So war das aber nicht geplant

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Flo

Mit klackernden Absätzen hetzte ich aus dem feudalen Geschäftsgebäude der Nordica Consulting am Eppendorfer Baum. Der Himmel war bleigrau und es pieselte ohne Unterlass aus der dichten Wolkendecke. Hamburg im Spätherbst war wettertechnisch einfach eine Pracht! So genoss ich meinen Feierabend doch am liebsten, auch wenn Schröder ihn mir mal wieder nur äußerst widerwillig gewährt hatte.

Beherzt sprang ich über eine schlammige Pfütze und sprintete geduckt zu meinem silbernen VW Lupo. Der Verkehr auf dem Weg in die Innenstadt zog sich wie Tapetenkleister und selbstverständlich fand ich bei Ankunft erst einmal keinen Parkplatz. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ich klebte den Wagen halb auf den Kantstein und erreichte dank sehenswerter Stiletto-Ziel-Sprints pünktlich auf die Minute das Auktionshaus in den Hamburger Colonnaden. Der Cardio-Fit-Kurs, den ich einmal pro Woche recht unmotiviert besuchte, war also doch nicht ganz umsonst gewesen.

Voller Elan hopste ich die Stufen der grauen Steintreppe hinauf und warf mich schwungvoll gegen die schmiedeeiserne Tür. Drinnen angekommen, scannte ich den Saal nach einem freien Platz, quetschte mich durch die Reihen und sank schnaufend wie ein asthmatischer Mops auf einen Stuhl. Die hölzerne Lehne knarrte missmutig. Der Raum war trotz der hohen Decken ebenso stickig wie voll, also schälte ich mich in Windeseile aus meinem Daunenmantel. Schnell noch den Schal abgewickelt. Geschafft! Jetzt nur ein bisschen Glück haben und das Schild ersteigern, und dann …

Ein zartes Tippen an meinem linken Oberarm riss mich aus meinen Gedanken.

„Entschuldigung, Ihr Schal ist runtergefallen.“

Den Bruchteil einer Sekunde später blickte ich in die tollsten grauen Augen, die ich je gesehen hatte. Sie gehörten zu einem hinreißend attraktiven Mann mit dunkelblonden Wuschelhaaren und Dreitagebart.

„Oh, äh … ja … vielen Dank.“ Entgeistert griff ich nach dem Schal, den der Grauäugige ritterlich vom Fischgrätenparkett aufgelesen hatte und mir nun schmunzelnd entgegenstreckte. Er ließ aber nicht sofort los. Und so kam es, dass wir uns dann doch ein wenig zu lange und zu tief in die Augen schauten. Er in Grün, ich in Grau.

„Und, warten Sie heute auf etwas Bestimmtes?“, fragte er mit einer dieser Männerstimmen, die sich auch unheimlich gut bei prasselndem Lagerfeuer in Gitarrenbegleitung machen würden.

„Ja, ein altes Straßenschild für meinen Vater“, brachte ich immerhin hervor. „Es soll ein Geschenk sein. Siebenundsechzigster Geburtstag.“

Der Grauäugige lächelte. Strahlend weiße, gleichmäßige Zähne. Grübchen auf der linken Wange. Hinreißend! Das machte mich ganz nervös. Und wenn ich nervös werde, neige ich leider zum Quasseln in der Taktung einer Automatikwaffe.

„Die Straße heißt Buchenweg, da steht sein Elternhaus. Oder besser gesagt ‚stand‘. Es wurde nämlich vor einigen Jahren abgerissen – musste einem dieser Indoor-Spieltempel weichen. Persönlich finde ich die ja schon ziemlich befremdlich, diese überdachten Spielplätze. Die erinnern mich irgendwie an Las Vegas für Minderjährige. Überall blinkt und lärmt es. Da ist es ja auch wirklich kein Wunder, dass die Knirpse heutzutage alle auf Ritalin sind, oder? Bagaboo heißt der Laden übrigens, vielleicht kennen Sie ihn?“ Noch bevor mein Gegenüber auch nur zum Antworten ansetzen konnte, blubberte aus meinem Mund schon der nächste Wortschwall. „Und einmal im Monat hat es sogar für Erwachsene geöffnet. Da kann es Ihnen dann passieren, dass Ihr Zahnarzt in der Hüpfburg an Ihnen vorbeihopst oder Ihr Chef neben Ihnen im Bällebad auftaucht. Irre Sache!“

Endlich brachte ich es fertig, meinen Schnabel zu halten. Ich sah schüchtern zu meinem Sitznachbarn. Das charmante Schmunzeln war noch da, nun aber begleitet von einem deutlich irritierten Blick. Offensichtlich überlegte er gerade, in welches psychologische Krankheitsbild ich einzusortieren war.

Dabei war meine instabile Gemütslage ganz allein seine Schuld! Was musste er auch genau neben mir sitzen und dabei so unverschämt gut aussehen? Schätzungsweise Mitte dreißig, gerade Nase, markantes Kinn, leicht gebräunte Haut, verwegener Dreitagebart. Kreuzung zwischen Managertyp und Naturbursche.

Was ist bloß los mit dir? Florentine Bergmann, du kitschige Kuh! Er ist ein Mann, ganz normal, davon gibt‘s eine Menge. Fünfzig Prozent der Weltbevölkerung gehören dieser Gattung an. Also: nichts Besonderes!, rief ich mich selbst zur Vernunft.

„Schöne Idee, dann drück ich mal die Daumen“, sagte der Naturburschen-Manager und lächelte wieder sein attraktives Grübchen-Lächeln.

Konversation aufrechterhalten!, pochte es in meinem Oberstübchen. Warum fiel einem grundsätzlich nie irgendetwas Witziges, Charmantes, geschweige denn Schlagfertiges ein, wenn man es wirklich brauchte? Und dabei war ich eigentlich sehr wohl witzig, charmant und schlagfertig.

Bei uninteressanten Männern jedenfalls. Besonders bei denen in der Firma. Je dünner das Haar und je dicker die Wampe unterm Jackett, desto besser. Ein charmantes Lächeln, gepaart mit einem pfiffigen Spruch und garniert mit einem „Tausend Dank, das ist ja so unglaublich nett von Ihnen!“ – und zack: die Männer überschlugen sich fast, um mir zu helfen. Dabei fanden sie mich ganz offensichtlich sehr witzig, sehr charmant und sehr schlagfertig.

In der gegenwärtigen Galaxie war ich verstockt, einsilbig und wunderlich. Nervös zupfte ich kleine graue Wollknötchen von meinem Schal und ließ sie aufs Fischgrätenparkett rieseln.

Nach einer deutlich zu langen Phase des Schweigens und Zupfens rang ich mich dann aber doch noch zu einem „Und Sie?“ durch. Ich versuchte, es ganz beiläufig klingen zu lassen. Gelang mir aber nicht.

„Ich hoffe, dass was Schönes für mein Baby dabei ist“, lautete die euphorische Antwort.

Oh Gott, der schöne Grauäugige hat ein Baby. Eins zu null für die Ungerechtigkeit des Universums!

Vielleicht nannte er aber auch seine Freundin Baby? Das wäre ebenfalls schlimm, aber nicht hoffnungslos.

Oder aber seinen Freund. Das wäre dann allerdings hoffnungslos.

„Ihr Baby?“, entfuhr es mir einige Dezibel zu laut und schrill. In der Reihe vor uns räusperte sich eine elegante Dame in jägergrünem Tweed.

„Ja, mein Mercedes Cabrio Jahrgang 1968“, informierte mich der Grauäugige voll unverhohlenen Männerstolzes.

„Na Gott sei Dank“, entwich es mir erleichtert.

„Wie bitte?“

Hatte ich das etwa laut gesagt? Wie peinlich!

„Na, ich meine … Gott sei Dank kein Porsche. Mercedes ist viel eleganter, viel subtiler, nicht so prollig.“

Jetzt hält er dich nicht nur für einen stummen Stockfisch, sondern auch noch für eine oberflächliche, luxusfixierte Irre, geisterte es mir durch den Kopf. Unruhig drehte ich den dünnen Silberring an meinem linken Ringfinger hin und her.

„Absolut meine Meinung!“ Der Grauäugige nickte angetan und zeigte sich beeindruckt von meiner vorgetäuschten automobilen Fachkenntnis.

In diesem Moment des unerwarteten Triumphes erklang ein eindringliches Brummen aus meiner Tasche. Firmenhandy.

Das konnte nichts Gutes bedeuten! Im Moment standen weitreichende Entscheidungen an und Herr Schröder war seit Wochen unnatürlich aufgedreht und offenkundig übellaunig. Heute hatte er sogar seine violette Kampf-Krawatte getragen. Dieses seidene Prachtstück französischer Herkunft kam nur dann zum Einsatz, wenn Herr Schröder den Zenit der Übellaunigkeit überschritten hatte. Frei nach dem Motto: „Bis einer heult“. Ein ordentlicher Anschiss war da noch ein Glücksfall. Mit der Kampf-Krawatte konnte alles passieren!

Das Brummen verstummte. Ich kramte das Handy aus der Tasche. Nach drei Sekunde folgte ein weiterer Brummton.

 

 Brauche Sie hier!

 

Missmutig starrte ich auf die unheilvolle WhatsApp-Nachricht. Eine zweite ließ keine zwei Sekunden auf sich warten.

 

 ASAP!!!

 

„Mist. Mein Chef“, raunte ich dem Grauäugigen konspirativ zu. „Schröder, verflucht seien Sie“, murmelte ich dann mit finsterer Miene dem Handy entgegen.

Nach eineinhalb Jahren als Untergebene von Herrn Thomas Schröder, alias dem herrischen Kameltreiber der Nordica Consulting, tat sich am Horizont immer noch keine Beförderung zur Managerin auf. Dabei rackerte ich mir wöchentlich sechzig Stunden lang den Hintern ab. Mindestens. Das fand aber weder ein Fitzelchen Beachtung noch einen Schnipsel Anerkennung, denn „Nur die Harten kommen in den Garten“ war Schröders erklärter Lieblingsspruch. Den hörte ich mindestens dreimal täglich, nämlich immer dann, wenn er mir schwungvoll eine neue Akte auf den Schreibtisch donnerte.

Ja, ich ärgerte mich viel und ausufernd über meinen Chef. Oft auch mehrmals täglich und mit pantomimischer Untermalung bewährter oder ganz neu erfundener Schimpfworte. Mein Favorit lautete derzeit: „cerebral subperfundierter asinus anus“. Frei aus dem Lateinischen übersetzt: unterbelichteter Eselarsch.

Aber jedes Mal, wenn ich kurz davorstand, Schröder vor versammelter Mannschaft den Tacker an die sorgfältig pomadisierte Birne zu schleudern und die Firma mit einem dramatischen Abgang auf nimmer Wiedersehen zu verlassen, wurde mir bewusst, dass ich meinen Job mochte. Nein, ich mochte ihn nicht. Ich liebte ihn.

Ich liebte diese Welt der frisch gestärkten weißen Oberhemden, der funkelnden Manschettenknöpfe und des Orchesters von rhythmisch tippenden Fingern auf Laptop-Tastaturen. Nichts verschaffte mir so ein konspirativ heimeliges Gefühl wie das kollektive Gähnen auf den ersten, morgendlichen Flügen von Hamburg hinaus in die Metropolen dieser Welt.

Und mal ehrlich: Herr Schröder konnte zwar ein absoluter Widerling sein, aber ein schlechter Mensch war er nicht. Das versteckte er zuweilen gekonnt, aber ich wusste, dass sich tief in seinem Inneren ein gutherziger Kerl verbarg. Irgendwo unter den Tausend-Euro-Maßanzügen und den ebenso teuren wie scheußlichen Seidenkrawatten. Zum Beispiel hatte ich ihn einmal in der Mittagspause heimlich dabei beobachtet, wie er dem zotteligen Obdachlosen, der immer mit seinem noch zotteligeren Hund in der Seitenstraße unseres Büros saß, ein belegtes Brötchen aus der Bäckerei mitbrachte. Schlechte Menschen taten so etwas nicht. Und seitdem ich mit fünfundzwanzig von der Uni direkt in den Strudel der Unternehmensberater-Szene hineingesogen worden war – zusammen mit einer ganzen Armada an emsigen Uniabsolventen in billigen Anzügen –, hatte ich noch nie einen so guten Mentor gehabt wie ihn. Wenn Thomas Schröder Talent witterte, dann förderte er es zutage. Wenn nötig eben auch mit der Brechstange.

Mein Telefon brummte penetrant ein weiteres Mal.

„Cerebral subperfundierter asinus anus!“, zischte ich gefrustet. Kurz dachte ich über die Option der Arbeitsverweigerung nach, fing dann aber doch an, mich missmutig in meinen Daunenmantel zu bugsieren. Möglichst ohne dem grauhaarigen Herren im nadelgestreiften Anzug neben mir meinen Ellenbogen in die Rippen zu rammen.

„Ist was passiert?“, erkundigte sich der Grauäugige besorgt und mit hochgezogenen Brauen.

„Ich muss los, die Firma ruft“, flüsterte ich.

Die Dame in Grün guckte trotz meines Flüsterns angezickt und presste die schmalen Lippen aufeinander.

„Oh, schade.“ Er sah ernsthaft betrübt aus. Das freute mich wiederum diebisch.

„Und das Straßenschild?“, fragte er aufmerksam.

„Da hat mir mein Chef einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er vertritt ganz offensichtlich die Auffassung, dass man als persönliche Assistenz keinen Anspruch auf ein eigenes Leben hat“, entgegnete ich und schulterte meine Tasche.

„Also, ich kann gerne für Sie mitsteigern. Sie müssten mir nur den Straßennamen aufschreiben, Ihr Maximalgebot … und natürlich Ihre Kontaktdaten“, bot der Grauäugige selbstlos an.

Ich guckte verdutzt.

„Ich meine, natürlich nur, wenn das für Sie okay ist. Ihre Kontaktdaten, meine ich“, fuhr er verlegen fort.

Bildete ich mir das ein, oder hatte ich den schönen Grauäugigen mit meiner Unsicherheit angesteckt?

„Das würden Sie wirklich tun? Die Schilder kommen laut Katalog ja erst gegen Ende der Versteigerung dran“, entgegnete ich betont sachlich. Alles Fassade. In meinem Kopf spielten sich torjubelähnliche Szenen ab.

Ein zufriedenes Lächeln machte sich auf dem Gesicht meines Sitznachbarn breit. „Ach, gar kein Problem. Ich hab heute genügend Zeit mitgebracht und im Gegensatz zu Ihnen keinen drängelnden Chef, der mir im Nacken sitzt.“

Stichwort „drängelnder Chef“! Mein Handy brummte inzwischen in Dauerschleife. Herr Schröder war es eben nicht gewohnt, dass man nicht sofort sprang, wenn er pfiff.

Der eleganten Dame in Jägergrün riss endgültig der Geduldsfaden. Sie wirbelte das sorgfältig frisierte Haupthaar herum und zischte ein durchdringendes „Psst“ durch feuerrot geschminkte Lippen.

„Verzeihung!“ Ich schenkte der Dame ein verlegenes Lächeln und wandte mich sofort wieder dem Grauäugigen zu. „Hm. Tja … okay! Falls das wirklich in Ordnung für Sie ist, nehme ich Ihr Angebot sehr gerne an. Danke.“

Subtil flirtender Blick.

„Sie haben wirklich was gut bei mir!“

Noch ein subtil flirtender Blick.

Ich kramte in meiner Tasche und fand weder Stift noch Papier. Und das bei einem Tascheninhalt, mit dem ich locker vier Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt im Amazonas überleben könnte.

Die einzig brauchbaren Objekte waren ein Taschentuch – zerknautscht wie ein Crashtestdummy, aber immerhin frisch – und ein grauer Kajal. In vertrackten Situationen war Pragmatismus bekanntlich das Mittel der Wahl. Und Begegnungen, die unter die Kategorie „Flirt“ fielen, waren per se eine vertrackte Situation. Ich warf einen letzten Blick auf das verunfallte Taschentuch und schrieb dann schnell meinen Namen, meine Telefonnummer und „Buchenweg“ auf das fusselige Gewebe. Darunter: max. € 200.

Der Grauäugige nahm amüsiert meine improvisierte Visitenkarte entgegen, blickte mir in die Augen und sagte mit seiner Lagerfeuerstimme: „Florentine, sehr hübscher Name. Passt zu Ihnen.“

In meinem Magen sausten ganze Horden von Schmetterlingen hin und her. Die Contenance war endgültig dahin. Brumm, brumm, brumm. Fast kam es mir vor, als hörte man den Flatter-Orkan in meinem Bauch.

Oh, mein Handy, durchfuhr mich die wenig romantische Erkenntnis. Strafend fixierte ich das Ding und wünschte meinem verflixten Chef die Pest an den Hals und Hämorrhoiden an den Hintern.

Ich brachte nur noch ein gestammeltes „Danke“ hervor, sprang auf und manövrierte mich durch die engen Stuhlreihen. Zu meinem Leidwesen und zur allgemeinen Unzufriedenheit der Betroffenen gelang mir das nicht ohne Kollateralschäden. Mindestens drei Personen trat ich auf den Fuß, schlug ihnen meine Tasche gegen die Knie, oder beides. Dabei spürte ich unentwegt den Blick des Grauäugigen in meinem Rücken. Oder auf meinem Hintern? Das machte es jedenfalls nicht gerade einfacher, mich möglichst elegant durch das Publikum zu quetschen.

Draußen regnete es immer noch. Gleiche Intensität, aber mit Richtungswechsel. Statt von oben nun frontal. Noch ehe ich mein artistisch geparktes Auto erreichte, sah ich das weiße Knöllchen hinter meinem Scheibenwischer flattern. Durch den böigen Wind sah es fast so aus, als würde es mir zynisch zuwinken. Das Ding sollte ich Herrn Schröder eigentlich um die Ohren hauen!

Vier Stunden und zwei endlose Meetings nervenaufreibenden Inhalts später hockte ich mit rot geäderten Augen und unterirdischer Laune vor dem PC. Spontanauftrag von Schröder. Vorstandspräsentation. Super dringend. „Dringend“ und „Feierabend“ waren ziemlich dicke Kumpels in Schröders Welt. „Super dringend“ und „Wochenende“ sogar best friends forever.

Überhaupt war der Nachmittag mit Schröder grässlich gewesen. Animiert durch die Kampf-Krawatte hatte er sich geradezu selbst übertroffen. Nachdem er Birte, die bei uns gerade eine Umschulung zur Steuerfachkraft machte, öffentlich dazu geraten hatte, sich „statt um den Aufbau ihrer potthässlichen Kunstnägel gefälligst mehr um den ihrer Gehirnkapazität“ zu kümmern, und zwar „ratzifatzi!“, hatte sie die Segel gestrichen.

Ich sollte Schröder bei Gelegenheit dazu raten, ein Buch zu schreiben. Effizienter Frustabbau für narzisstische Führungskräfte – 10 todsichere Taktiken, seine Angestellten in den Wahnsinn zu treiben. Das wäre doch ein passender Titel.

Meine Gedanken an einen umjubelten Schröder auf der Frankfurter Buchmesse inmitten einer Menschentraube von anerkennend nickenden Anzugträgern wurde vom Klingeln des Handys unterbrochen. Unbekannte Nummer.

„Bergmann“, maulte ich monoton, ohne den Blick vom flackernden Bildschirm abzuwenden.

Stille.

Oh Mann, jetzt war der Jemand am anderen Ende der Leitung also auch noch zu dusselig zum Antworten!

„Bergmann, hallo?“, wiederholte ich ungeduldig.

„Hallo Florentine, Julian hier“, sagte eine Männerstimme. Julian, Julian … In meinem Hirn wühlten sich kleine Mainzelmännchen durch die abgespeicherten Namen von vertrauten und flüchtigen Bekannten. Nichts. Musste eine Verwechslung sein.

„Ich kenne keinen Julian“, antwortete ich barsch, während ich nebenher die wohl tausendste Tabelle für die Vorstandspräsentation formatierte.

„Oh sorry, ich hab ganz vergessen, mich vorhin richtig vorzustellen“, kam es zögerlich vom anderen Ende der Leitung. „Wir haben uns bei der Auktion kennengelernt. Ich hab das Schild ersteigert. Und einiges von deinem Budget ist auch noch übrig. Für hundertzwanzig Euro hab ich es gekriegt. Ich hoffe, das ist okay?“

Jetzt fiel der Groschen. Der heiße Grauäugige vom Aktionshaus. Ich dusselige Kuh! Super. Erster Eindruck: chronisch gestresste Tussi, zweiter Eindruck: frustrierte Beißzange.

„Ah, oh … Ja, klar“, stotterte ich peinlich berührt und wechselte dann in den Schnurrmodus. „Wow, danke, das ist wirklich super! Vielen Dank noch mal!“ Ein dilettantischer Versuch, meine angeknackste Reputation zu retten.

„Ach, Quatsch. Nichts zu danken, hab ich gern gemacht. Du hast aber wirklich was verpasst. Es war eine super interessante Auktion mit ein paar richtig tollen Stücken“, plauderte Julian euphorisch.

Das glaubte ich sofort. Alles war besser als mein Nachmittag in diesem Irrenhaus unter Schröders Fuchtel.

„Wie sollen wir denn die Übergabe organisieren?“, fragte Julian und sprudelte sofort weiter, ehe ich einen einzigen Piep von mir geben konnte. „Also, ich weiß ja nicht, wie deine Pläne morgen so aussehen. Aber da Samstag ist, dachte ich mir, dass die Chancen für einen gemeinsamen Kaffee gut stehen könnten?“

War da etwa Unsicherheit in seiner Stimme? Vielleicht beschlich ihn ja mittlerweile ein ungutes Gefühl, weil er sich als Konsequenz seines märtyrerhaften Spontaneinsatzes im Auktionshaus erneut mit mir treffen musste. Egal! Es zählte allein, dass ich nach Monaten der Abstinenz von sozialer Interaktion nun Aussicht auf ein Treffen mit einem interessanten Mann hatte.

„Ja, klar, sehr gerne“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. „Ich hab noch nichts vor. Ich kann mich zeitlich also ganz nach dir richten.“ Eine Millisekunde später bereute ich meine Antwort. Wie verzweifelt klang das denn jetzt bitteschön? Da hätte ich auch gleich sagen können: Hey, toller Mann, ich bin einunddreißig und zähle an meinen Wochenenden die Wollmäuse unterm Schrank, weil ich dank meiner ausufernden Arbeitszeit keinerlei Sozialkontakte pflege.

Ehe ich mich mental so richtig geißeln konnte, vernahm ich aber ein aufrichtig freudig klingendes „Super!“, gefolgt von einem „Dann lehne ich mich hiermit aus dem Fenster und schlage gleich ein Frühstück vor. Äh, natürlich nicht bei mir. In einem Café. Obwohl du selbstverständlich sehr willkommen wärst. Also nicht, dass ich etwas zu verbergen hätte. Natürlich nicht. Und Frühstück ist ja im Grunde auch Kaffee, mit Zusatz eben. Sofern du überhaupt Frühstück magst. Oder Kaffee. Sonst natürlich auch gerne Tee. Oder ein Heißgetränk deiner Wahl. Oder so …“, blubberte es aus dem Handy. Dann folgte ein resigniertes Schnaufen. „Ach Mensch, was rede ich hier eigentlich für einen Stumpfsinn?“

Obwohl wir uns erst einmal gesehen hatten, konnte ich sein verlegenes Grübchen-Schmunzeln direkt vor mir sehen. Offenbar war ich nicht die Einzige, die sich von der zwischengeschlechtlichen Date-Anbahnung heillos überfordert fühlte.

Ich musste lauthals lachen. Julian auch. Das war schön und irgendwie auch so merkwürdig vertraut. Ping, Pong, Piff, Paff. Die Schmetterlinge in meinem Bauch klatschten wie Flipperkugeln von einer Magenwand zur anderen.

Julian räusperte sich und wagte einen neuerlichen Versuch. „Also, Florentine, wie gesagt, mein Angebot steht: Frühstück mit Schildübergabe. Ich würde mich ehrlich freuen.“

Oh. Mein. Gott. Dieser tolle Typ fragte mich gerade wirklich nach einem Treffen.

„Schildübergabe mit Heißgetränk. Wie könnte ich so ein Angebot ausschlagen?“, sagte ich überraschend lässig, wie ich fand. Florentine Bergmann, cool as ice. Tschacka!

„Okay. Alles klar. Super!“, antwortete Julian. So gar nicht lässig.

Ich malte ein windschiefes Herzchen auf meine Schreibunterlage.

„Kennst du das Herr Max in der Schanze? Das ist wirklich ein netter Laden“, folgte Julians Vorschlag zum Übergabeort des Straßenschildes im anpreisenden Tonfall eines Vertriebsprofis. „Sagen wir zehn Uhr. Passt das für dich?“

„Ja, klar. Toller Laden!“ Doppel-Oh-Mein-Gott! Herr Max war mein absolutes Lieblingscafé in Hamburg. Mit ganz und gar köstlichen Backwerken. Wenn Julians Vorschlag kein Wink des Schicksals war, dann fraß ich eine dreistöckige Hochzeitstorte.

„Super!“, freute sich Julian.

„Super!“, plapperte ich. Vor lauter Euphorie fühlte ich mich ganz duselig. Nebenbei hatte ich, ohne es bewusst wahrzunehmen, ein ganzes Geschwader kleiner Herzchen rund um das erste Herz gekritzelt.

„Also dann“, sprach er.

„Also dann“, wiederholte ich. Mensch. Eben war es doch noch so gut gelaufen mit mir und der Konversation. Wann war ich von der coolen Datingqueen zum einfallslosen Papagei mutiert? Hoffentlich hatte das Gespräch bald ein Ende und ich eine Chance zur minutiösen Vorbereitung auf das Date.

Nach einer kurzen Phase angespannter Stille erlöste mich Julian. „Bis morgen, Florentine. Ich freue mich.“

„Bis morgen, Julian“, schnaufte ich – vielleicht einen Tacken zu erleichtert.

Als ich auflegte und das Handy zurück auf den überfüllten Schreibtisch legte, hinterließ es ein heißes, pochendes Gefühl an meinem Ohr. Ich hatte ein Date! Und sogar eines, zu dem ich nicht von meiner besten Freundin Sunny, der selbsternannten Kuppelkönigin, genötigt worden war.

Zielstrebig schritt ich durch das moderne Großraumbüro der Nordica Consulting zum Damen-WC, schloss mich in einer der Kabinen ein und führte ein etwa zehnsekündiges Freudentänzchen im Gangnamstyle auf. Dann schritt ich mit der professionellsten Miene, die ich zu bieten hatte, wieder an meinen Platz zurück. Voller plötzlicher Motivation baute ich sogar ein animiertes 3D-Männchen in die Vorstandspräsentation ein.

Während ich das Foliendeck fertig formatierte, legte ich mir einen Masterplan für das Date zurecht. Zehn Uhr. Das bedeutete eine sehr limitierte Vorbereitungszeit. Jedenfalls wenn man bedachte, dass mich die Aktenschlacht im Büro noch mindestens zwei weitere Stunden meiner Lebenszeit kosten würde und ich auf gesunde acht Stunden Schlaf kommen sollte. Neben dem Hineinschütten von literweise stillem Mineralwasser war Schlaf ja bekanntlich das wirksamste Mittel gegen vorzeitige Hautalterung. Zumindest, wenn man den Aussagen allerlei genetisch verwöhnter Schauspielerinnen Glauben schenken mochte.

Da Wasser aber für gewöhnlich Volumen im Körper beanspruchte, fiel eine spontane Trinkkur aus. Immerhin wollte ich bei meinem Date weder einen 3-Liter-Wassertank anstelle meines Bauches spazieren tragen, noch fünfminütliche Pipipausen riskieren.

Als ich an diesem Abend meine hellblaue Wohnungstür in der Gertigstraße aufschloss, war es zwanzig nach zehn. Natürlich hatte es im Büro noch länger gedauert als kalkuliert. Mein schöner Masterplan war dahin. Futschikato! Hauptgrund dafür: Ein Anruf von Sunny im Geisteszustand der Verzweiflung.

Sunny war seit Jahr und Tag meine beste Freundin. Als dreijährige Stöpsel im Kindergarten hatte uns die Eisbärengruppe zusammengeführt. Seitdem wir dort am allerersten Tag beide vor Heimweh in die Hose gepullert und anschließend zusammen die Schmach ertragen hatten, waren wir unzertrennlich. Daran hatte letztlich nicht einmal Marius Jaschke irgendetwas ändern können, in den wir während unseres letzten Kindergartenjahres beide unsterblich verliebt waren und an den unsere Mütter zahlreiche selbstdiktierte Liebesschwüre hatten überbringen müssen.

Nach einigen Wochen bitterböser Eifersuchts-Fehde war die Eisbärengruppe Zeuge eines finalen Duells zwischen Sunny und mir geworden. Hinterhältige Tritte gegen dürre Schienbeine und zahlreiche ausgerupfte Haare später – blonde von Sunny und kastanienbraune von mir – erklärten wir den Streit für beendet und schworen Marius Jaschke ein für alle Mal ab. So toll war er dann doch nicht gewesen. Seither war unsere Freundschaft unverwüstlich und Sunny für mich die Schwester, die ich nie gehabt hatte.

Diese Sunny hatte sich kürzlich Hals über Kopf verliebt. Zu meinem Leidwesen in einen verheirateten Typen. Seitdem unterhielt sie mit ihm eine rasante Affäre und erlebte geradezu täglich eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Und ich mit ihr. Der Status „beste Freundin“ verpflichtete eben.

Durch die ausschweifende Telefonseelsorge war nun an ein ausgiebiges Prä-Date-Beautyprogramm nicht mehr zu denken und ich entschied mich pragmatisch gegen eine Ganzkörperenthaarung. Erstens zu anstrengend, zweitens ging es hier nur um Frühstück. Ich war zwar wirklich nicht prüde, aber trotzdem hatte ich nicht vor, mir zwischen Croissant und Rührei die Klamotten vom Leib zu reißen.

Die Gesichtsmaske fiel ebenso aus. Ein Ekzem war wirklich das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte. Na ja, abgesehen von einem Date mit Röntgenblick. Somit blieb an diesem Abend eine Extraschicht Gesichtscreme meine einzige Maßnahme zur kurzfristigen Förderung der Schönheit. Danach wankte ich ins Bett und rollte mich wie eine Lakritzschnecke unter meiner kuscheligen Daunendecke zusammen. In dieser Nacht schlummerte ich wie ein Stein. Ein haariger Stein.

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war es neun Uhr drei, wie mir ein zerknautscht einäugiger Blick auf das Handydisplay verriet.

„Holy shit!“ Einem Herzinfarkt bedrohlich nahe fuhr ich in die Senkrechte. In meiner vorabendlichen Nervosität hatte ich offensichtlich völlig verpennt, den Wecker zu stellen.

Innerhalb von Millisekunden sprang ich aus dem Bett und hechtete ins Badezimmer. Während ich aus der Pyjamahose sprang und die Haare auf dem Kopf zu einem wuscheligen Knödel zusammenknüllte, kalkulierte ich den Notfallplan.

„Um pünktlich am vereinbarten Treffpunkt zu sein, bleibt jetzt genau eine halbe Stunde für das Komplettprogramm. Duschen, zehn Minuten. Anziehen, fünf Minuten. Haare bürsten und Gesicht aufmalen, fünfzehn Minuten!“, informierte ich im Tonfall eines Admirals mein Spiegelbild. „Und jetzt: Arschbacken zusammenkneifen, Florentine Bergmann! Die Zeit läuft!“, rief ich dem Spiegel einen finalen Schlachtruf entgegen, bevor meine Unterhose schwungvoll auf der Heizung landete und ich bibbernd unter die eiskalte Dusche hopste. Immerhin das Bindegewebe sollte jetzt angemessen gestrafft sein!

Um neun Uhr vierzig, also eigentlich zehn Minuten hinter dem Plan, sprang ich mit dem Feingefühl und dem Geräuschpegel eines Poltergeistes das Treppenhaus hinunter.

Ich war zufrieden. Meine Erscheinung war zwar meilenweit von „hinreißend“ entfernt, konnte aber durchaus als „passabel“ bezeichnet werden. Jedenfalls sofern ich nicht noch plötzlich den Halt verlor, mit Karacho über das Geländer segelte und mir einen bösen Splitterbruch der Gesichtsknochen zuzog. Das passierte nicht, und so blieb der Status meines Erscheinungsbildes glücklicherweise bei passabel.

Die „Auf-meinem-Kopf-hat-ein-Nagetier-Nestbau-betrieben“-Frisur von vor dreißig Minuten war einem ordentlichen Pferdeschwanz gewichen, der mir in leichten Wellen über die Schultern fiel. Aufgemalt hatte ich mir kein gänzlich neues Gesicht – dazu hatte die Zeit gefehlt –, aber immerhin war das alte Gesicht durch Mascara, Lipgloss und pfirsichfarbenes Rouge frisch in Szene gesetzt. Mein Outfit konnte im besten Fall als unspektakulär beschrieben werden. Dunkelblaue Röhrenjeans, dunkelblaue Chucks, mein beigefarbener Lieblings-Oversize-Pulli aus Kaschmir. Darüber der olivfarbene Steppmantel mit dem flauschigen Fleecekragen.

Als ich wenige Minuten später aus dem Bus stieg und die letzten Meter zum Café Herr Max spazierte, zitterten mir die Knie wie das Kinn eines hysterischen Kleinkindes und das Herz pochte mir bis unter die Schädeldecke.

Julian wartete schon vor der Tür. Als er mich sah, machte sich ein verschmitztes Grübchen-Lächeln auf seinem Gesicht breit.

Aus dem Frühstück wurde ein Brunch und aus dem Brunch ein Mittagessen mit fließendem Übergang zum nachmittäglichen Kaffee und Kuchen. Julian war neununddreißig, Sohn einer Floristin und eines Orthopäden und mit einem älteren Bruder namens Paul an der Ostseeküste aufgewachsen. Der war ebenfalls Orthopäde und arbeitete mit seinem Vater in einer gemeinsamen Praxis. Julian hatte Wirtschaftsingenieurswesen in Hamburg und Stockholm studiert und anschließend sieben Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Wie ich. Ein sehr gutes Zeichen, wie ich fand. Na ja, vielleicht nicht ganz wie ich. Meine Projekte hatten bisher nie Personalabbau erfordert. Julian hingegen hatte bei seinem Spezialgebiet – Umstrukturierung und Sanierung – eine arme Seele nach der anderen entlassen müssen. Das brachte zwar gutes Geld, machte ihn aber nicht glücklich. Ganz im Gegensatz zu dem Herumwerkeln an britischen Oldtimern, wobei er eine besondere Schwäche für Mercedes-Modelle aus den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern hatte. Mit Mitte zwanzig hatte er seinen ersten Oldtimer in ziemlich abgerocktem Zustand ersteigert und in Hunderten von Stunden zu einem Juwel aufgearbeitet. Ein Sammler hatte ihm das Auto für eine stolze Summe abgekauft. Es folgte der zweite, dritte und vierte Wagen und schon bald konnte Julian gut von seinem Hobby leben. Vor drei Jahren hatte er dann seinen Job in der Unternehmensberatung gekündigt, um sich ganz dem Import und der Aufarbeitung alter Sportwagen zu widmen. Seine letzte Beziehung war ebenfalls drei Jahre her und schlussendlich in die Brüche gegangen, weil seine Exfreundin nicht damit leben konnte, einen bombastisch verdienenden, meist gestressten Unternehmensberater gegen einen gut verdienenden, meist ölverschmierten Autobastler einzutauschen. Neben seinen Autos liebte Julian das Meer, Nutella und seine Familie. Allen voran seine zwei kleinen Neffen Leon und Nico, mit denen er regelmäßig Zeit verbrachte.

Nach dem geteilten Stück Käsesahnekuchen im Karolinenviertel bei Gretchens Villa hatte ich den Eindruck, Julian und ich würden uns schon ewig kennen.

Sieben Wochen später zog ich bei ihm ein.

 

2

Flo

Genau dieser Julian steht nun mit vor der Brust verschränkten Armen im Flur unserer gemeinsamen Altbauwohnung in der Hegestraße und blickt mich mit vorwurfsvoller Miene an. Noch ehe ich vollständig durch die Wohnungstür treten kann, bin ich schon in eine Diskussion verwickelt.

„Da bist du ja endlich. Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“ In seiner sonst so sanften Stimme schwingt ein unverhohlen angefressener Unterton mit.

„Da ist ja jemand richtig gut gelaunt“, murmle ich in mich hinein.

„Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist viertel vor zehn!“ Demonstrativ hält mir Julian seinen leicht gebräunten Unterarm mit dem Wald an blonden Härchen unter die Nase. 21:45 leuchtet es auf der Digitalanzeige seiner silbernen Casio-Uhr.

Wortlos nickend trete ich über die Türschwelle auf den Vorleger aus knirschender Kokosfaser. My home is my castle steht dort in schwarzen Buchstaben. Wohl eher die Festung von Mordor am heutigen Abend.

„Das ist das dritte Mal diese Woche, dass du nach halb zehn zu Hause bist. Sind das jetzt die neuen regulären Arbeitszeiten? Dein Chef hat sie doch nicht mehr alle!“ Julian tippt sich mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn. Seine grauen Augen funkeln wütend und eine imaginäre Gewitterwolke zieht mit Getöse ihre Kreise über seinem Kopf.

„Bitte, Julian.“ Flehend schaue ich an ihm vorbei ins Wohnzimmer zu unserem herrlich weichen Sofa. Da wollte ich jetzt liegen. In absoluter Stille. „Eine Diskussion über meine Arbeitszeiten oder Herrn Schröder ist gerade das Letzte, was ich brauche. Ich hatte einen super anstrengenden Tag. Ich bin hundemüde.“ Entnervt lasse ich meine dunkelbraune Aktentasche zu Boden sinken und lege meinen Trenchcoat über den Samtsessel mit den schnörkeligen Goldfüßchen. Den unbequemen Blazer werfe ich gleich hinterher.

Julian steht im Türrahmen zum Wohnzimmer und beobachtet jede meiner Bewegungen mit Argusaugen. Offenbar biete ich einen jämmerlichen Anblick, denn nach einem resignierten Schnaufen ändert er seine Strategie von Konfrontation zu Mitgefühl.

„Ich hab gekocht“, sagt er versöhnlich. „Hähnchenfilet mit Kräuterkruste und Kartoffelgratin. Ist zwar jetzt schon kalt, aber ich kann es für dich aufwärmen, wenn du magst.“

„Du hast gekocht?“, frage ich ungläubig, während ich aus meinen schwarzen Lederpumps schlüpfe. „Gibt es einen besonderen Anlass? Ich hab doch nicht etwa irgendeinen wichtigen Tag vergessen, oder?“, setze ich misstrauisch hinterher. Julian und Kochen – das ist sehr ungewöhnlich.

„Nein. Nichts Besonderes. Einfach so. Ich dachte, ein schöner gemeinsamer Freitagabend würde uns beiden mal wieder guttun“, erklärt er bemüht beiläufig. Trotzdem klingt er enttäuscht.

Auf Socken rutsche ich über den abgeschliffenen Dielenboden, schlinge die Arme um ihn und küsse ihn auf den Mund. Sein Dreitagebart kitzelt meine Lippen. Wie schön es doch ist, nach einem langen Arbeitstag zu ihm nach Hause zu kommen. Sogar zu dieser mürrischen Version von ihm.

„Danke, Schnuffi!“

Julian liebt es, wenn ich ihn so nenne. Meistens trägt ein süßes „Schnuffi“ nicht unerheblich dazu bei, dass er sich bei einem drohenden Streit doch noch erweichen lässt.

„Wirklich, du bist der Beste“, flüstere ich ihm zwischen zwei gehauchten Küssen ins Ohr.

Julians Miene hellt sich schlagartig auf. Die Gewitterwolke schrumpft zu einem grauen Klumpen zusammen.

„Aber wenn ich ganz ehrlich bin, Schnuffi, hab ich kein bisschen Hunger“, gebe ich zögerlich zu, während ich durch sein sandfarbenes Haar streiche.

Julians rechte Augenbraue fährt ruckartig eine Etage höher. Hab-Acht-Stellung!

„Ein Glas Wein mit dir auf dem Sofa und ein Film zum Entspannen wären aber fantastisch. Okay?“, füge ich eilig hinzu und klimpere mit den Augen wie die Maus in Die Sendung mit der Maus. Nur das charakteristisch klappernde Geräusch fehlt. Sonst wäre es sehr authentisch gewesen.

Da muss Julian dann doch unfreiwillig lachen. Gewitterwolke verpufft.

„Na gut, Maus. Wie du magst.“ Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn und verschwindet in der Küche. Während ich ihn mit den Weingläsern hantieren höre, lasse ich mich auf unser großes graues Sofa sinken und ziehe mir die kuschelige Decke aus Mohair bis unters Kinn. Die haben wir im letzten Oktober bei einem Kurztrip nach Dublin gekauft und ihr farbenfrohes Karomuster kann mich sogar nach Arbeitstagen wie diesem aufmuntern.

Mannomann, mir tut alles weh. Wie kann man sich mit dreiunddreißig nur so verdammt alt fühlen? Okay, dreiunddreißig ist nicht mehr achtzehn, aber doch auch nicht siebzig! Im Moment quetscht die Arbeit einfach alle Energiereserven aus mir heraus wie ein Barkeeper trüb-sauren Saft aus einer Limone. Das aktuelle Projekt, das ständige Reisen, die schier endlosen Bürotage.

All das ist auch ohne Schröder schon anstrengend genug. Der setzt dem Arbeitserlebnis aktuell nur noch die Krone auf. Aufgrund diverser, höchst brisanter Projekte schwankt sein Seelenzustand minütlich zwischen dem eines launisch polternden Egozentrikers und dem einer kapriziösen Prima Ballerina. Dass er sich nächste Woche auf irgendeine südliche Insel in den Urlaub vertschüssen würde, machte es auch nicht besser. Offene To-Dos waren ihm ein Graus. Da konnte er nicht entspannen. Und damit auch kein anderer.

Aber ich hab es ja so gewollt. Die Beförderung vor neun Monaten von der Senior-Associate-Stelle hin zum lang ersehnten Manager-Posten hat neben der neuen Visitenkarte aus cremeweißem Büttenpapier genau eins mit sich gebracht: noch mehr Arbeit. Frei nach dem Motto: „Du hast es so gewollt, Weib! Jetzt wirst du auch geknechtet!“

Und so kenne ich mittlerweile die Flughäfen der Republik besser als ihre Innenstädte, nehme an den Geburtstags- und Einweihungsfeiern meiner Freunde meist nur über die sozialen Medien teil, und ein Haustier hätte bei mir eine geringere Überlebenserwartung als ein Nutellaglas in Julians Nähe.

Mit ihm hab ich zwar einen echten Traummann an meiner Seite, aber aktuell bleibt einfach kaum Zeit und Energie für unser gemeinsames Leben.

Genau dieser Traummann kommt nun mit zwei bauchigen Gläsern Rotwein aus der Küche getapst. An den Füßen hat er die dunkelblauen Hausschlappen, die ich ihm zum letzten Nikolaus geschenkt habe. Auf dem rechten Fuß steht Küsten und auf dem linken JungeKüstenjunge.

„Danke, Schnuffi.“ Dankbar nehme ich das Glas entgegen und parke meine Füße auf Julians Schoß.

„Bitte, Maus.“ Er nimmt meine freie Hand in seine. Fest und warm. „Schön, dass du da bist.“

Wir stoßen an und ich nehme einen tiefen Schluck.

„Hmmm“, seufze ich. Der Amarone, den wir von unserem letzten Besuch beim italienischen Teil meiner Familie aus Verona mitgebracht haben, schmeckt wunderbar. Wein ist einfach eine grandiose Erfindung.

Und Wein ist vor allem nicht einfach Wein. Jedenfalls nicht für mich. Wein ist ein ganzes Universum an Farben und Geschmäckern. Wein erzählt Geschichten, Wein entführt in ferne Länder. Falls die Buddhisten mit ihrer Weltanschauung tatsächlich auf dem richtigen Dampfer sein sollten und es ein nächstes Leben geben würde, dann würde ich in der nächsten Runde Sommelière werden.

„Und, wie war dein Tag, Schnuffi?“, frage ich. Trotz aller Erschöpfung bemühe ich mich redlich, den Anschein der interessierten Freundin zu wahren. Julians Augen beginnen prompt zu glänzen wie die polierten Felgen seiner Oldtimer.

„Es war super! Die Kids sind einfach klasse. Paul und ich haben mit den beiden am Timmendorfer Strand rumgetobt. Sandra ist doch gerade auf Fortbildung und Paul noch bis Mittwoch Strohwitwer. Leon, Nico und ich haben jedenfalls eine richtig coole Sandburg gebaut. Vierstöckig. Du wärst ehrlich beeindruckt gewesen, Maus.“

Beim Gedanken an seine zwei kleinen Neffen strahlt er wie ein Reaktor kurz vor der Kernschmelze. Unwillkürlich muss ich an meine Geschäftsreise nach Aachen in der vergangenen Woche denken. Tihange abschalten stand da auf einem knallgelben Zettelmeer an Fensterscheiben von Privatpersonen und Ladenlokalen. Sagte mir nichts, aber Google wusste Bescheid. Tihange ist ein Atomkraftwerk knapp hinter der belgischen Grenze. Und da Aachen bekanntlich nah an Belgien dran ist, sind die Aachener naturgemäß keine großen Freunde der „strahlenden“ Nachbarschaft.

Egal. Zurück zu den Neffen.

Nico ist inzwischen schon fünf, Leon drei Jahre alt, und beide wachsen wie Unkraut. Julian ist völlig vernarrt in die beiden und gerät jedes Mal schwer ins Schwärmen, wenn er Zeit mit ihnen verbracht hat. Besonders dann, wenn diese Zeit damit verbunden war, in Matsch oder Sand zu wühlen. Jungs eben.

Als wir uns vor zweieinhalb Jahren kennenlernten, fand ich das noch sehr, sehr süß. Inzwischen aber schrillt bei den Namen Nico und Leon ein ganzer Chor an Alarmglocken. Denn jeden Tag, den er mit den beiden verbringt, nimmt er zum Anlass, das Kinderthema auf die Tagesordnung zu bringen.

Ergänzung: das leidige Kinderthema.

Noch bevor ich überhaupt antworten kann, geht es auch schon los. Julian nimmt Fahrt auf.

„Wenn man mit den beiden so herumtobt, kriegt man sofort gute Laune. Ich kann schon verstehen, dass die Leute sagen, Kinder würden das Leben unheimlich bereichern. Das nächste Mal musst du unbedingt mitkommen, Maus!“ Aufgeregt drückt er meine Hand.

Ich bemühe mich um Contenance und nehme noch ein Schlückchen Rotwein. Seine Begeisterung rutscht an mir ab wie ein Pfannkuchen an einer neuen Teflonpfanne.

„Ich arbeite freitags“, erwidere ich kühl.

„Natürlich nicht am Freitag.“ Julian rollt theatralisch mit den Augen. „Irgendwann. Am Wochenende oder so.“ Er stellt sein Glas auf den Wohnzimmertisch. Dann beugt er sich zu mir und küsst mich auf die Nasenspitze. „Weißt du was, Maus?“

„Hm?“, lautet meine unmotivierte Minimalantwort. Na, jetzt bin ich mal gespannt, schiebe ich in Gedanken hinterher.

Julian nimmt mein Weinglas und stellt es ebenfalls auf den Wohnzimmertisch. Anschließend greift er nach meiner rechten Hand und umschließt sie mit beiden Händen. Seine Augen glänzen auf einmal verdächtig feucht. Irritiert gucke ich auf das Knäuel an Fingern.

„Ich hab mir heute vorgestellt, wie es wäre, wenn wir zusammen ein Kind hätten …“

Verdammte Axt! Mein Herz dröhnt wie ein Presslufthammer. Ba-bumm, ba-bumm. Ich höre mein Blut wie einen Sturzbach in meinen Gehörgängen rauschen. So oder so ähnlich muss sich eine Nahtoderfahrung anfühlen.

„Das wäre doch das tollste Projekt aller Zeiten, oder?“, setzt Julian nach.

Ba-bumm‚ ba-bumm.

„Ich finde, es wäre langsam der richtige Zeitpunkt, Maus. Was sagst du?“

Ba-bumm, ba-bumm, ba-bumm.

Erwartungsvoll lauert Julian auf meine Reaktion. Ich hingegen habe neben einem immensen Fluchtreflex auf einmal das dringende Bedürfnis, mir mein Rotweinglas zu schnappen, es am Wohnzimmertisch zerschellen zu lassen und mir eine Scherbe direkt in die Herzkammer zu rammen.

Tief durchatmen. Nicht hyperventilieren!, befehle ich mir und blinzle nervös in den stillen, tiefroten See in meinem Weinglas.

„Schnuffi, es freut mich wirklich sehr, dass du so einen schönen Tag mit deinen Neffen hattest. Aber …“, taste ich mich vor.

Julian legt irritiert den Kopf schief.

„… aber wir haben doch mehr als einmal darüber gesprochen, oder?“

Julian legt den Kopf noch ein wenig schiefer und kneift voller Skepsis die Augen zu engen Schlitzen zusammen.

„Kinder, ja. Irgendwann“, füge ich vorsichtig hinzu.

Das liebevolle Glänzen in Julians grauen Augen verschwindet. Seine Mundwinkel wandern gen Süden.

Ein bisschen wie unsere Angie, huscht es mir durch den Kopf.

Ich muss mich sehr bemühen, meiner Mimik weiterhin einen neutralen Anschein zu verleihen. Immerhin weiß ich ganz genau, was jetzt kommen wird. Vor meinem inneren Auge sehe ich die gleich folgende Konversation lebendig wie ein Bühnenstück: Nein, Maus. Nicht wir haben über Kinder gesprochen.

„Wir“ schön lang gezogen.

Ich habe versucht, mit dir darüber zu sprechen.

„Ich“ ebenfalls schön lang gezogen.

Aber du lässt mich jedes Mal eiskalt abblitzen!

Das „du“ zischt durch die Luft wie eine fliegende Untertasse.

Beim Gedanken an den Fortgang dieser zermürbenden Konversation würde ich Julian sehr gern prophylaktisch das Sofakissen mit dem aufgestickten Hirschkopf auf den Mund pressen.

„Nein, Maus. Ich finde nicht, dass wir darüber gesprochen haben.“ Wäre dieses „wir“ ein Kaugummi gewesen, man hätte ihn von den Zähnen aus mehrfach um den eigenen Zeigefinger wickeln können.

Ich habe versucht, mit dir darüber zu sprechen. Allerdings lässt du mich jedes Mal abblitzen, wenn ich das Wort ‚Kind‘ auch nur in den Mund nehme.“

Betonungen wie erläutert. Wusste ich es doch! Und da sollte noch mal einer sagen, recht zu haben verschaffe Genugtuung und Freude.

Flehend gucke ich zu dem zarten Holzkreuz an der gegenüberliegenden Wand. Ein dürrer Jesus baumelt da in all seinem Leid. Das Kruzifix war ein Geschenk meiner erzkatholischen italienischen Oma Cécilia. Die war nämlich der Ansicht, dass Jesus besser einen gestrengen Blick auf mich haben sollte, wenn ich schon außerhalb jeglicher familiärer Einflussnahme in wilder Ehe im fernen Deutschland hause.

„Mensch, Jesus“, murmle ich kaum hörbar. Jetzt wäre echt ein guter Zeitpunkt, eines deiner Wunder zu bewirken!, schicke ich in Gedanken hinterher und versuche, die telepathische Übertragung durch intensives Starren auf das Kruzifix zu beschleunigen.

„Maus, wir reden hier doch nicht von der Beulenpest, oder?“ Julian drückt auffordernd meine Hand zwischen seinen Händen. Nur noch mein linker, kleiner Finger guckt aus der Höhle heraus, die Julians kuchentellergroße Hände gebildet haben. Das Bild erinnert mich stark an das Beinchen eines glücklosen Grashüpfers bei der Begegnung mit einer fleischfressenden Pflanze.

Mein Blick springt besorgt zwischen Jesus und Julian hin- und her.

Julian führt sein leidenschaftliches Plädoyer indes unbeirrt fort. „Und ich will damit doch auch nicht ausdrücken, dass wir jetzt ein Kind haben sollen. Aber ich möchte schon wissen, wie du grundsätzlich dazu stehst, und darüber sprechen, wie wir uns unser gemeinsames Leben in den nächsten Jahren vorstellen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Danke, Jesus. Das hat ja toll geklappt! Ruckartig setze ich mich auf und ziehe die Beine von Julians Schoß. Meine Hand befreie ich durch ebenso ruckartiges Ziehen.

„Schnuffi, bitte.“ Verteidigungsmodus: aktiv. Italienisches Gestikulieren: aktiv. „Wir haben mehrfach darüber gesprochen. Und ich habe dir jedes Mal erklärt, wie ich dazu stehe. Jedes einzelne Mal. Kinder: ja. Irgendwann. Aber irgendwann ist nicht jetzt!“


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Mia Blum lebt und arbeitet in Hamburg. Am Norden liebt sie besonders die Weite und dass man sich von der steifen Brise so herrlich die Gedanken durchpusten lassen kann. Gleichzeitig hat sie ihr Herz an italienische Kulinarik und Lebensart verloren. Das zeigt sich auch beim Schreiben. Denn nirgends schöpft sie so viel Inspiration, wie bei langen Spaziergängen an der Alster oder einer Tasse heißen Espressos auf einer italienischen Piazza. Die Heldinnen ihrer humorvollen Geschichten sind starke, moderne Frauen und ihre alltäglichen Abenteuer.