und schwächer, bis er sich schließlich nicht mehr festhalten konnte.«

»Nicht in diesem Fall, Major«, sagte Evan. »Wenn er an einem Felsvorsprung gehangen und geschrien hätte, dann hätte irgendwer hingeschaut und ihn gesehen. Und wenn er losgelassen hätte, wäre er nach unten geschlittert, im Fallen mehrmals aufgeschlagen und auf der Seite oder dem Rücken gelandet. Dieser Mann lag aber auf dem Bauch. Er ist vornüber gestürzt.«

»Sehr seltsam«, bemerkte der Major.

»Das finden wir auch«, sagte Evan. »Und jetzt müssen wir natürlich die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Er hat doch sicher ein Anmeldeformular ausgefüllt, nehme ich an, und vielleicht könnten wir auch einen Blick in sein Zimmer werfen.«

»Aber ja, er wird in unserem Computer sein«, sagte Major Anderson. »Wir sind hier sehr modern, wissen Sie. Alles voll elektronisch.«

Er führte Evan aus seinem Büro in die große Hotelhalle. Evan fand sie ziemlich trostlos mit all den Holzwänden, dunklen Teppichen und überdimensionierten Kaminen, aber es war offensichtlich, dass hier ordentlich Geld geflossen war.

»Hier wären wir. Alison wird Ihnen seinen Eintrag heraussuchen«, sagte der Major. »Der vermisste Bergsteiger – wie war noch mal sein Name?«

»Sie meinen den Mann von Zimmer 42, der nicht zurückgekommen ist?«, fragte das junge Mädchen. Ihre Finger flogen über die Tasten, und ein Eintrag erschien. »Mr Thomas Hatcher«, las das Mädchen vor. »87 Milton Road, Kilburn, London.«

»Ein Londoner also«, meinte Evan, der das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. »Haben Sie irgendwelche Aufzeichnungen über seine Telefonate?«

»Ich verstehe nicht, was seine Telefongespräche mit einem Bergunfall zu tun haben sollen«, fuhr Major Anderson auf.

»Wir versuchen lediglich, den Freund ausfindig zu machen, den er angeblich treffen wollte«, entgegnete Evan ruhig.

»Ach so.« Das Gesicht des Majors entspannte sich. »Wir registrieren nur ausgehende Gespräche, und er hat keine geführt, fürchte ich.«

»Schade«, sagte Evan. »Vielleicht könnten wir uns jetzt sein Zimmer ansehen. Es ist immer gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat, bevor man der Familie bei der Benachrichtigung über seinen Tod irgendeinen Unsinn erzählt.«

»Äh … ja, genau«, sagte Major Anderson. »Alison, den Schlüssel für Nummer 42, bitte.«

Evan gewann den Eindruck, dass Major Anderson wohl eher als eine Art Aushängeschild eingestellt worden war. In den alltäglichen Kleinigkeiten, die bei der Führung eines Hotels anfielen, schien er sich jedenfalls nicht besonders gut auszukennen. Alisons stumme Leidensmiene bestätigte das.

»Hier, bitte sehr, Major«, sagte sie. »Zimmer 42 liegt die Haupttreppe hoch auf der rechten Seite.«

»Ich weiß, wo es liegt«, blaffte der Major sie an. »Folgen Sie mir bitte.«

Er führte Evan über eine beeindruckende Holztreppe in einen mit Teppichboden ausgelegten Flur. Zimmer 42 ging auf den Pass hinaus und bot nur einen sehr begrenzten Ausblick auf das dahinterliegende Meer. Schon der erste Eindruck bestätigte, dass Thomas Hatcher ein ordentlicher Mann war. Auf dem Bett befand sich ein sorgfältig zusammengefalteter Schlafanzug, neben dem Waschbecken lagen Elektrorasierer und Zahnbürste. Ansonsten gab es keinen Hinweis darauf, dass der Raum benutzt worden war.

»Er hat nicht viel Gepäck gehabt, nicht wahr?«, fragte Evan und öffnete eine Schublade mit Pullovern, Unterwäsche und Socken, alles akkurat gestapelt.

»Er wird seine Brieftasche mit den Dokumenten, die Sie brauchen, bei sich haben«, meinte Major Anderson. »Sie werden mehr erfahren, wenn Sie ihn geborgen haben.«

»Wahrscheinlich«, stimmte Evan zu. Er sah in den Kleiderschrank. Darin hing ein Jackett. Evan durchsuchte die Taschen.

»Na bitte«, sagte er und zog eine schmale Plastikbrieftasche aus der Innentasche. »Das ist ja hochinteressant.« Er hielt dem Major eine eingeschweißte Karte entgegen. »Londoner Polizei. Der Mann war einer von uns.«

Evan war gespannt auf Sergeant Watkins’ Gesicht, wenn er ihm berichtete, dass eines der Opfer ein Polizist aus London war. Jetzt würde er den Fall sicherlich ernster nehmen.

Alle möglichen Szenarien schossen ihm durch den Kopf, während er den schweigsamen Major nach Bangor hinunterfuhr, um die Leiche zu identifizieren. Zunächst dachte er, der Major sei einfach nur unwirsch, weil man ihm seine wertvolle Zeit stahl. Doch als sie in Bangor ankamen, schien er Evan reichlich blass. Wahrscheinlich freute er sich nicht gerade darauf, einen zerschmetterten Körper betrachten zu müssen. Womöglich hatte seine Militäreinheit nie einen wirklichen Kampf miterlebt!

Evan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er in den Hof des Polizeipräsidiums einbog.

»Ich habe den Major in den Warteraum gebracht«, erklärte Evan, nachdem er Sergeant Watkins in dessen winzigem Arbeitszimmer aufgetrieben hatte.

»Ist er anstandslos mitgekommen?«, fragte Sergeant Watkins.

»Schon, aber er ist weiß wie ein Laken«, erwiderte Evan. »Ist es gelungen, die Leichen zu bergen?«

»Ja, sie sind hier. Der Polizeiarzt hat schon einen Blick auf sie geworfen und den Todeszeitpunkt bei beiden auf den späten Nachmittag festgesetzt. Zur Todesursache erklärte er ihre erheblichen Verletzungen, nur für den Fall, dass Sie sich fragen, ob man sie zuerst betäubt oder vergiftet hat.«

»Sie sind also immer noch der Ansicht, dass es sich um zwei voneinander unabhängige Unfälle handelt?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins nickte. »Und daran werde ich auch weiterhin glauben, weil wir niemals etwas anderes beweisen können.«

»Und wenn ich Ihnen sage, dass der Mann aus dem Hotel, Thomas Hatcher, ein Polizist aus London war? Sehen Sie darin keinerlei Bedeutung?«

Sergeant Watkins schüttelte den Kopf. »Und wenn ich Ihnen sage, dass der andere Kerl ein Vertreter für Alarmanlagen aus Liverpool war? Wir haben mit seiner Frau gesprochen, und sie sucht jetzt jemanden, der sie mit dem Wagen herbringt, um die Leiche zu identifizieren. Ihr Mann war mit dem einzigen Auto der Familie unterwegs. Wir haben es auf dem Parkplatz bei der Zahnradbahn gefunden.«

»Und was ist mit dem anderen Toten?«, fragte Evan. »Konnte sie etwas darüber sagen, ob sich ihr Mann mit ihm treffen wollte?«

»Sie hat noch nicht mal gewusst, dass er nach Wales gefahren ist«, antwortete Watkins. »Wenn es Sie interessiert, bleiben Sie doch einfach hier und fragen sie selbst.«

»Danke, Sarge«, sagte Evan.

»Sie müssen mir nicht danken«, entgegnete Sergeant Watkins. »Sie würden mir sogar einen Gefallen tun, wenn Sie mir das abnehmen. Ich kann hysterische Frauen nicht ertragen. Und wenn sie und ihre kleinen Kinder hier vor mir weinen, fange ich vielleicht auch noch an.« Er machte eine nachdenkliche Pause. »Manchmal frage ich mich, ob ich den richtigen Beruf habe.«

Evan nickte verständnisvoll. Die Erinnerung an einen Grabstein durchzuckte ihn, an dem er umringt von all diesen blauen Uniformen gestanden und versucht hatte, gefasst zu wirken, obwohl er am liebsten geschrien und um sich geschlagen hätte.

»Sie kommt also hierher?«, fragte Evan.

»Ja, aber das könnte noch eine Weile dauern. Von Liverpool bis hier sind es gut zwei Stunden.«

»Ich glaube nicht, dass ich so lange bleiben kann«, sagte Evan. »Ich muss doch den Major gleich wieder nach Llanfair zurückbringen.«

»Wenn Sie wollen, rufe ich Sie an, wenn sie da ist«, sagte Watkins. »Natürlich ganz inoffiziell.«

»Natürlich.« Evan dachte, dass er den farblosen Sergeant Watkins möglicherweise unterschätzt hatte. »Wie heißt eigentlich dieser andere Mann?«, fragte er.

»Stewart Potts«, antwortete Sergeant Watkins mit einem leichten Lächeln.

»Stew Potts – Schmortopf? Wundert mich, dass er den Namen nicht geändert hat. Ich wette, er wurde in der Schule damit aufgezogen«, bemerkte Evan. »Erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, dass seine Frau Honey heißt.«

»Greta«, sagte Sergeant Watkins. »Klingt nach einer Ausländerin. Sie wirkte am Telefon nicht besonders erschüttert. Aber es dauert wahrscheinlich ein bisschen, bis es wirklich zu ihr durchdringt, oder?«

»Ja«, meinte Evan. »Wahrscheinlich.«

»Schön, ich schlage vor, wir holen jetzt Ihren Major, damit er die Leiche identifiziert«, sagte Sergeant Watkins. »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Mit verbissenem Gesicht folgte der Major Watkins und Evan in die Leichenhalle. Evan bemerkte, dass er schwer schluckte, als der Diensthabende Beamte das Laken zurückschlug, das über die Leiche gebreitet war.

»Ja«, sagte der Major, nachdem er den Toten lange und gründlich betrachtet hatte. »Ich glaube, das ist der Mann aus dem Hotel. Natürlich kann ich das unter diesen Umständen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.«

»Selbstverständlich«, meinte Sergeant Watkins und schaute auf das zerschundene, von Blutergüssen übersäte Gesicht.

»Aber auf jeden Fall hat er die gleiche Statur und die gleiche Haarfarbe«, fügte der Major hinzu. »Armer Teufel, eine wirklich miese Art abzutreten.«

»Haben Sie gewusst, dass er Polizist war, Major Anderson?«, fragte Sergeant Watkins, nachdem der Beamte das Laken wieder hochgezogen hatte.

»Das haben wir erst erfahren, als der Constable und ich seine Sachen durchsucht haben«, antwortete der Major.

»Er hatte es also nicht erwähnt?«

»Nein, warum um alles in der Welt hätte er das tun sollen?«, erwiderte Major Anderson scharf. Er sah auf seine Armbanduhr. »Wenn wir hier fertig sind, muss ich nun wirklich wieder zurück. Um drei erwarten wir wichtige Gäste, ich sollte da sein, um sie zu begrüßen.«

Während der Rückfahrt saß er in eisigem Schweigen neben Evan und trommelte mit den Fingern auf seine Knie.

»Ja, das ist er schon«, sagte Greta Potts, nachdem Evan ihr die Aufnahme gezeigt hatte, die auf dem Berg gemacht worden war. Es war ihr nicht leichtgefallen, die Leiche zu identifizieren. Das Gesicht war durch den Sturz ziemlich entstellt, und sie konnte sich kaum überwinden, genau hinzusehen. »Diese Schuhe würde ich auf der ganzen Welt wiedererkennen«, fügte sie angewidert hinzu. »Ich bin stocksauer auf ihn gewesen, als er damit ankam. Fast einhundert Pfund für ein Paar Schuhe, habe ich gesagt, als ich die Schachtel im Schrank gefunden habe. Dafür hätte ich für die Kinder und mich die gesamte Sommerkleidung kaufen können. Aber er hat behauptet, dass er diese Schuhe bräuchte – dabei habe ich ja nicht verlangt, dass er barfuß geht.« Sie sprach eine interessante Mischung aus einem ausländischen Akzent, überlagert von für Liverpool typischen flachen Vokalen. »Das sah Stew ähnlich«, bemerkte sie abschließend. »Hat sich immer gerne was gegönnt.«

Sie sah Evan an, und ihr Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. Ihr helles Haar war kantig geschnitten, und die Frisur wirkte sehr deutsch, und sie war entschieden zu stark geschminkt. Sie trug eine glänzende neongrüne Bluse über einem engen, kurzen schwarzen Rock und Stöckelschuhe. Während sie sprach, zog sie ein Päckchen Zigaretten hervor und tippte sich nervös eine heraus. »Es stört Sie doch nicht, oder?« Das war eher eine Feststellung als eine Frage. Evan konnte sich nicht vorstellen, dass es leicht war, mit dieser Frau zusammenzuleben.

»Er hat Ihnen also überhaupt nichts davon gesagt, dass er in die Berge wollte?«, fragte Evan behutsam.

»Er hat mir nie erzählt, wohin er geht. Wenn er mir gesagt hätte, dass er eine Bergtour machen wollte, hätte ich das sowieso nur für eine Ausrede gehalten.«

»Eine Ausrede wofür?«

Ihr Mund verzog sich erneut. »Mein Stewart gefiel sich als Frauenheld. Sie wissen schon, so wie die Seeleute: in jedem Hafen ein Mädchen. Vertreter sind ähnlich. Und er hatte ein großes Gebiet. Manchmal war er die ganze Woche unterwegs. Wer weiß, was er da angestellt hat. Ich hätte ihn nie heiraten und in dieses gottverlassene Land kommen sollen.«

»Wo haben Sie sich denn kennengelernt?«, fragte Evan.

»Er ist während seiner Militärzeit in meiner Heimatstadt in Deutschland stationiert gewesen«, antwortete Greta. »Ich bin ihm auf einer Tanzveranstaltung begegnet. Er war ein fabelhafter Tänzer – und sah gut aus.« Sie wühlte in ihrer Handtasche herum und zog ein Foto heraus, auf dem ein großer, dunkelhaariger Mann zu sehen war, der sie im Arm hielt.

»Ich hätte lieber auf meine Mutter hören und zu Hause bleiben sollen.«

»Glauben Sie, dass Sie wieder zurückkehren werden?«, fragte Evan.

Sie zuckte die Schultern. »Weiß ich nicht. Ich muss ja an die Kinder denken. Und wir haben ein hübsches kleines Haus in Liverpool. Ich weiß nicht.«

»Natürlich nicht«, sagte Evan. »Lassen Sie sich Zeit, bis sich alles gesetzt hat, bevor Sie irgendwelche Entscheidungen treffen.«

»Was sind Sie, ein verdammter Therapeut?«, fuhr sie ihn an.

Er betrachtete noch einmal das Foto. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich das eine Weile behalte?«

»Wozu denn?«, fragte sie misstrauisch.

Evan wollte ihr seinen Verdacht nicht mitteilen. »Wir sind immer noch dabei herauszufinden, wo und wie er abgestürzt ist«, sagte er. »Jemand könnte auf dem Berg an ihm vorbeigekommen sein.«

»Was hat er bloß auf einem verflixten Berg zu suchen gehabt, das würde ich gerne wissen«, entgegnete Greta fordernd.

»Sie meinen also, er war normalerweise nicht der Typ, den es in die Natur zog?«

»Stew? Dass ich nicht lache«, sagte sie ohne jedes Lächeln. »Die einzige Gelegenheit, bei der er rausging, waren die Fußballspiele von Liverpool am Samstagnachmittag. Für den Fußball hat er gelebt. Ich habe ihm immer gesagt, wenn er seine Kinder nur halb so lieben würde wie diese bekloppten Fußballer …«

»Und Sie haben ihn nie einen Freund namens Thomas Hatcher erwähnen hören? Einen Freund aus London?«

Sie runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. »Nein, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt Freunde in London hatte.«

»Er hat Ihnen also nicht erzählt, dass er einen Freund treffen will?«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, dass er mir gar nichts erzählt hat«, erwiderte sie ungeduldig. »Ich habe mir gedacht, dass er wahrscheinlich schon sonntags aufgebrochen ist, weil er Montag früh irgendwo eine Präsentation hatte. Das hat er manchmal so gemacht. Jedenfalls hätte er mir nie erzählt, dass er sich mit einem Freund treffen wolle. Er hat genau gewusst, dass ich ihm nicht abgenommen hätte, dass es sich dabei wirklich um einen männlichen Freund handelt.« Sie seufzte. »Na ja, jetzt ist er tot, und ich sollte eigentlich nicht schlecht über ihn reden. Armer, alter Stew. Da war er in Nordirland stationiert und hat’s überlebt, und jetzt das. Scheint irgendwie nicht gerecht, oder?«

Zum ersten Mal bemerkte Evan einen Riss in ihrem Panzer und dachte, dass ihre Kälte und Aggressivität möglicherweise eine Art Verteidigungsmechanismus waren, der zeigen sollte, dass sie nicht vorhatte, um einen treulosen Ehemann zu trauern. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Kommen Sie, meine Liebe. Ich spendiere Ihnen eine Tasse Tee«, sagte er sanft.

5. KAPITEL

Dunkle Wolken rasten vom Meer heran, als Evan gegen vier wieder ins Dorf zurückfuhr. Gerade als er ausstieg, hielt der Bus und spuckte eine Ladung Kinder aus, die auf die Gesamtschule in Portmadog gingen.

»Hey, Constable Evans, sut ywt ti? Wie geht’s?«, riefen sie ihm mit ihren fröhlichen Stimmen in einer Mischung aus Englisch und Walisisch zu, die sie häufig benutzten.

Evan winkte ihnen zu.

»Mr Evans?«

Evan drehte sich um und sah Dilys Thomas, eine schlaksige Dreizehnjährige, vor sich stehen.

»Was gibt’s, Dilys?«, fragte Evan und betrachtete ihr knallrot angelaufenes Gesicht.

»Wissen Sie, dass am Samstag eine Teenieparty ist?«, sagte sie und spielte mit einer Strähne ihrer langen Haare, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Ja, ich habe etwas davon gehört«, meinte Evan. »Wieder so ein Rave, stimmt’s? Mit wilder Musik und Lichtorgel?«

»Oh nein, nicht so was«, stieß Dilys entsetzt aus und merkte nicht, dass er sie auf den Arm nahm. »Sie findet im Gemeindesaal hinter der Kapelle statt. Ich habe gehört, dass Sie vielleicht einer der Anstandswauwaus sein werden.«

»Ich habe ›vielleicht‹ gesagt«, erwiderte Evan, »aber ich bin nicht sicher, ob das jetzt geht. Ich habe diese Woche ziemlich viel zu tun.«

Dilys machte ein langes Gesicht. »Oh, Sie müssen aber kommen«, protestierte sie. »Ich hatte so gehofft, dass Sie mal mit mir tanzen.«

»Du hast mich noch nicht tanzen sehen«, sagte Evan lachend. »Außerdem werden die Jungs Schlange stehen, um mit dir zu tanzen. Da habe ich doch keine Chance.«

»Nein, das werden sie nicht«, entgegnete Dilys. »Sie machen sich über mich lustig, weil ich größer bin als sie. Sie nennen mich Telefonmast Thomas.«

»Da würde ich mir an deiner Stelle nichts draus machen«, sagte Evan. »Das wird sich bald von ganz allein regeln. Aber ich werde versuchen vorbeizukommen, und ich verspreche, dass ich dann mit dir tanze, okay?«

»Danke, Mr Evans«, sagte Dilys und strahlte ihn an. »Tschüs dann. Ich muss heim, sonst bringt meine Mutter mich um.«

Evan sah zu, wie sie loslief, und staunte über ihre Unbefangenheit. Für sie gab es kein größeres Problem, als vor den gleichaltrigen Jungs in die Höhe geschossen zu sein. Weshalb verlief das Leben von manchen so sorglos, und das von anderen wurde durch eine Tragödie vorzeitig beendet? Das schien weder gerecht, noch ergab es einen Sinn. Und Evan wünschte sich, dass die Dinge einen Sinn ergaben.

»Sprechen Sie heute nicht mit mir?« Eine sanfte, weiche Stimme schreckte ihn auf. Dann war es an ihm, rot zu werden. »Oh, Bronwen, entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht bemerkt. Ich war in Gedanken.«

»Schon gut, ich verzeihe Ihnen«, sagte sie und lächelte ihn an, dass ihm ganz warm wurde. »Jetzt dürfen Sie sogar schon an Werktagen wandern gehen. Ich habe Sie durch das Klassenzimmerfenster den Pfad runterkommen sehen.«

»Wenn Sie’s genau wissen wollen: Ich war in den letzten vierundzwanzig Stunden schon zweimal auf diesem verdammten Berg«, sagte Evan etwas verärgert. »Einmal gestern Abend und heute früh gleich noch mal. Und es war nicht sehr erfreulich, beide Male nicht.«

»Ich weiß, der Kletterunfall«, meinte sie. »Ich habe nur gescherzt und kann mir vorstellen, dass es nicht allzu angenehm für Sie ist, eine Leiche bergen zu müssen.«

»Es war nicht nur eine Leiche«, korrigierte Evan. »Es waren zwei.«

»Zwei? Hingen sie am selben Seil?«

»Nein, es war noch nicht mal der gleiche Unfall.«

»Das ist ja sehr seltsam.« Bronwen kniff die Augen zusammen und fixierte den Gipfel. »Wir sind doch gestern beide dort oben gewesen, und ich habe noch gesagt, dass die Witterung fürs Wandern und Klettern ideal war. Also gab es eigentlich keinen rechten Grund abzustürzen.«

»Ganz richtig, wirklich sehr seltsam«, sagte Evan. »Sergeant Watkins meint, es sei nur ein schrecklicher Zufall.«

»Und Sie?«

»Ich überlege noch«, antwortete Evan. »Heute ist die Frau von einem der Männer gekommen, um ihn zu identifizieren. Ich rechne damit, dass bald auch Angehörige des anderen auftauchen. Vielleicht erfahren wir dann mehr.«

»Sie sehen müde aus«, bemerkte Bronwen. »War wohl ein langer Tag?«

»Seit heute früh um sieben hatte ich nur eine Packung Kekse und eine Tasse Tee«, sagte Evan. »Ich könnte ein ganzes Pferd verspeisen, auf der Stelle.«

»Ich habe den Eindruck, dass Mrs Williams sich um dieses Pferd kümmern wird«, meinte Bronwen lächelnd. »Ich habe sie im Laden getroffen, und sie war sehr bestürzt, dass Sie Ihr Mittagessen versäumt haben. Anscheinend befürchtet sie, dass Sie jeden Moment verhungern könnten.«

Evan lächelte verlegen. »Manchmal fühle ich mich wie ein prämierter Truthahn, der für Weihnachten gemästet wird«, bekannte er. »Ich sage ihr immer wieder, dass ich kein Mittagessen brauche, aber sie kocht jeden Tag. Und dann liegt es da ausgetrocknet auf einem Teller im Ofen und wartet auf mich, wann immer ich auftauche.«

»Das ist eines der Probleme mit Zimmerwirtinnen«, sagte Bronwen.

»Sie meint es gut und ist wirklich liebevoll«, meinte Evan. »Schwierig ist eigentlich nur die Sache mit dem Essen und mit ihrer Enkelin.«

»Enkelin?«

»Sharon«, erklärte Evan. »Mrs Williams glaubt wohl, wir würden gut zusammenpassen.«

»In diesem Dorf ist jedermann entschlossen, Sie unter die Haube zu bringen«, sagte Bronwen mit einem nervösen Lachen.

»Keine Sorge, ich habe vor, mir damit noch viel Zeit zu lassen«, erwiderte Evan.

»Das habe ich auch schon bemerkt«, murmelte Bronwen undeutlich. Laut sagte sie: »Schön, am besten, ich gehe jetzt mal, damit Sie Ihre Arbeit beenden können und zum Tee nach Hause kommen. Bis bald, Evan Evans.«

»Bis bald, Bronwen. Passen Sie auf sich auf.«

Evan betrat den kleinen Raum des Polizeireviers, das in einem Cottage am Dorfrand untergebracht war, direkt neben der Tankstelle von Tankwart-Roberts, die gleichzeitig Autowerkstatt, Feuerwache, Filiale des Royal Automobile Club und Imbissbude war. Sein Anrufbeantworter blinkte, und er drückte den Abhörknopf. »Hier spricht Mrs Powell-Jones«, ertönte durchdringend eine ungeduldige Stimme.

»Constable Evans, ich versuche schon den ganzen Tag, Sie in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu erreichen. Bitte kommen Sie vorbei, sobald Sie wieder zurück sind.«

Evan seufzte. Er bezweifelte, dass es wirklich dringend war. Mrs Powell-Jones, die Frau des Pfarrers, der in zwei Sprachen predigte, war eine dieser autokratischen Frauen aus gutem Hause, die glaubten, dass der Begriff öffentlicher Dienst wörtlich zu nehmen sei. Sie zögerte keine Sekunde, Evan um zwei Uhr nachts wegen ihrer entlaufenen Katze anzurufen oder weil sie etwas Verdächtiges gesehen haben wollte. Und Mrs Powell-Jones fand eine Menge Dinge verdächtig, etwa ein junges Pärchen, das um Mitternacht in einem parkenden Auto seine Zeit vertrödelte. Aber Evan blieb nichts anderes übrig, er musste hin. Mrs Powell-Jones hatte Freunde in hohen Positionen, wie beispielsweise den Major. Evan wollte nicht riskieren, am nächsten Morgen einem wütenden Polizeipräsidenten gegenüberzustehen.

Das Haus der Powell-Jones’ war das letzte im Dorf und stand leicht zurückgesetzt auf einem großen Grundstück in bequemer Nähe zur Beulah-Kapelle. Sie hatten es von Mrs Powell-Jones’ Familie geerbt, die früher einmal den Schiefersteinbruch besessen hatte. Mit seinen viktorianischen Giebeln und seinem Eckturm befand es sich in auffälligem Kontrast zu den einfachen Cottages, die es umgaben. Evan zog die Cottages vor.

Mrs Powell-Jones öffnete ihm persönlich. Sie wirkte aufgeregt; ihre normalerweise ordentlich gewellte Frisur war völlig durcheinander, als habe sie sich die Haare gerauft.

»Gott sei Dank, dass Sie endlich kommen, Constable«, sagte sie. »Ich hatte solche Angst, dass Sie nicht rechtzeitig hier sein würden.« Sie sprach mit leicht walisischem Tonfall, der aber von einem gebildeten Schulenglisch überdeckt wurde.

»Rechtzeitig wofür, Mrs Powell-Jones?«, fragte Evan. »Gibt es ein Problem?«

»Ein Problem?«, kreischte sie. »Hier wurde ein Verbrechen verübt, Constable!«

»Wenn ein Verbrechen stattgefunden hat, hätten Sie unten im Hauptquartier anrufen müssen«, bemerkte Evan. »Haben Sie die Ansage auf meinem Anrufbeantworter nicht gehört? Wenn ich nicht im Büro bin, versucht man, mich zu erreichen, oder nimmt Notrufe für mich entgegen. In Nullkommanichts wäre jemand hier.«

»Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, das ich Fremden anvertrauen würde«, erwiderte Mrs Powell-Jones und sah sich um, für den Fall, dass jemand zuhörte. »Kommen Sie mit in den Garten, bevor es anfängt zu regnen und die Spuren verwischt werden.«

Verblüfft folgte ihr Evan. Der angekündigte Regen setzte schon ein, in feinen Tröpfchen, die sich wie Diamanten auf Mrs Powell-Jones’ von grauen Strähnen durchzogenes Haar legten. Der Garten war weitläufig und erstreckte sich rund um das Haus, eine hohe Hecke schützte ihn vor den scharfen Gebirgswinden. Hinter von akkuraten Rosenbeeten gesäumtem Rasen lag der Gemüsegarten, der an das Grundstück des Everest Inn grenzte. Im feinen Sprühregen türmte sich das Hotel wie ein riesiger, unwirklicher Schatten drohend vor ihnen auf und ließ Evan frösteln.

»Da, sehen Sie!«, rief Mrs Powell-Jones und zeigte mit dramatischer Geste auf den Boden. Evan schaute, war sich aber nicht sicher, was er eigentlich sehen sollte. Er sah nur frisch umgegrabene Erde, aus der einige traurig aussehende, grotesk schiefe Stiele ragten.

»Was ist passiert?«, fragte er schließlich.

»Das sollen Sie ja herausfinden«, sagte Mrs Powell-Jones. »Natürlich habe ich einen Verdacht. Die platzt ja fast vor Neid, dass ich sie jedes Jahr bei der Schau schlage.«

»Welche Schau?« Evans Verwirrung stieg von Minute zu Minute.

»Die Blumen- und Gemüseschau in Beddgelert unten«, erklärte Mrs Powell-Jones. »Ich habe mit meinen Tomaten die letzten drei Jahre den ersten Platz gewonnen. Deshalb hat in diesem Jahr wohl jemand beschlossen, einen Anschlag auf meine Tomaten zu verüben, bevor sie es wieder schaffen.«

»Tomaten?« Evan war kein großer Gärtner.

Mrs Powell-Jones deutete auf kleine herumliegende Pflanzenteile. »Das waren bis gestern meine preisgekrönten Tomatensetzlinge«, sagte sie. »Jemand hat sie vorsätzlich in einem heimtückischen Akt von Vandalismus zertrampelt.«

»Und Sie meinen zu wissen, wer das getan hat?«, fragte Evan.

»Natürlich. Mrs Parry Davies. Wer sollte es sonst gewesen sein? Ich kann zufällig die meisten Sachen besser als sie, und das kann sie nicht ertragen«, sagte sie triumphierend.

Evan untersuchte die Erde. Sie wies deutliche Abdrücke von großen Stiefeln auf.

»Trägt Mrs Parry Davies Stiefel Größe 46?«, fragte er.

»Natürlich nicht, seien Sie doch nicht albern«, erwiderte Mrs Powell-Jones.

»Dann würde ich sagen, dass sie nicht die Hauptverdächtige ist«, meinte Evan. »Schauen Sie sich mal die Größe der Fußabdrücke an.«

»Oh.« Einen Augenblick lang war sie sprachlos, dann zeigte sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht. »Ein schlauer Trick, damit ich sie nicht verdächtigen kann. Schließlich spielt sie in der hiesigen Theatergruppe immer die Charakterrollen, und ihr Mann hat große Füße. Gehen Sie zu ihr und konfrontieren Sie sie mit den Beweisen. Und denken Sie an meine Worte: Sie wird zusammenbrechen und gestehen.«

»Ich kann schlecht hingehen und …«, begann Evan. »Schließlich wissen wir nicht … ich meine, es wäre nicht ganz fair …«

»Wer sollte es sonst gewesen sein?«, rief Mrs Powell-Jones. Evan begann allmählich zu verstehen, warum ihr Gatte so lange Predigten hielt. Das verschaffte ihm zumindest eine halbe Stunde mehr Abwesenheit von seinem Haus. »Niemand außer ihr wünscht sich, dass meine Tomaten misslingen. Ich bin außerordentlich großzügig mit meinen Gartenerzeugnissen. Jedermann im Dorf schöpft reichlich aus seiner Fülle. Und es waren nur die Tomaten, wenn Sie sich erinnern. Meinen Rosenkohl hat der Vandale nicht angerührt.«

Im Stillen dachte Evan, dass es durchaus ein Segen gewesen wäre, wenn der Vandale den Rosenkohl nicht übersehen hätte. Seine Zimmerwirtin lehnte Verschwendung entschieden ab, und Mrs Williams würde Abend für Abend Rosenkohl kochen, wenn sie ihn von Mrs Powell-Jones geschenkt bekäme.

»Ich werde tun, was ich kann, Mrs Powell-Jones«, sagte Evan. »Ich versuche, die Angelegenheit für Sie zu klären.«

»Tun Sie das, Constable«, entgegnete Mrs Powell-Jones.

»Behandeln Sie den Fall mit Vorrang. Man darf schließlich nicht gestatten, dass Vandalismus um sich greift.«

Evan verbeugte sich leicht und trat dann eilig den Rückzug an. Sehnsüchtig schaute er auf das Schild vom Red Dragon. Nach einem langen, anstrengenden Tag wäre eine Halbe genau das, was er brauchte. Aber er hatte noch einigen Papierkram zu erledigen, und er wollte noch ein wenig über die beiden Männer nachdenken, die in den Tod gestürzt waren.

Durch ein Astloch in der Schuppentür beobachtete ein Augenpaar, wie Mrs Powell-Jones ins Haus zurückging. Als sich die Tür hinter ihr schloss, entwich den zusammengepressten Lippen ein Seufzer der Erleichterung, und die Spitzhacke wurde behutsam gesenkt. Langsam verzog sich der dünne Mund zu einem Lächeln. Die Leute waren wirklich zu dämlich!


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Rhys Bowen wuchs in England auf, lebt und arbeitet in San Francisco. Zunächst schrieb sie Kinderbücher, doch auf einer Reise in ihre malerische walisische Heimat fand sie die Inspiration für ihre Constable-Evans-Krimis. Diese Kriminalgeschichten sind mittlerweile Kult und wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet