Die Leichenzeichnerin

13.07.1919

Wenige Striche können zwischen Leben und Tod entscheiden. Die Zeichnung war der Beweis dafür. Eine Linie an der Unterlippe zu viel, und aus der Leiche wurde eine Schlafende. Setzte sie eine Schraffur ungeschickt auf die Wangenknochen, verwandelte sich die freche Schamesröte in abstoßendes nekrotisches Gewebe. Nachdenklich hielt sie das Papier in den Lichtkegel der Laterne, verglich die Zeichnung mit dem Motiv und lächelte. Eine wunderschöne Träumende hatte sie eingefangen. Erfüllt von einem paradiesischen Frieden, der mit keinem ihrer vorherigen Werke zu vergleichen war. Füße und Hände des Modells deuteten eine übernatürliche Ekstase an, wie in einem göttlichen Fiebertraum, doch schon im nächsten Moment würde der aufmerksame Betrachter die schlaff hängenden Arme, die fehlende Spannung im restlichen Körper bemerken und sich wundern. War es die Stunde des Todes, die eine Schlafende heimsuchte, oder war es gar eine Verstorbene, der man fälschlicherweise Lebendigkeit andichtete?

Nur sie allein wusste, dass Linda Ehrenberg nicht mehr unter ihnen weilte. Früh am Abend hatte man den Leichnam der Bäckerstochter in diesen Keller gebracht, bei unter sechs Grad Raumtemperatur untersucht und festgestellt, dass die Revolten im März auch Wochen später noch Opfer forderten. Ein Granatsplitter war durch das Fleisch gewandert, hatte sich entzündet und das Herz angegriffen. Plötzlicher Exitus. Die Ärzte hätten es beim besten Willen nicht sehen können und über Schmerzen hatte Linda ebenso wenig geklagt, wie über ihr amputiertes Bein.

Eine starke Person.

Vielleicht sollte sie das in der Zeichnung betonen?

Sie drehte am Hahn der Laterne und zügelte die Flamme, an die sich ihre Augen mittlerweile gewöhnt hatten. Dann holte sie die grobe Kohle aus dem Etui und setzte zufällige Punkte auf das Leichentuch im Bild. War es Blut oder waren es Schatten? Der Zufall würde entscheiden. Es galt nicht, die Realität abzubilden, sondern die Realität zu überlisten. Denjenigen in die Irre zu führen, der das Blatt später in den Händen hielt. Indem sie den Zufall herrschen ließ, schälte sich Lindas Silhouette mehr und mehr aus dem zarten Stoff heraus. Sie wurde zur Maria im Gewande. Schlafend, träumend. Tot.

Nur zwei Dinge bereiteten ihr Kopfzerbrechen. Der Tau auf den Lippen war zu schön und der Reflex in den Haaren zu kräftig. Die nebulöse Andeutung von ewigem Schlummer wurde dadurch gebrochen. Energisch wischte sie mit der Kuppe ihres Ringfingers über die aufgetragene Kohle und verrieb den Staub, bis Strukturen auf Lippen und Haar zu erkennen waren, die sich überlagerten. Ein grober Fehler, wie sie schnell bemerkte. Die sanfte Konturlinie von Lindas Körper entwickelte nun hier und da schattige Täler, die viel von der mysteriösen Wirkung nahm. Von da an muteten die Haare stumpf an, das Inkarnat der Haut dreckig.

„Scheiße!“

Retten konnte sie diese Ausschnitte nicht mehr, oder doch? Genervt kaute sie auf der Unterlippe herum, bis sie einen unliebsamen Entschluss fasste. Das Bild war beendet. Sie würde es durch weitere Anpassungen nur ruinieren. Wieso musste sie die Wechsel der Zeichentechnik auch ständig auf die Schnelle erledigen? Sie hätte ahnen können, dass dies einer gewissen Überlegung bedurfte. Aber je öfter sie den Fehler wiederholte, desto besser wusste sie um die passenden Gegenmaßnahmen. Gleich in der nächsten Sekunde überzeugte sie sich vom Gegenteil. Es war noch nicht alles verloren. Sie konnte es retten. Wenn sie mit einem gezielten Strich den Tau auf den Lippen gegen das Verbrauchte, das Verlebte der Vergänglichkeit austauschte, dann reichte vielleicht ein minimaler Eingriff und Lindas Schwebezustand würde wiederkehren.

Sie gönnte sich einen Moment, diese Entscheidung zu überdenken. Die allgegenwärtige Kälte des Leichenkellers durchdrang mittlerweile ihre angespannten Finger, die bei den kleinsten Bewegungen knackten, und die Feuchtigkeit ihres Atems blieb wie ein Film unter ihrer Nase hängen.

Wieso tat sie sich das regelmäßig an? Sie würde sich wieder erkälten und dann … Sie schaute vom Blatt auf und rieb sich die Hände. Der Keller war beklemmend winzig. Die Anzahl an Alkoven für verstorbene Patienten überschaubar, was gut war. Aus der Sicht eines Eindringlings zumindest. Weniger Platz bedeutete auch, dass dieser Keller weniger frequentiert wurde.

Es ging mittlerweile auf Mitternacht zu, schätzte sie und hauchte warme Luft auf ihre Fingerspitzen. Um diese Zeit kam nur dann Personal herunter, wenn es einen Neuzugang gab. Das würde ihr hoffentlich erspart bleiben.

Nur noch zehn Minuten, mehr brauchte sie nicht.

Wer würde da schon auftauchen?

Trotzdem horchte sie nervös in die Stille. Zu wenig Zeit, um es zu Ende zu bringen, befand sie auf einmal und legte das Papier zur Seite. Es musste schneller gehen. Was genau fehlte ihr? Wo lag der Zauber verborgen? Ruhelos steckte sie den Stift zurück in das Etui und erhob sich vom Hocker. Ihre Beine waren eingeschlafen und sackten ihr unter zaghaften Schritten weg, weswegen sie sich am Tisch festklammerte und Linda aus einem anderen Winkel betrachtete.

Sie entschied, dass nun der Moment gekommen war, an dem sie ihre Prinzipien über den Haufen warf. Nicht, dass das Zeichnen einer Leiche ohnehin jenseits aller gesellschaftlichen Regeln stand. Das betete ihr die Stimme ihres Gewissens unablässig vor. Wie aber konnte sie den Gegenstand ihrer Zeichnung wahrhaftig begreifen, wenn sie sich nur auf ihre Augen verließ? Genau! Das war es doch! Wenn es nach ihr ging, war und würde das akademische Diktum des stumpfen Abzeichnens niemals die Lösung für eine junge, eine neuartige Kunst darstellen.

Überwältigt von ihrer aufkeimenden Idee hielt sie inne.

Sie würde Linda berühren. Zum Teufel mit ihrem Hadern! Sie wollte endlich verstehen, was noch geändert werden musste. Also streckte sie ihre Hand aus und führte sie vorsichtig an Lindas Gesicht.

„Sag doch, Linda, wohin soll die letzte Linie?“

Aufgeregt legte sie ihre Finger auf die leblosen Lippen und fuhr sie wie ein wertvolles Schmuckstück ab. Erst die Lippenränder, dann das blauschwarz angelaufene Fleisch. Die Haut fühlte sich spröde an, so wie sie es mit der Zeichnung hatte einfangen wollen, doch unter den Schollen aus toter Haut waren die Muskeln überdies fest und üppig. Fast so, als schürzte Linda sie zu einem Kuss.

Da verstand sie.

Linda hatte ein Wort auf den Lippen.

Es war in Wirklichkeit nicht die fehlende Linie, sondern der fehlende Titel des Bildes, der alles aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Der Schauer über diese Erkenntnis war so groß, dass sie fast überhörte, wie sich hinter ihr etwas regte. Doch im nächsten Moment war das Geräusch nicht mehr zu ignorieren. Das rostige Schloss der Tür oben am Treppenaufgang wurde aufgeschlossen.

Erschrocken zuckte ihre Hand zurück und tausend Gedanken liefen vor ihren Augen als Daumenkino ab.

Linda musste sofort zugedeckt und zurück in die Nische geschoben werden. Dann musste sie ihr Zeichenzeug schnappen, der Hocker musste aus dem Weg, die Laterne …

Jetzt waren eindeutig Schritte auf den Treppenstufen zu hören. Das alte Eichenholz gab charakteristische Töne von sich. Sie verrieten ihr, dass es zu spät für Vertuschungsversuche war.

In Windeseile tat sie das Nächstbeste und warf der Verstorbenen das Tuch über, steckte Zeichnung und Stifte unter ihren Mantel, löschte die Laterne und hastete rüber an eine Stelle des Kellers, wo noch aus Gründerzeiten ein schlecht verbauter Abwassertunnel lag. Dort drückte sie sich hinter ein aufgebogenes Gitter und verhielt sich mucksmäuschenstill. Weiter kam sie von hier aus nicht, der restliche Tunnel war zugeschüttet worden.

Kein Versteck, das einem neugierigen Blick standhalten würde. Sie rechnete also mit dem Schlimmsten.

Eine Sekunde später hörte sie das quengelnde Geräusch der zweiten Tür, ein Schalter wurde umgelegt und es wurde schlagartig hell.

Das kalte, kreischende Licht der Glühbirne brach sich an den blank geputzten Fliesen der Kellerwände. Es blendete so sehr, dass sie nicht erkennen konnte, wer dort in der Tür stand. Einen Herzschlag lang sah es so aus, als würde ein Mann in einem weißen Kittel die Hand über die Augen legen und in ihre Richtung schauen. Er musste erkannt haben, dass Linda bewegt worden war, befürchtete sie. Das Klicken von abgehackten Schritten drang zu ihr herüber. Er kam nicht näher, pendelte eher zwischen zwei nah zusammenliegenden Punkten hin und her.

Ihr Herz schwemmte schneller Blut durch ihre Venen, als die Lunge Sauerstoff aufsaugen konnte.

Dann schaltete der Mann das Licht plötzlich aus und schloss die Tür. Aber, war er hiergeblieben? War er wieder nach oben gegangen? Sie hatte seine Schritte hinauf nicht gehört. Zu laut kam ihr der eigene Atem vor, den sie mühsam zügelte.

Eine gefühlte Stunde verging, bis sie sich aus der Deckung traute und blind den Weg zur Tür ertastete. Erleichtert stellte sie fest, dass sich ihr Herz beruhigt hatte und die Furcht, der Mann könnte sich noch im Keller aufhalten, verflogen war. Über einen Schleichweg stahl sie sich hinaus und öffnete die verschlossene Hintertür mit einem improvisierten Schlüssel. Ein einfacher Haken aus Bügeldraht, dem etliche Versuche vorausgegangen waren, die richtige Form zu finden. An der frischen Luft angekommen spürte sie, dass ihre Kleider klatschnass waren vor Schweiß. Sie fror und ihre Gedanken kamen nach dem Schreck nur träge voran. Durch die Büsche im Hinterhof und vorbei an einem angrenzenden Wäschelager fand sie zurück auf die Straße.

In der nächtlichen Einsamkeit der Häuserzeilen klammerte sie sich an ihre Zeichnung. Nirgendwo fand sie eine vielversprechende Ecke oder eine Bank unter einer eingeschalteten Laterne, die ihr einen ruhigen Moment beschert hätten. Sie wollte unbedingt über den Titel nachdenken, sich ablenken von dem Schrecken, der ihr in den Gliedern saß.

Sie horchte in sich hinein, während sie in Richtung ihrer Wohnung lief.

Zu ihrem eigenen Erstaunen war die Energie der Berührung verpufft. Das Gespräch mit Linda war unterbrochen worden, und so kamen ihr auch alle Worte für einen Titel abgebrochen und unfertig vor. Sie beschloss, dass das Blatt vorläufig »Die Niederlage« heißen würde. So lange, bis sie einen besseren Titel fand.

 

14.07.1919

 

Eingeklemmt zwischen einem müde glimmenden Ofen, einem Stuhl und dem sperrigen Küchentisch starrte Minna Dahl aus dem Fenster ihres Berliner Dachzimmers rüber zum Gelände der Brauerei Bützow. Am Himmel hinter den weißen Rauchfahnen war auch heute keine Spur vom Juli zu erkennen.

„Welch eine Schande …“

Enttäuscht wischte sie mit den Fingern den Staub von den Fensterscheiben.

Sie vermisste den Sommer zum ersten Mal in ihrem Leben. Schwer zu sagen, wieso. Denn eigentlich hasste sie es, zu schwitzen, sich vor Gewittern zu fürchten und in ihrer engen Wohnung einen Platz zu suchen, an dem sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Doch mittlerweile erinnerte sie sich nur schlecht an das Gefühl von Sonne auf ihrer Haut und hätte jederzeit vierzig Grad und Angstzustände ertragen, nur um Berlin im Licht zu sehen.

Was machte sie sich vor? Sie würde so oder so nicht viel von der Stadt mitbekommen. Entweder räumte sie sich selbst in der Bude hinterher oder schob zusätzliche Schichten in der Klinik. Was der ausstehenden Miete der letzten zwei Monate sicherlich guttun würde.

Sie legte Stellenanzeigen und Bleistift, die unangerührt auf ihrem Schoß lagen, zurück in die Kommode und löschte die Glut im Ofen. Es lohnte nicht, ihn heute noch einmal anzufachen, sollte sie wieder in der Klinik essen. Doch beim Gedanken an die Verpflegung fing ihr Magen an zu rebellieren. Sicherlich gab es wieder Steckrüben, dazu Brotrand oder Kartoffelsuppe. Aufgekocht mit Brühe vom Vortag. Spartanischer war da nur noch der Bodensatz, dessen Aroma von Gericht zur Gericht gleich blieb. Zumindest konnte Minna ein wenig Geld dadurch sparen, dass sie nicht einkaufen und kochen musste. Nicht viel Geld, aber immerhin. Unter Umständen war auch eine zusätzliche Schicht frei, dann lohnte sich das Dableiben umso mehr.

Mit einem aufmunternden Lied auf den Lippen stand sie vom Stuhl auf, ging rüber ins Schlafzimmer und lupfte einen Schal aus einem Haufen Kleidung. Es war das lebendige Chaos auf sechs Quadratmetern – und sie liebte es innig. Alles hier gehörte ihr. Nicht wie bei den anderen Mädchen, die sich solche Zimmer wegen der üblen Nachrede zu mehreren teilten. Ein Refugium, ein Sanktum, eine übertrieben schöne Bruchbude eben. Das Maß an Selbstbestimmung, das in diesen vier Wänden herrschte, mochte auch der Grund sein, weswegen sie wieder zu spät dran war.

Minna holte ihre Stiefel aus der Ecke, polierte mit einem Tuch darüber, bis sie wieder glänzten. Dann zog sie ihr graues Kleid an und eine weiße Schürze darüber, in die an einer unauffälligen Stelle die Namen Hof und Sallinger eingestickt waren. Mit zwei schnellen Handgriffen richtete sie ihr Haar und schnappte sich die Umhängetasche vom Kleiderhaken. Bevor sie die Tür hinter sich schloss, lief sie noch einmal zurück in die Wohnung, kontrollierte den Ofen und flitzte schließlich ins Treppenhaus.

Dort wehte ihr eine Wolke aus Essig entgegen, dass sie die Nase kräuselte. Der Essig sollte die Ratten davon abhalten, aus ihren Löchern zu kriechen, doch die Köttel auf den Treppenstufen verrieten die Sinnlosigkeit dieses Vorhabens. Als einer der neu eingezogenen Nachbarn die Haupteingangstür für sie offenhielt, huschte Minna hindurch und murmelte im Vorbeigehen ein Dankeschön. Wahrscheinlich hätte sie sich ihm höflich vorstellen sollen, wie man das so unter Nachbarn tat. Aber die Gesichter in den Wohnungen unter ihr wechselten mit einer solchen Frequenz, dass sie es für unsinnig hielt, sich die Namen einzuprägen. So abenteuerlich sich das auch anhörte, dass dort die unterschiedlichsten Männer und Frauen zusammenkamen, so wenig hielt Minna davon, sich in Schwierigkeiten zu stürzen, die diese Leute mit sich bringen konnten. Ihre eigenen Freunde, wenn diese sie nach der Zeit im Krankenhaus denn noch wiedererkannten, waren ihr genug Aufregung. Da gab es Streit, Liebeleien, durchzechte Abende und sonstige Ausfälle, die die Nächte so mit sich brachten und von denen sie gerne Auszeiten nahm. In diesen Zeiten wusste niemand, ob er morgen noch Arbeit hatte oder Berlin ihn verschlucken würde. Sie hatte Arbeit und sie war stolz darauf, ihr Leben allein im Griff zu haben.

Sie sprang auf eine Bahn auf, die gerade von der Haltestelle Greifswalder Straße abfuhr, und fand nah beim Schaffner einen Platz. Er grüßte, sie lächelte und zeigte pflichtbewusst ihr Billett. Wahrscheinlich sah er auch, dass es abgelaufen war und Minna längst wieder ein neues hätte kaufen müssen, aber er ignorierte es wohlwollend.

Nah der Danziger Straße lenkte der seit Wochen unveränderte Anblick des Gehwegs die Fahrgäste allesamt von ihren Zeitungen ab. Obdachlose und Tagelöhner harrten auf der Länge der Straße aus, um einen Platz im Schlafsaal zu ergattern. Dutzende, wenn nicht Hunderte, standen vor dem größten Asylheim der Gegend an. So ist das nun mal, dachte Minna zynisch, wenn man einen Krieg verliert.

An der Friedensstraße wechselte sie in eine kleinere Bahn, fuhr weiter in Richtung Friedrichshain und stieg dort am Park aus. Es war gespenstisch ruhig um das Städtische Krankenhaus. Bettler kreuzten ihre Wege, flehten sich gegenseitig an. Eine Mutter saß mit ihrem kranken Kind im Wagen neben dem Zeitungsstand und hielt ein Pappschild mit unleserlicher Schrift darauf hoch. Der Standverkäufer hatte einen Wassereimer griffbereit, aber er hielt es anscheinend mit der Alten aus. Zumindest durfte Minna ihr ein paar Pfennige in den ausgefransten Hut werfen, ohne dass er murrte.

„Gott sei mit dir, Kind.“

Minna wusste nicht, was eine angemessene Erwiderung gewesen wäre, und nickte ihr stattdessen zu. Dann ging sie mit großen Schritten in Richtung der gusseisernen Tore des Städtischen, bog vor dem Klinkerbau in eine schmale Seitenstraße ein und erreichte die Klinik mit dem unübersehbar angeschlagenen Namen Hof & Sallinger.

Von den beiden Namensgebern hatte lediglich Doktor Sallinger die turbulenten Kriegsjahre überstanden. Friedrich Salomon Hof war dem europäischen Albtraum nicht gewachsen gewesen und hatte einen, für ihn einfacheren, Ausweg aus den Abgründen der menschlichen Seele gewählt. Mit einer Überdosis Schlaftabletten und einem teuer importierten Brandy.

Minna hatte gerade erst angefangen, in der Klinik zu arbeiten, als es passiert war. Hof und Sallinger hatten nach der Rückkehr der Soldaten unterschiedliche Ansichten bezüglich Aufnahmekapazitäten und Behandlungsansätzen gehabt, dennoch war die Klinik schnell dafür bekannt geworden, schwierige Fälle aufzunehmen. Wahrscheinlich, stellte Minna nicht wenig selbstironisch fest, war sie aus genau diesem Grund selbst dort gelandet. Seit sie von Dresden nach Berlin gezogen war, entwickelte sich auch ihr Leben zu einem hoffnungslosen Fall.

„Mann! Vorsicht!“

Die Tür vor ihr war urplötzlich aufgeflogen und Minna konnte der Person dahinter nicht mehr ausweichen.

„He! Hast du keine Augen im Kopf?“

„Doro?“ Minna nahm die Arme, die sie schützend vor sich geworfen hatte, samt ihrer Tasche herunter und fauchte sie wütend an: „Was fällt dir ein, die Tür so aufzutreten? Denkst du eigentlich nie an deine Mitmenschen?“

„Ach … das ist ja passend!“, säuselte Dorothea und überhörte Minnas Anschuldigung. Ein triumphales Grinsen machte sich im Gesicht ihrer Kollegin breit und Minna ahnte, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Dorothea spielte nämlich gern die Überbringerin schlechter Nachrichten und hatte seit Anbeginn einen offensichtlichen Hass auf Minna. Dass dieser aus einem früheren Leben, einem verkorksten Abend in der Kneipe Zur seligen Henne rührte, konnte Minna nur noch dank verschwommener Erinnerungen nachvollziehen.

Prompt sollte sich Dorotheas Botenrolle erneut bestätigen. „Herr Doktor Sallinger will dich sprechen, Minnchen. Klang dringend, wenn du mich fragst. Hast ja kein Telefon oder so … Sag, du hast doch nichts angestellt, oder?“

Minna stellte sich vorsichtshalber dumm. „Du weißt doch sonst immer alles. Was hat er gesagt?“

„Ich weiß von nix“, sagte sie zuckersüß, trat zur Seite und tat ganz galant wie ein Schwarm beim Tanz. „Darf ich Sie hineinbitten, Mademoiselle?“

„Schwirr ab, Täubchen.“ Minna glättete ihre Schürze und zog an Dorothea vorbei in die Klinik.

Also direkt in sein Büro, dachte sie angefressen, das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie durchquerte den grün gekachelten Flur, in dem zurzeit nur wenige Patienten oder Ärzte zu sehen waren. Allein die Schwestern, die mit Minnas Ankunft schon auf eine kleine Pause aus waren, sahen von ihren Krankenblättern auf und verfolgten neugierig ihren Weg. Wussten sie bereits, um was es in ihrem Gespräch mit Dr. Sallinger gehen würde? Doros Andeutung brachte Minnas Gedanken ordentlich durcheinander. Was genau hatte der Doktor auf dem Herzen? Ging es um die Sache mit den Schmerzmitteln, die sie vor einiger Zeit hatte mitgehen lassen, um sich auf einer Feier damit zu benebeln – nur, um es dann doch sein zu lassen? Oder hatte er herausbekommen, dass sie manchmal eine Viertelstunde zu viel auf die Stundenzettel schummelte?

Sie würde es recht bald wissen, denn die Tür seines Büros stand offen.

„Eintreten, bitte.“

„Herr Doktor?“

„Fräulein Dahl.“

Doktor Sallinger saß tief versunken über aufgeschlagenen Lehrbüchern. Vor sich ein Papier mit Notizen, auf dem er ein Wort mehrmals in unterschiedlichen Farben eingekreist hatte. Seine hohe, drahtige Figur täuschte, denn er war überaus kräftig und hatte starke, ruhige Hände. Seine Gestik und seine Wortwahl verrieten, dass er aus einem anderen Jahrhundert stammte. Man sah ihm seine sechzig Jahre jedoch keineswegs an.

„Ich wollte gerade nach Ihnen schicken lassen, aber wie ich sehe, hat Frau Brandt erneut ihr gutes Gehör bewiesen und ist mir zuvorgekommen.“

Sie nickte verlegen und trat ein. „Was kann ich für Sie tun?“

Es herrschte eine kühle Atmosphäre in seinem Büro. Seine unterbrochenen Überlegungen hingen spürbar in der Luft, verlangten weiter nach Aufmerksamkeit. Aber die galt nun Minna.

Der Doktor kratzte sich an einer auffälligen Stelle seines Kopfes, an der ein tiefer Kanal durch den Schädelknochen verlief. Eine mit dünner Narbenhaut überzogene Verletzung aus dem vorletzten Krieg. Minna wusste alles darüber aus langwierigen Operationen, in denen sie ihm assistiert hatte, und der damit verbundenen Zeit für seine Erzählungen. So ungefähr konnte man das Verhältnis zwischen ihnen beiden umreißen. Er erzählte gern und sie hörte zu, während sie die Handgriffe übernahm, die ihn seine Gelassenheit kosteten. Manchmal schickte er sie für Medikamente und Einkäufe quer durch die Stadt, was ihm ausreichend Zeit verschaffte, sich den Patienten zu widmen. Manchmal, das war überdeutlich, konnten die anderen Schwestern diese freundliche Sonderbehandlung für sie als Neuling nicht verstehen und versuchten hinter ihrem Rücken die Welt wieder ein wenig geradezurücken. War sie deswegen hier?

„Wir müssen in absoluter Vertraulichkeit sprechen, Fräulein Dahl.“ Doktor Sallinger stand auf, rückte ihr einen Stuhl heran und schloss die Vorhänge, dann schaute er auf den Flur und schloss seine Tür ab.

„Was hat das zu bedeuten?“ Minna bemerkte, dass sie bei der ganzen Geheimnistuerei ins Flüstern verfiel.

„Das würde ich Sie selbst gern fragen. Leiden Sie in letzter Zeit an starker Migräne?“

„Nein, wieso?“

Er hob mahnend den Zeigefinger. „Abwarten! Zweite Frage: Haben Sie einen Verwandten verloren oder stehen Sie eventuell unter Schockzustand durch eine gravierende Erfahrung in meiner Klinik?“

„Ebenfalls Nein.“

„Ein Letztes noch. Ich klammere mich dabei an einen dünnen Strohhalm.“ Er setzte sich auf seinen Stuhl und verschränkte die Arme. „Haben Sie in letzter Zeit unerklärliche Wachphasen durchlebt? Somnambulie, um genau zu sein?“

Minna schüttelte erneut den Kopf. Ihr gefiel nicht, in welche Richtung das Verhör verlief. Worauf zielte er mit seiner Frage nach dem Schlafwandeln ab?

„Nein, ich schlafe fest und wache auch meistens in meinem eigenen Bett auf.“

Die schnippische Bemerkung brachte Doktor Sallinger sichtlich aus dem Konzept. Seine rechte Augenbraue gefror einen Zentimeter über dem Normalzustand fest, bis er sich räusperte und sehr viel ernster wurde.

„Dann habe ich keine gute Nachricht für Sie, Fräulein Dahl. Ich schätze, Sie haben sich zwar mit den Regeln meiner Klinik zufriedenstellend vertraut gemacht, aber da es uns angesichts Ihrer Verfehlungen an psychisch bedingten Ausflüchten mangelt, sehen Sie mich mehr als indigniert.“ Er nahm ein Klemmbrett vom Schreibtisch und hielt es ihr kurz entgegen, bevor er es zurück auf den Schreibtisch legte und sich ihm erneut widmete. Sie hatte nicht einmal Zeit, über das seltsame Wort ‚indigniert‘ nachzudenken. „Sie erkennen diese Zeilen wieder, vermute ich? Das ist das Einstellungsschreiben, das ihr Vater unter Zähneknirschen signiert hat. Hier steht, Sie hätten von drei Schwestern das Gymnasium mit der besten Leistung abgeschlossen, wären für ein Jahr kriegsbedingt auf die Schwesternschule für höhere Berufung gekommen, wären dann freiwillig und mit großem Eifer ins Lazarett gewechselt, hätten dort einen kurzen Dienstanschluss in einer Badeanstalt vollzogen, und seien dann wieder in das bürgerliche Leben entlassen worden. Bis zum Kriegsende hätten sie geholfen, in Dresden Plakate und Flugblätter für Liebesgaben und Kriegsanleihen zu entwerfen. Ich habe übrigens selbst viel zu viele Anleihen aufgekauft, habe ich das mal erwähnt?“

Minna spürte einen Kloß in ihrem Hals, der mit jedem seiner Worte anschwoll. „Das ist alles richtig. Daran hat sich auch nichts geändert.“

„Nun, dann verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig die Langmut verliere, aber wie um alles in der Welt setzt sich eine so hervorragende Existenz zusammen und stellt dann einen so groben Unfug an wie vorige Nacht?“

„Das … ich wollte nicht –“

„Aha!“ Trotz des Flüstertons war sein Ausruf markerschütternd. Er hatte sie am Schlafittchen. „Wusste ich es doch, dass meine Sinne keiner Täuschung unterlagen. Machen Sie sich frei von schlechtem Gewissen, Fräulein Dahl, und erzählen mir auf der Stelle, was Sie in der Leichenhalle meiner Klinik zu suchen hatten. Verschweigen Sie mir auch nur einen Umstand, eine vorausgegangene, gleichgeartete Tat, sehe ich mich genötigt, die Ordnungshüter herzubeordern.“

„Nein, ich … Das verstehen Sie falsch!“

„Ich verstehe zunächst einmal, dass ich mich selbst strafbar mache, wenn ich eine Leichenfledderin in meinem Spital beschäftige.“

„Ich bin keine –“ Sie wollte das Wort nicht aussprechen.

Doktor Sallingers Geduld spannte sich sichtlich bis aufs Äußerste an. Er klammerte sich bereits mit beiden Händen an seinen Schreibtisch aus rotem Tropenholz. So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Minnas Haltung verkrampfte sich ebenfalls. „Ich erkläre Ihnen alles. Bitte. Es wird nicht nötig sein, mich bei der Polizei zu melden. Sie müssen niemanden rufen.“

„Auch nicht Ihre Eltern? Ich hätte nicht wenig Lust dazu, wenn Sie verstehen.“

„Ich verstehe … aber das muss nicht sein.“ Minna warf einen Blick in den Raum hinter ihr. Sie hatte doch niemandem wehgetan oder etwas Bösartiges angestellt.

„Also?“

„Es verhält sich folgendermaßen …“ Sie sog tief Luft ein und fing ohne Umschweife an, zu erzählen. Von ihren Zeichnungen und den ungewöhnlichen Motiven, von ihrem Wunsch, irgendwann Mitglied der Berliner Secession zu werden und ihre Kunst ausstellen zu dürfen. Auch ein kleines Zusammentreffen mit ihrem Idol Käthe Kollwitz ließ sie nicht aus. Hatte diese doch eine ältere Zeichnung von ihr gelobt und Minna damit in dem Wissen bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Ohne es zu ahnen, verbrachte sie eine halbe Stunde damit, ihrem Vorgesetzten alles genau zu erläutern. Doktor Sallinger unterbrach sie nicht ein einziges Mal, schob allerhöchstens eine Hand über die andere oder rieb sich das glattrasierte Kinn. Zu ihrer Beunruhigung schien er wenig überrascht von dem, was sie vorzutragen hatte.

„Das ist alles“, sagte sie, am Ende angelangt. „Mehr gibt es nicht zu sagen. Es tut mir wirklich schrecklich leid, falls –“

„Schweigen Sie, Fräulein Dahl. Bitte. Ich habe genug gehört.“ Er stand auf und streckte fordernd die Hand aus. „Überreichen Sie mir unversehens die Mappe mit Ihren Zeichnungen.“

„Das geht nicht“, platzte es aus ihr heraus. „Die brauche ich!“

„Sofort!“ Doktor Sallingers Stimme hatte den Kokon ihrer verschwörerischen Ruhe verlassen. Hörten die anderen auf dem Flur, was zwischen ihnen vorfiel? Lauschte Dorothea bereits an der Tür? „Ich will es sehen!“

Minna zog hastig ihre Tasche unter dem Stuhl hervor, öffnete den Verschluss und überließ ihm die heiß geliebte Ledermappe.

„Danke.“

„Es sind nur Skizzen“, beteuerte sie. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

Doktor Sallinger überhörte diese Bemerkung und ging jedes der Blätter nach und nach durch. Manchmal steckte er eines zurück in den Stapel, zog es dann später wieder hervor und verglich es mit einem anderen. Es war, als erstellte er für sich eine eigene Reihenfolge, nur war Minna das Kriterium seiner Auswahl gänzlich unbekannt. Irgendwann nahm er den Stapel Zeichnungen und schloss die Mappe in seinem Tresor ein.

„Was kann ich noch sagen, um mich zu entlasten?“

Der Doktor formte auf ihre Frage hin mit seinen Fingern eine Pistole und zeigte auf den Tresor. „Sie haben sich mir geöffnet. Um ehrlich zu sein, bin ich tatsächlich über alle Maßen erleichtert. Ich hatte Sie die Nacht über in meinen Überlegungen aus den dunkelsten Blickwinkeln heraus betrachtet. Und das gesagt …“, der Doktor stockte, denn ein leichtes Lächeln eroberte mit einem Mal seine Lippen, „… könnte man behaupten, dass ich sogar beeindruckt bin. So viel Talent, so viel Hingabe für die Verfassung des menschlichen Körpers. Ich hätte eine solch spezielle Begabung niemals von Ihnen erwartet.“

„Wirklich?“

Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Aber das ist nur meine eigene Freude an der Schaffenskunst und sicherlich keine weithin akzeptierte Meinung. Sie verstehen, worauf ich hinauswill? Ich werde Konsequenzen ziehen müssen.“

Minna standen die Tränen in den Augen, aber sie wollte nicht weinen. „Heißt das, Sie setzen mich auf die Straße?“

„Denkbar.“

In ihrem Inneren spürte Minna den zarten Faden reißen, der ihre Anstellung im Krankenhaus bedeutet hatte. Hätte sie doch niemals der Verführung nachgegeben, die Toten ausgerechnet an ihrem Arbeitsplatz zeichnen zu wollen. Verzweifelt sprang sie auf und lief bis an den Rand seines Schreibtisches, faltete die Hände ineinander. „Ich weiß aber nicht, wohin. Ich gehöre doch hierher.“

„Sie haben alles aufs Spiel gesetzt und verloren, Minna. Trägt der Spieler seine Schulden nicht mit Würde?“

„Nicht in diesem Fall“, gab Minna zu.

„Nein. Das können Sie nicht und das sehe ich. Ihr Fehlverhalten zwingt mich zu großer Kreativität, was Ihre weitere Anstellung in meinem Dienst betrifft.“

Minna ließ sich zurück auf ihren Platz fallen. Ihre rastlos auf den Knien abgelegten Finger verknoteten sich förmlich vor Anspannung.

„Was soll ich tun?“, fragte sie nervös. Was konnte er von ihr verlangen? Zu was war dieser Mann imstande?

„Nicht was, sondern wo. Hier können Sie nicht bleiben. Das steht außer Frage. Ihr Geheimnis trübt unsere Zusammenarbeit, sie wird schon bald auch Ihre Beziehung zu den Ärzten und Schwestern trüben. Bedenken Sie: Ich verlasse mein Büro nachts nur in dringenden Fällen. Die Schwestern wiederum, wer weiß, wie man sich schon das Maul über Sie zerreißt, Fräulein Dahl. Allein, dass ich Sie herrufen ließ und das Gespräch sich in die Länge zieht. Es ist offensichtlich, dass Sie zum Gesprächsthema würden. Das wird Ihnen nahegehen, verstehen Sie? Das liegt in der menschlichen Natur. Nur, ein so vernebelter Kopf kann mir nicht assistieren.“

„Sie wollen wirklich, dass ich weiter für Sie arbeite?“

„In Anbetracht unserer derzeitigen Konjunktur setze ich niemanden leichtfertig auf die Straße, wenn ich nicht muss. Sie werden eine Anstellung erhalten. Nur nicht hier.“

„Wo dann?“

Er wies die Frage mit einer Geste ab. „Da machen Sie sich mal keinen Kopf, wo ich doch gerade dabei bin, diesen zu retten. Ich werde Sie ultimativ auf die Probe stellen. Vertrauen Sie mir, Fräulein?“

Minna sagte nichts und nickte nur heftig. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst wie ein Kind, das den Stockschlägen um ein Haar entgangen war.

„Wohlan, ich muss meine Bibliothek nach einer dringenden Antwort durchforsten. Melden Sie sich bei der Oberschwester ab. Quittieren Sie per Formblatt Ihre Stelle. Ich erledige den Papierkram für die neue Arbeit und veranlasse die Überweisung Ihres letzten Salärs.“

„Heißt das, ich bin von nun an privat bei Ihnen angestellt?“

„So könnte man es sagen. Aber bitte, gehen Sie jetzt. Meine Zeit ist kostbar. Ich melde mich bei Ihnen.“

Minna verabschiedete sich und meldete sich wie angewiesen bei der Oberschwester ab. Diese verzog keine Miene bei der Bemerkung, dass Minna nicht mehr in der Klinik arbeiten würde. Statt einer gesunden Neugier zeichnete sich in den Gesichtern der Kolleginnen am Ende des Flurs nur Ärger ab. Ärger darüber, dass sie heute Überstunden schieben würden. Die Tür ins Freie ließ sich noch nie so schwer öffnen wie an diesem Morgen.

 

Zurück in ihrer ausgekühlten Wohnung ging Minna geradewegs ins Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Ohne den Ofen von der alten Asche zu befreien und ohne neues Feuer anzufachen. Sie weinte minutenlang die überstandene Angst hinaus, die sich wie ein Tier in ihrer Brust verbissen hatte. Die Sonne war dabei, zu versinken, als sie sich endlich beruhigte und die Stimmen von Hausbewohnern den Flur hinaufschallten. Die Morgenschichten läuteten den Feierabend ein.

Minna rieb sich das Gesicht an ihrem Laken ab und reckte den Kopf. Um sie herum lagen die verbliebenen Zeichnungen der Toten, die sie in diese missliche Lage gebracht hatten. Versteckt zwischen Buchdeckeln und Papierstapeln.

Minna rappelte sich vom Bett auf, ging zu einem Atlas auf ihrem Schreibtisch und zog die Zeichnung eines Jungen heraus, die sie dort zum Pressen hineingelegt hatte. Trotzdem musste sie gegen das störrische Papier ankämpfen, das sich an den Seiten wieder aufzurollen versuchte. Es war mittlerweile zu dunkel in der Wohnung, um alle Feinheiten zu erkennen. Eine Kerze musste her. Minna warf sich eine dünne Strickjacke vom Kleiderhaken über, holte Streichhölzer aus ihrer klapprigen Kommode und ging in die Küche. Dort entzündete sie eine fast abgebrannte Kerze auf dem Küchentisch und betrachtete das Papier im aufflackernden Licht.

Was für eine Schönheit. Ein Engel, der die Erde nicht hatte verlassen wollen. Der Junge lächelte noch, obwohl ihn die Unterwelt zu sich gerufen hatte, dachte Minna gerührt und stieß dabei ungeschickt mit einem Bein gegen das erkaltete Ofenblech. Sie griff zum Kehrblech und machte sich an die Arbeit.

Der Anblick des Jungen ging ihr nicht aus dem Kopf. Auch, als sie dem Holz im Ofen auf die Sprünge half, zu entflammen, formte sich aus den hellen Kränzen um das Feuerholz sein Gesicht. Was war das für ein Tod, der nicht vollständig die Flammen zu erlöschen vermochte? Der Menschen wie Minna die Angst nicht nahm, diesen Ort endgültig zu verlassen, um zu einem anderen zu gelangen?

Kurz war sie davor, die Zeichnung zu zerknüllen und in den Ofen zu schmeißen. So wütend war sie über ihre Sorge, sie könnte wie ihre Motive zwischen den Sphären hängen bleiben. Nur weil der Schnitter nicht auch die Erinnerungen töten wollte. Doch als Minna an sich herabsah, ruhte da zwischen ihrer Hand und ihrem Herzen das Papier wie eine Membran. Hob und senkte sich mit jedem Atemzug als Teil ihres Körpers.

Ich möchte auch so gezeichnet werden, dachte sie plötzlich und spürte keine Kraft mehr, sich länger gegen ihre Gedanken zu wehren. Wo genau wollte sie sein? In welcher Form im Nachleben existieren?

Minna geriet in einen Strom aus Unruhe, den sonst nur Freunde aufzuhalten vermochten. Aber sie war allein in ihrem Zimmer. Da war niemand, der ihr Halt geben konnte. Wäre Doktor Sallinger bei ihr gewesen, er hätte sie erst wachrütteln müssen, um ein Wort aus ihr herauszubekommen.

Was für ein Charakter! Minna presste die Lippen aufeinander. Jeder andere hätte sie hochkant hinausgeworfen.

Obwohl das im Auge des Betrachters lag, nicht?

Vielleicht ging es ihm nicht darum, Minna aufzuwecken. Womöglich wollte er sie einfach von der Stelle bewegen. Sie loswerden, weil er so eine Abartigkeit nicht duldete.

Innerlich leer fing sie bei diesem ungerechten Gedanken an zu weinen.

Was zum Henker stimmte nicht mit ihr?


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Raiko Oldenettel wurde 1986 in Ostfriesland geboren und wuchs inmitten friedlicher Natur und weiter Strecken auf. Mit dem Studium verschlug es ihn fernab der Heimat nach Trier und durch die Fächerwahl Japanologie und Kunstgeschichte noch ferner nach Tokyo, wo er für ein Jahr lebte. Seit seiner frühen Jugend begleiten ihn das Schreiben und Erfinden neuer Welten, angestachelt durch das Bücherregal seiner Eltern. Zwischen Fantasy, Krimi und Science-Fiction pendelnd entstanden so seine ersten Werke. Derzeit befindet sich sein Lebensmittelpunkt in Bielefeld, wo er mit seiner kleinen Autorenfamilie den Zauber des Schreibens und Lesens weiterträgt.