Mordsmäßig angefressen

Kapitel 2

„Ihr habt was?“

„Einen Mord beobachtet“, wiederholte Finn, und hätte er seine Augen noch weiter aufgerissen, wären sie ihm vermutlich aus dem Kopf gesprungen.

Emily zog eine Grimasse und stellte sich wieder vor ihn. „Also, eigentlich haben wir die Tat an sich nicht gesehen, aber wir haben beobachtet, wie sie die Leiche weggeschafft haben.“
Ungläubig öffnete ich den Mund, bevor ich wiederholte: „Ihr habt was?“

Finn wechselte einen Blick mit meiner Schwester, bevor er laut hörbar murmelte: „Ich glaube, Josh hat ihr das Gehirn rausgevögelt.“

„Ich hätte meine Kamera einschalten sollen“, meinte Emmi verärgert. „Ihr Gesichtsausdruck ist Gold wert.“

Ich ignorierte beide Kommentare. „Sagt mir, dass das ein Scherz ist“, stieß ich hervor.

„Kein Scherz, dein Gesicht ist zum Schießen! Ich schwör –“

„Das mit dem Mord, Emily!“

„Oh, das. Nein, das ist unser voller Ernst“, stellte sie klar und hielt mir ihren Finger ins Gesicht, um besagte Ernsthaftigkeit noch einmal zu verdeutlichen. „Wir haben die Leiche genau gesehen! Na ja, also nicht genau, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass da Blut auf den Boden getropft ist.“ Sie legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. „Obwohl es schon sehr dunkel war und die Gestalten etwas weiter weg … aber ich gucke Fernsehen! Ich weiß doch, wie es aussieht, wenn man einen toten Körper in einen Teppich einwickelt.“

„Es war kein Teppich“, sagte Finn und schüttelte den Kopf. „Es war eine Decke.“

„Du warst doch komplett high!“, meinte Emily und zeigte ihm den Vogel. „Es war ein Teppich und er war rot. Oder blau. Vielleicht auch gelb, aber das hätte auch das Licht der Laterne sein können.“

„Ich war nicht high! Wir haben erst danach einen geraucht, aber du hast, während wir da waren, immer nur diese schwarz-weißen Pferde angestarrt. Du hast der Leiche nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt.“

Zebras, Finn! Sie heißen Zebras. Und du vergisst, dass ich die scheiß Kamera gehalten habe, ich habe genau …“

„Leute!“, unterbrach ich sie laut, bevor noch mein Gehirn platzte. „Ihr redet wirres Zeug. Was habt ihr wo und wann gesehen? Und warum geht ihr damit nicht zu Josh?“

Finn kratzte sich am Kopf. „Nun, es gibt da ein paar Kleinigkeiten, die die Sache verkomplizieren“, gab er zu.

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Weil sie illegal sind“, erklärte er irritiert, so als hätte mir das klar sein müssen.

„Nur ein bisschen illegal“, meinte Emmi, eine Hand auf ihre Brust gelegt. „Du hattest immerhin einen Schlüssel, Finn.“

„Einen Schlüssel, den ich geklaut habe“, gab er zu bedenken.

„Geliehen“, korrigierte Emily ihn.
„Ich habe ihn verloren, ich kann ihn nicht mehr zurückgeben.“

Emily machte eine wegwerfende Handbewegung. „Der Gedanke zählt, Finn!“

Ach du liebe Güte. Stöhnend legte ich den Kopf in den Nacken und winkte meinem ruhigen Nachmittag hinterher, den ich hastig hinter der drohenden Katastrophe verschwinden sehen konnte.

„Kommt einfach rein“, seufzte ich, packte beide an den Schultern und schob sie zum Eingang, bevor ich um sie herumging und die Tür aufsperrte. „Ihr werdet mir das Ganze von Anfang an erzählen müssen.“

„Eigentlich ist das alles sowieso deine Schuld, Lou“, sagte Emmi vorwurfsvoll, während wir in das kühle Treppenhaus traten. „Wir sind nur deinetwegen in den Zoo eingebrochen!“

„Ihr habt was getan?“ Meine Stimme hallte laut von den gekachelten Wänden wider, und ungläubig wandte ich mich zu ihr um.

„Pscht“, machte Finn und sah mich tadelnd an. „Willst du, dass wir in den Knast kommen?“

Keine Ahnung. Darüber würde ich genauer nachdenken müssen.

„Wir wollten auch gar nicht lange bleiben“, verteidigte sich Emily und lief die Stufen hoch. „Nur ein halbes Stündchen, um genug Material zu bekommen. Und Finn macht da doch sowieso gerade sein Praktikum. Es war also nicht total illegal.“

„Emily, ich glaube, du solltest das Wort illegal noch einmal im Duden nachschlagen, dir scheint dessen Bedeutung nämlich entfallen zu sein!“, fuhr ich sie an. „Was denkt ihr euch dabei, in eine öffentliche Einrichtung einzubrechen?“

„Musst du gerade sagen“, meinte Emily feindselig und blieb vor meiner Wohnungstür stehen. „Du verschaffst dir doch andauernd irgendwo widerrechtlich Zutritt!“

Ja, natürlich. Aber doch nur, um dem Allgemeinwohl zu dienen – und meine Neugierde zu befriedigen. Außerdem log ich mir den Weg durch eine verschlossene Tür. Ich musste keine Schlüssel stehlen. Es war also etwas vollkommen anderes!

„Es ist doch auch nicht wichtig, was wir getan haben“, versuchte Finn die Wogen zu glätten, während ich etwas zu energisch die Tür aufschloss, sodass das Holz bedrohlich knarzte. „Wichtig ist, was wir gesehen haben.“

Oh, da war ich anderer Meinung, aber ich wusste es besser, als auf taube Ohren einzureden. „Was zum Teufel wolltet ihr überhaupt dort?“, wollte ich wissen und stieß die Tür auf.

„Hab ich doch gesagt“, meinte Emily augenverdrehend. „Unser Plan war es, Material zu sammeln!“

Sprach sie absichtlich in Rätseln oder hatte das viele Gras, das sie rauchte, ihr nun endgültig die Fähigkeit genommen, zusammenhängende Sätze zu formulieren? „Material für was, Emmi?“, fragte ich ungeduldig, während ich die beiden kriminellen Unschuldsengel in meine Wohnung schubste und die Tür schloss. Twinky, mein verhaltensgestörter Kater, kam mir entgegen, grüßte mich mit einem lauten Maunzen und ließ sich dann auf den Rücken fallen, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Finn war nur allzu bereit, der Bitte nachzukommen, während ich meine Schwester fordernd ansah.

„Na, Videomaterial für ‚Das geheime Leben der Louisa Manu‘ natürlich“, meinte sie kopfschüttelnd. „Gott, Finn hat recht. Der viele Sex, den du zurzeit bekommst, vernebelt dein Gehirn. Du warst doch mal halbwegs klug.“

Das geheime Leben der Louisa Manu? Ich hatte inständig gehofft, dass sie ihre Idee, eine Art YouTube-Serie über mein Leben zu führen, wieder vergessen hatte. Das erste Video, das sie online gestellt hatte, war furchtbar gewesen! Und es existierte nur noch, weil es absurderweise tatsächlich den Umsatz meines Blumenladens gesteigert hatte. Aber das hieß nicht, dass ich heiß darauf war, mich erneut im Internet lächerlich zu machen! Das bewerkstelligte ich im realen Leben nämlich schon zur Genüge.

„Was hat ein Zoo denn bitte mit meinem Leben zu tun?“, wollte ich irritiert wissen.

Emmi zuckte die Achseln, warf ihr frisch blondiertes Haar über die Schulter und durchquerte mein Wohnzimmer, um sich auf die Couch fallen zu lassen. „Ich wollte dich mit einem Elefanten im Porzellanladen vergleichen und dachte mir, dass es doch ganz cool wäre, das mit einem echten Elefanten zu verbildlichen. Und bei Nacht wirkt das alles so viel dramatischer. Aber der Elefant war nicht sonderlich artistisch und das Porzellan ist immer gleich zerbrochen, sobald wir es über den Zaun geworfen haben, also …“ Sie hob enttäuscht die Schultern.

„Wow“, sagte ich trocken. „Du schmeichelst mir, Emily.“

Meine Schwester klimperte mit den Wimpern. „Ich schäme mich für nichts.“

Das war mir klar. Es war ihre Superkraft.

„Lou …“, unterbrach Finn meine Gedanken. Er strich Twinky ein letztes Mal über den Bauch und stellte sich dann neben mich.

„Ja?“, fragte ich.

„Du hast eine Gurke gefüllt mit Blumen auf deinem Tisch stehen.“

„Ich weiß“, meinte ich erschöpft. „Das hält sie länger frisch.“

„Ach so“, sagte Finn, nickte und ließ sich neben Emily auf die Couch sinken. „Ich dachte, es wäre vielleicht ein Versehen oder so was.“

„Du dachtest, ich hätte aus Versehen Blumen in eine ausgehöhlte Gurke gesteckt?“, hakte ich nach. Nur um sicher zu gehen.

Finn zuckte die Schultern. „Na ja, du hast ganz offensichtlich einen an der Klatsche. So unwahrscheinlich ist das also gar nicht.“

Ich verengte die Augen. „Finn, darf ich dir einen Tipp geben? Für die Zukunft? Wenn du Hilfe von jemandem willst, bezeichne ihn nicht als bekloppt.“

Für einige Sekunden schien er angestrengt über diesen Vorschlag nachzudenken, bevor er nickte. „Okay. Wäre vielleicht mal ein neuer Ansatzpunkt. Aber ich dachte, du stehst drauf, ein bisschen verrückt zu sein. Ich meine, Josh steht drauf, oder nicht?“

Das wurde ja immer besser.

Ich presste die Lippen aufeinander und verengte die Augen, doch bevor ich wütend werden konnte, fiel mir Emmi in die unausgesprochenen Worte.

„Jetzt reg dich nicht darüber auf, Lou. Er hat dich doch quasi als etwas Besonderes bezeichnet und jeder Mensch möchte doch besonders sein, oder nicht?“, sagte sie. „Aber zurück zum wirklich wichtigen Thema: Unsere Filmerei im Zoo wurde am Ende von zwei Gestalten unterbrochen, die eine Leiche weggetragen haben.“

„Schön.“ Ich versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Was für Gestalten waren das?“

„Keine Ahnung. Männer, glaube ich.“

„Oder Frauen“, warf Finn ein.

„Vielleicht war es auch ein Mann und eine Frau. Die eine Gestalt war größer als die andere.“

„Seid ihr sicher, dass es nicht auch zwei Menschenaffen gewesen sein könnten? Ihr wart immerhin im Zoo“, sagte ich trocken.

„Ja, jetzt wo du es sagst“, meinte Finn und nickte. „Wenn sie die richtig gut dressiert hätten … dann wäre das unglaublich klug, oder? Menschenaffen zu benutzen, um eine Leiche wegzukarren? Ihre Fingerabdrücke würde doch nie jemand testen!“

„Das war ein Witz, Finn!“

„Oh.“ Er wirkte beinahe enttäuscht.

Emmi seufzte laut. „Sie kamen auf jeden Fall aus Richtung des Löwengeheges“, erklärte sie, öffnete ihre Handtasche und holte ein silbrig glänzendes Objekt daraus hervor. „Des Löwengeheges, Lou! Sie haben die Leiche bestimmt von den Riesenkatzen zerstückeln lassen. Aber warum machst du dir nicht einfach selbst ein Bild“, schlug sie vor und hielt mir die Kamera hin. „Wir haben das Ganze aufgenommen.“

Meine Augenbrauen flogen in die Höhe und sofort griff ich nach dem Gerät. „Ihr habt es gefilmt? Warum sagst du das nicht gleich?“

„Du warst zu sehr damit beschäftigt, uns dafür anzupflaumen, dass wir etwas Illegales getan haben“, stellte Emily weise fest. „Dabei tun wir das alles nur zu deinem Besten!“

Mhm, schon klar. Sie schadete meinem Ruf, damit mein Laden besser lief. Welch ein schönes Verkaufskonzept.

Ich beschloss, über Emmis verblendete Sicht der Dinge hinwegzusehen, klappte stattdessen die Kamera auf, ließ mich auf den Boden sinken und rief das letzte Video ab.

Das erste Bild zeigte zwei paar Füße und ein verdrecktes 1-Cent-Stück, auf dem man die Zahl kaum erkennen konnte. Inspirierendes Stillleben.

„Ist das Ding an?“, konnte man Emilys Stimme im Hintergrund vernehmen, bevor die Linse nach oben schwenkte und einen fast vollkommen schwarzen Hintergrund einfing.

„Du bist die Regisseurin“, hörte ich Finns gedämpfte Stimme. „Du musst doch wissen, ob die Kamera an ist!“

„Keine Ahnung, ich kann nichts sehen. Außerdem blendet mich dieses rotblinkende Licht total.“

Das Kamerabild wackelte, schwenkte von einer Richtung zur anderen. Straßenlaternen blitzten kurzzeitig auf, nur um dann wieder zu verwischen, bis man schließlich einen schwach beleuchteten Felsen erkennen konnte, neben dem ein dunkles Holzgerüst stand. Die Kamera wackelte stetig weiter, sodass mir beinahe schlecht wurde, während Emmi auf dem Video nuschelte: „Wo sind die ganzen Pavians … oder heißt es Paviane? Pavia? Von denen hätte ich auch gerne eine Aufnahme. Lou und das Wort Affe gehen ja quasi Hand in Hand.“

Ich nahm den Blick kurz von dem kleinen Bildschirm, um Emily und Finn zuckersüß anzulächeln. „Sagt mal“, begann ich langsam und sah zurück zu den immer noch stark schwankenden Aufnahmen, „wart ihr besoffen, als ihr das gedreht habt?“
Stille.
Meine Augen wurden groß und ungläubig öffnete ich den Mund. „Oh mein Gott! Ihr wart wirklich besoffen? Wie soll ich auch nur ein Wort glauben, das aus eurem Mund kommt, wenn eure Wahrnehmung an diesem Abend einen Dreck wert war?“
„Alkoholisiert macht der Zoo nun mal mehr Spaß“, erklärte Emily neunmalklug. „Aber wir haben kaum drei Flaschen Wein getrunken – und Bloody Marys sind ja quasi Gemüse, also … Wir wissen, was wir gesehen haben, Lou. Guck hin, gleich kommt die Leiche!“

Augenverdrehend blickte ich wieder auf das verdunkelte Display, auf dem das Bild so unkontrolliert von einer Seite zur anderen schwankte, dass man das Gefühl bekam, die Kamera sei auf dem Rücken eines tollwütigen Welpen angebracht worden.

„Ey, Emmi, was meinst du: Sind diese Pferde schwarz mit weißen Streifen oder weiß mit schwarzen Streifen?“

„Es sind Zebras, Finn!“
„Weiß ich doch, aber die Frage ist –“

„Pscht.“

Ein paar Sekunden lang hielt die Kamera still. Sie war in die Ferne gerichtet, und unter einer schwach leuchtenden Straßenlaterne konnte man ein paar hohe Bäume und Zäune erahnen. Doch sie waren viel zu weit entfernt, als dass man sie einem Gehege hätte zuordnen können.

„Hörst du das auch?“, flüsterte Emily zu genau dem Zeitpunkt, als man in den Tiefen der Schatten eine Bewegung wahrnehmen konnte. Da waren tatsächlich zwei Gestalten, die etwas Längliches trugen. Doch sie waren zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Außerdem wichen sie geschickt den Lichtkegeln aus, die die Lampen warfen. Sie trugen Kappen und dunkle Kleidung. Aber dem, was sie schleppten, konnte man weder eine Farbe noch eine genaue Form zuordnen. Das Geschehen war zu weit entfernt, der Weg viel zu düster und die Kamera besaß gefühlte minus sechs Megapixel.

„Das ist voll die Leiche“, hörte man Finn zischen, bevor ein Ruck die Kamera erfasste. Er hatte offensichtlich an Emilys Arm gerissen. Emmi quietschte leise im Hintergrund, bevor ihre hastigen Schritte durch die Lautsprecher drangen. Die Gestalten waren längst nicht mehr zu erkennen, stattdessen sah man mehrere Glasfassaden, das Holzgerüst von vorhin und dann den Boden. Den Boden. Den Boden. Das glitzernde Eichenblatt des Cent-Stücks. Den Boden. Und dann wurde der Bildschirm schwarz.

Ich ließ die Kamera sinken und hob langsam den Blick zu Emily und Finn, die mich erwartungsvoll ansahen.
„Und?“, wollte meine Schwester wissen, während sie mit dem Fuß nervös auf- und abwippte.

Ich räusperte mich. „Lasst mich nur noch mal kurz zusammenfassen: Ihr seid illegal in den Zoo eingebrochen, habt euch ordentlich betrunken und dann im Stockdunkeln beobachtet, wie zwei vermummte Gestalten, die vielleicht männlich waren oder aber auch weiblich oder aber auch zwei sehr große Affen, ein leichenförmiges Etwas weggeschafft haben? War das bevor oder nachdem ihr einen Joint geraucht habt?“

„Davor!“, sagte Emily triumphierend.
„Na, wenn es davor war, dann ist ja alles geklärt. Dann versteh ich gar nicht, warum ihr damit nicht zu Josh oder gleich zum FBI gegangen seid.“

„Weil Josh uns nicht geglaubt hätte und es das FBI nur in Amerika gibt“, sagte Finn dümmlich.
„Oh mein Gott, Finn, das weiß ich!“, fuhr ich ihn an. „Denn dieses Video beweist gar nichts. Außer, dass ihr eine stete Kameraführung für unnötig haltet, ihr nicht die Einzigen wart, die nachts im Zoo umhergewandert sind, und du wirklich lernen solltest, was ein Zebra ist, wenn du als Tierpfleger arbeiten willst!“

„Zebras sind auch nur Pferde, die sich für was Besseres halten“, belehrte mich Finn bissig. „Und es war eine beschissene Leiche, die sie da getragen haben, Lou! Ich weiß, wie die aussehen. Das Ding, was sie geschleppt haben, war schwer und länglich – und was sonst sollte man nachts beseitigen, wenn nicht eine Leiche? Es ergibt absolut Sinn.“

„Der Gegenstand, den sie getragen haben, hätte alles sein können, Finn!“

„Ach ja? Was denn zum Beispiel?“

„Zum Beispiel …“ Ich verstummte, überlegte, öffnete den Mund – doch mir wollte partout nichts einfallen. „Keine Ahnung!“, kapitulierte ich schließlich. „Aber die Polizei wird aufgrund dieses Videos und den Zeugenaussagen von zwei betrunkenen Verbrechern nicht den ganzen Zoo umgraben.“

„Natürlich nicht“, meinte Emmi und nickte. „Deswegen sind wir ja auch zu dir gekommen.“

„Puh, okay … ich könnte sicherlich einige Überzeugungsarbeit bei Josh leisten, sodass er zumindest mal beim Zoo vorbeifährt, aber –“

„Gott, nein!“, rief Finn sofort und Panik spiegelte sich in seinen Augen wider. „Josh darf nie erfahren, dass ich irgendwo eingebrochen bin! Er würde mich direkt beschuldigen, eine Straftat begangen zu haben.“

„Ihr habt ja auch eine Straftat –“

„Meine Güte, seit wann bist du eine solche Spielverderberin?“, unterbrach Emily mich schnaubend. „Du schläfst mit einem Bullen, nicht mit einem Gesetzbuch. Wir haben nichts Schlimmes getan. Die Tiere haben sich über unseren Besuch gefreut. Also, komm drüber hinweg, dass ich dich als Elefant bezeichnet habe, und konzentrier dich! Wir wollen nicht, dass du mit der Polizei redest, wir wollen, dass du dein Blumendetektivin-Ding abziehst.“

Prustend schüttelte ich den Kopf. „Ich bin in Rente, Emmi. Der Laden läuft gut, ich brauche keine weitere Aufmerksamkeit.“ Außerdem war nach allem, was ich wusste, überhaupt kein Mord geschehen.

„Als ob du des Marketingeffektes wegen auf deine bekloppten Mörderjagden gegangen bist“, sagte Emmi und zeigte mir den Vogel. „Du liebst es, im Dreck anderer zu wühlen. Das ist deine große Leidenschaft. Du bist eine … Menschengärtnerin!“

Ich verdrehte die Augen. „Netter Neologismus, aber ihr habt überhaupt keine Anhaltspunkte. Selbst wenn ich nicht in Rente wäre – es gäbe nichts, was ich tun könnte. Es gibt ja nicht einmal eine Leiche.“

„Nur, weil du die Leiche nicht gesehen hast, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt“, sagte Finn ernst. „Komm schon, Lou. Vielleicht ist es wirklich nichts. Vielleicht haben unsere Augen uns einen Streich gespielt. Aber was, wenn nicht?“ Dramatisch riss er die Augen auf, bevor er langsam und mit eindrucksvoll tiefer Stimme hinzufügte: „Was … wenn nicht?“

Ich seufzte schwer und sah zwischen meiner Schwester und Mister Clooney hin und her.

Was wäre schon dabei, wenn ich mal beim Zoo vorbeisah? Das Einzige, was mich davon abhielt, war Rispos düstere Miene, die mir augenblicklich in den Kopf sprang, sobald ich daran dachte, wie ich ihm erzählte, dass ich einem möglichen Mordfall nachging. Schon wieder.

Es lief gut zwischen uns. Absurd gut! Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Und wenn ich meine Nase erneut in fremde Angelegenheiten steckte … würde das Josh überhaupt nicht gefallen. Meine von Gott gegebene Fähigkeit, mithilfe von glücklichen Zufällen Mordfälle zu lösen, hatte er bisher weder als legitimes Hobby noch als Marketingmittel anerkannt. Vielmehr war er sehr vorsichtig damit geworden, was er mir über die Fälle erzählte, die er bearbeitete. So als könne ich jederzeit aufspringen und mich auf die Suche nach dem Mörder begeben. Worüber ich zugegebenermaßen schon mehr als einmal nachgedacht hatte. Doch das musste er ja nicht wissen.

Andererseits: Ich würde in den Zoo gehen und mich ein wenig umgucken. Das war wahrlich kein Staatsschutzdelikt. Es erinnerte eher an einen Waldspaziergang. Und der war ja wohl völlig harmlos! Und wenn Emily und Finn dann aufhören würden, mich zu nerven …

„Okay, ich mach’s“, sagte ich, gab Emily die Kamera zurück und stand auf. „Ich fahr morgen mal beim Zoo vorbei und sehe mich um. Aber mehr tue nicht. Also versprecht euch nicht zu viel davon.“

Emmi lächelte breit. „Danke!“, sagte sie. „Ich passe währenddessen auch auf den Laden auf. Ich traue der neuen Mitarbeiterin nicht.“

Ja, da hatten wir etwas gemeinsam. Rebecca, das Mädchen, das ich als Ersatz für Trudi eingestellt hatte, war mir nicht geheuer. Sie war eine ausgebildete Floristin, unfassbar pünktlich und effizient, räumte die Dinge immer an ihren angestammten Platz zurück und verhielt sich allseits höflich. Es war offensichtlich, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmte.

„Bei deinem Glück findest du die Leiche innerhalb von zwanzig Minuten. Wahrscheinlich noch mit einer pinken Schleife verziert“, sagte Finn begeistert. „Am besten gehst du morgens. Ich habe die Spätschicht und muss als Praktikant erst um eins antanzen. Du kannst es wie einen Zufall aussehen lassen, damit das Ganze nicht mit Emmi und mir in Verbindung gebracht werden und Joshi mir nichts vorwerfen kann!“ Hörte sich für mich nach einem bombensicheren Plan an. „Versprichst du, Josh nichts von dem Einbruch zu sagen? Bitte?“

Ich pustete mir unsicher die Haare aus der Stirn, nickte jedoch. „Jaja, ist schon gut. Ich verrate nichts.“

Erleichtert nickte Finn. „Okay, super. Apropos Joshi: Jetzt, da du tatsächlich großen Einfluss auf ihn hast, müssen wir planen, wie wir diesen Umstand zu unser beider Nutzen verwenden können.“

„Unser beider Nutzen?“, wollte ich skeptisch wissen.

„Natürlich. Ich habe schließlich dazu beigetragen, dass ihr jetzt zusammen seid, und möchte entlohnt werden!“

„Aha. Stand das im Kleingedruckten des Vertrages, den du mir nie vorgelegt hast? Und wie genau hast du uns zusammengebracht?“

„Nun, ich war es, der vorgeschlagen hat, du sollst wieder mit ihm schlafen – und du hast ja auch auf mich gehört, oder?“, meinte er scheinheilig.

Ich schnaubte. „Du schuldest mir neunzig Euro, Finn, meine Entlohnung ist, dass ich dir noch zwei Wochen gebe, bis du sie mir zurückzahlen musst.“

Er zog eine Grimasse. „Schön, einen Versuch war es wert. Komm, Emmi, wir gehen.“

Emily nickte grinsend. „Danke, Loubalou, aber tu überrascht, wenn du die Leiche findest.“

Das würde mir nicht schwerfallen, denn ich war ziemlich sicher, dass keine Leiche existierte. „Sag mal, Finn“, sagte ich, als ich ihnen die Tür aufhielt. „Warum bist du eigentlich nicht beim Flughafen? Wolltet ihr nicht alle zusammen Mo abholen?“

Finn blinzelte, runzelte die Stirn und schlug sich dann mit der Hand dagegen. „Scheiße! Ich wusste, dass ich was vergessen habe.“ Fluchend rannte er mit Emmi im Schlepptau die Treppe hinunter.

Kopfschüttelnd sah ich ihnen hinterher. Immer, wenn ich fürchtete, ich wäre verpeilt und durcheinander, dachte ich an die beiden – und fühlte mich wie die ordentlichste, strukturierteste Person, die diese Welt zu bieten hatte.


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Saskia Louis lernte durch ihre älteren Brüder bereits früh, dass es sich gegen körperlich Stärkere meistens nur lohnt, mit Worten zu kämpfen. Auch wenn eine gut gesetzte Faust hier und da nicht zu unterschätzen ist … Seit der vierten Klasse nutzt sie jedoch ihre Bücher, um sich Freiräume zu schaffen, Tagträumen nachzuhängen und den Alltag ihres Medienmanagementstudiums in Köln einfach mal zu vergessen.

Hier geht’s zum ersten Fall, zum zweiten Fall und zum dritten Fall für die Ermittlerin wider Willen Louisa Manu.