Küssen verboten

1
F wie Flitterwochen

Keine Reise wird je wieder so viel Aufmerksamkeit erheischen wie die Reise der Flitterwochen.
In der romantischsten Suite, des zauberhaftesten Hotels, zelebrieren wir die Liebe bis ins kleinste Detail, quasi auf einem Bed Of Roses mit dem realen Mann aus unseren Träumen.

Ganz ruhig, ich habe keinen Grund, nervös zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich in das Maul eines Löwen greifen müsste.

Nein, es handelt sich nur um einen Container. Und einen gut gepflegten noch dazu – keine Schrammen, keine Beulen, polierter Edelstahl.

Leider lässt sich dieser große Bruder einer 5-Sterne-Biomülltonne nicht öffnen. Das blöde Ding ist verplombt und zugekettet, wie es sich für einen Datenschutzcontainer gehört. Lediglich oben befindet sich ein schmaler Schlitz. Und diesen habe ich genutzt, um meine wertvollen Unterlagen für das morgige Meeting zu versenken, zusammen mit einem Haufen Altpapier, der als Tarnung dienen sollte. Tja, Zweck erfüllt.

Wenn ich nur einen Hauch mehr an Privatsphäre hier in der Firma hätte – ich meine natürlich berufliche Privatsphäre. Dann müsste ich nicht immer alles abdecken und irgendwo anders darunter schieben. Wir arbeiten hier mit äußerst sensiblen Informationen und jeder meiner Teamkollegen würde dem anderen beim Wetthüpfen auf der Karriereleiter kräftig auf die Finger hopsen, mit einem freundlichen ‚Gern geschehen’ auf den Lippen.

Aber nein, wir leben eine offene Firmenkultur, ohne störende Wände und abschottende Türen. Wir teilen alles: Büroräume, Schreibtische, Computer und hin und wieder auch zwei Mitarbeiter eine Mitarbeiterin. Dienstreisen können ja so anregend sein.

Wieder ziehe ich an dem Stahldeckel, doch genauso gut könnte ich versuchen, im Sommer an einer hundertjährigen Eiche Blätter herunter zu rütteln.

Ich fummele meine Finger in den Schlitz und bleibe wie die letzten Dutzend Mal mit den Knöcheln hängen. Mit dem Daumen kann ich ein wenig auf und ab wackeln, doch das hilft mir nicht weiter. Und dabei sind meine Hände wahrlich nicht dick.

„Mist“, rutscht es mir heraus und ich trete gegen den Container, der mir bis zum Bauchnabel reicht. Na hervorragend! Jetzt ziert auch noch ein dunkler Kratzer meine cremefarbenen Ballerinas.

So komme ich nicht weiter.

Ich könnte einen Teil der Skizzen noch einmal neu anfertigen.

Nein, das reicht nicht, schließlich habe ich die Zahlen ebenso versenkt. Eigentlich steckt die ganze Präsentation mit Stumpf und Stiel im Schlund dieses Metallungeheuers. Dies ist eine meiner Grundeigenschaften: Was ich mache, mache ich richtig. Keine halben Sachen, keine Kompromisse. Schon als Kind lieferte ich in der Schule nur vollständig ausgefüllte Seiten ab. Von wegen löse Aufgabe eins bis drei auf Seite siebzehn, Absatz zwei. Und was ist mit Absatz eins und den Absätzen drei bis vier? Die gehören schließlich auch dazu.

Und schon von jeher bringe ich Wichtiges per Hand auf Papier. Zudem hat es den Vorteil, dass ich nichts diesen Datenschnüfflern in unserer Firma ins Netz tippe. Und ganz ehrlich, meine Projekte und Präsentationen mit Füller und Aquarellstiften auf Leinenpapier auszuarbeiten, gibt mir das Gefühl, etwas zu schaffen. Was sonst habe ich als Unternehmensberaterin am Ende des Tages zu zeigen? Keine Hefeteige, die ich am nächsten Tag zu Streuselschnecken formen könnte oder keine vollen Kassen, aus denen ich Bündel von Geld zähle und auch keine Hefte mit krakeliger Erstklässlerschrift, in die ich Smileys malen könnte.

Es ist doch echt zum Haare raufen. Allerdings nur im übertragenen Sinn. Ehe ich meine Frisur zerstöre, muss schon ein wenig mehr passieren, als Unterlagen zu verlieren.

Wichtige Unterlagen!

Sehr wichtige Unterlagen!

Vorsichtig taste ich nach dem Haarknoten in meinem Nacken. Alles bestens, kein Haar tanzt aus der Reihe. Der freche Kellner von heute Mittag hat mich doch tatsächlich gefragt, ob er mir nach Feierabend einen Erdbeer-Smoothie servieren dürfe, denn dieser würde so hervorragend zu meinen erdbeerblonden Haaren passen. Dazu schoss er ein Lächeln à la Bollywood und einen italienischen Blick in meine Richtung ab. Aber nicht mit mir, der Gute soll mal lieber bei seinen Spaghetti bleiben. Meine große Liebe ist mein Job. Nun gut, vielleicht nicht die große Liebe, eher meine, meine … Mein Projekt, genau mein Lebensprojekt. Ach egal, ich muss jetzt endlich diesen Container aufbekommen!

Noch einmal schiebe ich meine Hände in den Schlitz. Doch weder sind sie schmaler geworden, noch hat sich der Schlitz ausgedehnt. Und es ist bereits Viertel vor acht. Wenn ich hier nicht langsam meine Unterlagen rauskriege, werde ich morgen mitsamt meiner nichtvorhandenen Präsentation untergehen. Und niemand wird ein Rettungsboot nach mir entsenden.

Mein privates Smartphone vibriert drei Mal kurz auf dem Schreibtisch. In der Stille des Büros klingt es wie bei einem Zahnarzt für Riesen, dementsprechend rast mein Herz vor Schreck. Als es sich wieder einigermaßen eingetaktet hat, brummt das Telefon erneut.

Nun gut, ich überlasse den Container wieder seinem Datenschutz und laufe quer durch das Büro zu meinem Schreibtisch. Wenigstens steht mein Tisch in Reichweite einer Heizung und neben einem Fenster. Zwar wird der Blick hinaus begrenzt durch moderne Sichtbetonwände, die quadratisch einen Parkplatz umstehen. Aber das ist immer noch besser, als an die schnoddergelbe Wand zu starren, die meinen Schreibtisch von dem meiner Kollegin Coline gegenüber trennt.

Erneut hüpft mein Smartphone. Ich lasse mich in meinen Stuhl plumpsen und greife danach.

Drei neue Nachrichten – und die sind selbst für eine SMS kurz und knapp: ‚Wo bist Du?’ und ‚Ichwarte am Flughafen!’ und ‚ Melde Dich!

Jede SMS erhöht die Raumtemperatur um mich herum um gefühlte sieben Grad. Wie konnte ich nur Patrizia vergessen! Meine eigene Schwester! Kommt sie echt schon heute? Oh nein, oh nein, oh nein! Karl Jenkins Palladio rockt aus meinem Telefon und ich wische auf dem Display herum, um das Gespräch anzunehmen.

„Hallo Patrizia!“

„Hey, Schwesterherz. Ich bin wohlbehalten gelandet. Und das, nachdem der Flieger mit einer Stunde Verspätung losgeflogen ist und noch eine halbe Stunde über Berlin kreisen musste, so rushhourmäßig. Hast du mich vergessen?“

„Ich! Dich vergessen? Niemals!“ Meine Stimme klingt heiser und ich räuspere mich. „Vielleicht ein kleines bisschen.“

Patrizia lacht und ich stelle mir die Leute in ihrer Nähe vor, wie sie bei dem ansteckenden Lachen meiner Schwester mitgrinsen müssen. „Nein, selbstverständlich hast du mich nicht vergessen. Du hast nur nicht so richtig an mich gedacht.“

Ich winde meine Beine umeinander und sammele nicht vorhandene Staubflusen von meiner sandfarbenen Anzughose. „Ich bin gleich da.“

„Lass mich raten: Du hängst noch auf Arbeit rum.“

„Ich hänge nicht auf Arbeit rum! Aber ich bin noch im Büro.“ Vorsichtig entknote ich meine Beine wieder und streiche eine Falte aus dem Hosenstoff. „Es wird einen Moment dauern, befürchte ich.“

„Schon gut, du fleißiges Bienchen. Ich hüpfe in ein Taxi und fahre in deine Wohnung. Sind die anderen zu Hause?“

„Rosanna ist gestern zu ihrem Französischkurs nach Nizza gefahren. Aber Cinda ist da. Sie wollte für uns kochen … fällt mir dabei ein … irgendwie … “ Im Geiste klatsche ich mir gegen die Stirn. Was ist bloß los mit mir? Seit Monaten halte ich keine private Verabredung mehr ein und dabei unterlaufen mir immer häufiger Schnitzer auf Arbeit, obwohl ich viel mehr Zeit im Büro verbringe.

„Fein, dann sehen wir uns nachher. Ich freue mich.“ Patrizia schickt mir einen Schmatzer durchs Telefon.

„Ich mich auch, bis dann.“

So, und nun?

Meine Rückenlehne knarzt, als ich mich in eine freizeitorientierte Schonhaltung begebe. Das Adrenalin meiner Unterlageneskapade löst sich auf und macht ganz viel Müdigkeit Platz. Ich gähne und schließe die Augen.

Los Viktoria, denk nach! Mit der rechten Hand taste ich nach meinem Armband, welches sich um mein linkes Handgelenk schmiegt. Handgefertigte rotgoldene Blütenblätter umfassen eine zierliche Edelweißblüte in Weißgold. Das Armband schenkte mir ein gnomenhafter Goldschmied, als ich das erste Mal in Garmisch-Partenkirchen meinen Urlaub verbrachte. Das war noch vor meiner Einschulung, vielleicht war ich vier oder fünf. Seitdem fahre ich oft dorthin, um durch die Alpen zu wandern oder einfach nur auf einer Almwiese zu sitzen und zu atmen.

Ich war schon lange nicht mehr da. Eigentlich seit meinem vorletzten Studienjahr nicht mehr. Erst war da der Abschluss, daneben meine Arbeit bei Tattle Consult, meine Doktorarbeit … die letzten drei Jahre verschwimmen zu einer dunkelgrauen Zeitblase.

Mein Herz zieht sich zusammen und meine Arme und Beine fühlen sich schwer an. Selbst mein Kopf scheint eine Kuhle zwischen meine Schultern zu drücken. Heimweh, ich habe Heimweh nach den Bergen. Nach der süßen Luft, der Stille, den eisigen Bächen. Ich muss mir unbedingt etwas einfallen lassen, wie ich mich ein paar Tage davonstehlen kann.

Aber erst muss ich mir noch etwas anderes einfallen lassen.

Plan 1: Ich schließe mich die Nacht über in meinem Zimmer ein und schreibe die Präsentation neu. Dadurch, dass ich sie schon einmal geschrieben habe, sind mir alle Fakten und Zahlen mehr oder weniger geläufig. Leider fehlen mir durch meine Unachtsamkeit auch die bereits unterschriebenen Dokumente meines zukünftigen Kunden. Und die sind das Fundament meines Konzeptes.

Blöd, blöd, blöd!

Plan 2: Ich überlasse dem gierigen Datenschutzcontainer seine Beute, pfeife auf meine Vorbereitung und genieße einen entspannten Abend mit meiner Schwester und Cinda. Dann spaziere ich morgen in das Meeting und erzähle was von Staffing und Mappen von Ressourcen und mache ein wenig Kalendertetris und Bingo.

Noch blöder, noch blöder, noch blöder!

Plan 3: Ich versuche, noch ein weiteres Mal meine Hände durch den Schlitz des Containers zu quetschen und wenigstens ein paar der Dokumente herauszuangeln.

Moment! Das ich darauf nicht schon früher gekommen bin!

Ich schlüpfe aus meinen Schuhen, ziehe den Blazer aus und krempele die Ärmel meiner Bluse nach oben.

Barfuß marschiere ich zu dem Container und stelle mich davor. Meinen rechten Fuß stemme ich im unteren Teil gegen das Metall. Sofort überzieht Gänsehaut meinen Fuß.

Bäh, ist das Ding kalt.

Mit den Händen umfasse ich rechts und links den verplombten Deckel. Und nun drücke ich unten dagegen und ziehe ihn oben nach vorn. Zumindest ist dies meine Absicht. Leider lässt er sich weder drücken noch ziehen.

Okay, noch einmal. Dieses Mal mit mehr Schmackes. Der Container beginnt, sich hinten ein wenig zu heben und nach vorn zu kippen. Doch der Schwung reicht nicht. Das kann doch nicht wahr sein! Wozu schufte ich mich dreimal wöchentlich im Kraftraum ab!

Wieder stemme ich meinen Fuß gegen das Metall und ziehe oben. Und siehe da, Stück für Stück lässt sich dieser blöde Papierfresser umlegen.

Das letzte Stück renkt mir fast die Schultern aus und meine Arme werden um einen gefühlten halben Meter verlängert. Aber egal, ich lasse das Ding die letzten Zentimeter auf den Boden knallen.

Yes! Und das, was ich mir erhoffe, klappt ebenso. Das Papier im Inneren rutscht nach vorn in Richtung Schlitz.

Ich hocke mich für einen Moment auf den Datenschutzcontainer und massiere meine ausgeleierten Arme. Da raschelt es hinter mir. „Kann ich helfen?“

 

2
R wie Rezeption

An der Rezeption wird der Besucher zum Gast.
Hier findet er offene Ohren und hilfsbereite Hände und stets ein Lächeln. Und, oft ganz wichtig, Briefmarken, Kulis und vergessene Zahnbürsten.

Mit einem Ruck drehe ich mich um, dabei knalle ich mit der Ferse gegen eine Metallkante am Container.

Ich glaube, ich balle mein Gesicht zur Faust, denn der Fremde hinter mir zuckt kurz zurück.

„Alles in Ordnung?“ Er geht einen Schritt auf mich zu, noch immer zieht er seine Stirn unter den dunkelblonden Wuschelhaaren kraus. Ein Friseurbesuch könnte ihm echt nicht schaden. Wir sind hier nicht am Strand von Maui, sondern bei Tattle Consult, einer der angesehensten Beratungsfirmen in Europa.

Und wie er gekleidet ist! Jeans, weißes T-Shirt, Turnschuhe. Wer ist der Kerl?

„Wer sind Sie?“ Ich erhebe mich und stelle mich ihm gegenüber. Ein wenig muss ich zu ihm aufsehen. Irgendwie stört mich das, so barfüßig und nacktärmelig, wie ich gerade bin. Zur Beruhigung taste ich nach meinem Armband am Handgelenk.

Er lächelt mich an. Dabei gleitet der linke Mundwinkel eine Spur höher als der rechte und feine Fältchen legen sich um seine Augen. Diese haben die Farbe von bayrischen Tannenwäldern, wenn die Sommersonne durch die Wipfel scheint.

Was habe ich ihn gerade noch gefragt?

„Wir kennen uns vom Sehen. Ich bin Nik, der neue Hausmeister.“

Nik, einfach nur Nik? Wie passend für die Hausmeisterkarriere.

Und irgendwie duftet er auch nach Wald, so gar nicht nach Hausmeister. Wie riechen eigentlich Hausmeister?

Mensch, ich muss echt müde sein. Los jetzt, Viktoria, konzentriere dich!

Mit schief geneigtem Kopf steht er vor mir und sieht mich an. Ach so, ja, er will bestimmt wissen, was ich hier veranstalte.

Ich räuspere mich. „Meine Unterlagen sind aus Versehen irgendwie in dem Datenschutzcontainer gelandet.“

„Aus Versehen, irgendwie. So, so.“

Ich finde ja, dass sein Lächeln jetzt mehr einem Grinsen gleicht. Frechheit! „Es gibt keinen Grund, sich lustig zu machen!“

„Nein, natürlich nicht. Das würde mir nie einfallen.“ Seine Stimme klingt so warm und schokoladig, wie Xavier Naidoo singt. „Kann ich dir helfen?“

Er duzt mich einfach! So eine Doppelfrechheit!

„Selbstverständlich können SIE mir helfen! Schließlich sind Sie hier der Hausmeister und für solche Fälle zuständig. Ich habe morgen eine entscheidende Präsentation und benötige dafür die Unterlagen aus dem Container. Also bitte.“ Ich trete einen Schritt zur Seite und zeige auf das Metallding auf dem Boden. Irgendwie erinnert die Geste mich an die Bikinigirls in einer Werbekampagne für Männerspielzeug. Schnell ziehe ich meine Arme wieder zurück und verschränke sie vor der Brust. Das sollte die Hierarchie zwischen uns deutlich machen.

„Gewiss, Ma’am. Ich eile, mein Werkzeug zu holen.“ Und weg ist er.

Wie frech!

Mit einem Sprint hetze ich zurück zu meinem Schreibtisch und ziehe mir die Schuhe und den Blazer wieder an. Vollständig zugeknöpft betrachte ich mein Spiegelbild im Fenster. Da es draußen bereits dunkel ist, klappt das ziemlich gut. Ich streiche hier und da ein Fältchen an meinem Anzug glatt. Meine Haare befinden sich brav in dem Nackenknoten und mein Tages-Make-up müsste auch noch an Ort und Stelle sein, wie es aussieht. Mit einem himbeerfarbenen Lippenpflegestift betupfe ich noch schnell meine Lippen. Diese fühlen sich schließlich schon ziemlich trocken an.

Gestärkt durch das Gefühl, wieder ordnungsgemäß gekleidet zu sein, gehe ich zurück zum Container.

Wo bleibt der Kerl nur? So riesig ist das Gebäude ja nun auch nicht. Der ist bestimmt erst einmal schön eine qualmen gegangen. Wie ekelig.

Vermutlich hätte er dann aber nicht so waldfrisch geduftet.

Dann zieht er sich wahrscheinlich noch schnell ein Bierchen rein. Genau, das wird es sein.

Nun gut, dann helfe ich mir eben selbst. Ist eh das Beste.

Ich hocke mich hin, um nicht auf dem dreckigen Boden zu knien und fummele zum gefühlt dreihundertsiebten Mal die Finger meiner linken Hand in den Schlitz. Und in der Tat! Mit den Fingerspitzen kann ich Papier fühlen. Ja, ich komme ran – zumindest um es ein wenig zu streicheln. Ich drücke noch etwas fester. Autsch! Mein Armband pikst in mein Handgelenk, wo ich es zwischen Arm und einer Metallkante quetsche. Weiter machen! Zwischen Zeigefinger und Mittelfinger kann ich ein Blatt angeln. Ich halte die Luft an und ziehe meine Hand ganz sacht zurück. Mein Herz pocht einen Technobeat. Ich kann den Zettel schon sehen! Mit der rechten Hand greife ich danach.

Mist! Es ist nur eines meiner Tarnblätter! Gekonnt zerreiße ich es zu Konfetti.

Hinter mir höre ich jemanden lachen. Mit Sicherheit Nik, den Hausmeister.

Ich springe auf und reibe mir mein schmerzendes Handgelenk. „Auch schon zurück! Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit, ich muss noch arbeiten!“

„Ach, und ich bin wohl zu meinem Vergnügen hier?“

„Sie müssen morgen kein hundertzwanzig Jahre altes Hotel vor der Übernahme retten!“

„Nein, das muss ich nicht. Ich muss niemanden mehr retten.“ Nik wendet sich von mir ab und stellt eine rote Werkzeugkiste vor sich auf den Boden. Mit dem Rücken zu mir, kramt er darin herum. „Ich darf die Plomben nicht öffnen. Und eigentlich dürften wir nicht einmal in den Papieren darin herumstochern. Immerhin heißt dieses Ding nicht umsonst Datenschutzcontainer.“

„Papperlapapp! Schließlich will ich nur meine eigenen Unterlagen zurück haben. Die anderen geistlosen Dokumente darin sind mir völlig egal.“ Ich gehe um ihn herum, denn ich mag es nicht, wenn mir jemand den Rücken zuwendet.

„Na dann“, murmelt er. Mit der einen Hand streicht er sich immer wieder seine wuscheligen Haare aus der Stirn. Ein völlig sinnloses Unterfangen. Dabei zuckt es mir in den Händen, mir eine Schere zu greifen und dem Gewuschel ein Ende zu bereiten. Oder die Haare selbst einmal zu wuscheln.

„Da ich allerdings meinen Arbeitsplatz behalten möchte, werde ich die Plomben nicht öffnen.“ Aus den Tiefen seiner Werkzeugkiste zieht er einen simplen Schraubendreher hervor.

„Und damit soll es funktionieren? Hier sind ja nicht einmal Schrauben.“

„Aber hier.“ Nik geht um den Container herum zum Boden und zeigt mit dem Schraubendreher auf winzige Schräubchen, die die Bodenplatte mit dem Rest des Containers verbinden. Da hat sich aber jemand Mühe gegeben.

„Ich mache das nicht“, wehre ich die Fummelarbeit ab.

Nik schüttelt seinen Kopf und lacht. „Schon klar. Wir wollen ja schließlich nicht die fein manikürten Bürofingerchen beschmutzen.“

„Ich habe kein Problem damit, mir meine Finger schmutzig zu machen – wenn es der richtige Schmutz ist!“ Habe ich das wirklich gerade gesagt?

„Dann werden wir den richtigen Schmutz mal rausholen. Und SIE“, er muss das Sie gar nicht extra so betonen, „versprechen mir, dass wir mal zusammen essen gehen.“

Ich ziehe lediglich meine Augenbrauen kunstvoll in die Höhe, das wirkt eigentlich immer.

„Ich nehme das mal als ein Versprechen.“

Ja, schon klar.

Der Hausmeistersbursche kniet sich vor dem Boden des Containers nieder und schraubt zügig eine friemelwinzige Schraube nach der anderen lose. Faszinierend, wie sich seine Muskeln in seinen Unterarmen bewegen. „Netterweise wurde der Container ja schon von einer bewundernswert starken Person umgelegt, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht so aussieht.“ Niks tannengrüne Augen funkeln, als er zu mir aufsieht.

Meint er das jetzt ernst oder ironisch?

Ich schweige lieber und verschränke erneut meine starken Arme vor meiner nicht ganz so ausgeprägten Brust.

Bald nestelt Nik – mit äußerst gepflegten Fingern wohlgemerkt – die letzten Schräubchen heraus und der Boden löst sich vom Container. Er legt die Platte beiseite und zieht langsam das Papier heraus. „Die gesuchten Dokumente müssten ja oben liegen?“ Er blickt zu mir hoch und anscheinend sieht er die Fragezeichen, die in mir aufploppen. Nicht wegen seiner unschlauen Frage, sondern wegen der Tatsache, wie einfach das Metallding aufging.

„Der Container ist zwar von oben mit Plomben gesichert, aber die Grundplatte ist einfach nur angeschraubt. Und es steht nirgendwo in unseren unterschriebenen Datenschutzbestimmungen, dass diese nicht abgenommen werden darf. Ich habe es gerade noch mal schnell nachgelesen: Der Mitarbeiter verpflichtet sich, die Verplombungen an der Oberseite des Schutzcontainers unangetastet zu lassen. Und das haben wir befolgt.“

Raffiniert! Darauf hätte ich auch selbst kommen können.

Ich hocke mich neben ihn und sortiere das Papier, welches er mir reicht. Dutzende ausgedruckter Powerpointfolien mit Blabla Deep Dive hier und Blubblubb Show Case dort kommen zum Vorschein. Garniert von meterlangen Exceltabellen mit Spalten in sämtlichen Regenbogenfarben. Dreizehn Manntage rechts, ein halber Manntag links, overplanned and understaffed. Wieso führen wir eigentlich keine Frauentage?

Egal.

Oh, ein handschriftlicher Zettel meines Kollegen Otwin an unseren neuesten Blondi-Assistentinnen-Zugang. Na, wenn die das Angebot mal nicht angenommen hat.

Powerpoint, Excel, Word, Word, Excel, Powerpoint.

Eine Rechnung für ein Abendessen vom Boss unter dem Boss. Für zwei Personen, so, so. Und das zum Preis von mindestens sechs Personen!

Da! Da sind sie. Meine Unterlagen. Meine Kalkulation, die Grundrisse des Hotels, mein Strategiepapier. Alles fein säuberlich mit ultramarinblauer Tinte auf cremeweißem Papier niedergeschrieben. Eine Augenweide.

Ich springe auf und glätte, was noch zu glätten ist.

„Ich habe sie! Sie können den Müll wieder einräumen und den Container verschließen.“

An meinem Schreibtisch breite ich die Papiere aus und sortiere sie in die richtige Reihenfolge. Die meisten sind heil geblieben, einiges lässt sich mit bügeln wieder beheben und den Rest könnte ich heute Nacht noch einmal abschreiben.

Na dann, nichts wie ab nach Hause. Ich schließe meinen Schrank auf und hole meine Tasche heraus. Habe ich auch alles? Es wäre ärgerlich, wenn ich noch einmal herfahren müsste.

„Die Papiere sind zurück im Container und diesen habe ich auch wieder zugeschraubt.“ Nik kommt auf mich zu und bleibt vor mir stehen. Er sieht mich direkt an. Seine dunklen Augenbrauen verstärken noch das Grün seiner Augen.

„Äh, fein“, stottere ich. „Dann, äh, gute Nacht.“ Ich drücke den Umschlag mit meinen Dokumenten an mich, kralle mir meine Tasche und schiebe mich an ihm vorbei. Wieder nehme ich seinen frischen Waldgeruch wahr. Und wieder drückt das Heimweh nach den Bergen mein Herz zusammen.

Was macht dieser Hausmeisterkerl mit mir? Ich will das nicht!

Da reicht er mir auch noch seine rechte Hand. Für einen Moment weiß ich nicht, was ich damit tun soll, doch schließlich lege ich meine hinein. Warm und fest drückt er zu und die Wärme breitet sich über meinen Arm, über meinen Oberkörper bis in meine Knie hin aus, die sich plötzlich wie Panna cotta anfühlen.

„Ich würde mich freuen, wenn wir uns mal wieder sehen könnten. Vielleicht zu einem Mittagessen?“ Seine Stimme vibriert leicht und er hält den Atem an.

Ja klar, ich gehe mit dem Hausmeister in die Mittagspause. Damit wäre ich für den Rest der Woche, ach Quatsch für den Rest des Quartals, der Büroklatsch Nummer eins.

„Äh, sicher, das wäre nett. Ich mache aber keine Mittagspause. Dazu fehlt mir die Zeit.“ Ich entziehe ihm meine Hand und wende mich von ihm ab. „Und schalten Sie bitte das Licht aus, wenn Sie das Büro verlassen.“

„Ich habe noch etwas für dich, ich meine für Sie.“

„Legen Sie es auf meinen Schreibtisch. Ich sehe es mir morgen an.“ Und schon schließt sich die gläserne Bürotür hinter mir.


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Nadin Hardwiger wurde in Deutschland geboren, wuchs allerdings in Österreich auf und lebt heute mit ihrer eigenen Familie wieder in Deutschland. Sie arbeitet als Beraterin für ein IT-Unternehmen, doch die Sprache der Programmierung genügt ihr nicht. Begeistert stöbert sie nach Worten, ersinnt Figuren und webt Geschichten – am liebsten mit einem Glitzerkörnchen Magie und Glücks-Ende.