Mord à la provençale

Kapitel 1

Der Kuchen leuchtete golden in der Sonne und triefte vor Köstlichkeit. Alles an ihm, seine runde Form, seine satten Farben und die vom Sirup glänzenden Streusel, versprach Süße und Gehalt, eine üppige und verschwenderische Befriedigung.

„Süßer Honigkuchen für ein süßes Paar in den Flitterwochen“, sagte Helen Mansard, während sie ihn auf den Tisch stellte.

Sie war eine kleine Frau Ende vierzig, ihr wallendes Haar türmte sich auf ihrem Kopf auf, ihre Haut war wie die eines reifen Pfirsichs und ihre Figur war zierlich, aber mit großzügigen Kurven. Die großen, hellblauen, lachenden Augen und der breite Mund mit einer Unterlippe wie ein saftiges Stück Mango verliehen ihrem runden Gesicht Anmut.

Darina sog den süßen Duft ein, der von dem Kuchen aufstieg. „Der ist so berauschend wie Wein“, sagte sie. „Und wir sind schon betrunken!“ Sie lächelte den Mann an, der neben ihr auf der mit Kissen bedeckten Bank saß. Sie wirkte entspannt, ein Hinweis darauf, dass sich die Hochzeit als angenehme Überraschung herausgestellt hatte.

Darina Lisle war jetzt Darina Pigram. Der neue Nachname war zwar keine Verbesserung, dafür aber alles andere am Verheiratet-Sein. Sie strahlte Glückseligkeit aus. Das verlieh ihrem einfachen, guten Aussehen wirkliche Schönheit, ließ ihr langes, blondes Haar, das ihre Schultern umwehte, glänzen, milderte die Wirkung ihrer über ein Meter achtzig hohen Figur und lenkte die Aufmerksamkeit vom kompromisslosen Blick in ihren grauen Augen ab.

Darina betrachtete noch mal den Kuchen. Warum ließ der Ring, der vor vier Tagen auf ihren Finger geglitten war, alles in diesem goldenen Licht erscheinen? Sie hatte vor der Hochzeit schon ein Jahr mit William zusammengelebt, hatte geglaubt, ihn durch und durch zu kennen und dass die Hochzeit ihre Beziehung lediglich förmlicher machen würde. Stattdessen schien es, als hätte vertrautes Essen neue Geschmäcker angenommen.

„Ich dachte immer, frischvermählte Paare sollten die Flitterwochen allein auf einer einsamen Insel verbringen!“ Bernard Barrington Smythe, das vierte Mitglied ihrer Mittagsrunde, ersetzte die Weingläser durch Sektflöten und öffnete eine Flasche Champagner. Sein schütteres Haar war von einem Panama-Hut bedeckt, um den Kopf vor der Sonne zu schützen. Der Hut warf einen Schatten auf seine rotblonden Augenbrauen, die blasse bernsteinfarbene Augen beschützten, wie kleine Pflanzen, die an einer Felskante wachsen.

„Ich habe das immer für eine entsetzliche Vorstellung gehalten.“ Helen schnitt den Kuchen an und platzierte die Stücke auf provenzalischen Fayence-Tellern. „Alleingelassen zu werden ist wirklich das Letzte, was man als frischvermähltes Paar braucht. All der Stress und die Anspannung der Hochzeit, die anstrengende Aufgabe, Dankesbriefe zu schreiben und die Verwandten davon abzuhalten, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen, und der schreckliche Prozess, ein neues Zuhause einzurichten. Ich glaube, die perfekten Flitterwochen bestehen aus vielen, nicht zu hektischen Aktivitäten und ein paar Freunden zwischendrin.“ Sie schenkte dem frischvermählten Paar ein verschlagenes Lächeln, das ihre Rolle in der heutigen Flitterwochen-Unterhaltung bestätigte.

Bernard füllte behutsam die Gläser, drehte über jedem mit einer schwungvollen Bewegung die Flasche, um Tropfen zu vermeiden, und setzte sich dann wieder in seinen Stuhl. Sein rundlicher Körper kämpfte gegen die Einengung der weißen Designer-Jeans und des schicken Hemdes, ein Stückwerk aus gestreifter und karierter grüner und weißer Baumwolle. Er erhob sein Glas. „Sie will wagen, dass wir uns sehr geehrt fühlen, euch heute bei uns zu haben. Lasst uns auf eure Gesundheit trinken.“

Darina erhob das Glas und wechselte ein weiteres Lächeln mit ihrem Ehemann.

„Ehemann. Auf Englisch heißt es ‚husband‘.“ Sie sprach den Gedanken aus und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Was für ein seltsames Wort. Angelsächsisch nehme ich an. Erinnert an ‚bondsman‘, eine alte Bezeichnung für Leibeigene, der Haus-Sklave.“

„Wenn ich mich recht erinnere, ist es Altenglisch, und den Teil mit dem Leibeigenen kannst du vergessen“, sagte Bernard.

„Ich wusste gar nicht, dass du an der Universität warst“, unterbrach Helen.

Er warf ihr mit schiefem Kopf einen wissenden Blick zu. „Es gibt andere Wege, sich Wissen anzueignen, als sich in einer Lehranstalt einzukerkern. William, ‚husband‘ bedeutet Hausherr. Dulde diesen Unsinn nicht, sprich sofort ein Machtwort.“

Der Bräutigam lachte. Es klang leicht und amüsiert und sagte, dass er sein eigener Herr sei. „Wir haben eine Partnerschaft, keiner von uns ist der Chef.“

Darina spürte wie die Muskeln in seinem langen Bein unter ihrer Hand zuckten und legte ihre Finger fester um seinen Oberschenkel, während sie sich mit der freien Hand über den Kuchen hermachte. „Der schmeckt nach Liebe“, sagte sie mit einem zufriedenen Seufzen. „Wenn wir wirklich sind, was wir essen, sollten wir den regelmäßig auf dem Tisch haben.“

„Jeden Tag“, stimmte William zu.

„Wie ihr beide euch gegenseitig anseht, ist skandalös.“ Bernard stellte sein Glas gespielt heftig ab. „Helen, gib ihnen nicht noch mehr, sonst verschlingen sie sich hier vor unseren Augen.“

„Wenn sie sich in den Flitterwochen nicht leidenschaftlich fühlen dürfen, ist das ein schwacher Ausblick.“ Helen schob noch ein Kuchenstück auf Williams Teller.

Das Mittagessen fand im Süden Frankreichs statt, in den Hügeln nahe Grasse, wo Helen Mansard ein provenzalisches Bauernhaus gekauft hatte, ein Mas. Das gewichtige Rechteck stand stabil in den Olivenhainen, das warme Braun der Erde und das raschelnde, silbrige Grün der Bäume boten die perfekte Kulisse für den grauen Stein. Der Innenhof, in dem sie saßen, war auf zwei Seiten von Gebäuden und an den anderen beiden von Mauern abgeschirmt. Eine strategisch platzierte Lücke im südlichen Teil gab den Blick auf das intensive Blau des Mittelmeers frei. Im geschützten Hof produzierte die frühe Märzsonne genug Wärme, um draußen zu essen.

Ein makelloser Pool nahm die eine Ecke des Hofes ein. Das Wasser schwappte sachte gegen die leuchtend blauen Fliesen. Um den Pool herum sah die Bepflanzung so aus, als wäre sie erst kürzlich fertiggestellt worden, die Fülle kleiner Büsche war ein ausdrucksstarkes Zeugnis großzügiger Ausgaben.

Tatsächlich wirkte das gesamte Grundstück so gepflegt, wie man es nur durch eine saftige Finanzspritze erreichen konnte. Frischverputzte Wände und hübsch gestrichene Fensterläden, ordentliches Pflaster, teure Pflanzkübel (aus denen später ohne Frage Geranien leuchten würden) und die ansprechenden Gartenmöbel sprachen dafür, dass Helens Kochbücher sich sehr gut verkauften.

Darina lehnte ein weiteres Stück des Honigkuchens ab. „Ich muss ehrlich sagen, ich bin voll, du hast uns gut verköstigt.“ War es die frische Luft und die Sonne, die das Essen so gut schmecken ließen, oder hatte Helen einen besonderen Zauber gewirkt? Die Zutaten waren so simpel: gebratene rote Paprika in einer Anchovis-Soße, dazu knuspriges Baguette, gefolgt von verschwenderischen Mengen über dem Schnittholz der Olivenbäume gegrilltem Kaiserhummer, serviert mit Blattsalat, dessen Dressing aus Olivenöl Süße mit bestechender Zitrusfrische verband. Kühler weißer Chablis hatte das Essen ergänzt und vor der abschließenden Wohltat aus Honigkuchen und Champagner war ein Jahrgangs-Rotwein, ein 1966er Margaux, mit verschiedenen reifen und vollmundigen Käsen aufgetragen worden.

Helen hatte es sogar geschafft, sich mit ihrem Drängen auf Manöverkritik nach jedem Gang zurückzuhalten. Sie hatten höchstens fünf Minuten damit verbracht, über die Würze der Anchovis-Soße zu sprechen und ob sie von der pfeffrigen Kraft des italienischen Olivenöls aus Hausabfüllung ausgeglichen wurde; nur zehn mit der Zusammensetzung der Mayonnaise, die mit dem Hummer serviert worden war, und ob es wünschenswert war, Meeresfrüchte in Salat zu hüllen, ehe man sie grillte. Jetzt schien sie völlig vergessen zu haben, sich nach ihrer Meinung zum Honigkuchen zu erkunden.

Darina seufzte gesättigt und fühlte die Entspannung, die nur perfekt abgeschmecktes und ausgeglichenes Essen verschaffen konnte. Sie lehnte sich zurück und ließ den Frieden und die Ruhe des alten Bauernhauses und seiner Kulisse wie Seide über sich gleiten.

Helen hatte absolut recht mit dem Stress und der Anspannung beim Heiraten. Die Hochzeit selbst hatte in dem Dorf in Somerset stattgefunden, in dem Darina aufgewachsen war. Der Zeremonie in der Kirche folgte ein Empfang in einem großen Haus des Ortes, das sie zu dem Anlass angemietet hatten. Alles war an ihr vorbeigeeilt, als wäre der Tag im Zeitraffer abgelaufen, und hatte sie glücklich, aber auch atemlos gemacht. Und, oh, wie sehr sie alles vergessen wollte, was im Vorfeld passiert war, der Druck, die Diskussionen, die hektischen Abmachungen.

„Wir haben überlegt, für die Flitterwochen auf die Seychellen zu fliegen“, sagte William gerade. „Aber dann wurde uns ein Appartement in Antibes angeboten und wir waren uns einig, dass die Gelegenheit zu gut war, um sie zu verpassen.“ Auch er wirkte völlig entspannt.

„Und es ist schön, dass wir mal wieder auf den neuesten Stand kommen, Helen“, fügte Darina hinzu.

Helen und Darina waren beide Kochbuchautorinnen. Im vergangenen Jahrzehnt hatte Helen sich einen Namen gemacht. Bevor sie nach Frankreich zog, hatte sie auch in Somerset gelebt. Obwohl beinahe zwanzig Jahre zwischen ihnen Lagen, hatten sie und Darina viel Zeit miteinander verbracht, sich gegenseitig die eigenen Experimente vorgesetzt, Aromen abgesteckt, unterschiedliche regionale Küchen ausprobiert und über Wege gesprochen, den Appetit anzuregen. Dann, vor zwei Jahren, nach einer sehr erfolgreichen Fernsehserie – das Begleitbuch hatte über etliche erfreuliche Wochen die Bestseller-Liste angeführt – hatte Helen England verlassen und sich dem Mittelmeer zugewandt.

„Was für ein Plätzchen du hier gefunden hast“, sagte Darina neidvoll. „Perfekt zum Schreiben. So friedlich!“

„Zu perfekt!“ Eine bissige Note brannte in Helens Stimme und ihre vollen Lippen wurden schmaler. „Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, mir Gründe auszudenken, warum man uns nicht besuchen und hierbleiben kann. Manchmal habe ich das Gefühl, dass jeder, den ich kenne, Südfrankreich besuchen möchte. Der Sommer ist eine einzige Reihe von Ablenkungen.“

„Helen lässt sich viel zu leicht ablenken.“ Bernard rutschte in seinem Stuhl zurück. Die Krempe seines Hutes verbarg seinen Gesichtsausdruck.

Darina rückte etwas näher zu William.

„Du bist keine Hilfe“, blaffte Helen plötzlich. „Du verwandelst die Anlage in eine Fabrik.“

„Fabrik?“ William sah sich locker im hellen Innenhof um.

„Helen, geht es um das neue Projekt, das du erwähnt hast? Hör auf so geheimnisvoll zu tun und erzähl uns mehr.“

Darinas Freundin sah mürrisch aus. „Es ist eigentlich Bernards Projekt.“ Sie blickte zu dem Mann am anderen Ende des Tisches, unter dem Panama-Hut war sein Gesichtsausdruck nicht lesbar. „Halte dich nicht zurück, Bernard. Normalerweise kannst du es gar nicht erwarten, jedem davon zu erzählen.“

Bernard legte seine Arme auf den Tisch, die träge Entspannung war plötzlich verschwunden. „Du hast es für eine gute Idee gehalten. Großartiger Plan hast du gesagt. Ich dachte, du würdest dahinterstehen.“

Für einen kurzen Augenblick glaubte Darina, panische Angst in Helens Augen zu sehen, dann lachte ihre Freundin sorglos. „Bernard, du bist so ein Dummkopf! Natürlich ist es ein toller Plan. Du weißt, wie nervös ich werde, wenn etwas zwischen mir und einem Abgabetermin steht. Jetzt erzähl Darina und William alles darüber, du siehst doch, wie gespannt sie erfahren wollen, was du Schlaues gemacht hast.“ Sie reichte über den Tisch und drückte kurz seine Hand.

„Nun, hier sitzen wir, gespannt auf Einzelheiten“, ermunterte William ihn.

Helen ließ ihr Lächeln noch breiter werden.

Bernard neigte den Kopf in der Geste eines Mannes, der bescheiden unverdiente Belohnungen entgegennimmt. „Als ich diesen Ort zum ersten Mal gesehen habe, wurde mir klar, was Helen da aufgetan hatte“, setzte er an.

Dann drang das Geräusch eines Traktors an ihre Ohren, der sich der Mauer näherte. „Oh Gott, was hat der fröhliche Jacques heute vor?“

„Bitte nicht noch ein Streit, Bernard! Denk dran, er ist unser Nachbar.“

Bernard stöhnte und wand sich William und Darina zu. „Ihr fragt euch, warum Franzosen Schafe bei lebendigem Leibe verbrennen, oder alle Lastwagen Europas zum Stillstand bringen? Eine Begegnung mit Jacques Duval erklärt alles.“

Helen trommelte gereizt mit den Fingern auf den Tisch. „Er ist nur ein durchschnittlicher, französischer Chauvinist.“

„Chauvinist? Ganz genau, das Wort wurde für ihn erfunden.“

Der Traktor hielt an, sie hörten ein mechanisches Knirschen und dann strömte unaussprechlicher, schwerer Stallgeruch über die Mauer.

„Verflucht!“ Bernard sprang aus seinem Stuhl, stürmte zu einer alten Mühle aus Granit hinüber, die malerisch in einer Ecke des Hofes stand, und zog sich daran hoch, sodass er über die Mauer sehen konnte. Sein kleiner, übergewichtiger Körper balancierte riskant auf der Kante der Mühle; bei seinem Ansturm auf die Mauer hatte er seinen Hut verloren und die Sonne schien auf eine glänzend kahle Stelle, doch seine Empörung nahm der Szene alle Komik.

Darina konnte seinen Kummer nachvollziehen, kam aber nicht umhin, Bernard mit ihrem Ehemann zu vergleichen. William war groß, überragte sogar sie noch um einige Zentimeter und hatte volles, dunkles Haar. Sein Gesicht mit der Adlernase war stattlich – sie selbst empfand schneidig als die beste Beschreibung. Er hatte Ausstrahlung und einen sehr englischen Charme, der sich mit seiner Intelligenz, seiner Besonnenheit und seiner Bildung vermischte.

Darina fragte sich, was Helen an Bernard anziehend fand. Sein Schwung und seine Kraft? Sein Aussehen war es bestimmt nicht.

Monsieur.“ Bernards entrüstete Stimme drang zu ihnen herüber. „Que faîtes-vous?“

Geknurrtes Französisch waberte zusammen mit dem kräftigen, widerlichen Geruch zu ihnen herüber. Darina schnappte Worte wie salaud, connard und salopard auf.

Espèce de con!“, schrie Bernard zurück. Dann spannten sich seine Schultern an, während er sich zusammenriss. „C’est affreux, je proteste! Nous mangeons ici, dans notre cour. C’est impossible avec le perfum de votre fumier.” Bernards fließendes Französisch war mit einem starken englischen Akzent durchsetzt.

Weiteres unverständliche Grunzen und Knurren war zu hören und schloss mit: „Va done, eh, imbécile!“

Die Speckrollen in Bernards Nacken liefen vor Wut dunkelrot an. Zitternd vor Zorn sprang er von seinem Ausguck herunter und stolperte, als er auf dem Boden aufkam. „Diesem französischen Hundesohn werd ich’s zeigen“, sagte er mit knirschenden Zähnen.

Helen streckte ihm flehend einen Arm entgegen. „Liebling, du wirst nur etwas sagen, das du dann bereust. Warum kommst du nicht her, trinkst einen Kaffee und erzählst Darina und William alles über unsere Pläne?“

„Glaub nicht, dass du mich mit Schmeicheleien von einem Kräftemessen mit diesem Bastard abbringst. Er hat einen verdammt großen Haufen Mist an unserer Mauer abgeladen, und meint, dass er auch dort bleiben wird! Aber“, seine Stimme wurde plötzlich sanfter, „ich will uns nicht das Mittagessen verderben.“ Er kehrte zum Tisch zurück und betrachtete, was von ihrem Festmahl übrig war, seine Nase zuckte vor Ekel. „Kommt mit, hier können wir nicht bleiben.“

 

Im Inneren des Hauses verwirrte die Dunkelheit Darinas Augen. Sie musste warten, bis sie sich an das fehlende Sonnenlicht gewöhnt hatte, ehe sie das große, offene Wohnzimmer mit einem mächtigen Kamin und schlicht verputzten Wänden bewundern konnte. Wie schon ihm Hof sah es hier frisch renoviert aus. Nichts Pompöses, aber die schweren, französischen Möbel stammten nicht vom Flohmarkt und alles hatten einen gut erhaltenen Glanz. Der Kochbereich sah aus, als hätte er die Dienste eines erstklassigen Innenausstatters genossen und die Geräte waren nur vom Besten.

Auf einem der beiden ausladenden, gemütlichen Sofas, die in der Mitte des Raumes angeordnet waren, hatte Bernard sich niedergelassen und schenkte gerade den restlichen Champagner aus, während William sagte: „Erzähl uns mehr von Frère Jaques. Gehört ihm das Land jenseits eurer Mauer?“

Bernard stellte die leere Champagnerflasche weg und platzierte Cognac und Armagnac auf dem mächtigen, schweren und polierten Tisch. „Sein Land grenzt an das von Helen; die westliche Seite dieses Hauses und die Mauer im Hof sind die Grenze, die dann weiter mitten durch den Olivenhain läuft, den man vom Hof aus sehen kann.“

„Also, ich weiß nicht viel über französische Gesetze, aber es muss doch irgendwelche Bestimmungen gegen solche Belästigungen geben.“

„Ah, das habe ich ganz vergessen, du bist Polizist, nicht wahr?“

William rutsche etwas auf dem Sofa herum, sagte aber nichts.

„Er ist Detective, ein Inspector der Polizeitruppe von Avon und Somerset“, murmelte Darina.

„Ich weiß nicht, mit welchen Ärgernissen du dich in Südwestengland schon herumschlagen musstest, aber ich sage dir, Jacques Duval lässt das alles wie einen Streit auf dem Schulhof aussehen.“

„Vor dem vergangenen Sommer war es nicht so schlimm“, sagte Helen leise, als sie eine Cafetière auf den Tisch abstellte und dann verschwand, um Kaffeetassen zu holen.

„Nein, ich habe sein Ehrgefühl verletzt, ganz zu schweigen davon, dass ich seine Gewinne bedroht habe.“ Genugtuung webte sich in Bernards Stimme. Er ordnete Brandygläser neben den Flaschen auf dem Tisch an, setzte sich und sah etwas glücklicher aus.

„Was ist passiert?“, fragte William.

„Na ja, das wollten wir euch gerade erzählen, als der Mist uns dazwischenkam.“ Helen schenkte Kaffee ein und gab die Tassen herum. „Erzähl deine Geschichte weiter, Liebling.“ Sie schenkte Bernard ein leichtes Lächeln, das Bernard wohl wieder zu der guten Stimmung verführen sollte, die ihn bestimmt hatte, als Darina und William zum Mittagessen eingetroffen waren.

„Wir haben die alte Mühle renoviert und angefangen, Olivenöl zu produzieren“, sagte Bernard.

„Mein armer Liebling, der alte Jacques ist dir wirklich nahe gegangen. Normalerweise brauchst du mindestens zehn Minuten um zu dem Punkt zu gelangen.“ Helen stellte eine Tasse Kaffee vor ihm ab und küsste ihn sanft auf seine kahle Kopfhaut.

Bernard griff nach ihrer Hand und zog sie neben sich auf das Sofa. „War ein Mann je mehr gesegnet?“ Er lächelte sie an.

Helen zog ihre Beine an und machte es sich gemütlich. „Unser eigenes Öl war heute im Dressing und im Kuchen. Was ist dein Urteil?“, fragte sie Darina.

„Wundervoll, so ein frischer, süßer Geschmack.“ Darina ließ sich nicht von ihrer Bescheidenheit täuschen. „Aber ihr benutzt doch nicht die alte Mühle im Hof, oder?“

Helen lachte. „Die nennst du alt? Du hast die ursprüngliche Presse noch nicht gesehen! Ich hätte sie liebend gern restauriert. Sie sind traditionell, voller Geschichte und man kann hier in der Gegend immer noch einige Exemplare in Benutzung sehen. Aber Bernard meinte, dass wir moderne Ausrüstung brauchen, wenn wir ein kommerzielles Projekt angehen wollen.“

„Das klingt nach einem großen Unterfangen“, kommentierte William.

„Helen stand der Idee erst ziemlich ablehnend gegenüber, aber auf dem Grundstück stehen all diese Olivenbäume und die ganze Ernte ist bei der örtlichen Kooperative gelandet! Traditionelles Olivenöl ist gerade schwer in Mode – als Kochbuchautorin weißt du das.“ Bernard sah zu Darina. „Ich habe Helen gebeten, all ihre Kontakte zu Gourmets aufzufrischen, die Autoren, Feinkost-Großhändler und
-Einzelhändler, denen sie begegnet ist, und sie auf ein Riesengeschäft vorzubereiten.“

„Bernard hat sich mit Herz und Seele da hineingestürzt“, fügte Helen hinzu. „Er hat die ganze Ausrüstung gekauft und den Herstellungsprozess recherchiert, ehe ich überhaupt wusste, dass er nicht nur mit der Idee spielte.“ Ihr Lächeln war lieblich und ihre Stimme samtig.

„Ich habe ein neues Leben begonnen, eine zweite Karriere.“ Bernard lehnte sich entspannt in die Sofakissen hob das Glas mit seinem restlichen Champagner. „Darauf, nicht mehr in der Stadt zu leben, ohne Anzüge und ohne Eis und Schnee. Stattdessen Sonne, das gute Leben und Helen!“ Er hob ihre Hand zu seinen Lippen und prostete ihr dann mit seinem Glas zu.

Es herrschte kurz Stille, dann lachte Helen kurz und sagte: „Du hast nichts von der harten, körperlichen Arbeit, den beißenden Winterwinden und dem Mistral erzählt.“

„Was war deine erste Karriere?“, fragte William.

„Ich war bei Lloyd’s, der Londoner Versicherungsbörse, als Partner einer Mitgliederagentur und eines Versicherers. Dreißig Jahre lang habe ich einen schlichten Anzug angelegt und mich in die Stadt aufgemacht. Jetzt kann ich endlich tragen, was ich will.“  Bernard sah selbstgefällig auf seine farbenfrohe Garderobe hinab.

„Und du wirst hierherziehen?“

„Ich bin schon hergezogen, William! Fait accompli! Hab im vergangenen Herbst gerade rechtzeitig meine Sachen hergebracht, um bei der Olivenernte mit anzupacken.“

„Im vergangenen Sommer hat er die ganzen Geräte eingebaut“, sagte Helen ausdruckslos.

„Dann hattest du das schon seit einer Weile geplant?“, vermutete Darina.

„Sobald Helen diesen Ort gefunden hatte.“ Bernard strahlte. „Ich bin eines Morgens mit einem Geistesblitz aufgewacht. Ich wollte mich nicht ohne Beschäftigung hier unten niederlassen, nicht, wenn Helen so viel ihrer Zeit hinter verschlossenen Türen mit ihren Büchern verbringt.“

„Ich weiß genau, was du meinst.“ William grinste ihn an. „Ich muss mir auch ein zeitaufwändiges Hobby zulegen, bis ich in den Ruhestand gehe. Ich weiß, dass Darina nicht mit dem Schreiben aufhören wird!“

„Ah, ich begrüße einen werten Mitleidenden des Autor-Syndroms! Darauf einen Cognac.“ Bernard schob ein Glas zu William und füllte es, ehe er ablehnen konnte. „Darina kann zurückfahren, die hat von keinem der Weine, die ich so liebevoll für euch ausgesucht habe, mehr als ein Glas getrunken.“

„Sie waren wirklich wunderbar“, versicherte Darina. Sie seufzte. „Wir hätten ein Taxi bestellen sollen, statt mit dem Auto zu kommen.“

„Ihr Männer seid wirklich schlimm!“ Helen warf ein Kissen nach William. „Erzählt mir nicht, dass ihr nicht liebend gern von unseren Rezepten kostet. Und selbst wenn wir beide morgen das Schreiben aufgeben würden, gehe ich kaum davon aus, dass wir mehr von euch hätten. Das sind alles nur Ausreden, genau das zu tun, was ihr wollt.“

William schob sich das Kissen hinter den Rücken und umschloss fest die Hand seiner Braut. „Also hast du beschlossen, dein eigenes Unternehmen aufzubauen“, sagte er zu Bernard.

„Mein Traum war es mal, in einem Weingut in Bordeaux meinen eigenen Jahrgangs-Rotwein herzustellen. Olivenöl erschien mir als lohnenswerter Ersatz.“ Bernards Ton wurde ernst. „Man muss sich ebenso der Qualität verpflichten, mit den Elementen ringen und ist auf die Verbindung traditioneller und moderner Methoden angewiesen, um ein unverfälschtes Produkt mit wundervollem Geschmack herzustellen. Das Öl ist einfach ungesättigt und kann sogar Cholesterin reduzieren. Wir werden ewig leben!“

Die kurze Stille, die über sie fiel, als er endete, mochte aus Respekt oder Verblüffung entsprungen sein.

„Ich weiß nicht, ob es ein Glückstreffer war, aber das Öl, das er herstellt, ist fantastisch. Irgendwo zwischen der Süße Spaniens und dem Feuer Italiens. Es hat einen vielschichtigen Geschmack, ohne zu kräftig zu sein. Ich habe eine Flasche für euch“, sagte Helen zu Darina. „Wir lassen für den nächsten Jahrgang Blechdosen bedrucken und diesen Frühling und Sommer habe ich die unterschiedlichsten Leute eingeladen, um ihr Interesse zu wecken.“ Kein Wort mehr davon, dass sie es hasste, wenn Besucher ihr die Zeit stahlen.

„Wir haben die Gästezimmer renoviert und ein paar zusätzliche Badezimmer eingebaut. Nachdem sie Helens Gastfreundschaft kosten durften, werden wir sie dazu verführen, sich entweder mit dem Öl auszustatten oder es zu bewerben. Es wird sich zu enorm überhöhten Preisen verkaufen und uns reich machen.“

„Pass auf, dass eure Profite nicht vollständig in der Bewirtung eurer Gäste verschwinden.“ William nahm einen Schluck von seinem Cognac und sah begeistert auf das Glas. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so gut getrunken habe.“

„Der ist aus Bernards Keller. Als er sagte, dass er seine Sachen hergebracht hat, meinte er damit, dass er in einem großen Lastwagen sehr langsam durch Frankreich fuhr, über das Zentralmassiv, runter in die Provence, während er seine wertvollen Flaschen bemutterte, als wären sie Säuglinge, die nicht geweckt werden dürfen.“ Helen lachte. „Aber unsere Kunden werden provenzalische Weine probieren wollen, nicht den überteuerten Bordeaux oder die Champagner-Brühe.“

„Ich bin froh, dass du uns mit der überteuerten Brühe verwöhnst.“ William nahm noch einen Schluck von seinem Cognac und seufzte zufrieden.

„Ah, der regionale Wein ist in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden, sie werden nicht allzu sehr leiden“, sagte Bernard. „Und außerdem wollen wir ja nicht, dass der Wein das Öl oder das Essen in den Schatten stellt, oder?“

„Es scheint, dass eure Nachbarschaft an dem Projekt Anstoß genommen hat.“ Es passte zu William, dass er den Zwischenfall nicht aus den Augen verlor, der den Abschluss ihres Essens so verdorben hatte. Doch als Bernards Wut wieder aufkochte, wünschte sich Darina, er hätte das Thema nicht wieder angesprochen.

„Dieser Bastard hat seine eigene Ölmühle, stellt minderwertiges Öl her und glaubt, dass ich ihn aus dem Geschäft drängen werde.“

„Also könnte er dich als Bedrohung wahrnehmen?“

„Aber wir zielen nicht auf den lokalen Markt ab! Oder verarbeiten die Oliven anderer. Wenn überhaupt, werden wir sein Geschäft fördern. Sobald die Werbemaschine läuft, wird man uns hier die Bude einrennen. Sie werden seine Mühle genauso besichtigen wollen wie unsere und wir werden das sudfranzösische Zentrum für Olivenöl sein.“

„Bernards Ehrgeiz kennt keine Grenzen!“ Eine Schärfe war in Helens Stimme zurückgekehrt.

Er stand auf. „Kommt und schaut euch an, was wir gemacht haben.“

Doch wieder wurde die Gruppe von einem Motorengeräusch unterbrochen, als ein Auto auf das Bauernhaus zufuhr und unter lautem Hupen bremste.

„Hast du jemanden eingeladen?“, fragte Helen Bernard, während sie den Hals reckte, um von ihrem Platz aus dem Fenster zu schauen.

„Niemanden, der ganze Tag war für unsere Hochzeitsreisenden reserviert.“ Bernard ging zur Vordertür. Sie öffnete sich, ehe er sie erreicht hatte. Ein junger Mann trat ein, gefolgt von einem Mädchen, das noch keine zwanzig Jahre alt war. Er war groß und dünn, trug Jeans und Sweatshirt, sein glattes, blondes Haar war nur ein wenig zu lang und sein Gesicht wies auffällig glatte Züge auf.

„Hi Mama! Rate mal, wer da ist!“ Ein breites Lächeln brachte eine Reihe sehr weißer Zähne zum Vorschein.

„Stephen, ich wusste gar nicht, dass du herkommen würdest, was für eine schöne Überraschung!“ Helen eilte durch den Raum und schlang die Arme um ihren Sohn.

Das Mädchen blieb an der Tür stehen und beobachtete die Szene mit hellbraunen Augen. Der Pullover in hellem Pink, mit einem komplizierten Zopfmuster gestrickt, schmeichelte ihrem kleinen, kräftigen Körper nicht besonders. Er reichte ihr bis knapp über den Po, darunter sah man dicke Beine, die in engen, gepunkteten Leggins steckten. An den Füßen trug sie geschnürte Stiefeletten. Ihr langes, dunkelbraunes Haar, das aussah, als könnte es eine Wäsche vertragen, hing über ihre unförmigen Schultern und verdeckte zum Teil ihr stark geschminktes Gesicht.

„Liebling, schau wer da ist!“ Helen wandte sich zu Bernard, der Arm ihres Sohnes legte sich um sie.

„Stephen, schön dich zu sehen.“ Bernard sprang mit ausgestreckter Hand vor.

Stephen ignorierte das. Die Zähne leuchteten in seinem glatten Gesicht und seine Lippen kräuselten sich spöttisch, als er sagte: „Bernard, immer noch hier, wie ich sehe.“

Die struppigen Augenbrauen zogen sich zusammen.

Helen drückte Stephens Arm leicht. „Mein Lieber, du weißt, dass Bernard und ich zusammenwohnen. Jetzt mach keine Schwierigkeiten, kaum dass du angekommen bist. Komm her, setzt dich und trink einen Kaffee. Und willst du uns nicht vorstellen?“ Sie drehte sich um und streckte dem Mädchen an der Tür eine Hand entgegen. „Ich bin Stephens Mutter.“

„Das ist Terri“, sagte Stephen locker. „Sie wollte Südfrankreich sehen und ich sagte ihr, dass sie mitkommen könnte.“

„Wie schön dich kennenzulernen. Kannst du länger bleiben?“ Es war schwer zu entscheiden, ob die Frage an beide oder nur an den Sohn gerichtet war.
„Du und Bernard führt hier doch kein Hotel, oder?“ Die Provokation wich aus Stephens Stimme als er etwas wärmer hinzufügte: „Ich bin hier, um die Kulissen für eine neue Dramaserie unter die Lupe zu nehmen. Ich habe Terri gesagt, dass es dich nicht stören würde, wenn sie auch hierbleibt.“

„Stephen ist beim Fernsehen, er ist Produzent“, sagte Helen stolz und stellte Darina und William vor.

Bernard ging zu dem Mädchen hinüber. „Hallo, Terri, schön dich hier zu haben, komm mit und trink etwas Brandy. Du kannst vermutlich einen vertragen, nachdem du den ganzen Weg mit Stephen gefahren bist; wenn er je gelernt hat, was ein Tempolimit ist, wäre ich sehr überrascht, und was die Rechte anderer Fahrer angeht, vergiss es. Wie heißt du weiter?“

„Gott, Bernard, du bist ein Sonderling! Als ob Namen heute noch von Bedeutung wären.“ Stephen warf sich auf eines der Sofas und schenkte sich ein großes Glas Armagnac ein.

„Arden, Terri Arden.“ Sie warf sich ihr langes, strähniges Haar über die Schulter und musterte Bernard kühl. Ihre Stimme war tief und sie sprach langsam. Nicht affektiert langsam, sondern als bräuchte sie Zeit, um ihre Gedankengänge in Worte zu übersetzen. „Ich bin Mode-Designerin und arbeite mit Stephen zusammen.“ Die Erhabenheit dieser Aussage wurde verdorben, als sie hinzufügte: „Soll ich die Koffer holen?“

„Du kommst her und entspannst dich, wir können uns später um eure Sachen kümmern.“ Bernard ließ sie neben sich Platz nehmen, so weit weg von Stephen, wie er es bewerkstelligen konnte, schenkte ein Glas Cognac ein und reichte es ihr. „Helen, mehr Kaffee wäre eine gute Idee.“

Auf eine unbemerkte Weise hatte er die Führung übernommen. Darina wandte ihre Aufmerksamkeit von den Neuankömmlingen ab und betrachtete Bernard Barrington Smythe neugierig. An ihm war mehr, als man auf den ersten Blick sehen konnte.

 

 

Kapitel Zwei

Es dauerte nicht lange, bis Bernard seine Einladung wiederholte, die Mühle zu besichtigen.

Darina und William stimmten sofort zu. Stephen lehnte mit gekräuselten Lippen ab, aber Terri sah aus, als könnte sie interessiert sein.

Helen streckte ihr eine Hand entgegen. „Komm und setz dich neben mich. Du und Stephen müsst mir erzählen, was ihr so treibt.“

Diese Einladung schien alle Attraktionen auszustechen, die Bernard anbot, und Terri schob sich plump zum anderen Sofa hinüber.

Die Mühlen-Gruppe ließ Helen zwischen den beiden unerwarteten Gästen zurück, ihre Hand packte fest die ihres Sohnes.

Draußen lag der Mist-Gestank in der Luft wie Schaum auf einem See.

Bernard holte demonstrativ ein Taschentuch hervor und hielt es sich an die Nase, während er sie über den Hof zu einer großen, steinernen Scheune führte. „Das hier war die ursprüngliche Mühle, aber ich habe den alten Trichter und die Presse rausgeschmissen.“
„Wie schade – du hättest ein Museum aufmachen können“, kommentierte Darina, während sie eintraten. „Die Leute interessieren sich sehr für die Vergangenheit. Alte Rezepte und traditionelle Gerichte waren noch nie so angesagt.“

In der Mühle war es kühl und dämmerig. Mit einem Blick durch die Dunkelheit konnte Darina zwei kleine Fenster und Glastüren ausmachen, die auf eine Steinplattform hinausführten, aber es war unmöglich, mehr zu erkennen, ehe Bernard bei einer Reihe Kontrollschalter das Licht anmachte. Dann stand er da, mit gestrafften Schultern, erhobenem Kopf und einem Lächeln im Gesicht, das alles hier zu seinem Königreich erklärte.

Darina hatte noch nie eine Ölmühle für Olivenöl besichtigt, aber irgendwoher hatte sie sich das geistige Bild einer überschaubaren, bäuerlichen Industrie aufgebaut, in der mit primitiven Maschinen gearbeitet wurde. Nichts hatte sie auf diese Batterie glänzender Edelstahl-Ausrüstung vorbereitet. Es schien sich um eine Reihe großer Zylinder zu handeln, einige lagen auf der Seite, andere, deutlich dicker, standen aufrecht, alle hatten Rohre an den Enden. Das am wenigsten Befremdliche waren zwei enorme Edelstahl-Bottiche, die ein Riese vielleicht gern benutzt hätte, um eine gewaltige Kuh zu melken.

Bernard führte sie zu den Glastüren hinüber und raus auf die Steinplattform. „Hier kommen die Oliven in diesen Kisten an.“ Er deutete auf einen Stapel leerer, flacher Behälter. „Sie werden in diesen Trichter ausgeschüttet und dann in die Mühle hoch transportiert.“ Mit einem Arm wedelte er in Richtung eines Förderbandes, das vom Trichter bis zum oberen Ende der Wand führte. „Ein starker Ventilator bläst Blätter und Zweige weg, die Früchte gehen dann da rauf und kommen hier runter.“ Bernard flitzte behände durch die Glastür und zeigte seinen Gästen eine Metallrinne, die von der Wand zu einem weiteren Trichter führte. „Sie werden gleichzeitig gewaschen und dann in diese Zerkleinerungsmaschine geladen.“ Er führte sie zu einer langen, flachen Wanne, die etwa auf Hüfthöhe stand. „Das zerkleinert die Oliven zu einem Brei.“ Darina sog in einem ungewollten Keuchen die Luft ein, als sie sah, dass das Innere der Wanne aus einer eng geschlossenen Reihe rasiermesserscharfer Klingen bestand.

„Da drin kann man ohne Probleme einen Finger verlieren“, sagte William, sein Gesicht war ausdruckslos.

„Es ist fabelhaft, dadurch wird die Frucht zerhackt und nicht zerdrückt. Und es ist ein sauberer Prozess, wir müssen nicht mehr die ganzen Rückstände herausfiltern, die die alte Mühle produziert hat“, schwärmte Bernard. „Der alte Jacques hat nichts dergleichen.“

„Was ist mit den Steinen, was wird aus denen?“, fragte Darina.

Bernard grinste. „Die werden auch zerhackt, der ganze Kram wird zu einem homogenen Brei zerkleinert.“

Für einen Augenblick betrachteten sie alle die tödliche Maschine, dann fragte Darina: „Was passiert danach?“

„Der Brei kommt hier rein.“ Bernard öffnete eine der langen, tonnenförmigen Edelstahl-Vorrichtungen in der Mitte des Raumes, und zeigte, dass sie auf der gesamten Länge immer wieder von gebogenen Armen unterbrochen war, die sich um eine dünne Spindel in der Mitte wanden. „Der Brei wird mit Wasser vermischt und dann hier reingeleitet“, er öffnete eine andere, ähnlich aussehende Maschine, „wo Öl und Wasser mit der Zentrifugalkraft abgetrennt werden.“ Er ging dorthin, wo Rohre die Maschine mit einem aufrechten Edelstahl-Behälter verbanden, von dem weitere Rohre in verschiedene Richtungen führten. „Das trennt das Öl vom Wasser und dekantiert es hier rein.“ Er deutete auf die riesigen Bottiche, jeder hatte einen Ausguss.

„Und dann?“, fragte Darina.

„Dann füllen wir es in Flaschen ab oder lagern es in diesen Tanks da oben.“ Bernard wies auf den einzigen traditionellen Teil der gesamten Mühle, ein alter Holzschrank, der an der hinteren Wand stand und von mehreren länglichen, grün gestrichenen Tanks überragt wurde.

„Das scheint alles sehr modern“, sagte Darina zweifelnd. Ihre Vision des jahrhundertealten Prozesses der Ölherstellung verblasste angesichts der raffinierten Prozedur, die ihnen beschrieben worden war. Vielleicht könnte sie es besser mit der geschmeidigen, goldenen Flüssigkeit verbinden, mit der sie so gerne kochte, wenn man den Weg der Olive mitverfolgen könnte.

Sie hatte den Eindruck, dass Bernard von ihrer Reaktion enttäuscht war. „Du lässt es wie einen sehr simplen Prozess klingen“, bot sie an.

„Das alles sieht ganz ähnlich aus, wie in einem kleinen Weingut, in dem ich mal war“, kommentierte William. „Nicht exakt dieselbe Maschine natürlich, aber dort sah es ganz ähnlich aus wie hier.“

„Der Prozess ist nicht unähnlich.“ Bernard strahlte sie an; William hatte das Richtige gesagt. „Der größte Unterschied ist vielleicht, dass es keine Fermentation gibt. Das Öl ist fertig, sobald es vom Wasser getrennt ist. Es ist simpel, das ist ja das Schöne.“

„Warum macht es dann nicht jeder?“

Bernard zuckte mit den Schultern. „Es ist arbeitsintensiv. Die Bäume müssen geschnitten und gedüngt werden; die Ernte muss von Hand gemacht werden. Ein ausgewachsener Baum liefert in einem guten Jahr fünfzehn bis zwanzig Liter Öl. Wenn es regnerisch war, werden die Oliven dicker, liefern aber nicht so viel Öl, das Wetter beeinflusst die Qualität. Ganz ähnlich ist es, wenn man die noch grünen Oliven erntet, dann ist der Geschmack besonders fruchtig, sehr kräftig und entfaltet sich am Gaumen, aber der Ertrag ist nicht ansatzweise so gut wie bei den reifen, schwarzen Oliven, die einen viel süßeren Geschmack haben.“

„Wie viele Bäume stehen auf einem Hektar?“ Williams Neugier war geweckt.

„Etwa einhundertfünfzig ausgewachsene Bäume.“

„Also könnte ein Hektar bis zu dreitausend Liter liefern?“

„Deine Kopfrechenkünste sind lobenswert!“

„Und wie viele Hektar besitzt Helen?“

Bernard schenkte ihm einen schlauen Blick. „Fast fünfundzwanzig.“

„Auf der Basis könntet ihr um die 75.000 Liter pro Jahr produzieren, oder?“

Bernards Gesichtsausdruck wurde schmerzerfüllt. „Die haben hier ein unglaubliches System. Die Bauern bekommen die Hälfte von dem, was sie ernten. Wenn ich also den ganzen Ertrag haben will, muss ich die verdammten Dinger zurückkaufen.“

„Kommt das nicht sicher aufs selbe raus? Und wenn du nicht die gesamte Ernte brauchst, kannst du so für das Pflücken der Früchte bezahlen.“

„Aber sie nehmen die verdammten Dinger und lassen sie von Duval pressen.“

„Und halten damit deinen Konkurrenten im Geschäft?“

Bernard nickte. Es schien, als traue er sich selbst nicht zu, zu sprechen.

„Aber du könntest sie doch auch selbst für sie pressen, oder?“

Bernard sagte nichts. Das Problem war offensichtlich: Er bekam diese Variante nicht einmal angeboten.

Darina fand, es wäre Zeit von den Oliven-Erträgen wegzukommen. „Kann man mit dem übrigen Wasser irgendetwas machen, nachdem es vom Öl getrennt wurde? Es zum Kochen verwenden?“

Bernard schüttelte den Kopf. „Nein, Darina, es enthält die ganze Säure der Oliven und die Entsorgung ist ein Problem. Früher war es üblich, es einfach wegzuschütten, was aber die Flüsse und das Land verunreinigte. Jetzt, unter den Gesetzen der Europäischen Union, muss es ordentlich entsorgt werden, was teuer ist. All die Gesundheits- und Hygienevorschriften der EU haben die meisten alten Mühlen aus dem Geschäft gedrängt.“ Er grinste, ein Hai, der angesichts eines leckeren Happens die Zähne zeigte. „Der alte Frère Jacques schüttet sein Wasser immer noch in den Fluss, der durch sein Grundstück fließt. Ich habe ihn dabei gesehen. Und ich werde ihm sagen, dass ich ihn melden werde, wenn er nicht mit seinen schmutzigen Tricks und hinterhältigen Praktiken aufhört. Er verschneidet zum Beispiel sein Öl mit billigem, spanischem Zeug.“

„Ich dachte, viele französische Öle werden ganz legal mit Öl aus anderen Ländern gemischt“, kommentierte Darina. William lehnte am Zerkleinerer und betrachtete ihren Gastgeber mit Interesse.

„So ist es, in der Tat. Die Provence kommt der Nachfrage nicht hinterher. Aber wenn man sein Produkt wie einen Wein aus Schlossabfüllung verkauft, ist die Zugabe von minderwertigem Öl, als würde man einen besonderen Jahrgang mit billigem algerischen Wein vermischen. Es erhöht den Profit und täuscht die Käufer.“

„Ich würde mich an deiner Stelle vorsehen, Duval scheint einen verschlagenen Charakter zu haben.“

„Das sagt Helen auch, Bill. Helen versucht mich dazu zu bringen, Freundschaft mit ihm zu schließen. Ich vergöttere diese Frau, ich würde alles für sie tun, aber die hat keine Ahnung, wie man mit Menschen umgehen muss. Sie sieht nicht ein, dass jemand wie Duval nur eines versteht, Gewalt. Ich muss ihm Gottesfurcht einbläuen, dann wird er die Dinge sehen wie ich.“

„Was genau hat Jacques Duval getan?“, fragte William neugierig.

Bernard seufzte tief. „Die erste Salve war, dass er einen Haufen Steine auf der Fahrspur abgeladen hat, sodass wir nicht rauskamen und uns niemand erreichen konnte, ohne darüber zu klettern. Wir haben Tage gebraucht, um ihn dazu zu bringen, sie wieder zu entfernen. Dann kam eine Reihe falscher Lieferungen. Entweder Dinge, die wir nicht bestellt hatten, oder falsche Stückzahlen. Als ich zu einem Lieferanten wechselte, von dem er nicht auch beliefert wurde, hörten die Probleme auf. Er hat uns bei allen regionalen Geschäftsinhabern schlechtgeredet. Nicht dass er damit weit gekommen wäre, unsere Waren sind viel zu wertvoll! Oh, ich will euch nicht mit der ganzen Liste langweilen. Er ergreift jede nur erdenkliche Gelegenheit, um uns das Leben schwerzumachen.“ Bernard hielt für einen Augenblick inne und fügte dann hinzu: „Eine Sache ist allerdings interessant, er hat nie versucht, unsere Bäume zu beschädigen.“

Darina unterbrach ihn schnell: „Das ist alles so faszinierend, Bernard. Wirst du dieses Jahr noch mehr Öl machen? Ich würde die Mühle gern in Aktion sehen.“

Seine Züge entspannten sich. „Vermutlich noch eine Ladung. Ich werde mir morgen die Bäume ansehen, aber ich habe die Pflücker schon vorläufig für in vier Tagen bestellt. Am Tag danach werde ich die Ernte verarbeiten. Ich lasse die Früchte gerne einen Tag ruhen, ich glaube, das erhöht die Ausbeute. Aber nicht länger, sonst riskiert man, dass die Fermentation einsetzt. Kommt gerne vorbei, es ist kein besonders sehenswerter Prozess, aber es wäre schön, euch noch mal hier zu haben.“

„Und danach legt ihr alles bis zur nächsten Ernte still?“ William ließ träge einen Finger über den Edelstahl-Zylinder gleiten. „Klingt nach einem angenehmen Leben.“

„Danach muss ich mich der Mammutaufgabe stellen, die Bäume zurückzuschneiden. Wenn man sie sich selbst überlässt, tragen Olivenbäume nur alle zwei Jahre. Wir müssen sie überzeugen, jedes Jahr ordentlich Frucht anzusetzen.“

„Stell sicher, dass ihr viele Äste zum Grillen aufhebt.“ Bernard lächelte Darina an. „Dann haben dir die Hummer also geschmeckt? Ich wusste es. Ist Helen nicht eine wundervolle Köchin? Ich muss fünf Kilo zugenommen haben, seit wir zusammenarbeiten. Und ich habe jedes Gramm davon genossen.“ Er tätschelte zufrieden seinen Bauch. „Seit wir uns kennengelernt haben, ist mein Leben besser und besser geworden.“

„Gilt das auch für deine Mitgliedschaft bei Lloyd’s?“

Bernards buschige Augenbrauen zogen sich mit einem kurzen Stirnrunzeln zusammen und er hob protestierend die Hand. „Lieber Junge, erwähne das Versicherungsgeschäft nicht.“

„Dann bist du also selbst Mitglied?“

„Ich habe immer noch einen Namen, lieber Junge. Immer noch einen Namen. Und immer noch solvent! Man verbringt nicht so viele Jahre dort, ohne zu lernen, auf welche Konsortien man setzen muss, weißt du?“

„In der Tat.“

Bernard sah William argwöhnisch an, wurde aber von einem zögerlichen Klopfen an der halboffenen Tür der Mühle von weiteren Kommentaren abgehalten.

„Bernard? Bist du da?“ Auf den ersten Blick glaubte Darina, dass da ein junges Mädchen hereinkam, dann bemerkte sie, dass der lange, bedruckte Rock und die antike Schnürbluse sie in die Irre geführt hatten. Die Frau, die zu ihnen stieß, musste mindestens Mitte dreißig sein. Sie hatte ein schmales Gesicht und dunkles Haar, das ihr in Locken bis in den Nacken fiel. Sie zog an einer ihrer Locken, als sie die Mühle betrat, und glättete sie in einer nervösen Geste, ihr Gesichtsausdruck war besorgt.

„Anthea? Bist du auf der Suche nach Helen? Hast du es nicht im Haus versucht?“ Weder Bernards leichtes Zurückweichen, noch seine Stimme sprachen dafür, dass sie hier willkommen war.

Anthea lief peinlich berührt rot an, die Farbe zeigte sich auf ihren Wangen und ihrem Hals. „Ich brauche etwas Öl. Ich glaubte, dich in die Mühle gehen zu sehen und habe mir nicht die Mühe gemacht, zum Haus zu gehen.“

Darina dachte daran, wie lange es gedauert hatte, bis Bernard ihnen den Prozess der Ölherstellung erklärt hatte. Hatte die Frau die ganze Zeit draußen gewartet? Warum war sie nicht hereingekommen? Oder war sie gerade erst angekommen, hatte die offene Tür gesehen und ihr Glück versucht? Und falls es so war, warum hatte sie das nicht gesagt?

Bernard ging zu dem alten Schrank am anderen Ende des Gebäudes hinüber, griff nach der Kette mit seinem Schlüsselbund, steckte einen Schlüssel in das Schloss an der Tür und öffnete sie. Er nahm eine Glasflasche heraus und übergab sie kommentarlos.

Die Farbe auf Antheas Haut wurde dunkler. Sie knotete die Bänder eines Zugbeutels auf, wühlte darin herum, fand ein ledernes Portemonnaie und nahm einen Geldschein heraus. „Ich glaube, das sollte reichen“, sagte sie mit zitternder Stimme.

Bernard streckte ihr die Flasche entgegen. „Sei nicht dumm“, sagte er grob.

Anthea klammerte sich an die Flasche und ließ den Geldschein zu Boden fallen.

William bückte sich und hob ihn auf. Er gab ihn ihr mit einem Lächeln zurück. „Sie mögen das Öl wohl ebenso sehr wie wir“, sagte er unbeschwert. „Wir haben hier gerade vorzüglich gegessen.“

Anthea schenkte ihm ein leichtes, unsicheres Lächeln.

Bernard straffte die Schultern, atmete sichtbar ein und stellte sie vor. „Anthea Pemberton, eine Nachbarin“, sagte er. „Darina und William Pigram, Freunde von Helen.“ Es war das absolute Minimum, das er hätte aufbieten können, aber es schien Anthea neuen Mut zu geben.

„Leben Sie hier oder machen Sie hier unten nur Urlaub?“, fragte sie Darina.

„Wir sind in den Flitterwochen. Aber wenn wir zurückmüssen, werden wir uns wünschen, hier ein Haus zu besitzen, es ist herrlich.“

„Anthea, brauchst du noch etwas?“, unterbrach Bernard.

Wieder die peinliche Röte. „Ich wollte … ich meine … ich habe mich gefragt … also, hast du meinen Brief bekommen?“ Sie beeilte sich, den Satz zu beenden.

Für einen Augenblick blieb Bernard still, es schien, als fragte er sich, was er sagen sollte, dann schlug er sich in einer Geste auf die Stirn, die von John Irving hätte sein können. „Natürlich, dein Brief! Verzeih mir, Anthea.“ Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie aus der Scheune. „Ich werde dich heute Abend deswegen anrufen, versprochen“, sagte er, während der bedruckte Rock über das alte Holz der Tür streifte und sie hinaus ins Sonnenlicht gingen.

Darina und William vermieden es, einander anzusehen.

Bernard kam beinahe sofort zurück. „Das arme Mädchen hat Probleme“, sagte er unbekümmert. „Ich muss ihr eine Standpauke halten. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Du hast eine erstklassige Führung gemacht und ich glaube, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“ William legte einen Arm um Darina. „Du und Helen habt weitere Gäste.“

Trübsal senkte sich wieder über Bernard. „Ihr würdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr noch etwas bleiben könntet. Stephen ist nicht der freundlichste Mensch, ich nehme an, das wisst ihr.“

„Ich habe ihn vorher noch nicht getroffen“, murmelte Darina.

„Eifersucht, das ist das Problem. Er und Sasha haben Helens ungeteilte Aufmerksamkeit genossen, seit sie sich von ihrem Vater getrennt hat, als sie noch kleine Kinder waren.“

„Aber sie hatte doch andere Beziehungen“, sagte Darina.

„Es gab den einen, den Sasha zu verführen versuchte, den anderen, dessen Auto sich Stephen ohne Erlaubnis geliehen und geschrottet hat, und ohne Zweifel sind sie weitere auf die eine oder andere Art losgeworden. Ihr macht euch keine Vorstellungen, was die beiden zustande bringen, wenn sie wirklich wollen. Ich hatte nur eine Chance, weil Helen hierhergezogen ist und die beiden mit ihren eigenen Karrieren beschäftigt sind.“

„Das ist Pech“, sagte William, drückte Darina leicht an der Schulter und manövrierte sie raus in den Hof. „Hoffen wir, dass Stephens Arbeit mit den Drehorten nicht zu lange dauert“, fügte er strahlend hinzu. „Jetzt müssen wir wirklich unsere Gastgeberin finden und ihr für dieses wundervolle Mittagessen danken. Vielleich kommt ihr in Antibes vorbei, ehe wir zurückmüssen, dann können wir die Gastfreundschaft erwidern.“

Bernards Gesichtsausdruck hellte sich wieder auf. „Sehr nett, lieber Junge, wir werden da sein. Ich mache immer gern einen Abstecher in die Nachtclubs.“

 

Darina fuhr die schmale, ausgefahrene Fahrspur hinunter, am baufälligen Eingang zu Jacques Duvals Mühle vorbei und dann auf eine anständige Straße. Viel zu schnell hatten sie die friedlichen Olivenhaine hinter sich gelassen und die moderne Zivilisation drängte sich um sie.

„Ich kann nicht glauben, wie viel Verkehr hier ist“, sagte Darina als sie die zweispurige Straße erreichten. „Ich dachte, wir würden hier davon wegkommen.“

„Heutzutage nicht.“ William versuchte sich wachzumachen. „Immer mehr Menschen sind in den letzten zwanzig Jahren nach Südfrankreich gezogen, sie jagen der Sonne nach, wie wir. Die Autobahn zu bauen, hat den Prozess nur beschleunigt und jetzt hat die Côte d’Azur ihren Charme verloren.“

„Ich finde es wundervoll. Nun gut, es gibt viele Bauprojekte“, Darina sah auf eine neue Narbe in den Hügeln, die mit kleinen Villen in Garnelenrosa gefüllt wurde, „aber das Zentrum von Antibes ist entzückend, ganz traditionell französisch.“

„Du hättest es früher sehen müssen. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinen Eltern herkam, als ich ungefähr vierzehn war. Selbst an der Küste war es richtig ländlich und wenn man ins Inland kam, fand man kleine auberges, wo die Hühner frei herumliefen.“

„Jetzt werd mir nicht rührselig! Du hättest beim Mittagessen nicht so viel trinken dürfen. Ich liebe Antibes, dort kann man die Franzosen in ihrem normalen Alltag sehen, sie kaufen in all den Läden ein, die man dort erwartet. Großartige Fischgeschäfte, Metzger, wundervolle Käse- und Feinkostgeschäfte, und was diese Markthalle angeht, da müssen wir morgen nochmal hin.“ William stieß in leichtes Stöhnen aus. „Das Mittagessen von heute wird mir für die nächsten paar Tage reichen.“ Als er ein Straßenschild sah, hellte sich seine Stimmung auf. „Mougins! Da oben gibt’s ein Restaurant, in das ich dich einladen will. Du wirst ihr Essen lieben!“

„Wie lange brauchst du, um wieder Appetit zu bekommen?“ Keine Antwort. Nach einigen Kilometern fragte Darina nachdenklich: „Glaubst du, Bernard hat recht, was seinen Nachbarn angeht, diesen Jacques Duval? Geht er wirklich so mit seinem Öl um?“

William rüttelte sich wieder wach. „Kann schon sein.“

„Aber die Franzosen sind so fanatisch, was ihr Essen und den Geschmack angeht.“

„Das hält sie nicht davon ab, die Vorschriften des Binnenmarktes zu ignorieren, wenn es ihnen passt.“

„Aber wie steht es mit dem Verdünnen seines Olivenöls mit minderwertigem Zeug?“

„Jedes Land hat seine Schurken. Er sieht wahrscheinlich nichts Falsches daran. Wenn die Leute seine Produkte kaufen wollen, ist es ihre Aufgabe, darauf zu achten.“

„Und wenn sie es kaufen, ohne zu probieren, ist es ihr Pech?“

„Exakt.“ William lehnte seinen Kopf zurück und schloss die Augen. Einen Augenblick später fügte er hinzu: „Ich wette, dass Bernard den Kürzeren zieht, wenn er mit Frère Jacques aneinandergerät.“ Dann erklang ein leises Schnarchen aus seinem halb geöffneten Mund.

Darina konzentrierte sich darauf, ohne Navigator den Weg zurück nach Antibes zu finden.

Das Apartment, das sie gemietet hatten, lag hoch oben in einem Häuserblock oberhalb der Innenstadt und bot einen Panoramablick auf das Mittelmeer. Wenn man in der einen Richtung an der Küste entlangblickte, konnte man die Ausläufer von Nizza sehen, in der anderen Richtung lag das bewaldete Cap d’Antibes mit seinen großen Villen und dem Leuchtturm, dessen breiter Lichtstrahl nachts über die ganze Gegend strich. Die alte Festung, die direkt unterhalb des Apartments neben dem Yachthafen lag, wurde rund um die Uhr angestrahlt.

Die Yachten mochten nach auffälligem Konsum riechen, aber das Hinterland, wo sie heute waren, bot kleine mittelalterliche Dörfer und echtes Landleben mit kleinen Höfen wie denen von Helen und ihren Nachbarn. Selbst wenn dort alles drunter und drüber ging, hatte Darina das Gefühl, sie würde es jederzeit einem Touristenparadies auf den Seychellen vorziehen. Und wenn das Einkaufen eine solche Freude war, machte es ihr auch nichts aus, sich ein wenig selbst zu versorgen.

Erst recht nicht, weil es so viel Spaß machte, bei William zu sein.

Sie fand die richtige Abzweigung von der Hauptstraße, steuerte den kleinen, gemieteten Renault in die Tiefgarage des Apartmentkomplexes, manövrierte ihn vorsichtig auf ihren engen Parkplatz und war froh, dass sie keinen größeren Wagen fuhr. Sie stellte den Motor ab und sah zu ihrem Ehemann. Sein Mund stand noch immer offen und gelegentlich schnarchte er ein wenig. Nicht der romantischste Anblick, aber sie hätte ihn für nichts in der Welt eintauschen wollen.

In den paar Tagen seit der Hochzeit schien William sich entspannt zu haben. Hatte er davor das Gefühl, sie könnte sich unsicher sein? Es schien, als hätte sie mit dem Eheversprechen ihre Hingabe zu ihm bestätigt, und ihm damit neues Selbstvertrauen gegeben. In diesem Augenblick, in dem kleinen Auto in der dunklen Garage, wusste Darina nicht mehr, warum sie so lange gezögert hatte oder warum die Zeit vor der Hochzeit so nervenaufreibend gewesen war. Jetzt schien alles so einfach.

Sie löste ihren Sicherheitsgurt, lehnte sich rüber und küsste ihn. Zwei Arme umschlangen sie, verschränkten sich fest hinter ihrem Rücken.

„Hmmmm“, gab sie zufrieden von sich, „willst du die Nacht hier unten verbringen, oder hochgehen?“

„Warum sollte ich mich damit abfinden, dass mir der Schaltknüppel in die unangenehmsten Stellen sticht, wenn ein gemütliches Bett nur zwei Minuten entfernt ist?“ Sein Lächeln war warm und träge.

Hand in Hand gingen sie zum Aufzug und drückten den Knopf für ihre Etage. Immer noch Hand in Hand schafften sie es, die Sicherheitsschlösser des Apartments aufzuschließen. Als sie drinnen waren, kümmerten sie sich nicht darum, wieder abzuschließen, William zog Darina fest in seine Arme.

Das Telefon klingelte. Widerwillig zog er sich zurück.

„Also, ich habe ein oder zwei Leuten die Nummer gegeben“, gestand ihr Ehemann und nahm den Hörer ab. „Hallo? Wer? … Natürlich, Geoffrey sagte, dass du anrufen würdest … Ja, wir genießen es sehr … Was, morgen? … Ja, das klingt toll, wir freuen uns darauf!“

War das so? Darina fragte sich, was er ihnen da eingebrockt hatte.


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Janet Laurence begann ihre berufliche Laufbahn in der Öffentlichkeitsarbeit, bis sie mit ihrem Mann nach Somerset zog und dort Kochkurse leitete. Nebenbei schrieb sie regelmäßig für den Daily Telegraph und verfasste eine wöchentliche Kolumne zum Thema Kochen. Heute schreibt sie sowohl Kochbücher als auch Kriminalromane und lebt mit ihrem Mann in England und in der Bretagne. Wenn sie nicht gerade an einem Buch arbeitet, spielt sie Bridge, geht ins Kino oder stattet ihrem Buchclub einen Besuch ab.